ROMANISCHE FORSCHUNGEN
ORGAN
FÜR ROMANISCHE SPRACHEN, VOLKS« UND MITTELLATEIN
HERAUSGEGEBEN
VON
KARL YOLLMÖLLER.
XXYII. BAND.
-Linr^!£j-
ERLANGEN.
Verlag von Fr. J u n j^ e.
1910. \
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ßo/. A-]
K. B. Hof- und Uuiv.-Buchdruckerel von Juiiue & Sul.n in Erlange«
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Decuitins, C, Kätoromfinische Chrestoinathie. Rand IX: Ober-
engadinisch, Unterengadiniscli. Volkslieder, Sprichwörter . . 1 — 294
Hess, Robert, Der Roman de Fauvel. Studien zur Handschrift 146
der Nationalbibliothek zu Paris 295—341
Förster, Max, Das älteste raittellateinische Gesprächbüchlein . . 342 — 348
Audrae, August, Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 349—368
Sicardi, Enrico, Dante incongruente? 369—373
Mahrenholtz, R., Replik 374—375
Hutschenreuther, Karl, Syntaktisches zu den rätoromanischen
Übersetzungen der vier Evangelien 376—600
Gros, Robert, Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung. (Mit
3 Karten) 601-624d
Höfler, Hans, Les Echecs Amoureux 625—689
Wißler, Gustav, Das schweizerische Volksfranzösisch 690—851
Etzrodt, Willy, Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne
und meme 852—931
Glaser, Kurt, Le sens pejoratif du suflixe-ard en fran^ais .... 932—983
^iliÖlAIISOI CHMSTOllAIHll.
Herausgegeben
von
Dr. C. Decurtins.
IX. Band: Oberengadinisoh, Unterengadinisoh.
Volkslieder, Sprichwörter.
Erlangen.
Verlag von Fr. Junge.
1910.
K. B. Hnf- und TTniv.-Buohdruckor«! ron Junge ft 6ohn In Erlangen.
Der Jugend des Engadins
gewidmet.
Einleitung.
Weun die Volksseele sich nirgends so scharf ausprägt wie in Sage
und Lied, Märchen und Kinderspruch, so sind wir froh überzeugt, mit
diesem Bande unseres Saramelwerlies ein wertvolles Stück des ureigenen
rätoromanischen Volkstums bieten zu können.
Wie bei jedem gesunden Volke nimmt auch an den Ufern des Inus
das Liebeslied einen ausgedehnten Raum ein, sowohl das ernste Lied
von Treue und Untreue, als der leichte Sang jugendlichen Übermutes.
Im Banne des traditionellen Bildes, in dem die Jugend ein blühender
Garten ist, begrüsst auch das ladinische Volkslied die Geliebte als weisse
Rose, als rote Nelke, als Lilie in Ehren und wird nicht müde, die treue
Liebe immer wieder zu preisen. Nicht ohne leise Schal kheit und zarte
Schicklichkeit weiss das Lied, wo es vom Liebesapfel spricht, goldene
Hoffnungen vorzuzaubern. Aber auch der schrille Ton gebrochener Treue
tönt erschütternd durch manches Lied: die Sonne verfinstert sich, der
Mond kleidet sich in Trauer, die Sterne fallen und die Wasser stehen
still ob der bösen Tat der Untreue. Und hier klagt eine Maid^ die einem
Ungeliebten die Hand reichen muss, ihr heimlich Herzeleid; sie kann
nimmer lustig sein, sonst brach' ihr das wunde Herz entzwei, noch darf
sie klagen, was sie drückt, sonst war' es für den Bräutigam ein zu grosser
Schmerz. Dort aber begegnen wir dem entschlossenen Mädchen, das trotz
allen Zwanges den hässlichen Alten zurückweist; und wir begegnen dem
Burschen, der vor die Wahl gestellt ist, der unschönen Reichen oder der
hübschen Armen die Hand zu reichen, aber das klare Wasser aus dem
Quell dem herben Wein aus dem geschliffenen Glase vorzieht.
Aus einer Zeit stammend, da man feierlichen Worten eine geheimnis-
volle Kraft beimass, also wohl ursprünglich ein Wunsch- und Zaubersang
ist jenes Lied, das vom Knechte erzählt, der mit der Sonne aiifsteht, um
die Geliebte zu gewinnen, die sich nacheinander in eine Rose, ein Körn-
Teiu, eiue Gerase, einen Engel verwandelt, aber vom Geliebten in den
gleicheu Gestalten allüberallbiu verfolgt und endlich gewonnen wird. Es
VI Einleitung.
ist jene alte Weise, die von Volk zu Volk wandert und in der Fassung
des Magali-Liedes in Mireio wohl am bekanntesten geworden ist. Mit
dem Liebeslied berührt sich das bei den Engadinern so gepflegte Lied
vom Scheiden und Meiden; es schildert uns den tiefen Schmerz, den die
Trennung vom geliebten Tale bereitet. Wohl wenige Abschiedslieder
können sich an Tiefe der Empfindung und dichterischem Ausdruck mit
dem Liede vergleichen, in dem der Jüngling beim Morgengrauen von
jedem, der ihn sieht, Abschied nimmt und aus dem Geläute heraushört,
wie die Glocken alle mit ihm klagend klingen, mit ihm, der dann ent-
schlossen seinen herben Schmerz hineinwirft in des Bergsees Tiefe. Ein
glücklicher Fund (Ms. Pont.) macht es uns möglich, den Einfluss des
italienischen Liebesliedes des 16. und 17. Jahrhunderts auf das ladinische
Volkslied zu verfolgen.
Ein Pflanzgarten des Volksliedes war die Spinnstube (tramelg): die
Spinnerinnen und die Burschen liebten es, ein Lied anzustimmen und
einmal angefangen, wurde das Füllhorn bekannter Volkslieder von der
sangesfrohen Dorfjugend mehr oder weniger ausgepflückt und wühl auch
gelegentlich bereichert. Wie sich Zeiten und Sitten, Trachten und WaÖBn
änderten, zeigten sich die Spuren der kulturellen Entwicklung auch an
den Liedern. Aber die Balladen, die besten Liebeslieder, die Spott- und
Rügelieder haben sich erhalten, seit den Tagen, wo Campell gegen sie
als schändliche Lieder eiferte. Gerade die ältesten Lieder finden sich in
allen rätoromanischen Mundarten, finden sich in fast gleichem Gewände
an den Quellen des Rheins wie im Engadin, was Gaston Paris in seiner
Besprechung der Sammhing von Flugi mit dem ihm eigenen divinatorischen
Blick richtig erkannt hat.
Es gab immer Männer und Frauen, meistens solche, die selbst neue
Worte und Weisen fanden, die eine grosse Anzahl von Gesängen aus dem
Gedächtnis vortragen konnten; auch die Blinden und Armen, die, Almosen
heischend, von Dorf zu Dorf zogen, waren häufig Träger und Verbreiter
der Lieder. Wenn das Volk öfter ein Lied, das ihm zu lang war, kürzte,
so wollten diese Sänger nicht selten die Lieder verlängern und ausschmücken,
nahmen auf ganz willkürliche Weise einzelne Strophen von einem Lied
in das andere herüber, ja verknüpften auf sinnlose Art Lied mit Lied.
Fragen wir nach dem Ursprung der Volkslieder, so finden wir nur
wenige Andeutungen. Während Ton und Haltung einiger Lieder auf
Frauengemüt und Fraueumund hinweisen, bekennt sich „ein junger
Mann, der Federn am Hute trägt'', „ein schmucker Bursche", „einer
der imstande ist, über die ganze Welt dahinzuspringen", als Verfasser eines
Liedes.
Einleitung. VII
Wenn sieb im Eugadiu die Volksliedei- so lang erhalten haben und,
wenn auch zu sehr später Stunde gesammelt, noch eine reiche und schöne
Ausbeute gewährten, so hängt das damit zusammen, dass das Engadiner-
volk bis tief in das 19. Jahrhundert hinein eine mor<alische Einheit bildete
und dass weder Geburt und Reichtum, noch Bildung einen Gegensatz
zwischen Volk und Herren, zwischen Gebildeten und Ungebildeten auf-
klaffen liess. Seit dem Ausgang des Mittelalters und der Bildung der
Bünde waren die Sonderrechte des Adels verschwunden. Und wenn der
Adel trotzdem grossen Einfluss besass und ihn durcii Jahrhunderte be-
hauptete, so waren die führenden Aristokraten immer sorglich bestrebt,
das Selbstbewusstseiu des souveränen Volkes nicht zu verletzen. Sorgten
ja die blutigen Strafgerichte dafür, dass das alte rätische Gebet: „Gott
bewahr uns vor des Volkes Zorn!" nicht leicht vergessen werden konnte!
Die Familien, die sich im Fremdlaud Vermögen erworben hatten,
kehrten später alle in die Heimat zurück und hüteten sich ängstlich, die
Bande mit den Volksgenossen zu lockern.
Die Pfarrer, die in Zürich, Genf und Basel ihre Bildung geholt —
und sie war bei einigen derselben eine nicht unbedeutende — wie die
Juristen, die in Paris und Padua studiert hatten, mussteu, wenn sie wirken
wollten, die Sprache des Volkes reden. Männer wie Martinus ex Martinis
und sein Sohn Johannes, der Staatsmann und Ki-ieger Gioerin Wiezel,
um nur diese charakteristischen Vertreter zu nennen, haben gezeigt, wie sie
in ihren Liedern den Volkston ausgezeichnet zu treffen verstanden.
Niemand ragte aus dem Volke heraus und niemand sank unter das-
selbe hinab: man spielte dasselbe Spiel, beteiligte sich am nämlichen
Tanz und die gleichen Balladen und Liebeslieder ertönten im Herrenhaus
und in der Bauernstube, Zweifellos hat der originelle^ scharf ausgeprägte
Volkscharakter mitgeholfen, das Fremde fernzuhalten und das Eigene zu
pflegen.
Heute zeigt sich die Einwirkung der Schule, der Kaserne und eines
hochentwickelten Fremdenverkehrs immer stärker und die eigene, von den
Vätern ererbte ladiuische Kultur — wir dürfen hier das Wort Kultur
wirklich gebrauchen — verschwindet laugsam, um einer neuen, internationalen
Gesittung Platz zu luachen; und so manches Lied wird mit dem letzten
Sänger und der alten Sängerin auf den stillen Friedhof getragen.
Nur jene Lieder, die dem Sinnen und Fühlen der Volksseele Aus-
druck liehen und darum im Volke ein so treues, kräftiges Echo fanden,
rechnen wir zu den Volksliedern. Darum schlössen wir von der Samm-
lung alle jene Lieder aus, die das Gepräge des Gemachten an sich tragen
und zumeist kurzlebig waren, Wir geben ja gerne zu, dass die Scheide-
VIII Einleitung.
linie hier nicht selten schwer zu ziehen ist und es mag sein, dass dieses
oder jenes Lied aufgenommen Avurde, das kein Volkslied im strengen
Sinne ist, obwohl wir bestrebt waren, nach dem oben angegebenen Ge-
sichtspunkt aufzunehmen und auszuscheiden, weshalb wir auch eine grössere
Anzahl Lieder, die in früheren Sammlungen als Volkslieder aufgenommen
wurden, fallen Hessen. Fragt der freundliche Leser nach dem Eigenen
und Charakteristischen am ladinischen Volkslied, so wollen wir eine kurze
Antwort zu geben versuchen. Der Charakter der Rätoromanen, die an der
Wasser- und Völkerscheide sich erhalten haben — ein Purpursfück des
römischen Kaisermantels neben dem germanischen Speer — hat im Volks-
liede deutsche Gemütstiefe mit dem lateinischen Sinn für Mass und Schön-
heit zu verbinden gestrebt, so dass das romanische Volkslied zwei Vorzüge
aufweist: tiefes Gefühl und harmonische, vornehme Form. Gerade bei
den Liebesliedern, wo dem Spotte sein Recht wird und heikle Situationen
zur Sprache kommen, zeigt sich ein ausgesprochener Sinn für das Schöne
und Schickliche.
Aus den historischen Liedern spricht die Eigenart des rätoro-
manischen Volkes, das Selbstbewusstsein und trotzige Kraftgefühl, das den
Männern der III Bünde eigen Avar, das auf dem ruhmreichen Schlachtfelde der
Kalvenklause, wie auf Italiens Blachfeldern gewachsen war und die blutigen
Befreiungskämpfe gegen Baldirons Scharen zu Ende führen Hess. Die
grosse, ruhmreiche Geschichte, die noch aus den Briefen des Peter Planta,
aus den selbstbewussten Worten über die Vereinigung mit der jungen
Eidgenossenschaft herausklingt, erklärt uns den starken Zug, der die
rätischen Fahnen und das rätische Lied bewegte.
Wenn Flugi meint, die puritanische Richtung der Reformation im
Engadin hätte den alten Volksliedern, die verpönt wurden, das Los der
Vergessenheit zugeteilt, so wird diese Meinung durch die Zusammen- und
Gegenüberstellung sämtlicher rätoromanischen Volkslieder nicht bestätigt.
Gerade die besten erzählenden Lieder des katholischen Oberlandes finden
sich auch im Engadin, die ältesten Liebeslieder finden sich in surselvischen
und ladinischen Versionen, so dass der Einfluss der Reformation auf das
Volkslied als ein sehr geringer zu bezeichnen ist.
Zu den ältesten Volksliedern gehören jene, die ursprünglich bei
Kidtushandlungeu gesungen wurden ; sie verherrlichen Erscheinungen und
Kräfte der Natur, die als persönliche Wesen aufgefasst und verehrt wurden.
Die Feier des beginnenden Lenzes, des wiedererwachten Vegetationsdämons
stand auch im luntal im ungeschriebenen Kalender des Volkes. Wie aus
einem Kiuderspruche ,.mantinada" aus dem Bergell erhellt, ward der Ein-
zug der wärmeren Jahreszeit und das Erwachen der Vegetation mit Spiel
Einleitung. IX
und Tanz, ursprünglich wohl mit Gesaug und Tanz gefeiert. Wir ver-
muten, jene Feier sei die eigentliche mantiuada gewesen und jene mantinada,
die später in einzelnen Gemeinden des Vorderrheiutales aufgeführt wurde
und das damit zusammenhängende Spiel vom Austreiben der Fastnacht sei
eine Übertragung der ursprünglichen Frühlingsfeier auf die Fastnacht.
So gehört jenes FrUhlingsliedcheu, das die Kinder in verschiedenen enga-
dinischen Gemeinden vor den Häusern sangen, um sich eine freundliche
Gabe zu ersingen, zu den ältesten Denkmälern der rätoromanischen Poesie.
Weit zurück in graue Zeit reicht aucli das St. Margare talied^ das
vom Ende des goldenen Zeitalters in den Alpen erzählt und das Pfarrer
Mohr noch im hochgelegenen Remüs gehört hat. Es hat das Lied die
älteste Fassung der Mai*garetalegeude zur Voraussetzung.
Zum ursprünglichen Bestand der rätoromanischen Volkslieder ge-
hören offenbar jene Lieder, welche zum Tanze gesungen wurden und nach
deren Weise getanzt wurde. Der feierliche Reigentanz wurde, wie wir
aus einzelnen surselvischen Märchen ersehen, auf grünem Felde aufgeführt.
Die Jugend versammelte sich im Engadin wie im Oberland während des
Mittelalters zia Spiel und Tanz auf offenem Felde. Campell hat uns den
Anfang eines alten Liedes, eine Aufforderung zum Tanz, überliefert:
„Strada commüna ad yra sullatzar".
Neben dem Reigenlied Nr. 84 verweisen wir auf das eigentümliche Lied
vom Fischer; es ist ein altes Erbstück der rätoromanischen Hochzeitsfeier,
das nicht Avie die ursprünglichen Hochzeitsreden der herben Sittenpolizei
der jungen Reformation weichen musste, aller Wahrscheinlichkeit nach
ein Tanzlied.
Aus den engadinischen Schauspielen, die allerdings zumeist Über-
setzungen sind, erhellt, wie das Lied in enger Beziehung zum Tanze
stand; da begegnen wir Wendungen wie: „Wir tanzen nicht nach deinem
Liede", „nach eigenem Liede tanzen". Zu den ältesten Liedern der
Rätoromanen gehören die Spottlieder. Es sind uns einige solche
aus dem Unterengadin erhalten, die, wie aus dem urwüchsigen Ton, den
derben Kraftsprüchen und altertümlichen Bildern, wie boscha grischa, er-
sichtlich ist, ins Mittelalter zurückgehen.
Von den Tier fabeln, die uns in den dichten Wald zurückführen, wo
der Mensch noch in inniger Beziehung zu den Tieren stand, hat sich nur
ein karges Bruchstück erhalten ; es ist das im Engadin wie im Oberland
gesungene Lied von der Liebe der Heuschrecke und der Ameise. Im
Engadin wie im Oberland finden sich noch Spuren des liiedes von der
Tierhochzeit. ,
X Einleitung.
Zum ältesten Bestandteil unseres Liederschatzes kann auch das Streit-
lied zwischen Wein und Wasser gezählt werden, das uns Campell auf-
bewahrt hat und das sicher ein paar Jahrhunderte älter ist, als Campells
Aufzeichnung, der oflPenbar alles weggelassen hat, was an den alten
Glauben erinnerte.
An verschiedenen Stellen haben wir uraltes Erbgut unserer Volks-
poesie, von einer allzu klugen und kalten Zeit in die Rumpelkammer des
Kinderliedes verwiesen, an den alten Ehrenplatz gestellt, den es früher
im religiösen und sozialen Leben einnahm.
Ähnlich dem Märchen geht der StoflF der Balladen von Land zu
Land, von Volk zu Volk; in der Behandlung des nämlichen Erzählungs-
stoffes bei den verschiedenen Völkern spiegelt sich die nationale Eigenart
wieder, die den Liedern den eigentlichen Charakter verleiht. Echt rätisch
ist jenes Lied, das uns von den treuen Lieben erzählt, die nicht von-
einander lassen und die, wenn sie im Leben getrennt waren, im Tode ver-
eint werden. In der verstümmelten Gestalt, wie das Lied „o mama chara"
uns im Ladinischen und Surselvischen überliefert wird, ist dasselbe ziem-
lieh unverständlich. Offenbar bedeutet der Trunk, der sonst ganz un-
motiviert wäre, einen Verlobungstrunk oder einen Trunk zum Zeichen
geschlossener Ehe. Noch das statutum synodale Andegavense erwähnt
die falsche Meinung, die Ehe werde abgeschlossen, indem die Brautleute
gemeinsam aus einem Glase Wein trinken ; imd Polydorus Virgilius er-
zählt: „Sponsa apud Anglos postquam beuedixerit sacerdos in templo,
incipit bibere, sponso et reliquis adstantibus idem mox facientibus". Wir
denken uns, das Lied erzählte ursprünglich, wie der Geliebte in dem
Augenblick ankommt, da die Braut einem anderen angetraut wird ; ob des
traurigen Wiedersehens sterben beide gebrochenen Herzens und werden
nebeneinander begraben und aus ihrem Grabe wachsen Blumen, die sich
umschlingen, „weil die beiden einander so lieb gehabt". Die oberländische
Form steht dem Original näher als die ladinische : dort haben sich noch
die rote Rose und die weisse Lilie erhalten, während sie, wohl um des
Reimes willen, in der ladinischen Form durch die Kamillenblüte und die
Muskatnuss ersetzt werden,
Ladinisch hat sich auch eine alte Form des Liedes: „0 bab, bab"
erhalten; hier ist es noch das^Schlossfräulcin, von dem berichtet wird, wie
es von Knechten und Mägden Abschied nimmt, ehe sie gezwungen
heiratet und dem ungeliebten Manne die Hand reicht. Die Vermutung,
die wir in unserer Vorrede zu den oberländischen Volksliedern aus-
gesprochen haben, das Lied gehe in das Mittelalter zurück, scheint somit
begründet zu sein; wir haben hier eine Gestalt des Liedes vor uns, wo
Einleitung. XI
das Volk uocli offenbar an das Scblossfräulein denkt; die folgende Variaute
weiss nichts mehr von Schloss und Fräulein; das Lied meldet von der
Dorfnmid, die von den Gespielinnen Abschied nimmt, nicht von Knechten
und Mägden. In diesem Liede hat der Balladenstoff eine ganz rätischc
Gestalt angenommen und die rätoromanische Version darf sich dem
e-leichen Liede bei anderen Völkern au die Seite stellen. Dramatisch be-
wegt führt uns das Lied mitten in die Handlung: wie lebendig und er-
greifend ist das Widerstreben der Braut geschildert! Eine ahnungsvolle,
trübe Stimmung ruht über dem Liede der Treue, welche Tod und Grab
überdauert. Auch bei den Rätoromanen können die Seelen der Liebenden,
die in die Blumen übergegangen sind, welche das Grab schmücken, nicht
voneinander lassen. Die symbolischen Pflanzen, in welche die Seelen
der Liebenden übergehen, wechseln bei den verschiedenen Völkern. In
den portugisischen Romanzen finden sich bald die Cypresse und der Orangen-
baum, bald ein düsterer Fichtenwald über dem Grabe des Ritters, über
dem der Jvmgfrau ein trauriges Rohrfeld: bei den Serben sind es Rosen
und Kiefer, bei den Rumänen zwei Tannen, im griechischen Volksliede
eine Cypresse und ein Schilfrohr, bei den Ungarn Rosmarin und Lilie, bei
den Schotten Rose und Birke, bei den Wenden zwei Reben, bei den
Bulgaren Pappel und Tanne.
Zu den ältesten Balladen gehört jene, die von den drei Kameraden
erzählt, die zur Jakobsbrücke gingen, offenbar zur Brücke an der grossen
Pilgerstrasse, die nach St. Jacob in Gallizien führte. Sie kehrten in eine
Wirtschaft ein; der Jüngste verliebte sich in des Wirtes Tochter, die ihm
ihre Liebe schenkte und sich mit ihm verlobte : der Glückliche rühmte sich
bei den Genossen seines Erfolges: aber der Wirt vernahm es und fuhr ihn
hart an: „0 du Schelm, was gab sie dir zum Pfand?-' — „Einen goldenen
Gurt und zwei schöne goldene Ringe," war die Antwort. Aus Rache ver-
klagte der Wirt den Jüngling, er habe die Tochter behext. Das Lied
denkt wohl an Liebeszauber. Der Landammann iind die Geschworenen
richteten ihn als einen Hexenmeister. Ehe der Todesstreich fiel, forderte
der Jüngling die Henne auf, ihn zu rächen und diese nahm so Rache,
dass das Blut auf die Strasse floss. Der als Pfand gegebene goldene Gurt
lässt auf ein hohes Alter des Liedes schliessen; nicht an den wilden
W^aldvogel, sondern au die häusliche Henne richtet sich die Bitte des
Sterbenden, dafür besorgt zu sein, dass die Seinen ihn rächen und diese
erfüllen die Pflicht der Sippe in blutiger Weise.
Unter den Liedern, die von dem heimkehrenden Gatten erzählen,
finden wir ein eigenes und fremdes; eine Übertragung aus dem Italie-
nischen ist das Lied: „Ghante, chante Lisetta." Das Original, das Professor
XII Einleitung.
Alessandro d'Ancona in Ripafratta gefunden und Nigra mitgeteilt, gibt
dieser in seineu: Canti popolari del Piemonte^).
Wie bei den Märchen, so ist es auch bei den Balladen sehr schwer,
Eigenes vom Übersetzten auszuscheiden. So war es uns bei einem von
Flugi gegebenen Volksliede: ,.Ad eir üua giuvna sün ün marchio" immer
aufgefallen, dass die verlassene Tochter bekennt, sie sei vom treulosen
Geliebten verlassen worden, weil ihr Vater ein Hirte, ein Gemeindediener
gewesen sei. Der Hirtenstand wurde bei den Rätoromanen nie als ein
niedriger Stand angesehen, sondern war dem Bauernstand vollkommen eben-
bürtig. In der Version, die Vital gibt, wird der Hirt dem Edelmanne,
der eine goldene Kette trägt, gegenübergestellt; dieser Gegensatz zwischen
Hirt und Edelmann ist für das Engadiu noch unwahrscheinlicher. Der
ganz nationale Schluir^s, nämlich die Berufung auf die schöne Ebene von
„las Agnias", die alte Richtstätte des Engadins, hatten aber unseren Verdacht
als einen unbegründeten erscheinen lassen. Zum Glück aber hat sich
bei Vital der ursprüngliche Schluss erhalten: „Dieses Lied, das ihr gehört
habt, ist gerade hier ohne Schwierigkeit übersetzt worden. Und der es
zuerst gesungen hat, der war ein Mann, der schon verheiratet war. Ich
nenne ihn nicht, aber ich halte ihn für einen Ehrenmann." Nach Ton
und Haltung glauben wir, die Übersetzung in das 17. Jahrhundert ver-
legen zu müssen. Aus dem Deutschen übersetzt, erklärt sich die Gegen-
überstellung des Hirten und Edelmannes.
Der Einfluss des französischen Liedes auf unser romanisches ist un-
bestreitbar; weiss doch sogar das surselvische Kinderlied vom Burschen zu
erzählen, der nach Frankreich ging, um für den König die Lanze zu
führen. Und Campell bezeugt durch ein aufbewahrtes Bruchstück eines
Volksliedes, wie schon im 16. Jahrhundert der Engadiner ein französischer
Söldner wurde, der vom König als vom ,. guten Vater" die ausgeteilten
Sonnenkronen in Empfang nimmt. So ist das Lied von den drei jungen
Tambouren mit dem Refrain: „Ran, ran, rataplan'' auf das Original zurück-
zuführen, das uns Graf de Puymaigre in seiner Sammlung von Volks-
liedern aus Lothringen aufbewahrt hat und das sich in verschiedenen
Varianten in ganz Frankreich^), bei den Piemontesen^) und Katalanen*)
*) In den Anmerkungen zu den Volksliedern, die in Band X erscheinen,
geben wir zu einer Anzahl die fremdländischen Originale.
*) Komancero de Champagne, par M. Tarb^ t. IL, p. 127. Romania, XIII.,
434. (inillon, Chans, pop. de l'Ain, 91. Gönard de Nerval, Les filles du feu,
La Boheme galante. Annuaire des trad. pop, II, 46. M6moires de la Soci6t6
d'emulation de Cambrai, t. XXVIIL p. 276. E. Rolland, Rec. L, 266. IL, 149.
') Costantino Nif^ra, Canti popolari del Piemonte, p. 382 — 385.
*) F. P. Briz, Consons de la terra, III, 111. Miiä, Romancerillo, 175.
Einleitung. XIII
verfolgen lässt; man könnte aus demselben den fehlenden Schluss des
romanischen Liedes rekonstruieren, wo der Trommler die Königstochter
verschmäht.
Bei einigen gerade von den älteren Liedern fehlt der Schluss; so in
einer älteren Fassung des Malbruchliedes. Bemerkenswert an dem Liede
ist, dass hier der schöne Fürst und König von Holland die Stelle Malbruchs
einnimmt. Das Lied von dem König, dessen Tod vom schwarzgekleideten
Diener der Fürstin gemeldet wird, repräsentiert die älteste Form des
Malbruchliedes.
Der Schluss fehlt auch beim Liede vom Fähudrich, wo der Baron
und seine Tochter in Ghur, der Stadt, an die Stelle der Königstochter
und des Königs von Frankreich getreten sind. Dass die jetzige Fassung
aus vorreformatorischer Zeit stammt, glauben wir aus der Erwähnung
des „Kilbitanzes" schliessen zu dürfen, zu dem auch die Knabenschaft
von Frankreich erscheint.
Bei einem Volke, das seit Jahrhunderten über sein Schicksal ent-
schieden hat und bei dem der Krieg ein Volkskrieg im eigentlichen Sinne
des Wortes war, mussteu die geschichtlichen Vorgänge tiefe Spuren im Volks-
liede zurücklassen. Campell hat uns, wenn auch leider nicht die vollständigen
Lieder, so doch einzelne Brxxchstücke aufbewahrt, aus welchen wir Schlüsse
auf den Charakter dieser Lieder ziehen können.
Es sind epische Gesänge, bei denen, wie bei jeder echt volkstüm-
lichen-'Epik, Rede und Gegenrede der Helden einen breiten Raum ein-
nehmen.
Ähnlich wie bei den Serben und Montenegrern, waren auch bei uns
die von einem, „der dabei gewesen", gesungenen Schlachtlieder wirkliche
Volkslieder. Das letzte Lied dieser Art ist das S. 185 — 190 abgedruckte Lied
vom Kampfe mit den Österreichern aus dem Jahre 1623; hieher gehört
auch das Lied vom Müsserkriege, von Johann Travers niedergeschrieben,
das so das älteste Denkmal unserer Literatur wurde. Wäre das nicht der
Fall gewesen, so würde niemand im Verfasser den gewaltigen Staatsmann
und gelehrten Humanisten, den Freund des Simon Lemnius vermuten, so
echt volkstümlich ist diese Antwort auf ein Schandlied, das im Bergell
gesungen wurde.
In den wildbewegten Tagen, wo die Grossmächte um die rätischen
Pässe stritten und die Religionskämpfe in den rätischen Tälern wüteten,
wurde die öffentliche Meinung im Liede bearbeitet, der Gegner angegriffen,
mit Hohn und Spott überschüttet und das Lob der eigenen Partei ge-
sungen. Wenn das surselvische Lied auf Jörg Jeuatsch offenbar die Rache
des rätischen Diktators fürchtet und dem Herrschgewaltigen nur in vagen
XIV Einleitung.
Andeutungen Opposition zu machen wagt, so greift das ladinisclie Rügelied
den Toten mit leidenschaftlichem Hasse au.
Hierher gehört auch das schon im Band VI dieses Werkes veröffent-
lichte Lied über die Belagerung von Montalbau: der Umstand, dass dieses
Lied in Handschriften immer wiederkehrt, ist ein Beweis, wie man in den
rätischen Tälern regen, ja leidenschaftlichen Anteil nahm an den Kämpfen
der Keligionsgenossen ausserhalb des Landes und selbst Bluts- und Stamraes-
verwandtschaft darüber vergass.
Das Lied ,,von der Bündner Freiheit", das uns in zahlreichen Vari-
anten überliefert wurde, zeigt, wie bei dem auf seine Vergangenheit so
stolzen Bündnervolke die Geschichte dazu dienen mi;sste, in den alten
die neuen ,, Tyrannen" zu bekämpfen und das Volk gegen Osterreicli-
Spanieu aufzureizen, während das Lied von Wilhelm dem Teilen dartut^
wie jenes Band, das sich auf dem Schlachtfelde der Kalvenklause in den
ersten blutigen Fäden um die drei Bünde und die alte Eidgenossenschaft
geschlungen hatte, im 17. Jahrhundert einen neuen Einschlag erhielt.
Der Untergang des Marktfleckens Plurs, der wie ein erschütternder
Zwischenakt der blutigsten rätischen Parteikämpfe zu den Greueltaten der
Menschen noch die Schrecknisse der Natur gesellte, hat in zwei Liedern
(vgl, Bd. VI p. 164 — 171) bewegten Widerhall gefunden.
Wenn sich in solchen historischen Volksliedern nicht bloss die be-
wegte Zeit, sondern auch jener kühne und gewaltige Geist des freien
Bauernvolkes widerspiegelt, so wurde mit dem Niedergang des rätischen
Freistaates in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts das historisch-
politische Lied unbedeutender; man begnügte sich, diesen und jenen tapferen
Offizier zu besingen, der unter fremder Fahne bündnerische Soldaten an-
führte, wie jenen Herkules de Capaul, der bei Menin fiel. Allmählich
musste das Kampflied dem Klagelied über schlechte Zeiten und böse
Menschen Platz machen.
Zahlreich sind die Spott- und Rügelieder, wie denn auch
die Schriftsteller aus dem 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, die
über Graubünden schrieben, es nicht unterliesseu, auf die Neigung der
Rätoromanen zur Satyre hinzuweisen. Da aber diese Lieder allzu sehr
das Gepräge des Persönlichen und Lokalen an sich tragen, mag es an nur
wenigen Proben genügen.
Wir glaubten auch ein Lied da bacharia geben zu müssen, das von
möglichst vielen Nachbarn während des Fleischhackens und Fleischwiegens
am breiten Stock gesungen wurde. Das alte Lied: „L'otra saira a
bacharia", nach dessen Melodie so viele Volkslieder gingen, konnte leider
bis jetzt nicht aufgefunden werden.
Einleitung. XV
Lieder, die wir wie einen düsteren Vögelzug- von Weissrusslaud bis
nach Korsika hinunter verfolgen können, finden sich naturgemäss auch im
ernsten, einst so einsamen Hochtal und zählen zu den ältesten; es sind die
Klagelieder um die Toten. Nicht selten bricht der Schmerz in ur-
wüchsiger Wildheit hervor, aber die Glaubensfestigkeit mildert das herbe Leid.
Den bewährten Führern Grundtwig und Child folgend, haben wir
alle uns zugänglichen Varianten eines Liedes vollständig wiedergegeben;
denn nur so wird es möglich, das vollständige Material zur Kenntnis eines
Liederstoffes und der verschiedenen Bearbeitungen desselben zu geben.
Von den Sprichwörtern haben wir nur jene gegeben, die nach
Inhalt oder Form Engadiner Eigengut sind, mit Ausschluss des Über-
setzten und Entlehnten. Besondere Aufmerksamkeit haben wir dabei den
Rechtssprichwörtern geschenkt, die in reicher Fülle vorhanden sind. Das
letztere wird uns nicht überraschen, wenn wir uns daran erinnern, dass
der Freiheitskampf der Rätoromanen sich eigentlich zum Kampf um „das
eigene Gericht" zuspitzte.
Dankbar gedenken wir hier unserer Vorgänger, deren Sammlungen
wir so reichlich benutzt haben. Es sind Alfons von Flugi^ der hochbe-
gabte Dichter, dem es vorbehalten war, mit dem feinsten Sinn und sichersten
Takte das Schönste aus dem Garten der romanischen Volkslieder zu einem
einzigen Strausse zu binden; der kunstsinnige Dichter Peider Lansel,
der die Sammlung Flugis mit sorglicher Hand und begeisteter Liebe
fortgesetzt; Andreas Vital, der mit unermüdlichem SammeMeisse und glück-
lichstem Erfolge eiue unvermutet reiche Garbe vor dem drohenden Unter-
gange gerettet hat. Hier sei auch Florian Grand genannt, dem wir eine
zusammenfassende und die Eigenart des romanischen Volksliedes glücklich
charakterisierende Studie zu verdanken haben.
Vorliegenden Band widmen wir der Jugend des Engadins und wir
hoffen, dass das alte Volkslied hier wie bei so manchem kleineu Volke
der Jungbrunnen neuen Lebens werden möge.
Ms. Pont.
Papierhandschrift in fol. ", Format der alten Rechnungsbücher, zählt
18 Blätter, in einem neuen Einbände.
Auf fol. 15'' findet sich die Jahreszahl 1728 a 26 Agt Pontresina,
auf fol. IS'' die Notiz: 30 Ägofto Phontraßna Chamfuns mundemas fchritas
traf me wo el Cherchia Chi Gha Le Chi als paramt da vo d'' chata.
Enthält Volkslieder und am Schlüsse zwei italienische Lieder: Can-
xoneta sopra ü dragon und La resposta del Dragon.
In der Kantonsbibliothek.
Daraus abgedruckt: 2a, 9, 10, IIa, 12a, 16a, 19a und 20.
XVI Einleitung.
Ms. Cad.
Ein einzelnes Blatt aus einer Liederhandschrift.
Enthält nur das Lied Nr. 57 und den Anfang des Liedes Nr. 9.
Im Besitze des Herausgebers, geschenkt vom Dichter Fadri Caderas.
Ms. And.
Papierhandschrift in fol. *•, Format der alten Rechnuugsbücher, zählt
IG Blätter.
Auf fol. 1* findet sich die Notiz: Ano 1678 adi 10 Jennary als
quaista iinta fatta aint et ais bain gratiada chia Deis am detta agüd chia
pofsel imprendar bain ä fcriver cun quella, auf 12'^ die Jahreszahl 1678.
Enthält romanische Volks- und Kirchenlieder.
Im Besitze des Herausgebers.
Daraus abgedruckt Nr. 60.
Ms. Ss.
Papiei-handschrift in S^, 26 Blätter in einem modernen blauen Earton-
band. Enthält sur- und subselvische Volks- und Kirchenlieder.
Fol. 15'' — 16*^: Üna Canzun dilg Prophet Da las ligias Sa conta en
ilg Miedi: Carstiaun chei taulzas. Eni üg on 1803 ils 26 januarij.
In der Kantonsbibliothek.
Daraus abgedruckt: Nr. 130.
Ms. Mio.
Papierhandschrift des XVIII., S**, Jahrb., in farbigem Umschlag, alles
von der gleichen gewandten Hand geschrieben.
In der Kantonsbibliothek.
Daraus abgedruckt Nr. 143 und 144.
Ms. Lum.
Papierhandschrift in 8*^, gebunden, 45 Blätter^ von der gleichen Hand.
Fol. la— 25b enthalten die Lieder Nr. 167, 168, 169 und 170,
fol. 26* — 28b: Plaunt dün Pchieder, 29«— 30^: Üna otra bella Canxum,
fol. 31* — 451» leer.
In der Kantonsbibliothek.
VOLKSLIEDER.
(Romanische Stuflien I, Flugi, p. 327/8.)
Less ir a plaz, less ir a plnz,
Scha las mattaiis am lessan:
Las tramagliar, las dumaudar,
Scli'ellas a mai pi2;lessau.
5 Subit cireii suu sül plaz riva,
Schi u'hai partuot guardä;
La mia marusa d'üua vart
N'hai eu subit clomä.
N'ha gnü discuors, rasclnm cou ella
10 Da grau melaucouia:
Cha be per quai, cha be per quai
Meis cour qitel legua via.
Scheu cougiistess e sch'eu avess
Üua spusa zuoud richa,
15 Ed impero ch'ella uu vess
Ne senu e neir giüdizi —
Seun e giüdizi pola vair,
II Seguer benedescba,
Ma la superbia sbassa bod
20 Chi d'ella muar as lascha,
'Na bella J.uouua völg avair,
D'inu.uder ch'ella vegna:
Air ustaria la völg mautgnair
E far que ch'ella vöglia.
Romanistbe Forsolumjien XXVII.
Volkslieder.
25 Sck'eu speud iiu baz schi not eu duos
Per far ma duouua bella,
Per cli'ella possa hain maugiar
11 rost our d'la padella.
Quel vin rösin e quel pan fin
30 Dess mia duonua mangiar,
E quel vin ascli e quel pan noscb
Lascbaiu par dar als giasts.
2.
a.
XJna otra per lafs juvnas in la nota, quela ehi ais da mai'ider.
(Nach Ms. Pont.)
[f. 11*] Matauns da marider,
Lasains Un po chiauter,
Da cour ans algraiu
Ls mats fchia baiu ni;fs vainf.
5 E nun stovan bricbia efser,
üngiün as lafcba incbarel'er.
fuletaf fchia ftains aquiio,
Schia nun vüglian gnir, li ehi lal'an.
Ei pasan quels, vus bels,
10 Cbia nu ls ftovan vair bo elss,
C[hia] ftaun I'ul miuebioner,
Craian da ns fnarauter.
[f. 11'^]
Ma vul's el'ses bains buus^
0 vuf, noaf bels marus,
15 zuond bain nus as consanzans,
cbia vu efches be fcho infauuts.
Wais leta d' gnir u Iter,
cun nus da tramaglier,
Ma nun vulai(n)s brich chrar,
20 nus ftovains be I'avar.
Wais leta da ns dumauder
et Iura ftuvains fpater
bain ün lung temps aqu(i)o,
Schia nuss volains piglor u na.
Volkslieder.
25 La leta ais Iura nofsa,
La I'peta ais Iura vollsja
uugUua vais vauto
Cur nulas in quaist fat.
Schia baiu chia uus tuots buii[a]s
30 amand voasas perfumas,
qualchiosa iis fidains,
Ma tuot brich nu:< nuu caraiaii.
Vufs as tgnias eir ficli bels,
et cert vus efcbes quels,
35 Mo fcho nu(s)|ii] efcbe[u]s fiiias,
Eschaus al maiii obarinas.
Vufs el'ses plaius d l'usdet,
ingiau et [in]fideltet
iu vufs ais tuot mautuus.
40 0 bels, raa tos matuns.
Iu buchia ävais il meil,
ino iu il cour il feil,
voafs plets ium lams fco lat,
Mo forau aiut il cour.
[f. 12''] 45 Li Ulis (iuciritet,
iu uu(n)s ais fidiltet,
in uus ais üu cour prus,
v(e)[u]fs efchef malitius.
Iu nus üu cour riel,
50 tuot baiu et üngün mel,
mel ftabiles scho ils utschels,
Mo faimpel schco ils agnels.
Pertauut, cuupaguias chieras,
Lasain eis üu po fer,
55 ftaiu pur fura da uus,
Cu ns veguiau bod tar uus.
Chieraf conpagnias mias,
vivair in alegria,
da nus alegre in il Segner,
60 ungün chi ns posa artguir.
Volkslieder.
II Siguer ans parchiüi'a,
US deta bain vintüra,
quels chia dien ns vol der,
ingiün non ils po pigler.
b.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 328/9.
Mattans da maridar,
Lascba'ns Uu pa chantar,
Da cour ans allegrain,
Mattauns scha eir uon vain.
5 Que non sto bricba esser,
Üngün nu's lascha increscher,
Snlettas stain bain quia;
Nu vöglan gnir, schi laschan.
S'impaissan bain quels bels
10 No stobgiau vair ad eis,
E stan sül minchunar
Crajond da'ns snarrantar.
Ma vus eschat bain buns,
0 vus, nos bels mattuns:
15 Zuond bain no s'couoschain,
'Sehe chöntsch no uns crajain.
Vais letta da gnir o star
Cuu uus a tramagliar,
Ma uu leivat brich crair
20 Nus as stobgiau avair.
Vais letta da'ns dumandai*,
Lura stais spattar
Bain ün hing temp aqua
Scha's volain tour o na.
25 La letta ais lura nossa
II spet ais lura voss,
Üngün ha l'avantach
Far nozzas in quaist fat.
Volkslieder.
Vuo staivat zuoucl ficL bei
30 E tschert vus escbat quel,
Ma scha uiiu essaus tiuas
Eschan almain charinas.
Malizia e fosdä
lugiau, iufedeltä
35 In vus als tuot, matuus,
0 bels, raa fos matuus.
lu buocha vais il meil,
Ma iu il cour il feil:
Voss pleds suu lams sco lat;
40 Ma fraid ais in il fat.
In uus ais fideltä,
Iu nus sinceritä,
Iu nus ais cour real,
Tuot baiu ed üngüu mal.
45 Iu nus ais üu cour prus,
Vus eschat malizius,
Malstabels sco utschels,
Nus saimplas sco aguels.
Pertaut, cumpognas cliaras,
50 Lascbain eis ün pa stai-,
Staiu par nus be üu pa
Schi veguan eis davo.
Cliaras cumpognas mias,
Uraiü iu allegria,
55 üa's allegrar nel Segner
Üngün nun dess s'astegner.
II Segner ans parcbüra,
E'us detta bain vintüra,
Quels scha Diou ans vol dar
60 Üngüu uun's po pigliar.
Vintüra e tuot bainstar,
AnsT'osta^da contrari;
Tia grazchia, Diou, da'ns quia
Tia gloria iu tschel luvia.
Volkslieder.
3.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 329.)
Vussas inattas s'almautais
Da uus oters giuveus,
Cba nus tiraus our d'pajais
Ed a vus bandunaus.
5 Vussas nu savais parche
Clia nus tiraiu via:
Quai fains par quel grond bastuu
Dalla chüzaria.
Giaiu daveut e staiu daveut
10 Trais o quatter ons,
Ed allura gniu a cba
Cuu quels quatter fraucs.
La mita eir per viadi
Sgür cba uus spendain,
15 Ed l'otra mita
In divertimaints.
Cur cbi'd es in eben dell' au
Eschens darcbeu gliscbs,
0 cbe povra natiuu
20 Escbftu uo auters Griscbs.
4.
(Rouianische Studien I, P^lugi, p. 329—330.)
0 giuveu, tu bei giuveu,
Voust tu at maridar,
Ma schi pur at marida,
Sün mai nun at biscbar.
5 Hast cumanzH ad ir
Pro otras a tramalg;
Mo sclii va tu pro otras
Cba cu pii uuu at völg.
Volkslieder.
Scha tu at impissessast
10 Suis pläcls cha vaius tscliautschri
Schi sgüramaing cridessast,
E gnissest irrUvlä.
5.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 315/6.)
,,Bainvgnia, tu raia cour eher;
Vainst tar me a tramelg?
Üu' otra hest tu pü eher. (Aiososo)
Aint in mia cour sincer
5 Eu at purteiv' amur
Be scu 'ua fras<;ha flur.
Ma tu, tia bain siueer,
Cha tii'ra faivast iucler
luua ho quel trat vi?
10 0 eu cuguuosch fich baiu,
Ch'al es daffat daveut,
Ch'al es par saimper speut.
Cu s'ho tia cor feria
Usche fisch indüria?
15 Eu't rov do'm ad iucler." —
„Tu am fest Im grand tiiert
Cun pleds usche fich dürs;
Que iiou riva da me.
Eu he bgers cunter me
20 Provaud da svier que,
Ma eu sum tuot cun te.
Am chüran tuots mias pass
Ch'eu veng: che me dess fer?
Che dessa m'impisser?
25 Ir davent am fo mel:
Be ch'eu uou veza tel!
Mia cour sto bod alguer." —
O cor mia fich eher !
Sto que pi'opi dvauter,
30 Cha tu stost trcr daveutl:'
Volkslieder.
Schi vöglia giavüsclicr
Tuot que cba tia cour eher
Be as po impisser.
Ab pur pudess river
35 Quell' ura aunz cxi't partir
Da quia, da'm sutarer.
Que füss il pü bei spus,
E viedi allegrus;
Pudess pur quel spuser!
40 Allur füss que glivro.
E tuot füss tascbanto
luvers dals prossems tias.
Cun eraunzs bgers, mia amur,
Sün mia vascbe allur
45 Gnissast tu am purter.
Lur simpissess tia cour
Cba in que vascbe uouf
Füss üna frasi^ba flur. '' —
,,0 tu, o mia cour eher!.
50 Eir mia giavüscb füss tel
Cba vessan in ün di dan's sutarer."
.jüossa stuvains glivrer
Nos plaundscher trauuter per
E stuaius ans partir.
55 Dieu t'cbüra, vest davent:
Tia cour sarö cuntaint ;
Ma forsa per poch temp."
6.
(Romanische Studien I, Fhigi, p. 312/y.)
,,I)iutauut cli'eu deir' üna juvna llur
Vivaiva in allegria,
Ed uossa chi'm eis gnieu la crusch
Nu poasö seutir la gia.'" —
Volkslieder.
5 ,,0 sclii tascha, miou cour clicr,
E allura t'iudaletta ;
Dis cert varost tu da pisser,
E dis eir dad algrezchia.'' —
jjGrand' algrezcbia am po baiii giiir
10 Ed eir graud' nllegi'ia,
Ma sclia in'impais raa giuventün,
Nu poass am smaucher via," —
,,Scha Dicu aus do bgers bels iffauuts
E da temma da Dia,
15 Viilains pigler pazchaiutamaing
E ster in allegria/^ —
„Ta raschum min am vo per seiin,
Un' otra vess eu baiu gugent;
Vess eu pur elas d'ün utsche,
20 Vuless svuler davent.
Schi eu vuless svuler daveut
Ed ir vi fin sur mer." —
„Ed eu vuless bain bod ir zieva
Ed ir vi at claper."
25 ,,Mo schi iuua vulessast ir,
Vulessest tu trer via?
A cliesa stuessast tu turner
Sainza ta cumpagnia/' —
.,Ta raschum nun am vo par cour,
30 Ed eu uu pilg fadia;
Daivast tu fer sainz 'am pigler,
Schi füss in chesa mia." —
,,Ma tu lo füssast suspirand
Ed eir bod alla fossa,
35 Ed eu am vess da'm arüvler,
Da't vair do la resposta."
10 Volkslieder.
7.
(Komaii Ische Studien I, Flugi, p. 313.)
Nus amis da cumpaguia
Vulains ir tuots a tramelg,
Cha miuch^ üu piglia la sia,
E cumainza a fer da belg.
5 Cur cha'l suu ho do priiicipi
Duos alla vouta ste sü,
Sute legiers ; ma giüdizi !
Da nun ir culs peis iu sü.
S'inguarde bain da tagloulas
10 Scha uu vulais las purter,
Spande pur 'na parpajogla
Ed al prüm fe's infurmer.
II suter il spiert arfras(,ha,
Fe las chammas stauglanter;
15 Cur cha d'ais fin della trasylia
As ho vögla da pusser.
II suter ais üua üsaunza
D' velg inö sto üsito,
Ils pü scorts hauu per credenscba
20 Chi nun saja üugiün pcho.
Cur la generela riva
Tuot chi sota, ma pü plaun,
E faun tuot trembler la stüva
Dals grands squass cha luaint dann.
25 Cur arrivos sun a cliesa
Tuot chi allura vo a pusser,
Laschan a l'otra brajeda
A fer que chi ais da fer.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 314.)
Parche vulais ch'üua parsuna chaunta
Chi nun ho pü sieu cour in libertedV
Lasche cliantcr a chi l'amur coutainta
E lasche mc in nia duhir ci'ider.
Volkslieder 11
5 Ma uöbla flur ! che dess eu fer clii't plescha?
Ch'eu he pers tuot in perdaut mieu eher cour.
Voust tu ma mort? ais qnist che tu giavüscliastV
Schi dum mieii saiuig par mia dutsch amur.
Zieva ma mort uu sarost usche dura;
10 Tu m'amarost, e da me t'algurdaiid
Chamiuarost tu sur ma sepultüra
Cun displaschair ])er tia fidel amaut.
Ed in qnel lö inua'l c^l at coudüa
T'algordarost da ma fidelitet.
15 La qneV ais saimper steda ferm' e püra
Scu'l firmamaiut snr uns ais in vardet.
9-
Da ün, Chi amma cordi[e]lmaing fia spufa.
(Nach Ms. Pont.)
[f. l^J Adün amer, mo brich giodair,
na granda paiua aise palva[i]r,
zuond üngUn mel, nas poas eau dir,
taunta dulur, chi sfo fentir,
5 Achj quant beo ais quel da tgnia[i]r,
da cor, chi amiaa et po giodair.
Sco thia giata pigler uou po
Lal's mlirz, mo lafer ir lal's fto,
ulia aif quel, da cour chi amma,
10 ne po 1 furfguiar que, chia el brama.
Ach, quant da cour.
Sco ün ut|s]che uon po fchovoler,
ni t[r]aier flet, fchel uon po fter,
Ufia amer nou f po palvair,
15 Sainza havair fpraunza da gudair.
Scha la i'prauuza a me nun cunsarves,
in mia amur nun confirmef,
fchi feis meif cour da fat fparir,
et aunz la moart Itovef morir.
20 Ach, quauut da cour.
12 Volkslieder.
Per que vlilg uofa rafugier,
La mia foart üu po prover,
e m ais fto dit fgür et cert,
chia chi plü pichia, vaiu aviert.
25 Ach, quaunt da cour.
La certa Ipraunza bods da I' vair,
chiera mai'ufa, da ( gioda[i|r,
em viver fo fcho flurir,
eaue zainza vufs Ituvefs morir.
30 a quant beo fum eaue da tgnia[i]r,
Cur eaue ä vuf poaf pofidair.
Veng bot a gnir ün po tar vul's,
ha noaf barat k farer gio,
il quel pü bot, chia que me dvaiuta,
35 l'chi viv e mor con vus containt.
Ach, quauut da cour a vufs.
I ,. ^ bi Schi ue tli bot, eaue lün te I'pet,
couu te da fter, aif mieue dalet.
ve, chiera marufa, eaue t'vülg taunt bain,
40 e bain da cour nuf ans piglaiu.
0 quaunt beof efchenf da tgna[i]r
jnfembel, chi enl' podainf giodair.
10.
(Nach Ms. Pont.)
If. 1''] Mais cour non ais plü meil',
na ledra lo invulo;
Ach, fchia podeis il feis
asch tguia el apignio.
5 Ils leders, quels fapichian,
Ach, Ich' au m podefs pichier
vi d l'ia chiera vitta
et l'tret l'cho in bratz l'ia.
0 cliiera, vus m avaifs
10 Meis cour tuot invullo,
as rof, dem no il voaC,
u 1 meis am turnaute.
Volkslieder. I3
Co volais, cbia dürer pofsa
A viver fainza coiir,
1 5 volaif vufs per cafsa vol'sa,
per vul' volaif, cliia raora,
0 ledra, vofsa fatschia^
0 ledra, vofsa buchia,
o ledra, vofsa bratschia,
20 0 ledra, vita tuota,
0 ledra, tu belleza,
meis fauug liest tormento,
m best do dolur, grametzia,
meis cour tuot in vul 0.
25 0 ve, eaue fto morir,
üngüii cour plü im vaiu,
La moart eau fto patir,
Per f avar volida taimt baiu.
[f. 2"] Per f avar porteda amur,
30 per f avar douo mieu cour,
faiut eaue tauuta dolur,
Eaue ard, eau crap, eau mour.
Seh eau f vef podieu brancheler,
0 Ich ean vef gia la foart,
35 fün vus da m apiclier,
Iclii me nou füs eau mourt.
Seh eau vef podieu antrer
in vus tres qualche fora,
eau uon vef vulia torner,
40 fainza iuvoler voaf cour.
Ma chie tout ais faro,
tuott fuorda mia bragir,
tuot am lasia a qui gio,
üngüu no m vol avrir.
45 Adia, dura beleza,
Adiaeu, dimeua e bella,
eau glivrl qui mia tristeza,
eau mour per vuf crudella.
14 Volkslieder.
Adieu, eau m fpart fubit
50 cun larmas et dolur,
eaue pavt mia juvua vita
et fum voal' fervitur.
Cur cheau veng a morir,
s vülg dich aquaist rouer,
55 per me de im fuspir,
I'cbi que ra po cufurter.
0 fcha voafs ölgf fpandefan
ua larma cur fum moart,
Schi cert que m alegref,
60 M def qualche confoart.
[f. 2''] Ma chie caiie fto glivrer,
avuonda eis plauut a quo,
tuott, chi I' 0 vulieu picher,
ua fuorchia ho achiato.
65 Ma eau, chi m ves peudia
lun quista ufchia gugent,
nun he brichia podia,
Adia, eau paf davent.
Per quaist fto morir,
70 La ledra viva aqiiia,
eau poaf clamer e dir :
„Nil muond non aif giüstia."
11.
a.
Disehuorf fün ün tramelg da duof chi f. vüglan bain.
(Nach Ms. Pont.)
|f. 3''] Juvau Eau f vulef rover, vus bella,
vu m fesses ün po d larg,
D am l'ezer gio fpera ela,
da fia dreta vart,
juvna 5 Bain gugeute, far, vus bei,
fchia 1 pelesa, das fezer gio,
fcho im völg eau bain per el,
M setser üu po ingio.
Volkslieder. ^5
juvau Eaue cert gugent que fef,
10 em Cell amteC gio aquia,
Schia uou iucoiuadef
Merama voisa iig[ua]ria.
juvna Molesta certa üugiui
am vaiu el a der,
15 Schi al voul pigler per bau,
Da uns as adiguer.
[f. 3^1 juvan Dimeua cou liceuzia
da vol'a bela grazia,
em scbaiut gio in preseutia
20 tar vul liin qiiaist voaf plaz.
0 eau he grazia da vair
Uli belisem tramelg,
cbi fo mif cour parair.
Be giüft fcbo 1 füs in tlchel.
25 Da taiintaf iüvintschellaf,
Legra(v)as, virtufas,
da iuvnaf laf pü bellaf,
fchoantilal", gratiufas.
Chi fo ad im legrer,
30 dich a guarder lur fatschia,
in quel, fcho fola fer,
il chiod fulalg a la glatschia.
juvna Cari|fe]m lar, vus bei,
il lod vuf ns daif ä quia,
85 partuchia dichia ad el
et a fa conpagnia,
Nus favains bain anf vefa
ils maungals, chia nus vainf,
fchia nuf uon avainf beleza,
40 f'chi chiarinezza al main.
juvan 0 vuf af fais grand türt,
0 juvna perfetissima,
per che chia fün voaf corp
eis anim tuots belisimf.
IG Volkslieder.
45 iingün me[u]n(u)gel ne raenrla
in vufe aife da cheater,
cun fluorf, laf pü tarmedafs,
Leschias da congaler.
[f. n^\ 11 lulalg dal uteza
50 et ftalaf lafs plü bellaf
pafas vuf in belteza,
0 nöblaf juviutschelals.
Mo cert la chiariueza
tar vuf as non aif gnida,
55 inguel fcho la beleza
da nus ais tuta bandia.
Chiarins lim dich ils matz
et bei laf lim laf niata(f)unf,
que aif cuntscbaint ä tuots,
60 q^ue saune er ils infeauntf.
Juvna Eaue nun he taund ftügio,
Con vus da dispiter,
Mo nus favains darchio,
Chia non aif da chiater
65 Tar nus beleza üngüna,
mo que, vuf dschaif aquia,
que fe fc[r]iva tuot adüna,
A vofsa cortafia.
Schia bain vus suefa non dschas,
70 chia vus faiaf fich belli',
fchi nus bain que favainf,
Ma nun vulaif efer quel[a]s.
Schia me qualche beltezza,
da guir fchcrit tierf ä uufs,
75 fchi dvainta in quela peza,
chia nufs efans fpera a vufs.
Juven Scho dal folalg la lügna
Arschava fia fpeleudur,
ufia ilfs mats adügna
80 D vuf heaune lur culur.
Volkslieder. ' lt
|f. 4*1 Eil- bels quell' lur an peraii,
taunt [um a vus prefaintl",
Ma flaudet que disperan,
cur Tum da vul' l)aiiduuar.
85 E resta ul'ia dimena,
chia va[i]r(i)a aii' da fat,
vuls ai[sas| lal' bellal" mataC
et nul' ils chiarinl' mats.
Mo ach, vus las pü bellal,
90 eir que in I'en am vain,
Mema fchüt vufs crudellaC
cun quelfs, chi f vöglau baiii.
II dür ficli düu diamant
nun bo taunta düreza,
95 CO cbi bo[n] laf matauns
tierf lur granda beleza.
Quo pudel' ün ruver,
infigna chia 1 fnif rogk,
nun gnif a suplicher
100 fchia bain el dvantef mogk.
Pü bod gniss a udir
ilf psalmf dal chia fuol mar,
pü bod gnis il lat dür,
Cho vuf gnis as lambger.
105 0 eau non ves piso
Ch' in üu[a] bela, bela ceria
Regnef taunta fufdet
et eir ufia manzneder.
Juvna Vuf cert jftef I'avais,
110 ne vaif bsüng, chi a as dia,
noaf cour quaunt bun, chel eif,
Scho 1 paum di miuchia[di]
[f. 4^*] Pustüd verf quels vuf bels,
chi fuu rielf et prus,
115 et a uuf fun inguel,
Quelf fum fich chierf a nus.
Romanische Forschungen XXVII.
±^ Volkslieder.
Vers quells fchia nuf pudaiuf
ilf uoas bunf cours fer vair,
Noaf faung eir unf fpandesauf
120 A quelf per couplafair.
Pertel enchia befanf chiariuaf,
fcho 1 ais er voaf bei foer,
vain dia a buma fin
eir nosa defens a m[n]er.
125 Per non podair plil dir,
[Juvan] Lafar voaf pled bum,
dauend da quia per ir
vetz gio, inua cbia fum.
Adia^ eaue vtilg ruver,
130 fantila(s) rösa^ bella,
Ch'eau f vUlg iu il feu der,
VHS reftas faimper qnella.
Schia quel bun cour portais
vers me füQ quella amur,
135 fehl cert iufin la moart
faro voaf fervitur.
Juvna Da uuf as faias fgiüro,
chia aus ä belf amainf^
I ä varonf eir cbiüra,
140 da fer, cbi fteta bain.
Pertaunt a quaist craie,
ne egiaf dubitauuza,
Cuu cbiarineza ame,
Ne pardaraf la fpraiiuza.
[f. 5^] 145 Nun fe^ cbi faia quelas
iudret, cbi s uüglia giiarder
et posa eser crudela,
voaf bun coixr da nun anier.
La vofa geutileza,
150 noaf cour 6 gio lamgio,
et uuf nosa belteza
a (u)[v]us vaiu dedicbio.
Volkslieder. 19
JuvHii Dal fulalg la belteza
em l'to ul'ia l'partir,
155 o tii dieu, d luteza
uiim lal'ier iuscbiürir.
Jnviia Charisem l'ar, vuf bei,
dieu I'vüglia coupagner.
tauut er in noaf tramelg
100 Bain bod as toruauter.
Adieu, 0 uöbel platz,
adieu, raste toutf seaums,
cun buna noat, vuf matf
cur buna no[a|t, mataunl'.
b.
(Annalas XIV, Vital, p. 240-44).
Eau as vögl rover, vus bella.
Cba 'm fessat ün po d' larg,
Da 'm tschauter gio sper ella
Da sia dretta vart.
5 He bain gugent, vus bei,
Scba 's vulais tschauter gib,
Schi 'm vöglia bain per el
Am artrer ün po in gib.
Eaa tschert gugeut avess
10 Da "m tschauter gib acquia,
Scha nou inconamodess
La vossa signuria.
Molesta tschert iugüna
Non vaiu el tschert a 'ni der^
15 Scha '1 voul piglier per bön
Da uus da 's indegner.
Dinieua cun licenzia
Da vossa bella grazia.
Am tschaiut gib in presenza
20 Tar vus in quaist bei plaz.
Eau he grazia da vair
Ün bellissem tramegl,
Chi fo mieu cour parair
Be SCO seh' el tuss iti tschel.
20 Volkslieder.
25 Da tauntas giuveutschellas
Legraivlas, virtuusas,
Da giuvnas las pü bellas,
Gentilas, graziusas.
Chi po legrer mieu cour
30 Dech a guarder liir fatschas,
II quel chi fo alguer
Scu '1 chod solagl la glatscha.
Cliarischem sar vus bei,
II lod vus dais acquia
35 Pertuocha dech ad el
Ed a sa compagnia.
Nus savains bain anvessa
Ii maungels nus avains,
Scha nus non vains bellezza,
40 Schi charinezza vains.
0 vus s' fais grand tüert,
0 giuvna perfettissma,
Perche cha sum vos eher
Ed a vus tuots bellissem.
45 Üngün maungel ne menda
In vus 'vais da chatter;
Cun trais las tremendas
Eschas da congualer.
AI solagl dell' otezza
50 E stailas las pü bellas,
Possaivlas in bellezza,
0 nöblas giixventschellas.
Bels sun dech ils mats,
Charinas las mattauns;
55 Que ais contschaint a tuots,
Que saun eir ils infaunts.
Eaii nun he taunt stüdgio
Cun vus da disputer,
Mo vus savais darcho,
60 Cha nun ais da chatter.
Volkslieder. 21
Tai- nus bellezz' Imgüua;
Mo que vus dscbais acquia
Que scriv' eau tiers adüua
A vossa cortesia.
65 Schabaiu vus svessa dscbais,
Cha vus fettas poch ad el,
Schi svessa bain savais^
Mo uuu vulais esser quel.
Scha be qunlche bellezza
70 Po gnir scrit tiers a nus,
Schi dvainta iu quella pezza
Nus eschau spera vus.
Scha dal solagl la glüua
Impraista la splendur,
75 Usche ils mats adüna
Da vus haun la chalur.
Eir bels allura perau,
Cur suu a vus preschaiuts:
Ma daudet quels dispei'au,
80 Scha suu da vus absaints.
Eau rest usche dimena
E vaira ais daffat,
A vus las bellas femnas,
A nus ils charins mats.
85 Mo ah, vus las pü bellas
Eir quaunt il sen avais,
Ma eir eschas crudellas
Cuu quels chi 's vöglian bain.
II dür til diamant
90 Nuu ho taunta dürezza,
Co chi ho las mattauns
Tiers lu grand' bellezza.
Co pudess lin güvler,
lufiu ch' üu gniss aroch;
95 Nun gniss a '1 supplicher,
Schabaiu el dvantess mog.
22 Volkslieder.
Pü bod guiss ad avrir
II pled dal chafuol mer,
Pü bod gniss ün crap dür
100 Co vus a 's alamger.
Eau tschert nun 'vess pisso,
Cha tela bella chera
Füss aint taunta fosdet
Ed impero mansuedra.
105 Vus eher, cbe stais savair
Ne vais bsögn uus as diau,
Nos cour quaunt bun eh' el ais
Sco '1 pauu d' imminchadi.
Pustüt vers quels vus bels,
110 Chi sun reels e prus,
Ed a vus suu eguels,
Quels suu fich chers a uus.
Vers quels scha nus pudessau
II uos cour fer vair,
115 Nos saung pudessau der
A quels per complaischair.
Per uuu pudair pü dir
Lascherö vos pled buu;
Davent da qui per ir
120 L' ais gia ün pez cli' eau suu.
Addieu, eau 's vögl ruver,
Gentila rüsa bella,
Cha 's vögliau il seu der
Da rester saimper quella.
125 E quel bun cour purtais
Vers me eir taunt' auiur,
Schi tschert iufiu la mort
Sarb vos servitur.
Nun se chi saja quellas,
130 Indret schi 's vögl guarder^
E possas esser beilas,
Vos buu cour demaner.
Vülkslieder. 23
La vossa gentilezza
Nos cour ho giu lanigio,
135 E Ulis vossa bellezza
A vus vains declaro.
Dal solagl la bellezza
Am sto iiossa spartir:
0 Dien cleir otezza,
140 Nu "m lascher ins-chürir.
Charischem vus bei,
Dieu vöglia compagner
Ed aiut in uos tramegl
Baiudod ans turnauter.
145 Addieu, nobel plaz,
Addieu, reste tuots sauns,
Con buua not, vus mats,
Con buna not, mattauns.
12.
[f. 7b]
Discuors traunter duof, ehi s. piglan.
Juvan (Nach Ms. Pont.)
S giavüs na buna faira,
Carisma niata bella,
ue grant delet pelvara,
ä pudair gnir tierf ela.
5 Eau am lasches inchorel'er
da fter fia long davent,
nun fe chie que po eser,
tar vuf chia veng feia gugeut
Ma chie fchia vus da me
10 Mieu cour vais piglio davend,
Schi buonder nun af fe,
tar vuf chia veng fuventz.
Juvua Bain vgnieu, 6 juven chier,
algrezia et dalet grant,
15 Mieu cour af fto legrer,
Cun el vuf veza gniand.
24 Volkslieder.
Chi I'o (cba baiu müclo
vei' Dia voal' crudel cour,
et quel am füs iucholino
20 a rae gugeot de tiirner.
Vers vuf crudel me fais,
uun ais mia cour pelvara,
fehia que he au tschan[ts]cho
cun vuf eir que arfara.
Juvua 25 Un grand plet quel da dir,
ün grand trot quel da fer,
nun Yülgiaf in presia ir,
ch vu hegias d as rügler.
[f. 8*] Tierf me vul' non chiatas
30 Richeza ue beltet,
Sehe vul' af craudantal,
Mo baiu fchi piatet.
Ne m (e eir, ichia ii me
uus tauut amur portais,
35 taunt bain e tauut fe,
CO vuf cun voas plets dschais.
Per taunt f vülg eau cufsler
Da prul'a juvintschela,
chia vuf vüglias tscbiar[n]er,
40 na plü richia et na plU bela.
Juvan 0 chie plets, vus am dschais,
0 che dulur, tormaints,
0 che cordöli am dais,
Mieu cour quels foran aint.
45 Cun quels uus non craiaf,
Davent quia d am fer ir,
Eaue s di our, fchia vuf vulaif,
Chia gia k morir.
In vus he aue chiato
50 be que, chia bramava,
et ais bgier püä|t]et,
CO ch' eau nie nun craiaiva.
Volkslieder. 25
Utro ail" na uirtüd
et otral' plü üuguot,
55 ma iu vuf chiat eau postiul
isfemel tuotaf, tuotal'.
(Juvua) Tuot aque, chis po fer
A uoaf dia bain plafaivel,
in vuf ais da cliiater,
60 0 Juvua alegrafijvla.
[f. 8'^] Tuot que, chi plesa al muoud,
havaiu uus ia certezia,
da tuotafs virtüts zuoud
liavai(u)s vuf granda ricbeza.
(Juvan) 65 Quauut la uatüra mufsa,
ho vulieu fer vair eir ela,
faud la perfuua vofsa
da tuotafs la plü bela.
(Juvau) Les ftalafs al trupagian,
70 il fulalg s o inuilgia,
cur el as vol guarder,
fto bain, o uöbla gilgia!
(Juvan) Co iu vof eut pü bei red
neu 0 vif il fulalg,
75 mo ueir pü Adeltet
üugüua che in me.
(Juvua) La bucliia a me ricbianta,
et voaf ölgs quels am renden,
cura cbia quela cbiauuta,
80 et cura quels am guardan.
(Juvan) Rüsa alva, vuf pom grano,
al fulalg vufs fongias
cun virtüds, chi faun vivo,
E ä tuotaf trappafsais.
(Juvna) 85 Rosmarin cun fia udur,
Baisem il plü custavel,
Leta efsas tschantila flur,
0 pom vus alegravel.
26 Volkslieder.
(Juvaii) Tuot que ein vaiu dal ur[i]ai[ut]
90 da meza noat, metz di,
d lafs indiaf, del ocidaint
fauut bei et mincliia di,
[f. 9"] Tauut bels da tuot la tera,
tauut bels da tuot il mer,
95 Schi füs auuts plü pü bgera
uuu ais d af congoler.
(Juvan) Scho our d perlaf ais tesieu
alfs raigs üua curuna,
ufchia or d virtütf
100 ais tat vofa persuma.
Sclio ais fto la prufa Ana,
da mia lor Maria,
Scho la cafta füfaua,
Schi efsches rosa mia.
105 0 iulalg de la belezia,
o darsch, o uöbel paiii,
tesori et carinetzia
0 mieii delet, mieu baiu.
0 vuf la mia belezia
110 a mia ducboisem cour,
0 vuf mia conteutezia,
per che nou lasaisch tor.
0 riisa vuf dschautila,
o flur vuf da curuua,
115 0 vus florida gilgia,
0 nübia vofsa perfuma.
Perche vulais vuf der
a me tauuta dolurV
il quel chi ais voaf chier
120 et ümel fervitur.
Vufs efses üna (üna) gilgia,
chia tuotr as sto luder
Liftef, chi f invilgie,
IUI m chiat d af blafmer.
Volkslieder. 27
[f. 9I'] 125 0 vnf I'uleta e bella
Cultavla perla fina,
cuu me il pü fidel,
Clin me il pü cbiariu
Nuu faias tauut cnidela,
130 0 Ipraunza, 6 vita mia,
cuu quel, chi aif fidel
ju tuot la vita fia.
Schia eaue f pudef feruir,
Uf der qualcbie cufoart,
135 Süu voas cumand vulel' ir,
vulef eir ir in la moart.
(Jiivau) Schia vul' voals Caung lamgier,
voal' cour non vulais müder,
varof da m cuupagner,
140 baiu bot [d]am sutarer.
Varon 1' ura voals maunf
iftes am fxitarer gnir,
füu mia vafche a meter ils crauus
am vair am lepolir.
145 Nuu fe, schia foarza alura
Faros da fata containta,
a vaire cou dulur
fpar[t]ir mieu iuvau feaung.
Ma fuu metz moart aquia,
150 M vais be ftramanto,
Ma fchia vus om dschais l'chi,
faro eau bod resüsito.
Vulais usa mia moart,
U vulaii' la mia vita,
155 l'chi resolve bain bod
e declare fubit.
|t". 10*] (Juvna) Avuuda et brüchia p[l]ü,
eau vülg la vofsa vita,
Cun vufs völg eau dir fchi,
160 di eaue schi dandet fubit.
28 Volkslieder.
Aquia eau Ipoartsch vi
in mjeu meaum dret mieu cour,
el voafs de no k mi,
fchi ns vulain dalungia tor.
165 Voas plets am fe m legrer,
Mieu cour da fat fparir,
Giavüs cou vul' da fter,
a viver et morir.
Juvau 0 Plets zuout cufurtuf.
170 Chi ävaif mieu cour legro,
0 ducha e graziusa,
Che tauut fe bramo.
Quaistts plets me aum do la vita
hauu fat mieu cour fflurir,
175 Chi vulava ufchia dalungia,
Üavent da me fpartir.
Schi faias dimena mia,
l'cho eir eau fum voaf,
0 Segner, do ns la vita,
180 Baiu benedicium.
Hufsa fum eau containt,
hufa vülg benedir,
quela oura, quel momaint
tar vuf, chia (d)he volia gnir.
185 Uofsa af vülg iugrazier
Cuu animo arzirus,
da cour as vülg branchler
0 du[s]cha, 6 chiera fpufa.
[f. 10*1 La grauda conteuteza,
190 Chi fainta aquia mieu cour,
ungüna partdertezia
Mia po inandret dir or.
Se fgür a vofa fiua
nun farol' me rüvleda,
195 per clic üu pü chiarin
non vefo mo chiato.
Volkslieder. 29
Argient cert et bgier or
Deaune oterl's a lur I'pusas,
richieza, grand tesoris,
200 eir perlas pi-eziufas.
Mo eaix a vul' niia coiar
et mi il'tel' af dum
et (juail'ta vota vüglias pigler
Per buna efeziun.
205 Uu pitsclieu I'eu da favur
aC vülge eau prasauter,
iuguel brichia la mur
Chia dügnia af vülg purter.
[Juvna] Gugent eau vülg pigler
210 tuet que gio da voaf chier maum,
Lo fcunter f vülg duner
cun mieu cour eir quaist pain.
Eau f vülg faimper porter
amur et tuet refpet
215 et fe chi am poafas fgüi'er,
chia eir vus que faras.
Adia, tuots duofs ruvain,
Clii nf ho infemel mnof
Da tschiel, chia el cun Is bains
220 Nuf tgnieuf incurunofs.
[f. 11"] Siand chi ho plasia
0 Dia; quia d anf uuir,
per grazia vüglias tu
eir faimper benedir.
225 Ma chia il temp ais pafso,
eas vol fer fparalier,
bod f rouv, tierf me turner,
dutsch cour^ er mia fpus chier.
30 • Volkslieder.
[Juvaii] Da vuf dimeoa am Ipart
230 cun larmafs da clirider,
dameaun, aunts co clii am parta,
Ginarb af falüder.
0 ufsa as vülg braucler
eau üu liusier amur,
235 uon vüglias me fmauchier
voas debet fervitur.
b.
(Aiinalas XIV, Vital p. 234—40.)
S' giavüscb la buna saira,
Charina matta bella,
He grand giavüscb pel vaira
Da podair guir tar ella.
5 Eau am laschess increscber
Da ster taunt löuch daveut:
Nuu so cbe chi poss' esser,
Tiers vus cba vegu suveuz.
Ma cbe vulais da me,
10 Mieu cour ais tuot daveut,
Scbi buouder nun as fe,
Tar vus cha vegn suvenz.
Bainvgnieu, o giuven eher,
Algrezia, dolur granda,
15 Mieu cour as sto brancler,
Cur el as vezza guaud.
Cbi s' bo ^scbe bain müde
Vers Dieu vos crudel cour,
II quel füss iuclino
20 A me gugent da tour?
Vers vus crudel me sto
Nun ais mieu cour pelvaira,
Cba que avaius tscliantscbo
Cou vus be dicb lier saira.
Volkslieder. 31
25 Üu graiid pled que da dir,
Uu graud tuert que da fer,
Nun vöglias in prescba ir,
Nun liegias da 's rügler.
Tar me nun achattais
30 Ricliezza ne belleza,
Sco vus as cradantais,
Mo bainschi pieted.
Nun se, scha eir a mi
Vus taunt 'amur purtais,
35 Taunt bain e taunta f^
Co vus cun VOSS pleds dscbais.
Pertauut as vögl cussglier
Da prusa giuventsdiella,
Cba vus vögliat cbatter
40 Una pü ricba e pü bella.
O cbe pleds vus am dscbais,
0 cbe dolur turmaint,
0 clie cordöli am dais,
Mieu cour quel foura aiut.
45 Taunt nun s" cradantais
Davent da qui am fer ir,
Ed uossa vus volais,
Cba eau giaja a murir.
Tar vus be eau chatto
50 Tuot que mieu cour bramaiva,
Ed ais bger pü co que,
Cba eau m' incrajaiva.
Tuot que cbi as po fer
A nos Dien bain plascbaivla
55 In vus ais da cbatter,
0 giuvna allegraivla.
Tuot que cbi plescb' al muond
Avals eir in tschertezza,
Tuottas virtüds eir zuond
60 Avals eir grand ricbezza.
32 VoIUslieder.
Las stailas trapassais,
11 solagl bo invilgia,
Cur el as voul guarder,
Sto baiu, 0 uöbla gilgia.
65 Co iu vus pü bellezza
Nun ho vis il solagl,
Ma neir pü fidelted
Ungüu CO aint iu mai.
La buocha am riainta,
70 E VOSS ögls quels am guardau,
E cur cha quella chauuta,
Mieu coiir s' allegra d' fe.
Hösa amabla e pom grano,
II solagl vus sumgiais.
75 Las rösas chi savuran
Vus tuottas trapassais.
Rosmarin cuu odur,
Baisem il pü custaivel,
E las geutilas fluors,
80 0 cour mieu dalettaivel.
Taunt bei da tuot la terra,
Taunt bei da tuot il mer,
Scha füss auncha pü bgeras,
Non ais da congualer.
85 Scha our da perlas as fess
Als raigs üna coruua.
Usche our d' virtüds
Ais tat vossa persuna.
See ais sto la prusa Anna
90 Da nossa sour Maria,
Scü la casta Susanna,
Schi eschat rosa mia.
0 sulagl da bellezza,
0 dutsch amabel cour,
95 Tesori da tschertezza,
0 mieu dalet, mieu bain.
Volkslieder. ;);3
0 VHS, mia algrezia,
Mioii rlntsch, chariscliem cour,
0 vus, mia contentescza,
100 Percbe nu' m volais tour.
0 rosa mia gentila,
0 fliir vus da coruua.
0 vus, fiurida gilgia,
0 cliera mia pcrsuna.
105 Perclie vulessas der
A me taunta dolur ?
A quel clii ais vos eher
Ed ümil serviturV
Vus essas üua gilgia,
110 Cha tuot as sto luder,
Usche cha uiauuch' iuvilgia
Nun chatta da 's blasmer.
0 vus suletta bella,
Custaivla perla tiua,
115 Cuu me la pü fidella,
Cuu me la pü charina,
Nun sajas usche crudella,
0 sprauuza, o vita mia,
Con quel schi sajas fidella
120 Eir tuot la vita sia.
Scha eau 's pudess servir
E 's der qualche cuffort,
Slin vos comand vless ir,
Vless ir in milli morts.
125 Ma scha vus nun s' müdais
Vos cour a 's alamger,
Varos da 'm compagner,
Bainbod da 'm sutterer.
Varos allur voss mauns,
130 Istess a stovair guir
Süu miau vasche als crauuzs,
A'aros da 'm sepulir,
Romanisebe Koi-achungen XX VII.
34 Volkslieder.
Nun se, scha fors' allura
Füssas eir baiu containta
135 A vair cou dolur
Spartir mieu giuven sauug.
Ma scha mez mort acqiiia
Viis am vzais stramento
Scha vus be dschessas schi.
140 Saro bod ravivo.
Vulais uoss' mia mort
0 vulais mia vita,
Schi declare baiubod,
Schi declare subitte.
145 Avuouda e bricha pü:
Eau vögl bain vossa vita:
Cun vus vögl eau dir schi,
Dir schi eir bod subitte.
Acquia as possa eir der
150 II mieu maun dret, mieu cour,
II vos de uo a mi,
Schi 'ns volains dalum tour.
Voss pleds am faun alguer,
Mieu cour daffat spartir,
155 Giavüsche m vus da ster,
Da viver e da murir.
0 pleds zuoud cuffortus,
Chi fo mieu cour legrer,
0 dutsch e grazius,
160 Cha tauut he stuvieu amer.
Quaist pleds m' haun do la vita,
Hauu fat mieu cour flurir,
Chi vulaiva usche subit
Davent da me spartir.
165 Schi sajas dimeua mia,
Sco eir ch' eau vos sun:
O Seguer do' us la vita,
Baiu beuedicziuu.
\'(.lkslio(lcv. Si")
Uossa suii cau cuiitaiut,
170 Uossa vögl benedir
Queir ur" e quel momaint,
Ch' eau he tar vus vulieu gnir.
Uossa possa braucler
Auima vivusa,
175 Da cour eau vögl braucler,
0 dutscha, cliera spusa.
La granda coutentezza,
Chi sainta qui mieu cour,
Üugüna perdertezza
180 Nuu po indret dir our.
Or grand ed eir brich ora
E perlas preziusas
Ed eir oters grands duus
Dann oters a lur spusas.
185 Mo eau a vus mieii cour
E me istess am dun;
Eau 's rouv, cha vöglias tour
Per buua affecziuu.
Üu pitscheu segu daffat
190 As vöglia preseuter,
lu quella tuott' amur,
Cha adün' as vögl purter.
Sün quaunt eau vögl piglier
Tuot que giö d' voss chers mauns :
195 Lo scunter as vögl duner
Cun mieu cour eir quaist pain.
13.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 325/6.)
„Pastura in chamona,
Im sta a lavaut:
Eu Saint üu chi cloma
E batta in taut.
3*
;>,6 Volkslieder.
5 Eu sto im proveder
Chi esser po bain,
Da 's fidar nun esa
Da laschar gnir aiut."
„Eu suu ün chatschadav,
10 La nun ba da tmair:
Eu 's rov quaista giada
Pro vo da m atgnair.
Da pertuot s' ins(;biüra,
Pastura, la not;
15 Nou tem in bravüra,
Parcbiürar la poss."
„Giavüschar nu dessat,
Cb' antrar nu sas po:
La cbamou' ais stretta,
20 Ch' eu svess n' ba pac loe;
Scb' insemmel no füssen
Co da viver s' vess?
Giavüschar nu dessat
Quai nu fuoss indret."
25 „In amur da Diou,
Cha vais 1' imaint,
Cha vais in il cor,
Lascham autrar aint.
Eau 'm völg suotameter,
30 Ed auter nu völg;
Süantar im vuless
Cb' iutuoru m' ais tuot mölg."
„Suvent udi uaja
Ed es la vardä:
35 Cha chi bler risaja,
In prievel el sta.
Eu m' ba reserva
In la not cb' esser po,
E cur cb' eu nu derv
40 In giün gnir aint pu,"
Volkslieder, 37
„Ell crai cha vo 's temat:
Ing-uotta nu 's fetsch.
Ün ciiatschader siiu,
Mo nou he schlupet;
45 Neir brich siin provist,
Ciiu puolvra e plom;
Perqiiai 's fidar dessat,
Ch' eu siiu galantora."
„Parche cha vo guivat
50 Im es bain contschaint:
Id es massa prievel
Cur duos suu ardaiut.
Ell stess im turpchiar,
Seh' eu fess tal puchä :
55 Scha' 1 fö pro '1 ström gniss,
Fuoss bot invüdä:
Giavüschar uu dessat,
Ch' antrar aint niis po."
„üa tai im disdia
60 Scha esser nun po.
Eu veug in cutüra,
Nai bei buouder d' tai :
Taut voust esser sgilira
Schi hast paca fai."
65 ,.Scha tu hast pac bonder
E pigliast ciimgia,
Cha tiirnar nu tuornast,
Quai rejar am fa;
Quist bricha am fa temma,
70 Fortuna 't giavüsch:
Mo spetta ch' eu clama,
Allura post gnir."
„Quant long veug a viver
Nu völg turuar plü;
75 Bain bler vuless speuder
Da nun esser ":m\:
gg Volkslieder.
Dalett uai eu eir
Dad ir cul schlupett
Nil guaud ed a chatscha
80 D' vuolps, leivras, chamuotschs.
Schi grond plaschair uaja
A cliatscha dad ir,
Brich melancouia
Sül cierf da sbarar:
85 Bot vaiu eir la vuolp
E leivras pro mai:
Grataig' il schlapet,
Che dalet es quai!"'
„Sueut r arma prendast
90 A chatscha par ir,
Mo raeilg par tai fuossa,
A chasa da star;
Sül ciervi clii sbalza
T' allegrast or d' möd :
95 Gratagia ch' tu fallast,
Schi tuoruast tu vöd."
14.
(Aniialas XIV, Vital, p. 219-220.)
Taidla, taidla, ma figlietta.
Taidla, taidla, meis cour char,
Chi ais gnü 1' occasiuu,
Scha tu voust at niaridar.
5 0 schi schi, la mi' manimetta,
Eu fetsch svelt a dir da schi,
Bast' chi saj' ün bei giiivuet
E da cour ch' el plasch' a mi.
0 schi schi. la mi' figlietta,
10 Ed ais üu hom, chi viver 's po:
Ed ais üu hom, ehi ha respet
E 't domanda per muglier.
0 ua ua, la mi' mammetta,
Eu uou vögl a quaist trid vegl,
15 Eu vögl propi üu bei giuvuet,
Intschiiä fetsch saiuz' am maridar.
Volkslieder. 39
0 schi sclii, la mi' figlictta,
Piglia pur iui bol giiivnet:
Quo ais propi ün hom per tai,
20 Bastunadas at dara '1.
15.
(Annalas XIV, Vital, p. 220.)
Baretta francesa
Con picheis d' or intuorn,
Chamischölas cramascliiuas
E büsts saida con flurom.
5 La saira vain ils mats
Con sü chapütschas cotscbnas,
Las mattaus per tramagliar,
Las mattans per snarrautar.
Snarraiutau pur ad eis,
10 Chi sun eir pac plü bels,
Chi sun eir pac plü scorts
E mettan sü lur chapels tort.
16.
a.
(Nach Ms. Pont.)
MEis iuvau cour ais couturblu
per te, chiera marusa,
Meis iuvau cor ais conturblo
per te, o graziusa.
5 Ach, müu delet lavefses pur
Mieu let et angouia,
quauuta dolur, chia eau indür,
per vus, 6 Ipraunza mia.
[f. 12^'] Teis dschantil cour ftues iuguel
10 da me f laser gnir pcho,
pü dür, l'chia 1 füs, cho il atschel,
avair mia Adeltet.
Uugiünas belas hauu pudieu
Meis cour fich conplasar,
15 in te l'ubit, chia te coutschieu.
jra I'teda iuamorar.
41) Vülksliedor.
Daluugia eati vedet quela hura,
fla t vair, ö bella buchia,
a t der, ftuet eau cuu amur,
20 mia cour, mia vita tuota.,
0 vita mia, uu t gritanter,
tauut, ch eau ne tasia quia,
tafia, chia ne ä te braraet,
ta dvaiutaf fpusa mia.
25 La caufsa quela ais in te,
in tia granda belezia,
Chias fuugaunt al fulailg,
Dich, tu am poust der alegrezia.
Tia bela ceria bo fich plaio,
30 Mieu cour, o rüsa fina,
Eaue t' i'ov de me lafa guir pcho.
Da m pigler tu bot ftignia.
Eau nun guard brichia ueir, i'chia tu best bger,
Scbo 1 eis bgiera richeza,
35 Scha tu best fits ur eir daners
Et fuontz in bgieral's petzias.
Argieut et or, uu m ais tauut cbier,
Stil vefsast tuots mantuns,
a ti a t ftoue eau bramer,
40 dicb, tia chiera persuma.
[f. IS'"*] Nu m fuin tauut uar da vlar cunprer
ün cbavalg per ]a fella,
nu m fum tauut nar, da ni marider,
per roba bgiera e bella.
45 Cbie güda a mi, fchaue cougüstes
üna fpusa zuoud richia;,
Lo tiers, fcbia ella nou bavef
ne fen, ne eir iüdizi.
Judizi e feu^ prudenza bot
50 il Segner benedesa,
Mo la fupergia et il fen ot
eir bod perzipitescha.
Volkslieder. 41
Eau l'e bain cert, cliia tuots aquo
il prüm gro vota avel'en,
55 Ma min vo lüug ch üu eis rüolo,
gnis larg gugeiit, Ichel piidef.
Eaii le, chia bgiers hauu vulia pigler
in cbiesaf robas bgieras,
Ma uofsa itovaue confaser,
60 cbia dauu piglio lur painas.
E fesan bgiers eir üu barat
La roba bod no defan,
tuot lur richieza tuota fat,
perfuua cbia piglefen.
65 Tscbieut mili raius uon ho pudia
Na brava femua far,
Na brava femna ho bain favia
tschient mili rains rafpar.
Tuot il daner uu po paier
70 in iuvna valarusa,
tuot lor del muoud uon füs l'echier,
Co vus e vertuisa.
[f. 13''] Que chia eaue ciiercher, crai da chater
in te, chiera marul'sa:
75 per que fto eau uofsa bramer,
chia tu dvaiutas mia l'pusa.
Schia tu vaiuts chiera que a fer,
fchi fuue eau tuot containt;
Diu taunt, o Dia, eau t vülg ruver,
80 fo tu, chia que bod dvainta.
b.
(Annalas XIV, Vital, p. 225/6.)
Meis giuven cour ais couturblä
Per tai, chara marusa,
Mais giuveu saug ais stramanta
Per tai, o graziusa.
^2 Volkslieder.
5 Ah, meis dalet s' stovess iugual
Da mai laschar gnir pchä,
Pill dllr seh' el füss co il atschal
A vair ma fideltä.
Ingllnas bellas han podll
10 Fin qua meis cour plajar,
Ma eu, dahin cha t' ha coguschli,
M' hast fat inamurar.
Dalunga avet eu quell' ouur
Da 't vair, o bella bocca,
15 Dar at stovet eu cou amur
Meis cour, ma vita tuotta.
0 vita mia, uou 't grittautar,
Taut eh' eu ha taschö quia,
Taschll ch' eu ha be per bramar,
20 Ch' tu dvaiutast spusa mia.
Meis giuven cour ais conturbla
Per tai, o rosa fiua,
Eu 't rouv, da mai t' lascha guir pucha,
Da'm tour tll bod festina.
25 La causa quell' ais tuot iu tai,
Tu tia graud' bellezza:
Tu sul', tll sul' am poust amav,
Tll am poust dar algrezza.
Che 'm glld' a mai, seh' eu couquistess
30 Üna spusa zuond richa,
Lapro scha ella nou avess
Ne sen, ne brich güdizi.
Seu e gUdizi po la avair,
II Segner beuedescha:
35 Ma la superbia ed il sen ot
Baiubod precipitescha.
Tschiuch milla rentschs ha baiu savil
Üna brava femua far;
Ma üna femu' ha eir savü
40 Desch milla rentschs disfar.
Volkslieder. 43
Nou sun taut aar da barattar
Ün cliavagl per üua sella,
Non sun taut uar da'm raaridar
Per roba bler' e bella.
17.
(Anualas XIV, Vital, p. 207/8.)
'Na memiua luugia uuu voless,
'Na memma luugia matta,
Cha cur cli'eau be da 1' abbratscher,
Chi pera be 'ua latta.
5 'Na memma pitschua uun voless,
'Na memma memma pitschna,
Cha cur ch' eau he da 1' abbratscher,
Chi per' üu puogn d'ravitscha.
'Na memma grossa uuu volless,
10 'Na memma memma grossa,
Cha cur ch' eau he da 1' abbratscher,
Am per' üu sach piain d' ossa.
'Na memma stiglia uuu voless,
'Na memiua memma stiglia,
15 Cha cur ch' eau he da 1' abbratscher,
Chi pera'ua claviglia.
'Na memma trida nuu voless,
'Na memma memma trida,
Cha cur ch' eau he da 1' abbratscher
20 Chi pera be chi 'm sgrischa.
'Na memma bella nuu voless,
'Na memma memma bella,
Cha cur ch' eau he dad ir daveut,
Cha 'Is oters vaun tar ella.
25 'Na mezdauetta 'vess gugent,
"Na bella mezdauetta,
Cha cur ch' eau he da 1' abbratscher.
Chi pera chi 'm daletta.
44 Volköliedcr.
b.
(Annalas VII, Derin p. 57/8.
Scha vus vezais meis Jon dret sü
Schi dsche ün pa ch' el vegua,
Seil' 1' ha cumanzä a far 1' amur
Schi dsche ch' hei In mautegna.
5 Na memma grauda nou vnless,
Na memma, memma grauda,
Cha cur ch' eu n' ha da la brauclar
Schi par' la üua liaugia.
Na memma pitschua nou viiless,
10 Na memma, memma pitschua,
Cha cur ch' eu u' ha da la brauclar
Schi par' 1' üu puogu ravitscha
Na memma bella uou vuless,
Na nemma, uemma bella
1 5 Cha cur ch' eu u' ha dad ir daveut
Am lasch iucrescher d' ella.
Na memma trida uou vuless,
Na memma, nieuima trida,
Cha cur ch' eu n' ha da la brauclar
20 Am para ch' eu am sgrischa.
Ma menzoliua eu vuless,
Üua menzoliuetta
Cha cur ch' eu u' ha da la brauclar
Schi para ch' eu 'm daletta!
18.
(Annalas XIV, Vital p. 227—29.)
Nel chalender vain uomnä
Tuot las sias insaiuas,
E landroura vain chatta
Tuot las nialas femuas,
5 Chi uon sau as soffrir,
Chi uon san as convgnir,
Suu SCO chau e giatta,
Soveut as chatta.
Volkslieder. 45
Süll r iusaiua dcl agne
10 Ais ün' insaiua flaivla:
Ulla giuvna con ün vegl
Ais inaiiiforgiius' o flaivla.
'La lasobess il vegl murir,
'La tscherchess da survgnir
15 Üu giuveii allegraivel
Ed amiaivel.
Sün r insaina del liun
Dessast pur guardar,
Da nou tour üu graud uarrnu,
Scliiiia est ingianuada.
20 Ma pustüt seh' el füss pac scort,
Schi at dess el pac cuffort,
Gess all' iisteria
E magliess il tieu.
II stainboc vain smaliä
25 Cou üiia corua lada.
Seh' el savess da gratiar
Pro inqualche bavadra,
'La bavess bain tuot daveut,
Saimper stess allegrameut,
30 Füss adüna plaina
E uon fess la tschaina.
Sün r insaina del bouv
Dessast bricha prender
Una con üu vestmaiut nouv
85 E 'Is chatschous chi pendau.
Scha infauts 1' ha da survguir,
Schi 'Is fa r ir malvestits
E mal ragolats
E mal pezzats.
40 Sün r insaina Wassermann,
Ais ün insaina blaua,
Cur chi ais löuch tramagliä,
Schi soula ir ad aua.
Ma tu est il meis cuffiert,
45 Spordscha uau il teis man dret,
Schinä stögl eu murir,
Da qui spassir.
4ß Volkslieder.
Eu voless geut rasiar
Pro üna giiiventseliella,
50 Seh' eu savess da gratiar
Pro üna scort' e bella.
Ma e sun semuadas rar,
Ch' eu startess da la chattar,
E stess tour pazieuza
55 E far peutenza.
19.
Ün discuorfs contonovant af fer la mur.
(Nach Ms. Pont.)
[f. 5*] Eau plaiaut dolur arfara,
Giava ora fpasigaut,
l'chia quela pudef vare
chi aif noal' dal et grant.
5 D(ant)sch(o)[antJilaf belaf fluors
et rüfas eaue vezet^,
nun era, ö che doluorf,
tar quelaf mieu dalet.
[f. 5'*] Cuu meif [ölgs], chi larmavam,
10 ün po inavauut chia giet,
Dalungia Tiscuntret,
Da cour la I'aladet.
Meif plets non paun dir onra,
Ma lengia aradschuner,
15 L algrezia da meil" cour,
Chi fet que trapafer.
Baiu vguida, rosa bella^
Dlchiet eau, m' tguiaud fich buu,
Dschantilla juviutschoella,
20 et filgia da curuna.
Juvna Carisara far, uns bei:
Baiu vgnieu faias taunt!
Mo che ais cauf'a quella,
Seis ölgs ulia plaiu d plannt?
|Juvan] 25 Que aif üna bella mata,
Chi 'm fo ufchin larmer,
leis cour aif dür fcho crapa^
Chi non f vol lambgier.
Volkslieder. 47
Eau uuu havef me erat,
30 eau nuu havel piso,
Chia in ta bela ceira
regnel' taunta crudeltet,
A var il inieu amer.
a var mia rieltet,
35 a vair mia dulur.
et dchio tguair rebüto.
Per chie t aif uschia bella,
cliia eau ta ftölg am er,
per chie ufchia crudella^
40 da uuu vlar acceter.
ff, Qa.] Perche vais vulia plaier
mia cour fina füu la moart,
et hufsa nun vulaif der
ungün, uugüu cofoart?
45 perche 1' o volia la natura
Usia bella f infiter,
Ijotierf f fer bgier pü dura,
bgier plü co fplems dal mer?
Mia cour vo fospirand,
50 chia munts et vals refpaudan,
et non po pü fufrir
et bo patieu avuonda.
U laias vuf main bela,
Chia r pofa banduner,
55 u saias main crudella,
Schi f vülgia eau amer.
Schia vuf da me brich a
nun vulais s lafer gnir,
Schi'm vsais eir vus aquo
60 ä cruder gio et morir.
Juvna Pleaum pleaum, o juvan chier,
nun vais bricha zuond radschoun,
uschia da salmanter
da me, chi sum tuet buna.
48 Volkslieder.
65 jn me uou f po chiater,
fcho vuf quitguaif il plannt,
Chi s fatschia marufer
flm mia persuna taunt.
Tiers qwe fchia ean favef,
70 cbi füs finsiritet,
Schi cert af radschouef
L amnr chia tguail' porto.
[f. C'] Eau uon podava crair
VHS vefef taunta amur,
75 delf mats amur nou vaiu,
Ciant eaue fe palvara.
Sinfandschaud da raorir,
par nus podar prover,
et Inra da nus pudair arir,
80 zuond blers que solan fer
Jnvan 0 schia meis [courj havef
üna fanestra per guarder,
Schi aint in quela as vfei'
tuota vaira rialtet.
85 Quauut eau fun, vuf favaif,
Cun fe, finfiritet,
et v\is per peia am dais
voas fdeugus et crudeltet.
Vus efas fteda la priima,
90 chia eau (d)[h]e ftuvia amer,
faros eir cert il ultima,
. otras non poas guarder.
0 cour, chie a t uüziagia
ta mur e fideltet,
95 taunt bain et taunta fe
tierf tela crudeltet.
(M)[f]eis ölgs haun fat na pleia,
Chia fuora in meis dadain f,
feis pleds fun üua deia,
100 Chi puudschia cun turmaint.
Volkslie«!«')-. 49
Na granda fiaina zuoiul
Nun paun oura Ctüzer
ils flums da tuot il muoiid,
Lova da tuot il mer,
if 7a| 105 Na fatscliia liaveif da aiiugel,.
Uli cor da liiui c crap,
bela efses f'auuza meaungel,
Mo dura fainza grazia.
II fö da (v)[n]oaf fuspirs
110 nun paun oura alguanter
La glatschia el (m)[v]eir cour dar,
Chi f fo uscliia pener.
Taunta co 1' ova sü da ir,
tauuta la crapa ä fvuler,
115 CO eau s' lasch d af amer.
CO eau s lasch d af fervir.
lu chie lö chia faros,
fidelmaing f völg fervir,
fchia baiu favef, chia
120 S. ferviut ftoves morir.
J[u]vau Eau qui nou poaf pü fter,
Davent m sto fpartir
par taunt, o juvna chiera,
dich quaist amo svülg dir.
Juvua 125 Schia ils voafs plets fun vara,
fcho m' vaf aradschuno,
turne damaun ä fara,
faros bain cuforto.
Juvau Eau as fto abauduner,
130 a dia, dimeua aquia,
a dia, f vülg eau rover,
Damaun vus dvantaf mia.
In pain f lasch mieu cour
A dia, mia chiera amur,
135 Eau rastaro trefour
Voaf debet fervitur.
Rom.anisi-ht> Forschungen XXVII. 4
50 Volkslieder.
b.
(Annalas XII, Vital, p. 265—208.)
1 Eu piain dolur her saira
Get oura spassegiand,
Seh' eu quella podesc vaira,
Chi ais meis dalet grand.
5 Geutilas bellas fluors
E rösas ch' eu vezzet,
Non eira, o che dolur!
Pro quellas meis dalet.
Cou ögls qua chi larmaivau
10 Uu pa'navant eu get,
Dalunga 1' iuscuntraiva.
Da cour la salüdet.
Meis plant non po dir oura,
Mia lengua radschunar
15 L' algrezia da meis cour,
Chi fet quel fich 'legrar.
Bainvgnüda, rosa bella,
Dschet eu, am tgnand fich bun,
Geutila giuventschella
20 E gilgia da coruua.
Charissem sar vus bei,
Bainvgnü, sajat coutaiut!
Che causa ais, cha el
Seis ögls ha piain da plautV
25 Que ais 'na bella matta,
Chi 'm fa usche larmar,
Seis cour ais dür affatta
E non voul s' lamiar.
Eu non avess mai cret
30 E uo 'm 'vess impissa,
Cha pro quel meis dalet
Regness tant crudelta.
\'olkslieder.
A vair la mi' nmur,
A vair mia fidelta.
35 A vair la mia dolur
E tguair me rebütta.
Perche eschat 'sehe bella,
Cha eu as sto aniar,
Perche uscbe crudella
40 A uo 'm Mair acceptar?
Che 'vais vuglü plajar
Meis coiir flu sülla mort,
E uossa uou 'lais dar
Usche ingüu cuflfort?
45 0, sajat vus main bella,
Ch' en 's possa bandunar,
0, sajat main crudella
E vögliat mai pigliar.
Meis com- usche suspüra,
50 Cha vals e muuts respuomiau,
E nou poss plü sofFrir,
Ah, ha pati avuonda.
Schal vus da mai pucha
Non 'laivat s' laschar gnir,
55 Schi 'm vezzaivat qua
Crodar gio e murir.
Plau, plau, 0 giuveu char,
Nou 'vais zuoud brich radschuii
Usche da 's almautar
60 D' meis cour, chi als taut buu.
In mai uou 's po chattar,
Sco vus qui tgnaivat plant,
Chi 's fetsch' iuamurar
In mia persuua tant.
65 Pro quai, scha eu savess,
Chi füss sinceritä,
Schi tschert recognoschess
L' amur, cha tguais povta.
4*
52 Volkslieder.
Eu uon podaiva crair
70 Vus 've8sat taut' amur,
Siaud ch' eu sa pelvair
Dels mats lur van' amur.
0, scha meis cour avess
'Na fnestr' a guardar aiut,
75 Schi aint ia quel 's vezzess
Decli vaira realtä.
Quant ch' eu as am savaivat
Con fai, siuceritä,
E vus per quai am daivat
80 Vos sdegn e crudeltä.
Ed eir s' tgnand eu tenta
Dschais vus saimper na,
Eu uon sun marida,
Usche 'm vais minchiinä.
85 Pertant vögliat guardar,
0 vus chars mattuns,
Cha vus con marusas
Non sajat massa buns,
Eu ha prova, poss dh',
90 E 's vögl eir avisar:
A commod vögliat ir,
Na massa festiuar.
Eu con meis tramagliar
Daudet voliand ir,
95 Ha savü marusar.
Cha tuot ha bain da rir.
Non stovais brich s' impissar
Mattaus da snarrantar,
Ellas sau as deparar,
100 In tradimaiut manar.
0.
(Aunalas XI, Vital, p. 173.)
Con grand dalet her saira
Giand our a spassegiar,
Crajand chi füss pel vaira
Da vair meis amur char.
Volkslieder. ' 53
5 Per strad.'i, cha eu giaiva,
Rösiuas bellas fluors,
Per strada incontraiva
Da tuottas sorts coluors.
Baiavguüda, vws chara bella,
10 Baiuvgnüda da quistas varts,
Quinta' ni ün pa la causa,
Cha giais iische tard a spass.
Rösina, bella matta,
Chi' m fa suvent larmar,
15 Seis cour ha' la da cj*appa,
Non' s voul laschar laragiar.
Sia fatscha ha' la dad auguel,
Seis cour ais dür sco crap,
Bell' ais 'la saiuza macla,
20 Cliariu tuottafat.
Ach, scha que füss il vaira
Ils pleds vus quia tschantschais,
Turn and doman a saira
Sarat vus cousolä.
25 Adieu, charissma niia,
Impegn lasch eu meis cour,
Turnand doman a saira
Sara 1' istess tenor.
20.
Una otra chanzun per fer funer fuot las fanestras a fa marusa
o Vera a fia baia.
[f. 13bj (Nach Ms. Pont.)
Uu bain m ftovais fer,
inandret da zeter,
fchi t vülg eau paier,
eau fto cun vufs,
5 eau uofsa palvara
al" der cun fuuer
una buma I'ara
54 Volkslieder.
A quela, vus bela,
chi m 0 ftret lio.
10 fum qui arive,
da dot fü funel
vuf bela, o quela,
chi m fais pener,
I'clio vus durmi, fclii avri
15 voafs ölgs a tadler.
Perfuna, eau fune
da vufs brichia eistra,
villi fer funer
fuot a vofas fnestras.
20 cunfcbiant il tormaiut,
f vüli fer da mia cour;
tadle sü, fe bain, vUlgias acatcr!
[f. 14^] Dulur, ö dulur!
Chi nou as po dia or
25 per üiia ufia fina,
Gratiusa et uscbia beleta,
per quela uschia fuleta
fuspire in fina la mourt.
Quela ais d uoaf paias
30 La plü nübla e bela,
fumaglia il fulalg
dal dret et ot tschiel,
beleza, fchco fveza,
pur quela ho tuot,
35 nun meuchia a quela fraug Uuguot.
in vuf nun s po chiater bricha zuond,
bricba maungel, o cunzet da quaist muoud !
0 gilgia! liuuilgia sto fuefa loder,
nun hoe chiato in vus d'afs blasiner,
-10 Persuma, curuna
da las iuvintschelas.
fche fina regina!
eau faiut aindadains
na grauda calur,
45 eau ard, fchia iutard
d af dir mia dulur.
Volkslieder. 55
vUlg gnir, f vülg dir, cho vus m vais plaio
cLii Ib, Icliia piatct iu vul' liiola cliiato.
0 cbiera; tadle mia dolur,
50 per vus, chia eau fto
patir grand tormaiut.
rf. I4'*l Pchio (' lasche uns giiir da mia dolur,
piglie fü a me, voafs chlor (crvitur,
cum rae faro quel temp usia bum,
55 chia posa vair vofsa
dschautila perfuma.
Tu funeder dusts fo tuuer,
vo pur iuquelche loe aiut
et di la ad ela mia dolur et tormaiut,
60 fchia pchio ue plet non s vol laser guir,
fchi ftova darchio cruder et morir.
Clareza eau vetz del di, chi apera,
adia, adia, cun me ftov turner,
eau bain per paina
65 f lasch quia mia cour.
Chi o bela marusa,
Quel po baiu falegrer,
et chü nou ha ünguua,
Quel gia a la chiater,
70 Quel, chi Don ho marul'a,
Quel fpeta enchia ü[u] po,
Dia deta a tuots, chi and brameu.
21.
a.
(Flugi I, Volkslieder, p. 58/60.)
El: Quaist ais uossa la prüma saira
Ch'eu veng qui a tramelg tiers te.
Ella: Leivast guir pü bod.
Che füss quai stat, scha füss guü plü bod.
5 E nu'm avessast lascha gnir aint?
— Leivast provar.
5t) Volkslieder.
Sclja vess provii e nuu vessast lasclia.
Schi vessast tu guU la raschun.
— Hast rabgia?
10 Che füss que, sclia rabgia ch'eu vess?
Schi pudess eau baiu cridar.
— Che giavüschast ad el?
Eu less chia'l fuoss gio'l fuond dal mar,
E ch'eu mai uu'l vazess plü.
15 — E a mi, che giavüschast?
Eu less tu fuossast süu üna bella plazza,
E ch'eu t'vazess irainchiadi.
— Che vessast Iura?
Sch'eu t'vzess iminchia minchia di
20 Schi'm pudess eau adüna allegrar.
— Va, a Dieu.
Schi sta a Dieu, üuguotta in mal,
Eu e tii mai nuu ans vezaius plü.
b.
(Aunalas XI, Vital, p. 220—221).
El: Quaist ais bain la prüma, prüma saira,
Cha eau a ti poss vair.
Ella: 'Laivast guir pü bod!
El: Che füss que sto^ seh' eau füss gnieu pü bod,
5 Nuu avess pudieu guir aint.
Ella: 'Laivast pruver!
El: Pruvo he bain, ma tu liest la radschuu :
Ve gio, lascha 'm ir aint!
Ella: Che voust fer quiaiut?
10 El: Eau vögl be at salüder da cour, da cour
A te charissma amia.
Ella: Eau nun he buouder da tieus salüds.
El: Eau se bain, cha tu est steda hersaira
Cun ün (tter a tramegl !
Ella: Hest rabgia?
Vülksliedir. 57
15 El: Schi, cha lic rabgia, 'in fo mel il coiir:
0 cbera^ nu i\\ fer pü que.
Ella: Na, sgür brich.
El: Nii'm fer pü que, nu 'in fer pü que,
Fin ch' eau tar üu' otra vegn,
Ella: Schi vo!
20 El: 0 schi sto in Dieu, inguott', inguott' in nacl,
Scha eau nu 't vezzess pü.
Ella : Istessamaing eir eau.
El: Eau v'less, cha tu füssast in üua bella plazza,
25 Cha t vezzess imminchadi.
Ella: Eau v'less, cha tu füssast gio'l fuouz, gio '1 fuouz del mer,
Ch' eau nun at vezzess pü.
22.
a
(Fhigi, Volkslieder, p. 60.)
„Guardai mia marusa,
L'ais our in quella prada,
L'ais our in quella prada,
E tu mil'hast pigliada.
5 La mia marusa ais alba,
L'ais alba be sco'l sal,
Cha a la far gnir cotschna
Voul vin ün grand bocal.
La mia marusa ais uaira,
10 Pü naira co'l chiarbuu,
Cha a la far gnir alba
Voul aua da savuu.
Pur spetta, meis cumpong,
Tu m'hast fat üu grand douu.-' —
15 „Uoi, schi nu sa che far:
Schi nozzas voelg at dar."
,,Eu vless plü jent sentir.
La vera a murir,
La vera gio la fossa,
20 Co cun tai far uozza."
58 Volkslieder.
b
(Aunalas XIV, Vital, p. 212,5.)
Guardai, co ma marusa
L' ais our' iu quella prada :
Ün oter mal compagu
Ais gnü e 1' ha pigliada.
5 Compagn, tu mal compagu,
Tu hast tut la mia chara;
Con tauta marusada
Tu est gnü e 1' hast pigliada.
Pur tascha, ineis compagn,.
10 Ch'eu't fetsch gnir a mas uozzas.
Plü gent ir alla fossa,
Co pro tai ir alias nozzas.
Plü gent vair a 't sepulir,
Co at vair a spusar:
15 Plü gent ir alla fossa,
Co pro tai ir alias uozzas.
Chi spia, quel sa,
E chi piglia quel ha:
Sun it e r ha spiada,
20 E tu est gnü e l'hast pigliada.
Qua ais sco ün bap,
Chi ha be ün figlia:
El guarda sü per quella^
E vain ün oter e la piglia.
25 Que ais sco ün raat,
Chi ha be ün marusa:
El guarda sü per quella,
E vain ün oter e la spusa.
0 matta. bella matta,
30 Tu hast bain üu' alba fatscha,
Tu hast üu' alba fatscha,
Mai 1' ais dscheta sco la glatscha.
La glatscha, quella leua,
Ma 1' amur, quella uoo 's perda.
Con tanta marusada
Tu est gnü e 1' hast pigliada.
Volkslieder. 513
c.
(Annalas, XI, Vital p. 174|5.)
Pur spetta meis compagu,
Fü in' hast fat üu graud dau,
Da tauta marusada
E tu am l'hast pigliadal
5 Uoi, sclii uou sa che t'ar,
Schi nozzas at vögl dar,
Da quai non t'sa ingün gra.
Pur lascha'm in raa cha!
Voless plü gugent sentir,
10 La vera a morir,
Sa vera a spartir,
Co con tai ir e guir!
Voless glü gugent be uossa
La vera gio la fossa,
15 La vera gio la fossa,
Co cou tai a far nozzas.
23.
(Flugi, Volkslieder, p. 62.)
Cur cha eu spusa sun, che dessa fer?
Arir nun poass'eu brich, crider nun poass'eu fich,
Che dessa fer?
„Ta bella grazchia, tieu charigu tschautscher
5 Ais sto la causa da'm inamurer."
Quel mieu ster-legier-cour, quel uuu ais c6,
Cha'l ais dalöutsch davent e stu ster 16.
Ma cur cha'l vaiu. schi maiua el da'm vstir
Saida o vlüd, que uuu se eau da's dir,
10 11 mieu ster-legier-cour quell ais rivo,
Da'm fer im vstieu cha el ho purto.
El m'ho cumpro da'm fer üua gauella
Garnida intuorn cuu'na figna cordella.
El m'ho cumpred'üu bei per d'urachins,
15 0, chi stragliüschan be scu cherubins.
El m'ho cumpreda eir auels d'diamant,
Chi eir stragliüschan scu'l sulailg briglant.
60 Vulksliecler.
Aiiucbia duos sairas voul el fer suner,
Per ster alleger e cuu me suter.
20 Mo eil allegra que uu poassa ster,
Schinä mieu cour quel stuess be schluper.
Ed eil que co uu siios(,'hia brich dir our,
Scbiua vess eil merama grauda dulur.
24.
(Flugi, Volkslieder, p. 72—78.)
„Ajo, CO cbi boEFa,
E soffla d'iutuoru,
Ajo, CO cbi uaiva,
La uaiv svoul'intuoru.
5 Tant spert co ch'eu possa
Voelg provai dad ir:
Ell veug-, 0 tu cbara:
Cbe am pe seguir?
Eu tem cuu radscbun
10 Chi uun saja avert;
Chi sa sch^ella avra
Siaud uscbe tard?
Eu veug cuu algrezchia
Alla porta a pichar,
15 La mia chiarischma
Vaiu our a guardar.
„Chi picha iische tard?"
0 tu chara vusch!
Pur ve gio e derva,
20 Teis mar US es dschtruscb. —
Mo iuua ais la strada?
Mo Dieu ! scha'm pardess 1
E pro mia chara
Rivar uu piidess.
25 Ach ua, ach na, Segner,
Aiit saiast ludä,
Chi's vezza la chasa
lugio ella sta." —
Volkslieder. 61
Siaad üiizacura
80 Nel lö arriva
Lu porta avevta
Ha el la cliiatta.
Rivet aiut in stüva,
Guardet cun amar,
35 Süu sia chiaritia
Chi sta cuu shipur.
Sü dal muline
Per al dir baiusant
Mo el la brauclet,
40 E bütschet daluu.
„Mo di'm, tu mieii char,
Mo di'm la vardat,
Che t'ha commovü
Da gnir usche tard?
45 Chi t'ha commovU
Da gnir usche tard
In quaista burrasca
Pro mai a tramalg?"
„Be tu, o chiarischmal
50 Ch'eu sto confessar
La graudissma amur
Chi'm voiil consümar.
Be tu est ma vitta,
Tu füssast ma mort,
55 Sch'tü schessast: „banduna'm
Tschercha Una otra sort." —
Anetta disch Iura:
„Nuu tmair, mieii cour char,
A saimper e saimper
60 Vegn eii at amar.
Co est il mieu mann,
Co est il mieu cour,
Eu sgiür sun l'Annetta
Chi t'ama trasour." —
(^2 Volkslieder.
65 Co tschaiüten insembel
Qnist per dad amnr,
E giodan insembel
L'algrezchia in lur conr.
Eis laschan clii scbbischa
70 E boffa d'iutuoru,
E stan aiut in stüva
E s'branclau iutuorn.
25.
(Annalas XI, Vital, p. 211.)
Gnö, gnö, quista flur,
Chi deriva dall' amur,
Ed eir vus, chi la pigliais,
Saveros baiu co cha stais,
5 Ed eir eau, chi eil' as dun,
' Savaregia co cha stun.
Quia mattas e vus mats
Sün vos dalettaivel plaz
Sun eau gnieu a 's aviser,
10 Cha uu 's dessat marider.
Chi voul bella vit' as der,
Stil fer sainz' as marider.
E chi voul per otra via,
Quel pur drizza compagnia.
26.
(Annalas XI, Vital p. 194/5.)
Ils tschels, quels cuschidran
E plandschan con me,
Veziand la desditta,
Chi 'm disch con tel fe.
5 Non hegiast pü spraunza.
Nemaiu t' impisser,
L' ais fatt' la savraunza
Dels cours uschfe chers !
L' solagl, quel s' ins-chüra,
10 Splendur non ais pü,
Veziand la clerglüna
Con led revesti.
Volkslieder.
Las stailas be croudan,
Ils flüms dvaintan lass.
15 11 fö ai? consüma,
Veziaud ün tal cas. ^
Ma terra be smora,
Frautuna con led,
Veziand la tristezza
20 D' im cour usche uet.
Ma '1 Deis della grazia
Ho que ordiuo,
Faud iina tel pleja,
Chi guarir non 's po.
27.
(Annalas XI, Vital, p. 191'2.)
Eau vögl baiu alla mia bella,
Ed ella voul bain a me,
Cha nel muond uon ais co qiiella,
Chi plaschair am poss' a me.
5 Nus vivaius iu allegria
E plaschaivla uuiim,
Ch' eau uou saiiit otra tadia
Co dal temp, ch' eai; la baiiduD.
Dals tramegls ais' 1' amatura,
10 Ma neir eu inguotta maiu,
Cha '1 tramegl vo tuot suotsura,
Cur cha aus duos sotaiu.
Cur sun cou üu' otr' in tras-cha
Schi 'Is ögls m' ho '1' adün' addöss:
15 Ma neir ella me non lascha
Dad üu oter tucher 1' öss.
Cur ch' eau la guard in fatscha,
Schi guard' eir ella fich süu me,
Cha scha mieu cour füss eir glatscha
20 Schi alguer stuvess el perque.
Cur cli' eau la guard iu fatscha
A vair sieus bels ögls nairs,
Schi mieu cour foura aint,
Chi chi prova sto bain crair.
64 Volkslieder.
25 Cur chi vain la generela
Cuor in presch' a la piglier,
La compagu iufin süu s-chela
Ed. in stüv' am lasch' 1' entrer.
Ed allo, eh' ingün non sainta,
30 Fains discours da grand dalet,
Cha uoss cours be vi s' alguaintan
Per r amur e vair äffet.
S-ch' üu colomb ais ella prusa,
Inuozainta s-ch' ün ague,
L' ais plaschaivla, F ais baudusa,
35 Spür amur e spüra fe.
Dsche 'm dimeoa, seh' üua tela
Non ais degna dad amer,
Ad üu' orm' usche sincera
40 Vögl gugent mieu cour duner.
29.
(Annalas XIV, Vital, p. 209/10.)
„Ste a Dieu, ch' eau vegn davent :
Eau pigl cumgio, ma ua gugent.
Uossa nun poss plü surtrer,
Que ais que chi 'ra fo 'mpisser.
5 S' iugrazeh a tuots in generei
Da vos cherin ed eir bun tramegl,
E cha m' hegias eir perduno,
Scha füss sto ün po sundro."
„Gomplimaiuts plü nun ste a fer,
10 0 cha 'ns fessas plü a da eher,
Da rester aunch 'ün po acquia
E giodair uossa cumpagnia.
E scha que nun po scuntrer,
Schi volains eir giavüscher
15 Ün felice e bun viedi,
Cha Dieu osta da tuet cuntredi.
E cha Dieu as fatscha la grazia.
Da turn er darcho in patria,
Per podair lur' ans chatter
20 Tuots darcho in buna sandet."
Volkslieder. 65
30.
(Annalas VI, Derin, p. 53/4.)
Giavüsch la buna saira
Charischraa matta bella
Ell fich giavüsch pel veira
Da sezer jo spar ella.
5 Bainvgnü persuna cbara
Baiu jeut eu as vez vguond
D' algrezia singolara
Meis cor va raovantond.
Eu less ruvar vus bella
10 Scba 'm fessat im pa d' larg,
D' am sezer jo sper ella
Da vossa dretta vart.
Vo dumondais liceuzia
Licenzia's vögl eu dar,
15 Vossa bella preseuzia
Po chöutsch quai operar,
Süu la liceuzia datta
Am vögl eu qua tschantar
Sper vo 0 bella matta
20 Eu 's rov d' am perduuar.
Ingüua perdunanza
Vaivat da dumoudar
Vossa bella crajanza
Laivat usche mossar.
25 Scba dascjbess a vo bella
Una chosa dumoudar,
Siond eu suu qua sper ella
Vos man uan da piglar.
Vo bei scba as degnaivat
30 II meis man via da tor
Schi la licenzia vaivat
Dun via da bun cor.
0 buna sort, fortüna
Ch' eu n' ha d' alejer star
35 Vossa bella persuna
Vögl havair dumondd.
Romaniaelie Forscbungea XX VII. 1.
6(5 Volkslieder.
Seh' eu daschess a vo bella
Meis cor apalisar
Schi üua chosa ad ella
Vuless cu declarar.
Vo bei in confidenzia
Podai 'vos cor slargiar,
Haiat brich dubitanza
Ch' eu svögla SDarantar.
45 Vo bella ma niarusa
Eschet iufin a qua,
Uossa per mia spusa
S' vögl havair dumonda.
0 che gronda dumonda
Cha vo vai' fat a mai,
50 A mai para bain gronda
Pero nu snai eu quai.
Mes cor eir coresponda
A vo 0 sar vo bei,
Da quai am fetsch grond bonder
55 L' amur ch' eu port ad el.
0 che dutscha rasposta
Vo bella am daivat qua
Cha b^ per quist aposta
Per far quist pass sun gnü.
60 Eir la vossa dumonda
Meis cor ha movanta
Prov cuntainteza gronda
Cun vo da far raüsta.
Luug temp ch' eu 's ha amada
75 Vo bella in secret
Uossa in üna jada
Vai' surleivgia meis pQt.
Eir eu chara persuna
N'ha il meis cor cuntaint
80 Siond ch'a vo adüna
N' hai tgnü in meis imaint.
Volkslieder. 67
Vo mia diletta spusa
Uossa as poss nomuar
Chosa plü alegrusa
85 Nu' vess podü dvautar.
E vo persuna chara
Uossa 's poss dir nieis spiis
0 sort. fortüna rara
D' am alegrar ciin vus,
90 Cha' 1 tschel ans benedescha
Vulaius dir ameuduos
Cba nos fats reuscheschan
Tenor vögla da Diou! —
31.
[Nach Ms. Ql.]
[f. 14*] A spafs lefs gugieut ir
Aint in quell bell zardiu,
Chi m fa meis cour schflurir
Be scoa im balsamin.
6 Aint in quell bell zardin
N haj chiatta ün bellz thesaur,
chi es moa bler plü fin
Coa stralüschaint bell aur.
Moa üna roesa bella
10 N hay eug usche chiatta,
ßchflurida 1 ais eir quella,
scoa la flur d ün pom granat.
La sia bella visiun
Ais alba scoa la naif,
15 Meis cour quell sta in praschun,
Cur eug della m impaifs.
[f. 14^] La sia coatschna buccetta,
ilgs seis bells oelgs nairs,
Cuort mia vita taotta
20 Algretzchia chia qua ais,
Ell im sporscha seis alp maun
Da amur et chiaritat,
Meis cour leigeret saun
Zuondt subit ais dvantat.
68 Volkslieder.
25 0 tu alba roesetta,
Tu asch be scoa üu columb,
Tti esch sabgia, casta, h netta,
Tu portascb üu bun niiom.
Brick dick siü igl nuom,
30 Moa bain auter eir plü,
Ilg nuom et eir ilg pomra,
Da quai cb eu n bai udi.
Huofsa nun sai cbe far
Da tai touraunia,
35 seh eug tai sto baudunar,
Schi dvainti amala.
Par ün fingial d amur
T voelg usche dar,
Un suspür zuondt da cour
40 In bain vöelgiasch pilgiar.
[f. 15*] Sta a Dieu, noebla roseta,
Sta a Dieu, o vitta mia,
sta ä Dieu, bella plaunta,
Huofsa stou tirar via.
45 Chi quaista chianzun ha fatt,
Quaist s dig eug bain palgvaira,
Ais ün chiarin bell matt,
E s da la buna saira,
Brick dick la buua saira,
50 Moa bain eir auter plü,
Foelicitat iu tuott quai,
Ilgs duus vuo vai arfschü.
In conclusiun voelg rivar.
Nun saig, che discuorer plü,
55 chia Dieu volgia manar,
Chia nuo bot inserabel
Ans pofsan darcheu chiattar.
Tuott quai, chi ns plascha bain,
Insembel raschuuar,
60 Da cour lain uo dir.
Volkslieder. 69
32.
(Aunalas XII, Vital, p. 257.)
Mi' amada, graud' persuna
E tesori da meis cour,
Sco otra persuna ingünaj
Gilgia bella dad onur.
5 In vos sain ha rai' algi'ezia,
Avant vus tuot meis dalet,
Peneträ 'm 'vais con algrezia
E meis cour sta sün vos pet.
Eu uou ha acqui sün terra
10 Tai eguala mai chattä,
Tu amabla colombina,
Fand plaschair a teis ama.
Saj' ch' eu dorma o ch' eu vaglia,
Schi 't ha saimper in immaint:
15 Eir seh' eu sun trauri da vagh'a
At giavüsch amo ardaint.
La plü bella qui sün terra
Dess a quell' eu renunziar?
Na; que mai uon dvanteraja;
20 Sainza quella non poss star.
0 dalet, 0 coutentezza,
O char cour usche amä,
0 amabla allegrezza,
0 dutsch nom d' felicitä.
33.
(Annalas XIV, Vital, p. 211.)
Bainvgnüts eir vus, meis chars,
Vus gnivat bain dinrar:
Ma qualche giä cha gnivat,
Schi 'ns allegrain pel vaira.
5 Per vus non sun eu quia,
Ma per far la vöglia raia.
A nus volais vus bricha,
Vus 'lais üna plü richa.
70 Volkslieder.
Laschai da sa s-chüsar,
10 Schi 'lain nvxs domaudar,
AI bap 'lain domandare
E sia vöglia fare.
Dit, CO nus 'vaiu da dir,
Cha vus uon hajat da rir?
15 Schi 'lain nus dir: schi, schi,
E '1 fat ais stabili.
34.
(Annalas XIV, Vital, p. 210.)
Eu 'vaiv' üua marusa
E pro quella staiva gent :
Quella füss stat ma cbara spusa,
Seh' eu non füss it davent.
5 11s bains, ch' eu la vögl,
Quai ingüu nou po dir our:
Ma tu taschast be cbamöu
E mai non disch da 'm tour.
0, tour t'pigliess eu gent^
10 Scba teis pleds füssan da cour;
Ma eu ha 'na mala temma,
Cha tu 'm vögliast snarrautar.
0, snarrantar mattans
Mai non sun eu stat' düsa :
15 Arno main pitscbeus infants
Mai non ha eu ingiannä.
0, schi da nan teis man,
Teis mau dret sarä la fai,
E Dieu guarda sur in giö
20 E benedescha nossa lai.
Uoss', uossa ha dit schi,
Ha dit schi con meis marus,
0 che allegraivel di,
Cha quel ais stat da gnir meis spus.
Volkslieder. 71
35.
(Annalas XIV, Vital p. 22G/7.)
Eu pro vus, bella, ir voless,
Plaschair nieis 'vair da cour,
Con desideri ch' eu avess
Uossa da 's podair toiir.
5 Cha plü bell' e plü' miaivla,
Mai eu uou ha vis;
Scha no 'm pigliais, scbi eschat causa
Da'm far gnir vegl ant dis.
Char Sar vus bei, ch' eu vögl bain dir,
10 Ch' el tschercha pur utro,
Ch' el piglia quaists trais pleds a cour
Ch' eu uo' m marid amo.
Co quaists trais pleds fan mal meis cour,
Cur ch^eu m' impais quell 'ura,
15 Cur ch' eu crajaiva be da 's tour^
Stovair murir ant ura.
Char Sar vus bei, ch' eu 's vögl baiu dir,
Cha be con üna botta
Non croud' a terra brich ün lain;
20 Usche ais la resposta.
Buua saira, o vus bella,
Eu sun darcheu turuä,
Scha '1 vos cour iudüri,
Quel füss üu pa laragiä?
25 BainvgnU, charisani' ami,
Acqui in chasa mia,
Schi stovera eu crajer.
Chi saj' ordina da Dieu.
E vus, charissm' amia,
30 Schi' s vögliat adegnar,
Quaist ane bain da pigliar,
In amur mia da portar.
Con quaists duos pleds fiuescha,
Cha Dieu ans beuedescha;
35 Con quaist volain finir,
Cha Dieu' ns vöglia benedir.
72 Volkslieder.
36.
(Romanische Studien I, Flngi p. 335.)
Tagle, VHS mattas beilas,
Che eh' eu s' völg declarer :
0 ch' eu s' banduu a tuottas,
E veug iu ma chesa a ster; 0 faliolela.
5 Que chi 'm fo cuort' urella
Que ais be ün chalger. 0 faliolela.
Dalet uu poss avair
E neir brich contentezza, 0 faliolela.
Scha eu nu poss claraer:
10 Ve no mieu eher chalger! 0 faliolela.
Eu d' he iu mia vita gieu
Quarauntatschinch marus,
E me nun he pudieu chater
Uu usche bum chalger.
15 Da baiver a nus uu mauucha,
Viuars ed eir buu viu,
Per saimper legers ster
A me ed a mia eher chalger.
Cafe quel duma amvessa,
20 E michia e pauu frast^h ; 0 faliolela,
0 cha que ais üu buu maugier,
Per me e per mia eher chalger. 0 faliolela!
37.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 332.)
Eu veug pro te, mia eher amur,
Per esser cousolä;
A tai am eu da tuet meis cour
Uoss' ed a saimper mä.
5 Fam esser tii eir üna flur
Süu teis giuveu fraisyh cour,
Accio cha mia buu' amur
Nun giaja pro la mort.
Fam vezer tu tia buu amur
10 Inversa da meis cour
Parche ch'^eu 'm possa gloriar
Dad esser teis marus.
Volkslieder. 73
Allura v'ölg eir eu chautar
Cuu te dad im bun cour,
15 Accio nus possaus ins amar
Infina uossa mort.
Voust tu gnir q\\\ e cunfirmar,
Meis cour quel ais containt;
Sta sü cuu auimusitat,
20 Retschaiva tu meis mau.
38.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 321.)
Eu vaiv' üü mail cotscheu rösiu,
Ha tut e r ha mis sün meis scrin.
E cur cha 1' an füt passantä,
Schi 1' ha eu Iura gio pigliä.
5 Ha tut ed ha parti in dus,
Ha dat ün toc a meis marus.
Ha dat eir part da seis manzin,
Schi cresch' in el ün bei zardin.
Ün bei zardin cun bellas fluors,
10 Chi sun da totta sort culuors.
La saviala cun seis odur
Be SCO dils mats lur foss amur.
Las rösas eir con lur savur
Be sco d' las mattas lur colur.
39.
(Annalas XIV, Vital, p. 229.)
Ed eiran duos compagus,
Chi Vaivau üna marusa:
Uoi, e r ün e 1' oter
La 'laivan per spusa.
5 Uoi, e d' ün as sainta,
Ch' el va be la daman,
Uoi, e r oter va
La saira be plan plau.
74 Volkslieder.
Uoi, süu il buüdi,
10 Meis dutschissem cour,
Sun be gnü a verer,
Scha vus am 'laivat tour.
Vus eschat massa tard,
Ha fingia fat la faira,
15 Chi ais stat üu oter
Compagu be her saira.
Uoi, que sarä stat
Be quel il mais compagn,
Ai, schi güst sün quel
20 Neu ha ingUn permal.
Säst, meis char compagn,
Eu vögl at dir il vaira,
Ch' eu la ha tutta
Be iii dumengia saira.
25 Be in dumengia saira
Alla bella clerglüna,
Ai, e stuu sün sprauza,
Ch' ella am dura adüna.
Säst il meis compagn,
80 Co ch' eu 'm chat inrücla,
La tala e tal' matta
Dad avair pigliä.
Uoi, ella non sa
Ne cusir, ue filar,
35 Nemain ir sül fuond
Eir a lavurar.
Non la sa far oter,
Co Star in cuschina,
Uoi, ed ir gio 'n schier
40 A stordscher la spina.
40.
(Aunalas XI, Vital, p. 188.)
Buna saira ! Vegn a faira
Tiers vus giunfras bellas,
Chi stais tschautadas süsom baue
Cou VOSS marus col man in flaue
5 A discurrir con eis.
Volkslieder. 75
Chi eschat vus? Chi eschat viis?
Usche ün bei compagn,
Chi saglis con üu tal sforz,
E mettais il chape tort
10 E spruns eir alla moda?
Eu sun ün figl, baiu geutil,
Dad üu merchadaut;
Eu veud surplius, peidras da fö,
Bulai ed oter a meis möd,
15 Cha bazs a mai non raancan.
Ün tal commers non po guir smers,
Con tantas merchanzias.
Vus' vais radschun da 's gloriar,
Mats e mattas d' ingiannar,
20 Que ais raba da rier!
Da far ün spass da bels mats
Sun eu eir bain capabel,
Ad ir in Frantsch' e Piemont
E dar ün sagl per tuot il muond,
25 Turnar a chas' ün äsen!
41.
(Annalas XI, Vital, p. 194/5.)
Ils tschels, quels cuschidran
E plandschan con me.
Veziand la desditta,
Chi 'm disch con tel fe.
5 Non hegiast pü spraunza,
Nemain t' impisser,
L' ais fatt' la savraunza
Dels cours usche chers!
L' solagl, quel s' ins-chüra,
10 Splendur non ais pü,
Veziand la clerglüna
Con led revesti.
Las stailas be croudan,
Ils flüms dvaintan lass,
15 II fö as consüma,
Veziand ün tal cas.
76 Volkslieder.
La terra be smora,
Frautuna cou led,
Veziand la tristezza
20 D' üu cous usche net.
Ma'l Deis della grazia
Ho que ordino,
Fand üna tel pleja,
Chi guarir uou 's po.
42.
(Annalas XI, Vital, p. 203—208.)
O tu bei fittamaint,
Sta a Dieu, tu ed ils teis,
Ch' eu siiu intenziouä
E m' ha resolt aqua
5 Dad ir davent.
0 tu il meis 'sehe char,
Schi che raa t' po raancar,
Cha tu voust ir davent
Usche dandettamaing:
10 Da 'm ad iucler,
Vögl bella vit' am dar,
Seh' eu sun eir maridä.
Plü bön CO ir sudä
Non poss eu chattar qua;
15 Non vögl plü Star.
0 char, perche fast quai,
Voust ir davent da mal:
0 tu il meis 'sehe char,
Schi clie ma t' po mancar,
20 Da trar davent.
Non säst, co cha'ls mats fan?
Cur ch' eis tut üna hau,
Tscherchau da la snejar,
Per chi possau mütschar
25 E trar davent.
Völkslieder. 77
0 char, o char cour char,
Dien t' vöglia bain müdar,
Clia tu possast star qua,
Con mai far nozzas bod,
80 Viver cou mai.
Scha eu stovess qua star,
Schi stess eu lavurar,
Sco chi fau quels grauds nars,
Aint in mias süors
35 Mangiar raeis pau,
Tnguott' hast qua da far,
Nemain da lavurar;
Qua poust tu spassegiar,
Cou ils signuors mangiar,
40 0 char, sta qua!
Dalet ha eu plii grand,
Cur chi 's oda sunand
Las gias culs archets;
Trombettas !ou cornets
45 Fan m' allegrar.
Qua vaiust tu bain a vair
E vaiust zuond fich a 't tmair,
Giand oura d' ün chanun
Con fö 'na balla d' plom,
50 Va tras a tai.
L' schlupet sbarrä, dal bun,
Non tem brich ün chanun;
Eu am defender vögl
Incunter 1' inimi
55 S-ch' ün grand barun.
Non t' impissar, tu char,
Cha tu possast sbarrar;
Con temma stast tu qua,
Bain bod^vainst tu plaja;
60 Non rissiar.
78 Volkslieder.
Schabaiu ch' eu gniss plaja,
Schi meidis s' chatta lä,
Chi sau perfet medgiar.
No 'm vögl brich stramantar,
65 Vögl far tschessar.
Non bau brich tuots la sort
Da meidis gnir 'sehe bod
Perfettamaing medgiats,
Restau zuond blers strupchats
70 Fiu alla mort.
Meis patrun ais ün hom,
El porta üu grand nom,
Wachtmeister ais el stat,
Ed eu am ha fina
75 Per seis suda.
Eu vögl pajar per tai
E dar tuot quai, ch' eu nai,
Be cha tu stettast qua,
Nou giajast brich sudä,
80 Vivast con mai.
A qui nou vögl eu star,
Schi stess il muoud custar,
Ch' eu ha impromiss del buu;
Vögl far d' ün brav compagn,
85 Tender quai tuot.
Non poss brich con rovar
Inguott' eu our drizzar :
Scha tu voust baiu star qua,
Schi vögl a tai bain dar
90 Tschinch milli rentscbs.
No 'm far brich' inrüclar,
Uossa ha eu impromiss;
Seh' tu 'm dessast tuot il tieu,
Eu non stun plü aquia,
96 Nou rovar plü.
Volkslieder. 79
Non güda cou rovar,
Dieu 't vöglia perchürar.
Non voust tu tour cmngia
Da teis amis aqua
100 Ant CO ir daveut?
0 „b'hüet di Gott" di eu;
Che dess a tai curaprar?
Baintscbert qualchosa d' be,
Vögl eu cuinprav a te:
105 Di quai tu voust.
Seh* tu voust cumprar a mai,
Schi cumpra 'm üu bei cranz
Da bindeis albs e uaii's.
Da dar alias mattaus,
110 Chi 'm possau dar.
Quaists pleds no ^m van per sen,
Quaists pleds no'm piaschau bain;
Di' ra tii, perche fast quai,
Voust trar daveut da mai :
115 Che voul que dir?
Quai voul bain maniar,
Ch' in spazi dad ot dis
Poss eu daveut tirar
Ed aint in tschel rivar
120 E la chantar.
Ah, laschast usche fich
Da mai increscher uossa?
Voust tu murir per quai
Usche dandettamaiug?
125 0 na, o na!
Non lasch increscher brich,
Pur va tu bain dalöntsch;
Pur cha tu giajast sü
E mai non tuoruast plü;
130 No'm menziouar.
80 Volkslieder.
Eu uon di quai per led,
Ch' eu ha '1 plü graud dalet
Tu compagnia dad ir
Cols meis 'sehe chars amis
135 Per meis plaschair.
Amis seh' tu voust chattar,
Schi va cul bander al
lu Hollanda del bun.
Tschert üna cuUa d' plom
140 Va tras a tai.
Ed el la respondet:
Pur hajast ün pa d' spet,
Cha in term dad üu an
Tuorn eu darcheu dal bun;
145 Pur va la sü.
Na, tu non tuornast plü,
Quai ch'eu a tai bain di.
Quant bod tu est \k aint,
Spaudast sang innozaint,
150 Non tuornast mai.
Sün quai el ais tirä,
In Frantsch' ais el rivk.
Quantbod ch' el ais stat aint,
Schi ha '1 fat testamaint,
155 Rendü sü '1 spiert.
Eu di a vus, chars mats,
Non giajat mass' a plaz,
La laschanti' as fa
Impissar d' ir sudä
160 E trar davent.
Scha sudats volais eutrar,
It ant CO 's maridar;
Perche vus'vais vis qua
Bain co chi ais passa
165 Con quaist compagu.
Volkslieder. 81
43.
(Annalas XII, Vital, p. 247/8.)
Nou ais que possibel quia,
Cha tieu coiir possa s' lamger ?
Non cognuoscbast la fadia,
Ch' eau per te stögl indürer?
5 Ach, chera, dutscha bella,
Poust esser tauut crudella
Vers da ine, chi nou aspir,
Co da't plaschair o da murir?
0, öclii cognuoscha dimena,
10 0 ma vit' e mieu cour eher,
Ch' eau soflfresch per te 'na paina
Ch' üngün me po s' impisser.
Ah Dieu, scha tu savessast
Ed aint in mieu cour vezzessast
15 Tuot l'excess da mia dolur
E da mia smcer amur !
Schi del sgür, cha tieu cour eher,
Vzand, ch' eau sun usche sincer,
S'alamgess e'm dess cufFort,
20 Non podiaud pü resister.
Perche flamma pü püra
Non ais nella natura,
Co quella, chi ais in me,
Chi 's consüm' usche per te.
25 A mieus gienituors ingrazch eau
Qui nel muond da'm avair miss;
Ma da te dependa uossa
II restante da mieus dis.
Dutsch ogget da mia vita^
30 Fo dimena, cha eau viva!
Con Im pled porto dal cour
Fo 'm reviver e do 'm cuffort,
Non prolungunar pü quia
Que momaint taunt giavüscho,
35 Chi t' unescha cul cour mieu
Ed am reuda fortüno.
Roinauiscb« Forscliuugen XXVII. 1.
82 Volkslieder.
Avra tia buocha bella,
Gha mieus giavüschs sajan complieus,
Gha noss cours sajau unieus!
40 Asgüreda sajast quia:
Fin cha fled in me saro,
Schi mieu cour con allegria
A te sairaper amero.
Ve, cba noss ögls ageschan
45 E cha noss cours s' uneschan :
In tia grazia fo 'm avair
Qiie suprem e grand plaschair.
44.
(Annalas XIV, Vital, p. 214.)
0 di 'm ün pa, compagnett' adorabla,
0 di 'm ün pa, scha tu est maridada. •
Non sun maridada e no 'm vögl maridar,
Per taut, o giuveu, sün mai non 't laschar.
5 Schi sta a Dien, compagnett' adorabla,
Ed alias mias uozzas sarast iuvidada.
Eu 'm part eir da quia trais nras ant di,
E las mias nozzas saran venderdi.
0 charas mattaus, dels mattuns non 's fidai,
10 Perche que ch' eis dischan inguotta non ais.
Pevche que ch' eis dischan la saira pel vaira,
Schi la daman inguotta non aise.
Perche que ch' eis dischan la saira del buo,
Schi la daman snejan sco 'Is minchuus.
15 Perche que ch" eis dischan la saira del sgür,
Schi la daman non aise pur.
Insomm' insomm, insomma, chi sun razzas buserunas,
E quellas chi 'Is crajan sun tantas lumbardunas.
Insomm', insomm', insomma, chi sun razzas maledettas,
E quellas chi 'Is crajan sun tantas mattas schlettas,
Volkslieder. 83
45.
(Annalas XII, Vital, p. 254/5.)
Eu vegu davent da cha
Tuot sconfortä
Causa ün uom bramä,
Chi m' ha il cour fura
5 Cou grand' amur.
Meis cour ais conturbla
Per grand' amur,
Meis cour anguschiä,
Dalet quel m' aii passä,
10 II sang m" ais smort.
Con suas dad amur
Sun eu lia;
Chadainas e liaras
Fermä hau ils meis maus,
15 Ah, crudeltä!
Ah, tschels, cridai cou mai
Per ün tal cour:
n solai plandschera,
La glüna criderä,
20 Hs planets per mai.
Stailas da grand' onur,
Considerai vus:
Ün nom usche ama
Am ais davent sdrappä,
25 Ah, che dolur.
Tu terra non tardar
Da portar fluors
Per allegrar meis cour,
Chi arda dad amur
30 Giand as spassind.
Neir V aua del grand mar
Non po '1 rivar ;
Ne 'Is flüms da tuot ii muond
Non pon neir bricha zuoud
35 L' amur stüzzar.
84 V^)lk8liecier.
Addieu, ah, tu mal muond
Gon teis dalet;
Mia guerra ha fiui,
Meis cuors qiiel ais compli «
40 Aint in quist muoud.
Addieu, cour char ama,
Addieu, pom desidera,
Addieu tesor !
Ah Dieu, che crudelta,
45 Barbaritä.
Guardai da uon cridav,
Larmar per mai ingüu:
II sain dessan suuar,
Meis corp per compaguar
' 50 Nel champ beä.
46.
(Romanische Studieu I, Flugi, p. 318).
„Ai schi di, tu bella! che t' impaissest tu?
Am fest inamurer, allura am laschast qui.
Fom inamurer infina cha tu voust,
Eu at di aquia cha guir mia stoust.
5 Chia possaus siner aint ed air inseramel ster
Saiuza cha quellas lauugias, chi liu uoss' haun miss mel
In noass economia hegian bger da 's masder,
Ne metter aint lur nes, ne metter sü lur sei.
0 ama chi at ama, e lascha dir chi voul:
10 Ama tu pur nie, chi tuot t' he do mia cour.
Tuot t' he do mia cour e' t dum eir ma persuma
Ama tu pur me chi me nu 't abaudum.
Me nu' t abandum, infina alla mort;
0 marusa chera! tu est mia confort.
15 Tu est mia vair cunfort da cho e da plümatsch :
0 marusa chera! ve uo süu min bratsch.
Nus vulains uossa ir sü per 1' Ingiadigna,
Üu rova il ris e 1' oter la farigna.
Volkslieder. * 85
Allura vulaius ir vi per la Bargaglia,
20 Ün rova il ris e 1' oter las chastaguas.
0 marusa chera! nu 't astramanter
Ch' avuonda bastiiuedas uu 't gnaron a mancher. — "
„Mo scha bastunedas eu d' he dad avair,
Schi ato pur a chesa; ch' eu nu 't vö pü vair."
47.
a.
Salüd del spus all' arivo in chasa della spusa.
(Romanische Stuciien I, Flugi, p. 310.)
Alla marusa sum rivo,
Avaunt sia porta m'he farmö:
„Ve gio bain spert e lascham aiut,
Scha tu fest qua schi sun containt."
5 „Chi ais chi batta usche fich?
Ais que amis o disamis ?
Da quistas uras usche tard;
Eu völg savair, uon he resguard."
„Nu'm fer ster quia ordadour,
10 Otramaing im dölg' il cour,
Ma nun vuless ch' ingiüu savess
La noss' amur la declaress.
Ami eu sum ed ami bum,
Ve giö schi vezzast schi ch' eu sum ;
15 E num cugnuoschast tu a me?
Ed eu sum quel chi araa te."
„Chera mamma, ste sü eir vus,
Ch' eu crai chi saia mia eher marus.,.
„0 schi vo giö' läse ha' 1 guir aiut,
20 E fo ad el ün bei bivguaint."
„Ve aiut tiers me, mia amur eher,
Accio ch' eu possa' t abbrancler;
Sajast bainvgnieu, mieu eher amur,
Quaist at dia bain da tuet mia cour,"
25 „0 luug mumaiut cha que es sto,
Cur ch' eu da te m'he luntauo;
Mais m' eiran ans, dis m' eiran mais,
E' m vaiu be mel cur cha m' impaiss.
86 Volkslieder,
0 dutsch momaint cha quist ais baiu,
30 Da 't pudair brancler in mieu sain,
Mia nöbla flur! mia dutsch tesor!
Tu pegn at duu mia giuven cour.
Contaiut sun eu pel cert, pel vair^
Te, bella rosa, da giodair,
35 Da tia persuna, da tia fer,
Chi m'ho fat taunt inamurer."
„„L^amur, 1' amur ais un liam
E chi ch 'il prova sainz' ingianu,
E chi chi prova quella sort,
40 Disch: 1' ais pü ferma co la mort.
Viva 1' amur e sieus plaschairs !
Viva tuot quels chi 's vöglian baiu!
Viva V amur la bella flur,
E chi la gioda con honur!
b.
(Annalas XI, Vital, p. 215.)
Alla marusa sun riva,
Infiu süu porta m' ha f'ermä.
Chi ais chi batta usche fich,
Aise amis o inimis?
5 Ami ch' eu sun ed ami buu,
Ve gib, schi vezzast quel ch' eu suu.
0 mamma chara, stat sü eir vus,
Ch' eu crai chi saja meis char marus.
0 figlia chara, sta sü be tu,
10 E fa ad el üu bei baiuvguü,
0 mamma chara dit am il lö,
luua ch' ais il battafö.
0 figlia cliara, sein guard^iutuoru,
Eu crai ch' el saja süu bocca d' fuoru.
15 Süu bocca d' fuoru ha eu guarda,
Sün bocca d' fuorn 1' ha eu chattä.
O schi ve aint, tu meis cour char,
Acciö ch' eu' t possa abbratschar.
0 schi ve aint, tu meis dalet,
20 0 schi ve aiut suot il meis tet.
Volkslieder. 87
0 schi ve aint tu meis cuffort,
Accib ch' eu' t ama fin la mort.
Con grauda brania t' ha spettä
Ed alla fin est arriva.
25 Ah, eu sun bain zuoud fortünä
A 'm vair da tai fich bain amä.
Tu, meis araur, amast a mai,
Ed eu nou bram oter co tai.
Viv' ils amants ed eir 1' amur,
30 Evviva quels, chi s' aniau da cour,
Evviv' ils coui's, chi nou hau fosda,
Evviva, chi va con realtä.
Evviv' ils mats e las mattaus,
Evviva quels_, chi portan crauzs.
35 Evviv' ils homeus e lur dunnans,
Evvivva quels, chi hau infants!
48.
(Annalas VII, Derin, p. 62.)
Masura chara damau vegu a faira
Schi dim o chara cha tu vost ch' eu 't maiua?
0 marus char scha tö vost alch mauar
Schi maina* m saida per far üu scussal.
5 0 schi la saida es fiiigiä cumprada,
Fingia cumprada mo nö j' amo pajada.
0 scha pajada ch' eil' amo nun es
Shi bütt' la via e lasch' ingio ch' eil' es.
0 CO tu tschantschast d' üua paca scorta!
10 Las mattas scortas portan tschoccas cotscbnas.
0 quella jada tli m' hast dumondada
0 füss' eu statta sün let rumanzada!
0 quella jada ch' eu u' ha dit da schi
0 füss eu statta in fond da meis uil
15 0 quella jada cha 'ns vain raiss insembel
0 füssast statta aint sül cuolraen d'Feuga
Sül cuolmen d' Fenga aint sot quella pedra
Cha eu e tu ma nou' s vossan viss plii!
88 Volkslieder.
49.
(Anualas VI, Deriu, p. 55.)
Bella dim co 1' es passada
Teis cor hast da mai retrat,
Tia atnur es rafraidada,
Che me es la causa statV
5 Non bai eu cuu üu cor bun
Vers tai fat raia obligatiuu?
Ma qualcba qiierela forsa
0 da roba o da dauers,
Ha teis cor usch^ maua
10 Sco chi es dvantä cuu blers
Vaira es qiiist sco ch' ün disch
11 dangr curaonda fich.
Greiv nun pigl eu totta via
Alla leiva vögl piglar
1 5 A chi plascha 1' araur mia
A chi nu plascha vögl laschar.
Containt stun sco ch' eu sun
Schi non saiut cridar ningün.
Schi containt sun eu adüna
20 Aint in tot meis tor a mau,
11 tschel po am dar fortüua:
Forsa hoz oder daman
As po müdar d* as müravglar
Et il pover rieh dvantar.
25 Eir scha tu 'm bandunast uossa
Ma non vögl eu at ödiar,
Meis cor saimper vers tei inossa
Tot il baiu d' at giavüschar.
Viva bain sco chi 's convain
30 Sia teis cor d' algi'ezia piain.
Eu nu sa 'm dar cuolpa ingüna
Quai stovrast tu svessa dir
Cha meis cor vers tai adüna
Ma non ha voglü guinchir.
35 Ma buus pleds e buns efets
As flisaja or d' ün cor net.
Volkslieder. 89
'M demossar stögl eu aquia
Sco cha vissa ma nun 't vess
Ma la cuolpa quella es tia
40 Dal (lefet clia eu patesch,
0 dolur quai foro il cor
As rlismetter da 1' amur.
Cun dalet pro tai eu jaiva
Per pudair be discurir,
45 L' amur perder uu vulaiva
Ma sco 'n müt stögl davent ir
Pili nuu crai dad esser bain
In teis cor scrit aint dad aint.
Perche cüra ch' eu craiaiva
50 Dad esser da tai ama
Ögladas e pleds am deivast
L' ultim sun stat ingianna,
Uossa sa ch' eu nu sarä
In teis cor ma plü amä.
55 Uossa at dun la buna not
Sta bain cun il charischem teis,
Or d' imaiut at lasch eu tot
lischt es stat vögla da Deis
Eu dscharä quai es passä
60 Usch^ es stat ordina.
50.
(Annalas XI, Vital, p. 164-166.)
Üna saira sun eau sto
In üu zardin ün po fermo;
Lb he vis, 16 he vis
0 che bellas rösas!
5 Tuottas dad ün cotschen flu,
0 che dalettus zardin!
0 che bei, o che bei,
0 che bellas rösas!
Ma staud^lo eir a guarder,
10 Tuot suspais a' m impisser,
Schi rivet, schi rivet
Üna frizza granda.
90 Volkslieder.
E quella m' ais arriveda
In mieu cour 'na tal fureda,
15 Sco üu tschierv, sco ün tschierv,
Cur ch' el vain ferieu
Dal chatscheder, ch' ais iin hom,
Tira üua balla d' plora,
Fermamaing, fermamaiug
20 Resta 16 ferieu.
Per ils gods con grand turmaint
Vo el derasand sieu sauug,
Surportand, surportaud
Tiiot la sia fadia.
25 Usche ais la mia dolur
, Tanta grauda iu meis cour!
Pover nie, pover me,
Povra vita mia!
Eu he roba, he dauer,
30 Ed üuguotta po güder
Per guarir, per guarir
La mia grand' ferida.
Chi so, scha quella ch'eau am
Ho sieu cour scu'l diamaut?
35 Nun poss pü, nun poss pü
Supporter tel painas.
0 vus chers utschellets,
Tuot svanieus suu mieus dalets,
Transportos, transmüdos
40 Sun in painas grandas.
Nun chante per allegrer
Quella, chi uu'm voul amer,
Per la mia, per la mia
Grauda disfortüna.
45 Ma tar quella vögl eu ir,
Quaists duos pleds la vögl eu dir:
Meis cour^alguer e suspürer
Sto per causa tia!
Volkslieder. 91
Eau't giavUsch lau'm der la mort,
50 Ma fo'm viver da cuffort;
Fo' ra flurir, fo' m seutir
In mieu cour algrezcha.
Scha tu uu' m voust der cuffort,
Schi giavUscha'm be la mort
55 Per glivrer d' indürer
Painas dolorusas.
Mort, o mort, ve co viciu,
A mieu viver metta fin.
Que ais der, ch' eu morir
60 Sto per causa tia.
51.
(Romanische Studien, Flugi, p. 333/4.)
Tu ast' na bocca sco' ua nekla,
Chia cur t'vez meis cour s'allegra,
Tu ast 'na bocca tanta fina,
Teis congual nun ais brich üua.
5 II s teis bels ölgs nairs,
Quels am fan inamurar,
Cura ques im guarden,
Schi meis cour sto algar.
Ils teis bes mauns straglüschen,
10 Be sco ÖS dad elefant,
Tout meis giavüschs at giavüschen,
Mo teis cour eis da Diamaut.
52.
(Annalas XII, Vital, p. 263—65.)
In cas, chi s' imbatta
Quai, ch'eu vegn tscherchand,
'Na prusa bella matta
Lura vegu eu chattand.
5 Pel vaira, pel vaira,
Ch' eu at di da vaira,
luguotta vegn spargnand
A quella da cumprar.
92 Volkslieder.
A quella cumprera
10 Zuond bei da la vestir,
E con ineis bei daner
Da Frantscha vögl far gnir
Pau fin craiuesin,
Schi eir da la vestir
15 Las sias bei las s-charpas,
Ch' la possa bin saglir.
Duos abits vögl, ch'ell'haja,
Üu blau e 1' oter nair ;
Lura la rifara
20 Ün bei büst dadoura,
Cnrschins dals plü fins
Manazins ed uracbins,
Cha cur ch' ella porta
Chi glüschera zuond be.
25 Lnra la cumprera
Eir pan dad üu libsbruch,
Liira la drizzera
Tamasc dad ün brastoc,
Eir bels ed eir bindeis
30 Ch' la mai uon ha vis sco quels,
Indianna ed eir quadrata,
Eir quai la drizzera.
Fnzöls 'na quantita
A quella vögl drizzar
35 Suainter sais dalet,
Dech schi suu bunmarchä:
Pel vaira, pel vaira,
Cha cu 'la di da vaira,
Quai po 'la baiu zuond crair,
40 Cha quai la drizzera.
Da spaisas mangiativas
Non vögl laschar mancai',
Buns pcschs e sulvaschina
Quai la vögl drizzar.
Volkslieder.
45 Sia bella donsella,
Chi serva decb ad ella,
Tiiot puai cb'cUa comanda
Sara'l qua per far.
Fintaot la buorsa dura
50 Quai la vögl drizzar,
Vin cotschen e vin uair
Dal plü bun, chi 's po avair.
Pel vaira, pel vaira,
Cha eu la di da vaira,
55 Quai po Ma baiu zuond crair,
Cha quai la vögl drizzar.
Fiiitaut cha la matta
S' couteuterä daffatta,
S' contentera da prus
60 D' avair im bei marus,
Chi la darä üii tal dalet
Con bainvoglieiitscha iuaudret.
E cur cha quai uou po güdar,
Tour üua sua e la stranglar.
53.
(Annalas XI, Vital, p. 222.)
Eau sun sco '1 tscbierv, chi ais ferieu,
Chi fügia dal chatscheder
In ün desert cuu grand dolur,
Sieu maun, chi nun voul ceder.
5 luua ch'el vo, schi ho'l nel cour
'Na frizza, chi '1 turmainta.
El vo pertuot cun sia dolur,
Sa pleja, chi '1 foraiuta.
0 quella, chi la frizz' ho trat,
10 Am ho il cour fureda:
Quella mieu cour am ho furo
Con dand qualche öglieda.
93
94 Volkslieder.
0 che ögliedas, o clie spinas
Sun in mieu cour fichedas;
15 Ma 'Is spins am füssan eir charins,
Scha füss amur sincera.
Ma tuot sieu grand dalet, cba 1' ho,
Da 'm vair a suspürer;
Perque soffrir mieu cour nun po,
20 Traunter ils torchels ster.
Uoss' am resolv d' üu cour contrist
Davent da 'm retirer
Sün ün ot munt, e di e not
Allb saimper crider
25 0 tu ma chera, che voust fer,
Seh' eau sun ardaint d' la fossa,
Schi ve almaiu a 'm compagner
Cun crauuzs e cun fluors cotschuas.
54.
(Annalas XIV, Vital, p. 222.)
Ve nan, tu meis dalet,
Da nan tu teis man dret,
Ve nan ün pa pro mai,
Schi discurrin nus dalla lai.
5 Via pro tai vögl ir,
Ma dalla lai na discurrir, ^
Via pro tai vögl star,
Ma na tschantschar da'm maridar.
Vögl ir ün an intuorn,
10 Per vair, sch'eu chat üna fluor,
Seh' eu chat üna plü bella,
Schi vögl eu tour a quella.
55.
(Nach Ms. Ql.)
[f. 15**] 0 ßöesa gratziusa,
Par tai aug fuspür,
0, staila allegraivla,
Tu esch meis thesaur!
Volkslieder. 95
5 Una friza subita
Escli tratta in meis cour,
Chia fuolla ais quella
Cuu taunta diilur.
Teis ire & teis rire
10 Im ha fatt inamurar,
Ilg tschautscbare & guardare
Im fa eil* allegrare.
Teis oelgs sua quelse,
Chi m faun inamurar,
15 Cuu laede sulette
ston eug usche trar.
Eug n haje ä taje
Eil- hier visitae,
Cuu rouse su8p(u)[ü]rse
20 suvent saludae.
0, Gilgia tsehautilla,
Nu n defsas qua fare
Cuu quell a fidel a.
Hg teis amur cbiare.
25 Tu esch quella crudela.
chi iiuu s poa dir oura,
0, marusa gratiusa,
cha hasch in teis coui'e?
Ilg cuflPortae ais morte,
30 Tu pousche, scha tu vousche,
A mai imprastare.
Ten cor ai plü dure
Coa ilg spelm dalla mare.
[f. 16«] Eug fvefse havefse
35 Sud tai fabrichiae
Culg coure una tuorre,
Et sun ingiannae.
Un crappe da fatte
Sa stoa lumiare,
40 Palg vaira d(u)[a] vaira
Usche löenck süspürare.
96 Volkslieder.
Crueza, düreza,
Chi nuu s poa dir oura,
Marusa gratziusa,
45 che hasch in teis cour.
Subita, dandette
Vöelg tour cumiae
Da tai, o siilai,
Chi esch scht]g]üir dvantae,
60 Nuu quella fidela,
Nun t ha schkiüsa plüe,
Tu hasch fatte äsche a tuotse,
Que chi tu hasch pudue.
Sta sauna, tu vauna!
55 Tu dura da tschaira
Inglur palgvaira
Nun chiattent cuugual.
Matunse k chiarinse,
Guardaje & sratiraie
60 Da Igifchas usche f'aufsas,
Ach, püir sparchiuraie
0 matse, nuo tuotse,
Vulain tour cumia
Da quellas usche bellas,
65 Chi saun schnarantar,
ludrette che fatte,
Lain nuo gio schuuquar,
Cun quellas crudelas
Brick plü tramalgiar.
60.
Üna chianzun da inamuramaintt da posval juven.
(Nach Ms. And.)
[f. 5*] Lattschana eir in pa dir,
Da CO ch in va amaun.
Meis cour quell stuva murrir,
Giont usche via e nauu,
5 stou efser eir usche,
Schi in rumpa eug ilg tscharve.
V(.lkslieder. 97
Scha nofs duos ius den 8pnralglar(e),
Da let stoxi eng scblupar,
0 staila d la dainauii,
10 Et eir tia caruua,
Eug vles ch tu ngissafs uaun
cun tia stolza parfnna(e);
pro tay les eng gient star
E ma nun s voiil adar.
15 Tia vita plafchaivla(e)
Les eug guageut amar,
Ilg bain, cli eu a tay voelg,
Nun po iugün dir oura.
Et tu taschas chia moe
20 E ma uuu discli da m tour;
A may saimpar iucresscha,
meis letd pur singroudefsa.
0 nar, chi s inamura
siiu femmnas mafsa in prefscha!
25 scbi s porfsa nauu teis raaun
Cun buna pachienza,
]f. 6*] Chia jngün a may nun sforsa,
Chieu fettscha nautra pauteuza,
Eir rir, chi pofsam maj(e).
30 Les deis, ch eu saves far,
Chi a may nun m iucrafschefs,
La les eug iugianar,
pur chia ingün nun savefs.
Eug voelg tuot laschar star,
35 I voelg cun boeu pruar;
seh ella a may nun voul,
schi la volgia blasfmar.
cun tuot, vuo bella matta,
Nun s voelgiat stramantar;
40 Bavengia, chi sa fatta,
Scha vuo laig cun maj guagiar.
Quel, chi a fatt quista chianzun,
Ais ün juven da maridar,
chi porta ün püschal penas,
45 ch eil ais ün uar da femnafs,
Da queufs chi schiatan blerfs.
Romauische Forschungen X.W'II. 1.
98 Volkslieder.
57.
Chianzun supra üna ehr... ludant chün l'hegia dumandas.
(Nach Ms. Cad.)
[f. 1^] Cun üna mata bella
He eau bgier tramaglio,
Schi s ho la trata ad ella,
que^chia nun ves piso.
5 Cun üna mata bella
Nun s po brig tramagier,
ch la s vo daluu ludand,
ch ün faia sto alla dumauder.
Ma ve, 6 mata bella,
10 que me nun daivast fer,
Ad ir ad a cusglier,
Anns CO eau ges ad damander
Per che mia marusa
He eau sü züra in tschel,
15 quel ais mieu Jesu christ,
quel pera fulet bele.
Et ma compaguia
Ls Aungels et beos,
quel ais mia allegria
20 et fpusa mia ameda.
Pertaunt fchi cradanter
am lasch cun tramagier,
Ma ella as vo ludand,
chia loia sto alla dumander.
25 Mo ella cun vardet
aque fat nun po dir,
Per taunt völg aviser,
Ch nü vöglias im prescha ir.
Ma cert ilg mieu parair,
30 ais fchi da tramaglier,
Ma il mieu fen palvair,
zuond brichia da dumander.
Volkslieder. 99
Pertaunt s po la fparguier,
Da s ir usche bravaud;
35 Perche chia eau cufaser,
Pudes eir eau quaist taunt.
[f. l''] AI muoud völg eau lascher
Bain zuond lg fieu mautir,
Mo eau am völg flisager
40 al mieu Dieu ä fervir.
Quel mia radschun p cert
Vain a fer giiir a glüscha,
Mo als mauzueders fpert
a fer ir in schUrdüna
45 Inua cbia crider,
Plaunser e grand bragir,
Sgrizcbiaud Is dains, ürler,
Alo'Ta foul feutir.
Mo schi, vus chers fidels,
50 güincbin eir dal mantir,
Scba Dus desiderains,
in tschel lo Tu da gnir.
58.
(Annalas XIV, Vital, p. 277.)
Ad üna matta bella
Ha eu lönch tramagliä,
Schi s' ha 'la trat ad ella,
Ch' eu haja domanda.
5 0 di, tu matta bella,
Devast avant spettar,
Devast avant spettar,
Ch' eu gess a' t domandar.
Lura podaivast ir
10 E con bocca piain a dir:
Quel giiiven ais stat qua,
Ed eu 1' ha tramiss a chä.
j^QQ Volkslieder.
59.
(Annalas VII, Deriu, p. 62—3.).
La buua saira, meis char spus,
Vuless tschautschar duas pleds cuu vus!
Jofaliolela jofalia.
ScLa vus Clin me Vais da tschantscher
5 Schi cun pocbs pleds as fat incler
Perchfe passond davant me her
Nun' s 'vais degnö d" am salüder?
Scha salüdeda ch' eu nu' s he
Crai baiu d' havair radschun per que.
10 0 cour mieu usche eher
Sto que propi dvanter
Cha tu stoiist ir davent?
Ajo, so, so.
Ach pudess mieu cour eher
15 Quell' ura bod river
Ch' ün gniss am s uterer
Ch' ün bei vasche.
Cuu craunz gnissast alur
Süd mieu vasche cun honur
20 Gnissast tu am purter.
Ajo, so, so.
0 cour mieu usche eher
Mieu giavüsch füss eir sto
Pudessan in ün di
25 Aus suterer.
Usche stovains glivrer
Nos plondscher tanter per
Per ans stovair partir
Ajo, so, so.
30 Schi vöglia giavüscher
Cha Dieu at vöglia der
Tuot quai cha tieu cour eher
Po' 8 impisser.
Volkslieder.
Da uo tieu mauu a mi
35 E tuocha mauu a mi
Auuz co' ns partir da qui
Ajo, so, so.
Dieu chüra, vest davent,
Ils tais saron cuutaiuts
40 Ma forsa per poch temp
Ajo, so, so.
b.
(Annalas XI, Vital, p. 216-7.)
La buua saira, meis cbar spus,
Eü v'less tschantschar duos pleds con vus.
Duos pleds con mai volais tscbautschar,
Schi con pacs pleds as fat incler.
5 Vus m' eschat passä daspera via,
Nou s' vais degua da 'm salüdar.
Scha salüdada eu nou s' hai,
Schi ha eu la radschun per quai.
Nou staivat esser usche 'ndiscret,
10 Non staivat crajer in vardet.
Eu ha baiu vis eir V oter di
A discurrir cou quel ami.
Non staivat esser üu crudel,
Vus staivat dir, chi chi ais quel.
15 Chi chi ais quel as vögl baiu dir,
Ch' el ais eir ün da voss amis.
Non staivat esser usche 'udiscret,
Nou staivat crajer in vardet.
Eu ha baiü vis eir 1' oter di,
20 Cha cou partir as vais bütschats.
Gui uau eir vus, il meis char spus,
Eu sa d' avair saimper amur.
101
102 Volkslieder.
Amä cha 'm vais que crai eu baiu,
Ma ua da coixr, sco chi' s convain.
25 Che volais viis eir oter dir,
Scha saimper s' ha amä dal sgür.
Vus crajais da ^n far il strapatsch,
Schi sün ineis cheu port il chap6.
Scha sün vos cheu portais chape,
30 Schi la baretta porta meis.
Eu sun contaiut da meis destin,
Cha 1' amur nossa fa üna fin.
Schi Buetigott il meis char spus,
In mau da Dieu as di a vus.
60.
(Annalas XIV, Vital, p. 253.)
La libertä, della giuveutüu
Ais baiu ün nöbilissem duu.
Viva la libertä, viva chi quella ha!
lutant ch' eu suu usche giuvnet
5 Vögl giodair ma libertä.
Viva la libertä, viva chi quella hal
Intanter oters üu eu suu,
Chi gioda quel nöbilissem dnu.
Viva la libertä, viva chi quella ha!
10 Neir massa bod uo 'm vögl maridar
Aint in chadainas am rantar,
Viva la libertä, viva chi quella ha.
61.
(Annalas XI, Vital, p. 179.)
Eu vegn in ma chasa, eu vegu in meis let,
E seh* eu uou ha duouua, schi dorm eu sulet.
E seh eu non ha let, schi dorm eu sül stram:
Las pennas uo' m fouran e' Is pülschs no' m dau dau.
5 E sch^eu uou ha stram, schi dorm eu sül fain ;
Las pennas no' m fouran, e stun lara e baiu.
Volkslieder. 103
62.
(Annalas XII, Vital, p. 257—8.)
Mias avaiuas sun tuot smissas
E meis cour sta stupefat,
Vezziand, cba nii' algrezia
Ais tuot vana, sclii daffat.
5 Vezziand üna persuna,
Chi desdisch d'iin innozaint,
Causa da mia vegldüna
Sto patir üu tal turmaint,
Eu giavüsch solum 'na grazia:
10 Tuottaffat da iiu 'ra desdir,
Vezziand, cha qui sün terra
Stögl meis dis usche finir,
Addieu cour, da mai amada,
Addieu cour desiderä,
15 Addieu uom usche amabel,
Addieu pom da mai amä.
Ils suspürs sun mia spaisa
E larmas meis passatemp;
Que ais scbi mia bavranda,
20 Quella ba eu da contin.
63.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 316.)
,.Be üna mogla uu po fer farigna,
Cha que voul duos clii sajeu bain parüna.
A laver pans voul ova e savum,
E a fer 1' amur voul que discretium,
5 A laver paus voul üna lavandera,
Per fer 1' amur voul que fer bella tschera.
Mo bella tschera fatsch' eu cun dalet,
Mo spraunza d' eia be dad ün sulet.
Be dad üu, o forsa eir da duos,
10 E quel chi' m guarda^ quel ais mia marus." —
„Marusa chera, di 'm d' ün cour siucer,
Che ch' eu a feira dess at cramager.
104 Volkslieder.
Voust cha' t cramagia pau da fer ün büst?
0 voust valüd da' t fer ün bei chapütsch?" —
15 „Scha tü'm voust mner, schi maina sett auels,
Ma guarda bain cha quels sett saiau bells." —
„Marusa chera, tli vest alla granda:
Nu 't atrupagiast d' üna tel dumauda?
Tu stoust pigler quels ch' eu at dum,
20 Eir scha füssan be' lutum."
64.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 334.)
Eu sto quintar,
Cun displaschair,
Cha quint ais fat
E sto valair.
5 0 charas rösettas!
Giüdam suspirar:
Las s^hiarpas sun fattas,
Viadi stölg far.
A far viadi
10 Quintai sü indret,
Stuvair baudunar
Quist bei tramaglet.
Quai am da dolur
Aint in mia cour^
15 Nu poss far oter
Cha '1 sto dir our.
S' giavüsch a tots
In gianaral,
Nai fat inqualchasa
20 Nun ajat par mal.
S' giavüsch a tots
Una buna not,
Cha Diou is mantegna
In buna sandat.
Volkslieder. 105
25 A far blers pleds
Nu sun adüsä,
Las sarimonias
Nai tuottas sclimauchä.
65.
(Romanische Studien I, Flugi, p, 334.)
Chiars mats, pigliä par böu,
Quista saira ans vaina sön,
E per quai schi volains ir
In nom da Dieu a dormir.
5 Daraan a saira pudais turnar,
Allura insembel lains leger star,
Per pudair riar e far spass,
E cun uos chiars star a tramalg.
10 E quei ais stat la velg' üsanza,
Ei, schi viva chi chi la dovra,
Ei schi viva quels chi hau
Nossa chara libertä!
Scha füs quia ünqualchün
15 Chi nu füss da noss comüu,
Schil vulainsa giavüschar,
Cha Diou '1 vöglia parchürar.
E uus vulains eir giavüschar,
Ün 'otra saira che'l possa turuar;
20 Per quista saira vulains uossa air
In nom da Dieu a durrair.
66.
(Annalas XIV, Vital, p. 209—10.)
„Ste a Dieu, eh' eau vegn davent;
Eau pigl cumgio, ma na gugent.
Uossa nun poss plü surtrer,
Que ais que chi 'm fo 'mpisser.
5 S' iugrazch a tuots in generei
Da vos cherin ed eir bun tramegl,
E cha m' hegias eir perdun o,
Scha füss sto ün po sundro."
106 Volkslieder.
„Complimaints plü nun ste a fer,
10 0 cha 'us fessas plü a da eher,
Da rester aunch 'ün po acquia
E giodair nossa cumpagnia.
E scha que nun po scuutrer^
Schi volains eir giavüscher
15 Ün felice e bun viedi,
Cha Dien osta da tuet cuntredi.
E cha Dieu as fatscha la grazia,
Da turner darcho in patria,
Per podair lur' ans chatter
20 Tuots darcho in bnna sandet.''
67.
(Annalas XIV, Vital, p. 203-4.)
In Ollanda viadi,
Sapcha Dieu, seh* eu tuorn a chasa:
Ost' il Segner da contradi
Sül viadi, ch' eu farä.
5 Dunqu' addieu, vus bap e mamma
E vus oters frars e sours:
Eu ha 'na macla sün meis cour,
E quella non das-ch eu dir cur.
Pur di oura, tu meis figl,
10 E non esser usche civil;
Scha quella macla t' poss levar,
Schi quella giuvna t' lasch spusar.
Dunqu' addieu, tli mia chara.
Tu per mai eir non cridar:
15 Scha Dieu voul, ch' eu tuorn' a chasa,
Schi a tai vögl eu spusar.
Sia ch'eu giaja o ch' eu stetta,
Schi t' ha saimper in imuiaiut ;
Eir seh' eu sun da mala vöglia,
20 Schi 't giavüsch eu ogni bain.
Volkslieder. 107
Eir seh' eu vegn con eis a baiver,
Fetscli eu fiuta d' esser aiver,
Fetsch eu fiuta d' esser stuoru,
Dschand: viva quella cha eu am,
25 Scha la spelma dvantess vigna,
E laudroura gnissa vin,
Fin ch' ais sang iu mas avaiuas,
T' amerä eu da coutiu.
Seh' eu m' iiupais sün quella saira,
30 Dis ed uras e momaints,
Ch' eu cou tai eir couversaiva,
0 che dutsch impissamaint !
0 partenza dolorusa,
Cha que ais bain eir per mai,
35 Separar d' ma chara spusa,
0 che trista chos' ais quai!
Tocca mau, til mia chara.
Tocca mau, eu vegn davent;
Tuot la compagni' am spetta,
40 AddieUj chara. e sta bain !
68.
(Annalas XI, Vital, p. 201—3.)
0 spus' adorabia,
Nel champ sun clamo:
Piglier stögl aquia
Con dolur^ fadia
5 Da te, o ma chera,
Ün trist cumgio.
Che novas crudellas,
Chi m' haun stovieu gnir ;
La Charta hersaira
10 Dad ir iu la guerra
M' ais guüda pur memma,
Ch' eau stögl am partir,
Schabain ch^ eau podaiva
Que CO m' aspetter,
15 Tuottün' in quaist etta
j^Qg Volkslieder,
Da te, ma diletta,
Schi que non crajaiva
Ua 'm stovair separer.
Dimena prepara't,
20 Pigl' auim, mieu cour!
La sort ais crudella
Da stair lascher quella,
Chi ais be suletta
Ma sprauuz' ed amur,
25 Non poss am resolver
Davent da partir;
Per 1' ultima geda
T' abbratsch, mi' ameda,
Cha '1 Seguer am lascha
30 Tiers te inavö gnir.
Per me tu non plaundscher,
Ne vögliast erider;
Radschuu bain plü granda
'Vess larmas da spauder;
35 Perche cha la vita
Stögl forsa lascher.
II Segner at chüra,
Ma chera, sto bain !
T couserva fidella,
40 Con me sajast quella
Sco m' est saimper steda
Infiu al preschaint.
Per tel rov'il Segner
Ed ura per me,
45 Ch' obtegnans victoria
Sül champ della gloria,
Bainbod cha eau possa
Turner co tiers te.
Schi, uossa con larmas
45 Nels ögls eau 't baudun,
Cun bütschs e salüds,
Volkslieder.
Saudet e giavüschs;
Da nu 'm smancher via
Da cour t' recomand.
50 Vus chers bap e mamina,
Eau stögl s' banduner:
In sandet Dieu s' lascha,
La grazia am fatscha
Bainbod cha eau possa
55 Darcho as brauclor.
m.
(Annalas XII, Vital, p. 274-5.)
Giuven sun e ha pacs ans,
Sto partir davent da qua:
In il ester sto guardar,
Co chi passa vi' e nau.
5 0 cbe miserabla vita
Ais quella d' üu viaudan,
Sül viadi brich savair,
Co chi vaiu ad ir a man.
Sül viadi bler inscuutra;
10 Ans po lur' eir arrivar,
E CDU noschas compagnias
Aus podain uus rechattar.
Cur nus giain nell' usteria,
Schi nou eschan ueir sgürats,
15 In uos dormir neir brich savaina,
Co con nus vain a passar.
Scha giains in mar, schi bler inscuutra;
Ans po Iura arrivar,
Bastimaint tras bleras uondas
20 Ans po '1 affatta cupichar.
Fetscha Dieu tras grazia sia,
Cha vus s' possat rechattar,
E con bunas compagnias
Dieu eir s'vöglia compaguar.
109
IIQ Volkslieder.
25 Ed eir sün la uossa cretta
Dieu as fetscha impissar,
Ed eh* sün la via dretta
Seis bun spiert s* vöglia manar.
II Suprem as benedescha
30 Tuot quai cha pigliais per man:
Cba VOSS fats bain reuscheschan,
Dieu as redscha con seis man.
Fetscha Dieu, cha vus s' impaissat
Sün ils VOSS chars genituors,
35 Da contin cha vus quels hajat,
Cha vus amat quels da cour.
Ma cur cha al Seguer plascha
Darcheu pro nus da 's turnantar,
Nus s' vezzaiu coo allegrezia
40 Sans in nossa patria.
Ma cur Dieu gnara tras grazia
Our dal muond tuots a 'ns manar,
La gnin nus con efficazia
Con chanzuns Dieu a lodar.
69.
(Annalas XIV, Vital, p. 212.)
II meis Star lejer temp,
Quel ais passa:
Cur eu sün quel m' impais,
Stögl be cridar.
5 Ma eu crajaiva, seh' eu
Am maridess,
Ch' eu' vess, ch' eu 'vess pel vair
Tuot quai ch' eu 'less.
Ma uossa, ch' eu sun bain
10 Eir maridada,
Schi sun tschient milli giadas
Inrüclada.
L' ais gnü davo con pleds
Fich malizius,
15 Per forza ha stü tour
Quel trid clancus.
Volkslieder. 111
Quel Dieu, chi 'm ha lia,
Vain a 'm sliar :
Devotas uraziuus
20 Am pon güdar.
70.
(Auoalas XIV, Vital, p. 272-3.)
Ed eira, ed eira
Duos cliaras compagnas,
Duos cliaras compagnunza8,
Ai, duos charas corapagnuuzas.
5 Chi 'vaivan, chi 'vaivau
Üu char marus inseiubel,
Ün char marus insembel,
Ai, üu char marus iusembel.
Ma üna chantaiva
10 Tuot que la podaiva,
E l'otra staiva trauri,
Ai, e 1' otra staiva trauri.
Compagna, compagua,
Ai, chara compagna,
15 Perche stast usche traura,
Ai, perche stast usche traura?
Pili traura cha stun,
Plü traura cha vegn:
Non lasch sieuer a tai,
20 Ai, uoii lasch sieuer a tai.
Seh' el t' ais e, seh' el t' ais e
Da Dieu ordina,
Non vögl bricha sviar,
Ai, non vögl bricha sviar.
25 Sch'el non t'ais, seh' el non t'ais
Da Dieu ordina,
Non lasch sieuer a tai,
Ai, non lasch sieuer a tai.
[\2 Volkslieder.
Qua eir' el, qua eir' el
30 Dadour üsch, ch' el tadlaiva
Tuot quai chi dscbaivan,
Ai, tuot quai ein dschaivan.
Kovaiva^ rovaiva,
Cha Dieu il cussgliess,
3 5 Quala ch' el 'vess da tour,
Ai quala ch' el 'vess da tour.
Seh' eu pigl e, seh' eu pigl e
La povra e la bella,
Schi mai non ha eu nüglia,
40 Ai, schi mai uon ha eu nüglia.
Seh' eu pigl e, seh' eu pigl e
La richa e la trida,
Schi giod eu bain ma roba,
Ai, schi giod con pac dalet.
45 Plü geut e, plü geut e
Desch voutas plü gent
L' aua della fontana
Ai, CO '1 viu our dalla zena.
71.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 333.)
0 che nüua lungia via
0 cha na da chaminar,
Ir davent da ma marusa
Ir davent da meis cor char.
5 0 che uras luugurusas
0 cha quai vain am parair,
A laschar ma chara spusa
Sainza ma la pudair vair.
O eu veng davent sulet,
10 Et m' impais sün meis dalet,
Et m' impais suvent sün quella
Quella vista allegrusa.
Volkslieder. liS
Ohara bella! sclia tu saintast
Saintast a chantar Is utschels,
15 Schi ta dessast irapissar
Ch' eu a ti fetsch salüdar.
SalUdar cha eu at fetsch,
Eu at fetsch da tuot'nieis cour,
E cha t' he aint in meis cour,
20 E cha ma uu 't lasbh ir our.
72.
(Annalas XIV, Vital, p. 254—55.)
Eu vegn in vi e vegn in uan
E chat per tuot da far;
Perque schi ha tut avant mai
Da non am maridar.
5 Pero schi gniss üu bei giuvnet
Suainter il meis cour,
Non voless dir ne na ne nun
Da non il volair tour.
Lura non 'vess eu bricha terama,
10 D' esser ingiannada,
Ma ils raattuns quels paran buns
E sun uoscha brajada.
Eis dan pleds dutschs be sco il meil,
Chi fouran tras il cour,
15 Ma la malizia, chi han aint
Ingün non po dir our.
Dadoura via paran bels
E dadaint sune farisers;
Dadoura via paran buns
20 E dadaint spiuan sco 'Is charduns.
Ün graud dalet ais in quest muond
D' avair marus bels mats;
Ma aucha plü felicitä,
Schi non füman tabac.
Romanische ForschuDReu XXVII. 1- 8
^^4 Volkslieder.
25 Üu grand dalet ais iu quest muoud
D' avair marus da vaglia ;
Ma ancha plü felicitä,
Chi nou sajau bavaders.
Üu grand dalet. ais in quaist muond,
30 D' avair eir im bei hom;
Ma ancha plü felicitä,
Seh' el ais ün geutilom.
Ün grand dalet ais iu quaist muond
D^ avair' na bella duonna,
35 Ma ancha plü felicitä
Seh' eil' ais 'na gentilduonna.
73.
(Annalas XIV, Vital, p. 210.)
Ell 'vaiv' üna marusa
E pro quella staiva gent;
Quella füss stat ma ehara spusa
Seh' eu nou füss it davent.
5 11s baius, ch' eu la vögl,
Quai ingüu non po dir our:
Ma tu taschast be chamön
E mai non disch da 'm tour.
0, tour t' pigliess eu gent,
10 8cha teis pleds füssan da cour:
Ma eu ha 'na mala temma,
Cha tu 'm vögliast suarrantar.
O, snarrantar mattans
Mai non sun eu stat' düsä:
15 Arno main pitschens infauts
Mai non ha eu ingiannä.
O, schi da nan teis mau,
Teis man dret sarä la fai,
E Dieu guarda sur in g'ih
20 E benedescha uossa lai.
Volkslieder. \\!S
Uoss', uossa ha dit schi,
Ha dit schi con meis marus,
0 che allegraivel di,
Cha quel ais stat da guir meis spus.
74.
a.
(Annalas VII, Derin, p. 62—64.)
La buna saira, meis char spus,
Vuless tscliautschar duas pleds cun vus!
Jofaliolelo jofalia.
Scha vus cun me "vais da tschantscher,
Sclii cun pochs pleds as fat iucler,
5 Perche passoud davant me her,
Nnu s' vais deguo d' am salüder?
Scha salüdeda ch' eu nu' s he,
Crai bain d' havair radschun per que.
Scha' vais radschun schi dsche pur eo.
10 Crai da 's havair saimper amo?
Amo cha 'm vais qiiai crai eu bain
Ma na da cor sco chi 's convain.
Che vulais vus eir otcr dir?
Scha saimper 's he arao dal sgUr !
15 Scha vus am Vessat bain vulieu
Schi sgür nun füss eu stat tradieu.
Stovais bain esser zond ingrat
A dir cha tradimaint 's' he fat!
Eu' ha bain vissa 1' oter di
20 A discurir cun quel ami.
Eu d' he discuors cun quel be her
Ma na sül fin da 's ingianer.
Cha fetschat quai per bain o mel
Intant la sair' al dais tramegl.
j^lß Volkslieder.
25 Cha vus be quist dir am suoschais
Ün cor crudel havair stovais.
Meis cor es bun per vos avis
Eu noud schess quai seh' eu uou 'vess viss.
Che 'vais vus viss? che pudais dir?
30 Giand vus daveut vegn a durmir.
Manzügnas dschais per as schüser
Mo' 1 tradimaint d' be viss zuoud der
Scba escbet juven dad onur
Dscbe' in che möd ch' eu n' ha fat qu6?
35 L' bonur meis quel es pü co vos
Cha traditura dir as poss.
Cmi dir noschs pleds na demossais
Ingotta d' quai cha dit havais.
Tres vossas fueistras d' be guardo
40 Ün sper a vus d' he viss tschanto
Stovais bain' vair ün cour crudel
Scha vus uou dschais chi eira quel
Quei eira prezis quel ami
Cha discurieu 'vais 1' oter di.
45 Que saro sto be vos suspet
Chi' s farÄ crair quist per vardet.
Vardet ais mieu suspet ua fos
Cha as partiud ais 'vais bUtschos.
Cnn dir noschs pleds vus dimostrais
50 Cha be alcb cunter mai havais
Mategn das9hais pur asgürer
II tradimaint d' he viss zuond cler.
Eu^ m müravagl da vos ardir
Cha suoschas quist avant mai dir
55 Eu suosch dir quist avant scodün
Cuu la vardet nou tem ingün.
Volkslieder. 117
Non 'vess ma cret quetant da vus
Crajeiva d' havaii- ün buii spus.
Non 'vess fat quai ueir qiiista gieda
60 Scha giuvn' onesta füssat steda.
Schi trat dimeua la merceda
Me 'm 'vais fiu uossa siiaranteda.
t-cha vus nou 'vessät tant tradi
Meis pled havess eii sgür raautgnü.
65 Co 'vais il vöss saiuz' oter dir
In quista moda 's lasch eu dir
^Na buua part del oblig vos
Eendaiit il mieu vus qui faros
Schi «pietigot» il raeis char spus
70 In man da Diou as di a vus.
Eu suu cuntaiut da meis destiu
Cha 1' amur nos ha fat 'na fiu.
b.
(Amialas XI, Vital, p. 216—17.)
La buna saira, meis char spus,
En v'less tschantschar duos pledscou vus.
Duos pleds CDU mai volais tschantschar
Schi con pacs pleds as fat incler.
5 Vus m' eschat passa daspera via,
Non s' vais degna da 'm salüdar.
Scha salüdada eu non s' hai,
Schi ha eu la radschun per quai.
Non staivat esser usche 'ndiscret;
10 Non staivat crajer in vardet,
Eu ha bain vis eis 1' oter di
A discurrir con quel ami.
Nou staivat esser ün crudel,
Vus staivat dir, chi chi ais quel.
118 Volkslieder.
15 Chi chi ais quel as vögl bain dir,
Ch' el ais eir ün da voss amis.
Nun staivat esser uscbe 'iidiscret,
Non staivat crajer in vardet.
Eu ha bain vis eir 1' oter di,
20 Cha con partir as vais bütschats.
Gni nan eir vus, il meis char spus,
Eu sa d' avair saimper amur.
Ama cha 'm vais que crai eu bain,
Ma na da coui-, sco chi 's convain.
25 Che volais vus eir oter dir,
Scha saimper s' ha amä dal sgür.
Vus crajais da 'm far il strapatsch,
Schi sün meis cheu port il chap6.
Scha sün vos cheu portais chape,
30 Schi la baretta porta meis.
Eu sun containt da meis destin,
Cha 1' araur uossa fa üna fin.
Schi Buetigott il meis char spus,
In mau da Dien as di a vus.
75.
(Annalas XIV, Vital, p. 219.).
Matt' 0 tu bella matta,
Voust tu bain a mai?
Voust tu bain a mai,
Sco ch' eu vögl bain a tai,
5 Schi lain uus far la lai.
Scha tu a mai non voust,
Schi rest la ti 'amur,
Sara ün otra mamma,
Chi' v.ara üu otra figlia
10 Üna giuvna dad onur.
Volkslieder. 119
Usche bella po' ia gnir,
Ma cbara mai nou vain 'la,
Bella SCO tu eirast tli,
Ohara sco tu eirast tu
15 Mai nou gnaraja plti.
Cur tu m' iuscuutrerast,
Che mai t' impisserast,
0 Deis, o Deis, che ha eu fat,
0 Deis, 0 Deis, che ha eu dit,
20 Quel podess osser meis.
Quel podess esser meis,
Ma eu nou 1' ha voglü ;
Eu nou 1' ha voglü,
Perche '1 non m' ha plaschü,
25 Perquai non 1' ha voglü.
76.
(Annalas XIV, Vital, p. 248-50.)
0 giuvens chars, amis, campagns
Chi 'vais la libertä;
Tscherchai da far im bun guadagu
Cur guis a 's maridar.
5 Davo r argent e davo 1' or
Non hajat taut' amur.
Tscherchai 1' intern e sincer cour,
'Varat bain ed ouur.
Cha cur 1' intern quel ais sincer,
10 ^Vais Un bei avantag;
Containt vos cour po star e leid
Da viver aint in pasch.
- Cha cur 1' intern quel ais sincer,
Non 'vais da dubitar,
15 'Varat na duonuti con pisser
Con vos bain da chasar,
'Varat na duonua con pisser
Chi tain il seis marid,
Sco '1 füss seis rai da cour sincer,
20 II araa da cour fich.
j^20 Volkslieder.
Las raras bellas qualitats
As cliatt' in tal muglier
Chi mütscban saimper ils puchats,
Temraan lur Segner Deis.
25 Chi adura Dieu e '1 tain ama,
Podais bain s' impissar,
Cha benedida quella cha
Sara iu eteruita.
Scb' avais la sort da crodar bain,
30 Non 'vais da 's inrüglar;
Schabain cha poverta chattais,
Podais as consolar.
Ma scha 1" incuuter tguais tscherchä
Richezza per star bain,
35 Non farai qnai, eu sun scontra:
Eu 's di a vns per bain.
Perche scha' vessast quella sort
Dad esser mal crodats,
Non chatterat ingün confort
40 Co be da suspürar.
La duonna, chi non ha amur,
Nemain temma da Dieu,
Coudüa V hom iu disonur
E perda il fat sieu.
45 Quella culs ölgs da basilist
Fa finta da 's bütschar :
Davo la rain cou seis stilet
Procura da 's mazzar.
Avant la glieud fane parair
50 Dad esser spür buntä:
Augeis iu plaz, sataus iu cha,
Quai 's di eu iu varda!
lugüu vesprer uou ais a per
Cou tuet il seis veliu,
55 La duonna nosch' ais amo per, •
La tizcha da contiu.
Volkslieder. 121
Non di daplü, vus saveis megl
Que ch' eil völg dir acqui.
Perchüra, Segner, tuots fidels
60 E da 'Is meldras veiitüras.
77.
(Annalas XIV, Vital, p. 268—70.)
Mieu tesori in quaist muond
Craja clia tii est bain zuond;
Cha eau tieii dvainta pur
Craja tu tschert e sgür.
5 Mieu cour saiuta dolur,
Scha 't vain fat mandonur,
Da 't servir ed uudrer
Vögl saimper giavü scher.
Fadia nun vögl spargner
10 Suveuz te da guarder;
Craja piir sgüramaing
Ch 'eau t' ama sinceramaing.
II temp ais luug per me,
Seh 'eau sun dalöntsch da te;
15 Possa gnir apeudieu
Quel chi sbütta il cour tieu.
II malam possa purter
Chi vain te a sbütter;
Chi vain te a spuser
20 Lod vain a congüster.
Dad esser paissast zuond
La pü schletta nel muond;
Disonur sco tuot so
Tii me nun liest amo.
25 Da cour eau giavüsch te.
Cha tii t' algordast d' me ;
Cha tii banduuast me,
Que nun spet da te.
j^22 Volkslieder.
Tu nun est in vardet
30 Implida eun fosdet
Tscbert nun t' imagiuer,
Cha eau vegn a' t smaucher.
Cour tu vainst avaunt lue,
Mieu cour s' allegra d' fe,
35 Nun he dalet in me
Da trer davent da te.
Da 'm liberer da te
Main' alla fossa me:
Cba tieu iniraih sarb
40 Cussglier üngün nun po.-
Scba eau stun löncb tiers te,
Mieu cour s' allegr' in me :
Quel cbi vaiu a' t spuser
Vain lod a cougüster.
45 Chi vain te a spuser,
Sairaper uudrer,
Blasmo saimper sarö
Quel cbi te spuserö.
Dalla virtüd üu flüm
50 Hest tu in tieu costüm:
Tschercho hest eun vigur
Onested ed onur.
Cba tu bandunast me,
Que nun spet eau da te:
55 Eau rouv te our ed our,
Cba tu 'm dettast tieu cour.
78.
(Romanische Studien I, Fhigi, p. 332—33.)
Nus giuvens vulains discurir,
Davart las mattas vulains dir.
Da d' ora parna uscbe beninas,
Mo aiut in lur cours suui tuot spinas.
5 Avaunt als giuvens faui bellas tscheras,
I Iura aint in cour suu malsinzeras.
Volkslieder. 123
Avauut als giuvens para tuot buntad,
Lura aiut iu cour suui plaiuas noschdat.
Q,uai sola eir bain pal plü gratiar,
10 Clia ad üu pover tegnani par nar.
Scha ün rieb giuveu va a tramagliar,
Subit sanui dad el as gloriar.
Vaun scboud: aqiiel avess pudü pigliar,
Mo '1 gierl inauai bastüda da til dar/'
15 Tuot quai sauu las mattas far,
Als giuvens uscbe baiu tratar.
Lascbainlas pur far al strape,
Süll cbio purtains uns il chape.
Ed ellas portau las murinellas,
20 Cba crajau cb' üngiün uu saia sco ellas.
79.
(Romanische StudienI,Flugi,p. 326— 27.)
Ils teis bels ölgs uairs
Quels m' bau fat iuamurar,
Ta bocca cotscbua, teis cour cbar,
Es quai cbi'm fa impissar.
5 Ma perquai
Scbi rov' a tai,
Cba t' impaissast decb sün mai;
Cbara, bella creatüra!
Nun invlüdar a mai,
10 Cb' eu uuu invlüd a tai.
Eu veng per tuot il muond iutuoru
E tu restast aqua,
Tu säst baiu cba uns escbau
Tuots duos maridä.
15 Ma par quai
Scbi rov' a tai,
Tu t' impaissast decb sün mai;
Cbara, bella creatüra!
Nuu invlüdar a mai,
20 Cb'eu nun invlüd a tai.
^^24 Volkslieder.
Üngiün uu po aus separar
Auter CO be la mort:
Lasmalaslenguastschautschanbler,
Mo quai es uoss cufort.
25 Ma per quai
Schi rov' a tai,
Cha t' impaissast deck sün mai;
Ohara, bella creatüra!
Nun invlüdar a mai,
30 Ch' eu non invlüd a tai.
80.
(Romanische Studien!, Flugi, p. 318—19.)
Santi üu po, sautf ün po
II cas dair otra saira.
Cha sum ieu per tschantscher,
La inia bella per chatter,
5 Da seun ed eir pel vaira.
Mo las portas eiran
Fermamaing saredas:
Dhe pruö da las avrir,
Nuu ho vulia que reuschir,
10 Cha d' eiran ferm schlöpedas.
Uu otra sti'eda, ün otra streda
He baiu spert piglio;
Aint da cuort cha snm eutro,
Spera 1' üscli cha d' he taglö,
15 Spera 1' üsch da stüva.
E luaint era, e luaint era
La mia chera bella,
Schanteda gib sün ün baiuch,
Sias niarus cul niaun sül flainch
20 E discnrind cum ella,
Ma pel discuors, raa pel discuors
Que nun vess fatt ünguotta:
Ma staud 16 eir auucli ün po,
Spera 1' üsch cha d' he taglo,
25 Schi s' aprosman hir buochias.
Volkslieder. 125
Bgeras gedas, bgoras gedas.
Ch' ella il bütscliet:
0 ma chera! cha la spetta,
Cha auncha qnalcliüns la detta
30 Ed ella coiisentiva.
Intaunt ch' eu staiva fich atteiit
Sulet cuüur cul giat,
Dlie fat resolutiuni
E müdo opinium
35 Da la lascher daflfat.
81.
(Annalaa XIV, Vital, p. 219—20.)
Taidla, taidla, nia figlietta,
Taidla, taidla meis cour cbar,
Chi ais guü 1' occasiiin
Scha tu voust at maridar.
5 0 schi, schi la mi 'mammetta,
Eu fetsch svelt a dir da schi,
Bast' ein saj' im bei giuvnet
E da cour ch' el plasch' a mi,
0 schi schi, la mi' figlietta,
10 Ed ais ün hom, chi viver 's po;
Ed ais ün hom, chi ha respet
E' t domanda per muglier.
O na na, la mi 'mammetta,
Eu nun vögl a quaist trid vegl,
15 Eu vul propi ün bei giuvnet,
Intschna fetsch saiuz' am maridar,
O schi schi, la mi 'figlietta,
Piglia pur ün bei giuvnet:
Que ais propi ün hom per tai,
20 Bastunadas at darä' 1.
126 Volkslieder.
82.
(Annalas XIV, Vital, p. 232—33.)
O bun araih, cun te stögl dir,
Ma bain zuond adascuse,
Co our da me as sto spartir
La mia chera marusa.
5 Eau tschert nun vess zuond brich pisso,
Ch' r am 'vess zuond bod smancheda,
Taunta bunted, amur e fö
Sehe bod am 'vess pajeda.
Ciira cha stuu a'm impisser
10 Tauuta spartida amure,
Schi sto mieu cour tuot vi alguer
In larmas e dulure.
Tuot que cha lönch eau he bramo,
Con tuot art vögl avaiie,
15 Co suu da que daffat privo,
Ün oter po '1 giodaire.
0 eher' amur, co 'vais pudieu
Sehe bod am sraaucher via,
Co per ün oter s' metter sü
20 Col bain, ch' eau 's 'laiva quia.
Co poss eau uossa pü dürer,
Co sto spartir mieu cour?
El sto schi tschert tuot vi alguer,
El sto da craper our.
25 Perche 'vais vulieu, o eher' amur,
Ün tel grand tuert am fer?
Perche mieu cour in tauuta dolur
'Vais vulieu fer alguer?
Bain milli voutas 'vais vus vis
30 L' amur, cha eaus 's portaiva,
Ma vita e saung. cha eau 'vess miss
Per cha 's servir pudaiva.
Ma ah, eau tschert nun poss sperer
Vus dvaiutas me pü mia,
35 Que schi, que schi am fo alguer
Que am fo alguer via.
Volkslieder. 127
Addieu stn dir, ma cu» tschautscher
Quaist pled am perd eau via,
Addieu, addieu, me pü brancler
40 La sprauuza, vita raia.
Vus dintaunt s' vögl giavüscher
Tamit bain, clii me s' po dire;
Tuot qua vos cour as do da crair
Dieu s' vöglia beuedire.
45 Iz pur davent, vus mieu dalet,
Dieu s' vöglia cumpaguer:
E me chi resta qui sulet
Dieu 'm vöglia cuffoter.
Scha uuu he vus brich pudieu tour,
50 Schi tauut s' he stuvieu amer
Schi tschert ad oters il mieu cour
Eau me nun poss pü der.
Dieu s' vaiv' ad oters ordino :
Eau poss brich contradire
55 A que cha Dieu ho decreto
El s' vöglia benedire.
83.
a.
(Romanische Studien I, Flugi p. 321.)
„0 che fast tu, raudulina!
Ourasom quella mausina?"' —
,,Eu sun gnü par t' avisar
Tu nu 't dessast maridar.
5 Chi voul bella vit' as dar,
Sto far sainz' as maridar.
Olila, olia, olila, faralila.
E chi voul par otra via,
Quel pur s' drizza cumpagnia,
10 Drizza, drizza, drizz' indret,
Drizza painch par far spechet;
Drizza, drizza, drizz' adüna,
Drizza bod, bainbod la chüna;
Drizza, drizza, drizza tudt,
128 Volkslieder.
15 Drizza viu aint iiella biiot;
Drizza, drizza adüu drizzar,
Drizza fascba da faschar;
Pensa, clii non voul quai far
Lascha saiuza as maridar.
b.
(Annalas XIII, Vital, p. 193.)
Che fast qua, tli utschelliua,
Ourasom quella manzina?
Eu sun gDÜd' a 't avisar.
Tu nou^t' dessast maridar.
5 Chi voul bella vit' as dar,
Fetscha saiuz' as maridar:
Chi voul far per otra via,
Drizza bod sa compaguia,
Drizza cbüna, drizz' archet,
10 Drizza paincb per far spechets:
Tuotta di sül bröcb del paiucb
E la sair' inguotta laiut:
Tuotta di sün la farina,
E la saira non ais ingüna.
15 Drizza, drizza ad ün drizzar,
Drizza fascha da faschar,
Drizza vin eir nella buot,
Drizza pezz' e drizza tuot.
c.
(Annalas XI, Vital, p. 189.)
Cuccarella, bell utschella,
Cuccarin, bei utschelliu,
Tuot il di sün quel manziu.
Eu sun gnü per t' avisar,
5 Tu 'non t' dessast maridar.
Chi voul bella vit' as dar
Sto far sainz' as maridar.
E chi voul per otra via,
Quel pur s' drizza compagnia.
Volkslieder. 129
84.
(Annalas XIII, Vital, p. 181.)
Quaista saira 'laiu chantar
E Star allegrameute.
Seh' eu nou ha be qua meis char,
Sclii ingiö dess ir a '1 tschercLar
5 0 meis char, charissem !
Que ch' eu ha aiut iu meis maa,
Q,ue uou ais tuot mieu;
Que chi' m plascha vögl pigliar,
E que HO 'm plascha vögl laschar:
10 MiuchUn piglia la sia.
85.
(Annalas XIII, Vital, p. 212.)
Ün e duos e trais,
Marusa, di, seh' tu' m vaiust ;
Quatter, tschinch e ses,
Marusa, di, seh' tu' m est |
5 Set ed ot e nouv,
Marusa, di, seh' tu 'm voust ;
Desch, ündesch e dudesch,
Marusa, di, seh' tu 'm spusast ;
Traidesch e quattordesch,
10 Sch'eu't pigl, schi't pigl eu per ün morder;
Quindesch e saidesch,
Seh' eu 't pigl, schi 't pigl eu per quaista saira ;
Deschset e deschdot,
Sch'eu't pigl, schi't pigl eu per quaista not;
15 Deschnouv e vainch,
Seh' eu 't pigl, schi 't pigl eu per üna suonda d' painch.
La suonda d' painch dun al raugliner,
II mugliner fa la farina;
La farina dun al puerch,
20 II puerch fa la suondscha;
La suondscha dun al ch alger,
II chalger fa las s-charpas;
Las s-charpas dun alla cromarina,
La cromarina da Ms bindeis,
25 Ils biudels met sül chapö da meis marus.
Romaniache Forschungen XXVII. 9
130 Volkslieder.
86.
(Annalas XIII, Vital, p. 180.)
Nia nia quaista flur,
Chi deriva dall* amur;
Eu eu, chi la dun,
Saverä bain co ch' eu stun ;
5 Ed eir vus, chi la pigliais,
Saverat bain co cha stais.
Eu stun quia con vus mats,
Per manteguer ün bei plaz ;
Oter, non sa eu che 's dir,
10 Co' na trai-ch' as vögl servir;
Oter non sa eu che far,
Co' na trai-ch'as vögl rovar!
87.
(Annalas XI, Vital, p. 174.)
Betta, perche cridast tu, cridast tu
Cridast usche fich?
Eu crid per raeis Jaronaset,
Chi sumagliaiv' ad ün büzzet.
5 Be per quai schi crid eu, crid eu,
Crid eu usche fich.
Betta, perche riast tu, riast tu,
Biast usche fich?
II raeis Jaronas ais turnä
10 Ed il meis cour ais allegrä.
Be perquai schi ri eu, ri eu,
ßi eu usche fich.
(Annalas XI, Vital, p. 178.)
Sta leger, Jon Pitschen, sta leger, Jon Grand,
Sta stü, Jon Pitschen, e fa per comand;
Sta leger, sta sü,
Ch' eu ha la marusa avant, co tu.
B Per far il viadi stimess eu il main,
Ma per tour cumgiä da chi's voul bain.
Volkslieder. 131
89.
(Annalas XI, Vital, p. 178.)
Gusdriu voust gnir cou mai,
Ell at dun üna bella."
„Cusdrin, suu stat cou tai
E tu ni' hast ingianuä.
5 La bella hast tut tu
E la trida hast lascha."
90.
(Annalas XIII, Vital, p. 203.)
0 Tu trida mutschinusa,
Voust tu esser ma marusa?
0 na na, tu trid sgialgia,
Ruot las chammas e crappenta.
91.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 322.)
Gio intanter sass' eis üna palü, eis üna palü,
E chi chi va aiut, nu' tuorn 'oura plü.
„Ach vus, mamma chara! gnid, giüdam inoura, gnid, giüdam inoura." —
„Scha tu est id' aint, schi ve eir inoura." —
5 A vus, mamma chara! giüdam a filar, a filar la stoppa." —
„Hast fila il glin, schi fil' eir la stoppa."
92.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 320.)
Ad eiran duos compogus, eh' aveivan üna marusa;
L' ün e 1' oter la voleivan per spusa.
Ün giaiva la saira e 1' oter la damau,
Quel chi giaiva la saira giaiva plan plan.
5 0 char cumpong, en 't giavüsch corteschia,
Cha tu 'm cedast la marusa tia." —
0 char cumpong, la corteschia ais passada,
Chi chi voul marusas giaia e las chatta.
Quel chi nun he precda, quel nu segia fain,
10 E quel chi nun ha raba, ma nun sta tant bain ;
Oura tanter craps eisa üna palü
Quels chi vaun aint nu vegnen oura plü."
9*
132 Volkslieder.
93.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 332.)
Quai ais la lavur dels mats,
Lever ed ir a plaz;
Eier ora las matauns,
Quai es la lavur cli' eis faun.
5 Mo üu riai dad ellas,
Vais grazia d' ir tiers ellas *
Schi las volni pur pigliar,
Schi las stolni dumandar.
Ün der schi o ün der na.
10 Stolni spetar cha la da^
E per trar zuond alla lungia
Schi sün qua nu faral bain.
Cur ch' is a pollen pigliar,
Schi lur cours fa alegrar;
15 Ün bei spus 'na belle spusa
Ais 'na chassa alegrusa.
94.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 335.)
Volains dar 'na raschunada,
Co er saira 1' ais passada ;
Chi ais sto il Sar-vus-bel,
Chi m' ha er saira dumandada?
5 La resposta ch' eu n' hai dit
Nai eu dit; turnae darchio.
Tuet chi vo e tuot chi vain
Meis inarus quel ma uu vain.
Uoi quel trid ch' eu nu poss vera,
10 Quel im ais adüna spaera;
Quel sgrischaivel s^hiarbunä
I quel im ais adüna qua.
Quel ch' eu völg eir il plü bain
Ais davent e ma nu vain ;
15 Tuot chi va e tuot chi vain,
Meis marus quel ma nu vain.
Volkslieder.
95.
(Annalas VI, Derin, p. 51—52.)
Meis juven cor quel es fich contrista
Per üna rosa ch' el lia tant bramä,
Per üna matta per üna bella
Per podair ir a discuorrer cuu ella.
5 Ma uossa am es gnü l'ocasiuu
Siond riva in ün lö usch^ bun
Da pudair ir, da pudair rivar
In ün lö secret per la dumandar.
Vo bella chara s' stess rovar üna grazia
10 Cun amur gronda da verar vossa fatsclia,
E meis man dret as podair dar
Ma uossa chara am vost seguitar?
Ma quista saira am less jeut maridar
Marusa chara dim scha 'm vost piglar,
15 Ma tu a mai ed eu a tai
Marusa chara dam il man in fai.
II meis intent nun es d' am maridar
Mo in meis stadi 'less gugent restar
Mo schi perquai as vögl avsiar
20 Cha vo ün otra dessat cherchar.
Id es lung temp cha 's veva marusada
Cun amur gronda as veva dumondada
O che rasposta ch' eu stögl dudir !
O dolur gronda! Meis cor sto murir!
96.
(Annalas VI, Derin, p. 52/53.)
Ach eu sun gnü qua zond in prescha
Per palisar la mia amur
La quala ch' eu cun grond tristeza
Sto raquintar la mia dolur.
5 Daspö lung temp meis cor t' amaiva
Üa tia beleza inamurä,
Ch' eu di e not sün tai pensaiva
Sün tia beleza e castitat.
133
j^34 Volkslieder.
O chara dim sün qiiai ün pled
10 E fa meis cor ün pa alegrar,
Meis juvens dids aint in grond led
Nun vöglast brich laschar crodar.
Da grond dolur ch' eu sto sofrir
In terra fessast bod mai ir
15 Lura gnissast bain at irüglar
0 chara^ chara quai nu far.
0 tu mia chara eu di a tai
0 tu est bain plü chara a mai
Co svess la cleritad del di
20 Cusidra seh' eu suu teis ami!
Bain es a mai gnü ad uregla
Dals teis üna trista novela
Cha quels nu vöglan laschar dvantar
Per mia spusa a tai neir dar.
25 In quant a la roba scha hast da plü
Onur n' hai eu be tant co tu,
Ün cor siucer sainza fosdä
Port eu cun mai Diou sia luda.
Onur, sandad ed ün cor net
30 N' hai eu chi jascha sot meis tet,
Roba belleza e castitad
Bain 's chatta eir aint in tia cha.
Eir scha 'Is teis cunter s' lessan büttar
Da non laschar quai operar,
35 Scha Diou a no aint in quist mond
Anns separar anns vol per zond.
97.
Chanzun da eordöli et plont d'ün spus e d'üna spusa.
(Annalas VII, Derin, p. 60-61.)
Binsan tu mieu cour eher
Vainst tiers me a tramegl,
Un' otra hest tu pü eher.
Ajo, so, 80,
Volkslieder. 135
5 II prüm est tu bain sto
Aint in mieu cour saro
Nu Bh seh' tu est V ultim
0 scbia o na.
0 il tieu bain siucer
10 Cha tu faivast iucler
Inu' me ho '1 trat vi?
Dam ad incler.
Cha eu coguuosch fich bain
Cha '1 es dafat davent
15 Cha tu nu poust amer
Ajo, so, so.
Tu 'm fest bain ün grant tüert
Cun pleds uschö fich dürs
Que nu riva da me
20 0 na 0 na.
Ch' eu d' he bgiers cunter me
Provam da snaiar que;
Mo eu tot que ch' eu poss
Stun sgür cun te.
25 Davent aun faun eir ir
Perchä, nu veza mieu amur,
Mieu cour, stögl vod sü der,
Ajo, so, so.
0 cour mieu usche eher
30 Sto que propi dvanter
Cha tu stoust ir davent?
Ajo, so, so.
Ach pudess mieu cour eher
Queir ura bod river
35 Ch' ün gniss am suterer
Ch' ün bei vasehe.
Cun crauuz gnissast alur
Sün mieu vasehe eun honur
Gnissast tu am purter.
40 Ajo, so, so.
^36 Volkslieder.
0 cour mieu usch6 eher
Mieu giavüsch füss eir sto
Pudessan in ün di
Ans suterer.
45 Uscli6 stovains glivrer
Nos plondscher tanter per
Per ans stovair partir
Ajo, so, so.
Schi vöglia giavüscßer
50 Cha Dieu at vöglia der
Tuot quai cba tieu cour eher
Po 's impisser.
Da no tieu mauu a mi
E tuocha maun a mi
55 Aunz CO 'ns partir da qui
Ajo, SO, so.
Dieu chüra, vest davent,
II teis saron cuntaiuts
Ma forsa per poch temp
60 Ajo, so, so.
98.
(Annalas XIV, Vital, p. 232/33.)
0 bun amih, cun te stögl dir,
Ma bain zuond adascuse,
Co our da me as sto spartir
La mia chera marusa.
5 Eau tschert nun voss zuond brich pisso,
Ch' 1' am 'vess zuond bod smancheda,
Taunta bunted, amur e f^
'Sehe bod am 'vess pajeda.
Cura cha stun a 'm impisser
10 Taunta spartida amure,
Schi sto mieu cour tuot vi alguer
In larmas e dulure.
Volkslieder. 137
Tuot quo cha lönch cau ho bramo,
Con tuot art vögl avaire,
15 Co suu da que daffat privo,
Ün oter po '1 giodaire.
0 eher' amur, co 'vais pudieu
'Sehe bod am smaucher via,
Co per ün oter s' metter sü
20 Col baiu, ch' eau 's 'laiva quia.
Co poss eau uossa pü dürer,
Co sto spartir mieu cour?
El sto sohl tschert tuot vi alguer,
El sto da craper our.
25 Perche 'vais vulieu, o eher' amur,
Ün tel grand tuert am fer?
Perche mieu cour in taunta dolur
'Vais vulieu fer alguer?
Bain milli voutas 'vais vus vis
30 L' amur, cha eau 's portaiva,
Ma vita e saung, cha eau 'vess miss
Per cha 's servir pudaiva.
Ma ah, eau tschert nun poss sperer
Vus dvaintas me pü mia,
35 Que schi, que schi am fo alguer,
Que am fo alguer via.
Addieu sto dir, ma cun tschantscher
Quaist pled am perd eau via,
Addieu, addieu, nie pü brancler
40 La spraunza, vita mia.
Vus dintaunt s' vögl giavüscher
Taunt bain, chi me s' po dire;
Tuot que vos cour as do da crair,
Dieu s' vöglia benedire.
45 Iz pur davent, vus mieu dalet,
DieuT^s' vöglia cumpagner;
E me chi resta qui sulet
Dieu 'm vöglia cufforter.
138 Volkslieder.
Scha nun he vus brich pudieu tour,
50 Schi taunt s' he stuvieu amer
Schi tschert ad oters il mieu cour
Eau me nun poss pü der,
Dieu s' vaiv' ad oters ordino;
Eau poss brich contradire
55 A que cha Dieu ho decreto;
El s' vöglia benedire.
99.
(Annalas VI, Derin, p. 43.)
Vus femnas qui chi stais
Felizis 's po nomner
Sainza piss^r.
Pudais considerer
5 Co ch' eu stögl ir davent
Da tuots ils meis!
In Frauntscha stögl. eu ir
Non vain ingün tiers me
Oter CO Dieu!
10 Quaist pass nou vess eu fat
Scha propi 1' interess
Non vess fat fer.
In quindesch dits stögl' ir
La giövgia da gegün
15 Mo bain gugent. (?)
0 chara juventüm!
Stat sü urai per mai
Ün et scodün.
Et vus meis chars amis
20 losembel tuots unieus
Laschans urar.
Scha vess incuuter fat
Schi vögl eu giavüscher
Clia 'm desset parduner.
Volkslieder. 139
25 Et vus meis cbars famailgs
Giavüsch da perduner
Quai ch' ou n' ha fat.
Mieu cour quel sto alguer
Cur ch' eu stögl ir daveut
30 Da mieu cour eher.
Uossa ais il di rivo
Cha eu stögl ir daveut
Da mieu char cour.
Uossa non poss plü ster
35 Perch^ cha' Is camarada
Sum sgür passads.
Ma chara giuventüm
Laschaus urar per el
Üü e scodUn.
40 Noss sar Jachen Flizun
Ha fat quaista chanzuu
Per grond' amur.
100.
(Annalas VI, Derin, p. 43/44.)
L' ura mia es rivada
Ch' eu sto ir davent da chasa,
Ma ingio eu vegu nou sa
Mia vita es da suda.
5 Cha per büscha m' es toccä
Da cumbatter per la patria,
D' esser saimper vigilant
E söget al cumandant.
Stovair partir usch^ dandet!
10 In juvens dids portar schlupet!
Juveu suu nun poss dir oter
Onus n' ha sul be vainch e quatter.
In grond privel manerä
Quista vita da sudä,
15 Ma ningün nun po jüdar
Otramaing nun 's po müdar.
140 Volkslieder.
Biers da quia hau algrezia
Ma ils meis hau grond tristeza,
Mo quai löuch non dürarä
20 Cur Dieu vol tot müdarä.
Pac profit hau quels dal sgür
Ossa chi 's aleigran pur,
Biers piglessau eir ma sort
Am vezessan dafatta mort.
25 Eu vögl tant e tant adüna
Rischar la mia fortüna
Perch6 Dieu da suringio
Saimper vegua am star pro.
Ossa as di adiou in tschertezza
30 Tots meis camarads am spettan,
Cha quist pass sto ossa far
Ossa as rimetter sül marchä. (?)
Adiou mamma frars e sor
Ch' eu as am da tot meis cor
35 Mo sUn vo non vögl laschar
Di e not d' am impissar.
Adiou chara juventüna
Ruvai eir per mai adüna
Cha quai n' ha il plü gugent
40 Co ün tesor d' or e d' argient.
Eu dumond a tots pardun
Ad ogni ün intuorn intuorn,
Scha qualchosa cunter vess fat
Schi giavüsch eu pardunai.
45 Bleras lannas vegn a sponder
Tots per mai o dolur gronda
Mo qua ingün nun po jüdar
E neir quai as po müdar.
Eu giavüsch cha ingün nu' ria
50 Da la mia debla poesia
E scodün per sia buntad
Nun am vögla invlüdar.
Volkslieder. 141
101.
(Annalas VI, Derin, p. 45.)
Sü e taschans baiver
Nos viu exaleut,
Stat bain meis amihs
Eu vegu uossa daveut.
5 Stat bain vus muntognas,
Sta bain tu comün,
Sta bain tu mia stauza,
Bain stetta scodün.
Amihs nus qui eschens
10 Amihs lain reistar,
Quai chi es stat contrari
Vulains invlüdar
E tu del quäl saimper
Sun stat bain fida
15 Infin a la mort
Sarrast tschert bun gra.
A vus mattans tottas
Tot bain giavüschaius
In buna memoria
20 As tegner vulains
E tu chi est mia
Portal n' ha dolur
Adiou tu est scritta
Chafol in meis cour:
25 Per no qua sün terra
Lö stabel nun ais
Nus pelegrinains
Vers ün oter paiais
Intant cun pazienza
30 Portains nossa sort
Gnins no ans riverar
Quai 'ns saia cufort.
142 Volkslieder.
102.
(Auualas VI, Derin, p. 45/6.)
Dileta mia sta a Diou
Eu vegr» uossa davent
0 dür momaint, separaziuu
D' ün cor real benign e bun
5 O painas o turmaint!
Dileta mia, cor sincer,
Eu tir davent da tai
Per pudair tant plü bod tuornar
Nel lö ch' eu am per abitar
10 0 rosa d' odur bun.
T' impaissa pur mia chara amur
Cha eu nu sun sco quels
Chi van per tot il mond intuoru
Cherchond dauers per lur guadogu
15 Ch' ais spüra vanitad.
II pegn ch' eu dun a tai quia es
Meis cor in teis imaint
Perö conserval sainza frod
E dam il teis piain d^amur chod
20 Alura sun cuntaint.
Giavüsch a tai d' ün cor sincer
Sandad e grond dalet
E cur qualcha contraritad
In tias vias gniss bütta
25 Schi ^1 segner alva via.
Adiou, per tai sun pisserus
Tu stanza da meis cor,
Schabain nus eschens lönch davent
Seh' ils cors sun saimper eir preschaints
30 T' alegra pur cun mai.
Tu fast a mai eir suspürar
Per tai o char amur,
Nun post neir tu am salUdar
Cun teis bun pled dad ün bun cor
35 0 schi che post tu far?
Volkslieder. 143
Che jüda plü intardamaint
II tomp cloma per mai,
As reud' usclie teis cor cuntaint
Per clii gnara surlovgianiaiut
40 0 chara dam il inaii. —
103.
(Annalas VI, Darin, p. 47.)
Adiou meis amur, adiou meis char cor,
Adiou meis amur, adiou meis tesor.
Eu sto bandunar a tai meis char cor
E quai sto dvantar ant cha '1 mais glivra or.
5 Am vaiü mal nel cor cur ch' eu am impais
E per dir tras or eu sun tuot surprais.
Per tai mia dileta invidas eu vegn
Meis unic badeut e meis unic sustegn.
Teis nobel tratar eu n ha nel imaint
10 Ach tu meis cor char tiram or dal turmaint.
Et Iura lascham ir ch' eu possa tuornar
Pro mia cumpaguia ch' eu possa tuornar.
Scha Diou voul ch' eu tuorna ch' eu tuorn inavb
Schi vegn eu d' inviern per star quia sur stad.
15 E Iura cun tai eu vögl bain passar
Meis temp inandret sainza minchunar.
104.
(Annalas VI, Derin, p. 47/8.)
Chara perchö tant suspürast
Che at manca o pover m6?
Ach quai para cha tu cridast
La radschun nu sa perch6.
5 Forsa säst tu a quist ura
Cha damaun vegn a partir
Schi at rov o chara spusa
Cun tias larmas ni; 'm far ir.
144 Volkslieder.
H destin vol ch' ans separan
10 Per ün temp schi che vost far
Tu cuu mai bain at prepara
AI dür pass cha stains rivar.
Quai nu jüda sa ingotta
Havair painas e dulnr
15 La fadia gronda totta
Da Star ora ha teis spus.
La partenza bain crudela
Bier angosch' am sta sül cor
Da stovair lasebar mia bella
20 Be suletta quia inavo;
Pur eu stögl am sotameter
Stovara b6 obedir
AI cumond chi nun am spetta
Meis impegn es da curaplir.
25 Talas sun las circostanzias
E las düras condiziuns
Da nus oters in silenzi
Pelegrins povers grischuns,
Chi per guadaguer nos viver
30 Stovains ir pel mond intuorn
Bandunond nossas famiglas
Nossas chasas e contuorns.
Tant dandet tu am bandunast
Est usche indifferent
35 Cha pur uossa am manzunast
Cha daman vost ir davent?
Tu nu vost ch' eu paina indüra
Eu nun vögl am malquintar
Sco ün crap stess esser dura
40 Scha nu vess da suspürar!
Seh' eu mia chara nu vess tmü
D' at far massa displaschair
Schi dalunga ch' eu ha savü
At' vess fat eir a savair.
Volkslieder. 145
45 Ma usch6 a 1' improvista
Quel trist uorden es rivä,
Cha surprais e smort in vista
Bod pers via eu sun reista.
Massa lönch am fetsch eu spranza
50 Nun havair daveut da star
Nel suprem eu n' ha fidanza
In pacs anns da retuornar,
E rivair mia spusa chara
Chi 1' oget ais da mia sort
55 E sulet ais chi displasclia
A meis cor infin la mort.
Quistas sairas daletusas
Cha cuu tai eu passantet,
Dits et anns pareivan uras
60 Quist mais be ün di paret!
Cur davent sarä da tai
Anns ils mais am pararan
Et ils dits lungs b6 sco mais
Et las uras be sco dits. —
65 Uossa bod 1' ura s' aprosma
Del viadi ch' eu stögl far
Ach quai para ch' eu nun possa
Usche bod at bandunar
II sang m' arda in las avainas
70 0 eu am saint da murir.
Che martiri! ach che painas!
Eu nun poss amo partir!
Eu sun bain disfortünada
Che gnaraja or da mai?
75 Forsa reist qua bandunada
In smanchanza crod a tai.
Pasara meis dits cun plondscher
E meis cor fich contuorblä,
Stovara saimper rimplondscher
80 II cuort temp ch' el t' ha apretschä.
Romanische Forichungen XXVJT. 10
146 Volkslieder.
Ach meis bain tu am cognoschast
Schi perch6 vost am ferir
Laschast guir quels pleds or d' bocca
Ch' eu vegn forza at tradir,
85 Impussibel es ch' eu possa
Invlüdar tot quist amur
Vögl plütöst murir jüst uossa
Co dvautar ün traditur.
Siast fidela e costanta
90 Sco ch' eu sgür sara cun tai
E at impaissa chara amada
In teis cor zond sur da mai
Cha bain spart am vöglast scriver
Racumond eu chararaaing
95 Fers' avant amo ch' eu riva
AI destiu 1' istessaraaiug.
105.
(Annalas XIV, Vital, p. 218.)
Prümavair' ais arrivada,
Chod splendura il solai;
Nel lontan vögl far viadi
Ed il man a mai spordschai.
5 Vers la val pigl eu ma strada
E cumgia pigl d' ma brajada.
Sta addieu tuots quels a chasa
Ed il man a mai spordschai.
Sta addieu, tu mia chüna,
10 Eu at sto uoss' baudunar
Vögl tscherchar otra fortina,
Qui non poss eu sairaper star.
Eir nel ester s' chatta chasas,
Chi non resgia, non fa assas;
15 Sperauzand vögl lontanar;
Qui non poss eu saimper star.
Dieu suprem vus tuots perchüra,
Quaist giavüscha vos ami ;
Amicizia adüna dura,
20 Que clii 's ama rest' uni.
Volkslieder. 147
Uu solai per tuots ßplendura;
Vögl partir, ed ais uoss' iira.
Ma peusai a vos ami;
Que cbi ^s ama rest' uni.
106.
(Flugi, Volkslieder, p. 34—36).
Tagle que ch' eu völg dir
Cuu graud' afflicziuu,
Ardaint a mia partir.
Sun sohl del bun.
5 Vus femnas; chi vivais
Felices s' p6 nomuer
In quist beo pajais
Sainza pisser.
Nus oters povers mats
10 Disfortlinos baia zaond
Da uon vair stabel plaz
Brich iu quist muond.
Que chi am fo dolur
Es da stuvair lascher
15 Ma mamma e mias sours
E mia bap eher.
II Seguer po savair
Scha varons quella sort
Da 'ns pudair tuots revair,
20 0 scha siim mort.
Siand il di rivö
Chia tuet eira decis,
Piglio he cumio
Da chi he vis.
26 n vih sum passe gib
Sulet cun mia bap eher
Ils sains haun cumanzö
Tuots a suuer,
10*
148 Volkslieder,
Paraiva be cha quels
30 Cuntschessan mia dulur,
Cha quel di vaiv' in me
Aint in mieu cour.
Ma gio tal lei allur
Sum ieu cuu ardiraaint,
35 Piglio tuot mia dolur
E bütto aint.
Cumbot he banduno
L' Ingiadina daffat.
Piglio he cumio
40 Eir da mias bap.
Impisser vus pudais,
Cu chi staiv' il cor mieu,
Da nu Vair pü dels mieua
Oter cu Dieu.
45 A quel m' he eu surdo
Dalum in quel momaint,
II rest he tuot smanchio
E füt cuntaint.
Scu ün tapfer sudö
50 M' he eu bain miss aqui
Chi vo cul cour sfranö
Vers l'inimi.
Suis cunfins sun riv6
Da nossas Ligias trais,
55 Allur he eau clamo:
Adieu, pajais.
Cur tiers vus tuorn nun se;
D' intaunt ste tuots adieu;
Nu poass dir oura che
60 Cha eau he nel cour mieu.
Volkslieder. 149
Viver cuntaiuts pudais ;
Eir eu 1' fess in vafdet,
Scha turner nel pajais
Suschess da liberted.
107.
(Annalas VI, Derin, p. 49.)
Malbruc nun ir in guerra!
Miromtontoriantera.
Tu 'm dast paina e dolur.
Malbruc nun ir in guerra!
5 Tu 'm dast paina e dolur.
0 nun at tmair o chara
Ch' eu stögl ir per onur.
La paina es tanta gronda
Mera dad ir in Olanda
10 E laschar qua mia amur.
0 che amur plü bella
Da star pro tai fidela
Pro tai 0 char amur!
0 lascha ch' eu at abratscha
15 Las larmas da ta fatscha
Sun causa da ma mort.
Saia in Frantscha o in Türchia
Sarast la Spranza mia
Mia spranza e mia sort.
20 0 chara mia bella
Eu 't rov saiast fidela
Vers il teis char amur.
Eu vegn davent da quia
Cun grond melanconia
25 Be per tai meis char cor!
j^50 Volkslieder.
108.
(Anualas XIV, Vital, p. 259.)
Sün Un muot chantaiva Morel;
La veglia dschaiva: che manca, meis bei?
Aint in üert voless eu ir.
La giuvna dscliaiva: lascbä '1 pur gnir!
5 Aint in üert chantaiva Morel;
La veglia dschaiva: che manca, meis bei?
Aint in cuort voless eu ir.
La giuvna dschaiva: laschä, '1 pur gnir!
Aint in cuort chantaiva Morel;
10 La veglia dschaiva: che manca, meis bei?
Aint in stüva voless eu ir.
La giuvna dschaiva : laschä '1 pur gnir !
Aint in stüva chantaiva Morel;
La veglia dschaiva: che manca, meis bei?
15 In davopigna voless eu ir.
La giuvna dschaiva: laschä. '1 pur gnir.
In davopigna chantaiva Morel ;
La veglia dschaiva: che manca, meis bei?
Sü in chambra voless eu ir.
20 La giuvna dschaiva: laschä '1 pur gnir!
109.
(Annalas XIV, Vital, p. 277-280.)
Che ha tschnä la duonna spusa la prüma saira?
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Che ha tschnä la duonna spusa las duos sairas?
5 Duo nudind, chi van uudand,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Che ha tschnä la duonna spusa las trais sairas?
Tri culomb, chi van svoland,
10 Duo nudind, chi van nudand,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Volkslieder. 151
Che ha tschnä la duonua spiisa las quatter sairas?
Quatter loivrets, ein vau sigliaud,
15 Tri culomb, chi van svolaud,
Duo nudind, chi van nudaud,
'Na pernisch a rost
Ed ün' iimblau' a rost
Che ha tschua la duonna spusa las tschinch sairas?
20 Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand,
Tri culomb, chi van svoland,
Duo nudind, chi van nudaud,
'Na pernisch a rost
25 Ed ün' urablan' a rost.
Che ha tschnä la duonua spusa las ses sairas?
Ses pigliattas beilas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand,
30 Tri culomb, chi van svoland,
Duo nudind, chi van nudand,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Che ha tschna la duonna spusa las set sairas?
35 Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas bellas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand.
Tri culomb, chi van svoland,
40 Duo nudind, chi van nudand,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Che ha tschna la duonna spusa las ot sairas?
Ot poi-chs ed ün creschü,
45 Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas beilas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand.
Tri culomb, chi van svoland,
50 Duo nudind, chi vau nudand,
j^52 Volkslieder.
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost
Che ha tschna la duonna spusa las nouv sairas?
Nouv bouvs bels e grass,
55 Ah, chi sun eir lams e pass,
Ot porchs ed üu creschü,
Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas beilas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
60 Quatter leivrets, chi van sigliand,
Tri culomb, chi van svoland,
Duo nudind, chi van nudaud,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
65 Che ha tschuä la duonna spusa las desch sairas?
Desch fuorns dal bun pan,
Ah, ch'el ais eir lam e san,
Nouv bouvs bels e grass,
Ah, chi sun eir lams e pass,
70 Ot porchs ed ün creschü,
Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas bellas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand,
75 Tri culomb, chi van svoland,
Duo nudind, chi van nudand^
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
Che ha tschna la duonna spusa las ündesch sairas?
80 Ündesch buots dal bun viu,
Ah, ch' el ais cotschen e fin,
Desch fuorns dal bun pau.
Ah, ch' el ais eir lam e san,
Nouv bouvs bels e grass,
85 Ah, chi sun eir lams e pass,
Ot porchs ed ün creschü,
Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas beilas chaplüdas,
Tschinch granets, chi vau grand,
Volkslieder. 153
90 Quatter leivrets, cbi van sigliand,
Tri culomb, ein vau svolaud,
Duo nudind, cbi vau nudaud,
'Na peruißch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
95 Che ha tschua la duonna spusa las dudesch sairas?
Dudesch trats dal coufet,
Possat mai alvar our d' let,
Ündesch buots dal bun vin,
Ah, ch' el ais cotschen e fiu,
100 Desch fuorns dal bun pan,
Ah, ch' el ais eir lam e san,
Nouv bouvs bels e grass,
Ah, chi sun eir lams e pass,
Ot porchs ed üu creschü,
105 Set agnels ed ün cornü,
Ses pigliattas beilas chaplüdas,
Tschinch granets, chi van granand,
Quatter leivrets, chi van sigliand,
Tri culomb, chi van svoland,
110 Duo nudind, chi van nudand,
'Na pernisch a rost
Ed ün' umblan' a rost.
110.
(Flugi, Volkslieder, p. 78—80.)
Tuotta not eu m' insömgiaiva
Cha giaiva our in que zardin,
E chiattaiva ün bei tresor
Ai, süsom que frus^herin.
5 Bei tesor implanto our,
Chi faiva allegrer il cour ;
Co volvet mieus oelgs in via
E vzet lo mieu amur eher.
Dalla granda allegria
10 Am mattet eu a crider,
Gio d'mias oelgs crudaivan larmas,
Schi craschivan beilas fluors.
154 Volkslieder.
Schi craschivan bellas fluors,
Alvas, cotschnas, da culuors;
15 Las pigliet in mieu scassel,
Las purtet a mieu amur eher.
E da taunta allegria
As mattet el a crider.
« Chera, bella, s' ispi^,
20 8' ispi5 üna marusa.
Bella sai' la be sco vus,
E chiarigna be sco eau.» —
«Sar vus bei, eu s' di da prus,
Cha l'ais poch dalöntsch da vus.»
25 «Ai schi saja, ai schi via,
Schi saregias tuotta mia.»
Co la dettl' im per anells
Piajos aint iu taunt bindeis.
Co la dettl' ün per fazöls
30 Ed ün bütsch, ma bain da cour;
«E scha' d essas eir cuntaiuta,
Vulaius dalum siner aint.»
«Quista saira ais memma tard,
Vulains lascher d' üna vart,
35 Lascher fin damaun marvailg,
Cha la not vaiu bun cussailg.»
111.
(Flugi, Volkslieder, p. 82—84.)
Chi me ais que famailg
Chi' s leiva usche manvailg
Cun la staila dal sulailg?
Chi me ho' 1 par marusa?
5 L' ho zuond üna bella raatta;
Ma da seis bap ho ella artö
Bain üna pitschna dota:
Sulet ün er chi rösas ho portö.
Volkslieder, 1"^^
«0 bella matta, voust am der
10 Üna bella rosa da tieu er?» —
«0 madiua cha nu farö,
Cha mieu bap m' ho scumando.» —
«Nu voust tu ma marusa gnir?» —
«Aunt cu quella cu dvanter,
15 lu ün grauuet am voelg cunvertir,
Ed in la terra am voelg zuper.»
«Scha tu voust gnir ün bei graiinet,
Ed in la terra at voust zuper,
Voelg eau gnir ün utscbeet,
20 Ed our dalla terra at voelg picler.»
«Ün utscheet scha tu voust gnir,
Ed our dalla terra am voust picler,
Voe 'm couvertir in chiamuotschet
Ed in la cripla am voelg ris^her.»
25 «Füssast tu üu chiamuotschet,
Per in la cripla at risc^her,
Voelg esser eu ün chatschedret,
Ed our dalla sassa at voelg claper.»
«In chatschedret t' voust convertir,
30 Ed our d' la sassa am voust claper,
Schi voelg eu gnir üna bella rosa,
Ed in la plazza am voelg plazzer.»
«Scha tu füssast üna rosa
Ed in la plazza at voust plazzer,
35 Ün cumpredar voelg eu gnir,
Gio dalla plazza t' acquister.»
«Scu cumpredar voust tu gnir,
Gio dalla plazza am voust cumprer,
Voelg in aunglet am convertir,
40 Ed aint in tchel am voelg retrer.»
«In ün aunglet t' voust cunvertir,
Ed aint in tschel voust at plazer,
Schi voelg ün otr' aunglet eu gnir,
E svess in tschel at voe brancler.»
156 Volkslieder.
112.
a.
(Flugi, Volkslieder, p. 56—58.)
Ad eir' uua giuvna sün ün marchio.
Chi bain fluriva, fluriva sco üua rosa;
Co eira ün giuvan fich ot stimo,
Chi'l püßchel vaiv' al chape tachö.
5 «Sco iiondas dall' ova s' ho bain müdö,
Müdo tieu amur in fraidezzaj
Sest bain, inua tieu pled m' best do;
L' host do auncli' ad üna? a mi cumio?
Nun poass qua crair, am fid sün te,
10 Am lasch sün ta cunscienzchia;
Pigleda m' best in tuotta fe,
Attestan in tschel que las stailas.
Scha mias bap füss un grand rieh om,
Scha' 1 purtess chadainas duredas,
15 Allura forsa arfscbess il pom,
Föss degna da 't ster paraglieda.
Mo siand mias bap be ün pastur,
Della vischnauncha ün servitur,
Nun best trupaig tu da'm tradir,
20 Da tradir a ti ed a tieu amur.
Eu sun povretta, e tu est rieh;
Schi d' be mia spraunza nel paradis;
Eu' m fid sül Segner tuot, mo brich
Nel om pü 'm fid e sia fosded.
25 Sün las Agnias, lo ais ün bei plauu,
Cun bazs s' banescha lo il diaun,
Lo post tu da me at sparaglier,
Lo vegnane ans separer.
b.
(Annalas XI, Vital, p. 213—14.)
Ed eir' üua giuvna sün ün marchä,
Gio davo l'aua guiv' la lä,
Flurescha sco' na rosa.
Ün giuven, ch' eu il crai fida,
5 Ha 1 püschel sül chape tachä,
Ai, spüra amur fosa.
Volkslieder. 157
Tu m' hast pigliada uschfe soveut,
Sco stailas sun al firmamaiut,
Sovent m' hast tu gürada.
10 M' hast pigliada, säst bain ingio;
Hast tut amo üua, scbi hast duos fluors ;
Eu am fid süu la couscienza.
Eu sun povretta e tu est rieh,
Ma sprauza ha nel paradis,
15 Eu' m fid in Dieu, meis Segnei*.
Perche meis bap ais ün pastur,
Della vischinancba servitur,
Schi' m das-chast tu tradire?
Ma scha meis bap füss geutilom,
20 Üna chadaina d' or portess,
Allura tu' m salvessast.
Gio las Agnas ais tin bei plan,
Cou bazs banneschan il dian,
Nus duos per sparegliare.
25 Quaista chanzun, cha' vais senti
Vertida ais be uossa quia
E quai sainza fadia.
E quel, chi ha il prüm chantä,
Que eir ün hom giä maridä;
30 Non fetsch seis nom, ma 'I crai galantom.
113.
(Flugi, Volkslieder, p. 27/8.)
Ad eira üu pas^heder chi giaiva pas^hand,
Zieva la riva cha '1 giaiva chantand :
Eviva l'amur!
Mo pascjher cha el pas^haiva
5 Üna bella matta cha el chattaiva:
Eviva l'amur!
Co la piglet el par sias bels mauus alvs,
E la mnet a la frascjha sumbriva:
Eviva l'amur!
158 Volkslieder.
10 Eviva l'amur da co infiu süu porta,
Eviva l'amur da quella giuvna scorta!
Eviva l'amur da co iufin suler,
Eviva l'amur da que giuven bei!
Eviva l'amur da co infin sün üsch,
15 Eviva l'amur, clia lo la dum ün bütsch.
Eviva l'amur da co fin iu stüva,
Eviva l'amur da quels chi haun vintüra!
Eviva l'amur da co flu sün chambra,
Eviva l'amur da quel bei per chi 's ama!
114.
(Annalas XIV, Vital, p. 208—9.)
Ed eiran trais sudats,
Chi gnivan dalla guerra.
Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra,
5 Ün da quels trais
'Vaiv' üna bella rosa,
Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
La figlia del rai
10 Eira fün fanestra,
Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
O bei tamburin,
Voust dar a mai ta rosa?
15 Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
O figlia del rai,
Voust dar a mai teis cour
Rom patipom patipom,
20 Chi gnivan dalla guerra.
0 schür il tambur,
Domanda a meis bap!
Rom patipom, patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
Volkslieder. 159
25 O majestä de! rai
Voust dar a mai fa figlia?
Eom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
Signur il tambur,
30 Voust tu ch'eu 't fetsclia pender?
Rom patipom patipom,
Chi guivan dalla giierra.
Tchientmilla sudats
Sun qua per am defender!
35 Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
Signur il tambur
Schi di, chi ais teis bap?
Rom patipom patipom,
40 Chi gnivan dalla guerra.
Meis bap ais il rai,
II rai dell' Uugaria.
Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
45 Signur il tambur
Pur piglia mia figlia.
Rom patipom patipom,
Chi gnivan dalla guerra.
115.
a.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 317.)
Ad eira üna vouta im baudirel,
Chi giaiva tschartchand da 's marider.
Ma nul eira be sulett,
Cha '1 vaiva auncha set cun el.
5 Co rivettane a Cuoira
In quella gran bella cited.
El guardet sün ün balcum
E vzet la figlia d' ün barum.
„AI bundi, Schura regina!
10 Voul ella gnir a tramelg?
1 60 Volkslieder.
A tramelg da pardunaunza;
Cba vegu eir ils giums da Frauntscha.''
„üumandarö a mas sett dunzellas
Scba sum eir cuntauutas ellas." —
15 La pü veglia la scusgliaiva,
La pü giuvna la casgliaiva.
E CO getla a tramelg,
La fet suter il bandirel.
Iminchia pass cha la matta daiva
20 II bandirel la dumandaiva,
Awnz cha la tras^ba füt glivreda
Eira la matta marideda.
El la det set cient araunscbs,
E sett bels anels in daint.
25 j,Que ais bain ün pitscben dum
Per la figlia d' ün barum." —
E '1 bandirel s' bo affruntö,
Ed bo piglio ficb mel i '1 chö.
E la regina ais turneda
30 Tuot in prescba par sa streda.
Ed bo quinto a sas donzellas
Co cbi ais passo cun ella.
b.
(Annalas XIV, Vital, p. 274/5.)
Ad eira ün giuven bandirel,
Cbi volaiv' as marider.
El get fin our a Coira,
Spassegiand per la citted.
5 El guardet sün tin balcun,
Vzet la figlia d' ün barun.
Reverida, barunessa,
Reveri, signur barun.
Volkslieder. 161
Eau volaiva 1' invider
10 Quaista saira a baller.
La barunessa get a tramegl
E sotet cul baudirel.
Cur la prüma fUt glivreda
Füt la giiivua dumandeda.
15 Cur la seguouda füt glivreda,
Füt la giuvna impromissa.
Cur la terza füt glivreda,
Füt la giuvua iurügleda.
Ella get oura per suler,
20 Terdscband las larmas cul squassel.
Ella get fin our süu porta
E sieu bap la dschet melscorta.
116.
(Annalas XIV, Vital, 275/76.)
Ad eir' üua vouta ün cbalderer,
Cbi 'vaiva vöglia da 's marider.
Giunfra prinzessa, voul' la siglir 'na trais-cha con mai,
Giuufra prinzessa, voul' la siglir 'na trais-cha con mai,
5 Mincha pass, cha la giuvua faiva,
II cbalderer la domaudaiva.
lutant siglittan infin las dudesch
Ed eirau tuots duos marus e marusa.
lutant siglittan infina 1' üna
10 Ed eiran tuots duos bain da perüna.
Intant siglittan infin las dus
Et eirau tuots duos spusa e spus.
Intant rivettan infin süu porta
Ed inscuntrettan seis giuveu frar.
15 Intant rivettan infin sün s-chala
Ed inscuntrettan a seis bap.
Romanische Forschungen XXVII. 1 1
162 Volkslieder.
Intant rivettan infin sün üsch
Ed iuscuntrettan a sia sour.
Piglia gi6 quel scussal alb
20 E metta sü quel s-charbunä.
Piglia gib quella scufla d' saida
E metta sü quella trida uaira.
117.
(Annalas VII, Derin, p. 52/3.)
Viv' il bei prinzi, rai d'Olanda
Quel vev' eir da gnir a cha.
Haderdom valeriulä
Quel vev' eir da gnir a chä.
5 La schiora (sie!) prinzessa sün fanestra
Guardev' ora in mez il mar.
Qua vezet' la ün servitur
Chi gniva tot vesti a nair.
Servitur o servitur
10 Che ma novas mainast tu?
Pacas bunas schiora prinzessa
Tant per mai co eir per lei. (!)
Angoscha gronda e dolur
II bei prinzi es sotterra
15 La schiora prinzessa per terra crodet
Da la grauda crudelt(a)[e]d.
Las sias donzellas tottas quellas
Gnittau la per la jüdar.
118.
(Annalas VI, Derin, p. 61.)
Una saira jeiva ora sper il mar
Et eu cumanzeiva lä a spassisar,
Eu da cor chanteiva lä üna chanzun
Schi bainbod udit' eu ün' amabla vusch.
Volkslieder. 163
5 Üna juvna bella vez, vers mai a gnir
Et am dscheiva quella: dim che quai vol dir
Ün tavau da terra dod eu a chautar
Tu uoss' am declera che quai vol maniar,
Stupi meis cor steiva cur ch' eu la vezet
10 Lura eil' am dscheiva guardam pur indret
Sia groud' beleza eira tschert usch^!
Et eu cuu pronteza, via pro ella jet.
Eu la giavüscheiva ch' ella dess chautar
Eir am respoudeiva quai uuu po dvautar.
15 A chautar ch' eu guiss schi da sgür at di
Tu at rumanzessast e nu sdvuaglessast plü.
Quista juvna bella cumainz' a chantar
Üna vusch fich bella dod eu a chantai',
Quai ch' ella chanteiva, nuu saveiv' incler
20 Ma quai am pareiva üna vusch dal tschel,
Ohara juvna bella eu 't vögl seguitar
Tia vusch fich bella fa meis cor legrar,
Eu 't vögl dar per spenda quatter milli rentschs
Cun bun cor at dun tot quai ch' eu posed. —
25 0 crastian da terra salva tot per tai
Tia richeza blera nun am po jüdar,
Siond la chasa mia sta in mez il mar
Tu a totta via nun post seguitar.
Scha quai nuu po esser dad at seguitar
30 Stögl eu laschar esser et am cuntaintar.
0 tu juventschella schi va e sta bain
Giavüschet a quella, plü nun as vezain.
119.
(Annalas XIV, Vital, p. 276—77.)
0 Anna Maria, ingio ais teis hom?
L' ais our' in tablä, ch' el giascha sül ström.
0 Anna Maria, ingio vast tu?
Eu vegn in cittä a sutar cols sudats.
5 0 Anna Maria, va a chä,,
Cha teis hom ais ammalä.
11
*
j^(34 Volkslieder.
Seh' el aisammalä, laschain ch' el sia,
Intant eu vögl sunar la gia.
Sunai* la gia e 1' giun,
10 Cha las mattas vegnan a mautun.
Ed ils mattuns vegnan eir pro
E van sotand tuet inavo.
120.
(Annalas XIV, Vital, p. 270—71.)
Daman a mamvagl vögl eu alvar
Ed ir aiut il god ed utschels sagettar.
Subit cha nel god eu rivet aint,
Udit ün Infant zuond sten brajand.
5 0 meis Infant, o meis char infant,
Chi t' ha a tai perchüra qui aint?
n Segner meis m' ha perchüra,
Cha iugün tier non m' ha maglii.
Daman a mamvagl vögl eu star sü
10 Ed alias nozzas da mia mamma ir,
Subit cha eu in stüva riv aint
Vögl far a tuots ün bei complimaiut.
Bun di, bun di, vus nozzadurs,
Sco eir vus mamma con vos spus!
15 Co das-chast a mai tu tia mamma nomnar,
Quist cotschen cranz non das-chesseu portar?
Schi 'vais dafat tuet invlidä
Vos trais infants, cha vus 'vais zoppautä?
II prüm 'vais vus davo 1' aua bütta,
20 II seguond suot ün savüer zoppanta.
II terz' vais vus nel god portä,
Con lain' ed astellas bain zoppanta.
Con quai il satan da porta vain aint
E piglia la spnsa per ün man.
Volkslieder. 165
25 E sur üsch oura quella trand
D* üu' otra via, d' üu oter staud.
D' ün' otra via, d' ün oter stand
Stoust tu passar tras 1' Engelland.
121.
(Annalaa XIV, Vital, p. 257—259.)
Qua eir' üna giuvnetta,
Una giuvnetta persa,
Üna giuvnetta persa,
Per set dis e per set nots.
5 Qua gnit ün chavalgiaint
E disch: Che fast, giuvnetta?
Eu di, cha mi sun persa
Per set dis e per set nots.
0 di, 0 di, giuvnetta,
10 Voust gnir con mai in groppa?
0 schi, ch* eu vögl ir via
In groppa davo el.
Qua gen ün toc inavant,
Schi comainz' la a chautar;
1 5 Per begl ch' ella chantaiva,
Sclii la crappa strasunaiva.
0 di, 0 di, giuvnetta,
Da chi, da chi est figlia?
Eu di, cha mi sun figlia
20 Dad Un pover giornalier.
0 di, 0 di, giuvnetta,
Co est 'sehe bain fittada,
Con nollas, con manins,
Con usche finas granadas?
25 Tuot quai meis bap guadagna
Schi mett' el intuorn mai,
Schi mett' el intuorn mai,
Per am fittar a mai.
166 Völkslieder.
Qua gen ün toc inavant,
30 Schi comainz 'la a chantar;
Per begl ch' ella chantaiva,
Schi la sassa strasunaiva.
0 di, 0 di giuvuetta,
Da chi, da chi est figlia?
35 Eu di, cha mi sun figlia
Dad ün pover artiscban.
0 di, o di, giuvnetta,
Co est 'sehe bain fittada,
Con nollas, con manins,
40 Oon usche finas granadas?
Tuot quai meis bap guadagna,
Schi mett' el intuorn mai,
Schi mett' el intuorn mai,
Per am fittar a mai.
45 0, schi guardai tschavia,
Quella bella compagnia,
Quai ais meis signur bap
Con seis dudesch serviturs.
0, schi guardai tschavia
50 Quella bella compagnia
Quai ais ma siguura mamma,
Con las sias dudesch donzellas.
0 povers nars quels mas-chels
Chi crajan alias femnas.
55 Füss it per otra via,
Schi la matta eira mia!
122.
(Annalas XIV, Vital, p. 204—5.)
Vlain comanzar eir a chantar,
Ai, supra il maridar.
0 tadlai, co 1' ais passada,
Schi volaina radschunar.
Volkslieder 167
5 La giaiva oura ün po a spass
Per verer, seh' il gniss a plaz ;
Bella tschera, ch' eil' al fa
Per il far inamurar.
„0 buu di, vus chara bella,
10 Percbe stais da mala vöglia,
Percho 'vais usche crida,
Percbe 'vais vos cour plajä?"
„Eu 's voless bain radscbunar,
Scba VHS savessat da 'm güdar,
15 Scba vus savessat da'm quintar,
Scba meis marus vain bod a cbä."
„Noscbas novas ob' eu 's vögl dar,
Gba vos marus ais maridä,
Noscbas novas, ob' eu 's vögl dir
20 Cba vos marus ais sepuli.
Bunas novas, cb' eu 's vögl dar
Per vos cour far allegrar;
Be per quai sun eu gnü quia
Per Vera, scba gnissat mia."
25 „Scba meis marus eis sepuli
Ed in la terra ais clet sü,
Megldra sort non sa eu bricb
Co que^ noss in quaist ifficb."
Qua la d^ '1 ün per daners
bO E ses lingias bels granats,
Qua la d^ '1 ün per zecbins
Ed ün bei per uracbins.
In sandä, vus cbara bella,
In sandä da nossa lai ;
36 Dieu ans vöglia beuedir,
Tuots noss fats far reuscbir."
123.
(Annalas XIV, Vital, p. 254.)
„Buna saira mattans bellas,
Percbe stais da mala vöglia?
Percbe stais uscbe cridar?
Percbe 'vais voss cours serrats?"
168 Volkslieder.
5 „Schi baiuvgnUts eir vus, bels giuvens
Non Vais vis il meis marus.
Meis marus quel non ais qua,
Be perquai suspür eu qua."
„Bunas nouvas ch' eu 's vögl dar,
10 Vos marus ais uossa qua.
Bunas nouvas ch' eu 's vögl dir,*»
Vos marus ais uossa qui."
Qua la det el duos anels,
Plajats aint in bels biudels;
15 Qua la det el duos zechins
Ed üua s-chacla d' uraglins.
Qua la det el duos barettas
Con picheis d' or intuorn;
Qua la det el duos fazous
20 E duos bütschs eir bain da cour.
124.
(Annalas VII, Deriu, p. 53—55.)
0 juvna bella che stais qua
Usche da mala vöglia?
Spetais a gnir vos char marus
Vos IM per alguar via?
5 Schi b6 per quai suspür eu fich
Na sa ingio ch' el ais
El es bain i davent da qua
In ün eister paiais.
El es bain i davent da qui
10 Chi es fingiä trais ons
Eu il spet gnir inmiuchadi
E ma nu til vez vgnoud,
Et eu suletta qua ch' eu stun
Nu sa clie dir ni far,
15 Ni cun chi metter jo radschun
Sainza mis amur char.
Volkslieder. ^69
O juwna bella seh' eu das<;hess
Duas pleds in confideuza
D' BS palesar be iu secret
20 Duas pleds in cofideuza
Char Sar vus bei pur discuri
Scba savais inqualcbosa
Perch6 da mai uu gnis tradi
Scb' eu 'vess d' ir alla fossa.
25 Dimena scha vus permetais
Cun vus eir da tschantschar
Scbi eu dumoud : uu'm cognoschais
A mai jo da'l tscbantschar?
Jo dal discuorrer am paress
30 Cha fossat meis amant
Ma jo dal aier cba vus 'vais
Na poss eu craier quai.
Ma bain scbi v6 pur nan a qua
E guardam inandret
35 Scba eu nu sun il teis ama
Cbi am' a tai sulet'?
Pro '1 juven ella currit via
Cun mans a til branclar
Per tant amur cba ella 'vaiva
40 Sainza podair tschantschar.
Sün quai il juven cuoret or
E sbrait: o fortUna!
0 che grond cas cba quel es stat
Cun ma bella persuna.
45 La juvna discb: o meis cbar cor
Perche hast fat uschfe?
II juven discb: per provar or
Scba 1' amur es sinzer.
Ma na savaivast tu avant
50 Co' m dar quista forada
Cha eu sun quella cbi at 'n 'hai
Da löncb in qua amada?
170 Volkslieder.
Savaiva bain ma in quel temp
Vess quai podü gnir frai
55 Perche cha tu nun hast suvent
Surgni novas da mai.
Eu n' liai bler scrit e n' hai bler dit
Che ma fa meis cor char,
Ma uoss' il temp es arivd
60 0ha no' ns podain branclar.
0 grond dalet cha quai tschert ais
Cur cha duas cors as aman
Pou bain eir gnir a discurir,
Eu't am e tu eir 'm amast.
65 Cur cha 1' amur ha tut possess
Aint in duas cors chi' s aman
Schi na surtainta 1' interess
Ni lengas pon dar don.
Eu tschert finisch qua ma chanzuu
70 E di ingüna chosa
Nun es plü ferma co 1' amur
Aint in duas cors chi 's aman.
Eu tschert sun quel chi n'ha provä
Per quai poss jüdichar
75 Ma quel chi quai nun ha provä
Nu po bricha tschautschar !
125.
(Annalas VII, Derin, p. 48/9.)
Chant^, chante Lisetta
Chi es temp d' as maridar !
Na poss chantar ni rier
Cha meis cor es contuorblä.
5 II meis spus es i alla guerra
In set ons ha '1 da tuornar;
Scha el tuorna o seh' el na tuorna
II meis amä saimper sara.
0 scha eu savess la strada
10 Vuless ir al incuntrar!
Volkslieder. 171
Duraandoud e dumandond
La Lisetta 1' ha inscunträ.
Cur la fo a meza strada
Un bei juveu eil' incuntret.
15 0 diin, o dim bei juveu
Da che varts cha tu vaiusch tu?
Da las varts del S (?) Mark
Ingio il sulai ma na va jo.
O dim, o dim bei juveu
20 Asch tu vis il meis ama?
0 schi cha eu V ha vis
Cun suspürs e gronds dolurs.
0 dim, 0 dim bei juveu
Vestimaiuta che veiv' el aint?
25 Vesti eir el da damasc
A r üsanza del imperatur.
0 dim, 0 dim bei juveu
Curapoguia chi veiv' el la?
Eir da quatter mataus
30 Pasigeva da sü e da jo.
Lisetta doda quist
E mauca il pe et ella da jo.
Sta sü, sta sü Lisetta
Cha eu suu teis amatur.
35 Lisetta in pe stet
Seis amatur eil' abratschet.
Ach ve schi giains a chasa
Cha uos cors sun suleivgiats!
Cur chi fuon rivats suot tet
40 Tuot seis amis el abratschet.
0 dim, 0 dim Lisetta
L' asch chattä il teis amatur?
0 schi ch' eu '1 lia chattä
Cun suspürs e gronds dolurs!
172 Volkslieder.
126.
(Flugi, Volkslieder, p. 52—54.)
„Plaundscher stölg uoßsa ma dulur
Zuped' aint in rnia cour,
Sett ans sum sciiors vi con amur,
E me nun he dit our.
5 Vaiv' ün marus, giuveu fich bei,
D' eted da frais^ha rosa,
Mieu cour vers el es sto crudel,
Nu he Orot sieus arövs.
Arövs fich bels e dutsch tschantscher;
10 Inua me ho '1 trat via?
Ach, füssest uossa, mia cour eher.
Ach füssest tu aquia!
Poss bain crider, poss bain larmer,
Ma que ais per ünguotta;
15 Ungiün nu vain am cuffurter
Via ais ma spraunza tuotta.
Scha aunchia taunt stess suppurter
La sort nu füss crudella;
0 povra me ! ch' am stölg clamer,
20 0 povra giuvintschella!"
Schand quaist, per guarder, per spatter,
Sün ün ot balcum get ella;
E na dalöntsch vzet ella a gnir
Una cumpagnia bella.
25 „0 Segner! be chia que füss eil",
Schettl' in sieu cour, „chi gniss!"
Curind getla per dumander,
Scha nun il vessan vis.
„Quel eira bei be scu '1 sulailg
30 Chi splanduresch' al firmamaint,
Sia cour la saira e mamvailg
Sincer sco d' ün infaunt,"
Volkslieder. 173
Mo el, santind Un tel discuors,
Cuüschet sieu amur eher,
35 E, schmanchiand vi tuottas erruors,
S' mattet el a crider.
Vzand que guardet ella pü bain,
Cunschet cbia d' eira quel
L' pigliet intuorn culöz cun maun,
40 E crudet gio sper el.
Per il graad bain e por 1' amur
Cbia quels duos as purtaivaa,
Scbmancbiaivan vi tuotta dulur,
E vi e pü s' braaclaivan.
127.
(Annalas XIV, Vital, p. 266-268.)
Ed eir' üna vouta ün geutilom,
Cbi vaiv' üna duonna zuond bellaj
Qua eir' ün oter frais-ch compagn,
Cbi 'laiv' avair a quella.
5 Qua b' tret el aint ün vestmaint alb
Per cb' el paress il puotte,
Eir per podair ir aint dadaint
E vair la duonna tuotta.
E cur cbi fno alias desch not,
10 Scbi clocca gio sün porta.
II gentilom quel sta e discb :
Cbi ais cugib cbi clocca?
II gentilom quel sta e discb:
Cbi ais cugiö cbi clocca?
15 La gentilduonna sta e discb:
0, quai s&rk il puotte.
II gentilom quel sta e discb:
Tascbai; lascba '1 passare.
La gentilduonna sta e discb :
20 It giö, lascba '1 gnir ainte.
174 Volkslieder.
H gentilom eir' ün hom grit,
Battet sün sa siguura:
Cur cha il hom ha da tschantschar,
La duonna dess taschaire.
25 La gentilduonna sta e disch:
Tu vainst a 't inrüglare;
A mezzanot vainst a 'm tscherchar,
Ma mai plü a 'm chattare.
E cur chi fuo las dudesch not,
30 II geutilom get a messa,
La gentilduonna s' trat eir vi
Cul giuven da compagnia.
E cur chi fuo all' üna d' not,
Cha '1 gentilom gnit da messa,
35 Get el tscherchand sia signura
E mai non la chattet.
Uoi, 0 famagls, ils meis famagls,
Stat sü, laschai sü ils chavagls,
Ch' nus passan ir per munts e vals,
40 Tscherchand nossa nossa signura.
E vus fantschellas, mias fantschellas,
Stat sü, mettai sü eir las sellas,
Ch' nus possan ir per munts e vals,
Tscherchand nossa signura.
45 Acquä rivetttan ün toc inavant
Vezzettan ün bei chastö,
E süsom da quel chaste
Vezzettan lur signura.
Uoi, o famagls, ils meis famagls
50 It sü e dit, ch' ella vegna.
Seh' ella non voul gnir in onur,
La resta in verguogna!
128.
(Flugi, Volkslieder, p. 21—22.)
O tu marusa, o tu mia, o tu bain chara,
0 schi cura, o schi di 'm, poss cu gnir a tramalg?"
Volkslieder. 175
„0 ve scha tii voust gnir, scbi ve a mezza not,
Cha mia mala mamma saja ida a durmir."
5 „0 inviida, o schi invüda trais cleras chandailas
Ch' eu n' hai da passar trais tridas auas."
Mo davo man cha 1' invüdeiva
Sa mala mamma las stüzaiva.
La prüma aua cha el tschunchett
10 Alla seguonda Diou in agüd clamett
E la terza il stanschantett.
Mo qua giav' ella gio sper quella riva
E cridaiva e suspiraiva.
Qua gnittan our trais bellas colombas
15 „Parche cridast, parche suspürastV"
„Eu poss bain cridar, e poss bain suspirar
Meis amur cha quel ais stanschanta.
Ohara giuvna, pur tuorna in sü
Teis marus char quel nu vezzast plü."
20 „0 mamma, o mala mamma, o che bun cuffort
S'dara quai in vossa vitta et in vossa mort?"
129.
(Gröber, Grundriss, Geschichte der rätoromanischen Literatur v. C. Decurtins
p. 224. 225.)
Que eiran trais compagns con trais barettas cotscbnas
Chi vaivain miss sün viadi, per ir alla punt St. Jachen,
Per ir e per star e per mai as bandunar.
Uoi, il plii pitscheu eir' il plü fick inamurb.
5 El s' innamuret da lunga in la figlia del uster,
„üstera, junfr' ustera, dat gio fain a meis chavä,
Ustera junfr' ustera, dat gio fain a meis chavä,
Dat gio fain a meis chava et tschantschai duos pleds con mai."
II prüm, ch' ella tschantschet, e '1 seguond ch'ella fallet.
10 Ai, d'schet' la schi con el, schi subit d'schet la schi con el.
Qua guit el sü da schala zuon led e bain containt.
„Compagns, meis chars compagns, schi hai tut la figlia del uster"
„Quai non crajan nus bricha, cli' eil' saja tut a tei
176 Volkslieder.
„Scha nun crajais a mai, ai, schi clomandai ad ella!"
15 L'uster, quel mal U8ter, ah, quel füt eir dadour' lisch,
Quel füt er' dadour lisch a tadlet tout que, ch' el d' sehet.
Qua gnit el aint lin stiva, zuond grit e raalcontaint.
„Oi, schi tu Schelm, oschi, che hast tu dat per pegn?"
„Per pegn la ha eu data üna tschinta da fin or,
20 Na tschinta da fin or, ai, e duos bels auels d' or."
„Quai aut co quai laschar davantar, schi va tu pel mastral !
Schi va tu oura pel mastral e per sa mastralia!"
Qua fetten eis sentenziar, ch'el fiiss ün poc ün bun;
Qua fetten eis sentenziar, ch'el füss eir ün striun.
25 „Giallina, giallinetta, pur fa per mei Vendetta!"
Vendetta, ch' ella faiva, chal sang per via curraiva.
130.
(Annalas XIV, Vital, p. 273/4.)
„0 niamma chara, che mä dess eu far?
La mia marusa ha usche grand mal?"
„Säst, meis figl, che tu dessast far!
Piglia sunaders e fa 'la sunar
5 Suot las sias fanestras,
Schi crai 'la, chi sia mats esters."
„0 mamma chara, chi ais cugiö chi suna,
Uoi, avair ch' eu ha usche grand mal."
„Uoi, figlia chara, que saran mats esters,
10 Uoi, chi non san, cha tu hast usche mal."
„0 mamma chara, güda 'm vi sun balcun,
E laschä 'm vair chi quels mats esters sun."
Sa mamma chara süu balcun 1' uzet,
Seis amur char ebbain ch' ella vezzet.
15 „0 mamma chara, it oura e rivi la porta."
E qua vezzenna, ch' eil' eira tuot smorta.
„0 mamma chara, it gib per üna zena d' vin,
Ed ün plattet da meis biscutins."
La mamma chara get gib per üna zena d' vin
20 Ed ella get via sün seis scrin.
„Uoi, il cromai, cha tu m' hast cromia,
Dieu saja loda, ch' eu ha fingia porta."
„Uoi, giunfra spusa, ch' la non dia quai,
Ch' eu stun con spranza, ch' ella porta plü co quai!"
Volkslieder. 177
25 Sa mamma chara guit sü con la zena fl' viu
E con il plattet da seis bisciitins.
E s' irapriugiaud ein s' impringiaivau,
Schi la giuvnetta da quist rauond spassaiva.
Uoi, alias duos geuna sün con ella
30 Ed alias trais turnenua gi^ per el.
Uoi, e sül tömbel da quella bella
Creschaiva 'na flur da chamiuella,
Uoi, e sül tömbel da quel bei mat
Creschaiva 'na flur da nusch nus-chat.
35 Uoi, e pel bain, cba quels duos as 'laivan,
Schi quellas fluors iusembel as plajaivau.
131.
a.
(Nach Ms. Ss.)
[f. 16*»] 0 bab, 0 bab, o mieu eher bab!
0 chie gron picheo, cha ves a mi fat,
Un dali da dali dali dalida da lari,
Dalida dali dali dala.
5 A fer pilgier, an fer schnajer,
A fer fnajer mi amur da Schonse.
0 tafcha, filgia, tafcha, nun carider,
Cha ti 's daners senz indumbrer.
Schi chie gida la rihezia,
10 Scha nun eis la cuntantezia?
[f. 17*] 0 [fjteis ad je, vus, mis chera mama!
Mo ei a vus mes uums empie.
0 tafcha, filgia, tascha, nun carider,
Cha ti 's daners senz innumbrer.
15 Mo fcha chie gida la richezia,
Scha nun eis la cuntantezia?
0 fteis a[d]je, vus, mes chers frarse!
Mo ei a vus mis nums empie,
O tafcha, sora, tafcha, nun carider,
20 Chia vulens ir a cumpangier.
Steds adje, vus, mes chers frurs!
Mo ei a vus me nun vesein pi.
Komauiache Forsubungen XXVIl. J2
178 Volkslieder,
0 ftets adje, vus. mes cheras fantfchelas !
0 jes ear giu a parige las felas.
25 0 las felas suud bellas parigiedas,
0 be, chia vus seias jfittedas.
0 ftets adje, vus, mes chers famalgse!
A jeseu giu a parigie als giavals.
Als giavals sum bels parigios,
30 O, chia vus seigias iffitos.
la mattevan si,
Da lautra vart cho la deva giu.
la fadia la dunna fpusa veiva,
Fin filg cLiava gaiva.
[f. 17''] 35 Co gietanevan int a chi navant,
Schi anfcuntret la si amur da Schons.
„0 amur mia, o amur eher!
Nun vogft ti ngir a raa cumpaugier?"
„In fin a Surfel i t vol acurapaugier
40 Ad a la fofsa i t ve a purter."
Co arivetan fin cela Surselva,
Inguta bei uu la parev' ad ella.
Co ugita giu il sörel a serra,
„Bisema, filgia, chera dunna fpufa."
45 „0 vofsa filgia mena sum jeu fteda
Ad ei er fprenza brigia da viugir."
Co ngit i giu kinos e kinedas,
„Bisem, soer, chera dunna fpusa."
„0^ vofsa soer mena sum jeu fteda
50 Ad ei er fpronza brigia da vingir."
Cla dunna fpufa dev is da ver mel.
Cur cha vetteu er bot maugio,
La dunna fpufsa dev is da sieu chio.
E cur chia vettan livrot mangia,
55 La dunna fpufa füt .... sin bella.
0 a las dus vetana fii par ella,
Ea las tres ta[r]notane [s]ü par el.
Volkslieder. 179
[f. 18*] Siuque tempel da quella giuvinfchella
Crafcheva fliirs ad ervaa chiamanela;
60 Sin que tempel da que giiivau bei matt
Carscheva flurs ad ervas nufchs iiufchiat.
Dad eut ilg beng, chia per a vus vuleivan,
Parfin las flurs ch' elas abraucleivan.
Che bein ilg ver, seo gis ilg proverbi :
66 „Na chiofa par forza na val üna fcorza".
(E par mia 1' eia pilgida,
Ad er mia nun ei la rafteda:
E par mia ei la 1 ei a vulida,
Ed ar mia nun ella vigngida.)
b.
(Romauische Studien I, Fliigi, p. 322—325.)
„0 bap! 0 bap! che veivat f at !
Am far pigliar, i alur am far snajar;
Am far snajar mis cbar amur da Schons,
E far pigliar a quel trid da Surselva." —
5 Quel da Surselva eira dador üscb,
Ed ha santi tuot quai cha no scheivan;
Qua gnitel aint e giet per stüva sü
Cun tschera brusca e cun trida tschera.
„0 scbi dimena, scha vus savais tantas,
10 Schi oz vulains ir ün toc inavant." —
Ed ella disch: „pü jent oz co daman."
„Schi ste a Diou, ma mamma, ed a Diou!
Aint in meis cour nai na grouda fadia.
Schi ste a Diou, bap, ed a Diou!
15 Aint in raeis cour nai na gronda fadia.
Schi ste a Diou, ma chara giuventüna!
Aint in meis cour nai grond incraschantün.
Aunch' üna grazchia lessa giavüschar:
Cha vo' m drizessat sü ün chavalg zop,
20 Chi jes eir auncha blera plü planet;
Pü plan cha'l va es in prescha per me.
12*-
180 Volkslieder.
D'üna vart sü chel ti la giüdeiva,
Da l'autra vart la juvna jo turueiva.
E qua schi jetau im toc inavant,
25 E s'iucuutret sia char amur da Schous.
„0 amur buna! i o amur mia!
Cur ch'eu ta vez^ schi meis cour leua via.
Alchüna grazchia lessa giavüschar,
Cha tu be guissas am acumpaguar;
30 Am cumpaguar sün las mias uozas.
E sül davo eir sün la mia fossa." —
„A vossas uozas s'vögla cumpagnar,
E sül davo vulaius eir legers star." —
„Aunch' üna grazchia t^lessa giavüschar;
35 Cha tu piglessas eir quist bei ane,
Metessas aiut in tis bei daint d'imez." —
0 qua er gien iufin la punt dimez ;
Qua bei ane as rumpet gio per mez.
La giuvna disch: „quist vol maniar,
40 Cha eu e tu stovains ans separar." —
0 qua riveu infin la val Surselva,
Ch'es ma sto vis usche 'na bella femna.
Qua gnitan gio eir il sör i la söra:
„Saila baiuvgnüda, figlia, in nossa cha."
45 „La vossa figlia ma nun suna Stada,
E stun sün sprouza eir da ma nu gnir:
Meis temp s'aprossma cha stu bod murir."
Qua gnittan gio quiuadas e quinats :
Saila baiuvgnüda, sour, in nossa cha."
50 „La vossa sour, na, ma nu suna Stada,
E stun sün spronza eir da ma nu gnir;
Mis temp s'aprossma, cha poss bod murir.
Aunch' üna grazchia lessa giavüschar:
Üna saletta par pudair pussar."
Volkslieder. 181
55 »^ui iu Sursclva uuu osa la inoda
La giunfra spusa da diimaudar let." —
Sulla saletta chi tila mattotton,
Ils Signurs cbambrers a inaisa s'aschautetten ;
Mo i d'eir la sün quella bella noza
60 Dvautetta eir usche üu groud miracul.
La plana dal spiis s'alvautet in aiit,
E s'laschoud gio sa sfaudet per mez.
H frar dal spus disch: „laschara ir oura;
Quai nun ais dret cuu la mia sour.
66 Qua Jena sü per la visitar,
Cun pleds zuoud dutschs per la cunfurtar;
Cufortar ein la cufortaivau,
La giunfra spusa daveut dal muond tiraiva.
„0 ciliar, salüda a bap id a manima,
70 Di, cha lur cours ajen bain cuntantä,
Ed il meis cour ajen schlupantä." —
Uoi, qua s'volvela culla fatsch' iu aint,
E s'partit veja be in quel momaint.
„0 chara, scba tu est morta e per mi
75 Schi völg eir eu gugent murir par ti."
Uoi qua s'bütel sur ella, e'l let aint,
E s'partit veja be in quel momaint.
Uoi alias duos Jena sü cun ella,
Ed alias trais turnettan gio per el.
80 Ils sains da sinar aint sun stats par sapulir,
E quels da Schons edeir tils raspundeivan,
Per taut grond bain, cha quels duos as leivan.
Uoi, i sül tömbel da quella bella
Craschiva sü üna flur da chaminella;
85 Uoi^ e sül tömbel da que bei mat
Craschiva sü üua flur nusch nuscjhiat.
Per tant grond bain cha queus dus as leivan,
Parfiu las Üuors insembel as brancleivau.
182 Volkslieder.
132.
(Gröber, Grundriss, Geschichte der rätoromanischen Literatur
V. C. Decurtins p. 225.)
a.
II silip e la furmia
A' 8 vulaiven marider, hola, falia le la, hola.
„Silip, voust a 'm pigler?"
„Furmia, parche ua!" hola, falia le la, hola,
5 Cur gettan sü 1' uter,
Per metter aint 1' ane, hola, falia le la, hola.
Silip dat inavous,
Cha '1 scharve saglit our, hola, falia le la, hola.
Furmia get vi sur mer,
10 Per üt del masdiner; hola^ falia le la, hola.
La get invi da Pesqua
E turnet da Nadel, hola, falia le la, hola.
E cur che la turnet,
Silip füt mort e suterro. hola, falia le la, hola,
15 Eau d' he granda fadia
Per te, ma cumpagnia, hola, falia le la, hola.
Eau d' he granda dulur,
Par te, o mia eher cour! hola, falia le la, hola.
b.
(Annalas XIV, Vital, p. 256—257.)
II salip e la furmia
As volaivan maridar.
Hopsa j ufifallerallera.
E qua dschaiva la furmia:
5 „0 salip, voust tour a raai?"
Hopsa jufifallerallera.
Sün que dschaiva il salip:
„0 furmia, perche ua!"
Hopsa jufifallerallera.
10 E qua gettan sül chastfe
Per as metter aint 1' ane.
Hopsa jufifallerallera.
Volkslieder. 183
II salip det suringiö
E 's rurapet eir il tscherv^.
15 Hopsa jufifallerallera.
„O dolux", melauconia,
Amalä, raa compagnia!"
Hopsca jufifallerallera.
La furmia get vi sur mar
20 Per masdinas da raasdiuar.
Hopsa jufifallerallera!
E qua get eil' intuoru Pasqua
E turnet intuorn Nadal.
Hopsa jufifallerallera.
25 E cur ch' ella füt turnada,
Eir' el mort e sutterrä.
Hopsa jufifallerallera.
,,0 dolur melauconia,
Eu ha pers ma compagnia.-'
30 Hopsa jufifallerallera.
„Eu ha üna graud' dolur
Eir per tai, o meis char cour."
Hopsa jufifallerallera.
„Giuvua guaivda cha eu sun,
35 Frais-cha terra cha tu fast."
Hopsa jufifallerallera.
La furmia s^ mett' a bragir
Infin tant la sto murir.
Hopsa jufifallerallera.
133.
(Annalus XI, Vital, p. 178.)
0 dolur, che ch' eu hat fat
Tut ün hom imp6 d'üu mat,
Tut üu hom cou uouv iufants,
Tschinch mattuus e quatter mattans,
184 Volkslieder.
5 Quindernan tgnara 'n tröp chavras;
Quellas suu eir las chambreras.
O che be ed o che bain,
O che nozzas, cha nus fain!
Quinderuan, tgnara 'n tröp lufs^
10 Qu eis sun be per il sar spus.
0 che hom da grand' parada
0 che nozzas, che buada!
134.
a.
(Flugi, Volkslieder, p. 17.)
Chalanda Mars, chalaud' Avrigl,
Lasche las vachas our d'nuigl.
b.
(Annalas XIV, G. Barblan, p. 193.)
Chalenda Marz^ Chalend' Avrigl
Laschai las vachas our d' uvigl,
La naiv svanescha,
E r erba ci'escha;
5 Schi non ais in tabla
Schi aise sül pra.
c.
(Annalas XIII, Vital, p. 192.)
Chalanda März, chaland' Avrigl,
Lascht la? vachas our d' uigl.
Las vachas vaun culs vdels,
Las nuorsas culs agnels,
5 Las chevras culs uzöls,
Las giallinas faun ils övs,
L' erva crescha,
La naiv svanescha,
Scha 'ns dais qualchosa,
10 Schi Dieu 's benedescha,
E scha nun 's dais inguotta,
Schi '1 luf as sbluotta.
Volkslieder. 185
135.
(Nach Ms. Campell-de Porta.)
[p. 646] Quell da Sclilander e d' Unuder a chiavalg,
Hauu dritzad queus üu mal cussalg.
„E ha ho par daschdrür la val d' Ingiadiua
Che nun chiaunta giall ne gialgina."
[p. 647] Marti-Joan diss: Mütscha, mütscha, tu Bart Gualgelm,
La vita t' cuosta^ schilt ed heim ;
Diss el, ßch' la mia vita dess a mai custar,
Voelg eug huüur e laud chiattar.
Mg pilgaa la vita, doet in 'lg chiamp fadiflf da soart,
Ch' r ha uudesch glyds ruott aunt la moart, etc.
136.
(Nach Ms. Campell-de Porta.)
[p. 684] Las Ligias trais rivavau ils Burmins tuts a mütschar.
H'ls prüms botts ch' las Ligias davan, 'IsBurmius d'temm' a tramlar.
Als Grischuns puchiad ven d' las dunauns :
„Mattauns turuad vuo pouvras, proa 'Is pitschens voas uffaunts."
137.
(Alfons Flugi, Zwei Historische Gedichte in ladinischer Sprache aus dem 16. und
17. Jahrhundert. Chur, 18G5. Verlag von Leonh. Hitz. Anhang, p. 106—111.)
II Düchia da Rohaun
L' eira uoss gianarall,
Tuet gieiva tras seis mauu,
Nun feiva malinguall.
5 II cumond stat es
A ugir iu Ingiadinna,
Davoa queus frances,
Chi d^ eiran in Luvin.
Rivad ais eil fick leigier
10 In Luviu ilg fernimunt;
Aqua ha '1 mis giu legier,
Allura ha '1 dat cumond
A tuot sia sudada,
Ch' ingiün nu dess pudair
15 Ir our da sia armada
Zainza il seis savair.
186 Volkslieder.
Ün schantiluom ais State
Aint in la val luvin,
Alg chapitauni parin numnad,
20 Quel d' eira d' ingiadinna;
Aqua el stat indret
Da coa chi ha tuquä,
Alg fat ha manad ad afet
Schkoa alg düchia ha comandä.
25 Ilg Düchia ha fat clamar
Sia sudada in Ingiadinna,
— — — — fat raspare
Ad yr aint in luvin;
Allä. sun ells manüds
30 Innfina la damaune,
E qua aint sü som sun yds,
Cioe aint in Chiaschauna.
E lurra la damaune
Suni yds vi sur algs mnnts,
35 Alg inimi chiatschä maune
Scoa ferm tafers baruns.
Algs Imperiais queus d' eiran
Amuo blers a pusar,
Da franzes nun saveivan
40 Chi ngnissen als atscharchiar.
Et d' eira ün franzes
Cioe cun ilg foruot,
Ilg cumond veiva tuet;
Ilg inami hani battü,
45 Via sur 1' augua fat yre ;
D' intaunt aisi ngnüd
Hg Düchia cun ilgs da chavalg,
Qua hauni cumanzä indrctt
A batter scoa baruns
50 Alg fernamunt dandet.
L' hurra hauna algs frances
Quella augua fat vargiar
Davoa algs chiavaliers,
Melg a pudair tachiar;
55 Ferro ilg fernamund
VolkBlieder. 187
Nun ha vulgiü spatar,
Daluiigua dat cumoud
Chia dessaa ratirar.
Sei 8 raorts ha '1 fat raspar,
60 Cwmanzä a dar loe,
Quels mis in ün tablä
E lurra chiatscha foe;
A buorm darchieu turnä
Quell schmuoquer e sia sudada;
65 Ilg Düchia a Luvin rastä
Eir eil cun sia armada.
Alg Düchia s' ha vout intuorn
Seis uffizchials a duraaudar;
Eus hau dit: „giain a Buorm,
70 Alg iuami a cbiatar."
Moa lg Düchia la damaun
Unna part ha '1 licenziat,
Cioe ilgs pagiasauns,
llgs ha eir ingrazchiads.
75 Nun sun stats in luvin,
Moa dalunga marchiä,
E ngüds aint in Vutligna;
Ilgs spagnous han chatad,
Chi ngnivan sü eir eus,
80 A ngir proa lur amis
Cioe Igs imperials.
Igls frances cun ilgs chiavals
Dandet haun valgiü salgir:
Ils spagnous sun stats salds,
85 Ch' eis haun stuvü guinchir.
Ilg Düchia ha inscunträ
La guida dals chavaliers,
L' ha darcheu turuantada,
Süsurra fat mal viers.
90 Quell ha cun gronda rabgia
Tuott darchieu fat turnantar.
Taunt CO ün chiaun da chiatscha
Dchi la guerra tachia,
Cun füergia suni tuots
lyg Volkslieder.
95 Via algs spaguous tacbiatS;
E quels daluugua ruots,
Ed eil' tuots sparagliats.
Ilg Düchia in quella giada
Ha tgniüd grond piser,
100 Chia la sia brajada
Nun stuess guinchir;
Alg Düchia aint in quell stuorm
Ha tgniüd grouda dolur;
Mo quel da solituorn
105 S' ha congiüstad hunur.
Gun queus ais stat finid,
Nun hal v' Igiü bler pusar ;
Dalungua vi ais yde,
Lg inami par tscharcbiar.
110 Quel d' eira in ün vich,
Maz vain quel numnad;
A quella vouta ais yd,
Seis champ ha '1 ordinä.
Üua part ha '1 fat yre,
115 Sün ün munt fat zupar,
Scha alg inirai less guiuehir,
— — — veir s' ratirar,
Par ch' eis possan davoe
Ilg pass algs padimar,
120 E Igs dessan giu palg chio,
— — — algs astramantar.
Lurra 1' antra damauu
Intuorn alg rumper dalg dj
Alg Düchia chatscha mann,
125 Chia eil nun ha savüe.
Hg feruimund ha piuad
Sia sudada a plü pudair,
Cur chi eil ha gnüd driza
S' hal vout intuorn a vair.
130 Hall viss nossa sudada
Coa quella deira pinada;
Ha dit: „Qui stain nuo fraischs",
Ais tiiot stat stramantad;
Volkslieder. 189
Qua ha ilg fernimund
135 Cumauza as ratirar
Via 8ur im puut,
E quell lia '1 fat scbfare.
Ilg Düchia bain spert
Dalungua fat rafaV,
140 Id via bain pardert
Ilg inami par chiatar.
Luv propria chiavalaria
Gieiva tras lur scliquadrun,
Cuu lur spada s' feivau via
145 E quo tras lur peduns.
Inpe da Igs agiüdar.
Ilgs lur aguaudiar, (?)
Mo taunter per s' mazar,
Par ehi pudessan tauut plü bod mütschar;
150 E quella chiavalaria
Ais mütschada tuotta a Gluorn,
Moa la lur fantaria
Ais Dgiüda bler intuorn;
E sun morts dalla spada
155 Üu inomber in quantitad;
Giascheivan par la strada
In lur saungk giaschantads,
Zainza quells chi sun
In 1' augua stanschantads.
160 Dalungua suni yds
Tras la val a plü pudair,
Et a Cluorn suui gnüds
Aunt CO lair savair
Quint da lur sudada,
165 Coa cba cun quella sea,
Ne dalg Düchia cun sia armada.
Alg Düchia s' ha fat süe
Davoa in la val marchia,
Moa cur el ha savü
170 Chi sea tuot mütschä,
Schi s' ha el impisad,
190 Volkslieder.
E süsurra dat tiers,
Chi tuornau in lur quatiers,
Ilg feruamund s' ha fleivall chiatä
175 Davoa quella battaglia:
Dalungua ha ^1 raspa
Üu innoraber da faraaglia,
Chi stavan ilg pajais.
Cun quai in sia virtüd
180 Dalungua a plü pudair
S' hal darchieu fat süe
Cun rabgia e cun feill :
Darcheu elg gniüd aqua
Inngiua chi 's disch freill.
185 Qua s' hal fortifichä,
Cun tschischpa fat üu mür:
Da tschert ha el pisä
Aqua ad esser sgiür.
Cur alg Düchia ha quai savüd,
Dalungua da '1 avis,
E bot insembell gniüds,
Ell cun seis amis.
138.
Una Lamentatiun per la rebeliun fatta cuntra Frances et sün la
nuova sgrischusa Lia cun la ehae d'Austria et cun lg Balg da
Spagna.
(Zeitschrift für romanische Philologie, IV. Bd., Flugi, p. 263— 2G5.)
Laschens pur dyr et aradschuner
Che quels da las trais Lyas haun savieu fer:
Our da Frances cha eis s' haun bütos,
Et cun Spagniuols s' haun culios;
5 0 sgrischus fat! o grand excess
Chiels haun musso iucuntar Frances;
Alg bun Signur, Düchia da Ruhan
Cha Dieu voelgia cha lg giaia bain amaun !
Ell ho usche bain par nus giüstro,
10 Ma nus 1' havains usche mel pajo;
El ais adüna par nus sto bain par avis,
Chiell ho tgnieu oura noass inimis;
Sehe quels fuossan gnits in Engadina
Volkslieder. \^\
Schi 'ns havessane miss tuots in arixviua.
15 La peja cha 1' liauii do incutiter radscliun
Ais sto üua trista rebeliuu :
Gunter Frauces s'haun rebelos,
Our dalg pajais cha Igs haun schatschos
lucunter lg dovair, cun tradiniaint,
20 Cuu manzoegnas et saschinamaint;
Alg bun Signur, lg Düchia da Kuhaun,
Zainza cuolpa V haun chatscho mann ;
lucuntav sieu merit et radschuu
L' haun hagieu fat fer praschun.
25 Inua u co que saia dvanto?
In la terra da Cuoira^ o chie grand pchiö!
Vulais savair chi saian stos aquells?
Schi sapchias, chia 1' ais sto ses Curunells
Insembel cun otars Signuors dallas Lyas
30 Chi in que fat sun stos unieus;
Eis haun eir fat ün sarramaint
Da tegner suot que tradiniaint,
A tüert u drett fer yr inavaunt,
Scha lg conr crapess algs buns pur taiiut.
35 Nun haun tradieu dick duos o trais,
Cha 'd haun tradieu lg intyr paiais ;
Nun haun tradieu dick varzaquaunts,
Chia 'd haun tradieu qaels pitschens iufaunts.
Our da Dieu cha as haun bütos
40 Cuu lg Antachrist s' haun alios
Incunter Lyas et sarramaints
Fatts da noas vilgs aqui davauut.
Eis dian: „Nus havain lg fatt a mann,
Nus vulain vair, chi 'ns voul mettar frauug."
45 Ma lg spiert da Dieu nun ho pusso,
Tres seis sarviaints cha el ho pradgio:
Cha 's dess salver f6 et vardedt
Et nun schnaier sieu sanchissem pled;
Cha 's dess salver impromischiun,
50 E nun tradir noass Segner bun ;
Cha nus dessans fer noas fats plü pürs,
Et nun dvanter uschia spargiürs.
lutaunt chia Igs Signuors giaiven a tradir,
192 Volkslieder.
Lg cumoen poevel staiva a bragir;
55 Ma milgdramaint tar eis nun ais gnieu,
Ais baiu da plaundscher a iioss Segnei* Dieu!
Schi milgdramaint as ho bain vyss^
Inguel SCO dvainta aiut in lg Abyss,
Aint in lg quel eis vegnan ad ir
60 Scha lg plaed da Dieu nun paun sufrir,
Mu Jesum Christum haun eis schnaio
Et a sieu pled do cumio;
Algs haun bandieus our zura il lur.
Otar scha tegnan lg papa par Siguur;
65 Algs vain do bain üna schiartza letta:
U trer davent, u ster giu dalla cretta :
Qu6 ais la favur da lur Signors,
Chi sun dvantos lufs et schgiarbaduors.
Aunz cu schnajer noass Segner Christ
70 Et giürer suot alg Antichrist,
Vulains aunz noassa vita der,
Et cun noass saungk testificher
La vardet et lg pled da Dieu,
Schi 'ns vain tuet arandieu :
75 Per que noass Segner quel ho dit
„Gni zieva me zainza dubit:
Ad aquels voelg eu bain der
Lg Araginam coelestiel."
Saschins e rabels vegnan cunpurtos
80 Lgs fideils da Christ vegnan schiatschos,
Perb Dieu hegia cumpaschiun
Dalg sieu pitschen fideil mantun.
Mu tuott aquels chi sun dal Bap
Nun poun cruder mia tuot a fat,
85 Parche lg Bap als ho dos in chiüra
A Jesum Christ bain par sapchüda.
Jesu Christ! ans voegliast cumpaguer
luua nus havain da ir e ster,
Ans impraista tia divin agiüdt,
90 Nus stettans ferms tiers noss salüd!
0 vus Grischuns ! s' impisse bain
Che fat cha vus havais a mauu:
Lyas giüredas nun havais salvo,
Volkslieder. 493
A Jesu Christ do curaio:
95 0 schgrischus fat, o graud tuorp zuond
Cha '1 ais, da dir par tuot ilg rauond,
Cha vus havais be per dauaers
Aruot las Lias et fat rabels.
Signuors! uu pis6 cliia Üieu doarma:
100 Cur füt baudieu il paun da 1' oarma,
Culaiiuas d' or vus bavais arfscbieu,
Par der cumio a lg filg da Dieu :
Lg früt cba poartan quaistas cbadainas
Qua vain ad essar aeternas paiuas.
105 Scha in voas saigk vus havais cusglo
Et lg bain public uun havais amo,
Schi vain noas Segner Dieu in cuort
As fer gnir in tuot a tuorp.
Pur scha rügliuscha vus fessas vair,
110 Et stessas gio da que parair,
Schi vain noas Segner, aquell bandus,
A vus ad essar bain grazius ;
Mu scha vulais propri per sgiür
Aint in voas pchos ilg cuutradir,
115 Schi gniss per tschert ün a chater,
Chi sto cunter a voassa impietaed,
Perche quell Dieu, chi ais saimper sto,
Cuntar a quell vain da vus fallo.
139.
La Chianzun da Wilhelm 11 Teile.
(Zeitschrift für romanische Philologie VI, Decurtins, p. 587 — 590.)
Eng sun vilhelm il Teile,
Quel tapfer grond suda,
II Deis dat Israelle
Ha mai vitorgia dat,
5 Cheu tras ma compagnia
Tras nossa taphardad
Schiatschad vain tirania,
Survgni la libertad.
Scbviz, Uri, Untervalden,
10 Dalgs rais gniven mauads
Romauiscbe Forschungen XXVII. J^3
194 Volkslieder.
Cun tirania gronda,
Chi gniven suot scuitschads
Ilgs laudfochts tramateivau
Lur sbirs pro ils purs curond
15 Lur vachias, bouffs, pigleivau
Dalg pasck cun d' guaut daveut.
Ingiüu no eira sgiüre,
Dunans ne lur uffaunts:
lugiün daschieiva dire
20 Lasch' esser quai es mieu,
Neir lioraens, ne juvnals,
Juvantschellas eir brick,
Non eiran da quels tals
Sgiürs quia gniaunck ün zick.
25 Chi vleiva qui ustar
E' tgniair quai da seis velgls,
Sia duona dtschanniar,
II chiatscheivni our ils ölgs.
Non maina quad sgrischar
30 Sur scodüna parsuua
Suuizi et dolur,
Quin uomnar et fortüna.
Ad Aldorf na chiapella
Hai via d' ün lain pandü ;
35 Chi nö sincliua a quella,
La mort fick imnatscha.
0 tirania gronda
Cun larmas da cridar,
A' blers quai incrascheiva
40 E fava suspürar.
Eug quella tirania
Nun bai vuglü sufrir,
Aunt dar la vita mia,
Bier aunt, bler aunt morir.
45 Eug m' bai brick incliuade
Alg pater fat honur,
Cun quai nai gritantade
Quel nobel grond signiu[r].
Volkslieder. 195
Par quai linl cumaiidado,
BO Cheu des spert sagietar
Uu mail gio dal chieue
Da meis filg ilg plü chiar.
Pro Deis naig eng bragie,
llg arck naj eug trat sü,
56 Pro Deis meis chiar siguiur
Cun larmas et dolur.
Bragi nai eug dadaut,
Mo chie ais qui dvauta,
Deis m' ha exudi baut,
60 II mail naj siata
Sainza offeudar meis filg.
Scheu meis filg ves tuca,
Vleiv eug, craiaj pardschert,
Con ün stilet zupa
65 A' quel schelm mazar spert.
Quel tiraun vezioud
Meis stilet qua cuvert,
Bain balet maj dumaudont,
Mo dim, che leivasch fare
70 Cun quel stilet zupa?
Nun vuliond snaiare,
Vai dit tuot meis intent.
Cun bain, chiel vet giüra
Da far a' maj inguota,
7B Non hal inpro salva,
Mo 1' saramaint hal ruot;
Bain baut faj eug lia,
Lia suot saramaint
In üna naf maua
80 Maua dals meis davent.
Stuvü davent tirar
Davent da mia muglair,
Uffaunts eir bandunar
Brick spraunza plü dals vair.
85 A' maj quaj incrascheiva.
Bleras larmas spondek,
13*
196 Volkslieder.
AI dschellm da qiiaj rieiva
A' maj fick imnatscliet.
Tai völg huossa mauard.
90 A' Kössnacht, tu pitltruii,
Tai dal sulaj d' privar
D' far meter in praschuu.
Cun giomgias et cuu rire
Mana fÖ eug davent.
95 Mo deis fö meis samüre,
Spandret seis sarviaint.
Deis Iura ruviuete,
Chial laj fadschet ramur,
AI dschelm qua fick sinduete,
100 E' s dmet con gron dolur.
Qua tras im bal largiad,
Dit „Spendra maj e taj!"
N' haj tapfer lavura;
Indret vo quj tadla.
105 Sper il crap leidamaiug
Sün quell sun eug saglj,
La uaflP chiatsclieck in aint;
Lura fick fastineck
Tras vals e munts bain baut.
110 AI laj con sia fortüna
Surdeck eug al tirann,
Davo quaj el sbragiva
Zuond trid sgrischusaraaig —
Tasneiv el aint in laj.
115 Mo Deis omnipotaint
Det ch' eug salvad im haj;
Onde cheu deis ludava
E mütscheck leidamaiug,
Gnick sü per lautra via,
120 Chi maina sül chiaste.
La am farmeck sün la via,
II arck eug sü tendeck.
Spateck sü gratia sia,
Seh' el gnis a' qui dandet,
Volkslieder. 197
125 Cbeu al pixdes siatar,
Auut cJiiel gnis inasa suot,
Par scheu gnis a falar,
Pudes d' chieu teuder larck.
Baiu baut cur el qixa guit
130 A' mira eng pigleck,
Lascboud gio 1' arck da git
Zuond giüst eug al tukekg;
Ell ais dvauta cruda
A^ terra our d' sella sia
135 Et ais ma plü alva,
Qua fo la gratia mia.
Sco David cul aiüd
Da deis Goliat ha
Cou üu crap gio sternüd,
140 El ha il cheu via taglia,
Vsche m' ha deis dunade
Cour et eir taphardat,
Chial tirrauu n^ hai mazade;
Survgnid la libertad.
145 II simil meis Compoiiig
Ha tapfer lavurad,
Con üna sgiür n' il boing
All Landeuberg maza,
■ Cur el vulet s' furzar,
150 Sfurzar sia mugleir,
L' muset as inamurar,
Chiel sto usa la giaschair.
Qua fo la vöglia mia,
Qua fo il meis intent,
155 Da sdrUr la tirania,
Schiatschar tuots schellms daveut.
Qua eira spraunza brichia,
Nos stand da refformar,
Cos' meter a' dostrichia,
160 La schaunza sasiar.
No noufs Confederats
Crascheschen fiek bain baut,
198 Volkslieder.
Mo l' inamj alva
O i neunter no con dguaut
165 Mo uo' inguota iuterdescheu
Alveschen spertamaing,
A' Morengart chnoguischea,
Bateschen tapframaing.
Batesehen 1' jnami
170 Con tuot la nobilta
Bateschen sten, sco sdi,
Paieschen lur nusda.
Subit qua guadagniad,
La nouva baut ans guit,
175 Chi' inami fuos rivad
In Untervalden quel di.
Zuond fick chno fastineschen,
Vain zuond brick intarda,
A' Brünig chno riveschen,
180 Vain 1' inami chiata,
Tras il ajUd da Deis
Duos giadas in ün di
Vitorgia havain mautgniü,
0 Deis, luda seasch tu.
185 Ach Schvizers et Grischuns,
Nun salvarai par pauck
AI saung, chia vos babuus
Haun spons per s' liberar,
Matai pur bain a cour
190 Quel nobel schiazi groud,
D' quel schvo crüdat ais our,
Usche chiöntsch s'vain brick trunoud.
Vo esched tras dolur
Tras saung dals pardavaunts
195 Spandrats our dzuot signiurs,
Gniüds usche ferms h gronds:
Vlesed vo par daners
Tal libertad laschar ir,
Vlesed sgundar a' quels,
200 Chi dscherchien das tradir.
Volkslieder. 199
Biers raiö, fdrsts, et siguuors,
Svez liuossa tramatoud
Pro vo 'mbascbaduors
Cim buns et dauers grouds,
205 Tras quai a surraanar
Pitscbeus et eir ils grouds,
Cuu quei eir a' cumprar
Dunauns et eir ufaunts.
Ach s'algurda dal Teil
210 Da [sia] tapbarda
Et s' depurta sco quel
Fidel s' ha depurta.
Eu s' hai vuglli avisare,
Avisar bain palvair,
215 Chia aur, argieut, dauere
Non haivad masa chiar.
Tguai baiu vos cheus iusembal,
Salvai fai e varda, —
Schi guivad sgiür uiaudguioude
220 La dutscha libertad.
0 deis, da tu 1' agiüde
A' Schvizers et Grischuns,
0 deis, da tli virtüde,
Ch' no uö perdeu teis duus !
Amen, finis.
140.
Chianzun dala libertad dals vegls Grischuns.
(Zeitschrift für romanische Philologie VI, Decurtins, p. 590 — 595.)
Eu völg chiantar dals velgs Grisüs,
Co c' suu sats ferms, grouds baruus,
Üavart lur libertade.
Cuu saung hau eis quella survgni
5 Et con houur saimper roautgnü
Cüu grouda realtade.
Vos pardavaunts, o vo Grischuns,
Non sun stats Übers, ue patruns,
Mo suot la tirauia.
200 Volkslieder.
10 Qu eis velgs chiastels pudai guardar,
Schi dauui bain perdüta der
Da grouda tirania.
Quels grouds tirauns hau tuot [sjdrapa,
Figlias da bain haun eis sfurza,
1 5 Fat groudas shelmarias ;
Dunauus bierras saiuz' inorabrar,
Haun quels tirauns vuglü sgiarbar
Par contantar lur vöglia.
Con quellas femnas, o sgrischur!
20 ü' lur tour a mau et maind honur
Ais quia da lur faitse
Biers hauni int prischun sara,
Biers murdria, strangla, maza,
0 gronda tirania!
25 In Madulain d' eira ün chiaste,
Qual chis po dir diera ün marte.
Da Deis aquia date;
Tras seis chiaschlauns a' dumaschiar
Seis pövel et tiranizar
30 0 ve, chie nun stipfate;
Qual Guardavall gniva uomna,
In quäl chiaste regneiva a la
Ün sgrischus grond tiraune.
Glieut sfurzeiv' eil a far magliar
35 Culs porcks, giaglinas, et eir far
Autras strapunarias.
Eir ad ün paur da Chiamuasck
Ha sfurza quia quel grond sguast,
Chiel sves stuvet mauare
40 La sia figlia e la laschar
In sia pressentia sbargugniar;
0 grond e greif puchiae.
Auo 1323.
Grof Heindrich, fock a' Berenburg
Ha ad' ün paur eir el gnü tut,
45 Et a' quel hal sfurzade,
Volkslieder. 2Ui
Culs porcks, giaglinas a' inagliar,
Ho VC d' lur to\ir a' niaim e far !
Ho ve il mal gratiade!
Quaunt tirauaischiamaiug chiel ha
50 A' seis subgiets eiv tgiüi trata
lu il comüu da Bazen,
Nou spo dir, crair, ne siupissar,
Tascbair a' qui vlair manzuuar
Pö long, quia da quel fate,
55 Udi, chie dit, sgrischus puchia !
Chia quel da Vaz, con nom Duua,
Cuu nos pnis velgs eir fete:
Zuond blers d' ün temp hal fat piglar,
Dschüffar et in prascbun sarar,
60 A' qixels d' la fom mazete.
Cridont eis puchiadusamaing,
Braiond eis eir fick sosamaing
Quel Schelm cun giomgias dschete,
Nun hai udi iugiüns utschels
65 Chiautond mai usche bain, co quels;
Da d' eis usche riette.
Üua otra stou eug raschunar:
Trais homens hal tgnii fat baiu
Dün temp in chiasa sia;
70 Qua hal tuots trais usche bain inpli
Chels plü mangiar nou haun pudü,
Udi, chie tirania!
Lün fei sün que fick spasizar,
Loter fei el laina tagliar,
75 AI terz hal fat dormire.
Bot hal tuots trais fat tagliar sü,
Guarda, quäl haia melg pidi
Lur mangiar, chia el sapchia.
In quais ais gniüd a Dieu puchia
80 Our d' suot tirauns ans hal slubiad
Nos velgs tras sia buntade,
202 Volkslieder.
Dat ardi(n)[m]aiut, cusalg, agiüd,
Clieus Im survgni con sia virtiul
La nöbla libertade.
85 Tras la buntad, agiüd da Deis,
Quel grond thesaur haun eis survgni,
Eir cou gronda dolure,
Et tras sia gratia et seis aiüd
Haun eis quel bei tbesaur mandgüt
90 Cul saung, dauers, doluorse.
Eir dalas gueras fain mentiun,
Acio cbi sapchia quia scodün,
Sapchieu et eir qui vezeu,
Cun chie dolur et martriar
95 No vaiu tgniü qnellas acquistar
Et ano imiteschen.
Lur taphardat in cas da bsöug
Far vera et rumpai vo al sön,
Vo, ils nos suxesuorse
100 Vaglai, guardai la libertad
S' pudair mantegnir in tuots grads
Sco baun vos padernuorse.
Daners, fadia, cuost, lavur
Non spargniarai a' quia inglur,
105 Saiad tapbra suda
Incuntra quels, chi vo dscherdcbiesen
Da übers subgiets sfar vulessen,
Stat scunter quela braiada.
Hoindrich (n)[v]on Verdeuberg nomna
110 Qual sa via dvart u' hai mauzuua,
Cun forsa ha prova al prürae,
Quels d' Schons a' vulair dumaschiar
Fond pisser amo plü da far
Nempe da sdrür las lias :
115 Et a Grischuus a far morir,
Lur libertads lair inpitschnir,
Ad eis eir suotameter.
Volkslieder. 203
Lur facultads, glieud et pai(üi)s
Posidair ol cou tuot il brais,
120 Brais et eir forsa sia. Ano 1425.
Sur Cunkels nauu ais el cruda,
La not Ruzöug dascus piglia
Quel Schous per meter fraiue,
Hg chiaste da Berenberg tutt ayut,
125 Quels d' Schous s' husteu giaglardamag,
Lur frars fcn asavaire.
Quels zur ilg giiaut dandetamag
Nauu zur ils muuts gaglardainaing
lu Schon s cou lur agüide,
130 Cur lg' inami ha savü quai
Dalungia our d' Schous ais müdscha d fai,
In Schous nou el plü guiüde.
In la turuada haun piglia,
II Segnier da Ruzöug, maua
135 Cuu eis a' Valandae;
Fo il seuteutia dal far morir
Par mur ch' eil tgnied cul iuami,
Par gratia fol largiade. Auo 1249.
Chie ha fat il seis anteuad
140 Rudolf da Verdenberg il Graff,
Graf da Verdenberg et Sarganse,
Siguiur da Bereuburg e Vatz,
Fet guera con duos oters sudats
Da Ruzöng et Riedberge. Ano 1343.
145 Ils duos fraihers, quals sun clapads,
Da Rudolf et praschuu manads,
Mo 'Is subgiets da Ruzöguie
Piglieu eir eis Hartman praschun
Frar da Rudolfus, quia cun nom ;
150 Mo pock temp davo quaie.
Fö fat la pasch traunter ils 3 grofs
Da Verdenberg et eir dschels duos
Tras Hertman, abbt da Pfefan
204 Volkslieder.
Et Hartmanus maior in Vindegk,
155 Chi feu far pasch, mo cou quist packs
Ils prascLuners la[r]g(r)iadse;
Chiels gnisseu aquia baiu baut.
Siin quai Riidolfus tret baiu baut
A' chiasa sia sperte,
160 Graf da Ruzöng et da Riedberg
Turnantet el aquia spert,
Eis turuauten Hartmanus.
Cuut dal Tirol sumgiauntamaing
Aint Ramuosch rumpet el aint,
165 Ilg chiaste el tuot ardete,
Quels d' Eugadina taphramaiug
Ils chiatschen mann inpestiond,
Eis haun schiadschads dandete. Ano 1480.
Sapro il düchia da Milaun,
170 A nos paiais ha chiatscha maun,
Quell tuot par ruvinare:
Nos pardavaunts cuu ardimaint
Pusclilaf et Buorm pigletni aint;
Mo bod stuvel turnare. Ano 1490.
175 Eir Maximilian per dschert
Las lias el vleiva sdrür spert
Schvizars et eir Grischuns:
Aint in Müstail ais el cruda,
Cun tuorp e don ais el schiatscha.
180 Üa nos giagliards barunsse. Ano 1499.
Bod davo quai cun ardimaint
AI Steich et Meienfeld tut aint
La Guargia hal mazade,
Cruda in Eugadina d' Suot,
185 Descb vids ardel et pigliar tuot,
La pascb ra' ha brick salvade.
El ais dvanta eir fick rabgius,
Cruda d' üu temp eir adaschus.
In Eugadina d' Sura;
Volkslieder. 205
190 L' ha üiidasch vids tuot rais a fö,
Ün Liiviiiasck al muet a' lö,
Naschiid a la mal ura.
Nos velgs tras la virtüd ha Deis,
Saimper el dat vitorgia als seis,
195 Sun trats in Val (p)[d]a Vuouste,
Sul quater milli ferms Grischuus
Haun quindasch milli Edschleuderuus.
Vaudschü con lur gron cuoste.
Ano 1499. Pai- Dschinquaissma.
Nouff giadas Schvizars et Grischuns,
200 Hau[u] eus guagia cun quels giatuns
Nouf giadas in ün onue;
Deis saimperma ils ha giüda,
Chno vaiu quels trists utschels sbluta
Cun gronda tuorp et doue,
205 Nos pardavaunts ciin realta
Nus hauu deck dgniü lur liberta
Usche taphramaing mandgnitide;
Mo eir quel deug bell paravis
Vudglina dalg nos rai Luvis
210 Eir cun guerra survgnide. Anno 1512.
Bot Carolus quint ha mana,
II Medigin siond muuta,
Cun nos velgs üna guerra,
Las plaivs d' Clavena tuot tut aiut ;
215 Mo no ilg schiatscheschen impestioud,
Bütond il caste a terra, Ano 1525.
Quai nun siond stat gratia,
Hai cun ilg nos uvaisck trata.
In Cuoira ün tradimainte;
220 II tradiraaint ven bod* scuvert,
Ns' vain cun la spada ustads spei't
L' uvaisck müdschet zuond quette.
Süsura ha Murberg piglia
E quel znond fick sü fabrica,
225 Nos velgs nö iutardeten;
206 Volkslieder.
Cor» Schvizers bot eis treten aint
Dschiatacber 1' iuamj tapbramaiug,
II cbiaste qua splanete. La guera dal
caste da Müscb. Anno 1531.
Eir Baromeus cardinal, arhivesco di Milan,
230 Que prus bom e' soing papal :
Quel ba tgniü pruvae,
La Valteliua avlair piglar,
Gun tradimaint ans V invular,
Mo Deis ans bagiüdadse. Ano 1585 et 1610.
235 0 vo Griscbuns, nos velgs guarda,
Lur giagliardentscba sinpisa
Eis baun tuot mis suot peisse:
Haun vit rais, sgniurs^ inperaduors
Maza tirauns e tradituors
240 Bain con 1' aiüd da deise.
ßay d' Spagnia ba con seis cusalg
Musad a' no zaond trid cumbalg
Ilg punds brieff fick cbiasade,
Con inprumeter blers daners
245 Agia compra il cour da blers,
Nossas lias scbliade. Anno 1604.
Vos ölgs, Griscbuns, avri indret!
La libertad, quel grond dalet
In priguel ais bain sgiüre.
250 Eug tem eir mal, cbial pled da Deis
A' terra gea suot ils peis,
Quaut long vlai vo durmire?
Ell ba furtezas fabricbia
Et ilg landförst eir muvauta
255 In cunter nossas terras,
Ils quals baun ars Santa Maria.
Maza^ duvra qua tirania,
N' baun par tuot dat guerras.
Vos frars forsa hau stuvieu
260 Star gio d' la creta in lur Dieu,
Alg först Lapro giürare;
Volkslieder. 20?
Jürar ad el, d' al esser suot
In secular, creta et tiiot,
Las lias bandunare.
265 Eir nos subgiets s^ haun muväta,
Cheus iu quel di haun eir maza
Baiu tuot ils nos signiuorse,
II gobernatur, sco eir vicari,
Ils pudastads et cumisari,
270 Sco eir tuot ils scriptuorse.
Maza ais stat qua il siguiur
Jobau Travers, gobernatur,
Eir Antoni von Salis,
Vicari da quel terap ala
275 Aint in quist boing, ais stat maza,
Sco eir il cumisari.
Fortunad Sprecher a' Berueg,
Üoctur da ledscha, eir ün perfet,
L' pudasta da Morbegnio,
280 Heindrich Hartman da Parpauu,
EI pudasta eir da Tiraun,
Johannes uon Capole.
El pudasta eir da Travuna
Bartholome, 6 chie fortüna.
285 El pudasta dal Teiglia,
Andreas Enderli da Cübliz,
As eir el gniü suot las lur griflas,
Ove, il mal conbaglie!
Arno blers plus sun qui mazad
290 Christian Flory von Jeuaz,
II pudasta da Buorme,
El pudasta da Plur eir la
Pala vita ais gniü quella gia,
Luci Scarpatete.
295 Con oters plus nö manzunads,
Chi quella gia sun stats mazads
Da nos signiuors Grischunse,
208 Volkslieder.
Ch* in Valtelina ufizis veivau.
Fon eis mazad, quaunts chia iudeiran
300 Da nos subgiets schelmuuse. La rebeliuu
d Vudliua. Ano 1620 ä 18 Juli.
Ultra uficials haun eis maza
Ils sarviaiuts da Deis a' la
Biers haun taglia par meze,
Biers murdria et schiavaza,
305 Lur raauns e' peis davent dschuuqua,
Biers hauni sü pendüe ;
Biers saieta et acrapa.
Biers haun eis smers et amaza,
In laua fats morire^
310 Par fin als raorts haun sü cliiava,
E cun grond sdeng a' quels trata
Cun giomgias e cun rire.
A' blers ils ölgs oura chiava
A' blers lur corp eir sü sdratscba,
315 Maza duuauns, uffauntse;
Ufaunts incunter müers büta,
Spons saung iuu gniva pradgia,
0, Schelms e' morders grondse.
Biers par forsa hauni eis fat ir
320 In lur baselgias ad udir
Las raesas da lur preirsse.
Cur ells haun quella tgniü tadla
Et eir lur creta qua snaias,
Murir haun fat a' blerse.
325 0^ chie anguoscha, 6 chie dolur ;
A' tai, o deis^ a' tai signiur
Quaist fat a' tai vlain ploudscher!
0, tradituors, ö morders gronds,
Par qucl prus saung, ch' vo havai spons
330 Vain deis sia ira a sponder.
0 vo, Grischuns, cun vos grond p[c]hia
Vos Deis in dschel vais gritanta,
Quel huossa bain s castia;
Volkslieder. 209
II pled da Dcis vai vo sbütas,
335 La libertad vai surduvra:
Dieu muossa sia gUstia.
Ils buns vain iio persequita,
Schelms, tradituors brick cliiastia,
Fat groiida iugüstia:
340 Par santenzchiar vaius praius daners,
Ruott saramaints, fat tört a' blers,
Duvra eir tirania.
0 vo, Grischuus, co vlais vo far?
Nu s vlais amo dal söii sdasdar ?
345 luua ais rialtade?
Imia ais ils pardavauuts,
Chi haun lur sauug et vita spous
Par vossas libertadse?
Lais vo qiiels chiauns da saung siifrir ?
350 Baiu aunt, bain aunt dessed morir,
Co suot tals sgniuors rastare ;
Laiüs in Aegipta turuar,
Ilg pled da Deis slaschar pigiiar
Vos sauug aunt desed sponder.
355 Grischuns, Grischuns alva sü baut
Et s vulvai pro Deis sü aut!
Vain el as pardunare.
Pur sü vaglia par vos uffauuts
Gagliardamaing sco Is pardavaunts!
360 Dieu vain vitorgia as dare.
Scha vo quai non gnivad a' far
Schi gnivad sves as ruviuar;
Tuot vain da vo a' rire ;
Eir vos uflFaunts a salmantar,
Saimper [d]a vo a sa sdegniar,
Saimper as smaladire.
A
0 Dieu, da cour no t lain ruar,
La libertad nu ns vögliasch pigiiar,
0 Dieu, nu us chiastiare!
Komauisclie Forschungen XXVil. \ 4
210 Volkslieder.
370 Pü bod chiastia ä quels tirauns,
Nun chiastiar ns teis ufaixuts,
Tai, Deis, laino luclare.
141.
Anno 1638. Üna chiantzün fatta in Cuoyra da la maell damanaeda
vitta, SCO eir da la grisehüsa moart d'un tiran, ohi ho viueu da noas
tiemps in lg Paias da las 3 Lias.
(Zeitschrift für romanische Philologie VII, Decurtins, p. 99—101.)
Qui giescha uu bum,
Nuu fatscb lg' nüm
Per seis paraints
Ls' inuozaiuts
5 Dieu holl cüntscbieu
Et r ho tradieu,
Sieu plaed pradgio
E quel tscbuaio
Seis saeramaiuts
10 Eiran a d' eil vauns,
Baiüer e magliaer,
Que 1' eira cbiaer.
Eis fatt Papist,
Eir atheist,
15 Üu filg dalg pcbio,
Mael gratagio.
Priiicips Araios
Cum seis combaygls
Holl iugiauno,
20 L' bur müullo.
Sia patria,
La Rbetia,
Hol illatscho
Cun poick qiiitto.
25 Ell s'bo lüdo
Et persumo,
Zuond da stützer
U Evaugeli ciaer
Volkslieder. 211
L' Ischcariott
30 Priuiaiua tiiot,
Per s' iiigrandyr,
L' prorsem tradyr.
Cun cuullair,
Cuu nmrdragier,
35 Cuu pitanoeng,
Eir cuu striveug.
Slio craflautto
lu sieu grand pchio,
Saimper da ryr,
40 Ma da müryr.
Mu Dieu in tscbiell
Quel ho gieu 1' oelg,
Ho mis sieu maun,
L' ho tgieu in fraiu.
45 Ell ais schbaso
Scün bouff cüpo,
Haün pitscheu e grauds
Traplo sieu sauog.
Nun eis vadgüo
50 Da üngiun crido,
A quals da Dieu
Cufoöert hauu gieu.
Nun eis tuot fatt
Cun sieu chiöerp dschfatt,
55 L' oarma tadlam
Innua ella vam.
Dieu quel disch d' pha
Chi tschneia me,
Vo zamiza gioe
60 Lg aetearn phoa.
0 tu narüu !
TiTot tieu bastün
Eirau daners,
Teis pros et aers.
14*
2j[2 Volkslieder.
65 Lg tschill hest schmanchio
L' oarma priuüo
Dalg vair cüfoert
Tres Christi miert.
Da tia jazür
70 Haun main d' hunür
Vielgs et infaüuts,
Tuot teis paraints.
Teis bab fidaell
Beo ais eil,
75 Tieu spüert fos
Nou ho sieu poss.
L' plaed t' hest schnaio
Quel vain predgio,
Chi craia iu adquel,
80 Beo me eil.
0 vus Grischüns,
Redschaduors büns,
Heigias sgrischür
D' quaist traditur;
85 Tuet voas cüsailgs,
Dits, fatS; cümbailgs
Dritze indraett
Sün Dieu sullett.
Muryr stuuais,
90 E nun sauais
Niaunchia lg dy,
Dieu s' vonll da qui.
Chi craia in Dieu,
Salua lg' plaed sieu,
95 In fina la fing
Ais scheart diüiug, diviug.
Volkslieder. 213
142.
(Nach Ms. Zh.)
|f. ]"| Schianar et mura ....
Guarda po la fchgr ....
Mo quel, chi ha Ifa . . .
Baiu da la raort speud . . . ,
5 Quel ais eir stat meis ba[b],
Chi im hfl dels perchüra.
Perche cur chia quaist mor . . .
II fat leiva exequir,
Scha 1 IVes stü inacorscher,
10 Seis fat ha 1 oiir stü dir.
Cuu bocca coufessar,
Seis coiir ilg ha chiatscha,
Ils tradituors nomnare,
Chi lg veivan surplida.
15 Mo quels duos tradituorse
Vennen bot bot tschüfs fü,
Serrads iu üna tuorre,
Ch' oura nun pofsau plüe.
Mo cur ils lur savenne,
20 Schi hauu eis irapruvä,
veute
chiava.
vel buue
........ et iucort
25 a mantune
........ e forza bod.
quaist duos tradituorse
aiu ch eis eirau gronds
frars et prüms singuorse
30 Süu eis falgits bragiond.
Our (V lett ils hauu struzchia,
Baiu bot quels lii pandü,
In pezas tuot zipplse,
Eir lur dadaiut fess sü.
214 Volkslieder.
35 A quel eir talgia^ sqhiarpae
Lim lauter our dals mauns,
Et usche hauu pagiae
Be bluot quaist duos furfauts.
Usche ha Deis mia vitta
40 Da quaist et auters dous
[f. 2*] Baiu perchüra, fai s ditta,
Sün vaink e quatter auns.
L' hura fuu vifitade
Da Deis in mia cuort,
45 Chi tuot tngieiva clamade:
,.Ilg prinz ais üu hom mort!"
Cur las viroulas certe
Stattas cun tal fmttüua,
Chia qua eira cuverte
50 Da par tuot ma perfuna.
Mo Holand et Urania
Per mai hai bain ura,
In Schottland et Brittauia
Eir blers haun fuspüra.
55 Hg cel ha bot udie,
Meis meidi ais dvantä.
A mai in agiüd ngüe,
Mai dala mort spendra.
Mo pauck pauck davo quaie,
[f. 2''] 60 Cur eng fuo faun dvanta,
Ha Ludvig, quel grond raige,
Meis Holand mai;n chiatscha.
Cur Is ftadis quai vazetten,
Foune tuots strameutats,
65 Pro mai bot quels svuletten,
Per pudair ugir giüdats.
Qua chiatscheck eng qucl gialle
Aint in quaraunta ditts
Cun feis tröp infidelle
70 Davent da nofs confins.
Volkslieder. 215
Ott auus eir davo quaie
Chi quel tratt fuo dvauta,
S' ba oranscLe per maie
Infembel tugü raspä.
75 Bain our d fuot ccl avierte
Suot mai q\ia per giürar
Üu iuombrabel tröppe
S' hauu qua lascbad cliiattar.
Hauu qua fuot mai jürae,
80 Vardar baiu da falvar,
[f. 3*^] Pro mai lur principale
Finn alla fin da stare.
Be cur cbia quai dvautava,
Setzoud eug fül tlirun meis,
85 N' ilg ajer min scbvula
Na crunua fü cbeu meis.
La quala baun bain vife
Plü CO desch milli bomens,
Ils quals tuots baun bragide:
90 „Hei guardä na curunnä!-'
Scba quai dech üna giada
Fuofs dvanta, s' dig pilgvair,
Miraquel fuofse statte
Avuonda, deiscb tu crair.
95 Mo Ott auDS davo quaie
Be füu quel di nomnä,
Cur cbi oranscbe maie
N' um b' veiva plü per cbeu,
Ha Deis quai confirmade
100 Darcbeu tras üna cruuna,
[f. S^] La quala ba fumlgiade
In tuot a tscbella prnma.
Quell' eira cert masdada
Da trais bellas ciiluors:
105 Alb, gielck et eir blave
Splaudurivaa sco 1' aur.
216 Volkslieder.
Et quella ha dürade
N' ilg ser trais huras eir,
Biers s' baun qua smüravlgiade,
110 Mo blers eir stuü tmair.
Che '1 miiond tres quella leiva
Qua tras dar ad incler,
Da tschieut brick ün saveiva,
Sco chel h' vefs stü murir.
115 Mo brick long davo quaie,
Iii spazi da desch anns
Ais ngüd mifs pro raaie
Uua cruun a mauns.
La curuiin a mai ais ngiüda
120 Be gio dalg cheu d'ün raig,
[f. i*"'] Dalg quäl eira naschüda
La mia fpufsa d' fai.
Mo quaist mia curunna
Nuu haig eug brick arfschü
125 Tras art d' ambitiiiue,
Mo Dieu ho provedü.
II percheu havefs tngü faje
Dalg faung eir da meis för,
Schi nun havefs eug quaie
130 Datt condriz da mütschar.
Mo Deis, maftral ch' ais jüste,
Ha fatt fautentia zuond
Sco cun Saul e Davide,
Qual veza tuot 1' muoud.
135 Mo a mai geiva a coure
Bier aunt mifs' lugelltera,
Chi ra dava a mai dolure,
Chell eira gia per terra.
Che dig eug d' Ingialttera,
140 Schi tuot la christantat
[f. 41"] Giascheiva zuond per terra
Bain zaiuza übertat.
Volkslieder. 217
Ingüu raig dir daschiaiva:
„II ragiuom ais meis".
145 Ludvig agia s' ludeiva,
Chia tuot ilg muond fuol's I'eis.
N' gio fiiofsas Leopolde?
Shell Dim fuofs alva fü,
Tuot teis imperi groudc
150 Havelsas cert perdü.
Per che chia Ludovige
S' ha löug d' tai u' amurä,
Las nozas hal tngü ficke
Par tai gia tngü piuna.
155 Ingio fuofs da philippa
Teis ragiuom sehe groud V
Ca ftefse cun Madritte
Cittat gronda dalg muond?
[f. 5*] Co stefse vus Schwizers
160 Et Grischuns tuots a fats?
Eng defs huofsa paucks crüzers
Per vofsas libertats.
Seh' eu uun h' vefsa quel gialle
Las alas gio tondü,
165 Schi s' hvefs el salva male
A vuo et auters plus.
Mo eug quel braf liune
Et leopard nomnä,
N' haig quel grande pavune
170 Sas alas fick sbafsä.
Mo schi guarda crastiauufe,
Uza vofs ölgs lün cele,
Co Deis usche pufaunte
Guarda ha cuu feis ölgs.
175 Guarda et fimpifaie,
Co el vuo s' ha spendrS,
Tras meis mauu da quel raje,
Grond Ludovic uomna.
2\ß Volkslieder.
[f. S**] N' gi uauu et f iuscbnulgiae
180 Sun la scliuuolgia dalg cour,
A vos Deis fick ludae,
CuD dar ad el honur.
Mo d' quai uuu ais avunda,
Deck da star ad orar,
185 Nos Deis ma plü dumanda,
Eir tapfer da giüstrar.
Vuo tapfers brafs Engles,
Tu Holand meis uffauut,
Slargia vos cours fincers,
190 Vuo cavaliers pufaunts.
Tu Cesar culg curfurstfe
Spoug' eir fumlgiauntamaiug,
Vuo aliats, ferms fürstfe,
Pur sü tuots leidamaing!
195 Vuo Sclivizers e Grischunse,
Seh' efchat meis fittamaint,
Giüstra pur sco baruuse,
Haiat bun ardimaint!
[f. 6*] Vuo finguors officialse,
200 Lai vuo furfngir grond nom,
Combatai tuots iuguale
Palg pled da Deis ilg prüm.
Sgr. collonel Capaule,
In guerra bain dufad,
205 S' lascbai recomendae
Ilg raig et libertat.
Sgnuor obrist latiuent
Da chiafa bain Saluz,
Deit eir vuo taframaiug
210 Alg inami far truz.
Eir vuo, obrist waclidmaister,
Sgnur Bell bain nomua,
In guerra fick adeister,
Sco vuo ngid fick luda
Volkalieder. * 219
215 Sgnur capitauui Buolü,
Chi nun bavai sparngia
Ingün dauer e cuofte,
Mo h' vai tuot rasigia.
[f. 6''] Sclia lg groud duiuaudafse
220 üad ir cir plü inavauut,
Eug crai, cli el rafsiafe
Infiua bain fülg faung.
Sgr. capitau Giauatsche,
Guberuatur stat deng,
225 Duvra eir vuo vofs bratsche
Pei' Deis et raig Wilhelm.
Juncker Chriftoffel Schmide
Da Grüeneg bain nomuä,
In arts et in virtüde
230 Zuoud aut et bain ftüdgiä.
Capitauni latinent
Dalg obrist da Capaiü,
ün hom zuoud bell tramente,
Eir potestat gia stat.
235 Guarda, s' faschai ün uome
Da brava tapferdat,
De huofs h' vai chiaiischune,
Cheu vuo s dig in vardat.
[f. 7*] Vuo tuots brafs cavallierse,
240 Schi eschat qui scrits fü,
Et efchat eir sehe blerse
Seh' vuo vlai ngir promovü.
Vuo h' vai fuot la baudera
Da vos raig cert gitira,
245 Schlascha ir bain per coure
Imminch^ ün in feis gra.
Vuo Sehvizers e Grischunse
Salva ilg vos bun noine
Da tapfers brafs baruuse,
250 Ch vuo h' vai par tuot 1' muond.
220 Volkslieder.
Ch vuo vai baiu üu tal raje,
Chia Deis pro fia honur
Ha fat fubiect, cragiaie,
La terra et i[l]g mar?
255 L' quäl sco muravalgia
Deis ha baiu cufalvä
TauTiter blerra chinalgia.
Da taunts ch' hauu impruva,
Ad el da tuur la vitta
260 Tras con[s]piratiuus,
|f. 7^] Per ödi grouda gritta,
Sco Schelms et morders gronds.
Un raig h' vai giu da fatte
Sumlgout a Salamou,
265 Uu vair prus Jasaphatte,
Un tapfer Gedeon.
Schels fuofsen fves u' ilg muonde,
Schi ngifsau eis a dir,
El ais amo plü groude,
270 Co nuo per cert e sgür.
El ais quel puffauüt chiar
Et chiavals d' Ifrael.
Cul quäl el voul pichiare
Quel narraisck Ariel.
275 Quel ilg quäl vaiu nomuä
Dals ruoischs quel nobel raig
Ed ilg priuz dalas gilgias,
Ludovic eug mauaig.
II quäl usche blers ouuse
280 Ha tgnü usche gronda fai
Dalg faung da vair fidelse,
ff. 8*] Quel spons zainza schauai.
11s ruoiscks quels stoun morire
Da pouierauza d fü,
285 Las gilgias stouu fiuire,
Scha Nafsau viva plü.
Volkslieder. 221
Quaist ha avaunt tschient ouuse
Savü propbetizar,
Quel sabi noftrodamus,
290 Cbia quai dels hiiofs dvautar.
Hg saung dalg Admirale,
Caspar Colingy priis,
Stot bsat dalg raig Wilbelme,
Maza zuoud pucbiadus
295 N' ilg ouu milli tscbiug ciente
Et eir setaunta e duos
Tras crudel ardimaiute
ü' las nozas da Paris.
Quaist buu saung zainza cuolpa,
300 Ilg c[ual ba agia pufat
Tschieut e vainck e trais onse,
Vuol b' vair vandetta fatt!
[f. S'J] Tras maun be da qua raje,
Chi da quel faung vain nauu,
305 Eug s' dig iudret, cragiaie,
Wilbelm 1 terz nomnä.
Uscbe ais el 1 terma,
Cbia Deis ba ordioä,
Et discb al tiraun ferme:
„Brick plü long, co qua'/'
310 Per quai scbi nun tmaraie
A vuo alg iuamicb,
Mo lu, sü, vuo scbfascbaie
Incuuter Ludovic.
Percbe cbel ais rivade
315 Aunt sai ala fin,
Da nofsa vart Deis stae
Cun feis agiüd divin.
Cur Jacob quel foing buome
Cun Deis bavet luttä,
320 Scb' ais el vit feis gialune
Da Deis, cbi lg ba plagia.
222 Volkslieder.
Quander cur la virtude
Tscliafad' ais dalg gialune,
[f. 9*] Ha el da lungua ditte:
325 „0 Seuger zuopp, eug sun!"
Mo la virtüt piifsaunza
D' la guerra ais ilg daner,
Schi 1 ha manteug la schauuza,
Chi nun 1 ha quel ha pers.
330 Da mai chi mangua quaie
In Frauntscha a Ludovic,
Stou el sgür avaunt faje
Ir zopp in cuort temp fick.
Cur David hom da Deise,
, 335 Tapfer baruu pufsaunt,
Giascheiv n' ilg cuvels feise,
Ne h' veiva profiaut.
Schi h' vefs el bot stuüe
Bain da la fom morir,
340 Scha Deis nun h' vefs redsehü
In agiüd laschar ngir.
Schi CO defsai eir pöza
Ad un tal gratiar,
II quäl mort hoz in die
345 II truz a Deis voul far.
[f. 9*»] Siond da ma chi aifse
In Fraunz intuorn intuorn
Da viver pagua spaifa
Et eir zuoud gronda fom,
350 Quel raiter nar, la ferne,
Ls martraja di e not,
Chi so, nun va plaun planne,
Fastina daveut bain bott.
Da qua vaing milli a giae
355 S' hauu fatt da qua daventt;
Quai a Ludvic mal fae,
Chel grisch vain aunt ilg temp.
Volkslieder. ' 22H
Cur Pharo, raig d' Aegypta,
Sa citat spcr 1' mar
360 Havct tngü perz cim gritte,
L' hur ha 1 stuü chiallar.
Ludvig quel stou eir vair
Giond sa cittat in füm,
Vauut fai vaiu el a ftair crajaird,
365 Chi sai il raig Wilhelm..
[f. 10«] Cur Attila 1 groude
IIa long tngü da zippa,
Scküna giaischla dalg (dalg) muonde
Baittü e ruvina,
370 Schi ha 1 stuü chiallare,
Deis ha la giaischla tschüff,
Cuu fÖ fatt arfantare,
Usche cuu plus hal fatt,
Cun tai, 0 Ludovic,
375 Eug veug sves ad udir,
Co deis t' castigia fick.
Et huofsa fülg davoe
A Deis vlain nuo ruguare,
380 Quel grond fingur, la proe
Nos Deis et fenger chiar,
Ch el völgia perchürare
Bain da tuet mal e den,
In vitta e coufalvare
385 Biers ons alg raig Wilhelm.
Campaing' e gualtiere
[f. 10^] Saja pur Deis cuu eil
In battaglias e guerra,
Ch el nun banduua quell.
390 Da lg tu, 6 Deis, vanttüra
Cun feis inamichs,
Tengia davent svantüra;
Tras el allegrans tuots.
224 Volkslieder.
Seis laed et eir trifteza
395 Volgiast, o Deis, müdar
Vaunt fai aint in algretzchia,
Üu antra spusa dar.
AI Seuger dals Singuorse,
400 Alg raig da tnot ils raigs
Sai dat land glierg houure,
Amen saig huofs eir quai.
143.
Chianzun da eumio.
(Nach Ms. Mio.)
[f. 1*] Da loeng ino he eau bramo
Da lüstrer eistras terras,
Da pudair vair, co chia 1 ranond vo,
Co chi giaja in las guerras.
5 Hnofsa am ais gnieu 1' occafion,
L' acett dimena cun cour bum
Et cun algretia bgierra.
Nun sum il prüm, chi rifagier
Voelg huofsa ma fortüna,
10 Eir oters bgiers haun vulieu faer
Durand lur juvautüua
Qual chiofa^ par exprimenter
Et cotres zieva da aquister,
Da efser stimos adüna.
[f. 1^] 15 Scha bgiers baruns pufaunts valents
Et da granda chiafeda
Lur vittas stiman taunt co veuts,
Solum chia cun lur speda
Gustraud, poafsen gnir aduzos
20 Et per aquister pü oths gros,
Nun tschertschan otra streda.
Grands privels stovan eis patir,
Ne stiman que unguotta,
Grands patimaints stouvan fufrir,
25 Scha veg^n mifs in ruota,
Volkslieder. 225
Schi qualcliiofa par es^rimanter,
Ne foe, ne speda stovau stimer,
Ne moart uo vita uuguotta.
Vules dimeua raster qui,
[t. 2^\ 3Q Ster g churar la pigua,
O na, qui uuu poafs eau ster pü,
Perdar raa juvautüna,
Sainza privel poafs viagiei*.
Nun defs eau dimeua que fer
35 Saiuza otra incraschantUna.
Davent dimeua, iu nom da Dieu
Fatsch buofsa mieu viedi,
II Seguer faja 1 cuudüter mieu,
Chi am hoasta da cuutredi,
40 Et cun fa benedictiuu
Fatscha 1 viedj efser bum,
Benedescha mieu stedi.
Ste dieu, dimeua in generei,
Eau veng huofsa iu Hollauda,
45 Paraints, amichs, vschins, tuots in generei,
[f. 2'^] Als quels chia eavi amur grauda
Purto he faimper finzermaing,
Tiers me favefs tuots fgüramaiug
Saimper in stima granda.
50 Hundro trameilg, zuoud inandret
Eau veng davend da quia,
Da tuots he eau arfschieu acett,
A tuots he do fadia,
Ste Dieu, ste bain, felicemaing
55 Vus fares faimper certamaing
In la memüergia mia.
As giavüsch a tuots cur d' un cour buu,
Chia vus cun cuntanteza
Et pesch voafs anns poafses gudair
60 Sainza unguua gramezia.
[f. S^] Compati f poick güdici mieu,
Et otra vouta ste a Dieu,
A Dieu veng cun leideizza.
Uomanisclie Forscbuugeu XX VII. 15
226 Volkslieder.
144.
Rasposta.
(Nach Ms. Mio.)
Uu juven geueruf per tschert
Tschertschia iu fa juventüua
Da pruver d s' fer expert,
Rifagiaud fa fortina,
5 Et cuu uu auim prompt aco
Voul vair pruver, co chia V muond vo,
Scha Mars detta fortüna.
Per pudair co tres acquister
Un nom stimo aduua,
10 Et fieu ftedi per exalter,
Atscbo chia iu la velgdüna
[f. 3''| Vegnial da doters houoro,
Chi fa fortüua hauu pruvo
Duraud lur juvantüna.
15 Ils raigs e princips, grands signurs
Nou tschertschan otra streda,
Da s quister uoms et houours,
Grauds folum cuu lur speda,
Lur scepters vegen adüzos
20 Et lur reginams zuond fermos,
Scha gustia vain ufeda.
Eis lur infaunts exerciter
Faun in lur juventüua,
L' art militer exprimauter,
25 Ch' lur noms poaffen aduna
Gnir aduzos^ hundros, stimos,
Par fin zieva lur moart gnir stimos,
[f. 4"] Fin chia 1' muond dura adüna.
Nun defs un auim geuerufs,
30 Sco noafs S[er] Reverendo,
Ser Jochiam Maloraun da prus
Tschert con un cour tremendo
L' occafion huofsa accetter,
Dir in HoUanda, par pradgier
35 A r armeda stupenda.
Volkslieder, 227
Tl regiment Capol uumuo
Dal siguur brigadier,
Chi ais in Hollanda zuoiid stimo
Per sieu curagi fiere.
40 Par tschert vus gnis as acquister
Ud grand lod da pudair purter
In voafsa vita in terra.
[f. 4'^] Nun dubitains, chia legraros
Voafsa huudreda chafeda
45 Et chia cun voafs favair farest,
Chia la faja fich stiraeda.
Alura tuots in generei
Paraints, amichs et vschius ingixel
Algretia I'aro deda.
50 Schi iü dimena, hundros fignuors,
Huudros vschins du Schlarinal
Su, sha vulains aquister hunixors
Abandunains la pigna!
Nus defsans 1' exaimpel piglier
55 Da noafs sar revereudo eher
Clin voeglia bain ladina.
Nus tuots dimena in generei,
Juvnos, juvnas d' Schlarina,
[f. 5^] Oioe noafs inter trameilg,
60 As giavuschains adüna
Chia r hutischem s voeglia compagner.
Et voafs viedi voeglia fer
Prosperar con fortüna.
Nus ta ruvains d un vair bum cour,
65 Ach, nufs exoda, o Segner,
Noafs roef^ chia nus spandains our,
Voeglias in chura tegner,
Et noafs S[er] reverenda eher
Cun bain a chefa turnanter,
70 Voeglias cun 1 mantegner.
Cert nus havefsans gieu gudieud,
Gudair voafsa parfuua,
15*
228 Volkslieder.
Chi ais dalataivla zuond tramend
Cun bella gratia aduna,
75 Ach, che defsans dimeua faer,
[f. b^\ A nuu pudair huofsa gudair
Voafsa preschainta buna?
Nus tuots aquia furnumnos
As dumandains pardune,
80 Scha nu vefsaus fatt, sco oblios
Eiraus, et cun cour bune
Felicitaed as giaveschains,
E tuots iu generei stgnains
Tschert in memuergia buna.
145.
(Annalas XI, Vital, p. 195—198.)
Quels giats, chi maglian tantas mürs
Ed uossa sun in trapla tschüfs,
Ais bain da 's müravgliar.
Quels giats pon bain eir s' almantar
5 Ed eir cou raca vusch chantar:
Miau, miau, miau !
Quels giats, chi maglian tants buns trats,
Sun uossa zuond fich magunats
Ed han fat mal lur gnieu.
E malas mürs tegnan cussagl;
10 Perquai ils giats fan bain mamvagl:
Miau, miau, miau!
Quels giats han gnü 'sehe fich sgrattä,
Ch' eis hau lur unglas gio üsa,
Ed uossa strofiats.
Perquai pon uossa las mürs sotar,
15 E tuots ils giats s' ston pazientar:
Miau, miau, miau!
Nella Cad^ eira ün giat,
Chi eira vegl, fich strapatscha,
E'vaiva oir trat sü
Ün giat d^ ün 'otra qualitä,
20 Chi involaiv' inviern e sta:
Miau, miau, miau!
Volkslieder 229
Seis dscbeuder, giat amo plü flu,
Per iuvolar Vaiv il rampin,
Propi seis natural ;
Eira pertuot it involaud,
25 Imminchadi v'laiv'oter taut:
Miau, miau, miau !
lu Sursaiss' cir' ün giat griscli,
Chi involaiva eir pernisclis,
Ma bricha da seis lö.
"Na clostra ha el sblundriä;
30 Ils gesuiters fügeutä:
Miau, miau, miau!
In Villa eir'ün giat pulit,
Chi faiva tuet per far dispet;
Quel eir' ün pover giat !
Da sai svess 'vaiv' el invola;
35 Perquai ais el eir gnli s-chatschä:
Miau, miau, miau!
In Valien dau eir' ün giat fin,
Quel eira brich' ün giat comün,
Domandai il Columbau.
Sco mincha giat ha sa natura:
40 Ed in las grifflas sa masüra:
Miau, miau, miau !
II meider giat eir' in Razüns,
• Savaiva perfin far ils quiuts,
Avdaiva in castels.
Eir' usche fich it iuvoland,
45 Ch' el staiva ir as azoppand:
Miau, miau, miau!
Da tuots ils giats in Flem eir' im,
Chi comandaiv' infin in ün,
Magliaiva mürs e rats.
Sco ün barbar giaiv' el s-charnand
50 E va cou 1' oter spadergliand:
Miau, miau, miau!
230 Volkslieder.
Füss eir blers plus giats da uomnar,
Chi bain savaivan mürs pigliar,
Ed eiran giats rapins
Tras las lur tschattas da valii.
55 Suvent tgnaivan la cua dret sü:
Miau, miau, miau !
Uoss' han eis la cua iu gio,
Cur van da s chala sü e gioj
Ma CO ais qu&i müdä.
Da temp quels faivan ils grauds spruugs,
60 Ed uoss' ils trattan da tschigruus;
Miau, miau, miau !
146.
Chianzun xnundana,
(Annaliis VI, Derin, p. 56—7.)
Ils pesclis aint in l'aua san saimper noudar,
Üna fausa femua sa saimper cridar,
Chi talas larraas tschert vain a crair
Vain ingiauä cun grond displaschair.
5 Ils taglalaix^as quels fan astellas
Mo quellas nardats uu sun fich bellas,
Chi chi po schivir V ocasiun
E nou schivescha quel es ün miuchun.
Eu n' ha tgnü letta da duas schiabels
10 Vess podü tcherner üu da quels,
Avant ch' eu m' haia resolvü
Cul chül per terra sun sezü.
Scha üna signura havess fallA,
Et in trais mais ün mat chatta
15 A quella gnissa cumpati
Ad üna povretta dat chasti.
Sun stat ün di in ün tschert lö
Qua am es gnü ün simel jö
Zapeivan 1* aua a las gialiuas
20 Cribleivan il grau a las pulschiuas!
VolkHÜeder. 231
Chi voul purtar plU ;nia iicl fliun
Nu vain loda per quai d' iugün
Et eil- scha '1 pover duna al rieb
Mou vaiu stiniii per quai zond brich.
25 Chi fabrichar vol sper 'na via
Schi a chi passa spera via,
Sto laschar dir seis sentimaint
Cun bain tschol sia ignoraint.
Ad üu uster chi la vol far
30 II seis iu teilt vaiu a fallar,
Per iiigiduar üiia vegla vuolp
Stost savair far divers gronds cuolps.
Ufants chi vöglau irapreuder bler
Stou bler patir e stübgiar bler,
35 Cha ductura uun es niugüu
Saiuza fadia, cuosts e starschiu.
Scha invüda hast in tia chk
Non 'vair buu cour e rialta,
Opür scha quel nun voul aiutrar
40 Schi la veistmainta nun scharpar.
Scha ün secret hast in teis cour
Pili CO cun Im nun stoust dir our,
Seh' tu disch a duas schi sau eir trais
Intant il fat vain a palais.
45 Dal Inf sül feld non desch 't fidar
Neir del jüdeu cun seis jürar
Main la conschienza dad ün preir
Perche tuots trais 't ingianan eir.
N' ha invidar ün a jantar
50 Sun stat stupi da seis tratar
Scha seis butatsch havess suostgnü
Las maisas vess' el travondü.
Cur hau las raürs lur carnaval?
Cur cha '1 giat dorma o ch' el ha mal,
55 La servitüd lur spass eir fa
Cur cha '1 patrun es or da cha.
232 Volkslieder.
147.
(Annalas VI, Darin, p. 40.)
Una cuorta chauzviuetta
Vainta quia fat oiii*
Incunter als Franzes
Cha possau pur craper
5 La repUblic,
Ils Franzes sum darcheu
Gnis gio per Eugiadina
Rivats sum üna not
Han gieu da sfurcler brav
10 0 bain chi dan!
Crajeivan da claper
Als Salis in la Punt
Ma eis s' hau bain falos
Quels quatter Scravunos
15 Viv'il Davos!
Eis sum its inavauut
Rivos infiua Schiauf
Lo per ir a durmir
Crajaud dad esser sgürs
20 Dals Salis.
Ils Salis sum jous sü
Ai gio pels munts da Zuoz
In terma da duas uras
Han clapo ils Franzis
25 Tuots preschuners.
Liitinent Albertini
Cuu sia bella maniera
Ho cumaudo ils Franzis,
L' ho clapo preschuners
30 Viv' Albertin !
L' es jeu da stüv aiut
Cun sieu chape i maun
Ils ho chatos allb
Chi eiran be alvos
36 Chi 's treivan aiut.
Volkslieder. 23:3
L' ho giavüsclio il bmn di
Clin sia bella inauiera
L' ho dumandü ils Franzis
Cha 's rendau pvescliuners
40 Eir tuot subit.
Eis suu reislos fich sraorts
Siim squasi crudos gio
Ma CO iion ha gieu uom
Eis han stovieu partir
45 Eir tuot subit.
Ils Salis sum retrats
lugio iufiu a Gratz
Causa chia '1 regiment
Veiva da guir disfat
50 Del Salis.
Schi nun füss sto per que
Nun giaivua bricha ingio
Quels quatter scravuuos
Vessau tgnü iuavos
55 Be SCO ün spass!
Viva r Albertini !
148.
Partenza d' ün spus da sia amanta.
(Annalas VI, Dcrin, p. 41/42.)
Or dal cor la cumpaguia
Vegn pel moud pelegrinond
Ma qua reist' a mai fadia
Cun tristeza vegn scrivond.
5 Hoz m' ais arivä 'na charta
Quella es scritta da Paris
E Napoliun am scriva
Cha dumau n' ha da partir,
La mia spada n' ha giüzada
10 Sün dumau per la purtar
E la tschinta es preparada
Süll meis döss per la tschautar.
234 Volkslieder.
Duas pistolas sun chargiadas
Sün daman per las sbarar,
15 Per far plaschair a mia armada
Ed a r otra contristar.
Servitur va tu iu prescha
E preparam il cbava,
Perche eu jara a manvagl
20 Cur salvainta il sulai.
Eu sa bain cba mia parteuza
A qualchüu displaschara
Schi nun es üna schi es V otra
Chi per mai fich cridarä.
25 Char marus perche am laschast
Üna grazia rov a tai
Pos' ün ura in mia bratscha
Fin chi leva il sulai.
Gnissast a murir in guerra
30 Schi chi guiss am cufortar?
Infin taut ch' eu sun süu terra
Tai uon vegn a iuvlüdar.
Eu at rov o chara mia
Tu per mai neu plondscher plü,
35 Quia nun jüda malincouia
Usche voul il puut d' onur.
Mia armada ais sün la plaza
Et ais temp bod da partir
Quia non jüda sponder larmas
40 Largia '1 frain e lascham ir.
Saiuta CO cha 'Is tamburs battau
E la musica va avant
E r armada ais sün la plaza
Chi s' avauza plü inavant.
45 Sainta co cha 'Is chanuns sbavan
Qua 's avanza 1' inimili,
La battaglia es gia tachada
Et eu sun a saimper qui.
Volkslieder. 235
Quai cb' eil 't rov o char' amia
50 Tu per mai dessast urar
Forsa Dieu a tota via
Vain teis plouts a cusidrar.
Vezast pur cha '1 di svanescha
II sulai vain a partir
55 E tu quia sü am teguast
Largia '1 fraiu e lascbam ir.
Giä la, saira es arivada
Et es temp gnü da partir
La schüra not oss' am surpreuda
60 AI viadi sto am reuder
Va iu teis let a reposar!
149.
Clianstin davart la libertad.
(Annalas VI, Darin, p. 35—37.)
Sii, sü, 0 Svizers e Grischuus!
Sü tots da cumpagnia!
Chantaiu üiia uova chauzun
AI Segner sün quist di.
5 Sü 0 dileta juventüm!
Sü tots iu cumpagnia!
Cbautain üna nova cbanzuu
A Dieu per sa jüstia.
Hoz vaius uo bain 1' ocasiuu
10 üsche d' aus alegrar,
Siglir d'algrezia e' us teguer buus
Per nossa libertad.
Avant traischieut auns passads
Nos babuus cbars stovettau
15 Per aquistar lur libertad
Sponder sang e combatter.
Ma uus per causa nos pucbads
Et groudas iugüstias
La libertad vaius inbürgia
20 0 led e magunia!
2m
Volkslieder.
Nel an setscliient e novaatot
Per causa nos puchads
Ha Dieu vuglü nos char pajais
Cun guerra circondar.
25 Ach, che trais anns cha qiiels sun stats!
Usche dals passantar,
lugün podeiva plü il siou
Dafatta cumandar.
Qua vaiusa viss eir inimihs
30 Et eir alchüns tirans
Chi 'ns han laschats inniiuchadi
0 led, dolur e plouts!
Mo '1 Segner Dieu omnipotaint
Da aus slaschet gnir pchä,
35 E uossa chara libertad
Ha darche turnantä.
Dimena chars predicaturs
11 nom da Dieu ludai
Cha sainza temma dels mondäne
40 Seis pled predgiar podai.
Rovai dimena al S. Spiert
Quel as vögla mossar
Cha vo possat predgiar indret
A r Evangeli char.
45 Sü 0 marits et eir muglers
Cun ils vos chars iufauts
Chantai d' algrezia e triunf
E siat recognoschaints.
Sü verginas eir coii dalet
50 A Dieu dessat lodar
Servi al segner cun cor s-chet
Per nossa libertad.
Chautain bels psalms et eir canzuns
A Dieu per celebrar,
55 Sigli d' algrezia et 's tgnai buus
Las vuschs fat strasunar.
Volkslieder. 237
Exaudans Dieu omnipotaiut
Per aiuuv da Jesus Christ^
Stans pro o Dieu omnipotaiut
60 0 tu Salvader jüst.
Nun 's chastiar o Segnar cliar
Aus vöglast perdunar
E nossa chara libcrtad
Daveut plü uon piglar.
65 Ach Segner lascha splendurir
Tia fatscha sur da uus
Et eir ans vöglast beuedir
0 Segner grazius.
No tai rovain Salvader char
70 Per amur d' tia paschiun
Tu ma da no nun at retrar
Mo dans tot il perdun.
Piglia sü nos ingrazianiaints
Cha no at podains dar
75 Tu säst cha no perfetamaing
Indret nun podain far.
A tai sia lod ed ingraziamaint
0 Crist nos redentur
A tai bap, figl e Souch Spiert
80 Chautain gloria et onur!
150.
(Annalas XIV, Vital, p. 250—253.)
Si legramen schuldause,
Pur siat tapfers brave,
Nus lain tirar davent,
Nel feld lain nus campar.
5 La nossa libertae
Co noss vegl pardavauts
Hau eir in pasch giodaue
Et quai eir zond blers aus.
Ils noss grands inimis
10 La guerra zuut datscherte,
238 Volkslieder.
Da tour davent eir quella
E dar a nus im rai.
Nus Svizzers e Grischimse
Lains uossa viagiar,
15 Chia lä pudains muntar,
Schi plascli' a Dien da cliar.
Ils Russers qnels eir gnittau
Con granda grimmatat,
Da manar cun eis la guerra
20 Prender la libertat.
Mo nus laius cuu curaschi
Inconter eis sü star,
Scba nus duvrain la spada,
Schi veu eis schon tschessar.
25 Udit uoss chei cauere
Suis schumbers e canunse,
Chi saintan tiers guerra
E pilg a nus intuorn.
Ma nus ans lains far sü
30 Et lains ans partir gio
Las nos armadas in classas.
0 Dieu, siat pur cuu nus!
Nus lains uoss'ir intuorn
Et Pietegot eir dare;
35 Perche nus savains brichia,
Scha nus pudains turnar.
0 Pietegots, meis velgs,
Quai völg bain dir da cour.
II Segner as cuforta,
40 Quai völg bain giavüschar.
A ti, mieu frar et sore
Vus essas giuveus zonde,
Vus veits ounc uss bucca,
Ounc anpruva ilg mund.
45 Da vus prend jeu comgiaue,
A vus dun Pietegote:
Viver recomandaine
A vus, mes cars velgiets.
Volkslieder. 239
A VU8, mes cars compougse
50 lau stossi con bragir
Da vus eir tour cougia
Et in la guerra ir.
Ell 's völg da cour riigare
Cliia lais perdunare,
55 Sclia eu incunter vus
Vess fat eir qualcbe fal.
0 Pietigot, mattaus,
Eug sto con diplaschair
Da vus eir tour comgia
60 Et forsa mai plii vair.
Vus gnit ün toc cun uns;
Scha uus vain da turnar,
Schi lain eir nus a vus
Ün bunaman portar.
65 Scba nus vein bucca plie
Eir da turnar ter vus,
Schi saj' il Seguer Jesus
II vos perpetten spus.
Eug sto uoss' in la fin
70 As dar ün Pietigot,
A tuots parents, vaschins,
E Iura as far fort.
Amis a tuots insembel,
Cumgia eir da vus prender
75 Percbe eu sto in presch»!
Ir tiers ilg militar.
L' armad' ais schon in felde
Ilg lager da Turige
E spettan sün las uouvas,
80 Chi vegna 1' inimi.
Cur eis sun suis confins,
Schi leins nus sü alvar,
E Dieu sia pur cun nus,
Schi lains bain gudagnar.
240 Volkslieder.
85 Mo scha nus intuoch guissau
Aint ilg nos viagiare,
Schi vegniss a nus tras Christo
A nus il tschel tschiuchiar.
151.
(Annalas XIV, Vital, p. 230-231.)
Scha '1 Trenta 'vess raaglio
II spiert d' la vauited,
Schi grand bain 'vess el fat
A tuot 1' umauited.
5 Perche cur quel melnüz
Süu la terra gnit co,
La liberted svanit
E ^1 pover füt chalcho.
Formet la nöbilted,
10 Fet guerr' alla radschuu,
Stranglet 1' egualited,
Per müder la chanzun.
II merit non füt pü
Ün titel i-etschercho,
15 Cur la virtüd stuvet
Tar l'hom sbasser il cho,
Per plajer suot il giuf
Della captivited
Ün spiert eher adüso
20 Alla simplicited,
E reverir percib
Con ün titel d' onur
Ün esan, chi ais naschieu
II figl d' ün grand signur,
25 Overo quels chi sun
Da fortüua colmos,
Da bazs, cha Dien el so
Co füttan guadagnos.
Quaist muossa, cha nel muond
30 Ais tuot coufusiuu,
Volkslieder. 241
Cur r Lom s'Iascha condür
Be tres 1' ambiziuu.
Nel temp del secul d' or
Tuüt vivaiva coutaint,
35 II nom ad ogniün
Eira solum contschaiut.
Perque, d' inuonder vain
Tuot quella uöbilted?
Nun ais Adam il bap
40 Da tuot r umanited ?
E perche uoss babuns
Nun 'vessan üsito
Quella distincziun
Ch' hozindi vain duvro?
45 Quels titeis da patruu,
Da Giunker e Signur,
D' Illustrissem suvenz
In tuotta sa splendur?
Scha tel füss sto dal tschel
50 Fixo per il destin,
Schi tschert, cha Dieu' Is 'vess fat
D' Un limun bger pü tin;
Acciö cha immiuchün
Nun s 'vess podieu faller
55 Da 's inservir dal nom,
Ch' el 'vaiva da duvrer.
Ma na, na, mieus signuors,
II bap celestiel
S ho creos similmaing
60 AI comün eguel.
II merit solum fo
Aduzer traunter nus
In rango, dignited,
Quel ch' ais pü virtuus.
Romanische Forschungen XXVII. j £'
242 Volkslieder.
152.
(Anualas XIV, Vital, p. 223—224.)
Sta a Dieu, marusa chara,
Eu uossa vegn davent da tai;
Eu sun qui obliä
Per nossa libertä.
5 0 nöbla liberta,
0 chara, dutscha patria,
0 chara. libertä,
Chi hast tut da nus cumgiä.
0 nobel, char pajais,
10 Tu meritaivast il prais,
Eirast in tuotta flur,
Uossa est in mandonur.
Eu at dun quaist ane
Per segn da grand' amur,
15 Eu met sü meis chape,
Sta a Dieu, tu il meis cour!
Scha tu voust ir davent,
Meis cour quel sto murir,
Meis cour quel sto murir,
20 In terr' ant ura ir.
Va a Dieu, il meis dalet,
Vast uossa our suot meis tet,
Sta a DieU;, il meis cu£fort,
O frizza della mort.
25 Stat a Dieu, il meis bap char,
Gharischma mamma mia,
Va a Dieu, il meis figl char,
Dieu saja ta compagnia.
Piglia, Dieu, tu meis infant,
30 0 Segner, in teis mans;
Tras spada uon laschar
In terra gib crodar.
Eis sun passats da Bern,
Sun rivats in Lucern,
35 Ma qua s' hau eis fermats,
Chi ei ran scuffortats.
Volkslieder, O43
II uos char geueral
Ha tschautscliä pleds cordials,
Ans ha baiu iuformats
40 E zuond fich allegrats.
Pur giaiii da legrameut
II uos char regimont,
Pur giaiii cou anim bun,
Üieu saja nos patruu.
153.
(Annalas XII, Vital, p. 313.)
Ed ais stat darcheu uouva combatta
Per podair mautegner libra la patria,
Ed il Suprem per defeusur
Ha miss nos geueral Dufoui'.
5 Viva Dufour e si' armada,
Chi ais stat tuot baiu preparada
Dad ir aint pel chautun Lucern
E s-chatschar oura quel fos guvern.
Quels da lung temp nau ins-chürits
10 Per causa dels fos gesuits;
Ma uossa sun eis tuot alerta,
Cha 'Is gesuits bau stü tour perta.
Schi uossa, raeis chautun Grischuu,
T' allegra fich e 't tegna bun,
15 Cha '1 Sonderbuud quel ais sfriscblä
E Siegwart-Müller ais mütschä.
Ed ais baiu stat granda battaglia,
Chi ha causa granda travaglia
A blers da noss confederats;
20 Ma uossa sun eis allegrats,
Guarda, co cha '1 Dieu divin
Ha usche bod miss termin,
Ch' el ha la pasch manä in Sviz
E s-chatschä our ils gesuits.
IG*
244 Volkslieder,
25 Uossa dimena, meis Grischuns,
Ans allegrain e 'us tgnain fich buns,
Cba nus escban libers dals tiraus
Cbi 'ns ban causats da spander saug.
E v' lain rovar per buna pasch,
30 Cba Dieu mautegna taut 'r ils frars,
Cbi uon vegua plü occasiuus,
Cbi saja da trametter battagliuus.
154.
(Annalas XII, Vital, p. 314.)
Nus guin qui iucunter cou grand' allegria,
Per podair retscbaiver quaista compaguia,
A quels cbi eirau da quia passats
E con bleras larmas compaguats.
5 Ma siand cba '1 Segner ba gnü seis destin,
Cb' el ba in cuort temp mauä tuot a fiu,
Scbabain cba uus eiran in granda sculozza,
Stimand, cba las bailas ils mness alla fossa;
Perque sti dimena, giuvens e giuventscbellas,
10 Cbantaiu e fain festa con las lodinellas;
Eir quellas svoulan e siglian e cbantau
E lodan lur Dieu sainza mai gnir stanglas.
Scbi uossa dimena ans 'lain nus far sü,
Compagnar noss scbarfscbützs ün toc in sü,
15 Infiu cba nus escban aint in nos comün,
E Iura güvlera tuot la giuventün.
Uoss' ans allegrain tuots da compagnia
E 'lain far büman con grand' allegria
Ed ans 'lain allegrar, cba vus sajat rivats
20 E cba 'Is gesuits sun tuots fügiantats.
155.
(Annalas XU, Vital, p. 311—312.)
Lasebai clingir cbant e magöl,
Cba 'Is tuns rebomban fin sün tschel.
La liberta tras uniun,
Legalita ais gnüd' in trun.
Volkslieder. 245
5 Dals gesuits, clii siui mütschats,
Dals pietists ed affilats,
D' eis, cbi armivan ils partits,
Tuots lur uters sim uossa sdrüts.
El corrumpaivan ledscli' e dret
10 Per teguer suot il spiert e pled;
Bazs austriacs daivau schluppets
Ed ils Franzes maligns buns pleds.
Perquai, o güvla nia chauzun!
Uoss' ais la liberta sül truu
15 Con seis celest der vestimaiut
A tuot Europa straglüscbaint.
A noss guerriers fat pur onur,
Pustüt a general Dufour;
Ma tu ils hast electrizä
20 Con tia forza in vardä.
Üu Deis sulet nus adurain,
Be üua patria avain,
Üna güstia, egual dret
E libra cretta, liber pled.
25 Guarde da tscbel, o bap etern,
Illümna nus e nos guvern,
Fa 'ns esser frars pro '1 baiu comün,
Units pro liberta e glüm.
E generus compatriots
30 'Laiu perdunar als idiots,
A tuots Orbits, tuots surmanats
Ils fain dvantar reacquistats.
E Iura, scha il malcuvir
Ils potentats fess iutervgnir,
35 Schi tuots per ün ed üu per tuots,
E noss' Elvezia non va suot.
Perquai ans dess tuot quai svagliar
Da 'ns esser svessa per cussgliar,
Con Dieu ün pövel bain units
40 E sainza egoists partits.
246 Volkslieder.
Rebomba, güvla ma chauzuu !
Cou ogui brava naziun
Ais la victoria in vardä,
Ais Dieu ed ais la liberta!
156.
Chanzun nova cuntra la generala superbia, ehi as manifesta in
grond' abundanza nel preschaint.
As po chautjir nella melodia: „L' otra saira bacharia".
(Annalas VI, Derin, p. 64—67.)
Stupefat reist eu aquia
L' ciiors del raond considerand
In che esser ch' el es gieii
Vegu adüua meditond.
5 Veziond quantas müdedas
Da uos autenats inno,
Chi in quel sun gnidas dedas
Sco que' cl6r tuot vair as po.
L' hümmiltad quella regnaiva
10 La virtüd vair' eir sieu sez,
La sinceritad s' chattaiva
E quaist pü uossa nou vez.
Keligiun pü non valla
Stond as veza poch efet,
15 La pü grouda part ais malla
Chi ama b^ van dalet.
Simulatiuu corruotta
Ho piglo il suramaun
Cba 's fer buus eir la glieud tuotta
20 Tras virtüd da quella san.
Tot il bain far ais svanieu,
La superbgia ho piglo lö
Et CO '1 vizi in compaguia
Fat han da virtüd ün giö.
25 Scha ün guarda la misergia
Cha 'Is pauvrets in chesa han
Ais' bondanza da superbgia
Ma manguel da charn et pan.
Volkslieder. 247
Scha guardaiu alur in teista
80 C^imanzand il plll süsom
Cleramaing as manifosta
Cba superbgia port il pom.
Guard^ quantas mattas beilas
Chi as vcza iiel cli d' boz,
35 Cul culöz piain d' marinellas
E vstieus alvs cun ün bei boz.
Quaist ais auncha la plü bella
Cba suveuz Uu as mincbuua
Per cugnoscber la fautscbella
40 Neir plü oiir da la patruna,
Neir la giuvna opulenta
Cbi avuond' bo mincba di
Our da quella cbi polenta
Scbiarsamaing ba per mezdi.
45 Cbars amibs 's cnssagl aquia
Scba vulais as maridar
Nou 's inamure del vstieu
Ma sün cbi tuocb il purter.
S' inf norme della persuna
50 Scba non v' lais as irügler,
Scba la sai da chesa buua
U figla del cbuder^r.
Scba vzais bgeras paupiglottas
Non 's iuaraure stin tuot
55 Ma gnarde cba non sai scbottas
Opür sdratscba nels pans suot.
Percbe be sco las Signuras
Sun in cas d' as fiter sü
Percbe vus as inamuras
60 Cba sainza non poun ster plü.
Eng cusailg cun sincerited
Meis cbiers amibs ad ogniün
Da trer pü zieva la bunted
Dal buu arost co dal bger füin.
248 Volkslieder.
65 Et s' impissfe cha vanited
A vus nun purterö bger nüz
Pü valaregia 1' ümilted
Co üna chesa plaina d' chüz.
Schivi da que ch' ingün 's intria
70 Ch' ais im proverbi miss in scrit
Superbgia vo be anz co la ruina
Et cuostaregia ün graud fit.
A Dieu superbgia es displaschaivla
Et qu^ iu general da tuot
75 Ma auncha plü e 'la sgrischaivla
Tiers chi, chi non possed inguot.
Ma 1' ümilted ais tanta bella
Chi la posseda ais beo,
Sco quel nel muond ch' ais gnü con quella
80 Zuond cleraraaing aus ho mussö,
Cha qu6 saregia ün bun exaimpel,
Chi purtaro eir ün grand früt
AI Spiritus et eir al saimpel,
Saron stimos d' havair virtüd.
85 Et s' impisse d' quella sentenza
Cha chi 's adoz 'vaiu abasso
Et pigle quella a preferenza
Quel chi 's abatta vaiu duzö!
Perche superbgia e van dalet
90 Quels vegnan bod a passar via
Alura tuot in ün diudet
Ans reista b6 gronda fadia.
Ma quel chi viv' iu hümilted
Ho in sia orma ün vair pos
95 Et alla fin 1' eternitet
In cumpagnia dels beos.
Ach schi fe uossa quella tscherna
Sco que chi disch quaista chanzuu
Schi gnis a vair algrezch' eterna
100 Et a schivir 1' aflicziuu, —
Volkslieder. 249
Quel chi fet quaista poesia
Ais da poch i our^dal paiais
Nou vulais fer per cusailg sieu
Schi f^ be sco cha vus vulais!
157.
Aplicatiun sün 1' antecedenta chanzun.
(Annalas VI, Deriu, p. G7— 72.)
Stupefat reist eu aquia
Supra ma prüma chanzun
Da stovair am der fadia
Et fer quaista aplicatiun.
5 Per fer a savair a quellas
Sco chi 'm ais sto requiutö
Cha sean gnüdas rebellas
Vers il seus da mai tratto.
Tuot 1' intera Engiadina
10 Ho ludo la mia chanzun,
Ma in Craista o Schlarigna
Ocho, nouv da quellas sun,
Chi cols giests e con la buocha
Han d' havair fat a savair
15 Cha quai seuso las pertuocha
Et cha quai las sto dolair.
Eug non voless tschert in vardet
Cha fuss sto da contradir
In ün lö da pieted
20 Sco ch' eug d' hfe' sentieu dir.
Siand qiiell' eira üna masdiua
Componida per il mel
Per 1' intera Engiadina
Da Puntauta iufin a Segl.
25 Sün spranza cha quella saia
Fatta per guarir il mel
II quel melavita craia
Havains tuots in generei.
250 Volkslieder.
Fin cha tela malatia
30 Our da uus quella nou vaiu
Non podains plaschair a Dieu
Et neir alla glieud da bain.
Mas cheras mattas da Schlarigua
S' poss dir eil' eu nou 'vess ma cret
35 Chi vess podieu tel masdina
In vus prodüer tant poch efet.
Anzi tuot a 1' iucontrari
II vos mel ho pegiorb
Fand vaira cha pü necessari
40 Saia ad agradir il pcho,
Et fer beffa d' ün chi prova
Tiers il bain da sugerir,
Per tiers ün otra vita nouva
Gnissas bain eir as convertir.
45 Pü non as serva der fadia
Neir iugün sugerimaint
A scodün chi ais naschieu
Et vuol morir eir ignoraint.
Quaist der vezain our d' ün exaimpel
50 See eh' eu d' he' sentieu a dir
Cha infina aint il taimpel
Suvenz as vezan ad a rir.
Scha dimeua il pled del Segner
Cnu arir vain eir spretschö
55 Schi auncha main as po sustegner
Qufe cha '1 dotur ho ordino.
Schi couserve pur vossas taras
Sco chi bain plescha a voss cours.
Schi sco las juvintschellas narras
60 Gniros eir vus sarredas our,
Vus clamaros dschand: Seguer, Segner
Laschans intrer aint eir a nus
Ma el vain 1' üsch sero a tegner
E disch eu non coguosch a vus.
Volkslieder. 251
65 Ma baiu felices sarau quell as
Chi haun a terap 1' öli pinö
E SCO las sabgias juviutschellas
Spar r lisch il spus hauu aspetto.
Quellas lur cun grond alegria
70 Aiut iu la chambra aintrararu
Et con il Spus in compagnia
Etern' algretia giodaraii.
Schi meis cussaigl aunch üna gieda
Scha que güdess vuless eu der
75 A tuotta cumpagnia ameda
A temp spar 1' üsch d' ans preparer.
Cun la provisiuu del öli
Cha el retschercha ta tuots uus
Perchö non vegnans con cordöli
80 Chatsches davent da nos eher spus,
Ach non savains quaut cha qu^ dura
Fina cha '1 spus quel vain a gnir,
Ne vains neir üua süjertet sgüra
Quel hura cha vains da murir.
85 Schi cheras mattas fe da scortas
Craje seh' as podessat guarder
Be sessaunt' uras davo mortas
Schi gnissat sgür as irrügler.
D' bavair tant temp mal impondieu
90 Et cun superbia da vestir
A que trid chüerp mel savurieu
Chi vo in terra as marschir.
Et quaist aus stuvess esser norma
Da bauduner superbgia e mel
95 Et da chercher da stir uoss' orma
Chi ais chosa immortela.
Scha non savais da che sort d' vstieu
Cha quella vains dad' ifiter
Leg^ pur bger il pled da Dieu
100 Sehi quel vain tuot as amusser.
252 Volkslieder.
0 scbi laschains no tuots iusembel
Dad üna vart la vauited
Guidains la barcba cun quel rerabel
Cbi 'as maiiia tiers 1' eternitet.
105 Chi ais eternitet beeda
Inua chatarons il spus,
Chi ho la chambra prepareda
Scha fajns sa vögla eir per nus.
0 schi faiu tuots la vögla sia
1 L 0 II chh s' asgür chi nun ais greiv
Et cur cha uus spartius da quia
Et cha morins ans sarö leiv.
He bain stimä d' metter in peuna
Eir quaistJ^ mia aplicatiun
115 Per vair schi saja darcho da memraa
0 forsa cunter la raschun.
Eir r otra chi eira vardaivla
Fatta per tuots in generei
L' ais steda bain perb nuschaivla
120 Tiers chi chi vaiva il pü grond mel.
Perb speresch cha quaista saia
Ün buu remeidi per il tuet
Almain a quel chi in Dieu craia
Et chi eir 1' ama supra tuet.
125 Eug chi he fat las poesias
Confess dad esser stb chargio
Con las pü grandas malatias
Et lönch vivieu in il pcho.
Ma am chataud in stedi tel
140 Et am sentind granden dolur
Schi per gnir liber da mieu mel
Sun recurieu tar il dotur.
11 quel m' ho do üna masdiua
Chi m' ho vout tuotta raa natura
135 Fond vair cha quella sai 'infina
Cha qua la mia vita dura. —
Volkslieder. 253
Et spranza fatsch' anz ce ch' eu moura
Cba vussas svessa stöglat dir
In veziand mia buua ouvra
140 Cha quella m' ho podieu guarir.
II quel dotur cha h^ agieu
Vögl eir a vus manifester
Ais sto legiand il pled la Dieu
Chi m' ho pudieu bain resaner.
14B 0 schi cherchaiu tuots quia rimeidi
Percbe cba quel es ponderus
E recuriu tiers quel grand meidi
Chi a la mort ais jeu per uns.
Quel vain tuet nossas malatias
150 Tras sia vertüd a reraedgier
lutauDt cba uus las plaias sias
Gaian col cour a cuntempler.
Eir il pti et illümino
Apostel Paulo dels pajauus
155 Ha lönch vivieu in il pcbö
Et eir in gronds surpassamaiuts;
Alur udiut la vusch da Dieu
Chi gio dal tschel il ha clamb
Ais el bain bod sto convertieu
160 Et ais rivö fin a quel grh. —
Siand da tela eficatia
Tia vusch da pudair convertir
0 Seigner schi fans quella gratia
Tieu pled cuu dalet da dudir,
165 Et fer seguond ch' el ans dictescha
Alur containts ans tschantaraus
E pü cha il nos zeli crescha
Et pü dalet cha d' havarans.
254 Volkslieder.
158.
(Fliigi, Volkslieder, p. 68—70.)
Ai mo, la figlia dalla muliuera
Ais saimper steda ma marusa chera.
E cur cha giaiva par la dumander,
Schi vaivl' adüna qualcbiosa da fer.
5 E cur cha giaiva vi par la raspoasta,
Schi vaivl' adüra baiu saro la porta.
„Marusa chera, ve be our da porta,
E dorn a me üna buua raspoasta."
„Or süu ma porta cha poss bain river,
10 Ma madinä cha num voelg marider.
Tu dist adüna, ch' eu uu saia uetta;
Nun he er saira lavö la planetta?
Tu dist adüna, ch' eu nu fatsch ünguotta;
Nun he er saira cuschinö la giuotta?
15 Tu dist adüna, ch' eu nu saja davaglia;
Nun he er saira lavö la tuaglia?
Schi uossa vo tu pur eir par tas vias,
E scha survengst, schi drizzat cumpagnia."
159.
(Flugi, Volkslieder, p. 04— G6.)
„0 chera, o bella! eu vuless baiu ir tiers vus
Quista saira ün po tard,
A tschantschar duos pleds cuu vus." —
— „0 mia Sar, vus bei e eher,
5 Eu s' völg bain paraviser,
Cha davous ma porta
Sto adüna ün homet velg,
Chi pera be cha '1 dorma,
Ma 1' ho aviert ün ölg."
10 „0 chera, o bella eu vuless bain ir tiers vus
Quista saira ün po pü tard
A tschantscher duos pleds cuu vus." —
Volkslieder. 255
— „0 Sar, VHS bei e eher,,
Eu s' völg bain paraviser
15 Cha sü pai" mieu lisch d' stüva
Lo eisa sett schlupetts,
Ed in üu cha tuchais,
Schi' s sbarane tuots sett." —
0 chera o bella! eu vuless bain ir tiers vus
20 Quaista saira arao pü tard
A tschantschar duos pleds cuu vus." —
— „0 Sar, vus bei e eher,
Eu s' vö bain paraviser
Cha sü par mieu üscb d' chambra
25 Lo eisa sett pistolas,
In üna cha tuchais
Tuottas sett cuuter vus volvais." —
0 chera, o bella, eu vez cha tuot stravia;
Schi pigliaro mieu gierl,
30 E giaro a chesa mia.
160.
(Flugi, Volkslieder, p. 70—72.)
Ad eis gnieu giß la greva
Ed ho schgiüzzo la fotsch,
Imminchia fotschiglieda
Voul eir üna giüzzeda.
5 Miu marus ais ün giuven pussaiut,
El ais patrun dell' ova e sarvitur del vent.
Mia marus ais ün fich bei giuvuet,
L' ais zop e gob, e strozchia il pe dret.
Del rest füss el tuot saun da sia vitta,
10 Mo' 1 guarda guersch our sur la spedla dretta.
II mieu marus, quel m' ho scrit üna letra:
Cha el niim voul, cha sum memma povretta.
Ed eu r he scrit aunchia üna pü isaleda:
Cha '1 giaia as fer arder, clia sun marideda.
256 Volkslieder.
161.
(Flugi, Volkslieder, p. 66—68.)
Eu am dum tscbientmilli buonders,
Cu cha '1 muoud po pü dürer,
Ün hom velg dad uchaint' ans
Vo tscherchand da 's marider.
5 El giaiva gio par la via
Cun ils mats da cumpagnia,
Inscuntrer cha '1 inscuntraiva
A Susanna, bella matta.
„A Dieu, Giunfra Susanna,
10 Voust tu esser ma marusa?
Scha tu voust esser ma marusa
Schi 't voelg der üna bella doatta."
Di, o di, o di, tu velg,
Di, che duotta tu 'm voust der,
15 Schi scharö eir eu dalungia,
Schi 0 na scha 't vö pigler."
Eu d' he üna scodella ruotta,
Ed una chevretta zoppa.
Ach schi di, Giunfra Susanna,
20 Scha nun he üna bella dotta?
Eu d' he quatter faschols coats,
E nun he laina da ^Is s^hiuder
Ach schi di, Giunfra Susanna,
Scha nun he ün bei gianter?
25 Eu d' he quatter brocs da painch,
Ed ünguotta aluaint,
Ach, schi di Giunfra Susanna
Scha nu poss bod siuer aint?
Eu d' he üna padella ruotta,
30 Ed üna da cumader.
Ach, schi di, Giunfra Susanna
Scha nu pos am marider?
Volkslieder. 257
Eu (V hc Ulla ciivria ruotta,
E la pell dad ün buochet,
35 Ach, schi di, Giunfra Susauna,
Scha nun he eir ün buu let?"
„Vo, 0 vo, 0 vo, tu velg,
Vo Clin tia barba grischa." —
„0 schi vo, Giuufra Susauna,
40 Cun tias pUlaschs in chiamischa."
162.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 321.)
Id eis gnü gio üu zop dall lugiadiua,
Per lair tour sü marusa par adüna.
Hei! par adüna non hau eis vuoglü dar,
E r otra chamma 1' bau pudü sfrachar.
5 „Hei! malavitta! meis scussal ais ruot;
Ma amo plü fich, cha meis marus ais zop.
Sün meis scussal poss metter üua pezza,
Ma meis marus da quel nun he algrezchia." —
„Oli, ola! co' m ais quai id a man!
10 Pers la marusa e chattä' 1 büman.
Mo il büman, quel nu less dir ünguotta;
Mo la marusa, quella vala tuotta.-'
163.
(Romanische Studien I, Flugi, p. 331/332.)
Un di scu hoz me pü in tuot ma vita,
Sül di da nozas :|: padrins e madrütscha.
Mo vus chambrers tres' üu po d' üna vart,
E lascht gnir aiut la duouna da part.
5 E tu, chambrera, chi est la plü figna,
Vo sün crapeuda e piglia gio la chüuna.
„Invia eis il Sar spus, cha nu '1 ais aco?"
„L' ais sün crapenda aint il stram zupö."
„Schi gi^ sü tuots cun bella tschera,
10 E dsche' ch' al vegna gio a fer aint la lichera.
Komanisclie Forschungen XXVII. 1 7
258 Volkslieder.
E vus chambrers, fe eir vus bnraa prova,
Lasclie vanzer ün jjo vin da paglioula."
Ed auut cu tuot eira finia
Ün bei mat eis sto naschia.
15 „Vus nozaduors varos la bunted,
Quist mia figliet da giüder batagier."
„E cu vainsa da '1 metter nom?"
„Seil sia bapseguer, ch' ais ün galantem."
164.
(Annalas XIII, Vital, p. 207.)
Ramoschaus,
Figls da cbans,
Figls da chognas,
Tridas carognas.
5 Sün bos-cha grischa
Sainza chaniischa,
Vi 'n val torta
La vach' es morta,
Ils corvs magliaivan,
10 Ils da Ramosch clamaivan:
Lasehai ün ,pa eir a no, cha no crappain tots d' fom.
165.
(Annalaa XII, Vital, 300—301.)
La malondraivla glieut da Tschlin
Get gio Plaii a baiver vin.
Bavettan qua be sco 'Is purschlins
Ein chi restettan pro 'Is butschins.
5 La malondraivla glieiid da Plan
Sun gnüts sü Tschlin a ruojer pau.
Eu ha 'nvidä pllis a giantar,
Eu 'vess fat meider da 'Is laschar.
La mais' avessan travus aint,
10 Scha lur butatsch avess tgnü aint.
Qua cumanzettan al a' s dar,
Chi eir' ün sgrisch be a guardar.
Volkslieder. 259
Per metter pasch gnit il plavan,
Las costas plaiuas a quel dan.
15 Qua gnit clamä.' il Sar Mastral,
E quel coppet varquants cul pal.
Fiuid' ais uossa ma cbauzun,
E chi cbi crid' ais üu minchun.
166.
(Annalas XII, Vital, p. 30G/7).
Una cbauzuu in quaist momaint
Am vain a me avaunt,
Chi podess gnir cLauteda
Da tuet quista brajeda,
5 Ch' avains noss cours coutaints.
Nus intuoru la taglioula giains
Liangias per zapper;
Ma 'vaius eir buna spraunza
E sün quella vivainsa
10 De las podair sager.
II prüm volains nus cumanzer
Qualcbos' a discurir
Qui da uossa Duouna Anna,
Cbi vo via alla lamma
15 Liangias cou Her.
Qualcbosa dschains traunter da nus
Eir da Duouna Anna Dusch,
Cbi ais infatscbendeda
Cun tuot quista brajeda;
20 Quel CO vzains bain er nus.
A Giunfra Mengia, cbi sto co
Be a 'ns guarder suis mauns,
Volains nus giavüscber
Da "s volver e lascher,
25 Cha vezzans sias arains
Giunfra Nuttina Barbla co
Lai serius' as fo
17*
260 Volkslieder.
Be per melauconia,
Cha non la dun la sia;
30 Ma uossa sun eau co.
Maister Gudaios savains eir nus
Co ch' el ais serius :
Pero in compagnias
Disch eir el las sias,
35 Pustüt cur r ais cun uns.
Oive, oive, che cha vez c6
Güst uoss' a capiter:
Nossa Giunfra Sandriua
Con sa cuorta chammina
40 Vain a 'ns güder zapper.
Ma uossa gni pur qui nö tuots, '
Cha stögl as requiuter:
Ingrazchain tuots perüna
A Dieu ob con Chatrina
45 Chi l'ho glivro dad iugrascher.
Perche avair da cuorrer cö
Da s-chela sü e gio
Con quella chamma noscba,
Que ais 'na povra chosa;
50 Mo uoss' ho 'la glivro.
Ün tschert poet avains eir ch,
Chi uossa vain almain:
Perche per grand fadia
II palat secha via,
55 Da baiver scha nu' 1 dauu.
167.
[f. 1*1 Cordiela Condolenza sopra la bieda nioart del noebel juven Sigr-
id umbrainPol, nil42 an da sia aetedlhoal Segner clamo al ooelestiel
pofs da quaista vitta temporela in laeterna et bieda vitta in
lanno 1746 adj 2 Novembris. Schaunta in la noata: In il paiais
vers loccidaint.
0 che grand plannt, cordoeli taunt,
Cha nus havaius a quia
Da d' üna chaera noebla flur,
China ais alveda via.
Volkslieder. 261
[f. Ib] ist leer.
[f. 2*] 5 Siaucl Dieu bo da uus piglio
Ün juveu chier amo;
Üu prudaiut cour, na chera flur
Ho Dieu da nus alvo.
Clamo in cel im cour fidel,
10 AI Sigr. Lumbrain Pol,
La grazchia ais steda fata ad el,
AI muer tar als beos.
Na richia spufsa ais ad ol
Da Dieu in cel piuo,
15 La quel' il Segner Jesus Christus
AI vaiv' ordino.
Zuond baiu musso era '1 trat sü
In buna disciplina,
Hol piglio tiers in grati' et spiert
20 Et in virtüd scodüna.
[f. 2''] El ho imprains in scolas bain
Rumauusch, Tutaisch, Latin,
Bain profito, inu lais sto,
Bain vuglieu da scodün.
25 Da juven insii pü vi et pü
Sia dalet, chel havaiv'
In marchanzia et nogozcher,
Cun honur guadagnaivel.
El vaiva zel da drük il mel,
30 Administrer justia,
L' amaiva il bain in generei
Da nus da Bever quia.
Nil taimpel bei chantaivel el
AI lod da Dieu Otifsem,
35 Huofsa do '1 lod al Sebaoth
Culs aungel[s] et beos.
[f. 3*] Als taunt d' Avuost el ieu davent
Da sia chiera brajeda.
262 Volkslieder.
Incrasautüna chel havaiva
40 Da dels qiiela gieda.
A Franckfurt eir el arivo,
Per fer que ch' il premaiva,
Subit 1 ho 1 Segner visito
Cun malatia mortela.
45 Daveud da lo so el partieu,
Per gnir incunter chiesa,
Et que CUD brama per river
Tar sia noebla brajeda,
A Coira alle el arivo
50 Ma con granda fadia,
Subit alo s 'hol afarmo,
Craschieu la malatia.
[f. 3*>] Subit el nun ho intardo
Da lascher a savair,
55 Cun scriver aiut al pü sumgiaunt,
Ch' el vefs dalet dals vair.
Subit nun ho brich intardo
Sa Sigra quineda
Per grand amur, ch' el al purtaiva,
60 D 'as mettar in streda.
0 che grand plannt, qui aint d' intaunt
Ch' als seis ha un fat a quia,
Principelmaing sa chera sour,
La Sigra Maria.
65 0 che grand plannt, cogio d' intaunt
Ch' al Sigr frer faro,
Cur quella nova in Amsterdam
Ad el arivaro.
[f. 4*] 0 che dalet, cha lais dandet
70 Ad el alvo zuoud via,
AI vaiva uoma que sul frer
Süt muond in compagnia.
Volkslieder. 263
Eau voelg tasfchair, nun voelg tschantscher
Pü da quaist fatt a quia,
75 Che graud dolur, cha dun eir als
Sgrs quinos aquia.
Ad aun per cert gieu par el
Granda dolur fadia,
Principelmaing als Sigr. uefs,
80 Sigras netzas quia,
Sco eir als sieus Sigrs cusdrins
Da Samedan a quia
Granda dolur Laun gieu par el,
Nul vair in compagnia.
[f. 4''] 85 Sco eir sa Sigra quineda
Nun ho brichia manchio,
Subit dal fer purter a chesa
Cun houur a co.
Cun granda braiüa ais el rivo,
90 Et aint in chesa sia,
Cun ingrazcher el a sieu Segner,
Ch' il vai va mno quia.
In let poch temp ais el baiu sto
Aco cum malatia,
95 L'eira pazchaint que da purter,
El ingrazchaiva Dieu,
Ch' il vaiva fat ad el sul muond
Eir una granda grazchia,
Da pudair gnir a co a morir
100 In sia chesa patria.
[f. 5*] Ste dia mieus chers! singrazcha tuots
A fats in generei
Da la fadia, cha vais piglio.
Da gnir am visiter.
105 Als davous pleds, ch' al ho eir el
Aint in quaist muond tschantscho,
Per olandais da dot ho '1 dit,
AI Segner ais rivo.
264 Volkslieder.
Als auugels, co sun stos per el,
110 Sia oarma da piglier,
lu la nova Jerusalem
Quela da transpurter.
Lais cun larmer et cun crider
In sieii repofs purto^
115 Cuu crauus et fluors da tuota soart,
Clin bonnr cumpaguio.
[f. ö**] La juventüna cun dolor
In terr' al corapaguaiven,
A nun havair pü quela flur,
120 Chi 'Is eir' alegraivla.
Gaiven plandscband, gaiven cridant
Lur noebla compagnia,
Cba '1 Segner vaiva alvo davend
Our da lur oelgs aquia.
125 Paun bain crider et suspirer
Par una nöbla flur,
Chi bo lascho davous ad eis
Zuond una grand' bonur.
Cun giavüscber et suplicher
130 A tuots la castited,
Da pudair vair et eir giodair
AI poss coelestiel.
[f. 6*] L'eira Una bonur et üna flur
Cun tuots, cbi al pratcbaiven,
135 El vaiva zuond ün fidel cour
Et eira buntadaivel.
Mo eau singrazcb a tuots a fat,
Ma cbiera juventüna,
Da la fadia, cba vais piglio
140 0 eir vers me adüna.
Acb, cun dolur lur cbera flur
Fingio a sepulir,
0 zarta flur, o juveu cour
In terra as convertir.
Volkslieder. 265
145 AI text ais sto belg explichio
Dal doat uoass scr minister,
Sco que po 1er ün et scodün
In la 2^* epistola,
Timotheo cap, 4 v. 8.
[f. 6''] El vaiv' in qiiaist muond fabrichio
150 Zuoud üu bei chasamaiut,
AI Seguer Dieu al vaiva pino
Ün oter splenduraint.
In il zardin da Eden fin
Na roefsa el implanto,
155 Florescha bei saimper in cel
Cun glüergia incorono.
L ho(hol) chato que sho braöio
Na bella compagnia,
Seis geuituors, seis frars et sruors,
160 Tuots senchs in compagnia.
Quaist simpifser dess padimer
Voass cordoelj et plannt,
Gnins al chater tres grati' in cel,
AI ais pafso avaunt. ^
[f. 7al 165 Voelg giavüscber da noafs Dieu eher
Brameda contenteza,
Cha la dolur, cha vais nil cour,
As müda in algrezchia.
0 che barat, cha el ho fat,
170 0 che buna müdeda!
Huossa el d' vanto burgais dal cel
In la cited beeda.
Dieu ans voeglia mner tres grati' in cel,
In quela cited stabla,
175 Tiers touts boos in 1' aetern poss,
In algrezcha inefabla.
Finis.
266 Volkslieder.
168.
[f. 7^] Christiauna condolantia sopra la beeda spartida da qnaista misera
sitta alla pü beeda cioe Ilnoebel cast et prudaint juven SigrLum-
brainPolp. m. in l'anda 8iaaeted42 1'ho il Segner domo daquaista
vitta.
Cur eau consideresch^
0 muoud, al tieu mel fer,
Schi a mi fich isnuescha,
Cun te pü loeng da ster.
5 Tu best üna fontauna
Da tuot mel et tuot pcbio,
Ti' roba e martscba e vauna,
Tieu dalet vanited.
[f. 8*] Eau vsaiva, co ua flur
10 Crescbind iu tuot honur
Rendaiv' amabl' odur,
0 Dieu, ve cun cofüert.
Daudet do aint ün vend,
Cun se bain bod la moart,
15 Chi bata zuond a terra
A quaist juven zuond scoart,
Noass Sigr Lumbraiu Pol,
Ün juven amiaivel,
Beuing et liberel,
20 Versa scodün paschaivel.
In flur da sia aeted
Voalv' aint noass Dieu pufsaunt
Cun üna malatia,
Crajaivens brich la moart.
[f. 8^] 25 Scha vess püdieu güideer
L' aroef da cours fidels,
Craje, el füss speudro
D 'la moart tar nus resto.
Co aus leiva vi il Segner
30 Quels, chi füfsens zuond eher
E füfsens eir nüzaivels
II pover a coforter.
Volkslieder. 267
II Segner leiva via
Als buns dal iugrat muond,
35 Vsaud, cha '1 uuu saia deng
D^ uscbea noebels duns.
Quaist noebel fraiscb compang
Dieu al vaiv' infito
Cun tuota soart bels duns,
40 Dieu al vaiv' imprasto.
[f. 9*] Quaist' oarma benedida
Ho volieu considerer,
Cha tuot r esser dal muond
Ais spüi'a vanited.
45 So resolt bain containt
Da volair bonduuer,
Da cbercher et bramaer
AI pofs coelestiel.
Noass Dieu in quaist muond
50 II vaiva richamaing
Duno et imprasto
Grandetza et dignited.
Arob'et cbasamaints,
Schi oor et eir argient
55 Vaivel in abundauzia,
Da tuot el nun fo stima.
[f. 9''] Vsand, cba sieu term schanto
Eira fingio spiro,
Dal Segner, noass Creedar,
60 Chi eira determino,
As render voluntus
A seis bab gratius,
S' sordo aint in ils mauns
Da seis bab tuot pufsaint.
65 Eau sum qui tieu infaunt,
Eau spett sün teis comand,
Da fer il mieu viadi
Da quaist muond da contred[i].
268 Volkslieder.
Scha füss eir sto monarch
70 Da d' ün inter grand muond,
Chi vess pudieu giudeer,
Lais spüra vanited.
[f. 10^] Mi' oarraa ho spofso
AI mieu Salvedar Christ
75 Tuot ueta et bain laveda
Cul saung da Christ bandus.
Las noatzas sun pinedas
Da r agne ui Paraviss
A tuota la respeda
80 In il paiais dals vivs.
Que e la vaira spaisa
Dal boesch d' la vitt' iudret,
Baiver süu la maisa
L' ova da la vitta cert.
85 Poafs qui da cornpagnia
Bain noebels instrumaints
Udir cou armouia
Dals aungels musicants.
[f. 10''] Dans fer sumgiaunts als aungels,
90 Ho dit al noass Signur,
lu gloria sainza maungel
A saimper in honur.
Da nus vain ad ir our
Zuond granda clarited,
95 Pü CO '1 solalg splendura
Et stailas in vardet.
Schi che cha '1 cour abrama,
Laungia so giavüscher,
Vain Dieu a quel, chi 1' amen,
100 In vitt' aeterna a daer.
Schi bgerra milliera,
Chi 'n vaira creta moarts,
Clin Christ siiot si 'bandera
Güstro haun con cofiiert:
Volkslieder. 269
[f. 11*] 105 Marids^ mugliers et schlatas,
Babs, manias, frars e sruors,
Amichs CO chataue
In touta algrezch' e flur.
Schi quelsj ch' iu terra qui
110 Me vis ue cognoschieu,
Nuu vaiva me vis pü,
Cuutschaiuts sun a qui sü.
Ils Patriarchs iu gloria,
Propbets, Apoastels zuond,
115 Martir, cbi cuu victoria
Haun corabatieu cul muond.
Che uöbla compaguia
Dals aungels et beos
Saron a tnota via
120 Da nus fich allegros.
[f. 11^] Cur Dien tiers el aus maina
In cel a splendurir,
Vegue' eis cuu buna voeglia
Quels stedi ans cuvir.
125 Con quela compaguia
Gnins nus ans alegrer,
Noafs Dieu con armonia
A saimper celebrer.
Sench, sench, sench ais il Segner,
130 II noafs pufsaunt Siguur,
Geis, terr' e maer plains vegnen
Da sia glori' et honur.
0 sehe '1 pudess turner
Tiers vus in ün momaint,
135 Schi cuu vusch d' archaungel
Gnis el as fer ardimaint.
[f. 12^] Scha be se banduuos,
Mieus chers vus tuots afat,
Voeglias bain as piuer
140 Tiers me bod da müder.
270 Volkslieder.
Mia noebla parantela^
Schi eir tuots bims amichs,
Sajas eir salüdos
Da cour fich iugrazchios.
145 Schi juventüna tuota,
Eir tu inter comoen,
Chi m' vais eir spoart honur
Aint in ma sepultüra
Mieu coarp a compagnier
150 Con larmas et con plauut,
Mi' oarm' huossa triunfa
Dant lod al tuot pufsaunt.
Mieu coarp ais in la terra,
AI vain eir a pusser '
155 Spetant la resüstaunta
Dals jüsts et tuota charn.
Anno 1746 adj 2 9 bris.
169.
[f. IS^] Memoria dala imatura inprovistamoart dal Sigr LumbrainPoI p. id.
moart 1746 adj 2 9bri8 nil 42 an da sia aeted.
Ach Dieu, mieix cour tres our
Per tauut malinconia
Sto be da schluper our,
Nun so nun piglen via
5 Pal grand plannt et dolur,
Cha mieu cour ho agieu.
Ach Dieu, o che dolur,
Mieu cour quel leva via,
Da nun pudair (p)[g]udair
10 Aint in ma conpagnia
Quel noebel f rasch gialard
Ser Lumbrain Pol quia.
[f. 13^] Huofsa per grand' amur,
Ch' eau sairaper he agieu,
15 Voelg metr ^in sia honur
Duos saimpels vers aquia.
Volkslieder. 27 t
Paro eau min voelg brich
Ma peha qiii piuer
Cuu luug' discuors, clii dich
20 Qualchün piulefs blasmer.
Novembris sto il mais,
0 Dieu, clii t' ho plaschieu,
D' ans der cuu graud suspais
Et Clin aus alver via
25 Na noebla frascha flur,
Da scodün bain vuglieu,
Et eir cuu grand' honur
Zuoud respeto ais guieu,
[f. 14^] El eira respeto
30 Na solum in las lias,
In Franckfurt et utro
Pratchaivel las noeblias.
Ad Amsterdam vaiv' el
Trafich et marchiancia,
35 Sieu chier ser frer cun el
Vaiv' el in compagnia.
Aint in sa vacatiun
Vaiv' el grand deligentia,
Et eira baiu dal bum
40 Duto cuu sciencia.
Per che ch' our avaunt tuot
El Dieu da cour amaiva,
Et sieu saench pled pertuot
Cun stüdi pondaraiva.
[f. 14''] 45 In quaist muond eon dalet
Trauuter nus belg fluriva,
Et Dieu, chi l'ho elet,
Lo saimper gieu in chiüra.
Che defs eau qui dir pü,
50 A eher Dieu 1' ho agieu,
Tiers nus nun ais el pü,
Mo in aeterna glüergia.
272 Volkslieder.
Inu cha el allo,
Na bella compaguia
55 Da sieus chiers hol chato
lu perfeta allegi'ia.
Als seis ua grand dolur
Ho el lascho aquia,
L' crider et il plauut lur,
50 0 Dieu cuschidr, a Dieu!
[f. 15*] Plannt da sieu ser frer.
Suspais stum in me m' vefs,
0 led ! 0 che nüella !
Quel mess mieu com- ho fefs
Et piglio la favella.
5 Mieu frer, mieu tuot dal et,
0 dolorusa moart!
M 'est alvo vi dandet.
O Dieu, o vem con cofoart !
Ach frer! co malgorder
10 Poafs eau sün la moart tia,
Cur eau tiers uoass affer
Non t poafs pü vair aquia.
S o u r.
Ach, che dolur, o Dieu,
Ns hest tu tramifs aquia,
15 Mieu Lumbrain, eher frer mieu,
Da nus con alv^r via.
[f. Ib^] Mieu cour ais conturblo
Per grond incraschatüna,
Mieu saung ais arfrado,
20 Cufüert nun chiat liugüin.
0 frer! ach, la moart tia
M' ais stede dolorusa,
Ma che per te noafs Dieu
L' ho fatta alegrusa.
25 Ach, mieu frer, mia amur!
Co me t' poafs eau s' mancher,
Usche na frascha flur
Stuvair usche bod scher.
Volkslieder. 273
I..;i q uiii eda.
Mieu cour per grand dolur
30 Et per incraschantüna
Sto be da alguer oiir,
Ne lio dalet ungüiii.
[f. 16*] Cur eau be con dalet
Paraiv' esser fich coutaiuta,
35 0 Dieu, scbi est dandet
Müdo in granda stainta.
Mio cour ais fich plajo
Con penetrauta deja,
Stum be da crudaer gio,
40 Ach, medgia tli la pleja!
Meis juveus oarfens chers,
Qui vais mifs bgier suot terra,
Dieu, chi po conforter
Suaintr' il bsoeng, succuora,
45 Scha fadia havefs
Et cuost pudieu giüdaer,
Schi eau dit, cert havefs,
Moart tu, nun post autre.
[f. 16b] Cofüert.
Ma '1 Dieu, chi tramifs ho
50 11 spert char d' Elie, 2 Eegio cap. 2, 11.
Cur da quaist muoud mno 1' ho
In perfet' allegria.
Dieu, chi V ho visito
In sieu ultim viedi
55 A Franckfurt, ch' el alle
S' chatand in mifser stedi.
Pero per seis amichs
Dritzer our hol volieu,
Que chi 1' eira comifs
60 Na con gronda fadia.
Romanische Forschungen XXVII. 1 Q
274 Volkslieder,
Huofs el ho bain tschernieu
Üna noebla müdaeda^
Da ir sü tiers sieu Dieu
Et d' nun ir pü in streda.
[f. 17*J 65 Noafs noebel ser Lumbrain
Üu bei dum ho da Dieu
Arfschieu trauntr' oters baius
Tals seis dguir sepulieu.
Huofsa la moart del jüst
70 Ais saimper preciusa, Psalm 116: 15.
Scha be cha '1 muoud be füst
Per r esser stramantusa.
Aqui s' voelg giavüscher,
Dieu, chi 1' ho alvo via,
75 As voeglia conforter
Con il s. balsem sieu.
Stais crair, cha 1 Dieu d' pudair
Ad el SCO Moise dsched,
„Murir stoust qui pelvair, Deut. 32.
80 Üu tel ais mieu decret."
[f. 17^»] Quels, chi haun gieu a chier,
Frer, sour, quinos, quiuaeda
Voegliast Dieu conforter,
Tuot la noebla chaseda
85 Et voeglast bod müder
Lur plannt in allegria,
Scha t' best vulieu plajer,
Guarir voeglast, o Dieu!
Com io.
A Dieu, il mieu eher frer,
90 Stoelg comio piglier,
In perfet' allegria
Giudarons compagnia.
Que gref d' saro pelvair
Da nuns pudair pü vair
95 Aiut in quaist muond aquia,
Dieu uschea t' ho plaschieu.
Volkslieder. 275
A Dieu, ma chera sour,
Chi m' liest amo da cour,
Dieu alegrer nd voeglia
100 Et müder bod tia doeglia.
[f. 18^] A Dieu, D»-"^ quineda,
Da ine zuond ficli ameda,
S' iiigrazch' d' voafsa fadia,
Clia vais cou me agieu.
105 Eau veng liuofsa daveud,
Perclie Dieu m' ho gugieud
Baiu our da quaista büergia
Et taunt pü loeug- in glüergia.
A Dieu, meis ser quiuos,
110 Da me zuoud fich amos,
A me dam alver via,
Ais to 1' decret da Dieu.
A Dieu, tuots meis chers nefs,
Cun me chi stuais leds,
115 Et a vus, mas chieras netzas,
Chieu daivas taunt algrezcbia;
Seh 'eau vefs gieu da aevder
Pu loeug tiers vus da ster,
Schi vefs eau allegria
120 Gieu d' voafsa compaguia.
[f. 18*>J A Dieu^ clieras matauns,
A mi, chi (juu voafs crauns
Ma vais houoro quia,
S' ingrazch d' voafsa fadia.
125 Da cour s' voelg giavüschaer,
Cha Dieu as voeglia daer
Tuottas bunas vintüras
Es tgnaud iu sia chilira.
A Dieu, vschins et amichs,
130 Eau veng in Paravis,
Inua uus al hura
Farous aeterna d' mura.
18^
276 Volkslieder.
Dieu s' hoasta tuots da led
Et s' mantegnia sien pled
135 Sco eir paesch et concordia
Per sa misericordia !
Ach, tu, soench Spiert divin,
Daus tuots ua buna tin!
Quaist ais scrit per niemüergia
140 Da ser Lurabraiu, ch' eis iu glüergia.
Finis.
170.
Memoria et Plaunt sopra laimatura nunspateda improvista moart
et bieda spartidadaquaistavittadal noebelprudaint etcastjuven,
Ser Nuot Jan Pol Con noafs ine fa bei led et cordoeli. Anno 1747
adj 24 februaro — Mifa in vers et melodia ex Simller.
Pardert cha te o oarma mia
Et in il paiaia vers l'occidaint.
[f. 19^1 Vulefs gugiend qualchiosa dir
Et scriver per memüergia
D' qxie noebel juven u d' sieu spartir,
Clieis piglio sü iu glüergia.
5 Scha que nuu gnis be a dvanter,
Sco 1' oblig füfs pelvaira,
Schi voeglas a mi cuschidrer
Et metr' iu bona parte.
Ach Dieu, tli 'ns best d' chio visitos
10 Da nus con alver via
Noafs eher amich tiers ils beos.
Paro nus con fadia
Ser Nuot Jan Pol da uun havair
Brich pü tiers uns aquia,
[f. 20*] 15 S^ marieus füt ans nus tuots palvair,
Cur nus que vaius udieu.
Quel eher compang, noafs dalet graud,
C la moart tho alvo via,
Scha be ch' el saun eir et gialard
20 La sair avaunt aquia
Volkslieder. 277
Cim sieu ser frer et chers amicbs
Giudaud lur compagnia,
Unestas compaguias, eis dich,
Tiers se a eher hol gieu.
25 Da scodüu eir el baiu vuglieu
In Bever et trauutr oters
Per sieu bei trat, clo agieu saimper
Cua richs sco eir cun povers.
La compaguia faiv' allegrer
30 Scodüu dels, chil pratchaiven,
Cun sieus discuors, chis vaiva eher
Et chi tuots allegraiva.
[f' 20**] Che dir qui pü, volains, o Dieu,
Noafs plauudscher cert uuu giüda,
35 Sclia be uu '1 vess a eher agieu
Per uoass cosalg et guida.
Ach Dieu, ta foarsa fest cler vair
Trauuter uus qui sur terra,
A uus tieu pled fand a savair,
40 Ens daut contscheutscha bgerra.
Sco tu iu que best gieu dutto
Noafs uoebel ser Nuot Pol,
II quel tieu pled s 'ho flisagio
D 'ludir et pouderare.
45 Huofsa per cert quel ais beo,
Chi ho per sa sumgeuscha
II Dieu da Jacob per sieu chio Ps. 14 v. 5.
Et quel vi d' Dieu, chis poaza.
[f. 21"] Sta fatscha tu acco past dich,
50 Baiu bod schi tuet smarescha,
II pled da nus con alver via
Noal's coarps bod vi smartschefsa,
L 'exaimpel cler ans best, o Dieu,
Als noafs suentz fat vair^
55 Eir huofsa cou ans alver vi
Un saun compang pel vair.
278 Volkslieder.
Inu' il temp da Dieu elet
Eira d' ans sasaunta oach,
Ils quels ho'l con bgerra saudet
60 Vivieu fin al di d' hoatz.
11 quel ho tres grati' obtguieu da te
N' ils cuors da sia vitta
Bgiers duus vi d' 1' oarm 'et coarp sco quo
Anns sa bella spartida.
[f. 21''] 65 Ho'l C(mfesso, s' recomaudant
In tia soeuchia chiüra
Si oarm' et coarp da cour urand,
Ach ve, tres grazcha spüra.
Eau se, chia oters metzs pelvair
70 A qui nun paun giüder,
Co Jesum Christum, sco eau qiie craj,
Poafs am tschertifichier.
Chi ais quel pain, chi per mieu pchio
Ho qui da d' iudürer,
75 Accio cha nus havefsans poafs
D 'la moart per aus spendre.
Zuond poig auutz 1' hura da sa moart
Ho 'I lett üu' oratiun
Per remissiun dals pchios, ach che soart,
80 Ach confortus bei dun.
[f. 22*] Sco Job eir el tschertifichio,
Cha sieu Spendredar viva,
Nil ultim di veng eau darchio
Tres tia grazchia spüra Job. 19, 25.
85 D' chio sur la puolvra ad alver sü
Ma carn con pel suttratta,
Meis egens oelgs cert vegnen te
Ad vair da fatscha in fatscha.
Na tel spartid 'ho cert noals Dieu
90 Ad el tres spraunza viva
Co nus tres merit dal feig sieu
AI dant quel' ova viva.
Volkslieder. 279
Tieu nom^ o Dieu, nun paun loder
Ils moarts aint in la foassa,
95 Mo ui;s t 'vnlaiiis glorifichier
Per saimpei* et eir huofsa.
[f. 22bj Plannt dal fr er.
Ach Dien, co plaundsclier defs cauqui,
Ach Dieu, nun gritanter,
Seh eau tres fadia dsches a tj
100 Pleds, chi nun füfsen chers.
Mieu frer, o Dieu, m 'hest alvo vi,
Ach moart, tll nun fpatteda,
Mieu frer da nun vair pü aquia,
Ach, che grauda müdeda,
105 Co ra' algorder poafs eau sün te
A nun t 'pudair pü vair
In compaguia dels uoafs con me
Ne fül di ue la faira.
Smarieu, o Dieu, sum in me m' vefs,
110 Cur ch' eau stoelg m' algorder^
Tu Dieu per cert noafs cours hest fes,
M' do 1 dun dam contanter.
[f. 23»] Mieu Nuot, mieu frer, mieu cour sincer
Stair meter zuond fuot terra,
115 Füfs eau pU moart in pe d' mieu frer.
Ach Dieu, ve em succuorra.
Perche mieu cour plajo eis huofs
Per grand' malinconia, Psalm 129,
Eau sura aflict et piain d'anguoscha 22, 23.
120 Per grand dolur, o Dieu!
Ach Dieu, scha contra te nun ais,
Schim voegliast bod fer gratia.
Da ir bod inua mieu frer ais
Tiers te avaunt la fatseha.
125 Eau sum qui zuond conturbleda,
Spand our mieu plannt, o Dieu,
La graveza m ^ho chalcheda
Per dolur qui, o Dieu.
280 Volkslieder.
[f. 23''] Tschauntsclia auncbia ta fan[s]chella,
130 Ach Segner dels Exercits,
Voegliast t' algorder da d' ella,
Ne scbmanchier quels teis afflicts.
Neza et Neifs.
Ach Üieu, tu 'ns best alvo davend
Noafs cbier amo ser Barba,
135 Cbi per niis bo gieu bgier astaend,
Arfscbieu begiast si' oarma.
La dolor, cb 'uus bavains, o Dieu,
Vaius occasiun zuoud granda,
Noafs cbier ser Barba, cb 'eis sto jeu
140 Et per nun in Ollanda.
Per ans hier ans ad astrer,
Chels pudefs vair allgrezcbia,
Ho el gieu cbüra daus mufser
Cun araur et pacientia
[f. 24*] 145 Acb üieu, tu best noal's cours batieu
Con üna sped agüiza,
11 quels staun be da alguer via,
Acb dolur, acb suuizzi.
Ciu' nus udir vains qui stuieu
150 La moart da noafs ser Barba,
Scbi bo que cert noafs cour, o Dieu,
Et oelgs implieus con larmas.
Noafs ober ser Barba cert pelvair
Pudains uus qui bain plaundscber
155 Da nul pudair pü tier nus vair,
Ne sas cbartas artscbaiver.
Cufüert.
Con il s. Spiert voegliast, o Dieu,
Iluminer ens aredscber,
Cb' nus saieus apiuos, o Dieu,
160 Cur noafs 'uretta eis scorida.
Volkslieder. 281
[f. 24^»] Mo r Dien, clii s' ho aqui plejos
Voafs cours coii tauut cordoelj,
S' alvaud daveud tiei- ils beos
Vo frer, ser Barb' iu gloria.
165 II Conforteder, il soencb Spiert
Tramif dal Bab in grasscbia, Job. 15.
Voafs com- implier voelg et voafs spiert
Cul dum dalla pacientia.
Voafs led voeglia Dieu alver via
170 Our d' spüra sia gratia,
Et s' der a vus da di iu di
L' aeterna couteuteza.
Eau quaist da cour s' voelg gavüscber,
Cba voafs cofüert tel saja,
175 II quel cba David vaiva eher,
Sco el in sieu psalm dscbaiva.
[f. 25*1 Ils dis da noafs ans sun zuond cuors
Eir in noafsa fermetza,
Nun causescb oter co dolur
180 Plannt et graud tristezza.
Quaist eis a vus eir per cofüert
Das pudair allegrer,
Cbal Dieu cbil vaiva con sieu spiert
Dnto r ho gieu a chier.
185 Perclie jüstia ho '1 gieu a eher
Et da cour quel' amaiva,
Sieu s. pled da udir et leer
El da cour quel tscherchaiva.
Eir tiers nus ho '1 zuond bei florieu
190 In la cbiesa dal Segner,
In ils palazis da noafs Dieu
Sa staunza vain a tegner.
[f. 25^] Quel ais per cert beo, o Dieu,
Cba tu muofsast ta ledscha,
195 Et drizast poafs tres gratia tia
N' ils dis de la tristeza.
282 Volkslieder.
Quaist ais eir mieu giaviisch sincer
A vus tuots, chil plandschaives,
Cha Dieu as voeglia couforter
200 II temp cha vus qui stais
Et ala fin tiers ils beos
Our d 'spüra sia gratia
Aus voeglia tuots der paesch et pos,
Ens mner avaunt sa fatscha.
205 Conced, o Dieu, paesch et sandet
Tubt la uoebla cbaseda,
Miltiplicbescha lur arest,
Containts tiers aus cha d 'ovdan.
[f. 26*] Quaists saimpels vers he quia mifs
210 In bouur et memüergia
Da ser Nuot Jau Pol in paravis,
Chi giod' aeterna glüergia.
Finis.
SPRICHWÖRTER.
1 Viver e lasch ar viver.
2 Tuot grau ha sia porziun bren.
3 Seguond la glieud il bundi.
4 Plü cotscben e plü del diavel.
5 Ün pa per ün uon fa mal ad ingüu.
6 La chasa da meis bap ha las portas d^aui*.
7 Crair e uou esser, es sco filar e non tesser.
8 Brüts e söras e quinadas mai non s'hau da cour amadas.
9 Charu grassa non ha baiu, flu la passa non vain.
10 Chi bain lia, bain slia.
11 Chi blasma, cnmpra.
12 Aur nu piglia macla.
13 L'ais melgder trar sü ils infants cols daiuts co collas audschivas.
14 II dan e las giamgias van insembel.
15 Non s'cliatta painch sainza viglanas.
16 Duonna scorta fa iufants.
17 Ogni utsche ha seis möd.
18 Giuvens blers e vegls taots.
19 Guarda il püerch, na il bügl.
20 Con ün cuolp non 's copp' il bouv.
21 Dave la ria vain la crida.
22 Chi viva da chaprizi, paja da buorsa.
23 Blera baja e paca lana.
24 Bocca che voust, vainter che ponst.
25 Chi mal cusa, bain splatta.
26 Chi uon po vair il chau, po vair il patrun.
27 Pan da chasa spisgiainta.
28 Bain lia, mez ma nä.
29 Pan dür, pan sgür.
30 Roba rara, roba chara.
31 Plü chi 's glischa 1' äsen e plü ch' el trettla.
284 Sprichwörter.
32 Que chi ais buu pel preir, ais bun eir pel caluoster.
33 Chavagls e donuans piglia iu teis comün.
34 Bod e bain diarar chi vain.
35 Bier füm e pac rost.
36 Chi spüda cuater il vent, as spüda in fatscha.
37 Davo müstats e doanans portautas non aise da 's indreschir.
38 Dieu e buna glieud güdau adiina.
39 La glieud non ^s masüra col ster.
40 Larg da boca e stret da buorsa.
41 L' erba favrerola e la duouna plazzerola non fan buna prova.
42 L' hom propoua e Dieu dispoua.
^3 Strada fand s' commoda la chargia,
44 Ün plaschair spett' ün oter.
45 Tuot ils asens as sumaglian.
46 A chi ha tscherve non manca chape. '
47 Chi lönch domanda, da iuvidas.
48 La buot plaina e la fantschella stuorna.
49 Malnet e malmuoud fa '1 chül roduond.
50 An da nuschaglia, an da maridaglia.
51 Benedet, chi chi ha tet.
52 Chi voul la figlia, guarda la mamma.
53 Chi porta pennas^ ais nar da femnas,
54 Pan da patrun ha set cruostas.
55 Commina la farina, cur ais süssem la tina.
56 Que chi ais trid, ais eir nosch.
57 Que chi vain da giat, clappa mürs.
58 Sün minch' uonda 1' aua 's muonda.
59 Ün buu patrun fa ün bun famagl.
60 Ün man lava 1' oter.
,61 Laina verda fa bler füm.
62 Chi spargna la testa, üsa las chammas.
63 Col temp e coUa pazienza, as vendscha tuot.
64 Id es megl da magliar tuot quo ch' ün ha, co da dir tuot que,
ch' ün sä.
65 Un tixi schatscha 1' oter.
66 Oz a mai daman a tai.
67 L' aua ha seis dret in gib.
68 Laschar ir 1' aua davo sa cuorsa.
69 Laschar ir 1' aua pels larschs.
70 Ingib r aua cuorra, as bagnan las peidras.
Sprichwörter. 285
71 Las peidras vaii süllas niusclinas.
72 Peidra ein roudla iion fa müa-chel.
73 Dalla foura, clia tu est guü aint, giarast eir oura.
74 Ingio chi 's po teudscher, non s' drova s-chala.
75 Seuda battüda uoii fa erba.
76 Chi non ha gialliuas, non mangla maschim.
77 A nucrsa morta noa crescha lana.
78 Chi va il prüm a mugliu, mola il prüm.
79 La rouda va intuorn,
80 A minchüu seis di.
81 Un po per üu la clev del murütsch.
82 Rainta 1' äsen, imia il patrun comauda.
83 Mincha tet cuverua sa part.
84 Saug non ais aua.
85 B sang sto ir davo sias avainas.
86 Alla nozza ed alla fossa as cognuoscha la parentella.
87 Alla nozza ed alla fossa as cognuoscha ils amis.
88 Basbrin e basbrinet ais onra la scblatta bain ed inaudret.
89 Ogni parentella ha seis crap e si' astella.
90 La vita fa la glieud.
91 Da nöglia vaine nöglia.
92 n sain grand paja tuot.
93 II vif hierta il mort.
94 Chi serana recolgia.
95 Chi piglia; quel ha.
96 Chi chatta chapütsch o chape,
eh' el piglia sco ch' el ki.
97 Chi bain paja, bain gioda.
98 Chi gioda, paja.
99 Chi voul ils suuaders, ils paja.
100 Errnr non ais pajamaint,
101 Pats clers, amicizia lunga.
102 Chi svess fa, svess gioda.
103 Da quai chi ais aint, vaine oura.
104 Mess nun porta paina.
105 La peidra tratta non tuorna plü.
106 Trid fa da trid.
107 Chi mel fo, mel gioda.
108 Chi mel fo, mel paisa.
109 Chi ha il suspet, ha eir il defet.
286 Sprichwörter.
110 Chi ha fat il mal, fetscha eir la peniteuza.
111 Puchä coufessa ais mez perduuä.
112 Chi sa e noii fa, ha dubel pncha.
113 As sto tadlar tuots duos sains.
114 Chi tascha, conferma.
115 Megl üu testimoni, chi ha viss, co desch, chi hau udi.
116 Bocca morta non tschautscha plü.
117 Roba per forza non val' üna scorza,
118 II scort ceda.
119 Äsen per äsen e 'Is cuosts per mez.
120 Dun stordscha ludet.
121 Ün bluozgher favur vala tschient talers radschun.
122 Roba da comün, roba d'iugüu.
123 Peisa e masüra comanda Dieu.
124 Gala hoz, damaun vasche. ,
125 L' astella vain dal lain.
126 Tuots ils uufs vegnan al pettau.
127 Trid chagnöl, bei chan.
128 II plü bun cuogn vain dal istess lain.
129 Duonna grossa cul pe nella fossa,
180 Be üna moula non po far farina.
131 Chi nou po batter il chavailg, batta la sela.
132 II spass ais bei, seh' el ais cuort.
133 Munts e vals stan saJda, ma la glieud s' inscuntra.
134 Nos Segner nun ais üu leder.
135 Fan lam va be sco stram.
136 Tenor la compagnia, survain minchün la sia.
137 Chi nun vezza il bügl, guarda il puerch.
138 A nuorsa morta nou crescha lana.
139 Chi non po batter 1' aseu, batta la sella.
140 Chi 's fa da besch, vain magliä dal Inf.
141 Ün diavel s-chatscha Toter.
142 Tgnair da spiua e laschar ir da cuccun.
143 Que chi vain da rif, vo da raf,
144 Prescha non ha fortüna.
145 Peidra, chi roudla non fa müschial.
146 Per la gula as clapp' ils pesehs.
147 Mattans sainza mattuns ais sco' na schoppa sainza baccuns.
148 Sainza fadia nun vain giudia.
149 Cur ch' is taglia il nas, schi '1 saung va in bocca.
Sprichwörter. 287
150 Olli va ft chatscha, svaiiatscha.
151 Chi non resgia, nou fa assas.
152 Chi dorma, uun clappa peschs.
153 II Inf uixn ho auucha me maglio 1' iuvicrii.
154 II terap passa e la niort vain.
155 La buot da dal vin, ch' eil' ha.
15G Dur con dür nou fa biin miir.
157 I no es ün narr, clii non chatta üu pH gravid.
158 Giallina, chi va per chä, o ch' ella picla, o ch' eil' ha piclä.
159 II cuc chanta per sai.
160 Ils chans grauds uon 's mordau.
161 Per 1' ora e la siguuria uun pigler fautasia.
162 Ün bei guadagu fa ün bei spender.
163 Buu pled chata buu lö.
164 Chi blasma, cumpra.
165 In bocca d' äsen non van spezias.
166 La fortüna sta sper via, chi la piglia e chi passa speravia.
167 La bella vita fo rumper il culöz.
168 Chi duna, char venda, scha vilan uon ais quel chi preuda.
169 Chi VC e tuorna, fo bun viedi.
170 II bunmarcha schiarpa la buorsa.
171 II spass ai-s bei, seh' el ais cuort.
172 La chasa renda, scha mal man non prenda.
173 II luf in bocca, il luf davo la coppa.
174 Daints in bocca, peis in vainter.
175 Be üna muola uou po far farina.
176 Biers quinats, bleras spinas.
177 Buna glieud ha buua sort.
178 Bun man fa bun cour.
179 Chi bler crida, bod invlida.
180 Cur il sulailg vo da strusch, ch' ils daschüttals vegnian prus.
181 Chi non ha cheu, ha chammas,
182 Chi spüda cunter il veut, as spüd' in fatscha.
183 L' astella vain dal lain.
184 Con terra dscheta e narramainta non t' impachar.
185 Cura cuorra il chan e cura la leivra.
186 Domandar ais lecit e i-espuouder cortesia.
187 As po bain müder mulin, ma na muliner.
188 II luf in bocca, il luf davo la coppa.
189 Megl üsar las s-charpas co '1 linzöl.
288 Sprichwörter,
190 Paun lam va be sco stram.
191 Biers iufants, bleras uraziuns.
192 Be üna muola non po far fariua.
193 Schi 1' iuvilgia füss üna vacha, schi magless ella tuot 1' erva.
194 Roba rara, roba chara.
195 Ün plaschair spett' im oter.
196 Viver e laschar viver.
197 Di 6 not dura adina.
198 E vaiu mincha di saira.
199 Da foergia da poewel s' parchiüra lg minchiuu,
V ch' eil stoua ruir ün dür buccun.
200 Da spisa raschgludada,
E medschina maltamprada:
Dad amich iufendschüd,
E fadyw in gratzgia ugüd: '
E da füoergia da poevel,
Ins oasta deis.
%
Inhalt.
Seite
Widmung III
Einleitung V-XVI
Volkslieder 1—282
1. Less ir a plaz, less ir a plaz 1
2 a. Matauus da marider 2
b. Mattans da maridar 4
3. Vussas mattas s'almautais 6
4. O giuven, tu bei giuven 6
5. Bainvgnia, tu mia cour eher 7
6. Dintaunt ch'eu deir' üna juvna fliir 8
7. Nus amis da cumpagnia 10
8. Parche vuiais ch'üna paisuna chaunta 10
9. Adün araer, mo brich giodair 11
10. Mais cour non ais plü raeii' 12
IIa. Juvan: Eau f vulef rover, vus bella 14
b. Eau as vögl rover, vus bella . . . . • 19
12a. Juvan: S giavüs na buna faira 23
b. S' giavüsch la buna saira 30
13. Pastura in chamona 35
14. Taidla, taidla, ma figlietta ...,.- 38
15. Baretta francesa 39
16 a. MEis iuvan cour ais conturblo 39
b. Meis giuven cour ais conturblä 41
17 a. 'Na memma lungia nun voless 43
b. Scha vus vezais meis Jon dret sü 44
18. Nel chalender vain nomnä 44
19 a. Eau plaiant dolur arfara 46
b. Eu piain dolur her saira 50
c. Con grand dalet her saira 52
20. Un bain m l'tovais fer 53
21a. Quaist ais uossa la prüma saira 55
b. El : Quaist ais bain la prüma, prüma saira 56
22a. Guardai mia marusa 57
b. Guardai, co ma marusa 58
c. Pur spetta meis compagn 59
23. Cur cha eu spusa suu, che dessa fer 59
290 iQhalt.
Seite
24. Ajo, CO chi boffa 60
25. Gnö, gnö, quista flur 62
26. Ils tschels, quels cuschidran 62
27. Eau vögl bain alla mia bella 63
29. Stfe a Dien, ch' eau vegn davent 64
30. Giavüsch la buna saira 65
31. A spafs lefs gugient ir 67
32. Mi' amada, grand' persuna 69
33. Bainvgnüts eil' vus, raeis chars 69
34. Eu 'vaiv' üna raarusa 70
35. Eu pro vus, bella, ir voless 71
36. Tagl^, vus mattas beilas 72
37. Eu veng pro te, mia eher amur 72
38. Eu vaiv' üu mall cotschen rösin 73
39. Ed eiran duos compagns 73
40. Buna saira! Vegn a faira 74
41. Ils tschels, quels cuschidran -. . 75
42. O tu bei fittamaint 76
43. Non ais que possibel quia 81
44. O di 'm ün pa, compagnett' adorabla 82
45. Eu vegn davent da chä 83
46. Ai schi di, tii bella! che t' impaissest tu 84
47 a. Alla marusa sum riv6 85
b. Alla marusa sun rivä 86
48. Marusa chara daman vegn a faira 87
49. Bella dim, co 1' es passada 88
50. Üna saira sun eau sto * 89
51. Tu ast' na bocca sco' na nekla 91
52. In cas, chi s' imbatta 91
53. Eau sun sco '1 tschierv, chi ais ferieu 93
54. Ve nan, tu meis dalet 94
55. O Röesa gratziusa 94
56. (60). Lattscham eir in pa dir 96
57. Cun üna raata bella 98
58. Ad üna matta bella 99
59 a. La buna saira, meis char spus 100
b. La buna saira, meis char -spus 101
60. La libertä della giuventün 102
61. Eu vegn in ma chasa, eu vegn in meis let 102
62. Mias avainas sun tuot smissas 103
63. Be üna inogla nu po fer farigna 103
64. Eu sto quintar 104
65. Chiars mats, pigliä par bön 105
66. Stfe a Dieu, ch' eau vegn davent 105
67. In Ollanda viadi 106
68. O spus' adorabla 107
(68). Giuven sun e ha pacs ans 109
Inhalt. 29 i
Seite
69. II meis star lejer temp 110
70. Ed eira, ed eira 111
71. O che nüna lungia via 112
72. Eu vegn in vi et vegn in nan 113
73. Eu 'vaiv' üna marusa 114
74 a. La buna saira, meis char spus .... 115
b. La buna saira, meis char spus 117
75. Matt' o tu bella matta ^ . . 118
76. 0 giuvens chars, amis, canipagns 119
77. Mieu tesori in quaist luuoud 121
78. Nus giuvens vulains discurir 122
79. Ils teis bels ölgs nairs 123
80. Santi ün po, santi ün po 124
81. Taidia, taidia, ma figlictta 125
82. O bun aniih, cun te stögl dir 126
83 a. O che fast tu, randulina! 127
b. Che fast qua, tu utschellina 128
c. Cuccarella, bell utschella 128
84. Quaista saira 'lain chantar 129
85. Ün e duos e trais 129
86. Nia nia quaista flur 130
87. Betta, perche cridast tu, cridast tu, 130
88. Sta leger, Jon Petschen, sta leger, Jon Grand 130
89. Cusdrin. voust gnir con mai 131
90. O Tu trida nnitschinusa 131
91. Gio intanter sass' eis üna palü, eis üna palü 131
92. Ad eiran duos compogns, ch' aveivan üna marusa 131
93. Quai ais la lavur dels mats 132
94. Volains dar 'na raschunada 132
95. Meis juven cor quel es fich contristä 133
96. Ach eu sun gnü qua zond in prescha 138
97. Binsan tu mieu cour eher 134
98. O bun amih, cun te stögl dir 136
99. Vus femnas qui chi stais 138
100. L' ura mia es rivada 139
101. Sü e taschans baiver 141
102. Dileta mia sta a Diou 142
103. Adiou meis amur, adiou meis char cor 143
104. Ohara perche tant suspürast 143
105. Prümavair' ais arrivada 146
106. Tagle que ch' eu völg dir ■ 147
107. Malbruc nun ir in guerra! 149
lOS. Sün ün muot chantaiva Morel 150
109. Che ha tschnä la duonna spusa la prüma saira 150
110. Tuotta not eu m' insömgiaiva 153
111. Chi me ais que famailg 154
112 a. Ad eir' una giuvna sün ün marchiö 156
292 Intialt.
Seite
112 b. Ed eir' üna giuvna sün ün raarchä 156
113. Ad eira ün pasgheder chi giaiva pasghand 157
114. Ed eiran trais sudats 158
115 a. Ad eira üna vouta ün bandirel 159
b. Ad eira ün giuven bandirel 160
116. Ad eir' üna vouta ün chalderer 161
117. Viv' il bei prinzi, rai d' Olanda 162
118. Üna saira jeiva ora sper il mar 162
119. O Anna Maria, ingif) ais teis hom? 163
120. Daman a niamvagl vögl eu alvar 164
121. Qua eir' üna giuvnetta 165
122. Vlain comanzar eir a chantar 166
123. Buna saira mattans beilas 167
124. O juvna bella che stais qua 168
125. Chantfe, chantö Lisetta 170
126. Plaundscher stölg uossa ma dulur 172
127. Ed eir' üna vouta ün gentiloni / . . 173
128. O tu marusa, o tu mia, o tu bain chara 174
129. Que eiran trais compagus con trais barettas cotschnas .... 175
130. 0 mamnia chara, che mä dess eu far 176
131a. O bab, o bab, o niieu eher bab! 177
b. O bap! 0 bap! che veivat fat! 179
132 a. II silip e la furiuia 182
b. II salip e la furmia 182
133. O dolur, che ch' eu hat fat 183
134 a. Chalanda Mars, chaland' Avrigl 184
b. Chalenda März, Chaiend' Avrigl 184
c. Chalanda März, chaland' Avrigl 184
135. Quell da Schiander e d' Unuder a chiavalg 185
136. Las Ligias trais rivavan ils Burmins tuts a mütschar .... 185
137. II Düchia da Rohaun 185
138. Laschens pur dyr et aradschuner 190
139. Eug sun vilhelm il Teile 193
140. Eu völg chiantar dals velgs Grisüs 199
141. Qui giescha un hum 210
142. Schianar et mura 213
143. Da loeng ino he eau bramo 224
144. Un juven generuf per tschert 226
145. Quels giats, chi maglian tantas mürs 228
146. Ils peschs aint in l'aua san saimper noudar 230
147. Üna cuorta chanzuuetta 232
148. Or dal cor la cumpaguia . . 233
149. Sü, sü, 0 Svizers e Grischuns! 235
150. Si legrameu schuldause 237
151. Scha '1 Trenta 'vess maglio 240
152. Sta a Dieu, marusa chara 242
153. Ed ais stat darcheu nouva combatta 243
Inhalt. 293
Seit«
154. Nus gnin qui incunter con grand' allegria 244
155. Laschai clingir chant e luagöl 244
156. Stupefat reist eu aquia 246
157. Stupefat reist eu aquia 249
158. Ai mo, la figlia dalla mulinera 254
159. O chera, o bella ! eu vuless bain ir tiers vus 254
160. Ad eis gnicu giu la greva 255
161. Eu am dum tschientmiili buonders 256
162. Id eis gnü gio ün zop dall Ingiadina 257
163. Ün di scu hoz me pü in tuot ma vita 258
164. Ramoschans 258
165. La malondraivla glieut da Tschlin 258
166. Una chanzun in quaist momaint 259
167. O che grand plaunt, cordoeli taunt 260
168. Cur eau consideresch 266
169. Ach Dieu, mieu cour tres our 270
170. Vulel's gugiend qualchiosa dir , . . . 276
Sprichwörter 283—288
Inhalt 290—293
Der Roman de Fauvel.
(Studien zur Handschrift 146 der Nationalbibliothek
zu Paris.)
Von
Robert Hess.
I. Handsclirifteii.
Der „Rom;m de Fauvel" ist ein allegorisch-satirischer Zeitroman
in 2 Büchern aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Das erste Buch
ist 1310, das zweite 1314 entstanden. Erhalten ist er in 12 Hand-
schriften; 9 davon befinden sich zu Paris in der Nationalbibliothek
(Nr. 146, 580, 2139, 2140, 2195, 12460, 24375, 24436, Nouv. acq.4579),
1 in Tours (Nr. 947), 1 in Dijon (Nr. 298) und 1 in Petersburg.
8 derselben (Paris: 146, 2139, 2195, 244.36, Nouv. acq. 4579; Tours,
Dijon, Petersburg) stammen aus dem 14. Jahrhundert; 3 (B. N. 580,
2140, 12460) aus dem 15. und 1 (B. N. 24375) aus dem 16. Jahr-
hundert. Nr. 580 und Nouv. acq. 4579 geben nur das erste Buch
wieder, bei dem letzteren Ms. fehlt sogar das Ende, so dass heide, da
580 aus dem 15. Jahrhundert stammt und nur das erste Buch, Nouv.
acq. 4579 nicht einmal dieses vollständig enthält, für eine nähere
Untersuchung kaum in Betracht kommen. Auch Ms. 2140 ist nicht
vollständig, es hört nach den ersten 402 Versen von Buch 11 auf, an
die der Kopist noch 4 eigene Schlussverse gesetzt hat. Wie G. Paris
sagt, ist diese Handschrift „par une singuliere preference" vonA. Pey
zum Abdruck gewählt worden. Dieser Druck ist der einzige, den wir
von dem Roman de Fauvel besitzen, er befindet sich im Jahrbuch
für romanische und englische Literatur, Bd. VII, 316—343
und 437—446. Bei diesem Abdruck, den er ohne jegliche Erklärung
und mit Angabe weniger Varianten angefertigt hat, ist Pey ein kleines
Versehen untergelaufen. Seite 333 endet bei ihm mit Vers 830, Seite 334
beginnt aber mit Vers 1031, dazwischen ist aber nicht^ wie man viel-
leicht vermuten könnte, eine Lücke; der Herausgeber hat sich einfach
verzählt, so dass bei ihm das Gedicht in Wirklichkeit nicht 1870,
sondern nur 1670 Verse umfasst, wonach die betreffende Angabe in
GröbersGrundriss der romanischenPhilologie, Bd. II, 902 zu
ändern ist. Vor diesem Artikel war über den „Fauvel" nur in der
Histoire litteraire de la France, Bd. XXXII, 108—153 von
G. Paris sehr ausführlich und gründlich gehandelt worden, dessen
Komanische ForscUungen XXVII. 19
296 Robert Hess
Aiisfiihruugen natürlich im folgenden benutzt sind. Endlich ist 1907
der Noten wegen, die zu den am Rande eingefügten Gesängen in der
Handschrift beigefügt sind, die umfangreichste Handschrift des Romans,
Ms. 146 der Nationalbibliothek von Aubry im photographischen Ab-
druck herausgegeben worden. Diese Fassung mit ihren zahlreichen
Interpolationen soll der Gegenstand der folgenden Untersuchung sein.
Einen kritischen Text zu geben, war dem Verfasser dieser Ab-
handlung bei der Menge der Handschriften bis jetzt nicht möglich,
vielleicht gelingt es ihm aber, ihn in absehbarer Zeit zu liefern. Zur
Feststellung der Interpolationen ist die Handschrift 2139, die dem Ver-
fasser in einer von Herrn Hue für ihn ausgeführten Abschrift vorlag,
herangezogen worden, welche Hs. G. Paris für die beste Fassung er-
klärt hat.
II. JVame des Romans.
Den Namen „Fauvel" erklärt G. Paris [Hist. litt. XXXII, 108 bis
116] als Ableitung von /öiff^?. Nach ihm ist das Adjektiv /aM!;e infolge
der Ähnlichkeit seines lautgesetzlichen Maskulinums fals mit fals
<Cfalsus und seines Femininums /«ye mit favle, Dialektform von fable,
zu einer äusserst ungünstigen Bedeutung im moralischen Sinne ge-
kommen.
Quant ta parole est blanche et ta peiisee est fauve
Tu voles en tenebres coranie une souiis cliauve.
(Vgl, Meon : Roman de la Rose IV, 75.) In den Ducs de Norman-
die von Benoit de Saiute-More (um 1170) finden wir als Symbol des Be-
trugs eine ^,anesse fauve'-^, ebenso in zwei Branchen des Roman de
Renart die Redensart „savoir de la fauoe asnesse'-' für „Meister im
Betrüge sein." Für diese Eselin taucht dann bei Jacquemard Gelee in
seinem Nouveau Renard (1288) der Eigenname Faiwain auf. Auf
ihr reitet Dame Guile. Der Ausdruck „Chevauchier Fauvain" für „ein
Betrüger, Treuloser sein" findet sich in Baudouin de Sebourc:
Aius chevauche Fauvain, assis droit en le sele ...
Gaufrois entre en Niruayc, qui chevauchoit Fauvain (I, 840),
und in Hugues Capet:
Car encontre me fille volt chevauchier Fauvain, 38
[Siehe Tobler: Verm. Beiträge 2. Reihe S. 210 (1894), S. 230 (1906)];
noch häufiger verbreitet ist der Ausdruck: estrillier Fauvain. Mit Vor-
liebe wurden diese allegorischen Ausdrücke in der Malerei dargestellt,
wie G. Paris an den Bildern der Hs. 571 der Nationalbibliothek nach
weist. Wie kommt aber der Dichter zum männlichen Namen Fauvel
statt des weiblichen Fauvain'^ Eine sichere Antwort hierauf zu geben
ist schwer; auch G. Paris hat keine vollkommen überzeugende Er-
klärung bringen können. Das Beispiel, das er für das Vorkommen von
Fauvel aus dem Jahre 13.30 anführt, ist nicht beweiskräftig, weil es,
Der Konian de Fauvel 297
erst lange nach unserem Roman entstanden, diesem selbst entnommen
sein kann. Den l^amGü Faiwel habe ich schon iu Philipp Mouskets
Cbronique rimee Vers 708G, (ed. Keiffenberg) gefunden, wo bei der
Aufzählung der Streitrosse neben den bekannten Namen von Ferrant,
Morel, Baiicant u. a. auch Fauvel angeführt wird. Auf den ersten Blick
scheint es, dass wir damit wenig gewonnen haben. Fauvel ist hier
Pferdename und männlich; das ist alles; denn aus dem ganzen Zu-^
sammenhang geht nicht hervor, dass uns Fauvel als Symbol des Be-
trugs entgegentritt. Doch ist es wichtig, dass wir die Form Fauvel,
wenn auch nicht in derselben Bedeutung, schon vor 1250, also 40 Jahre
früher als Fauvain, belegen können. Dann ist es aber auch leicht
verständlich, dass neben Fauvain die Form Fauvel zur Bezeichnung
von Treulosigkeit und Betrug auftaucht. In 16—19 der Bilder in der
oben erwähnten Hs. 571 redet i'rt?^i'am von sich selbst als Maskulinum,
so dass wir hier vielleicht den ersten Hinweis auf die Verwendung
von „Fauvel'-^ in derselben Bedeutung sehen können.
Noch ein anderer Grund kann die Vertauschung von Fauvain durch
Fauvel begünstigt haben. Es liegt auf der Hand, dass Fauvel dem
allgemein bekannten und volkstümlichen Benart dem ganzen Charakter
und der Anlage nach stark ähnelt. Aus der Fortsetzung des Kenart-
romans ist die Figur Fauvain hervorgegangen, und wie Gröber hervor-
hebt, stammt die Idee im „Fauvel" um so mehr aus dem „Neuen
Renart" als in dem „Roman de Fauvel" der Schilderung gleichfalls
Rondeaux, Motets, Balladen ^ beigemischt sind und auch, wie dort,
die Einteilung in 2 Bücher darin beliebt wurde. In dem „Grundriss"
ist unsere Dichtung sogar iu den Abschnitt „Allegorisch-sati-
rische Fuchsdichtung" gesetzt. Ist es nach allem diesem nicht
einleuchtend, dass die männliche Figur des Renart auf Fauvain ein-
gewirkt und männlich gemacht hat? Einen Beweis für die engen
Beziehungen zwischen Fauvel und Renart finden wir auch in dem Dit
de la queue de Renart (Jubinal: Contes, Dits, Fabliaux et autres
pieces inedites des XIII% XIV« et XV^ s. Bd. H, 92). Fauvel wird hier
zweimal genannt, steht Renart nahe und ist ihm untergeordnet. Neben-
bei sei noch die Tatsache vermerkt, dass dieses Dit mit unserem
„Fauvel" viele Punkte gemein hat. Besonders die Aufzählung aller,
die den Schwanz Renarts ehren, ebenso wie die Redewendungen und
sprachlichen Ausdrücke darin erinnern stark an die Aufzählung in
unserem ersten Buche. Man kann vielleicht daraus folgern, dass ent-
weder dieses Gedicht unserem Roman sehr geschickt nachgebildet
worden ist, oder dass beide denselben Verfasser haben. Dazu würde
stimmen, dass dieses Dit in einer Hs. aus der ersten Hälfte des 14. Jahr-
hunderts steht (Nr. 1132 suppl. frauQ. der Nationalbibliothek). Aller-
dings* lässt sich nicht nachweisen, dass der Dialekt in beiden Dich-
19-
298 Robert Hess
tuDgen derselbe ist, da das „Dit" ziemlich kurz ist und die allein
massgebenden Reimwörter keine direkte dialektische Färbung zeigen.
Wie dem auch sei, wir können beweisen, dass Fauvel in engster Füh-
lung mit Renart stand, so dass dessen Einfluss wohl stark zugunsten
eines männlichen Namens eingewirkt hat. Fassen wir zusammen, so
mitssen wir sagen, dass die Ausdrücke torcher, estrüUer Fauvel oder
Fauvain nebeneinander hergingen, und ohne Zweifel war es die Be-
liebtheit dieser Redensarten und die Mode, mit dieser Allegorie die
Wände zu bemalen, die den Dichter vielleicht zur Wahl dieses Titels
seines Werkes veranlassten, wie dieser selbst im Anfange des Ge-
dichtes andeutet (Vers 1 — 7):
De Fauvel qua tant voi torcher
Doucement, saiiz lui escorcher,
Sui cntrez en mereucolie
Pour ce qu'est beste si polie.
Souvent le voient en painture
Tex qui ne sevent sa figure*)
Moquerie, sens ou folie . . .
Interessant für die Sprachgeschichte sind noch die Angaben von
G. Paris über die Verbreitung der vielbeliebten oben erwähnten Redens-
arten in den nichtfrauzösischen Ländern. Im Englischen finden wir.
to curry lavcl [^=etriller Fauvel) gleich „betrügen, schmeicheln." Als
man später das Wort „Favel" nicht mehr begriff, wurde durch Volks-
etymologie to curry favour daraus, das heute noch im Gebrauche ist.
In Deutschland finden wir noch 1494 im Narrenschiff von Sebastian
Brandt Verse gegen diejenigen, die „rfm falben Hengst streichen'^, eine
Steile, die sicher das franz. ,/'tnller Fauvel'-^ wiedergeben soll. In
Frankreich selbst bildete man das zusammengesetzte Wort etrillc-Fau-
veaH='BetYügeY, das sich noch bei Rabelais und Marot findet.
III. Inhalt des Hoiuansi.
Buch I.
Im Anfange zählt der Dichter alle Leute auf, die Fauvel streicheln,
striegeln und kämmen, d. h. ihm auf jegliche Weise Gutes tun wollen,
um sich bei ihm in Gunst zu setzen. Zuerst kommt der Papst mit
seinen Kardinälen und Prälaten, dann die Könige und Fürsten. Die
12 Verse, die gegen den König von Frankreich, Philipp den Schönen,
gerichtet sind, hat G. Paris in Hist. litt XXXII, 118 aus der Hs. 2139
abgedruckt, in Ms. 146 fehlen die 2 letzten Verse. Nach den Grossen
kommen die Ritler, Mönche und arme Laien, aWg ,^j)our torcher Fauvel^'.
Nach dieser Einleitung geht der Dichter zur näheren Schilderung
1) Hss. 2189 und 146 weisen sa statt se auf, G. Paris setzt se ein, das
die pik. Form dafür sein dürfte.
Der Kouiau de Fauvel 299
Ftiuvels über und zeigt, duss seiue Farbe nur falb und nicht anders
sein könne. Die Bedeutung des Namens Fauvel und die merkwürdige
Etymologie, die ihm der Dichter gibt, liefern uns folgende Verse:
Ms. 146 fol. 3^ Fauvel est beste apropriee
Par siniilitmle ordence,
A senefier chose vaine:
Barat et fausete luundaine
Aiissi par ethimologie
Pu6s savoir ce qu'il senefie.
Fauvel est de faus et de vel
Conipost, cai' il a son revel
Assis sua faussetö vellee (140 voillüe)
Et sns tricherie mellee (146 inlelee)
Flaterie si s'en deiive
Qui de uul bien n'a fons ne rive;
De Fauvel descent flaterie
Qui du monde a la seigueurie
Et puis en descent avarice,
Qui de torcher Fauvel n'est nice,
Vilanie, et var'iete
Et puis envie et lascJiete.
Ces six dames que j'ai nomees
Sont par Fauvel senefiees.
Se tou entendement veus mettre
Pren un mot de chascune lettre.
Dank der Tätigkeit Fauvels ist in der Welt heutzutage alles
„bestourne" d. h. auf den Kopf gestellt oder vertiert, da Fauvel als
Tier die Herrschaft über die Menschen hat. Zunächst schildert der
Verfasser den Zustand der Kirche. Nach seiner festen Ansicht hat
allein die Kirche das Recht zu herrschen, die weltliche Macht muss
unter ihr stehen und ihre Befehle ausführen. Gott selbst hat diese
Herrschaft der Geistlichkeit eingerichtet. Durch Fauvel ist aber jetzt
die Kirche ganz unter die weltliche Macht gekommen. Diese Verse
nehmen ebenfalls auf Philipp den Schönen Bezug und zwar auf seinen
Kampf mit dem Papste. Der Dichter steht — dies ist wichtig — auf
selten der Kirche und gegen den König, also ganz auf dem Boden der
päpstlichen Bulle: .,Unam sanctam" (1302), in der Bonifaz VHI. nach-
drücklich die Lehre von der Unterordnung des weltlichen Schwertes
unter das geistliche aufgestellt hat. Doch ist unser Verfasser der
Kirche nicht blindlings ergeben, sondern kritisiert sie scharf: den
Papst selbst, die Kirchenfürsten um ihn und die geistlichen Orden, be-
sonders mit den Bettelorden geht er in strengen und kernigen Worten
zu Gericht. Suchier sagt darüber in seiner Literaturgeschichte S. 216:
„Wenn er (der Dichter) sagt, dass der Papst an der Spitze von Fauvels
Anbetern stehe und dem Könige trotze, dass I'auvel für ihn das Geld
300 Robert Hess
der Christenheit eintreibe, so dass Sankt Peters Barke fast unter der
Last der Goldstücke untergehe, dass statt der Armut der Apostel jetzt
der hoffärtige Prunk der Kardinäle die Kirche beherrsche, so wird mau
an die markigen Worte Luthers und der Reformatoren erinnert". Auch
die anderen Orden leben nicht mehr im Sinne ihrer Gründer, beson-
ders aber schreit das Verbrechen der Temjjler, das auch von Fauvel
verursacht ist, zum Himmel. (Über die hier folgende Interpolation siehe
den Abschnitt „Interpolationen", über den plötzlichen Wandel des
Metrums bei der Kritik der Bettelorden und der Templer unter
„Metrik").
Der Laienwelt geht es nicht besser als der geistlichen, kein Stand
bleibt verschont. Die Fürsten und die grossen Herren bedrücken das
Volk mit hohen Steuern; die Adligen sehen mit Verachtung auf das
niedere Volk herab, obwohl sie "doch genau so gut nur Menschen sind
wie die Bauern; die kleineren I^eute selbst verstehen es nicht, sich in
ihr Los zu finden. Ein wichtiger Punkt ergibt sich hierauf für die
Feststellung der Persönlichkeit des Dichters. Ein Mann, der ein so
mitfühlendes Herz für das Volk zeigt, gehört wohl nicht den höheren
Ständen an. Aus allen diesen Zuständen, fährt der Dichter fort, müsse
er folgern, dass wir nahe der Zeit sind, wo der Antichrist und der
letzte Gerichtstag kommen wird. Nach einem kurzen Gebet, das sich
nur im Ms. 146 befindet, verwahrt sich der Verfasser dagegen, dass
er das Buch aus Neid oder Bosheit geschrieben habe; nur der Wahr-
heit, Gott und der Kirche zuliebe sei das Werk entstanden
Qui fut complectement edis
Ell l'an mil et trois cens et dis.
Hiermit schliesst das erste Buch. Über die folgenden Interpolationen
siehe unten. Auch sei au dieser Stelle ein für allemal bemerkt, dass
die eingeschobenen lateinischen und französischen Gesangsstücke bei
unserer Arbeit nicht berücksichtigt wurden, weil sie alle durchgehends
von den Kopisten eingefügt worden sind.
Buch IL
Diese Fortsetzung ist unabhängig von der Interpolation über die
Templer entstanden, da sie auch dem einzigen Mannskript, das nicht
interpoliert ist, angefügt wurde. In diesem zweiten Buche ist Fauvel
keine allegorische Ticrgestalt mehr, sondern wird wie eine menschliche
Persönlichkeit behandelt. Wir werden im Anfange in seinen Palast
geführt, wo unter anderem die ganze Geschichte von Renart die Wände
bedeckt. Fauvel selbst sitzt auf prächtigem Throne, neben ihm die
hässliche Charnalite und im weiteren Kreise : Convoitise, Avarice, Envie^
Detracf/on, Ila'ine^ Tristcsce, Ive, Paresse^ Luxure^ Gloutonnie^ Orgneil,
rresomption, Hi/pocrisie, Faux-Semblant, Flatterte, Vilenie, Variete,
Der Roman de Fauvcl 301
Doublete, Laschete, Ingratitude und andere mehr. Dass die Besclireibung
zum allergrössten Teil unter dem Eiufluss des Roseiiromans steht, geht
schon aus diesen Namen etwas hervor, wird aber bei der Aufzählung
von Hypocrisie und Faux-Semblant vollends durch den Dichter selbst
bestätigt:
Et qui cn veust savoir l;i glose
Si voist au Roumans de la Kose.
An diese feine Gesellschaft richtet Fauvel eine Hede, in der er
seinen Plan darlegt, Fortune, die Glücksgöttin, zu heiraten, die ihn
bisher so sehr begünstigt habe und ihn daher sicher liebe. Dann sei
das Geschick der ganzen Welt in seinen Händen, und er könne alles,
noch mehr als bisher, nach seinem Willen lenken. Da selbstverständ-
lich der Hof seinem hohen Herrn eifrig beistimmt, rüstet sich I^auvel
wie ein Kitter mit Degen und Sporen aus und kommt ohne zu rasten,
bald in Macrocosme an, wo er Fortune antrifft, die dort ihren Sitz hat.
Sehr eingehend wird diese sonderbare Gottheit geschildert. Die eine
Seite ihres Gesichts ist schön und freundlich, die andere hässlich und
zornig. Zwei Kronen hält sie in der Hand: die eine, schön von Aus-
sehen und mit köstlichen Edelsteinen besetzt, die Wohlhabenheit, ist
für die vom Glück begünstigten, sie hat aber den üblen Nachteil, dass
die Steine die Träger der Krone stechen und bis ins Herz verwunden.
Die andere Krone wird den Unglücklichen zugedacht. Sie ist zwar
unscheinbar, ja hässlich, aber im Innern befinden sich kleine Edel-
steine zum Tröste für die Armen und ihr schweres Geschick, Vor
Fortune stehen zwei grosse Kader, das eine bewegt sich schnell, das
andere langsam. In jedem von ihnen dreht sich wieder ein kleines
Rad; aber in der dem Hauptrade gerade entgegengesetzten Bewegung.
Diese beiden Kädchen vertreten die hemmende und treibende Kraft.
Kein Glück z. B. auf Erden ist vollkommen; überall ist ein Leiden
verborgen, und früh oder spät wird das stets unterw^ihlte Glück voll-
ständig zerstört. Die grossen Kader, auf denen alle Menschen sich
aufgestaffelt befinden, tragen diese bald zur schwindelnden Höhe des
Glücks, bald stürzen sie sie ins tiefste Elend. Zu Füssen von Fortune
sitzt die schöne „Vainne Gloire", die alle betört, die in die Höhe ge-
kommen sind, so dass sie nicht merken, wie schnell sie wieder fallen.
Fauvel beteuert Fortune seine Liebe, die ihn so sehr quäle; das Ver-
halten der Göttin bestärke ihn darin, sie selbst habe ja auch ein grosses
Interesse, Erben zu bekommen. Seine süssen Worte werden aber von
Fortune schlecht aufgenommen; ja entrüstet weist sie seine Werbung
ab. Fauvel kenne sie ja gar nicht, sonst wäre es ihm nie in den Sinn
gekommen, sie zu begehren. Sie sei die Tochter Gottes, der aus sich
selbst geboren, die Welt geschaffen habe und sie unterhält. Die Herr-
schaft über sie hat er Fortune überlassen, die mit ihrer Schwester Sa-
302 Robert Hess
pience, die alles weiss, was kommen wird, ewig ist. Vier Namen bat
Fortune, je nach dem Standpunkt, von dem aus man sie betrachtet,
nämlich : Provideuce, Destinee, Aventure und Fortune. Wer sich gegen
Gott empört wie Nebukaduezar, wird hart von ihr bestraft; aufrich-
tiges Gebet und inbrünstiges Flehen schützen aber vor der von Gott
zugedachten Strafe, wie das Beispiel der Stadt Kinive und des Königs
Hiskia zeigt. Jedoch kein Mensch, sei er auch noch so weise, entrinnt
dem "Wechsel des Glücks, das unter dem Einfluss der Planeten steht.
Einer von diesen Unglücklichen, Boetius, der von seiner Höhe tief
hinabgestürzt wurde, fand eine Trösterin in der Philosophie, mit deren
Hilfe er sein berühmtes Buch zum Tröste aller Unglücklichen schrieb.
Hieran anschliessend folgt eine kurze Theodicee. Gott erprobt erst die
Menschen durch Leiden und Duldeu, und wenn er sie als treu be-
funden hat, lässt er ihnen grosse Freude zuteil werden:
Car Bouflfrir est la droite voie
De veincre et de venir a joie.
Wenn die schlechten Menschen zu grossem Keichtume gelangen,
so ist dies so anzusehen, dass Gott sie doch für irgendeine gute Tat
belohnt. Kein Mensch ist nämlich so schlecht, dass er nicht irgend
etwas Gutes in seinem Leben vollbringe, keiner aber auch so gut, dass
er nicht auch in Sünde verfalle, und Gott will sogar die Sünder für
das Gute belohnen, das sie getan haben. Den Guten wie den Schlechten
fällt die Gabe des Glücks in den Schoss, aber schliesslich wird nur
das Gute belohnt und das Schlechte aus der Welt geschafft. Nach
dieser Erörterung erklärt Fortune dem Fauvel die Bedeutung der beiden
Räder und Kronen, die wir schon oben angegeben haben. Das einzige,
was der Mensch gegenüber dieser Vergänglichkeit des Glückes tun
kann, ist stille Ergebung in den Willen Gottes, der ihm sein Geschick
zugeteilt hat, es aber auch wieder ändern kann.
Über die folgenden Verse, wo die Namen zweier Dichter genannt
sind, wird in den Abschnitten „Interpolationen" und „Verfasser" ge-
handelt werden. Die darauf folgende Interpolation von über 900 Versen
brauchen wir überhaupt nicht zu besprechen. Sie steht nur in Hs. 146,
enthält Liebesgedichte, Rondeaux und Balladen, bei denen man mit
dem besten Willen keinen Zusammenhang mit dem Roman herausfinden
kann. Sie sind von irgendeinem Kopisten verfasst oder von ihm anders-
woher entnommen worden, und da ihm die Stelle dafür geeignet
schien, hat er die Lieder hier eingeschoben.
Nach einigen Verbindungsversen nimmt Fortune ihre Rede wieder
auf. Noch einmal erklärt sie ihren Ursprung und sagt Fauvel gründ-
lich die Wahrheit, indem sie ihm zeigt, was für ein niedriges Geschöpf
er selber sei. Dann fährt sie in ihrer philosophischen Betrachtung fort.
Mit Recht wird die Welt Makrokosmus, der Mensch Mikrokosmus ge-
Der Roman de Fauvel 303
uaiiiit. Beide sind aus denselben vier Elementen zusammengesetzt: dem
Heissen oder dem Feuer, dem Feuchten oder dem Wasser, dem Kalten
oder der Luft und dem Trocknen oder der Erde. Diesen vier Ele-
menten entsprechen die vier Temperamente: das sanguinische, das
phlegmatische, das cholerische und das melancholische. Phlegmatisch
ist der Mensch in seinen jungen Jahren, sanguinisch von 15— 30 Jahren,
cholerisch in seinem reifen Alter bis zu GO Jahren, nach denen die
Melancholie des Greisenalters kommt. Genau so verhält es sich auch mit
der Welt. Phlegmatisch war sie im Anfang, sanguinisch wurde sie zur
Zeit Davids, cholerisch als Jesus lebte, aber jetzt sei sie ganz melan-
cholisch geworden, ihr Ende nahe heran, der Antichrist komme und
Fauvel sei dessen Vorreiter, der alles für die Ankunft seines Herrn
vorbereite. Wie könne eine solche Kreatur nur so verblendet sein,
Fortune zur Frau zu begehren. Eine Zeitlang werde er regieren, aber
die Seinigen suche Fortune schwer heim. (Einige Verse, die an zwei
Stellen eingeschoben sind, brauchen wir nicht zu beachten, da sie
sicher vom Kopisten stammen.) Damit aber Fauvel nicht umsonst zu
Fortune gekommen ist, soll er Vainne Gloire, die zu Füssen der Göttin
sitzt, heiraten. Fauvel ist sofort damit einverstanden und führt Vainne
Gloire als Frau heim, jedoch ohne kirchliche Zeremonien,
Hier hört auf einmal der Zusammenhang der Hs. 146 und Hs. 2139
auf. Letztere hat zum Schluss 78 Verse (nicht 68, wie G. Paris sagt),
die in Hs. 146 zerstreut an verschiedenen Stellen vorkommen. In ihnen
wird kurz über das Hochzeitsfest und die Verwüstung berichtet, die
Fauvel mit seiner zahlreichen Nachkommenschaft in dem schönen
Garten der Christenheit, Frankreich, anrichtet. Am Schlüsse von Hs. 2139
finden wir die Verse:
Fenant fina, aussi fera
Fauvel, ja si grant ne sera,
Car il ne puet pas tous jours vivrc.
Ici fine raon segont livre,
Qui fu parfait l'an mil et IUI
CCC et X, Sans riens abatre
Le VI« jour de decembre.
Deo gratias.
In Ferrant will G. Paris eine Anspielung auf den Tod des Grafen
Ferrant oder Ferdinand von Flandern finden, der bei Bouvines besiegt
wurde. Näheres über diese Schlussverse siehe unter „Verfasser". Die
Interpolation von 2000 Versen in Hs. 146, die vor diese 78 Verse der
Hs. 2139 eingeschoben ist und am Ende wieder mit ihnen überein-
stimmt, werden wir im nächsten Abschnitte ausführlich behandeln.
304 Robert Hess
IT. Interpolationen.
Buch I.
Im ersten Buche finden wir auf fol. 9 des Ms. ]46 in der Kritik
der Templer eine wichtige Interpolation. 10 Strophen, von Onques a
eus nul mal ne Jis bis A faire tant que Faiivel plaise iucl., sind in
allen Handschriften ausser in 2139, zwischen die anderen Strophen
eingeschoben. Sie bringen die Anklygen gegen die Templer vor und
beglückwünschen den Pajjst und den König von Frankreich dazu, die
Ketzer bestraft und grösstenteils hingerichtet zu haben. Die Hinrich-
tung von 54 Templern fand am 12. Mai 1310 statt; die eingeschobenen
Strophen könnten demnach der Zeit nach ganz gut noch zum ursprüng-
lichen Gedichte gehören. Da unser Dichter aber sonst nicht mit be-
sonderer Hochachtung vom Papste und dem Könige spricht, die beiden
jedoch hier sehr herausgestrichen und verherrlicht werden, so folgert
G. Paris, dass wir es hier mit einer Interpolation zu tun haben und
dass die Hs. 2139, in der sie fehlt, die ursprüngliche Fassung bietet.
Diese Folgerung des grossen französischen Gelehrten müssen wir auch
aus anderen Gründen bestätigen. Betrachten wir nämlich die 10 Strophen
etwas eingehender, so finden wir einerseits, dass sie vieles wieder-
holen, was schon vorher gesagt ist und andererseits weicht der Stil
von dem kraftvollen der anderen Strophen sehr ab.
Am Ende des ersten Buches nach Anführung der Jahreszahl 1310
(siehe S. 9) stehen nur in Hs. 146 einige Verse, die aber nicht beson-
ders wichtig sind, und auf die wir daher nicht näher eingehen. Aus
dem ganzen Ton und der Lobpreisung Philipps des Schönen lassen sie
sich leicht als Interpolation erkennen. Interessant ist der feste Glaube
des Interpolators au einen beabsichtigten Kreuzzug Philipps. Zwei
Verse auf fol. 10^:
Pour Pbelippes qui regne ores
Ci luetreiz ce motet onquores
nehmen nicht auf Philipp IV. Bezug, sondern auf Philipp den Langen
(1316-1322).
Buch IL
Das zweite Buch hat umfangreichere Interpolationen als das erste.
Die Liebeslieder, die bei der Werbung Fauvels eingeschoben sind,
können wir, wie oben (S. 8) erwähnt, unberücksichtigt lassen. Wir
gehen daher gleich zu der grossen Interpolation über, die gewisser-
massen eine Fortsetzung des Romans bildet. Da aber in dieser Inter-
polation wieder kleinere Interpolationen vorkommen, geben wir zunächst
den Inhalt des Ganzen und gehen dann erst auf die Einzelheiten ein.
Die ErwähnuDg eines Hochzeitsfestes veranlasste sicher einen
späteren Dichter eine ausführliche Beschreibung dieses Ereignisses zu
Der Roman de Fauvel 305
geben, zusammen mit dem nach der damaligen Sitte davon untrenn-
baren Turnier. Die Stätte, au der Fauvel seine Hochzeit bält, ist ohne
Zweifel Paris; das geht aus der ganzen Besehreibung hervor, wenn
auch der Dichter die Stadt, die auf einer von der Seine gebildeten
Insel liegt, Esperance nennt und dem prächtigen Palast von Fauvel
den Namen Desespoir gibt. Zu dem Turnier des Hochzeitsfestes
ladet Fauvel alle, gleichviel ob Freund, ob Feind, ein. Da entschliessen
sich auch die von ihm verjagten Tugenden mit Virginite als Führeriu
zur Teilnahme. In der Stadt Esperance werden sie von einem freund-
lichen Wirt und dessen Frau Constance herzlich aufgenommen. Nach
einem glänzenden und ausgedehnten Festgelage, auf das wir bei Be-
sprechung der Einzelheiten noch einmal zurückkommen werden, will
Fauvel seine Brautnacht mit Vainne Gloire abhalten. Aber gerade, als
er sich zu ihr legen will, entsteht ein entsetzliches Getöse, eine Katzen-
musik eisten Ranges, „Chalivali'' genannt, die der Dichter sehr ausführ-
lich und mit dem grössten Behagen schildert. (Über die noch nicht
völlig aufgeklärte Etymologie des Wortes chcdivali siehe Körting:
Lat.-Koman. Wörterbuch und die dort angeführte Literatur). Die
Beschreibung dieses Höllenlärms ist nach G. Paris die erste und also
älteste, die man von einem chalivali bisher gefunden hat. Geführt
wird der lärmende Zug von einem Eiesen, von Hellequin selbst. Diese
mythologische Figur hat Ähnlichkeit mit unserem „wilden Jäger";
wie dieser durchreitet er mit seiner mesnie in der Nacht die Lüfte.
Nach Raynaud (Etudes romanes dediees ä G, Paris par ses eleves
frauQais, Paris 1891) knüpft er an Hernequin vonBoulogne (f 882) an.
Wir übergehen wieder die Musikstücke, besonders den Gesang der
„Hellequ/7ies''^, der nichts mit unserem Stück zu tun hat, sondern nur
eine Art von Ballett ist, das der Dichter hierher setzte. Bei dem grossen
Lärm wäre es doch auch unmöglich gewesen, zarte Liebeslieder zu
singen.
Am nächsten Morgen soll das Turnier beginnen. Der Dichter redet
hier plötzlich in der ersten Person. An dem frühen Frühlingsmorgen,
dessen Schönheit er schildert, wandert unser Verfasser zur Wiese von
St. Germain des Pres, an der die Seine vorbeifliesst und erschrickt
heftig beim Anblick der Wächter Fauvels, die die Stätte des Turniers
hüten. Dann sucht er das Hans der Tugenden auf, wo Engel vom
Himmel durch das Dach ein- und ausfliegen. Auch später, kurz vor
dem Turniere, werden die Tugenden noch einmal ermutigt und zwar
durch das Erscheinen der heiligen Jungfrau Maria in einem kostbaren
Zelte, mitten in der Luft umgeben von allen Heiligen. Wein und Brot
zum Abendmahle, das dann den Tugenden vom Erzengel Gabriel aus-
geteilt wird, fallen aus dem Zelt, bevor es verschwindet. Im Turnier selbst
besiegen die Tugenden alle ihre Gegner, nämlich die ihnen entgegen-
306 Robert Hess
gesetzten Laster. So kämpft z. B.Virginite mit Charaalit^, Pacience mit
Orgueil, Abstiuence mit Gloutomiie u. s. w. Beinahe wäre es zum blu-
tigen Kriege zwischen Fauvel und den Tugenden gekommen, wenn
nicht Fortune eingegriffen und den Tugenden Halt geboten hätte. Für
Fauvel habe die Stunde des Untergangs noch nicht geschlagen, die
Tugenden sollten aber weiterhin ausharren, damit durch ihr Beispiel die
Menschen gestärkt würden. Noch einige Zeit verweilen die Tugenden bei
ihrem hochbeglückten Wirt. Alles drängt sich um sie, um sie zu sehen
und zu beschenken, dann ziehen sie ab. Fauvel bringt zahlreiche Nach-
kommenschaft hervor — hier stimmt Hs. 146 mit Hs. 2139 wieder
überein, nur ist noch die Episode mit dem Jugendbrunnen eingeschoben,
in dem sich Fauvel mit seiner ganzen Familie verjüngen will — dann
schliesst dieser Teil nach einem langen Gebete an Maria, Gottvater und
Jesus mit den merkwürdigen Versen:
Feirant fina ; bien deust finer
Fauvel qui n'a a qui finer
En ce iDonde, car tuit ob6 —
Issent a lui, tout a rob6.
Kobe noua a tout en lobaut
Et lob6 en nous desrobant
II finera, car touz jourz vivre
Ne pourra pas, ci faut mon livre
Secont. Dieu en gre le regoive!
J'ai sef ü est temps que je boive.
Gehen wir jetzt etwas näher auf die Einzelheiten dieser Interpola-
tion ein. Sie ist aus mehreren Stücken zusammengetragen und auch
nicht einmal von demselben Verfasser, wie wir sehen werden. Von
vornherein fällt uns die grosse Ähnlichkeit mit dem „Tournoiement
de l'Antec brist" von Huon de Mery auf, vor allem bei dem
Kampf der Tugenden mit den Lastern und bei dem allegorischen
Mahl. Diese Ähnlichkeit ist meines Erachtens psychologisch leicht zu
erklären.
Wie schon oben gesagt, wollte der Dichter hier eine weitere Aus-
schmückung der Hochzeit geben, natürlich zusammen mit einem Tur-
nier. Fauvel, der Hochzeiter, ist der Vertreter aller Laster und Sünden
in einer Person; im ersten wie im zweiten Buche wird er mit dem
Antichrist in enge Berührung gebracht. Wie nahe lag da der Gedanke
eines Turniers der Tugenden gegen die Laster, und wie gross war
die Versuchung, Merys Werk, das denselben Gegenstand und dazu
noch unter dem Titel «Tournoiement de rAntcchri8t> behandelt,
heranzuziehen und bei der damaligen Freiheit, andere Werke zu be-
nutzen, reichlich Stoff und selbst Worte aus ihm zu entnehmen. Dies
ist denn auch in genügendem Masse geschehen. G.Paris sagt darüber:
Der Roman de Fauvel 307
„Tout le tournoi des Vertiis et des Vices si maladroitement amen6 et
inteiTonipu est une imitation visible du Toiirnoiement de l'Antechrist de Huon de
Müry. Les vers de Huon nc sont piis pris tels quels, mais ses expiessions, scs
bizarres allegories, ses jeux d'esprit se retrouvent souvent, quoique aftaiblis,
dans les vers plus läches et plus plats de son iraitateur-, k lui aussi renionte la
partie allögorique de la descriptlou du festin et notamment l'idöe de faire de
la honte le breuvage des convives."
Darin, dass die g:anze Auffassung, Stil und Verse sehr weit hinter
Huon de Mery zurückstehen, niuss man voll und ganz mit G, Paris
übereinstimmen, aber darin irrt er sieh etwas, wenn er sagen will,
dass nicht wörtliche Entlehnungen zu finden wären.
Diese treten in folgenden Versen hervor:
FauveP) fol. 32^ Sp. 2: mos a guersai bolvent.
Toarn.^) Antechr. 424: Bevoient tuit honte a guersoi.
Fauvel fol. 32o Sp. 2: Faite fu la dite friture
De pechiez fais contre nature.
T. A. 415/16: D'une mevveilleuse friture
De pechiez feiz contre nature.
F. fol. 32^ Sp. 2: Leschcrie qui est espiciere.
T. A. 444: Car lecherie l'espiciere.
F. fol. 3S^ Sp. 1: Le vin uc la dite dragie
Jusqu'a elles ne vindrent uiie.
T. A. 468/69: Ne li entremes jusqu'a moi
Ne vint pas.
F. fol. SS"* Sp. 3: Droitement sus tierce chemine.
T. A. 1397: Et chemiuoit tont droit a tierce.
F. fol. 38v Sp. 2: et pourtretes
De tres biaus petiz angeloz.
T. A. 1539: Ot portrez petiz angeloz.
F. fol. 39r: Et l'autre harnois du destrier
Seile, lorain, poitrail, estrier
Estoient tuit d'or et de soie
Et que [je] mentierre ne soie.
T. A. 1319/22: Car toz li hernois du destrier
Sele, lorain, poitral, estrier
Estoient tuit d'or et de soie
Et que je mentieres n'en soie.
F. fol, 39': Tout en despit des ypocrites.
T. A. 1219: En despit de toz ipocrites.
F. fol. 39^ Sp. 1: Qui maint homme a mis a meschief
Par fouz regarz.
T. A. 1014: de fouz regars
Qui uiaint homme ont mis a meschief.
1) Wegen der Art unserer Zitierung siehe S. 18.
2) Vom Tournoiement de l'Antechrist benutzen wir die Ausgabe von
Wimraer in Ausgaben und Abhandlungen auf dem Gebiete der rom.
Philologie LXXVI.
308 Robert Hess
F. fol. 39^ Sp. 3: Un pel tint en lieu d'une lanee.
T. A. 987: Et tint un pel eu lieu de lance.
F. fol. 39^ Sp, 3: D'uis de bordel ot une targe.
T. A. 1040: Une targe d'uis de bordel.
Einige andere Entlehnungen sind noch festzustellen, die aber nicht
wörtlich sind; sondern nur den Sinn wiedergeben:
F. fol. 32v Sp. 3: Que chascuns sa barbe en deleche.
T. A. 441 : tuit s'en deleichent
Et ci et 9a leur levres leichent.
F. fol, 32v Sp. 3: La tonne emprent trop par la bouche,
Ivresce de si pres l'aprouche
Qu'ad6s sera la tonne vuide.
T. A. 464 — 466: Qui en boit tant qu'ele se nie
Et ivresce tant en entone
Qu'a poi n'a vidiöe la tonne.
F. fol. 32v Sp. 2: A une sauce si ague
Que de boire chascun argue.
T. A. 447: Qui si est ardant et ague
Qui leur langues point et argue.
Der Erfolg ist derselbe, nur in anderen Worten ausgedrückt:
F. fol. 32' Sp. 3: Et dit: „Que doit que vin ne vient?"
T, A, 449: Crie cliascuns: Le vin! Le vin!
Ausserdem finden wir noch sachliche Übereinstimmungen. Wie
G, Paris schon sagt, wird in beiden Stücken ein allegorisches Mahl
eingenommen, wo wir auch die meisten wörtlichen Entlehnungen fest-
gestellt haben, und bei dem als Tafelgetränk Honte in einer mächtigen
Tonne serviert wird. Dazu kommt noch folgendes: Im „Tournoiement
de l'Autechrist" spielt sich der Kampf zwischen der Stadt des
Himmelskönigs, Esperance, und der Stadt des Antichrist, Desesperance^
ab. Bei Fauvel wohnen die Tugenden in der Stadt Esperance, was
also direkt aus Mery entlehnt ist, und Fauvel in dem Palast Desespoir.
In beiden Werken thront die Jungfrau Maria in einem prächtigen Zelt
in der Luft, umgeben von den Heiligen. Auch der Erzengel Gabriel
kommt in beiden Gedichten vor: im Tournoiement als mitkämpfender
Ritter, im Fauvel als Knappe, der das Abendmahl austeilt. Ebenso
sind in beiden Stücken die Waffen der Laster schwarz und kommen
aus der Hölle.
Vor der allegorischen Mahlzeit und vor dem Chalivali finden wir
eine lieihe von Versen, die wörtlich aus dem „Comte d'Anjou" von
Jehan Maillart entlehnt sind. Es sind „De viandes bonnes et fines'-''
(fol. 32-- bis 2. Spalte 32^ und fol. 34'' 1. Spalte). Die erste Stelle gibt
ein ganzes Menü der damaligen Zeit und gewährt uns so einen inter-
essanten Einblick in die Küchenkunst zu Anfang des 14, Jahrhunderts.
G. Paris lehnt glattweg die Annahme ab, dass Maillart diese Stellen
Der Roman de Fauvel 309
aus dem Fauvel entnommen habe. Unsere Interpolation, sagt er, sei
also in jedem Fall nach 1324, der Entstebungszeit des „Comte d'Anjou-',
entstanden.
Da die kSacbe mit der Verfasserscbaft eng zusammenhängt; sehen
wir uns genötigt, die Frage vom Ursprung der Interpolation nicht in
dem Abscbnitt VIT zu erörtern, sondern schon hier vorwcgzunebmen.
G. Paris ist nämlich ein Versehen untergelaufen. Der „Comte
d'Anjou" ist erstens nicht 1324, sondern wie G.Paris selbst in Hist.
litt. XXXI, 320 zweimal festgestellt hat, im Jahre 1310 vollendet worden.
Jehan Maillart gibt selbst die Entstebungszeit durch folgende Worte au:
Tant qu'il ot sa perfection
En l'iin de l'incarnation
MC CG et IUI foiz qiiatre
Sanz rienz adjouster ne rabatre.
Zweitens findet sich aber in unserer Interpolation selbst beim
Turnier, auch eine Jahreszahl, die von G. Paris gar nicht erwähnt und
daher wahrscheinlich nicht bemerkt worden ist.
fol. 38^ 2. Spalte 6/7. Zeile lautet:
En mil GCC dis et sis ans
Ne fii veiie tel noblece.
Was ergibt sich hieraus? Wenn diese Zahl die Entstebungszeit
auch nicht direkt angibt, so kann man doch aus der Stelle folgern,
dass die grosse Interpolation, die das Turnier und auch die Hochzeit
betrifft, nicht später als 1316 entstanden ist. Anders steht es aber mit
den Stellen, die mit dem „Comte d'Anjou" fast Wort für Wort
übereinstimmen, nämlich der Aufzählung der Speisen und dem Zubette-
gehen der Braut, ebenso mit dem Chal/vali^ das mit der zweiten ent-'
lehnten Gruppe in engstem Zusammenhange steht. Diese Interpolationen
in der Interpolation können meiner Meinung nach aus verschiedenen
Gründen nicht von dem Verfasser der Hauptinterpolation und auch
nicht von Jehan Maillart verfasst sein.
Gegen die Verfasserschaft des Hauptinterpolators spricht folgendes:
Die Verse vor dem Mahle können nicht von ihm herrühren, denn
wir bemerken zu unserem Erstaunen, dass die Gäste gar nichts von
dieser ausführlichen Speisekarte essen, dass vielmehr das Gastmahl
streng demjenigen im „Tournoiement de 1 ' An tec brist" nachge-
bildet ist. Das Verzeichnis der Speisen und der Weine hat also mit
der Haupterzählung nichts zu tun und erweist sich, wie wir von vorn-
herein annahmen, als späteren Zusatz, Dies muss dann auch mit den
vor dem Chalivall stehenden Versen der Fall sein, denn es ist doch
kaum möglich, dass die zwei aus Jehan Maillart entlehnten Stellen
von verschiedeneu Dichtern unabhängig voneinander entlehnt und ein-
geschoben sein sollten.
310 Robert Hess
Die grosse Interpolation hat aber den Jehan Maillart nicht zum
Verfasser. Dagegen sprechen folgende Gründe:
1. Die Jahreszahl ist bei beiden Werken dieselbe. Es kommt nun
aber noch heute selten vor, dass ein Autor zwei bedeutende
Werke in einem Jahre herausgibt, wie viel weniger wird dies damals
der Fall gewesen sein, wo man erstens lange nicht so geschäftig
und hastig war wie heutzutage und vor allem nicht die heutigen Hilfs-
mittel zum Anfertigen eines Werkes zur Verfügung standen.
Es kommt noch hinzu, dass Jehan Maillart besonders und aus-
drücklich hervorhebt, dass ihm der „Comte d'Anjou" erst nach
langer, langer Mühe und Arbeit gelungen sei.
Je qul a ce dit rimoier
Ai voulu mon dit emploier
Et lonc temps y ay mis m'estnde
Comment que mon enging soit riide.
Er hat demnach kaum in demselben Jahre noch eine Interpolation
von 2000 Versen verfasst.
2. Die zweite interpolierte Stelle steht, wie schon oft erwähnt, im
engsten Zusammenhang mit dem Chalivaii, ja es scheint mir, dass sie
gerade zu dem Zwecke eingefügt worden ist, um die Beschreibung der
Katzenmusik am besten anzubringen. Seinem ganzen schriftstellerischen
Charakter nach kann nun Jehan Maillart diese Lärmszenen nicht
geschrieben haben, denn, wie er im Anfang seines Werkes auseinander-
setzt, (H ist. litt. XXXI, 323), ist er jeglicher Lärmerei, Schnurrpfeiferei,
sogar den Ritterromanen und Liebesliederu abhold. Das Chalivaii kann
hiernach unmöglich von ihm stammen.
Die ganze Frage ist vielmehr vermutlich so zu lösen. Die Haupt-
interpolatiou ist kurz nach 1316 entstanden. Die beiden Entlehnungen
aus Jehan Maillart und das Chalivaii kamen erst viel später in das
Werk und zwar durch den Bearbeiter, der die ganze Kompilation in der
Handschrift 146 zusammengefasst hat. Seinem Charakter entsprechend
— wir werden gleich darauf zurückkommen — fügte er die Speise-
karte aus J eil au Maillart vor dem allegorischen Mahle ein. Ebenso
entnahm er diesem Dichter das Zubettegehen der Braut, weil es ihm
die beste Gelegenheit bot, das Chalivaii^ das er gerne unterbringen
wollte, in das Gefüge des Stückes einzuordnen. Dem Beispiele der
vorhergehenden Dichter folgend, versah auch er seine Einschiebung mit
Musikstücken. Vgl. damit Langlois' Ansicht im Anhang S. 46.
Es bleiben uns jetzt noch einige Worte über den Schluss, den
Jugendbrunnen und das Gebet vor dem Schluss zu sagen. Hat sich
der Kopist beim Abschreiben überhaupt schriftstellerisch betätigt, so
wird er es sicher am Schlüsse getan haben, denn kaum ein Über-
arbeiter lässt es sich entgehen, den Schluss selbst zu machen oder
Der Roman de Fauvel 311
etwas umzug-egtalten. Bei einem Vergleich des Schlusses von Hs. 2139
und von unserer Hs. 146 finden wir in der Tat einen beträchtlichen
Unterschied. Hs. 146 endigt mit dem merkwürdigen Verse, auf den
wir oben (S. 12) schon hingewiesen haben:
J'ai sef, il est temps que je boive.
Dieser Schluss drückt doch wohl dieselbe Stimmung aus wie das
Challvali: Freude am Leben, Essen und Trinken und fröhlicher Ge-
selligkeit. Liegt da nicht eine innere Wahrscheinlichkeit vor, dass der
Verfasser des Challvali auch der des Schlusses ist? Zu bemerken ist
noch, dass der Kopist kein grosser Dichter war, im Bau der Verse
steht er dem Hauptinterpolator nach, Beispiele siehe unten. Deshalb
wird auch die gutgereimte Episode des Jugendbrunnens nicht von ihm
verfasst sein. Sie ist vielmehr dem Verfasser des Turniers zuzai-
schreiben, mit dessen Auffassung, Reimart und Erfindungsgabe sie voll-
ständig übereinstimmt. Zweifelhaft kann die Verfasserschaft beim
Gebete sein. Es steht mit seiner zur Schau getragenen Frömmigkeit
durchaus nicht im Einklang mit der Sinnesart des in Rede stehenden
Kopisten, eher wäre es dem frommen Verfasser des Turniers zuzu-
schreiben. Dem widersprechen jedoch die schlechten holprigen Reime.
Beispiel: Enseigna nous et sermoniia
Et mains bons exemples clonna. fol. 43^.
Ebenso: Vuelle dieu que ixne rousee
Viengne da ciel bien espur6e
Si fera il qui effacera
Leur weil, ne sai quant ce sera. fol. 42v Sp. 1.
Aller Wahrscheinlichkeit nach stammt das Gebet doch vom Ko-
pisten, aber es ist wohl nicht von ihm selbst verfasst, sondern anders
woher entnommen und etwas umgearbeitet. Er wollte damit vermut-
lich das unmittelbar vorausgehende Gebet von 8 Zeilen, das wir auch
in der Hs. 2139 finden weiter ausführen.
Inwiefern die Verse, in denen die Namen Frangois de Rues und
Chaillou de Pestain genannt werden, eine Interpolation sind, wird in
Abschn. VH besprochen werden.
Die Hauptinterpolation bezeichnen wir mit B I, die kleineren Ein-
schiebe mit B I a.
Anmerkung. G. Paris erwähnt ausdrücklich, dass die Musikstücke
des Challvali sich nicht im Anfang der Hs. in dem Verzeichnis aller
Gesänge des Werkes befinden. Wir könnten dann hier diese Tat-
sache als weiteren Beweis dafür heranziehen, dass das Challvali vom
Kopisten stamme, der, als er das ganze Werk zusammenfasste, sorg-
fältig alle Musikstellen herausgesucht und sie dem Werke voraus-
geschickt habe. Als er aber beim Abschreiben des Werkes da angelangt
sei, wo er ein Chalivali unterbringen konnte, habe er dieses mit dem
Homanisclis Forachungen. XXVII. 20
312 Robert Hess
Zubetteg-ehen der Bniut in ZusammenhaDg gesetzt, das er aus Maillart
iibernommeri, ebenso wie die Speisekarte. Dem Beispiele des vorher-
gebendeu Dichters folgend, seien auch seiner Einschiebung von ihm
Musikstücke hinzugefügt worden, die er dunu natürlich nicht mehr in
das Inhaltsverzeichnis der Handschrift habe setzen können. Dieser
Annahme widerspricht aber folgender Umstand. Wie wir oben gesehen
haben, stammen Schluss und Chalivali höchstwahrscheinlich von einem
und demselben Dichter. Nun ist aber dem Schluss ein Trinklied bei-
gefügt, und dieses müsste nach jener Annahme ebenso wie die Musik-
stücke des Chalivali nicht im Inhaltsverzeichnis der Handschrift
stehen. Da wir es aber doch dort finden, können wir diese Erklärung
nicht annehmen, sondern werden Aubry beistimmen, der in seiner
Einleitung die Meinung ausspricht, dass diese Musikstücke als Refrains
behandelt und als solche, wie stets in der Handschrift, nicht in das In-
haltsverzeichnis aufgenommen worden sind.
Y. Sprt.che des Romans.
Da wir es hier nicht mit einer kritischen Ausgabe, sondern nur
mit einer Handschrift in photographischem Abdruck zu tun haben,
können wir nicht nach einer allgemein gültigen Silbenzählung zitieren,
sondern nur nach Blättern und Spalten der Handschrift. Aus demselben
Grunde ist es auch klar, dass wir unsere Untersuchung auf die Reime
beschränken müssen, die allein für die Sprache des Verfassers mass-
gebend sind.
A. Lautlehre.
I. Vokalismus.
1. Betonte Vokale.
a.
Das Suffix -alem erscheint als -al oder el:
-ül: esper ital : cristal fol. 10' Sp. 2.
general : mefiesteral fol. 38' Sp. 3.
celestial : especial fol. 42^^ Sj). 2.
-el: Morel : t empor el fol. 7' Sp. 1.
naturel : durel fol. 13^ Sp. 2.
chardonnerel : menesterel fol. 36^ Sp. 2.
Die Erklärung für diese Erscheinung ist allgemein bekannt, so dass
wir hierbei nicht länger zu verweilen brauchen. (Vgl. auch: Nathan,
Das lat. Suffix -alis im Franz. Diss. Strassburg 1886.)
Das Suffix 'üticum erscheint regelmässig als -age, ebenso -abiletn,
> -able.
sages : visages fol. 9^ Sp. 1.
sage : heritage fol. lA"' S]). 2
und esfable : honorable fol, 1'.
Der Roman de Fauvel 313
Zu erwähnen ist sodann die Form larmes in dem Verse:
armes : larmes fol. 31"^ Sp. 2.
larmes statt lautgesetzlichem lermes erklärt sich aus der Tendenz
des Pariser Volkes, a vor r in e zu verwandeln. Man sprach also
asperge neben asparge (< asparagiim). Da so die beiden Formen
nebeneinander bestanden, bildete man auch umgekehrt zn dem laut-
gesetzlichen leniie ein lärme. Dieser Vorgang scheint also zuerst in
der IsIe-de-FVance stattgefunden und von da aus sich weiter verbreitet
zu haben. So erklärt sich auch der Reim : sarge {serica) : large fol. 16^
Sp, 1, der auch Rutebeuf ü, 74 vorkommt. (Siehe Metzke: Der
Dialekt von Ile de France im XTII, und XIV. Jahrhundert.
Diss. Breslau 1888 S. 9.)
a, e.
Das Verhalten dieser Laute vor Konsonant ist sehr wichtig für die
Dialektbestimmung. Bekanntlich reimen, von einzelnen Ausnahmen ab-
gesehen, im Pikardischen und im Kormannischen Dialekt an -|- Kons,
und en -|- Kons, nicht miteinander, während das Französische und das
Champagnische diese Scheidung nicht kennt. Nur vor ursprünglichem
m -f- Kons, wird auch im Norden e > a.
2 Fälle der letzteren Art finden wir in:
amble : resamble fol. 13"^ Sp. 1.
esamples : amples fol. 20'' Sp. 2.
Sonst, hat weder A, das erste Buch, noch B, das ursprüngliche
zweite Buch, Reime von en -f- Kons, zu an -f- Kons.
an ce : halance fol. 5^ Sp. 1 in A rührt von einem Kopisten und
nicht vom Verfasser her. Nur B I, die Hauptinterpolatiou im zweiten
Buche, hat zwei Ausnahmen:
riant : escient fol. 39'.
talant : alatit fol. 39',
aber beide Wörter, escient wie talant, sind im Pikardischen schwankend,
sie reimen teils zw. ent, teils zu ant. (Vgl. Haase: Das Verhalten der
pik. und wallonischen Denkmäler in bezug auf a und e vor gedecktem n.
Halle Diss. 1888.)
Vor einfachem Nasal ist der Übergang von e zu ä schon früh voll-
zogen :
fame : ame fol. 12'' Sp. 1, : clame fol. 15^ Sp. 1, : gatne fol. 14^
Sp. 2 u. a.;
auch vortonig: hanir : hanir (hiunire) fol. 10' Sp. 2.
e.
1. e < vlt. e ist mit e aus vlt. a -j- / gemischt:
cham23estre : pestre fol. 1^.
esfre : mestre fol. 2', 7^ u. s. w.
20*
314 Robert Hess
2. e < rt reimt mit e < a -f~ /, ist also zu ^ geworden; aber nur
vor r:
plere : pere fol. 2^ Sp. 1, fol. 5' Sp. 2.
faire : mere fol. 9' Sp. 1.
mere : traire fol. 9"^ Sp. 1, : trere fol. 23' Sp. 2.
a/;ere : affere fol. ll"" Sp. 2.
faire : amere fol. 16' Sp. 3, 20^ Sp. 3.
fere : pere fol. 20' Sp. 2, 20'' Sp. 2.
mere : brere fol. 28' Sp. 2.
3, Ebenso reimt vlt. e = class. ged. i mit e aus a + h ^^so eben-
falls > e geworden.
metent : souhaitent fol. 32' Sp. 1.
charetes :f altes fol. 34"^ Sp. 1.
7ietes ; pourtretes fol. 38^ Sp. 2.
f.
e -< a reimt nicht nur mit sich selbst, sondern, wie wir schon
auf dieser Seite gesehen haben, vor r mit e <.a-{-i und ist folglich in
dieser Stellung schon zu e geworden. Im Auslaut erhielt sich e.
1. e vor r: e < a.
erent : apperent fol. 20 Sp. 1.
eretit : alerent fol. 33' Sp. 2.
2. Auslaut: e reimt mit f < a.
degreisegre fol. lö'^ Sp. 1.
se^r^ : gre fol. 28' Sp. 3.
3. a-\- i reimt mit e < a.
e (= /ai) : quite fol. 30"^ Sp. 2.
se (= saO : pense fol. 30^ Sp. 3.
Der PiCim Fere (= Pierre) : pere (< patrem) fol. 4 Sp. 2 ist
korrekt. Nach Mussafiu, Zschr. III, 248 hat Fere unter dem Ein-
fluss von pere < patrem ein e bekommen,
i.
I + 2 > ^■ und reimt mit i < vlt. i.
Diese Entwicklung von e -f- i treffen wir im Zentrum, in der
Champagne und der nordöstlichen Normandie, während im Süd-
normannischen, in den östlichen und nordöstlichen Dialekten der Triphtong
iei zu ei reduziert wird.
dire : sire fol. 3' Sp. \, 3^ Sp. 2, 9^ Sp. 1 etc.
Ire : esiire fol. 13^ Sp. 2 u. s. w.
Die Heime auf ie zeigen, dass die Reduzierung von iee > ie allen
Verfassern zuzuschreiben ist. Ausnahmen gibt es nicht.
Der Roman de Fauvel 315
mesnie : vie fol. 1", 28"" Sp. 3 : tricherie fol, 9^ Sp. 2.
: niestrie fol. IS"" Sp. 2 : coniimignie fol. 14^ Sp. 2,
yP Sp. 1.
: enrag'xe fol. 34^ Sp. 2.
acomparagie : mestrie fol. 4^ Sp. 1.
„ : ydolatrie fol. IS"".
mercie : /«e (< laeta) fol. 31^ Sp. 3.
dragie : c^^r^/c fol. SO"" Sp. 3 : envie fol. 32^ Sp. 2.
: mle fol. 33'" Sp. 1.
lignie : f/v'e fol. 42"^.
i
bietet nichts BesoDCJercs, der Laut reimt in der Kegel mit sich selbst.
Der Keim : royne : benigne fol. 20^ Sp. 1 beweist die auch sonst belegte
Aussprache Ine für benigne.
0 (o und o).
Hier trefTen wir auf Verse, in denen sich scheinbar q und o mischen.
espouse : clouse fol. b"' Sp. 2.
force : pour ce fol. 10"^ Sp. 1.
anwurs : a mours (mortem -\- s) fol. 18^ Sp. 3.
mor{t)7ie : bestorne fol. 4*" Sp. 1.
Bei näherer Betrachtung finden wir, dass der erste Vers einer von
den vielen' ist, in denen in unserer Hs. nicht iglise mit mise oder
anderen "Wörtern -ise reimt, sondern wo der Vers etwas umgearbeitet,
also wohl auf Kechniing eines Kopisten zu setzen ist. Aber selbst,
wenn wir den Vers hier dem Verfasser zuschreiben, ist o : o zu er-
klären, da es feststeht, dass 9 aus lat. au bereits im 13. Jahrhundert
einzeln besonders vor s mit o reimte und wohl zusammenfiel. Siehe
Suchier S. 17—18 und Bruuot: Hist. de la langue fr. S. 333.
Auch der zweite Vers beweist nicht eine Vermischung von o und o,
denn gerade die Stelle, an der er sich befindet, ist in Hs. 146 ver-
derbt, der Vers mit pour ce hat dazu noch eine Silbe zu wenig. Die
richtige Lesart gibt uns Hs. 2139:
D'estat, de richesce ou de force
Que j'os bien dire que pour force
N'est pas au jour d'hui bien rendue
L'enneur
WO force mit sich selbst reimt, aber in verschiedener Bedeutung.
Anders steht es mit dem dritten Falle, wo lat. amörem: lat. mortem
reimt. Hier hat der Dichter wohl ein Wortspiel setzen wollen und also
absichtlich einen Keim von o : o genommen. Es liegt also ungenauer
Reim vor.
Auch der vierte Fall ist lautlich zu erklären. In mort ne wird
das 0 vortonig behandelt. Es wird also zu 0 und reimt daher korrekt
316 Robert Hess
mit bestorne. Allerdings Laben wir es hier mit einem leoninischen Reim
zu tun, der bei unserer Untersuchung- eigentlich nicht nötig ist.
Ein fünfter Fall: noces : croces fol. Sl"" Sp. 1 kommt für uns nicht
in Betracht, da wir es hier mit einem Lehnworte zu tun haben.
eu (Lautwert ö).
eu <i vlt. ö ist mit vlt. e (kl. ^) -}- u (< l Kons.) zusammengefallen
und reimt mit eu < vlt. a-\- l Kons. Diese Erscheinung linden wir im
Frauzischen seit dem Anfang des 13, Jahrhunderts.
neveus : cheveus fol. 7^.
greveus {-ahm -\- s) : neveus fol. 19"^ Sp. 1.
-osum^ -orem > -eiis, -eur.
aventureuse : Jieuse fol. 16"^ Sp. 2 u. s. w.
angoisseuse : epoiise fol. 44' zeigt pikardische Färbung, wir finden
einen ähnlichen Reim in „Blancandiu et l'Orgueilleuse d'amour"
ed. Michelant, Vers 1281:1282.
orgilleuse : espoiise.
Für p finden wir vor -re fast immer die Schreibung ew, wie z. B.
in demeure, eure, onneurent, pleure u.'S. w.
u.
Über die Form rieiime = nfr. rhume siehe unter ieu. Sonst ist
die Entwicklung regelmässig.
2. Betonte Diphthonge.
ai.
Dieser Laut, ursprünglich ein Dii)hthong, hatte schon längst den
Lautwert e, siehe unter e. .
Im Osten und Westen wird ei > al vor /:
traveillie : veillie fol. 21^ Sp. 1.
ai.
(d < a -f- Nasal ist mit el < vlt. e -f- Nas. zusammengefallen.
painne : plainne (plana) fol. 3'" : modaitmc fol. 16»" Sp. 2, : certalnne
fol. 23-^ Sp. 2 u. s. w.
oi.
qi < vlt. au oder q + / ist mit qi < ei < vlt. r (kl. fr. e oder i)
zusammengefallen.
joieivoie fol. 4^ Sp. 1, fol. F)'" u. a. icoie fol. IS"".
: monnoie fol. 23^ Sp. 1 : proie fol. 32»^ Sp. 3.
memoire : noire fol. 2^ Sp. 2 : boire fol. 30' Sp. 3.
Der Lautwert des Diphthongen ist oe, der zuerst, Ende des 12. Jahr-
hunderts, in den nördlichen Dialekten z. B. bei Landri de Waben,
Jean Bodcl und Guy de Cambrai sich findet, in den südlicheren
Der Roman de Fauvul 317
Gegenden erst seit Mitte des 13. Jahrhunderts vorkommt. Bewiesen
wird der Lnutwert oe dureli folgende Keime:
roy : tralray fol. 23^ Sp. 1.
manoir : dir fol, 32* 8p. 1.
pale : monnoie fol. 21'" Sp. 2.
ot
hat den Laiitwert Oß.
moinnes : poinnes fol. 34'" Sp. 2.
compaignes : esloignes fol. 41'" Sp. 1.
ie.
Das Suffix -ar'tum hat fast regelmässig- -ier ergeben; nur 2 Fälle
eiere : maniere fol. 4^ Sp. 2 (nicht iirspr, Text)
und maniere : mere fol. 40' Sp. 1,
sowie clere : chiere fol. 37^ Sp. 2, wo das Bartsche Gesetz nicht mehr
wirkt, sprechen für die Wandlung von ie > e, die seit dem 13. Jahr-
hundert langsam eingetreten ist. (Siehe auch unbetontes ie.) In unserem
Text findet sich, wie auch sonst, pite neben ■pitie :
pitie : ami(s)tie fol. 9'^ Sp. 2.
deiU : pitS fol. 18^ Sp. 3.
pite : hmnilite fol. 20^ Sp. 3.
materia wird matere in:
penthere : mat(i)ere fol. 14^ Sp. 1.
ieu (Lautwert iö).
Hier finden wir den Reim rieume : Heume fol. 15^', wo nfrz. rhume
nicht mit theme reimen würde. Eine gute Erklärung dafür finden wir
in Burgass: Darstellung des Dialekts im 13. Jahrhundert
in den Departements „Seine- Inf eri eure" und Eure (Haute
Normandie), Diss. Halle 1889. Seite 13 sagt er bei betontem lat. m,
dass dieses im Patois von Pont-Aiidemer wiedergegeben wird durch ö.
Kobin, Diotiounaire du Patois Normand p. 180, sagt: „C/soune
generalemeut eu dans la bouche de nos paysans normands" und führt
unter seinen Beispielen rheunie als Mask. und daneben als Fem. rhleme
an, das sich auch in der Muse Normande so findet, nämlich:
Ne defale point ton capel
Et garde hien d'avoir la riemc.
Dieselbe Erscheinung zeigt sich auch in Seine- Införieure und zwar
im Patois der Vallee d'Jh-es.
Die Folgerung liegt hiernach nahe, dass der Verfasser von B ricmc
mit teme, das er vielleicht tieme aussprach, reimte, und dass ein späterer
Kopist ritime graphisch an reumc als rieume auglich und nach dieser
Form auch tieuine schrieb.
318 Robert Hess
Auch ohne die gründliche Untersuchung von Burgass wären wir
vielleicht zu demselben Ergebnis gekommen, da Godefroy als norm.
Form von rhume rihne und rieunie anführt; der Atlas linguistique
von Gillieron, Tafel 1155 für die heutige Pikardie und Normandie
die Formen reme und riettie belegt. Aus diesen Tatsachen hätten wir
dann leicht denselben Schluss ziehen können.
au.
Dass lat. au einzeln schon p geworden war, haben wir unter o
gesehen ; au aus a •+- ^ Kons, ist noch o.
Wir können dies allerdings nur an einem vortonigen und leoninischen
Reim zeigen, der nicht besonders beweiskräftig ist.
menestraudie : melodie fol. 33' Sp. 1.
ui.
Die steigende Betonung von iu ist gesichert durch die Reime mit i,
aber solche Reime finden wir nur in B I, keinen einzigen in A und B.
suite : subite fol. 31^ Sp, 2.
deduisent : prisent fol. 32^ Sp. 2 : brisent fol. 40^ Sp. 1.
euivre : ivre fol. 34' Sp. 2.
lui : abeli fol. 38^ Sp. 1.
ruine : fauveline fol. 42^ Sp. 1.
Leonin. Reim : luisans : sis ans fol. 38' Sp. 2.
Unbetonte Silben.
1. Unbetonte Vokale.
Es handelt sich hier meistens um leoninische Reime, die allerdings
nicht obligatorisch sind.
a.
Bekannt ist die Vorliebe des Afrz. für a in vortoniger Silbe, das
daher oft für andere Vokale verwendet wird, z. B. Interjektion ha
neben he.
halas (statt helas) : a las fol. 7"'.
In folgenden leoninischen Reimen ist es schwer zu entscheiden,
ob vor r e > a oder a > e geworden ist :
guersay : parsay fol. 31"^ Sp. 1 und auch guarsay : parsay.
harnois : yver nois fol. 38' Sp. 2.
ä, e.
Ein Reim von an -f- Kons. : en -\- Kons, kommt nur in B I vor,
sonst sind in A und in B keine solchen Reime zu finden.
manoir : en air fol. 32' Sp. 1.
Vortoniges al und e haben denselben Lautwert.
Der Roman de Fanvel 319
•petiz : fetiz fol. l''.
passerai : tairrai fol. 7^.
desiir : plaislr fol. 23' »Sp. 2.
mestier : traitier fol. 31'" Sp. 2.
(Bemerkenswert ist die Erhaltung des e in : soiipecon : lecon fol. O*"
Sp. 1-2.)
2. Unbetonte Diphthonge.
ie.
Wie bei betontem ie ist auch bei unbetontem ie schon > e ge-
worden.
esperiz : chieriz fol. 34'' Sp. 1.
M. Konsonantismus.
1. Einfache Konsonanten.
a) Liquide.
l.
l vor einem Konsonant ist aligemein vokalisiert, manchmal wird es
noch geschrieben.
Im Reime fällt es nie aus.
Reime von l : / finden wir in B und B I, meistens bei A.
quille : Virgile fol. 11^ Sp. 1.
ville : ßle fol. 13^ Sp. 1.
villes-.filles fol. 31' Sp. 3.
estrille : vile fol. 42^ Sp. 2.
/".
r ist im Reim vor und hinter Kons, vernachlässigt in:
07'dre : orde fol. Q"" Sp. 1.
gete : poverte fol. 23' Sp. 1.
monfe : encontre fol. 32"^ Sp. 1.
ordre : remorde fol. 38' Sp. 2.
Leon. Reime: a(r)doise : adoise fol. 11' Sp. 2.
agiie : ar^^/e fol. 32' Sp. 2.
Reicher Reim: livrer : estriver fol. 32' Sp. 2.
estranges : angres fol. 33' Sp. 2.
arigres fol. 33' Sp. 2 ist mit Vernachlässigung des r : estratiges
gereimt.
^ : r reimt in :
Secile : dire fol. 9' Sp. 1.
b) Nasale.
m, n.
n reimt mit n in:
destinee : aloingnee (reicher Reim) fol. 40' Sp. 1.
320 Robert Hess
vlt. m reimt zu n in:
condicions : kons fol. 23^ Sp. 2.
redempcion : enteticion fol. 43\
c) Labiale und Dentale.
b ist regelmässig zwischen m r, v;^ ^ eingeschoben, ebenso d zwischen
nr, Id. Lat. i > y kann vor einem Kons, (r) ansfiillen:
aront (statt avr(mt):joar ont fol. 21"^ Sp. 2.
aroies : savoies fol. 23' Sp. 2.
rtro«7 : s«ro/< fol. 20' Sp 3 u. ö.
aroient : recuidroient fol. 20' Sp. 3.
Dieser Wegfall des -v in aooir und savoir findet sich meist im
Pik., Wall, einzeln im Zentrum. Siehe Suchier: Reimpredigt XXIX, 43,
Foerster Ch. II esp. LIV.
d) Die Sibilanten. '
s und z.
Auf die Verstummung von s vor Kons, weisen folgende Reime in
BI hin.
saintisme : hautime fol. 44'^'.
Leon. Reime: racheter :arresier fol. QP Sp. 1.
vontrer : moiistrer fol. 31^ Sp. 1.
nature : pasture fol. 38' Sp. 2.
assemer : g.smcr fol. 38^ Sp. 2.
Den für das Pikardiscbe charakteristischen Zug, s und z nicht zu
scheiden, finden wir in den folgenden Versen von A und B, aber auch
in B I.
piz: pis fol. 2" Sp. 1.
vemiz : Venus fol. 10^' Sp. 1.
delh : lis fol. 42^ Sp. 1.
tuez : tu ez (= es) fol. 28' Sp. 3.
Das Suffix -itia > ise reimt mit stimmhaftem ö'.
(/läse : seroise fol. 7'.
justice : tnise fol. 9"^ S]). 1 u. s. w.
Aber auch als -ice mit stimmlosen .s.
Service : avarice fol. 8' Sj). 2.
Horning in Zschr. f. rom. Phil XXIV, 545 erklärt beide Doppcl-
formen für halbgelehrt.
e) Palatale.
Bei einer Untersuchung über Palatale können wir kein Gewicht
auf die Schreibung einer Handschrift legen. (Ms. 146 weist manchmal
l)ikardische Schreibung wie c statt ch vor a, c statt qu etc.) Die Keime
selbst geben aber wenig Auskunft. Rein pik. Reime finden wir keine,
Der Roman de Fauvol 321
dagegen folgende halb pik. und lialh franz. Reime, die von den einen
als Dialektniischung, von anderen Avieder als blosse Augenreimc erklärt
Avcrden. In ihnen reimt franzisch, ts : ts, pik. k : ts.
blanche: senefiance fol. 2^ Sp. 2.
pcchie '. adreci^ fol. ö«".
Reicher Reim: c/iieres ibobancieres fol. 40" Sp. 2.
B. Flexionslehre.
Da sich in der jüngeren Periode, die ungefähr 1100 anfängt, die
Analogiewirkung stark geltend macht, werden wir bei unserem Denk-
mal aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts von vornherein sehr mit
der Analogie zu rechnen haben.
1. Das Substantivum.
a) Maskulinum.
I a.
Sg. N. - s PI. N. —
Obl. — Obl. -s.
Der alte N. y^g. -s ist noch erhalten in:
ßchiez'.chiez fol. 21''' Sp, 1. in:
Des biens mordains ou icrt fichiez,
Aussi tristre en est li chiez.
fers-.enfers fol. 43"^:
Oll gisoient plus dur qu'en fers
Adonc fii bien robez enfers.
wenn wir fers als Acc. PI. auffassen.
Den Ausfall des stammauslautenden Kons- vor Flexions- s zeigt
uns das Beispiel von enfers.
Das Eindringen der Acc. -Form in den Nom. zeigen uns Beispiele wie:
cÄ2e/(: meschief Acc, Sg.) fol. 8^ in:
Bien pert Fauvel est mauves chief
Un ordre ara mis a raeschief.
pechiet {: (ih\Qi) fol. 31"^ Sp. 3 in:
Ta roe, quant plus tost ne chiet
Sus Uli, certes c'est grant pechiet.
ierme {: ferme) fol. 31^ Sp. 3 in:
Les dames sevent tont de ferme
Que forment aproche le terme.
bruit {: conduit) fol. 32-^ Sp. 1.
Et honestement a biau conduit
S'en vont la, ou estoit Ic bruit.
322 Robert Hess
demi : anemy fol 39' Sp. 3.
Si com je croi an et demi
Ce serabloit estre un anemy.
Aller N. PI. ist, wohl des Reimes wegen, erhalten in: general : mene-
steral fol. 38' Sp. 3.
Si en dirai en general
Plus que quatre menesteral.
Der Acc. PI. ist in den N. PI. eingedrungen wie in:
haillis {:faillis) fol. 1\
Vicontes, prevos et baillis
A bien torcher ne sont faillis.
prelas : helas fol. 5^ Sp. 1.
Or est le de changi6, helas
Car autrement vont nos prelas.
curez (: desmesur^z) fol. 8' Sp. 1.
D'aucuns prestres qui sont curez ,
Comment il sont desmesurez.
usuriers : sentiers (Acc. PI.) fol, SI'" Sp. 1.
Et termocers et usuriers
Si vieignent trestuit ces sentiers.
chevaus : vaus (Acc. PI.) fol. 41'' Sp. 1.
Que tiex guesgneurs chevaus
En pais de monz ne de vaus
Pour jouster ne furent veuz.
diamans : amans (Acc. PI.) fol. 38' Sp. 2.
Saphirs, pelles ne diamans
Qui sont propres pour fins amans
Ne fireiit la poiut de defaut.
Ib.
Sg. N. - PI. N. —
Obl. — Obl. —8.
Nichts Besonderes zu bemerken.
IIa.
Die oblique Form erscheint als N. Sg. eingedrungen in:
conte : honte fol. 1'.
Ni a, sachez, ne roi ne conte
Qui de torcher Fauvel ait honte.
IIb.
Die Nominulform sires ist gesichert durch des/res : sh-es fol. 23'' Sp. 1.
Et Fauvel riens plus ne desires
Fors que d'estre en monde grant sires.
sonst haben wir sh-e als N. Sg.
Der Roman de Fauvel 323
sire : dire fol. 3^ Sp. 1, fol. 3^ Sp. 2 u. 6.
Tex hoiumes devons bestes dire
De quoi Fauvel est roj's et sire
und: Et pour ce par droit poons dire
Que Fauvel est du monde sire.
sire : empire fol. Ib"":
Je sui au jour de hui reis et sire
Et du royaume et de l'cnipire.
sire : soiipire fol. lU' 8p. 2:
Lors se taist Fauvel et soupire
D'uDs faus soupirs dont il est sire.
sire : souffire fol. 23^ Sp. 2:
Fors eil a qui y puet souffire
De tiex biens couime uostre sire.
sireipire fol. 28^ Sp. 3:
Antecrist si est ton droit sire
Tu es mauves, et il est pire.
Als Acc. finden wir sire in:
sire : dire fol. 9^ Sp. 1 :
Si que maint n'oseiit mais voir dire
Que il ne courroucent leur sire.
sire: empire fol. 18^ Sp. 2:
Vous m'avez fait et reis et sire
Et du royaume et de l'empire.
seigneur als N. Sg. finden wir auf:
fol. 2v Sp. 1 : Un en i a qui est seigneur
Et entre les autres li greigneur.
fol. 3^ Sp. 1: Que Fauvel, ce gentil seigneur,
Est le souvrain et le greigneur.
fol. 16'^ Sp. 2: Madame celi haut seigneur
Qui n'a ne pareil ne greigneur.
In den PL ist seigneurs eingedrungen auf:
fol. 9v Sp. 1: Faus les serjans, faus les seigneurs,
Faus les petiz, faus les greigneurs.
Den analogischen N. Sg. kons {Jioms) finden wir zweimal:
fol. 23^ Sp. 2: Car il sont de condicions
Contraires, nepourquant li hons
Qui a richesce a graut plentö . . .
fol. 38^ Sp. 8: Autres de gueles a lions
Kampans d'argent il n'a ei hons
Qui recorder les peust toutes.
324 Robert Hess
b) Pemininum.
I a.
Sg-. N. — e PI. N. — es
Obl. — e Obl. — es.
Die hierhergebijrigen Substantiva geben zu Bemerkungen keinen
Anlass.
I b.
Sg. N. — PI. N. — s
Obl. — Obl. - s.
Im N. PI. ist gent statt genz durch den Reim bewiesen:
urgent : gent fol. 41' Sp. 1.
coiipes d'or et d'argent
Mais emprenoient, car gent
Estoient d'aneur et de bien.
Neben poverte kommt poverte <^ paiiperta vor in:
poverte : aperte fol. 8' Sp. 1.
Fondees fussent sus poverte
Vivre humblement, c'est chose aperte
verte fol. 21' Sp. 1.
Adonc Böeee en sa pouverte
Connut, se je sui jauue ou vertc.
poverte : 2}erte fol. 30' Sp. 1.
Les uns aront damage et parte,
Les autres mourront en pouverte.
n.
Hier handelt es sich hauptsächlich um das lat. soror, das aber
nicht im Keim vorkommt. Weitere Bemerkungen sind nicht nötig.
Vokativ.
Er wird bei uns durch den Nomin. ersetzt:
mesire : empire fol. ü"^ Sp. 1,
2. Der Artikel.
Im Innern des Verses finden wir häufig pik. Schreibung wie z. B.
le für la auf fol. 19' Sp. 2, ebenso öfters dou für du, ou statt au, aber,
wie schon zu Anfang der Sprachuntersuchung bemerkt ist, können
für uns nur die Reime in Betracht kommen.
Wenn wir leoninischen Reim annehmen wollen, der, wie wir unter
„Metrik" sehen werden, sehr stark in unserem Werke vertreten ist,
hätten wir vielleicht bei demain : la main fol. 33f Sp. 2 einen Beleg
für den ])ik. Artikel /e, doch sind trotz der Häufigkeit solcher über-
reichen Reime diese nicht obligatorisch, also nicht beweisend.
Der Udmaii de F;uivol 325
Eher dlirfto im nuiin fol. 2^ Sp. 1 für den weiblichen Artikel le
zeugen. Gewöhnlich wird Jn de oder a nicht mit te für franzisch la
zusiimmcngczügen, aber vom Beginn des 13. Jahrhunderts an, besonders
im 14. Jahrhundert, und aus diesem stammt ja unser Werk, findet man
in einzelnen pikardischen Dialekten die Zusammenziehung.
3. Das Adjektivum.
a) Das zweigeschlechtige.
Die Maskulina gehen nach la der niask. Subst., ebenso die Femi-
nina nach la der femin Substantive.
Die oblique Form ist in den N. Sg. eingedrungen in mor{t)ne : bestonie
fol. 4'- Sp. 1:
Las qiie ne fu Fauvel inor n6
Quant le monde a si bestoine!
guasse : brasse fol. 4'' Sp. 2.
pourri : nourri{t) fol. 12^ Sp. 1.
petü : ajjetit (Acc. Sg.) fol, IS'' Sp. 2.
content : tent fol. 23"*' Sp. 2.
luisant (Acc.) : deduisant fol. 36^,
In den N. PI. ist der Obliquus eingedrungen in:
destriers (Acc. PI.) -.fiers fol. 37'' Sp. 1.
b) Das eingeschlechtige.
Die Maskulina gelien nach 1 a, die Feminina nach Ib der Sub-
stantiva.
Folgende Bemerkungen sind hier zu machen:
Die analogische Form grande ist zweimal durch den Reim gesichert,
Ulan de : gründe fol. 12'".
escandes : grandes fol. 4P Sp. 2
sonst immer grant.
Aus der Silbenzahl des Verses
Et ton vouloir graurtetnent feras
auf fol. 28^ Sp. 3 geht hervor, dass als Adverb gramnient zu lesen ist,
wie Ms. 146 auch richtig aufweist.
Die Wörter -alis bilden das Fem, wie Mask. auf eif; Fem. auf
-ele sind vor dem 14. Jahrhundert sehr selten
Morel : femporcl fol. 4^ Sp. 1.
naiurel: diirel fol. 13^ Sp. 2.
tel wird grösstenteils als Fem. und als Mask. gebraucht, aber
auch Fem. tele kommt vor, das sich seit dem 12. Jahrhundert in franz.
Texten findet. Durch den Keim belegt:
anceles : teles fol. 31"^ Sp. 2.
teles : demoiscles fol. 31"^ Sp. 3.
teles : escheles fol. ^V Sp. 1
durch Silbenzählung in mehreren Fällen.
326 Robert Hess
forte wird seit dem 13. Jahrhundert als Fem. gebraucht. Es reimt
bei UU8 mit
aporte fol. ö"" : porte fol. T"" Sp. 1.
: morte fol. 10' Sp. 1 : transporte fol. 20'' Sp. 1.
fortes : portes fol. 31' Sp. 2.
Die Feminin form -ile taucht erst seit der zweitenHälfte
des 14. Jahrhunderts auf, früher nur im Angionorm.
gentile-.fiUe fol. 28'- Sp. 1.
Die Komparation und die Zahlwörter bieten nichts Bemerkenswertes.
4. Das Pronomen.
a) Personalpronomen.
Unbetont.
3 perL ohl. masc. li (lui) : celi fol. 7"^ Sp. 2.
: abeli fol. 38^ Sp. 1.
ohl. fem. li (: chalivali) fol. 34' Sp. 1.
{:poU) fol. 37v Sp. 2.
ele und eles sind durch den Reim gesichert wie z.B.: celes fol. 32'
Sp. 3, aber noch viel häufiger kommt el vor, das durch die Silbenzahl
zu beweisen ist^). In der Form el ist Beeinflussung der Maskulinform
zu sehen, sie ist viel im Norden verbreitet. Nach Meyer-Lübke,
Gr. II, 98 findet sich el für ele seit dem 12. Jahrhundert in nor-
mannischen und anglonormannischen Denkmälern. Diese Form finden
wir vorzugsweise in B. Auch eus für eles, entstanden aus el -\- b, lässt
sich durch die Silbenzahl belegen, fol. 40' Sp. 1 Zeile 3 von den
Tugenden: Chascune d'eus son heaume lace.
Da wir Anfang des 14. Jahrhunderts stehen, finden wir die Zu-
sammcnziehungeu nel, sil, jel, nes, sis, jes nicht mehr bei uns.
li als Keflexivum der 3 pers. Sg. fem. findet sich auf fol. 12' 8. Zeile
von unten und auf fol. 16^ Sp. 2 Zeile 11.
C'est Celle qui n'aimme que li
Semblant d'amour moustre a ceh' . . .
und von Vainne Gloire:
Par son noble atour les semont
A li si entendre et veoir
Qu'il ne pensent point a cheoir.
1) Auf fol. 12r 6. Zeile v. u.
De qui el puet son profit faire,
fol. 13r 8. Zeile v. u.
Si qu'el ne voit pas clerement.
. . . 14v Sp. 1 letzte Zeile u. s. w.
Car el ne veust nul recognoistre
und Car el fut de male heure n6e.
Der Roman de Fauvel 327
b) Die übrigen Pronomina.
Betont.
Pron. possess. : moie (= meam) : pensero/e fol. 19'' Sp. 1.
sien : bien fol. 40' Sp. 3.
Unbetont.
Die Form vo (obl. sg. masc. und N. PI. masc.) ist eine pikaidisclie
Eigentümlichkeit. Sie findet sich in unserem Texte auf fol. IC Sp. 2
Zeile 1, 2, 16, 20:
Vo cueur nous .avez descouvert
Et vo grant seere aouvert
Pour V0U8 en vo Service aherdre
Qu'a pens6 vo gentil conrage.
fol. 18^ Sp. 2 Zeile 1, fol. 18^ Sp. 3 Zeile 1, fol. ig-- Sp. 1 Zeile 4
von unten.
demonstr. Da wir keine kritische Ausgabe haben, können wir ge-
rade bei diesem so häufig gebrauchten Pronomen keine genaueren An-
gaben machen. Der Kopist von 146 setzt z, B. fast regelmässig ce für
cel oder cest in 2139. Folgende kleine Bemerkungen können wir hier
geben.
Der e-Vorschlag lässt sich durch Silbenzählung nachweisen in:
iceste fol. 23»^ Sp. 2 Zeile 5, fol. 34'- Sp. 3 Zeile 3:
Et iceste meesme entente . . .
ün petitet iceste estoire.
ices fol. 16^ Sp. 1 Zeile 10 von unten, fol. 21^ Sp. 2 Zeile 5
von unten:
Ices roes sans sejouruer . . .
Ices esraeraudeles vertes.
cell (= celui) als N. Sg. nachzuweisen, z. B. :
:li fol. 7' Sp. 2:
Et pis rentez que n'est celi
Qui plus tart vient pire de li . . .
5. Verbum.
a) Die Endungen.
1. Präsens.
«) In der 1. pers. praes. Ind. der 1. schwachen Konjugation ist die
unflektierte Form die Kegel, aber auch Formen -e.
devin : vin fol. 38' Sp. 1 :
Pour voir vous dis, pas ne devin,
Un pain et nn baril de vin . . .
Romanische Forschungen XXVII. 21
328 Robert Hess
dnrcli SilbenzähluDg" merveil fol. S"" Sp. 1 Zeile 10:
Pour ce ne me merveil je mie.
Ebenso dout fol. 15^ Sp. 1 Zeile 11, 18 u. ö:
Mais je me dout raoult d'une chose
und: Me dout que vers moi ne sc meuve.
-e: ciäde : vuide fol. 5"^ Sp. 2:
Par tiex prelas, si com je cuide,
Est au jour d'ui l'eglise vuide.
ß) Über die 1. pers. praes. sg. bei den Verben der 3. schw. Konj.
ist zu bemerken:
dar (: d'or) fol. 38"^ Sp. 2 analog der 2. und 3. pers. sg. und neben
sent (: present) fol. 41'' Sp. 2 auch Sen : sen fol. 31'^ Sp. 3.
y) Die 1. pers. pl. geht immer auf -ons aus.
6) Die 3. sg. praes. der a-Konj. hat im Ind. -e, im Konj. einzeln -^,
aber vorwiegend -e, das im 13. Jahrhundert eindrang.
Ind. fol. P:
Haute menjöere demande
Rastclier bei et assez viande.
fol. 1"^: En lui essaucier met grant paine
Car QU palais loial le maine.
fol. 3i": Ne la ün pas ne considere
Ains qulert tont ce qui li puet plere. etc.
Konj. -t: fol. 7"^ Sp. 1 Zeile 22:
Diox les gart qu'il n'en aient honte.
saut (salvet) : saut (salit) fol. 42^ Sp. 1 :
Voir vous dire, sc diex me saut.
De la fontainiie sourt et naut . . .
-e : sauve '.fauve auf:
fol, 3i': Ainsi Fauvel, sc dicx me sauve
Ne düit avoir couleur fors fauve.
fol. 14v Sp. 2: Entour le sive, qui est fauve
Avoit, 86 Jhesucrist me sauve, u. ö.
regardc : arde fol. 4' Sp. 2:
Helas! helas ! quant je regarde
Que pour ce Fauvel, quo feu arde.
s) 2 pers. pl. der 1 schw. im Konj. auf -iss/ez:
felssiez : amissiez fol. 18^ Sp. B.
2. Imperfekt.
Die 3. pers. sg. lautet stets -oit.
Die 1. pers. plitr. -Ions und 2. pjers. plnr. -iez sind grösstenteils
einsilbig, doch lässt es sieb, da eine kritische Ausgabe fehlt, häufig
nicht gen;iu feststellen.
Der Roman de Fauvel 329
3. Perfekt.
1. Pers. Sg.: viiravi (Adj.) fol. 28^ öp. 3.
l)erdi : reverdi (3. 8g.) fol. 37^ Sp. 1.
öi/ : esvanöy (3. Sg.) fol. 38' Sp. 1.
3. Pers. Sg.: ~i statt -it ist durch den Reim gesichert:
fremi : ennemy fol. 9"" Sp. 1.
nourri : pourri (Adj.) fol. 12^ Sp. 1.
reverdi : perdl (1. Sg.) fol. 37"^ Sp. 1.
öy (1. Sg.) : esvanöy fol. 3Ö*' Sp. 1.
emhati : ia^/ (Part. Perf.) fol. 39^ Sp. 3.
4. Futurum und Couditionalis.
Ein e eingeschoben finden wir in meteroie fol. lO'" Sp. 1 Zeile 9,
Metathese des r und Ausfall des e in enterra : verra fol. 33^ Sp. 2, finer
in finera : cessera fol. 20'" Sp. 2.
-tez des Cond. ist zweisilbig in fol. l'*' Zeile 'i, fol. 19^ Sp. 1
Zeile 4 und 5 v. u.
5. Participium Perfekti.
Über die durch Reime gesicherte Reduktion von -iee > -ie siehe
unter i (S. 20/21).
6. Imperativ.
Die 2. pers. plur. Imper. von videre lautet vez in fol. 34^" Sp. 2
Zeile 5. Vgl. Foerster, Aiol. Anm. zu 1428.
7. Infinitiv.
Die pikardische Form veir statt veoir ist durch den Reim bewiesen:
veir : obeir fol. 4^ Sp. 1.
In seinem Dis dou vrai aniel S. XXV zählt Tobler die pikar-
dischen Werke auf, in denen diese Form hauptsächlich vorkommt.
b) Einzelne Verben.
Schwache Konjugation.
aler (: emmaler) fol. Iß'" Sp. 2 u. ö.
Praes. KonJ. Sg. 3. voise (: noise) fol. 38'" Sp. 3 u. ö.
Futurum Sg. 3. yra (: esbahira) fol. 44'".
Imperf. PI. 3. aloient (: tenoient) fol. 37*^ Sp. 1.
Perf. Sg. 1. alai {-.avalai) fol. 37"^ Sp. 1.
3. ala (: avala) fol. 33'- Sp. 2.
PI. 3. alerent (: erent) fol. 33'^ Sp. 2.
Part. Perf. ale {: MatursaU) fol. 42^
oir {:folr) fol. 38'- Sp. 3.
Imper. oes (: roes) fol. 21' Sp. 2.
Per/. Sg. 1. öi {-.esvanöy) fol. 38' Sp. 1 u. ö.
21^'
330 Robert Hess
Konj. Imperf. PI. 3. öissent (: veissent) fol. 38"^ Sp. 1.
Part. Perf. öy (: esvanöy) fol. Iß"" Sp. 2 ii. ö.
Starke Konjugation.
estre (: mestre) fol. 2' u. ö.
Praes. PL 1. sommes (: hommes) fol. Iß' Sp. 2 u. ö.
2. es^es (: bestes) fol. l"' u. ö.
3. sont (: ow^ fol. 38^ Sp. 1.
Konj. Praes. Sg. 1. so/'e (: otroie) fol. 19^ Sp. 2 u, ö.
3. soit (: so/0 fol. lO"^ Sp. 2.
i^w^. /S(/. 3. sera {: fera) fol. 12^ Sp. 1 u. ö.
Durch Silbenzahl: iert fol. lO"- Sp. 1 Z. 16.
PI. 3. seront (: ameront) fol. 12^ Sp. 2.
Kond. Sg. 1. seroie {-.avoie) fol. 15^ Sp. 2.
3. sß>'0«7 (: toiirneroit) fol. lö'^ Sp. 2 u. ö.
Imperf. Sg. 2. estoies (: cüidoies) fol. 28' Sp. 2.
Durch Silbenzahl : Sg. 3. er^ fol. 34^ Sp. 2 Z. 1 u. fol. 2^ Sp. 1 Z. 6 v. u.
estoit (: vestoit) fol. 5"^ u. ö.
PI. 3. erent (: apperent) fol. 20' Sp. 1, (alerent) fol. 33' Sp. 2.
estoient (: vestoient) fol. ö'^ Sp. 1 u. ö.
Pe»/ P/«/r. 5. furent (: Z>«rewO fol. 38' Sp. 2 u. ö.
Ä^o?i/. ImperJ. Sg. 1. /t<s.se (: deiisse) fol. 28' Sp. 2.
Sg. 2. /«SS6S (: ^-imes) fol. 28' Sp. 2.
3. ßtist (: despleust) fol. 41' Sp. 1.
ayoiV (: savoir) fol. 2^ Sp. 1 u. ö.
Praes. Sg. 1. e (: quite) fol. 30^ Sp. 2.
PI. 1. o^ows (: saz;o«s) fol. 32' Sp. 3.
2. avez (: savez) fol. 18^ Sp. 1 u. ö.
3. ont (: sont) fol. 38^ Sp. 1.
i'M^. »S'tjf. i. ayrae (: savrai) fol. 38' Sp. 3.
PI. 3.') aront {:par ont) fol. 21' Sp. 2.
Ko}id. Sg. 2.'^) aroies {:savoies) fol. 23' Sp. 2.
3.0 firoit {isaroit) fol. 20' Sp. 3 u. ö.
PI. 3.^) aroient (: recuidroient) fol. 20' Sp. 3.
Imperf. Sg. 1. avoie (: seroie) fol. lö'' Sp. 2.
3. at'O/7 (: savoit) fol. 5' u. ö.
Perf. S(j. 3. ot (: chariot) fol. 34^ Sp. 2.
PL 3. orent : sorent fol. 41' Sp. 2.
wr^M^ {: re euren f) fol. 5'.
üTomJ. Imperf. Sg. 2. ewsses (: fusses) fol. 28' Sp. 2.
3. eust (: sews^ fol. 33' Sp. 1.
Part. Perf. eue (: venue) fol. 31' Sp. 3.
>) Auf den Wegfall des -v ist schon unter b S. 26 hingewiesen worden.
Der Roman de Fanvel 331
fere (: contraire) fol. 4^ Sp. 2 u. ö.
Praes. Sg. 3. fait {-.fait <^ factum) fol. 15^ Sp. 3 u ö.
KonJ. Praes. Sg. 3. face (: grace) fol. IS'^ Sp. 2.
Fat. Sg. 1. ferai (: lerai) fol. 28^ Sp. 3.
3. fera (: retornera) fol. 2"" u. ö.
PI. 2. ferez (: ^jor^^re^) fol. 33' Sp. 1.
Inipeif. Sg. 3. fesoü (: desplesoit) fol. 43^.
PI. 3. fesoient (: encontroient) fol. 34* Sp. 1.
Pe^/. Sg. 1. ^s (: criicefis) fol. 9' Sp. l.
PI. 3. fircnt (: wem/i) fol. 32* Sp. 3.
Konj. Imperf. PI. 2. f eissiez (: amissiez) fol. 18* Sp. 3.
Par^. Fß//. /<?^e {: prophete) fol. 4' Sp. 2.
i;e?i?"r (: ^e??/r) fol. 3* Sp. 1 u. ö.
Praes. Sg. 3. vicnt (: clevient) fol. 9* Sp. 1 u. ö.
PI. 3. viennent (: tiennent) fol. 2* Sp. 2.
Fut Sg, 3. vendra {-.prcndrä) fol. 28' Sp. 3.
PI. 3. vendront {: prendront) fol. 21* Sp. 2.
Imperf. Sg. 3. avenoit (: tenoit) fol. 16* Sp. 1.
PI. 3. venoient (: aloient) fol. S?*" Sp. 2.
Per/. Sg. 3. ^;m^ (: (^e^m^) fol. 28* Sp. 2 u. ö.
PI. 3. vindrent (: soiäindrent) fol. 33' Sp. 1.
Par^. Praes. viengnant {: faingnant) fol. 41* Sp. 1.
Part. Perf venue (: eW) fol. 31* Sp. 3.
dire (: ire) fol. 2^ u. ö.
Praes. Sg. 1 dt {dl ce : vice) fol. 20* Sp. 2 u. ö.
3. dit (: (?esrf/0 fol. 28' Sp. 3.
PL 3. dient (: cfient) fol. 39'.
Konj. Praes. Sg. 1. fZ/e (: seneüe) fol. 2* Sp. 2 u. ö.
Pm^ /S^. 1. dirai (: mentirai) fol. 12'.
P/. i. dirons (: lirons) fol. 7*.
Imperf. Sg. 1. <^m?e (: meferoie) fol. 10' Sp. 1.
Par^. Pß?/. (Z^Ye (: Z?Ye) fol. 20- Sp. 3.
pooir.
Konj. Praes. Sg. 3 puisse (: truisse) fol. 11* Sp. 2.
Kond. Sg 3. pouroit (: vouroit) fol. 23' Sp. 1.
Pe?/. Sg. 3. pot {:pot) fol. 41^ Sp. 1.
savoir (: avoir) fol. 2* Sp. 1 u. ö.
Praes. Sg. 1. se (: pense) fol. 30* Sp. 3.
PI. 1. savons (: avons) fol. 32' Sp. 3 u. ö.
Konj. Praes. Sg. 3. sacke (: fache) fol. 2'.
Ph^ Ä^. i. savrai (: avrai) fol. 38' Sp. 3.
332 Kobert Hess
Kond. Sg. 1. saroie (: voie) fol. 15'.
5. saroit (: aroit) fol. 2CK Sp. 3.
Imper. savez (: avez) fol. IS'' Sp. 1.
Imperf. Sg. 2. savoies (: aroies) fol. 23' Sj). 2.
5. savoit (: «yo«7) fol. 5'.
Pe^/. % 3. 80t (: soO fol. 39'.
Fl. 3. sorent (: orent) fol. 41' Sp. 2.
surent (: inoururenf) fol. 13'»' Sp. 2,
7iCc»»(y. Imperf. Sg. 3. se2<s^ (: c^ews^) fol. 20' Sp. 3.
Part. Perf. sencs : avenues fol. 20 Sp. 3.
C. Zusammenfassung.
1. Lautlehre.
1. -aticum > age, nie -aige.
2. a statt e vor r; /arme etc.
3. an -\- cons. und en -\- cons. bis auf B I streng geschieden.
4. vlt. « -|- i > e : e aus « nur vor r und : vlt. e.
5. e -j- «■ > ^■.
6. iee > ^ß.
7. Freies n > e?^ (Lautwert c>).
8. oi hat den Lautwert oe.
9. am : ein.
10. «e : e nur in B I.
11. rimme: tiemne ist norm, in B.
12. iu : i in B I.
13. r im Reim vernachlässigt.
14. 1:1 meistens in A.
15. b ist regelmässig eingeschoben zwischen m r oder m l, ebenso
d zwischen n r oder l r.
16. Lat. h '> V fällt vor r aus in B.
17. s und z im Reime geschieden.
18. c vor e, « > c, vor a > cA, Ausnahmen in A und B I, nicht in B.
2. Formenlehre.
1. Artikel le statt la vielleicht durch den Reim zu belegen.
2. CO statt vostre ist pik.
3. Weibl. Adj. auf -ile ist agn. in B.
4. Imj)erf. nur -oie etc.
5- -i statt -it der 3. sg. des Perfekts durch den Reim gesichert.
6. Infinitiv veir ist pik. in A.
VI. ]M[etrik.
Über den Reim ist folgendes zu bemerken:
Assonanz kommt nirgends vor. Meistens sind die Reime weib-
lich, männlicher ist sehr selten.
Der Roman do Fauvel 333
Reiche Reime d.h. solche, iu denen nicht nur der letzte betonte
Vokul und die etw;i darauf folgenden Konsonanten und tonlosen Vokale
in den IJeinivvorten übereiustinmieu, sondern auch die dem leizteu Ton-
vokal vorausgehenden Konsonanten, sind nicht besonders zahlreich bei
den einzelnen Verfassern vertreten. In A haben wir nur ungefähr
30 reiche Reime, in B 45 und iu B I 50.
Dagegen sind die leoninischen Reime sehr beliebt, d.h. reiche
Reime, in denen auch der der betonten Silbe vorangehende Vokal reimt.
In A bilden solche Reimpaare ungefähr 42"/^ der Reime, iu B 35 "/o,
in B I 34*'/,,, es herrscht also hierin kein grosser Unterschied in den
einzelnen Teilen.
Öfters wird der Reim auf 3 Silben ausgedehnt, z. B. in:
desolacion : lamentacion fol. 4"^ Sp. 2.
espnndirenf^) : entend/renf fol. 5"^.
exacions : consolacions fol. 5"^.
desloiautS : royaute fol. 9*" Sp. 2.
reluisoit: de Im soit fol. ll"" Sp. 2.
iiasclons : separacions fol. 12^ Sp. 2.
esper i table : veritable fol. 43"^.
redempcion : entencion fol. 43"^.
Enjambement ist sehr häufig und beliebt. Als Beispiele mögen
dienen:
grcüit aidance — fönt a coynolstre fol. 2^ Sp. 2 Z. 29/30.
oster la laine — Si pres de la pel fol. 5 S]>. 1 Z. 4/3 v. u.
est haiUiee eure — Des gens garder fol. 8"" Sp. 1 Mitte
ne de cell — Ne noiis vcil faire fol. 14"^ Z. 5/4 v. u.
aus festes — Fait lahourer fol. 14'^ Sp. 2 Z. 14/13 v. u.
entour les pilers — Furent a nous . . . fol. lÖ"" Z. 11/12.''
vin de — Calabresin fol. 33^^ Sp. 2 Z. 2/3.
la plus secree — Des damoiseles fol. 33^ Sp. 2 Z. 11/12.
(jui de larnies — Se fondent fol. 38"^ Sj). 1 Z. 23/24.
Enjambement findet sich sogar innerhalb eines Wortes iu folgenden
Beispielen:
men — gonge fol. 23^ Sp. 2 Z. 10/9 v. u.
sonvereinne — Ment fol. 38'' Sp. 2 Z. 15/14 v. u.
Absti — Nence fol. 40^^, Sp. 1 Z. 2/1 v. u.
destrl — Er fol. 40^ Sp. 1 Z. 4/5.
obe — Issent fol. 45'' Z. 3/4.
Das Metrum ist der wohlbekannte paarweise gereimte Ssilbige
Vers, der so vielfach augewandt wurde. Weil die Verse auf fol. 8"^ Sp. 1
1) Wenn wir hier den Reim auf 3 Silben ausdehnen, müssteii wir ihn dann
als Beispiel für einen Reim von an -j- cons. : en -f- cons. in A auffuhren^ was bei
einem Reim -irent nicht nötig ist,
334 Robert Hess
Z. 16 V. u. bis fol. 9' Sp. 2 Z. 23 v. u. iu dem Schema a a b c c b reimen,
meint G. Paris, dies sei die ursprünglichste Reimart gewesen, das ganze
erste Buch habe diese Form besessen, es sei nur später in den geläufigen
paarweise gereimten Achtsilbler umgearbeitet worden. Verhält sich dies
wirklich so, wie ist es dann aber zu erklären, dass in allen guten Hand-
schriften diese Stelle liier allein unverändert stehen geblieben ist, während
die schlechteren sie in ungeschickter Weise zu verändern suchten? Warum
finden wir in keiner einzigen von den vielen Hss. noch andere Stellen
in der augeblich ursprünglichen Form, sondern nur eine einzige? Das
gibt uns doch etwas zu denken. Aus dem einmaligen Vorkommen
eines anderen Schemas in einem Gedicht zu schlicssen, dass diese kleine
Stelle allein das ursprüngliche Metrum zeige, alle anderen Verse aber
umgearbeitet seien, dürfte doch wohl etwas zu weit gehen. Schon aus
diesem Grunde könnte man jene Vermutung ablehnen. (Siehe auch
Gröbers Grundriss S. 902 darüber.) Inwiefern aber G.Paris damit
recht hat, dass die Stelle ursprünglich ist, werden wir in VII sehen.
Da eine kritische Ausgabe fehlt, so können wir über Silben zahl,
Elision und Hiat keine endgültigen Untersuchungen anstellen.
Über -'iez und über el statt ele haben wir schon in der Formen-
lehre (S. 34 u. S. 32) gesprochen. Es findet sich souvrainne neben
souverrainne, ebenso com neben comnie. Belegt ist menesterel fol. 36^
Z. 14 und menesteral fol. 38'' Sp. 3 Z. 4.
Elision steht fest in:
faucune fol. 7^ Z. 4 v. u. fen fol. 19'' Sp. 1 Z. 7 v. u. fasseur
Z. 6 V. u. stelle fol. 23' Sp. 1 Z. 13 u. a.
Hiat ist gesichert in:
que il fol. 20^ Sp. 1 Z. 15 v. u. ; fol. 21'- Sp. 1 Z. 10 v. u. u. ö.
ne eile fol. 4'* Sp. 2 Z. 3 v. u., je onquore fol. ll-" Sp. 2 Z. 9, ne es
fol. 12^ Sp. 1 Z. 17, ne adresce fol. 14^ Sp. 2 Z. 4, que en fol. 20''
Sp. 3 Z. 21, que a fol. 20' Sp. 3 Z. 23, fol. 40' Sp. 2 Z. 1, Z. 5, ne
amour fol. 28^ Sp. 3 Z. 15, ne ieux fol. 41^ Sp. 2 Z. 6 v. u., se il
fol. 44' Z. 6 V. u. u. a.
Beispiele: Pour ce wU je onquore dire . . .
Ne es filz don charnel palut . . .
Si que en tant com je m'aplique . . .
TU. Verfasster und Zeit.
Wir haben drei grosse Teile unseres Werkes unterschieden: das
erste Buch, das zweite Buch und die grosse Interpolation. Die kleineren
Interpolationen in der Hauptinterpolation haben wir schon oben (S. 15
bis 17) behandelt und unsere Ansichten über deren Verfasser aus-
gesprochen. Es fragt sich nun: Von wem ist das erste Buch? Von
wem stammt das zweite? Haben sie vielleicht denselben Verfasser?
Der Roman de Fauvel 335
Von dem Verfasser des ersten Buches haben wir uns schon unsere
Meinung bilden können. Wir dürfen sagen, duss er in künstlerischer
Hinsicht, im Ausdruck, Kraft der l\cde und in seinen Gedanken alle
anderen Bearbeiter des Stoffes weit überragt. Ausser der angegebenen
Jahreszahl l^UO und ausser unserer Vermutung, dass er wahrschein-
lich kein Adliger war, sondern den niederen Ständen angehörte, wissen
Avir nichts Genaueres von ihm und seinen) lieben. Es war eigentlich
auch selbstverständlich, dass er seinen Namen nicht in einem Werke
angab, in dem er, trotz seines kirchlichen Staudpunkts, so sehr gegen
die Kirche und geistlichen wie weltlichen Orden loszog. Gerade die
Kritik der Bettelmönche und der Templer in einer Zeit, die voll Span-
nung den Prozess gegen den Templeroidcn verfolgte, scheint mir der
Grundstein unseres gesamten Werkes zu sein. In einer Art von Pam-
phlet machte der Dichter seineu Gefühlen und seinem Unwillen Luft;
dies sind die Verse, die G. Paris, und auch nach meiner Meinung mit
Recht, für die ursprünglichsten ansieht, und die im Schema a a b c c b
reimen. (Siehe „Metrik" S. 39—40.) Veranlasst durch den Pvcuart-
roman, die verschiedenen beliebten Redensarten (siehe S. 4) und last
not least durch seinen dichterischen Drang, verfasste unser Autor das
erste Buch, natürlich ohne die Interpolation über die Templer und
ohne die für Philipp IV. schmeichelhaften Verse, wie wir schon oben
(siehe S. 10) gesehen haben. So wäre also auch der eine in der
metrischen Form abweichende Abschnitt zu erklären, den der Dichter
später stehen liess, ebenso wie alle guten Kopisten, die jene Stelle
als selbständig erkannten, während die schlechten es in der mannig-
fachsten Weise umänderten. (Vgl. darüber Hist. litt. XXXII, 12G-~128.)
Auch Langlois vertritt dieselbe Ansicht. Siehe S. 45.
In dem zweiten Buche finden wir in den Mss. 2195, 12460, 24436
von Paris und im Ms. von Tours den Namen eines Verfassers. (Siehe
Hist. litt. XXXII, 136.)
Ge rues doi u boi u esse
Le Mom et le suruora confesse
De celui qui a fait cest livre,
Dien de ses pechiez le delivre.
doi, boi und esse, sind die alten Namen der Buchstaben (/, b und s, so
dass wir also Genies du Bus zu lesen haben. G.Paris will Gervesdu
Bus lesen, mir scheint aber nur Genies in den Vers zu passen, da
Genies eine Silbe zu wenig ergäbe. Vgl. Langlois im Anhang S. 45,
wie er die Verse hier vortrefflich erklärt.
Die Frage, ob Genies de Bus, der Verfasser des zweiten Buches,
auch der des ersten ist, muss entschieden verneint werden. Nach G. Paris
sind die Gedanken, der Stil und die Lebensanschauung im zweiten
Buche ganz andere als im ersten. Die Persönlichkeit Faiivels ist ver-
ändert, die Nachahmung des Rosenromaus, das Eindringen der Alle-
336 Robert Hess
gorie, ist deutlich zu crkeDiien, und die Zeitsatire, die im ersten Buche
die Hauptsache iyt, fehlt hier gänzlich. Der Mittelpunkt des Ganzen
im zweiten Buche ist die Gestalt Fortunes und ihre philosophische Er-
klärung. Genies du Bus hat sicher die Beliebtheit des ersten Buches
dazu benutzt, in einem zweiten seine philosophischen Ansicliten über
Welt und Menschen anzufügen und, wie wir sehen, mit Erfolg, da
ausser in 2 Mss. sein Werk in allen anderen dem ersten Buche ange-
häugt w^orden ist. Dieser Ansicht von G. Paris müssen wir vollkommen
beistimmen. Er hätte noch hinzufügen können, dass Gerues trotz seiner
anscheinend grossen Gelehrsamkeit nur die Bibel, aber kein anderes
Werk zitiert^ während der Verfasser des ersten Buches auch Aristo-
teles heranzieht; also auch eine Abweichung, die bei der Verfasser-
oder besser Identitätsfrage wohl ins Gewicht fällt. Besonders gibt
aber unsere Sprachuntersuchung dem französischen Gelehrten recht.
Zwar kann uns ein Werk aus dem 14. Jahrhundert, v^'o das Über-
gewicht des Franzischen in allen Dialekten des Nordens' feststeht,
nicht soviel dialektische Merkmale liefern wie Werke aus dem 12. und
auch 13. Jahrb., auch ist ein so spätes Werk nicht leicht zu lokali-
sieren, doch ersehen wir aus der Zusammenfassung der sprachlichen
Eigentümlichkeiten, dass B, das zAveite Buch, einige sprachliche Züge
besitzt, die in A, dem ersten Buche und in B I, der Hauptinterpolation,
ganz fehlen. Während A nämlich mit seinen Reimen von s-.z, tsits^
der Form ve'ir, der Scheidung von mi-4-cons. und en-\-cons. iee'>ie pi-
kardisch, wenn auch mit franzischer Färbung ist, finden Avir in B
ausser einigen von diesen pikardischen Zügen auch noch normannische
wie z. B. der Reim rieume-.tieume^ der auf das Departement Eure hin-
weist, die Femininform auf -ile (schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts)
und das Fehlen der Reime von ts:ts. B I steht dem Pikardischen
näher, hat aber die Trennung von an -f- cons. und en -\- cons. nicht
streng durchgeführt, ausserdem besitzt es Reime von ic:e und ui:i'
die in A und B nicht vorkommen. Wenn wir die einzelnen Teile
unseres Werkes der Sjn'ache nach zu lokalisieren versuchen, so müssen
wir für A und BI Verfasser annehmen, die Pikarden waren, von denen
aber der von A weiter entfernt von der Isle de France geboren wurde
oder weniger unter franzischem Einfluss stand als der von B I, da-
gegen hat B einen pikardischen Verfasser, der w^ohl in der Nähe der
Normandie zu Hause war, vielleicht zwischen Beauvaisis und Eure.
(Siehe S. 45, wie Langlois diese Vermutung bestätigt.) Die Ver-
schiedenheit der 3 Teile wäre also ausser aus inneren und stilistischen
Gründen auch aus sj)rachlichen erwiesen.
Es bleibt uns noch übrig, kurz einiges über die folgenden Zeilen
zu sagen, die sich vor der von uns nicht beachteten Interpolation
der Liebeslieder beiluden. (Siehe besonders Anhang S. 45.)
Der Ivoman de Fauvcl 337
fol. 23t Sp. 2. Un cleic le loy, Franrois de Bucs
Aus piiioles (lu'il a conceues
Ell ce liviot qu'il a trouv6
Ha bien et clereraent prouvc
Son vif eiigin, son mouveiucnt,
Car il parle trop propreraent.
Ou livret ue quercz ja inen —
Conge. Diex le gart! Amen.
Ci s'ensivcnt les addiclons que mesire ChaiUou de Tesstain a uiises eu ce
livre oiiUre les choses dessus dites qui sont en chant.
Ans diesen Versen geht hervor, dasB Framois de Rues zum mindesten
der Verfasser der Musikstücke von Anfang des Werkes bis fol. 23 ist, das
sind „les choses dessus dites qui sont en chant". Langlois hat es sehr
geschickt verstanden, diesen Francois de lliies mit Gerves oder Gerues de Bus
zu identifizieren. Siehe Anhang S. 45. ChaiUou de Pesstain hat den übrigen
Teil des Romans mit Musikstücken versehen; sieher sind ihm die Liebes-
lieder, möglicherweise auch die Hauptinterpolation B I zuzuschreiben.
Ein späterer Liebhaber, vielleicht auch ChaiUou de Pesstain selbst, ver-
einigte dann alle Musikstücke in unserer Hs. und Hess sie reichlich illu-
strieren. Dazu stimmt auch, dass die angeführten Verse nicht von Fr. de
Eues zu sein scheinen. Vor allen Dingen ist es nämlich auffällig, dass die
Stelle mitten im Text steht, und zwar ohne Zusammenhang mit dem Stück.
Auch dürfte sonst der Ton der Zeilen wohl zu selbstbewusst und voll von
Eigenlob für den Dichter sein. Alles dies führt zur Annahme, dass der
Kopist in einer Hs., die uns nicht mehr erhalten ist, bei dem Musik-
stück an dieser Stelle die Namen der beiden Dichter fand entweder in
Prosa oder in Versen, jedenfalls aber nicht in ihrer jetzigen Fassung, die
entweder vom Kopisten oder vielleicht auch von Pessfain selbst herrührt.
Näheres über das Leben der beiden Dichter hat uns Langlois durch
Aktenmaterial geliefert. Siehe Anhang S. 45—46, ebenso über Jehan
MaiUart S. 46. Unsere Vermutung, dass der Verfasser von B an der
Grenze von Normandie und Pikardie geboren wurde, wird von Lang-
lois urkundlich bestätigt, S. 45.
Als das Jahr der Entstehung von B ist uns in den schon früher
(S. 9) angegebenen Versen 1314 und zwar als genaues Datum le
VP jour de decembre in Hs. 2139 und im Ms. von Petersburg, alle
anderen vollständigen Mss. geben Je seziesnie jour de decemb>-e an, nur
24436 liefert septembre. Letztere Lesung hält G. Paris für die richtige,
weil er aus den vorhergehenden Versen sehliessen will, dass sie noch
zur Regieruugszeit Philipps IV. geschrieben seien, der am ^S). November
1314 starb.
VIII. Anhang.
Kurz nach Ablegung meiner Doktorprüfung erschien die Be-
sprechung von Langlois' Werk: „La vie en France au moyen äge
338 Robert Hess
d'apres quelques moralistes du temps", Paris, Hachette 1908 in Ro-
man ia ßd. 37, 48G/87. Da in diesem Buche ungefähr 30 Seiten vom
Roman de Fauvel handeln, sehe ich mich genötigt, auf den Inhalt
dieses Abschnittes näher einzugehen. Zuerst bringt Langlois ungefähr
dasselbe wie ich über die Entwickelung des Namens Fauvel, um dann
zur Frage überzugehen, ob der erste und der zweite Teil denselben
Verfasser, Gerues du Bus, haben oder nicht (siehe oben unter VH
S. 41— 42), Langlois macht besonders darauf aufmerksam, dass beide
Teile genau datiert sind «circonstance qui n'est pas commune> und
jeder von ihnen deutlich die unter Philipp dem Schönen herrschende
unzufriedene Stimmung verrate. G, Paris' Ansicht, die Ideen, der Stil,
die Lebensanschauung des zweiten Baches weiche von denen des ersten
ab, die verschiedene Auffassung von Fauvel^ im ersten Teil als Tier,
im zweiten als lebende Person, und die Nachahmung des Rosenromans
trete besonders im zweiten Buch stark hervor, seien zu bezweifeln.
Langlois erklärt:
„Les id6es, quoique diflförentes, ne sont nullenieut contradictoires, Je style
est fort analogue et il serait meine aise de relever dang les deux livres de
frappantes similitudes de inots. Quant ä la ciilture, corament affirnier? L'auteur
du second Fauvel avait „unc culture philosophique", celui du premicr cite
Aristote."
Sind dies aber vollständig überzeugende Gründe? Wenn wir auch
alles zugeben, was Langlois als Gegengrüude hervorhebt, hat dann
G. Paris nicht doch recht, wenn er behauptet, der Verfasser des zweiten
Buches habe den ersten Teil so gut nachgealimt, dass sein Werk mit
dem ersten zusammen verbunden blieb? Langlois selbst lässt die
Frage offen, indem er fortfährt: „Quoi-qu'il en soit, le premier Fauvel
presente une parlicularite singuliere". Wir aber sind durch unsere
sprachliche Untersuchung imstande, ein abschliessendesUrteil über die
ganze Verfasserfragc abzugeben. (Siehe unter VII S. 42.) Lang-
lois selbst teilt uns auf Seite 284 seines Buches mit, dass Gervais du
Bus Normanne war, wir haben dasselbe in unserer grammatischen
Untersuchung festgestellt, S. 42. Wäre er auch der Verfasser des
ersten Buches, so müsste auch dieses ebenso wie das zweite normanni-
sche Merkmale enthalten. Dem ist jedoch nicht so; wir finden im
Gegenteil, dass der erste Teil eine viel stärkere pikardische Färbung
zeigt als der zweite, jedoch kein einziges normannisches Merkmal. Wie
wir an der angegebenen Stelle S. 42 festgestellt haben, haben wir es
in Buch 1 und II mit zwei verschiedeneu Verfassern zu tun und können
daher G. Paris' Ansicht voll und ganz unterstützen.
Mussteu wir Langlois in diesem Punkte entgegentreten, so
stinmicn wir in fast allen Fragen, die er sonst behandelt, vollständig
mit ihm übereiu. In VII haben wir die Vermutung ausgesprochen,
Der Roman de Fauvel 339
fliiss die in metrischer Form abweichenden Verse wohl der Grundstock
des ganzen ersten Buches gewesen seien; Langlois ist derselben
Meinung, denn er sagt:
„Nul doute du reste, que Ic passage cn strophcs soit de l'ecrivain qui a
compo86 ce qui procede et ce qui suit . . . On peut faire plusieurs hypotheses
pour rendie compte de cette i)articularite: le plus simple est que l'aiiteur a
fondu enserable des morceaux qu'il avait ecrits d'abord, l'un eu atrophes, l'autre
en vers plats."
Nur über die Interpolation in diesen Strophen (die Beschuldigungen,
die gegen die Teni])ler erhoben werden) ist Langlois anderer Ansicht
als G. Paris und hält sie ebenso wie die anderen Strophen für das
Geistesprodukt desselben Verfassers. Doch ist nicht leicht einzusehen,
wieso die ersten Einleitungsstrophen dieser „Interpolation" keine Er-
gebenheit für die Interessen des Königs an den Tag legen sollen, da
sie ihn doch förmlich in den Himmel heben, was sonst in dem Werke
nie vorkommt. Dass in dieser „Interpolation-' dieselben oder ähnliche
Ausdrücke wie im ersten Buche vorkommen, ist auch nicht beweisend,
da der Interpolator sie doch sehr gut entlehnt haben kann.
Wie schon gesagt, bestätigen die Angaben über Genies du Bus,
die Langlois, auf Aktenmaterial gestützt, in seinem Buche gibt, unsere
Vermutungen betreffs dessen Heimat: „Gervais du Bus etait normand,
comme son nom sufl'irait d'ailleurs'ä l'indiquer, puisqu'il fonda une cha-
pellenie pour faire desservir la chapelle de Saint Jean au Vieil" An-
dely {Eure). [Siehe auch S. 23 die Bemerkung zu dem Reim rieume:
tieume (nfz, rhume : theme), den wir als Eigentümlichkeit des Departe-
ment Eure nachgewiesen haben.]
„11 n'etait pas noble, puisqu'il dut se faire autoriser ä aquerir des rentes
en fief, „sans ce qu'ü pnisse etre constraint a mettre les hors de sa viain on a
faire en finances pour cause de nouhlece'^ . II seuible qu'il n'ait jamais ohtenu,
des cinq rois qu'il servit que des graces extremement modestes cn rt^compense
de ses longs Services. II etait encore vivant en döccmbre 1338."
Das Wichtigste aber, das wir von Langlois erhalten, ist seine vor-
treffliche Aufklärung des Verses mit den Namen Frangois de Eues und
der Zeilen mit Chaillou de Pesstain (siehe oben VII S. 43). Aber nicht:
Un clerc le roy, Franrois de Rues, sondern: Un clerc le roy francois,
de rues ist zu lesen. De rues kann aber nichts anderes als eine viel-
leicht beabsichtigte Verstümmelung von Gerues d. h. Gerveis = Gervais
sein, wie er immer genannt wird. Dadurch wird auch uusere Be-
merkung aufgeklärt, dass Gerues und nicht Gervais zu lesen sei, Gerues
ist nur Verstümmelung des Namens. Siehe auch die verschiedenen Er-
klärungen von Langlois für den Eeim von Gerues und conceues
S. 287/88. Der Sinn der Verse und der darauffolgenden Zeilen in
Prosa ist ganz klar, er ist der von G. Paris gegebene. (Siehe oben
VII S. 43). Der Verfasser der Einschiebungen oder „additions", wie
340 Robert Hess
sie geuaunt werden, war Chaillou de Pesstain. Er war sicherlich ein
Laie, da er sich „mesire" nannte, und gehörte zur Familie der Chaillou,
aus der mehrere hohe Verwaltungsbeamte der franz. Könige im 14,Jahrh.
hervorgegaugen sind. Er ist wahrscheinlich identisch mit messireRaoul
Chaillou, Ritter, Bailli d'Auvergne, a313-1316j de Caux, (1317—1319)
de Touraine (1322), dann membre de la Cour du roi, delegue ä l'Echi-
qnier (d.h. dem höchsten Gerichtshof) de Normandie (1323), euqueteur-
reformateur eu Languedoc (1324) etc. Im Frühling 1337 war er bereits
gestorben. Chaillou und Gervais kannten sich aller Wahrschein-
lichkeit nach persönlich, da sie Jahre lang Seite an Seite am Hofe
lebten. Gervais überlebte, wie wir sahen, seinen königlichen Herrn,
da er erst nach 1338 starb.
Es bleiben uns noch eine Bemerkungen über Jehan Maillart übrig.
In seiner Societe frauQaise au moyen-fige 1904, S. 234 ff. hat
Langlois nachgewiesen, dass Jehan Maillart, Verfasser der „Co n-
tesse d'Anjou" kein anderer gewesen ist als Jehan Maillart, einer
der hauptsächlichsten Clercs der Chaucellerie de France im Anfang
des XIV. Jahrhunderts. Langlois sieht in dem Ms. 146, das unserer
Untersuchung hier zugrunde liegt, ein charakteristisches Denkmal,
das die Tätigkeit eines bis jetzt nicht vermuteten literarischen Kreises
enthüllt. Unter den Clercs der königl. Kanzlei der letzten Kapetinger
gab es mindestens 2 „hommes de lettres" Jehan Maillart undGer-
vais du Fius; ein anderer Diener Philipps des Schönen, ein Chaillou,
der eine grosse Vorliebe für Romane und für die Musik besass, tat
Gervais und Jehan Maillart die Ehre an, ihre Werke zu benutzen,
während er in den Fauvel die Erzeugnisse seiner Muse einflocht.
Dies alles stimmt sehr gut mit den Meinungen, die wir oben in Ab-
schnitt IV (S. 43 ff.) ausgesprochen haben. Buch II stammt also von
Gervais du Bus, die grosse Interpolation aber wahrscheinlich von
Chaillou, der das Werk JehanMaillar ts „La Comtesse d'Anjou"
ausserdem benutzte und das „Chalivali", sowie das Gebet verfasste.
Unterstützt von der ausgezeichneten Arbeit Langlois glauben
wir, jetzt alles von Wichtigkeit zum Roman de Fauvel zusammen-
getragen zu haben. Das übrige bliebe dann der beabsichtigten kriti-
schen Ausgabe überlassen.
Der Roman cle Fanvel 34|
Benutzte Werke.
Aubvy: Le Roman de Fauvel. Reproduotion photograpliique dn Munuacrit
francais M() de la Dibliotliöqiie nationale de Paris. Paris 1907.
Pey: Le Konian de Fauvel abgedruckt nach Ms. 21-lU der Nationalbibl. in Jiilirbueh
für vom. u. engl. Lit. VII 316—343 und 437— 44G.
Handschrift 2139 der Nationalbibl. zu Paris in einer Abschrift benutzt.
Gröbers Grundriss der roni. Philologie Bd. II.
G. Paris: Le Roman de Fauvel in llist. litt. XXXII 108 — 1.'')3,
: Jehan Maillart in llist. litt. XXXI 318—350.
Suchiev-Birch-IIirschfeld: Geschichte der franz. Literatur. Leipzig- Wien 1900.
Grebel: Le Tornoiment Antechrist par Huou de Mery. Diss. Leipzig 1883.
Wimmer: Le Tournoiment Antechrist in Ausg. und Abhandl. auf dem Gebiete
der rom. Phil. LXXVI.
Bruno t: Histoire de la langue franc. Bd. I. Paris 1905.
Meyer-Liibke: Gram, der rom. Sprachen Bd. I u. II, Leipzig ISJ^O u. 1893.
Schwan-Behrens: Grammatik des Altfranzösischen 6. Aufl. Leipzig 1903.;
Such i er: Altfrz. Gram. Teil I. Halle 1893.
Burgass: Darstellung des Dialekts im 13. Jahrb. in den Departements „Seine
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Delp: Etudes sur la langue de Guillaume de Palerne. These Paris 1907.
W. Fo erst er: Die Schicksale des o im Franz. in Rom. Studien HI 174 — 190.
Haase: Das Verhalten der pik. und wallonischen Denkmäler im Mittelalter in
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Jubinal: Gentes, Dits, Fabliaux et autres pieces inedites des XII [e, XIV^, et
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Löwe, Die Sprache des „Roman de la Rose ou de Guillaume de Dole". Diss.
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Stimmiug: Der anglonorm. Boeve de Haumtone. Bibl. Norm. VII. Halle 1899.
Suchier: Ancassin u. Nicolete 4. Aufl. Paderborn 1899.
Tobler: Dis dou vrai aniel. Leipzig 1884.
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Atlas linguistique von Gillierou u. Edmond.
Chassant: Dict. des abbreviations latiues et franc. Paris 1884,
Sternfeld: Franz. Geschichte (Göschen),
Das älteste mittellateinische Gesprächbüchlein.
Von
Prof. Dr. Max Förster in Würzburg.
Die Forschung über die fast in allen europäischen Sprachen nach-
weisbaren mittelalterlichen Sammlungen von kurzen katechismusartigen
Notizen theologischen, historischen und naturwissenschaftlichen Inhaltes,
die meistens — doch nicht durchweg^) — in Frageform dargeboten
werden und daher unter dem Namen von Frage- oder Gesprächbtich-
lein^) in der Literaturgeschichte laufen, ist wesentlich dadurch erschwert,
dass es noch sehr an der Veröffentlichung des einschlägigen Text-
materiales fehlt. Auf die älteste okzidentale Fassung eines solchen
Fragebüchleins hatte schon 1872 Wölfflin hingewiesen und auch die
Schlusshälfte desselben in den „Monatsberichten der kgl. preussischen
Akademie der Wissenschaften" (Berlin 1873) S. 116— 118 zum Abdruck
gebracht. Aber eine vollständige Publikation des interessanten Textes
fehlt immer noch. Als ich gelegentlich einer anderen Arbeit die be-
treffende Handschrift einzusehen hatte, habe ich daher eine vollständige
Kopie desselben genommen, und möchte dieselbe hiermit auch anderen
zugänglich machen.
Der unten mitgeteilte Text findet sich auf Blatt 71a— 78 b der Hand-
schrift Nr. 1093 der Stadtbibliothek zu Schlettstadt und ist dort in einer
Halbunziale um das Jahr 700 aufgezeichnet^). Das Latein, in welchem
uns der Text hier entgegentritt, zeigt sowohl in lautlicher wie in flexi-
vischer Hinsicht allenthalben Anlehnung an die Form der Volkssprache ;
und dies der Grund, warum ich den Text in dieser Zeitschrift darbiete.
1) Ich habe schon bei anderer Gelegenheit (Englische Studien XXIII, 435)
darauf hingewiesen, dass die Einkleidung in Frage und Antwort häufig von den
Kopisten vernachlässigt wird, da sie ja leicht vom Leser wiederherzustellen war.
2) I)ie Literatur darüber findet sich jetzt am besten zusammengestellt in
Walter Suchicrs Habilitationsschrift „Das Provenzalische Gespräch des Kaisers
Hadrian mit dem klugen Kinde Epitus", Marburg 1SȆ6.
.1) Die Literatur über die Hand.'<clirift jetzt bei L. Traube, Zur Paläographie
und Handschriftenkunde (München l'.>09) S. 239.
Das älteste mittellateinische Gesprächbüchlein 343
Die Aiisscliöpfung des vulgärlateinischen Einschlages sei aber den Ro-
manisten überlassen').
Genau dasselbe Gesprächbüclilein ist uns, was bisher übersehen
zu sein seheint, noch in einer zweiten Handschrift überliefert, nämlich
dem Cod. Vat. lat. Reg. 840, fol. 106b- 107a aus dem 9. Jahrhundert 2).
Dort ist der Text aber nicht vollständig erhalten, sondern er bricht am
Fusse von fol. 107a mitten im Satze 34 mit dem Worte 7» «mc?/ ab. Die
Varianten dieser vatikanischen Handschrift (Vj habe ich sämtlich am
Fusse der Seite beigefügt.
Was den Wert beider Handschriften angeht, so bietet im allge-
meinen die Schlettstadter Handschrift den besseren Text. Da, wo die
Lesart der vatikanischen Handschrift vorzuziehen ist, habe ich dies
durch Zusatz eines Sternchens vor das zu bessernde Wort in meinem
Abdruck des Schlettstadter Textes angedeutet.
Über die Entstehuugszeit unseres Gesprächbüchleins vermag ich nur
zu wiederholen, worauf schon Wölflflin hingewiesen hat, dass nämlich
die spätesten chronologischen Daten — Kaiser Justiniau und der Lango-
bardenzug nach Italien — nur bis ins 6. Jahrhundert hinaufreichen.
Ende des 6. Jahrhunderts mag das Werk daher zusammengestellt sein.
Mein Abdruck folgt genau der Handschrift. Doch habe ich die
Interpunktion, Worttrennung und Verwendung von Kapitalen geregelt,
sowie die Abkürzungen durch Kursivdruck kenntlich gemacht.
[1] Inc/pzY^) de plasmationem*) Adam //o/. 7i*/- *Ubi *) lDe?es At^am
plasmauit, ubi Chn's^?/s natus est, *hoc*) in Bethleem ciuitatem'). *Ubi«)
et medius mundus est, ubi ex .im. limus®) terrae et^") hominem fecit,
hoc est, afferentes*') ei angeli, id est, Mihael et Gabriel, üriel, Raphael ^'),
ex. .nu. limus'*) terrae, quod est *per'*) quatluor partes mundi: ab ^*)
aquilone, ab") auslro'"), a"j septentrione^») et meridi^. El posuerunt
iuxta arbore ^') necteris '®), qui est in medio ligni paradisi [fol, 72"']. Et
de quattuor flumina, que sunt in paradiso, Giou, Phison, Tegris, Eu-
fratis*"), sumpta es aqua"), uude consparsum est *ei") ipsum limuw^s),
et factum-*) est imaginem**) *Dei"). De sp^nY^m dicit^^), quomodo
1) Auch die inhaltliche Ausschöpfung rauss ich anderen 'überlassen. Einen
Anfang dazu habe ich gemacht in meinem Aufsatze „Adams Erschaffung und
Namengebung, ein lat. Fragment des s. g. slawischen Henoch" im Archiv für
Religionswissenschaft XI (1908) 477—529,
2) Gedruckt von W.Schmitz, Miscellanea Tironiana (Leipzig, 1896) S.35— 38.
3) Fehlt V. 4) plasmatione V. 5) ihi V. 6) hoc est V. 7) Bethlehem civi-
tateY. S) ibi Y. Q) limuniY. 10) f. V. 11) deferentes Y . 12) et Gabriel, Uriel,
JRaphael f. V. 13) ex quattuor partes mundi limum Y. 14) ex Y. 15) aut V.
16) australe V. 17) et V. 18) septentrionem Y. 19) arbores nectaceris Y.
20) Geon, Fison, Thcchris et Eufrathis V. 21) est aqua f. V. 22) ei f. V.
23) lignum V. 24) facta V. 25) imago V. 26) hominis V. 27) dicitur V.
Romanische Forschungen XXVII. 22
344 Max Förster
missus^) est in Adam. Siciit *.iiii.'^) limus^) terrae plasmatus est*),
ita *ad*) quattuor angulos *terra*) addueta es') aqua*). De qiiattuor
flumimbus consparsum est; ita et de") .im. *neritus''') precepit Dowmi<s.
Et^^) missus^^) est spen72/s") in imag-iuem, et sufflauit ^*) Dominus in
imaginem, et accepit spin'tmn,
[2] [fol. 72^] Primum uerbum *qualem ") dixit Adam ? — Primum
uerbum") *Deo gratias' dixit").
[3] Öicut a quattuor partes mundi'*) *firmatus") est, ita et quattuor
*stillas'"') constitutas") in ^caelos"). De quorum nomen accepit Adam:
*primam") ^stilla^**) Orientalis dicitur Anatoli"*); secunda ^stilla*") *occi-
dentales'^) dicitur Dosis'"); tertia *stilla''") ab aquilone") dicitur Artus ;
quarta ^stilla^") ^mediana'^*) dicitur Mesembrionem^*). De istas quat-
tuor'") *stilla.s=") tulit quattuor litteras, id est: de *8tilla'") Anatoli")
tulit A; [fol. 73^J de ^stilla"") Dosis'') tulit D; de ♦stilla'") Artus tulit
A; de ^stilla'") Mesembrionem") tulit M. Et uocauit'*) nomen eius"')
Adam.
[4] Ex qnibus elimentis'*) constat homo")? — Hoc est'*), anima et
corpus, *sit"') trij)lix*'') est in acto, hoc*') es*'), corpus et animam**),
et H\)irifiis. Corpus ad regendum, auimam*') ad uiuendum, B\nritu8 ad
intellegendum"). Non est aliut*^) ab animam*®) *substantiam*''j sp^'nYM8,
sed tautum decretum"), hoc est, ut ^cerni*") inter bonum et malum.
Dum *auimam'"') et apiritus in^') unu") sunt, quattuor *septies") in
corpore esse uidemus"), [fol. 73^] hoc est, ossibus, neruis") et»«) uenas'^'')
*adque^*) carnem. Cum origo'^") corporis ^sed"") limum adsumptum,
quattuor intrase coutinet'").causi8''''), id") est*'), frigidum, calidum *et**)
umidum"*) et siccuw. Uiuificatus ^est"") corpus per") diuinitatem quat-
tuor in se gerit diucrsitates, hoc est, ut *esuriet**), *et*°) sitiat, ut con-
cupiscat, ut *somnum'"') capiat. Usus''^) autem *corporalis *est") mandu-
caudum, bibendum, *generandum"). Substantia'*) animae spiritaliter
1) missum V. 2) a quattuor V. 3) limos V. 4) est Adam V. 5) et a V.
6) terre V. 7) est V. 8) et aqua V. 9) a V. 10) ventis V. 11) ut V,
12) missum V. 13) spirituin V. 14) insufßavit V. \h) quäle Y. 16) Pr.uerhum
f. V. 17) f. V. 18) wnmcZw.v V. Y.)) formatus \ . 20) Stellas hzw. Stella Y. 21) cow-
stitutas sunt V. 22) cado V. 23) prima V. 24) anathoU V. 25) occidentalis V.
26) dosi V. 27) aquilonis V. 28) meridiana V. 29) mesimorion V. 30) f. V.
31) anathoU V. 32) dosi V. 33) mesimorion V. 34) habet V. 35) f. V.
36) elimentibus V. 37) f. V. 38) est V. 39) et V. 40) triplex V. 41) id est
Y. 42) anima V. 43) anima V. 44) intelligendum V. 45) alius V. 46) anima
V. 47) in suhstantia V. 48) discretum est V. 49) cerneret V. 50) anima V.
51) f. V. 52) unum Y. 53) speculos V. 54) vidimus Y. 55) nervi Y. 56) f. V.
51)veni. bS)atqueY. m) geniusY. C)0)sitY. 61) f. V. G2) causasY. G3) inter Y.
64) et vor calidum V. 65) humidum Y. Gö) f. V. 67) pro V. 68) esuriat V.
69) ut Y. 70) somnium V. 71) usos V. 72) corporalis est] confestim quattuor
rebus expletur, hoc est V. 73) generandum, videndum Y. 74) substantie V.
Das älteste mittellateinische Gesprächbüchlein 345
quattuor *modi') subsistit*), hoc est, sensum, [fol. 74^] sapientia^).
volumtateni^) et cogitationem. Sensus pertinet ud uitam, conBilium ad
cogitationein"), *8apieiitiam *) *intellectum*'), *uolümtas "') ad aedificu-
tionem *).
[5j Quibus *modi') formadus^«) est homo? — vii, hoc es"), aiidi-
tum, uisum, gustum, *gre8Siis'^) et ucrbum. vii") *ad'*) ratiouauiliter'^)
confirmatus est homo, id est, intellcctus'*), cousilium, cogitatio*''), patien-
tia**), pietate*"), humilitatem^°) et sapientiam.
[6'] Tribus modis") dluiditur^'i): contempnetur*') homo per**) spem,
per") fidem, per"*) caritatem. [fol. 7PJ
[7] lnci\iit de septew ponderibus, iinde factus es Adam^ fides"):
Pondus limis*"): *quia*'') de"*) limo") *factus"") *est"'). Pondus maris:
inde sunt*") lacrime salse*"). Pondus ignis: iude .sunt*^) alita*") ^caldas").
Pondus uenti: inde est") flatus**) frigitus"). Pondus rux*^): iude sudor
humano") corpore"). Pondus floris^*): inde est*^) uarietas oeulorum.
Pondos feni*"): inde est") diuersitas capillorum*'). Pondus nuuium"):
inde est stauilitas**) *in *mente").
[8] Mulier autem ex noue") pundura*'') facta est**). Et *propter*»)
majorem [fol. 75 ""J calorem habet*"), quia de ossibus *Adam"), id est,
de Costa facta est; sicut dixit: hos^'j de ossibus meis et caro de carne
mea. De Adam et") de")Euam") dicit"), qui originem *simul") creati
sunt, Corporaliter autem non insimul facti sunt: Adam fuit factus in
mundo"), mulier in paradiso. Adam de se") eins latus") costae")
1) modts V. 2) intelliguntur V. 3) sapientiam V. 4) voluntatem V. 5) Sensus
bis cogitationem fehlt V. 6) sapientia ad intellectum V. 7) vohmtas V. 8) diffini-
tionem V. 9) modts V. 10) firmatus V. 11) est V. 12) gressum, g\istum,
odoratum, factum V. 13) Septem V. 14) ad] modis V. 15) rationahiliter V.
1^) intellectum Y . 11) cogitationem Y . 18) patientiamV. 19) pietatem Y . 20) f. V.
21) Unleserlich in V. 22) Nur -etur zu lesen iu V. 23) j^ro Y. 24) et V.
25) Verderbt aus id e$<X> (nach R. Wünsch, brieflieh). Die ganze Überschrift f. V;
statt dessen De octo pondera factus est Y. Überdies ist der Abschnitt 7 in
V verstellt: nämlich vor De Plasmatione Adam (oben Abschnitt 1). Dass aber
die Stellung in S das Ursprüngliche ist, wird dadurch bewiesen, dass der eng
damit verknüpfte Abschnitt 8 in beiden Handschriften an dieser Stelle über-
liefert ist. 26) Urne V. 27) inde V. 28) f. V. 29) facta est caro V. 30) salsi
erunt lacrime V. 31) f. V. 32) anela V. 33) calida Y. 34) f. V. 35) frigida
V. 36) rori V. Der ganze Satz Pondus rori: inde sudor steht in V am Ende
des Abschnittes 7. 37) f. V. 38) solis V. 39) f. V. 40) lunae V. 41) f.
42) capillarum V. 43) nubium V. 44) stahilitas V. Hier haben beide Hss. einen
Fehler: es muss offenbar instabilitas heissen. 45) mentium Y. 46) novem V.
47) pondera V. 48) Dahinter in V : quia Eva de käme facta est. 49) propterea V.
50) Dahinter in V: et plus duriorem mentem habet. 51) adae Y. 52) os Y.
53) adam eua dicittir V. 54) insimul V. 55) mundum V, 56) f. V. 57) latus
exivit V. 58) costa V.
22*
346 Max Förster
exiuit, unde facta *es^) miilier; *8ig'nifica ^) Christum^ de cuius
latere') aqiiam*) et saDguis fluxit, unde per baptismum facta est
*ecclesiam'').
[9] Adam *sex*) *diebu8*) plasmatus est, significat Christum sexta
miindi etas') [fol. 75^] factus«) *es«).
[10] In") cainem') Adam etEuam'") absque Abel et Cain habuit")
.XXX. filios et .xxx. filias.
[11] Uixit autem Adam annos dccccxxx et mortuos^'') est x. kl.
*Septembi-ias'^) *m") loco qui dicitur Arbe"), ubi*') Abraam*') et Isaac
et lacob sepiiltii«) siint^'), hoc *es"), in Ebreon^") ciuitate in prouincia")
Allofilonim"), iibi fuit habitatio gigantorum; ubi et Dauid unctus fuit
in regno^*), .xu.^^j milia") prope Hieiusalem ciuitatem.
[12] Duo Adam fuerunt: unus *plotoplausto") et alios") Baon"),
que'«; occisit") Madia'") in campo [fol 76''] Moab.
[13] Quis primus inuenit artem musicam, id est, Organa *i) aut lira")
uel omnem^^) genera^*) uallorum^*)? — louaP*) de genere Cäin, filius")
Adam.
[14] Quis primus fauer^«) fuit? — TobaP") *et^'') Cain^»), *fratres")
lobas*').
[15] Da**) principio mundi usque ad diluuio") quod") anni fuerunt?
— .11. annorum et super .11.") annos**) .ccl.*').
[16] Quautos annos habuit Noe, quando *incipit") fabricare ar-
cam")? — d.
[17] In quantos annos fabricauit arcam")? — c").
[18] Quantum") temporum") fuit'*) in") arcam")? — Anno")
uno").
[19] Quantos dies fuit super aqua arca"*) — cl").
[20\ Ubi *requiebit''") arca, [fol. 76'7 quando ^restituit")? — Super
*muntem ^'^) Armeni ").
1) est V. 2) significat V. 3) latus V. 4) aqua V. 5) ecdesia V. 6) sexta
die V. 7) aetatem V. 8) natus est V. 9) f. V. 10) Eva V. 11) habuerunt V.
12) mortuusY. 13) SeptevibrisY. 14) Davor richtig inV: et sepiiltus est VIII
Kalenäis Septewhris. 15) arabia V. 16) et ubi V. 17) AbramY. 18) sepultus
est V. 19) est V. 20) ebron V. 21) patria V. 22) alophilörum V. 23) regno
Christi V. 24) f. V. 25) protoplaustus V. 26) alter V. 27) Sabaoth V. 28) qui
V. 29) occidit V. 30) madian V. 31) Organum V. 32) lera V. 33) omnes V.
34) generationes V. 35) pallorum V. 36) lubal V. 37) filium V. 38) faber V.
39) Tubalcain V. 40) frater V. 41) lohal V. Lies lubal (Genesis IV, 21).
42) de V. 43) diluvium V. 44) Lies quot. 45) f. V. 46)an«wV. 47) CCLII
V. 48) inceint V. 49) arca V. 50) arca V. 51) in C Y. 52) quanto V.
53) tempore V. 54) fabricavit V. 55) arca V. 56) annum V. 57) integrum V.
58) f. V. 59) (:LI V. 60) requievit V. 61) restitit V. 62) montem Ärathim V.
63) Armcvnia patria V.
Das älteste mittellateiuische Gesprächbüchlein 347
[21] *Quantu8') filios habiiit NoeV — in. Sem, Cham et laphet,
bui inter se diuiseriint terram*). Sem accepit in') orieiitem, Cham ad
meridie, laphed*) ad oceidentem. iii ])artes de toto mundo feceruut,
id est, una pars dicitur Asia, alia Africa, tertia Eriij)pa'^).
[22] De tres filios Noe. lüde exortae") sunt Ixx ct^) ii gene-
rationis«): de Sem Chaldci, Ebrei, Greci"); de Cham Afri, Egipti^"),
in>') hoc sunt'»)Mauri; de laphet'') *Italiai*), Galli'«) et Spauiterrami").
[23] k'') patre'") *Abrahami'') [foL 77«/ fuerunt anni m cxcni^-«).
[24] Ilabraam'*) cento annorum genuit Isaac; '•''piimus") genuit
Hismahel")de'*) Agar'*). Mater ■-^) Hismabelitaruw'") Agar") enim"). Et
modo dicti sunt") Sarracinorum "). *Pate'") HismaheP") primus *sagit-
tatur»') fuit.
[25] Fuerunt autem a principio mundi usque ad Moisen llP^a) cv
anni").
[26] Quis primus litteras Gregas'^) inuenit? — QuononoeP*).
[27] *Ante'^) medicinara'') *qui") *primis'*) inuenit? — Apollion.
[28] Quis primis nauem fecit? — Orpheus"), magister Hirculis").
[29] Quis primus litteras Latinas inuenit? — Carmitis*') *nepha*^).
[30] [fol. 77^] Da") Moisen**) usque ad Dauid fuerunt anni ducenti
septuagiuta quinque.
[31] Quis primus rex fuit") in**) Irael")? — Saul*').
[32] Post IUI cccviii*^) ^annus*") Hellas raptus est in caelo.
[33] Quis primus *stateriam *") fecit? — Fudunacius").
[34] Post IUI cccc et") viiii^') annos da**) principio mundi ^«)
fuerunt usque quod Romolus Roma fabricauit.
[5:^] Quis primus milite in obsetio misit? — Romolus.
[35] Quis primus Imperator fuit? — lulianus et Octabianus. Ante
Chr/.s^i aduento fuerunt.
1) quantof' V. 2) terra V. 3) ad V. 4) lafet V. 5) Europa V. 6) ortae V.
7) f. V. 8) generationes, unde electi sunt octo generationcs, id est V. 9) et
greci V. 10) egyptii V. 11) f. V. 12) est V. 13) lafet V. 14) Itain.
15) et Galei V. 16) Spanitarum V. 17) f. V. 18) patri V. 19) Dahinter
richtig in V: De principio mundi usque ad Abraham. 20) CLXXXIIII anniY.
21) abraham V. 22) primum et Y. 23) Ismahel V u. so stets. 24) relegavit (?) V.
25) pater V. 26) Ismahelitarumque Cantor V. 27) Agareni V. 28) quos V.
29) pater V. 30) Ismael V. 31) sagittarius V. 31a) IUI- V. 32) f. V.
33) f. V. 34) Zonomhel V. 35) artem V. 36) mediana V. 37) quis V.
38) primus V. Die nächsten vier Worte fehlen in V. 39) Horreus V. 40) Hercoli V.
41) Carmentis V. 42) niwfa V. 43) de. 44) moyse V. 45) fuit rex V.
46) f. V. 47) Saul, filiiis Israel Y. 48) CCCVIIJIY. 49) annos V. 50) stateraY.
51) Fidunatus V. Gemeint ist Fhidon Argivus (Isidor, Oiig. 16, 25 = Migne
82, 590). 52) f. V. 53) LVIIII V. 54) deY. 55) Hier bricht die vatiktmischtj
Handschrift unten auf fol, 107r ab.
348 Max Förster
[36] Da principio mimdi usque quod [fol. 78"] ChristuB natus est V
xxviii anni fuerimt.
[37] fSignatus es Tiuerius imperatur in Hjerusalem regnante Herode
rege.
[38] Qiiis primus gemma in') auro misit aiit mittere iussit? —
Dioclitianus.
[39] Qui<8> primus litteras Guticas inuenit? — Goulphyla Gothoruni
c\iiscopuB.
[40] Fuit autem ad^) principium mundi usque quod Langobardi
iu Italia praesiderunt V dcelxx et n anni, tempore lustiniano impe-
ratore.
[41] Quantas natiuitas Chr/s^2<s habuit? — .im. Prima natiuitas
Chr/s/i diuinitatis a pater ante saecula. Secunda natiuitas per ad-
sumptionis carnis de Maria uirginera. Tertia per baptismum, ut fierit
primog-enitos in multis fratribus. Quarta natiuitas primogenitus ex
mortuis resurrexit. Ita et hominem quattuor natiuitati<s> sunt. Prima
generatio corporis, id est, figuratio. Secunda anima creatio. Tertia in
baptismo recreatio. Quarta in resurrectionem regenerationem.
[41] Christus post 'xxx* annos baptizatus fuit. xxx et 'ii* annos
et uno medio in terra ambolauit.
1) I aus G korrigiert. 2) Lies a.
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe.
(Vgl. „Romauische Forschimf^eii" XVI, 321—353.)
Von
August Aiidrae.
Hätous-nous d'econter les dölicieuses
histoirea du peuple, avant qu'il les
ait oubliees . . .
(Charles Nodler, „Contes de la veillee".)
Was mir iu den letzten Jahren weiter auf diesem Gebiete vor Augen
und Ohren gekommen ist, soll als Zusatz und Nachtrag- zu meinem
früheren Beitrage — Das Weiterleben alter Fablios, Lais, Legenden und
anderer alter Stoffe (R. F. a. a, 0.) — in der vorliegenden kleinen
Arbeit niedergelegt werden. Die vorgeführten Stoffe sind meistens die
alten, dieselben geblieben; einige andere damals nicht erwähnte sind
neu hinzugekommen. Von einem Unterbringen der Stoffe in die ver-
schiedenen Arten des Weiterlebens — Sammlungen, Episoden, Ein-
schaltungen, Lesebücher, Anekdotensammlungen, Zeitschriften, Zeitungen,
Gedichte, poetische Erzählungen, Bühne, mündliches Weiterleben — ist
diesmal abgesehen, zumal das ein jeder beim Lesen nach den Angaben
leicht selbst bewerkstelligen kann. Zuerst eine kurze Vorbemerkung
zu der 17. Geschichte der „Nouveaux contes de jadis" von Mendes.
Paul Sebillot erzählt in seineu weiter noch unten zu nennenden
„Contes" eine ähnliehe Vertretung eines Heiligen, „Saint Denige; so
lange die Holzstatue nicht fertig ist, soll er sich in die Nische stellen.
Darauf geht er auch ein. Als man ihm aber einen „coup de rabot"
geben will, stürzt er heraus. Und zu der 19. Lafontaines einst an
der Comedie Fraugaise vielgegebenes Lustspiel, das auf eine Versnovelle
Ariosts zurückgeht, „La coupe enchantee" („Zauberbecher") hat jetzt
Stoff für eine zweiaktige komische Oper von Pierne und Matrat ge-
liefert, die auch bei uns in Stuttgart aufgeführt wurde (Näheres im
„Figaro" vom 27. Dezember 1905 und in der „Frankfurter Zeitung"
vom 27. Februar 1907). Vom „kurzen Mantel-' und „Schweinskopf''
liest man auch noch in Percys „Reliques" und in Herders „Stimmen".
Angespielt wird kurz auf das „Drinkin^ Horii" und den „Mantle" in
350 August Andrae
Scotts ßoman ,,Tlie Abbot/' Wir ergänzen mm die frühere kurze Be-
merkung
Vom gegessenen Herzen. Das Stück des südfranzösischen
Dichters Jean Aicard, „La legende du coeur-', ist im Sommer, Juli KK)o,
im alten Theater zu Orange bei den Festspielen zum erstenmal mit
grossem Erfolg aufgeführt worden. Als Quelle hat dem Dichter die
bekannte Troubadourgeschichte Boccaccios aus dem ^Dekaraeron" ge-
dient; doch hat er sich nicht streng an seine Quelle gehalten und
Eigenes hiuzugetan (vgl. „Der Tag" vom 16. Juli, „Figaro" vom 14.
und „Journal des döbats" vom 15. und 16.). Mit demselben Erfolg fand
dann im September die erste Aufführung in Paris, im Sarah Beruhard-
Theater statt (vgl. „Figaro" vom 29. Sept.). Der Stoff schien damals
so zu sagen in der Luft zu liegen; von einem Ferdinand Esselin
wurde dem „Figaro" vom 29. Juni 1903 mitgeteilt, dass auch er ein
Drama in sieben Bildern über den Troubadour Cabastaing und Mar-
garetha von Roussillon beendet habe. Manches, so von AutTührungen
in Spanien und Italien beruhte auch auf Erfindung. Aber bereits das
18. Jahrb., wenn nicht ein früheres, hat den Stoff' der Bühne zugänglich
gemacht: mir sind drei Stücke bekannt : „Gabrielle de Yergy", tragedie
von M. de Belloy (1770), der ausserdem der Verfasser der eingehenden
Abhandlung „Memoires historiques sur la maison de Coucy, sur la
Dame de FaieL & surEustache de Saint Pierre" (1770) ist, „Fayel",
ein Trauerspiel in fünf Aufzügen: aus dem Französischen des Herrn
d'Arnaud, Leipzig zu finden bey Schwickert 1771. Ein drittes, weniger
bekanntes, „La Comtesse de Fayel" wird vom „Figaro" (28. Sept. 19C»3)
bei der Wiederaufnahme der Burleske „Le Sire de Yergy" namhaft ge-
macht. Dann wissen wir, dass Müller v. Königs winter mit einem
Trauerspiel „Die Kastellanin von Yergy beschäftigt war und dass es
eine nachgelassene Oper von Donizetti gibt. „Gabriella di Vergy",
Neapel 1844. Der grosse Bühnenerfolg der Legende und der Burleske
lenkte natürlich die Aufmerksamkeit auf den berühmten Stoff' — „de
toutes parts sorrent des etudes et des commentaires sur la celebre
legende" — so bringt „The Times literary Supplement vom 29. Mai 1903
einen Artikel „Strange adventures of a medieval story", und dem „Fi-
garo" vom 3. Mai 1903 wird eine Eomanze aus dem 18. Jahrh. von dem
Herzog de la Valliere, „Les infortunees amours de la dame de Fayel,
epouse du barbare sire de Vergi, et de Eaoul de Coucy" mitgeteilt:
vielleicht dieselbe, die in Eduard von Bülows Erzählung „Der Bi-
gamist" das Landmädchen Jeaunette zur Unterhaltung der Gäste singt.
Ja, weit und breit, im Kord und im Süd. früh und spät wird von der
Geschichte gesagt und gesungen. Konrad von Würzburg besingt
„Die Herzmäre' schon früh im 13. Jahrb.; eine nordische Ballade „Vom
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 351
gegessenen Herzen" teilt Mohnike in seineu „Altschwedischen Balladen"
mit. Das „Dictiounaire d'anecdotes, de traits singuliers et caracte-
ristiques, historiettes, bonsmots, naivetüs, saillies, reparties ingenieuses,
&c. &c." uouvelle edition augmentee. Tome second. A. Paris, chez la
Combe, libraire, Quai de Conti MDCCLXVIir Avcc approbation &
privilege da roi — erzählt sie unter „Jalousie", und zwar in zwei
Fassungen, in der zweiten, einer sjjanischen, setzt die beleidigte Gattin
dem Gatten das Herz der Geliebten vor. Die „Nouvelles et legendes"
recueillies a Demuin (bourg jücard) par Alcius Ledieu, Paris 1895,
bringen sie ebenfalls: „Le chatelain de Coucy et la dame de Fayel".
Eine poetische Bearbeitung des Stoffes liefert noch Paul Sebillot in
„La Bretagne enchantee (poesies sur des themes populaires, Paris o.D.):
„La dame de Hunaudaye". Vergessen wir nicht, dass der Stoff auch
unseren Uhland zu seiner prächtigen Dichtung „Der Castellan von
Coucy" angeregt hat.
Eröffnet wird Uhlands Zyklus „Sängerliebe" mit „Rudello", worin
der Dichter die bekannte abenteuerliche Liebesgeschichte dieses
Troubadours poetisch behandelt, die auch Heinrich Heine zu seiner
phantastisch-romantischen Pvomanze „Geoffroy Paidel und Melisaude
von Tripoli" und zu den Rudellostrophen in „Jehuda ben Halevy" an-
geregt hat Vogl dichtet die Ballade „Melisunda". Dramatisch behandelt
dann diesen Troubadonrstoff" Kostand in der „Princesse lointaine".
Von einer Oper, „La legende de Eudel", Musik von M. Castro, Dichtung
von H. Brody — wahrscheinlich durch „La legende du coeur" angeregt —
war noch Rede im „Figaro" vom 1. Mai 1904.
Vom Ritter, der seine Fran dem Tenfel gab (Ein Marienwunder.)
Die frühere kurze Mitteilung erweitere ich dahin, dass das Stück im
Pariser Odeontheater zum erstenmal im April 1903, am vorletzten
„literarischen und dramatischen" Sonnabend aufgeführt wurde. An
diesen „Sonnabenden", die Ostern zu Ende sind, finden kurze Auf-
führungen dramatischer Seltenheiten statt, denen eine literarische Be-
sprechungvorhergeht. Das Stück, das auf einem alten Mysterium beruht,
liegt auch im Druck vor (Paris 1903) und wurde bis in den Juni hinein
dann und wann mit anderen kleinen Stücken zusammen aufgeführt.
Der Inhalt ist in wenig Worten: Ein Ritter, der dem Spiel leidenschaftlich
ergeben ist, verliert im Spiel all sein Hab und Gut an den Teufel, dem
er gegen die goldschaffende Schaufel seine Frau verkauft. H. Die heilige
Jungfrau erbarmt sich der Schlossherrin, nimmt ihre Züge und Gestalt
an, schlägt den Teufel in die Flucht und führt alles zum guten Ende.
Wie schon gesagt, findet sich die Legende auch bei Gottfried Keller,
der seinerseits durch die 1804 erschienenen Prosalegenden K o se g a r t e n s
angeregt wurde.
352 August Anclrae
Vom Springer. In Paris fand die erste Aufführung des Mirakel-
spieles von Massenet im Mai 1904 an der Komischen Oper statt
(„Figaro' 11. Mai); andere Aufführungen erlebte das Werk in der Royal
Oi)era in London („Times" 10. Juni lÜOd, gelobt werden das „AUeuia
du vin", „La legende de la sauge" u. a. ; sowie im Kgl. Hoftheater zu
München („Allgemeine Zeitung" und „Müuchener Neueste Nachrichten"
vom 19. Juni 1903: sehr schöner Erfolg). Eine Anspielung auf die
Geschichte von A. France — the Friar . . who had been an acrobat,
stood on his head before the high altar to the glory of God — in
„The Times literary Supplement-' vom2ß. Juni 1903 bei der Besprechung
des Stückes „Where there is nothing."
Von der sündhaften Nonne. In Wielands „Vermischte Schriften"
steht ein Artikel ..Tresor de l'ame'^ Auszüge eines so betitelten merk-
würdigen Buches aus dem 15. Jahrb.; hierin nun wird die bekannte
Marienlegende neben anderen vom Dichter erzählt; ebenso in den
„Contes de la veillee" von Charles Kodier, „Legende de Soeur
Beatrix" (1838). „tire d'un vieil hagiographe, nomme Bzovius . . ." Mau-
rice Maeterlinck hat den alten Legendenstoff' dramatisch bearbeitet,
als Singspiel in drei Akten; Aufführungen im Neuen Theater zu Berlin
Februar 1904, im Hamburger Thalia-Theater („Hamburger Nachrichten"
vom 7. April) und im Müuchener Volkstheater im Juni. Die vergebende
göttliche Liebe im Menschen ist der Grundgedanke der Dichtung wie
der Legende.
Der Geiger zu Gmünd. Dieser Stoff" ist ja aus Justiuus Kerners
schönem Gedicht genug bekannt geworden. Dann gibt es noch eine Ballade
vonWilh. Gräfin Wicken bürg -Alm asy, „Friedel, der Geiger" (nach
einer Legende aus Tyrol); abgedruckt in Reclams „Deklamatorium".
Heinrich Seidel tiicht die „Märe von einem fahrenden Geigerlein
aus der alten Zeit" in seinen Band „Die Augen der Erinnerung und
Anderes" (1897) ein. Erfolgreiche Tondichtungen, die den Geiger zum
Gegenstande haben, rühren her von dem Leipziger Karl Reinecke
und dem Schweizer Hans Huber (vgl. „Berliner Tageblatt" vom 14. Mai
und „Frankfurter Zeitung" vom 23. Februar 190(3). Als Ballett für die
Kopeuh agener Bühne ist die alte Legende von P. A. Rosenberg und
dem Komponisten August Enna zurechtgemacht, „Der Goldschuh der
heiligen Cäcilie". Das im Molieretheater zu Paris von den „Cadets de
France" im Mai 1905 aufgeführte vieraktige Musikdrama von M. Jacques
Roullet und M. H. Eymieu, „La legende du menetrier", benutzt
den ersten Teil der Legende : Ludwig, ein armer Minnesänger, sucht
die Kirche auf, verspricht der Heiligen, sie stets in seinen Dichtungen
feiern zu wollen, und bittet sie um eiue Gabe. Da geschieht ein Wunder;
die Statue belebt sich und überreicht dem Säuger das Perlenhalsband.
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 353
Er wird nun des Diebstahls angeklagt . . . (vgl. „Figaro" vom 27. und
„Der Tag" vom 31. Mai 1905).
Die Jnngfran vertritt den ihr ergebenen Bitter im Kampfe.
R ticke rt behandelt den alten Stoff in seiner Ortslegende „Maria Sieg-
reich".
Tom Sehneekind (alter Fabliostoff; siehe B edier S. 398 u. 460).
Eingefügt wird die alte Geschichte, die auch in Paulis „Schimpf und
Ernst" zu lesen steht, in eine Klostergeschichte von Ludwig Laistner,
„Schneekind" betitelt („Illustrierte Deutsche Monatshefte" Mai 1877) und
kurz erzählt in der „Frankfurter Zeitung" vom 22. März 1905 bei der
Erklärung des Namens Schneeburg (Breisgau).
Der angeführte Teufel (Ernte vertrag). Eine russische Fabel, „Der
betrogene Bär", wird in der „Wiener Mode" vom 1. März 1908 mit-
geteilt, jedenfalls identisch mit „Der Bauer und der Bär". Der Teufel
als angeführter Baumeister enthält eine andere Gruppe von Sagen.
Der Mönch von Heisterbach,
„Ich zog ja gestern morgen fort!"
Zwölf Jahre warst du fern vom Ort.
„Zwölf Stunden währte kaum die Nacht!"
Zwölf Jahre hast du durchgebracht.
(Karl Gerock, „Tannhäuser")
Die alte Legende, die schon Pauli erzählt, will den Ewigkeitsgedanken
verherrlichen und zeigen, dass die schönsten Stunden am schnellsten,
wie im Fluge dahineilen. Schon der Bibel ist der letzte Gedanke
nicht fremd, wenn es im ersten Buch Mose heisst: Also dienete Jakob
um Rahel sieben Jahre, und däuchten ihn, als wären es einzelne
Tage, so lieb hatte er sie . . . Eine Aufführung der einaktigen
Märchenoper „Der Klosterschüler von Mildenfurth" fand auch im Neuen
Theater zu Leipzig, Sommer 1905 statt und fand eine sympathische
Zustimmung; die Musik klingt vielfach an Wagner an. Anlässlich
des Todes der englischen Schauspielerin Miss Nellie Farreu (vgl.
„The Times" vom 29. April 1904) wurden Stücke aufgezählt, worin
sie eine Rolle gespielt hatte, darunter „Rip van Winkle". Dieses
Stück, das unseren Stoff humoristisch behandelt, ist, wie ich be
merken kann, eine musikalische Burleske von Robert Reece und
Meyer Lutz, die sich auf die Bearbeitung der alten Legende
von Washington Irving stützt und in den 70ern im Charing
Cross-Theater zu London aufgeführt, aber nicht gedruckt wurde. Der
Stoff gehört ja der Weltliteratur an und ist ungemein verbreitet. Immer
und immer wieder bringen die Sagen- und Märcheusammlungen Fassungen.
So „Deutscher Sagenschatz" von J. W. Otto Richter: „Abt Erpho
354 August Andrae
von Siegburg-" (Rheinprovinz; eine Stunde — 300 Jahre), „Im Para-
diese", „Der unverwesliche Ebersbach" (Mecklenburg) u. a. ; die „Kinder-
und llausmärchen aus der Schweiz", Aarau 1869: „Der junge Herzog"
(3 Tage — 300 Jahr), die Sammlung „Aus dem Zauberlande" vonA.H.Fogo-
witz: „Das Nebelkästchen" (3 Jahre — 300 Jahre). Dies ist die japanische
Fassung der Sage (nur mit deutschen Namen), wie sie die „Frankfurter
Zeitung" vom 28. Februar 1904 erzählte: „Der Traum eines Sommer-
tages" von L. Hearn (Tokio). Eine Tanzpantomime mit unserem Stoff
wird erwähnt in den „Erinnerungen an Yokohama" *von Mathilde
Boy er („Hannoverscher Courier" vom 14. Juli 1907). „Das Laternen-
fest", eine chinesische Fassung, von dem Engländer W. T. Stead,
übersetzt von Käthe Schiffner, in „Für unsere Jugend" (Beilage zur
„Sonntags Zeitung für Deutschlunds Frauen'', Jahrg. 1904/5), ist eine
interessante Variante, die jedenfalls das grosse Interesse der Chinesen
am Schachspiel kennzeichnen will. Eine russische Fassung erzählt die
Beilage zum Jahresbericht des Görlitzer Realprogymnasiums, 1903:
,, Sechs russische Volksmärchen'', mit Anmerk., übers, von Dr. Max
Müller: „Ein unbedachtes Wort" (1 Tag — 3 Jahre). Französische
Fassungen bringt Sebillot in seinen „Contes des paysans et des
pecheurs", Paris 1881 : „La houle du chatelef (deux joars — dix ans)
und „La fleur du rocher''. Von Co Is hörn gibt es eine Fassung, die
sich an den Ort Gilde a. d. Aller knüpft, „Die Zwerge im Schalksberge":
eine Magd steht bei einem Zwergkinde Gevatter; sie glaubt drei Tage
im Berge gewesen zu sein, während es in Wahrheit 300 Jahre gewesen
sind. Dann erinnere ich anTiecks reizendes Feenmärchen „Die Elfen"
(Marie ist sieben Jahre, die sie für eine Nacht hält, im Elfenreiche ge-
wesen). Rudolf Baumbach fügt die Sage als Episode in sein er-
zählendes Gedicht „Frau Holde" ein; der alte Schäfer erzählt sie seiner
Tochter zur Warnung, sie soll sich beim Kräutersuchen nicht zu lange
im Walde aufhalten; denn zur Zeit der Sonnenwende ists da nicht ge-
heuer. Diese Einschaltung hat Ähnlichkeit mit der bekannten Kyffhäuser-
sage „Das Brautpaar von Bennungen". Eine hübsche Fassung lese ich
in „Des Knaben Wunderhorn" : ,, Die Eile der Zeit in Gott" (Aufenthalt
im himmlischen Garten; ähnlich Pfeffels Legende „Bathille") ;
Fr. W. Webers Gedicht „Hans Höllenknecht" mit gegenteiligem
Inhalt (Aufenthalt in der Hölle). G. von Leinburgs episches
Gedicht „Der Abt von Heisterbach" ist ebenfalls eine poetische Be-
handlnng der Unsterblichkeitslehre, der natürlich die Rheinsage vom
Mönch zu Heisterbach zugrunde liegt. Anspielungen, kurze Erwäh-
nungen in Eichendorffs Novelle „Eine Meerfahrt" („die furchtbare
Sage vom Venusberg"; Gerocks Ballade!), in der Siebengebirgstour
„Der Elefant und das Esclein" von Artur Fürst (,,Berliner Tageblatt"
vom 23. August 1904) und in einem Artikel der „Kölnischen Zeitung"
Weiterleben und Verbreitung einij^rer alter Stoffe 355
vom 28. April 1907), „Lena Düren". — Man liest hin und wieder in
den Zeitungen vom Erwachen aus lang-jährigem kataleptischen Schlaf;
die Erinnerung; an die Ereignisse des früheren Lebens ist frisch im
Gedächtnis geblieben, als wären sie erst gestern geschehen: man findet
zum Erstaunen die Angehörigen sehr gealtert und kann nicht glauben,
dass das Leben so lange — in einem Falle 31 Jahr — ausgesetzt
haben soll. Sollte sich die Sage aus solchen Fällen mit entwickelt haben?
Vom Soldaten, der in der Kirche Karten spielt oder von der
geistlichen Anslegnng der Karten. Eine derartige gereimte Karten-
erklärung wurde mitgeteilt in einem Aufsatze des „Sonntagsblatt zur
Unterhaltung und Belehrung" (Beilage der „Göttinger Zeitung" vom
27. März 1904): ,,Die Karwoche", eine Schilderung des Volksbrauches,
von Dr. J. Haupt. Solche Erklärungen, die sich auf die Vorgänge
derKiirwoche und sonstige religiöse Dinge beziehen, sind weit verbreitet.
Auch die „Chansons populaires^', recueillies dans les Alpes frangaises
(Savoie etDauphine) par JulienTiersot(1903) sind dabei vertreten. Eine
englische Prosafassung bietet die Sammlung: „The library of anecdote",
containing remarkable sayings . . . London: published by G. Berger,
Holywell Street, Strand, 1839: „Cards spiritualized"; die Geschichte
wird hier von einem Soldaten aus Glasgow erzählt. Ausführlich hat
über den Stoff gehandelt Job. Bolte in der „Zeitschr. d. Ver. f. Volksk."
liiOl, S. 3760". u. 1903, 84ff.
Die Witwe von £phesns.
Diese Geschichte steht in alten Büchern
geschrieben; und darum uiuss sie wol
wahr sein, ihr lieben, treuen Weiber!
(Aurbacher, „Von der Weiber
Lieb' und Treu". Ein Schwank
„Volksbüchlein".)
Im Bremer Stadttheater wurde der Einakter des Russen Tsche-
chow, „Der Bär", im Oktober 1904 zur Aufführung gebracht, eine
moderne Variante des alten Stoffes, den Chamisso von Lafon-
taine, dieser von dem römischen Satiriker Petron entlehnt hat.
Das Stück ist bei ßeclam in Druck erschienen. Aber früher ist
der Stoff schon dramatisch bearbeitet worden: „Die Wittwe von
Ephesus". Ein Lustspiel in einem Aufzuge, von August Klingemanu.
Nach einer historischen Anekdote, mit Benutzung des Lessingschen
Fragments bearbeitet. — Ernst August Friedrich Klingemann 1777
bis 1831. Lessing gedenkt des Stoffes in der „Hamburgischeu
Dramaturgie'^ Nach ihm hat dann auch Hoffmeister sein Satyr-
spiel „Die Witwe von Ephesus" gemacht, das im Harzer Bergtheater
im August 1906 aufgeführt wurde (vgl. „Tageblatt für Thale a. H.
356 August Andrae
und Umgegend^' vom 14. August 1906). Dann soll noch von Julius
Berstl eine einaktige Groteske „Die Witwe von Epliesus" in Jakob-
sohns „Schaubüline'' erseheinen (vgl. „Literarisches Zentralblatt" vom
März 1907); in einer Figaronotiz (18. Dezember 1905) war Rede von
einem dreiaktigen Stück ,,L'Inconsolable" (le sujet tire de la Matrone
d'Ephese). Eine poetische Bearbeitung, „Die Matrone von Epheso",
brachten die „Belustigungen des Verstandes und des Witzes" auf das
Jahr 1743, Jenner, Leipzig. Goethes „Wahlverwandtschaften" (H, 4)
bringen eine Anspielung, sowie schon ein in meinem Besitze befind-
licher alter schweinslederner Band aus dem 17. Jahrhundert, eine
Reisebeschreibung. Bei dem französisch schreibenden vlämischen Dichter
Georg Rodenbach finden sich moderne Bearbeitungen des Stoffes
(vgl. „Der Tag" vom 16. und „Berliner Tageblatt" vom 10. September
1903: gleich am Anfang wird die alte Geschichte erzählt). Als Döntje
ist der Stoff behandelt in der Sammlung „Riemels un Döntjes", spassige
Geschichten un Klöönkram von Willenn S.chröder, Berlin 1872:
,.De vorsichtige Wittwe'' (soll mit Heiraten so lauge warten, bis Gras
über des ersten Mannes Grab gewachsen ist; sie säet nun Grassamen
und begiesst). Noch zwei humoristische Gedichte aus den „Meggen-
dorfer Blättern" (Nr. 809, 1906 und Nr. 874, 1907): „Der Aschenkrug"
und „Treue". In einer Anekdote des „Clausthalischer allgemeiner
Harz-Berg-Calender" auf das Jahr 1814 ist ein Witwer bald der
Getröstete.
Vom Hasen des hl. Petrus (ein Lügenmärchen). Der Stoflf ist
noch poetisch behandelt von Hoffmann von Fallersleben in den
Kinderliedern, „Der grosse Hund" (21. Januar 1845) und unter dem
Titel „Der Ritter und sein Knecht" nach Simrocks „Deutschen
Volksbüchern" in einem Lesebuche von Schulze und Steinmann
(Ochse— Esel-Kalb— Fuchs).
Die drei Wünsche. Die alte Wurstgeschichte wird kurz in einer
Skizze von Agnes Härder erzählt, „Die drei Wünsche" („Die Woche"
vom 1. September 1906). Dann bemerke ich, dass das Kindertheater
sich des Stoffes bemächtigt hat: „Drei Wünsche", ein lustiges Weih-
nachtsmärchenspiel von Ebeling Grau und „Unüberlegte Wünsche",
Märchenlustspiel in einem Akte von A. Schnitze, mit Anspielung auf
die Wurstgeschichte (Ludwig Blochs „Kindertheater" Nr. 98 und 48).
Nicolas von Troyes' 53. Geschichte kommt ebenfalls in Betracht.
Der Menschenfresser. Ich finde eine solche Geschichte noch in
der Sammlung „Chefs- d'oeuvre des i)rosateur8 frangais" au 19. sifecle
par L. Collas et V. Tis so t 5. ed. Paris 1892: „Une aveuture en
Calabre" (von P.-L. Courier, 1773—1825) . . . „Eh bien! enfin,
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 357
voyons, faut-il les tner tous deux?'' — „Oui^^ — Diese Unterhaltung
beziehen die beiden Reisenden auf sich, während die deux chapons
gemeint waren.
Von der alten Frau, die dem Richter die Hand schmiert
(alter Fabliostoff). Der Strassburger Prediger Geiler von Kaisers-
berg (1445—1510) flieht die rührende kleine Geschichte in eine
Predigt ein (vgl. „Zeitschrift für den deutschen Unterricht'" vom
25. Mai 1906: „Humor auf der Kanzel" von Prof. Dr, A. Denecke).
Vom Schrank, der für ein Fenster gehalten wird. Auch
diesen Schwank, den man ebenfalls in Paulis „Schimpf und Ernst"
findet, flicht er in eine Predigt ein.
Die drei Sünden des Einsiedlers. Pfeffel hat den Stoff in
seinem Gedicht „Die Wahl'' behandelt; Lessing erwähnt ihn im
Vorspiel zum „Faust". Die Fassung in Ludwig Aurbachers „Volks-
büchlein'' (2. Aufl. 1830), „Das Testament des Vaters", lässt die Sünde
der Unzucht nicht begehen. Eine arabische Legende mit unserem
Stoff" lautet nach dem „Figaro" vom 30. September 1905 („Les crimes
du Soleil" von Georges Claretie): Le demon se presenta un jouv h
l'homme et lui dit: Tn vas mourir! Cepeiidant je puis te faire grace de la vie,
h l'uue de ces conditions: Tue tou p6re, frappe ta soeur ou bois du vin !
L'homme choisit le crime le raoius grave. II but du vin. Mais s'etant enivre,
il maltraita sa soeur et tua son pere . . .
Sankt Peter und die Landsknechte („Schipp up Strand!"). Von
den Lebaern, den Fischern des Städtchens Leba, erzählt Gustav
Schalk die alte verbreitete Strandgeschichte (Unterhaltungsbeilage
zur „Tägliche Rundschau'' vom 11. Dezember 1898: „Ein zweites
Viueta"). Eine Fassung aus Rügen, „Schipp in Sicht!", teilt Oskar
Dähnhardt in seinen „Schwänken aus aller Welt'' (1908) mit. Die
Halbmonatsschrift „Niedersachsen'' vom 15. November 1906 erwähnte
in dem Artikel „Balladendichter" ein Gedicht von Benzmann, „Die
Strandräuber im Himmel", das doch jedenfalls den Stoff zum Gegen-
stande hat, und spielte in der Nummer vom 1. Okt. 1908 auf die
„Juisters"' an („Sin Droom").
Des Pfarrhündchens Testament (alter Fabliostoff; vgl, B edier,
S. 473). Eine arabische Fassung teilt das „üictionnaire" unter „Juges"
mit; Pfeffel lässt die Begebenheit ebenfalls im Orient spielen. Auch
Pauli kennt die Geschichte schon.
Von der geteilten Pferdedecke (alter Fabliostoff" mit Lear-
motiv; Bedier, S. 463). Die berühmte weitverbreitete Geschichte vom
Kindesundank! In einer Beilage der Zeitschrift „Zur guten Stunde"
1903, „Klassischer Humor", wird eine sprachlich erneuerte Fassung ausder
358 August Andrae
alten Sammlung von Pauli, „Schimpf und Ernst", gebracht. Als Anek-
dote teilt sie „Allgemeiner Reichs- und Haushaltuugs-Kalender auf das
Jahr 1787 für die churf.-Braunschw.-Lüneburg. Lande" mit. Ich erinnere
noch an das Gedicht in „Des Knaben Wunderhorn", „Das vierte Gebot"
(nach einer alten Handschrift; der Alte ist ein König, ein Lear), das
Catulle Mendes als Vorlage gedient zu haben scheint. Dann be-
merke ich, dass auch Guillaume Bouchet, 1526 geb. (Näheres
in der „Revue des traditions populaires" XXXHI, Nr. 5, Mai 1908:
„l'raditions populaires et ecrivains poitevins") in seiner Geschichten-
sammlang „Les Serees'S einer Art Rahmenerzählung, die alte Ge-
schichte erzählt, ,, Legen donnee par un fils ä son pere" (31. Abend;
seree). „Romania'' April 1908 macht Paul Meyer bei einer Hand-
schrift besprechuug mit einer dritten Redaktion des alten Fablios be-
kannt und äussert sich kurz dazu: „ce conte, plus moral que la plu-
part des fableaux, existe aussi sous forme latine, et, ä titre d'exemplaire,
a ete cite par les sermonnaires et les moralistes du moyen äge (wie
bereits früher bemerkt). Eutin, il a penetre sous forme vulgaire en
mainte litterature''. Es gibt viele ähnliche Geschichten vom Kindes-
nndank, gleichsam Abzweigungen vom Stamme, so die, wo der Alte
zu seinem Sohne, der ihn infolge eines Streites auf den Hof hinaus-
schleppt, sagt: „Halt ein, weiter habe ich meinen Vater auch nicht
geschleppt!" Zuerst vor langen Jahren im Konfirmandenunterricht bei
Durchnahme des vierten Gebotes gehört; wieder daran erinnert wurde
ich bei Besprechung eines Buches „The Vrouw Grobelaar's Leading
Gases" („The Times Literary Supplement'' vom 8. Dezember 1905),
und, ich muss gestehen, zu meiner Überraschung. Gleich die erste
Geschichte hat den Schluss: „Leave me here, my son, Thus far I
dragged my father". Das war natürlich die einst in der Kindheit ge-
hörte Geschichte, die übrigens alt, verbreitet (bei den Buren) und
schon von Aristoteles gekannt ist. Ich las sie dann auch inCasparis
bekanntem Buche „Geistliches und Weltliches", 1. Aufl. 1853, woraus
sie natürlich der Pfarrer wusste und das ausserdem die Stamm-
geschichten „Katzentröglein" und „Geteilte Pferdedecke" enthält.
Doch wir müssen noch einmal zu dem französischen Erzähler
Bouchet zurückkehren, der nämlich in der 15. seree einen Gauner-
streich erzählt, der auch sonst verbreitet ist und den wir
Die ergaunerten Stiefel benennen wollen. Er betitelt seine Fassung
„A chacuu sa botte". Es handelt sich in den Streichen kurz um einen
Gauner (Schelm), der sich ein Paar Stiefel (Schuh) zu erschwindeln
weiss, bei einem Schuster den rechten, bei dem anderen den linken.
Diese Stiefelgeschichte steht nun auch im „Zeit-Verkürtzer'', Augsburg
1G75, „Der schlechte Sliefelkäufer", wonach sie Dähnhardt in seineu
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 359
Schwänken mitteilt. Ferner berichtet sie Hans Fraung-ruber in
seinen „Ausseer G'schichten*' (Erzählungen und Seliwäuke; Keclam),
„Die Schuaeh" (ein Knecht weiss sich auf diese Weise ein Paar Tanz-
schuh zu verschaffen), und noch das „Wilhelmshavener Tageblatt" vom
16. Juni 1908 lässt sie sich von einer anderen Zeitung unter der Über-
schrift „AVie einer billig zu Schuhen kam" aus China als harmlosen
Gaunerstreich eines chinesischen Spitzbuben erzählen. Vermutlich ist
die Anekdote aus dem in Schanghai erscheinenden „Ostasiatischen
Lloyd" oder einer anderen orientalischen Zeitung in die Tagesblätter
des Westens eingedrungen. Vielleicht stammt sie, wie auch so manche
andere, überhaupt aus dem Osten. Dann aber hat, last not least,
unser grösster plattdeutscher Dichter, Fritz Reuter, sie in seinem
Läuschen „Dat stind up Stun'ns sihr slichte Tiden" verwendet.
Vom Bauer im Paradies. Der alte Fabliostoff, ein Schelmen
streich, auch unter dem Namen ,,Der Weg ins Paradies" bekannt, ist
als Kiudermärchen, z. B, unter der Überschrift „Die klugen Leute^' in
unsere Sammlungen übergegangen. Ich finde den Schwank noch in
den ostholsteinischen Volksmärchen, die Wilhelm Wisser unter dem
Titel „Wat Grotmoder verteilt" aus dem Munde der Leute sammelt;
neue Folge, Jena 1905: „De Mann ut 'n Paradies'^ und in Jakob Freys
Schwanksammlung „Gartengesellschaft" (1556): „Von einem Schüler,
der nach Paris ziehen wollte". Noch die Halbmonatsschrift „Nieder-
sachsen" erzählte in der ersten Augustnummer 1908 das Stückehen
aus dem Emslande (Ämslandske Vertellsters). Im Nordischen ist die
„Reise" ebenfalls bekannt. Endlich hat Otto Roquette noch die
alte Geschichte poetisch bearbeitet, „Der fahrende Schüler":
Ob er in'8 Paradies noch kam,
Oder was sonst ein Ende nahm,
Hans Sachs thut davon kein Bericht,
Der uns zuerst gab die Geschieht!
Die war natürlich schon vorher durch das französische Fablio
und auch wohl aus Pauli bekannt geworden.
Vom bnnten Zelter. Das hübsche Fablio wird noch erzählt in
„Neue Volksmährchen der Deutschen" von Benedikte Naubert,
Leipzig bei Weygand 1789 — 92, und zwar in dem Märchen „Jungfern-
sprung und Rosstrab".
Vom Baner als Arzt (Fablio und Meliere). Bei uns, auch aus-
wärts, in Belgien, hat sich in den letzten Jahren die Gunst der Dra-
matiker und Komponisten dem Allervveltsschelm Till Eulenspiegel
zugewandt; mehrere Bühnenwerke über ihn sind entstanden, von denen
uns augenblicklich nur die Volksoper ,,Till Eulenspiegel'' von E. N.
Romanische Forschungen XXVII. 23
360 August Andrae
ßeznicek hier Daher angeht, die auch im Kgl. Operuhause zu Berlin
aufgeführt wurde (vgl. „Der Tag" vom 7. Mai 1903). Sie benutzt
nämlich als letztes Stücklein den Streich „Die Heilung der Kranken",
mit dem Verbrennungsmotiv, das sich bereits im altfrauzösischen Fablio
,,Du vilain mire", aber nicht in M olleres Lustspiel „Medecin malgre
lui^' vorfindet, das doch sonst wohl auf das Fablio zurückgeht. Vom
Fablio aus geht es über, in den „Pfaffen Ameis", von hier in ,,Till
Eulenspiegel" (in die Streiche).
Vom Waschfass. Die alte Farce ist auch der Bühne zu-
gänglich gemacht; ich kenne ein französisches Stück von Gassil des
Brulies, „La farce du cuvier", comedie du raoyen äge arraugee en
vers modernes, Paris (o. J,), Vgl. noch 0. Schraders Buch^ „Die
Schwiegermutter und der Hagestolz'' (Besprechung in „Frankfurter
Zeitung" vom 2. August 1904, wobei die Farce erzählt wird).
Der Kupferschmied (alte Farce). Alter, weitverbreiteter, in den
verschiedensten Gestalten verarbeiteter Stoff. Unser Kenter wieder
benutzt ihn für sein Läuschen „Du dröggst de Pann weg". Goethes
Ballade „Gutmann und Gutweib" gehört auch in diesen Kreis Ge-
schichten. Vgl. noch R. Pischel, „Gutmann und Gutweib" in Indien
(„Zeitschrift der deutschen morgenl. Gessch." Bd. 58, 1904).
Le lai d'Aristote (vgl. B edier, S. 446). Der berühmte seit den
ältesten Zeiten in allen Sprachen und Gestalten bearbeitete Stoff! Dit-
furth („Alte Schwanke und Märlein neu gereimt", Heilbronu 1877)
macht eine lauge gereimte Geschichte daraus: „Alexander und Aristo-
teles" (nach von der Hagens „Gesammtabenteuer"). Wie damals im
„Figaro" von Anatole France zu satirisch-politischem Zweck, so
wird die Geschichte auch jetzt wieder im „Berliner Tageblatt" vom
6. April 1908, „Aristoteles und Phyllis", erzählt.
Vom Ehemann, der ein frivoles Liebesabenteuer glaabt erlebt
zn haben, mit einer Fremden, während er es mit seiner eigenen Frau
hat, handeln noch zwei neue französische Stücke, „L'Escapade",
comedie en trois actes de M. Georges Berr und „Les Dragons de
rimj)eratricc", opera-comique en trois actes de MM. Georges Duval
et Albert Vanloo, musique de M. Andre Messager („Figaro"
vom 19. April 1904 und vom 14. Februar 1905). Eine Novelle Eduard
von Bülows, „Frauentreue: Männertugend", nach Bandello, ist des-
selben Inhalts. Ebenso der „Maskenschwank" in der früher schon
angeführten Zeitschr. „Preussischer Volksfreund" (Nr. 166, 1837). Karl
Immermanns „Der Carneval und die Somnambule" läßt sich auch
als Maskciischerz anführen. Das Abenteuer lässt sich bis in alte Ge-
schichten hinein verfolgen (vgl. Bedier, S. 465, bei dem Fablio „Le
meunier d'Arleux").
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 36I
Die Höhle Ton Salamanka (Fubliostoff wie „Le povre clerk").
Die urspiÜDgliche dramatiscbc Bcarbeituug Emil Götts hicss ,;Der
Schwarzkünstler" und wurde 15 Jahre nach der Entstehung in einer
Sondervorstellung des Giesseuer Theatervereins am 20. März 1906, und
kurz darauf auch in Marburg mit grossem Erfolg aufgeführt. Nach
Götts Bearbeitung „Verbotene Früchte", und nach Cervantes selbst
hat dann Edgar Istel seine einaktige, komisch-romantische Oper
„Der fahrende Schüler" angefertigt, die ebenfalls bei der Uraufführung
im Karlsruher Hoftheater am 24. März lUOG und im Erfurter Stadt-
theater am 16. Februar 1908 einen durchschlagenden Erfolg erzielte
(vgl. „Münchener Neueste Nachrichten" vom 27. März 1906 und „Er-
furter Allgemeiner Anzeiger" vom 18. Februar 1908). Einen eben so
grossen Erfolg hatte die in Kopenhagen im September 1903 aufgeführte
und nach dem An der senschen Märchen gedichtete Komödie von
Gustav af Geijerstam, „Der grosse und der kleine Klaus". Das
interessante Stück ist von Gertrud Klett für die deutschen Bühnen
bearbeitet und für das Hebbeltheater erworben worden. Eine ein-
aktige komische Oper von Waldemar Wendland, „Das kluge Fell-
eisen", die vom Stadtthealer in Magdeburg erworben wurde, behandelt
ebenfalls diesen Stoff. Vgl. auch das letzte Stück der Sammlung
„Niederdeutsche Bauernspiele älterer Zeit" herausg. von J. Bolte und
W. Seelmaann (1895). Als „Eine curieuse und sehr lustige Historie"
steht der alte Schwank in „Verbesserter auf die Stadt Zelle und
Braunschweig- Lüneburg . . . accurat gerechneter Zeit- und Geschichten-
Kalender auff das Jahr 1713".
Vom Sehen des nicht yorhandenen Gegenstandes („Das Wunder-
theater"). Ich bemerke zunächst, dass Fuldas „Talisman" in einer
französischen Bearbeitung von Marsolleau in den Bouffes-Parisiens
März 1905 aufgeführt wurde („Figaro" vom 23. März). Sodann gibt
es eine Erzählung von dem Madonnenhaar, das in einem italienischen
Kloster aufbewahrt, jedem gezeigt wurde, aber nur der sehen konnte,
der sich um die Jungfrau besonders verdient gemacht hatte. Auf
diese Geschichte spielte ein Artikel in der „Frankfurter Zeitung" vom
7. Juni 1903 an, „Das Haar der Madonna" (aus dem Russischen ins
Deutsche tibersetzt).
Vom Erhöhten und Erniedrigten (Kesselflicker Schlau). Der
uralte Märchenstoff beweist seine Lebensfähigkeit bis in die neueste
Zeit. Die Morwitz-Oper im Schillertheater zu Berlin führte am
27. Juni 1908 eine Oper „König für einen Tag" auf; das ist nun zwar
kein Original werk, sondern unter diesem Titel hat Paul Wulff die
alte bekannte komische Oper Adams „Si j'etais roi" eingerichtet und
ein immerhin anmutiges Werk für die Bühnen gewonnen. Shake-
23*
362 Augast Andrae
speares und Plötz' Lustspiele erlebten ebenfalls Neubearbeitungen
und Neuaufführungeu. Die „Historiette" aus dem „Dictionnalre" teile
ich hier mit : Philippe le Bon, Duc de Bourgogne. se promenant im soir ä
Bniges, trouva dans la place publique un homme 6tendu par terra, oii il dor-
moit profond6ment. II le fit enlever, & porter dans son palais, oii, aprös qu'on
l'eut dfepouillö de ses haillous, on lui mit une chemise fine, un bonnet de nuit,
& on le coucha dans un lit du Prince. Cet ivrogne fut bien surpris ä son reveil,
de se voir dans uue süperbe alcove, environnö d'Officiers plus richement habil-
les les uns que les autres. On lui demanda quel liabit son Altesse vouloit mettre
ce jour-lä. Cette demande acheva de le confondre; mais aprös mille protesta-
tions qu'il leur fit qu'il n'etoit qu'un pauvre Savetier, & nulleraent Prince, il
prit le parti de se laisser rendre tous les honneurs dont on l'accabloit: 11 se
laissa habiller, parut eu public, ouit la Messe dans la Chapelle Ducale, y baisa
le niissel; enfiu, on lui fit faire tontes les cer6monies accoutumees: il passa ä
une table somptueuse, puis au jeu, ä la promenade, & aux autres divertisse-
ments. Apres le souper, on lui donna le bal. Le bon-homme ne s'etant janiais
trouve ä teile f^te, prit liböralement le vin qu'on lui presenta, & si largeraent,
qu'il s'enivra de la boune nianiere. Ce fut alors que la comedie se dönoua.
Pendant qu'il cuvoit son vin, le Duc le fit revetir de ses guenilles, & le fit
reporter au meme liou d'oü on l'avoit enleve. Aprfes avoir passö lä toute la
uuit, bien eudormi, il s'öveilla, & s'en retourna cliez lui raconter ä sa femme
tout ce qui lui etoit effectiveruent arrive, comrae ctant un songe qu'il avoit
fait. Cette historiette a fourni le sujet d'uue Comedie Italienue: Arlequin toii-
jours Arlequin.
Philipp der Gute, der sich den Scherz erlaubt, lebte im 15. Jahr-
hundert, man erzählt auch von seinen Gelagen Wunderdinge. Die
„historiette" zeigt den Stofl' mit seineu Stufen der Erhöhung und Er-
niedrigung in reinster Form: Schlaf (Eingeben eines Schlaftrunks), An-
ziehen der schönen Kleider, ins Bett gelegt werden, Erwachen und
Erstaunen, Verhalten im Zustande der Erhöhung — Schlaf, Anziehen
der schlechten Kleider, an die alte Stelle gebracht werden, Erwachen
und Erstaunen! Die Komödie, auf die zuletzt angespielt wird, gibt es
in der Tat; und zwar in zwei Fassungen. Die ältere, ursprüngliche
lautet: Arlequin toujours Arlequin, Comedie en un Acte & en Prose.
Par Messieurs Lelio fils, Dominique & Romagnesi. Representee
pour la premiere fois par les Comedieus Italiens ordiuaires du Roi
le 10. Aoüt 1726 (die Pariser Nationalbibliothek und das Britische
Museum besitzen das Stück, das wohl nicht gerade eine Seltenheit ist).
Antonio Francesco Riccoboni 1707—1772 ist der Sohn des be-
kannteren Ludovico R., der als Darsteller unter dem Namen Lelio
bekannt ist, der auch auf den Sohn übergegangen zu sein scheint.
Die jüngere, spätere Fassung, die mir allein vorgelegen hat, trägt
dieses Titelblatt:
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 363
Arlequin
toujours
Arlequin,
sujet Italien en un acte.
Mis en comedlc, & redige par scönes, avec
des changemeuts & des augmentations,
Par
la Sieur Terrodak,
Arlequin fran^ois de la Conißdie italicune de Paris.
Kcprßsente k la Haye, le . . 1750.
Prix 8. Sols.
A la Haye,
Se vend chez Pierre Gosse Junior,
Libraire de S. A. R.
1750.
Gleich in der ersten Szene wird der Leser und Ziiscliauer mit
der Sachlage bekannt gemacht; er erfahrt, dass „pour giierir l'extreme
Melancolie oü le Prince sou fils est tombe, 11 (der König) veut que
nou8 enivrions nn Paysan, qne nous le transportions ä la Cour & ä son
reveil lui fassions croire qii'il est Roi". Arlequin wird zu dieser Rolle
geeignet gefunden. In der achten Szene sieht er sich dann beim Er-
wachen als König und fängt nun an seines neuen Amtes zu walten.
Diese Szene bildet in diesem, wie in all den Erhobungs- und Er-
niedrigungsstücken (Calderons „Leben ein Traum") den Haupt- und
Höhepunkt; auf sie richtet sich das Hauptaugenmerk. Eine eigent-
liche Erniedrigung erleben wir nicht; man will noch sehen, wie sich
der vermeintliche König bei der Nachricht von herannahenden Feinden
benimmt; beim Schiessen reisst er aus, lässt König König sein und
heiratet seine Colette. Der Scherz aber hat seineu Zweck erfüllt und
den Prinzen erheitert. Auf die herrlichste, poetischste Bearbeitung des
Stoffes von der Erhöhung und Erniedrigung spielten wir schon an, auf
Calderons Schauspiel „Das Leben ein Traum". Auch hier lassen sich
die Stufen wieder verfolgen; Calderon hat den alten Stoff gekannt und
benutzt. Die Bearbeitungen des Stoffes gehören ja dem heiteren, humo-
ristischen Gebiet an; das spanische Stück bildet eine Ausnahme.
Äusserst humoristisch und heiter verwertet H. Landois das Motiv
wieder in seinem humoristischen Roman „Frans Essink" (10. Aufl. 1905).
Der wird im „knüppeldicken" Zustande in ein Mönchsgewand gesteckt,
auf dem Kopfe „ratzekahl" rasiert, an der Klosterpforte aufrecht hin-
gestellt, mit einem Worte zu einem Pater erhöht. Beim Erwachen
wird er auch als solcher behandelt, so dass er schliesslich selbst an-
fängt an seiner Person irre zu werden. Die Erniedrigung stellt sich
beim Nüchternwerden bald von selbst ein. Die Erhöhung zum Mönch
finde ich auch in dem Märchen „Der Fuhrmann" (aus der Wetterauj
364 August Andrae
in Franz Hofmanns „Neuer deutsclier Jugendfreund", 52. Band).
Unsern Stoff behandelt noch A. von Weilen, „Shakespeares Vorspiel
zu der Widcrsp. Zähmung" (Frankfurt 1884), Nachträge dazu von
Varnhagen in Gott. gel. Anz. 1884, S. 558 ff. und von Bolte im
„Genn. Jahresbericht" VI, S. 115. Vgl. auch meine kleinen Beiträge
in „Anglia-Beiblatt" 14, S. 142ff. und Jahrg. 1908 S. 299 ff. („Zum
Vorspiel zu Shakespeares „The Taming of the Shrew").
In dem Märchen „Der Fuhrmann" ist der Stoff mit einem andern
verschmolzen, der auch sehr verbreitet und viel bearbeitet ist:
Vom Wahrsager, ohne es zu wissen („Doktor Allwissend"). Es
handelt sich um einen Diebstahl, ein armer Teufel meldet sich als
Entdecker; drei Tage Frist werden ihm gewährt, hat er bis dahin die
Schuldigen nicht heraus, so muss er sein Leben lassen. Wenn er nun
auch ohne alle Hoffnung ist, die Diebe je zu entdecken, so hat er doch
wenigstens für drei Tage gut Essen und Trinken. Wenn nun der
Diener am Abend mit dem Essen kommt, so seufzt er: „Das war schon
der eine!" und meint damit den ersten Tag, während der Diener —
die Diener sind die Diebe — es auf sich bezieht. So geht es den
zweiten, den dritten Tag; die Diebe glauben sich entdeckt und ge-
stehen die Tat dem armen Schelm, der als Wunder der Weisheit ge-
priesen zu Reichtum und Ehre gelangt — ja, wenn einer Glück haben
soll! Diese Gescliichte ist unzählige Male, weit und breit, in Prosa und
Poesie behandelt. Eine französische Fassung, „Le devin sans le savoir",
liest man in „Le Berry" parLaisnel de la Salle, Bd. 2, Paris 1902
(44. Band der „litteratures populaires"). Das Buch „Zigeunerhumor"
(250 Schnurren, Schwanke und Märchen), Leipzig 1907 („Der Volks-
mund", alte und neue Beiträge zur Voiksforschuug, herausgegeben von
Dr. Fried. S. Krauss, Bd. 9 und 10) bringt zwei Fassungen, „Das
Füchslein im Sack" und „Der unfehlbare Wahrsager". Eine andere Fassung
bringt Aurbacher im „Volksbüchlein", „Die guten Tage". Als indische
Anekdote erzählt in „Zur guten Stunde", Heft 8, 1907, nach einem Buche
des Missionars Fe r dinandHahn, „Der Simpel". Auch RodaRoda
lässt seine Bearbeitung „Der Wahrsager" („Meggendorfer Blätter"
71. Band, Nr. 3, 1907) im Osten spielen. Die Halbmonatsschrift „Nieder-
sachsen" vom 1. April 1906 machte mit einer plattdeutschen Fassung
bekannt, „De Preester", dem Volksmunde nacherzählt von P. As-
uiuasen. Ein Gedicht endlich haben wir von Noack, „Der Köhler
und die drei Diebe", abgedruckt in Deutsches Lesebuch von Karl
Hansen, H. Teil, 11. Aufl. Harburgl881 und „Kinderschatz", Deutsches
Lesebuch von H. Schulze und W. Steinmann, H. Teil, 1899:
Einst war einem König sein Goldschatz gestohlen,
Er Hess seine Selier und Wahrsager holen:
„Dreitausend Dukaten gelob' ich zum Preis
Dem, der zu erkunden die Räuberbrut weiss" . . .
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 365
Das Hemd des Glücklichen. Wieder ein alter berübmter, lebens-
kräftiger, bis in unsere Tage hinein bearbeiteter Märebenstoff, mit dem
Grundgedanken, dass Zufriedenlieit ein gar seltenes Gut ist auf Erden,
Ehren und Keichtiim nicht zufrieden maeheu und nur der zufrieden
und glUeklieh ist, der gottselig und genügsam ist. — Zunächst erzählte
der „Feierabend", Sountagsblatt zum „Kbeiderland" (Weener-Ostfries-
land) vom 22. November 189G die Geschichte, mit der Überschrift „Zu-
friedenheit". Die im „Caleuder auf das 459. Hchalt-Jahr nach Christi
Geburt" 1836, Braunschweig (Job. Heinrich Meyer) stehende Fassung,
„Der Talisman", ist Aurbachers „Volksbücblein", das ja damals
gerade erschienen war, entnoomieu. Es liegen auch noch poetische Be-
arbeitungen vor. Der literarische Vortragsabend, den der „Nieder-
sachsentag" im Herbst 1903 zu Hannover veranstaltete, war nieder-
sächsischen Dichtern und ihren neuesten, noch uugedruckten Dichtungen,
die durchweg eine freundliche Aufnahme fanden, gewidmet. Neu dar-
unter befand sich „Das Glückshemd" von G. Müller- Suderburg.
Ich fragte beim Verfasser des Inhalts wegen an; er teilte mir in liebens-
würdiger Weise seine wohlgelungene Ballade, die wie wohl anzunehmen
war, unseren Stoff zum Gegenstände hat, aber ihrer Länge wegen hier
nicht zum Abdruck gebracht werden kann, schriftlich mit. Ebenfalls
eine poetische Bearbeitung brachte das „Daheim" vom 13, Mai 1905,
„Das Hemd des Glücklichen" (nach einem alten Märchen erzählt).
Charles Nodier (1783—1844), dem wir bereits die Legende „von der
sündhaften Nonne" verdanken, hat auch diesem Stoffe seine Auf-
merksamkeit geschenkt; seine Dichtuug „Babouk ou Thomme heureux"
geht auf das Arabische zurück. Der Stoff stammt überhaupt wohl aus
dem Osten.
Vom neidlscben Bnekligen. Wiederum ein alter in den ve^--
schiedensten Gestalten verarbeiteter Stoff, Die damals in der Wiener
Hofoper aufgeführte komische Ballett-Pantomime (um eine solche handelte
es sich) in drei Akten von Fr. von Radler und Joseph Bayers hiess
„Das Buckelhaus am Bergl" (so nach einem verrufenen Gebäude Alt-
Wiens genannt;' Ankündigung und Inhalt im „Wiener Tageblatt" vom
28, Dezember 1899); am 4. Februar 1900 zum erstenmal mit grossem
Beifall gegeben und zwölfmal wiederholt. Der Verfasser teilt mir noch
mit, der Stoff dieser Volkssage habe sich per traditionem von Mund
zu Mund erhalten und finde sich in ähnlicher Form in vielen deutschen
Städten, wie die meisten Sagen des Mittelalters. — Das ist ja wahr.
Paul Sebillot teilt in seinem Bande französische Fassungen mit, „La
danse des fees", „Les sorciers de Knea" und „Les chats-sorciers et les
bossus" ; bei Souvestre findet sich Ähnliches. Die Märchensamm-
luug „Aus dem Zauberlande" ist mit pReinhold, der Geiger", und der
366 August Andrae
„Sagenschatz" von Richter mit „Die buckligen Musikanten" (Rhein-
provinz) vertreten. Von K. F, Meyer ist das Gedicht „Fingerhütchen"
anzuführen.
De Panel qui faisoit les *** grans et roides (altes Fablio).
Ich lese die zotige Geschichte von dem Ringe „qui faisoit croitre le
m ... de demi pied" noch bei Nicolas de Troyes in dem „grand
Parangon des nouvelles nouvelles", 16. Jahrhundert. Zu der 24. Geschichte,
„D'uu boulcnger qui fut 'amoureux d'une chamberiere . . ." bemerke
ich kurz, dass sich eine ganz ähnliche bei Maupassant befindet, „La
Patronne", in der Sammlung „Les soeurs Rondoli", der aller Wahr-
scheiulichkeit nach Nicolas als Quelle gedient hat. In der Sammlung
„Boule de Suif hat Maupassant eine Geschichte „Rose" (als Kammer-
jungfer verkleideter Verbrecher); auch diese ist wohl nicht eigene Er-
findung; man liesst schon eine ganz ähnliche in der Monatsschrift
„Kosmorama^' 1856, Nr. 9: „Eine gefährliche Bonne.*^
Yon der geschorenen Wiese (altes Fablio; Bedier, S. 467).
Reclams „Universum" vom 25. August 1904 erzählt unter „Politik und
Völker" die alte berühmte Geschichte von der Widerspenstigkeit der
Frauen zu politischem Zweck. Eine schwedische Fassung bringt
Emilie Flygare- Carlen in ihrer Erzählung „Die Rose von Tistelö":
Schneider und Frau können sich nicht darüber einigen, ob abgeschnitten
oder abgerissen werden muss.
Brnnain^ la yache au pretre (altes Fablio; Bedier, S. 451).
Dähnhard bringt in seinen Schwänken eine Fassung aus Tirol, „Zwei-
fache Vergeltung". Das Stückchen aus Dänemark, „Der Pastor und der
Schmied" ist mit dem alten Fablio „Le vilain de Farbu" verwandt:
der dumme Bauer spuckt in die Suppe, um sie abzukühlen.
Der Tod als Gevatter. Es gibt viele alte Volksmärchen und Ge-
schichten, in denen das Suchen eines Gevatters eine Rolle spielt; hierzu
gehört auch das sinnreiche Märchen vom „Gevatter Tod". In der
Novelle Adolf Sterns „Der Pate des Todes" ist das Hauptmotiv
des Märchens symbolisch verwandt; dieses wird erzählt. A. de Noras
Buch „Totentanz" enthält cinDutzend Novelletten, von denen die erste
hier in Betracht kommt. Auch ein in „The Times literary Supplement"
vom 3. August 1906 besprochenes englisches Buch „The religious songs
of Connaclit" mit der „tale of the tinker who wanted a godfather for
his child, and made critical objections to the ,King of Sunday' himself"
ist zu nennen. Ein Gedicht von Otto Ernst, „Der gerechte Gevatter"
in „Über Land und Meer" (1904, Nr. 21) behandelt den Stoff poetisch,
ein Prosamärchen der „Fliegenden Blätter" vom 24. Mai 1907, „Das
Weib des Todesengels", humoristisch. Vgl. auch noch die „Plauderei"
Weiterleben und Verbreitung einiger alter Stoffe 367
„Der Herr Pate" von Heinrich Seidel („Die Woche" 1906, Nr. 30).
Eine neue dänische Oper „Der Pate des Todes" von Julius Bech-
gaard und Sophus Michaelis sollte im Nationaltheater zu Kopen-
hagen aufgeführt werden. — Zum Schluss noch etwas Anekdoten-
haftes :
Vom Pferdeei (ein Schildbürgerstückchen): einem Dummen macht
man weis, eine Kanonenkugel, ein Kürbis oder Ähnliches sei ein Pferdeei,
das er dann auch ausbrüten will; er setzt sich darauf, meistens an einem
Abhänge; Kugel oder Kürbis kommt ins Rollen und schreckt einen Hasen
auf, den er für das Resultat seines bisherigen Brütens, ein kleines Fohlen
hält. Diese Anekdote knüpft sich an viele Ortschaften, bei uns und
auswärts. So an Teterow in Mecklenburg; anlässlich des Köppeuicker
Hauptmannsstreiches wurde sie im „Kladderadatsch" vom 28. Oktober
1906 erzählt. Von dem Ort Kleiuenberg an der Egge meldet sie Kuhn
in seinen „Sagen, Gebräuchen und Märchen" aus Westfalen (I, Leipzig
1859, Nr. 258), und aus der Schweiz „Schweizerisches Archiv für
Volkskunde", 12. Jahrgang, Heft 1, 1908, S.54: „Schwanke und Schild-
bürgergeschichten aus dem Sarganserland". Aurbacher teilt im „Volks-
büchlein'' denSpass als „Weilheimer Stücklein" mit. Die„Traditions popu-
laires de Demuin" endlich machen uns mit einer französischen Fassung
bekannt, „Le Couveur de Melon" . . . „Les imbeciles! ils m'ont fait
perdre mon jeune bandet. Voyez comme il court! II etait dejä de la
force d'un bandet de six semaines".
Vom überkochenden Topf. Diese Schnurre von dem einfältigen
Jungen, der während der Predigt laut in die Kirche hineinruft, seine
Mutter müsse nach Hause kommen, ist mir in mehreren Fassungen bekannt.
Die englische aus Ludwig Lenz, „Die neuesten englischen Märchen-
sammlungen und ihre Quellen", Kassel 1902: „The Sheep's Head and
Dumplings", die französische aus den „Traditions populaires de Demuin",
L'enfant et le pot au feu" ; diese lautet: Une femme, avaut de se rendrc
ä la messe avait bien recommande ä son petit gar§on de veiller ßoigneusement
sur le pot au feu et surtout de ne pas laisser eteindre le feu. Quand sa mere
fut partie, Tenfant, qui s'irapatientait de rester inactif, jeta une bonne bras-
see de bois dans le foyer et alla jouer dans la rue avec ses camarades. Au
bout de quelques instants, il pensa au pot au feu ; 11 revint dans la maison, et,
quelle ne fut pas sa surprise en apercevant que la soupe bouillait ä grands
bouillons et que l'andouille etait sortie ä moitiö du couet. II courut aussitöt ä
l'öglise et cria de toutes ses forces en ouvrant la porte: „Maman! i' feut venir
tont de suite, nou andoule alle pend da che fu !" „Chut! chut!" dit Ic suisse
qui voulait faire taire l'enfant. „V u'o point de chut! chut!« repliqua le ga-
min, „nou andoulle alle pend da che fu, 1' feut venir tont de suite !"
Eine deutsche erzählt „Der Volksmund", Bd. 12 („Bergischer Volks-
humor"): „Die kochenden Erbsen" und eine andere deutsche endlich
368 August Andrae
habe ich von einem Barbier erzählen hören, der sie von einem Schäfer
wusste: der Junge soll, während die Mutter in der Kirche abwesend
ist, auf das kleine Kind achten; es führt sich bald unanständig nach
kleiner Kinder Sitte auf, der Junge rennt sofort nach der Kirche und
schreit das grosse Ereignis in die Predigt hinein. Wie in der französischen
Geschichte der Kirchendiener, so verweist hier der Prediger den Jungen
mit pst! pst! Da ruft der Junge: „Diu best in deuiner Keuipen (Kiepe
= Kanzel) nitz te pissene!" —
Tom Hahn auf dem Kirchturm: volkstümliche Erklärung für
sein Vorhandensein da oben. In Frankreich fragt man die Kinder und
auch die Erwachsenen: „A cueusse qu'o met un cou sur e-che cloquer
de l'eglise?*' Antwort: „Pa'ce qu'eune glaine casseroi s'n oeuf en pon-
dan" („Traditions populaires de Dömuin'^ unter „Phrases — Devinettes").
Also: Warum setzt man einen Hahn auf den Turm? Weil das Ei
eines Huhnes auf dem Kirchendache zerbrechen würde. Dieser Scherz
ist auch anderswo gebräuchlich. Auf die Emsländische Rätselfrage
„Worum sitt 'n Hahn up 'n Karktohrn un kine Henne?" lautet die Ant-
wort: „Der Küster könnte die Eier nicht herunterholen". Die vor langen
Jahren in Goslar als Schüler gehörte Schurre fiel mir beim Französischen
wieder ein: Ein Bauernjunge aus Hahndorf (Dorf in der Umgegend
von Goslar) wird gefragt: „Na, warum heisst denn euer Dorf Hahn-
dorf?'' — „Ja, weil ein Hahn auf dem Kirchturme steht." — „Ja,
warum steht denn da aber kein Huhn?" — „Ja, wenn da ein Huhn
stände und legte ein Ei, so ginge das kaput und das ganze Kirchen-
dach würde gelb." —
Dante incongruente?
Da
Enrico Sicardi.
Nella canzone Donnc cli' avete intelletto d' Amore^ la prima della
,Vita NiiovaS Dante conchiude cosi la loda di Beatrice:
De li occhi suoi, come ch' ella li rnova,
escono spirti d' Amore inflammati,
che feron li occhi a quäl che allor la guati,
e passan si che '1 cor ciascun retvova.
Voi le vedete Amor pinto nel viso,
lä 've non pote alcun mirarla fiso.
E qui tutto ci sarebbe sembrato sempre mai liscio e piano, anzi
pianissimo, se il poeta stesso, uella Divisione che tieo dietro alla can-
zone, non ci avesse dichiarato il suo pensiero proprio cosi: „Nella se-
conda [parte di quella] dico d' alquante bellezze che sono secondo diter-
minata parte de la persona; quivi: De li occhi suoi. Questa seconda
parte si divide in due; che nell' una dico degli occhi, li qnali sono
principio d' amore, ne la seconda dico de la bocca, la quäle e
fine d' amore". Or bene; era del tutto naturale che editori e com-
mentatori avessero a trovarsi, a questo punto, in im g-rave imbarazzo.
Ma come? — si son chiesti: Se ne' suoi Ultimi versi Dante ci parla del
viso di Beatrice, come mai poi, nella prosa dichiarativa, afferma d' avere
inteso parlare solo della bocca di lei, della Aocca „fine d' amore"? Non
sarebbero stati forse allora, come sono stati sempre, hocca e viso due cose
ben distiute? E qui, in conclusione, si tratta delTuuo o dell'altra?
0 si deve conchiudere di trovarci di fronte ad una pur possibile distra-
zione del poeta, dovuta forse al fatto che il comento alla canzone
fu scritto parecchi anni dopo che essa fu composta, cosi, senz' averla
forse piii sottocchio? — Mossi da questi vecchi dubbi sempre nuovi,
editori e critici, per trovare una via d' uscita, si sono appigliati, com' era
naturale, a parecchi espedienti, Piü spiccio di tutti il Torri, per un
esempio, ricorse al partito eroico si, ma assolutamente inutile, di can-
cellare a dirittura, con un taglio netto, le parole „che e fine d' amore",
le quali, una volta che si dovevano riferire per forza alla bocca di Bea-
trice, dovettero apparirgli cosi scandalosamente licenziose, per non dir
370 Enrico Sicardi
peggio, da non potersi indurre a credere che proprio Dante se le sarebbe
mai potute lasciar sfuggire dalla penna! Ma con questa bellissima tro-
vata, a dir vero, non si salvava la morale, che, ad esser sinceri, non
correva nessun pericolo, ne si ovviava in alcun modo, com' e evidente, alla
coutraddizioue presunta, rimasta tale e quäle. Bastava poi che il Torri
avesse auche im occhio solo, per accorgersi che, li dove stanno, quelle
parole non potevano mancare in alcun modo, non foss' altro per la evi-
dente e perfetta simmetrica corrispondenza fra esse e le precedenti, la
quäle apparisce evideutemente voluta da chi ha scritto tutto quel tratto:
j^occhi, li quali sonoprincipio d'aniore . . . bocca, la quäle e fine (V amore^^ ,
e ricorre in moltissimi altri luoghi del libello dantesco. Di codesta rispon-
deuza dovettero infatti accorgersi faciiimente i posteriori editori della
VitaNuova', i quali perciö conservarono, s' intende, le parole incriminate
e soppresse dal Torri, ma tornarouo ad un espediente piü semplice, che
era stato giä proposto e seguito dal Trivulzio: quello di sospettare
nella canzone, nel puuto piü buono, un guasto di lezione facilmente
emendabile. — Viso? Ma chey/öo/: mo, dissero, e qui da leggere, come
ha corretto il benemerito Trivulzio. 0 non vale riso appuuto la bocca?
Non c'insegna cosi Dante stesso e tutti i Provenzali? E qui non e questione
appunto 6.q\\ü bocca? Or dunque? — Non ci voleva di meno perche la
lezione proposta dal Trivulzio s' abbarbicasse tenacemente al testo del
nostro libello, dove e ricomparsa con qualche salto, sino a questo del
Beck, che ho sottocchio, e che c il piü recente e pregevole (Stras-
burgo, 1908). Per vero, alla lezione tradizionale viso e tornato teste
il Barbi, nella sua tanto attesa edizione critica delT opcretta di
Dante (Milano, 1907); ma, in veritä, quel che bisognava bene era, non
tanto di lasciala al suo posto, quauto di giustificarla di fronte all' altra;
ed il Barbi, invece, lo ha fatto in modo da non appagare nessuno,
da non ac(|uietare nessun dubbio. „I mss. sia della V. N. sia delle rime
varie — egli dice in una nota a questo luogo, p. 46 — , sono concordi
nel leggere mo; ne c' c ragione di scostarsi dalla loro testimonianza,
ben ])otendo il poeta aver voluto vedere in lä 've non pote alcun
mirarla fiso la determinazione d' una parte del viso, cioc della bocca."
Le sou parole che, in conclusione, non concludon nulla. Coucordia
di codici a parte, e chiaro che la presunta spiegazione di ciö che appare
contraddittorio nella „Vita Nuova" si risolve in una mera sottigliezza,
che a Dante non poteva neppur passare per il capo, e che sarebbe
rimasta, in ogni caso, puramente intenzionale. Giacche altro e che Dante
abbia voluto vcder hii quclla tal cosa in discorso, altro che V ahbia detta
a noi in realta. Ma c' e ancora di peggio. Lä 've non ])uö valere altro,
grammaticalmente, che nel quäle; e questo pronome non puö riferirsi
altrimeiiti che a vi^o che precede, a viso^ tutto il viso^ in generale. In-
fatti e tanto vero che Dante non poteva mirare fiso la bocca di Bea-
Dante incongruente ? 37i
trice, quauto e vero (ma uuzi!) <?)ie uon poteva fissarla Degli occhi,
come del resto in qualsiasi altra parte del suo volto. Ma il Barbi
coiitinua: „Forse originariamcnte il poeta, dicendo che Amore si vedeva
pinto nel viso della sua doima, pensö al volto senza alciina liuiitazioue
(cfr. Dante, ,Poi ch'io mi trovo', v. 9: Donna non c' e che Amor le
venga al volto; — Cino da Pistoja, ,Guaidaudo voi', v. 10: VAmor
clC e figurato in vostra cera); e f^olo piü tardi, scrivendo la prosa, volle
farne una precisa allusioue alla bocca ; a ehe 11 testo — e sempie il
Barbi che lo afferma — si prestava bene." Ma sono idee. Tanto vero
che il Barbi stesso — alla perfine, si vede bene, non d;i questa sua che
come una mera congettura. E tale rimane di fatti. Che se Daute
avesse peusato al volto sema alcuna litnifazione^ e poi avesse voluto
fare, solo nella prosa, loia precisa allusione alla bocca, avrebbe dovuto
vedere e persuadersi, lui per prinio, che uessimo mai avrebbe potiito
aflferrare codesta sua sottigliezza puramente inteuzionale, e che perciö
nessuno mai lo avrebbe potuto scusare della contraddizioue, pur sempre
evidente e permanente, tra' suoi versi e la prosa. Ma la verita e ben
altra. 11 vero e che per Dante, come per tutti i migliori fedeli d' Amore
del tempo suo, naturalmente bene addentro ue' segreti della psicologia
amorosa (e questo era de' piii semplici), come del linguaggio che la
esprimeva, solo due cose del volto deir amata, (ed e in fatti ragionevole),
meritavano d' esser rilevate in versi, ed esaltate: i suoi occhi e la bocca. E
il perche non solo si capisce da se, ma lo comprenderemo meglio appresso,
per le parole stesse del nostro poeta. Muti ad ogni espressione o senti-
mento interiore, guance, naso, orecchie erauo accessori della bellezza
umana del tutto trascurabili, di cui que' non ordinari trecentisti tacciono
con tantabuona ragione M- Ora, nel Iratto su riportato della sua canzone,
Dante vuol descriverci il volto di Beatrice per rilevanie poi gli effetti
mirabili sia suir animo suo che nell'altrui; ne' primi versi ci ha parlato
degli occhi di lei {De li occhi suoi ^ come cW ella li mora ecc); or bene:
la sola cosa che, voleudo descrivere il viso dell' amata, e'potesse ancora,
dopo gli occhi, degnameute ricordare, o si doveva logicameute sup-
porre ch* e' volesse o dovesse ricordare, senza peccare coutro quel suo
ragionevole e comune criterio estetico, era dunque solo ed unicamente
la bocca di lei. Giusto questa, ripeto, e nient' altro. E questa couside-
1) Non saiä qui forse del tutto fuor di proposito ricordare che im bcllo spirito
del Cinquecento, dal fatto che il Petrarca, certo per le ragioni di convenienza or ora
dette, non ci parla mai, nelle sue taute riiue, del naso di Madonna Laura, ne
concliiuse che la gentile madonna fosse . . . non g'ik senza naso, come a rigor
di logica, quella sua, avrebbe dovuto dedurne, ma che lo avesse avuto dalla
natura, per sua disgrazia, assai brutto, anzi a dirittura caniuso. Cfr. L. Gandini,
Lettione . . . sopra uu dubbio, Come il Petrarca non lodasse Laura
espressamente dal Naso, In Vinegia, 1581.
372 Enrico Sicardi
razione di t'atto, comuuemente sottintesa, e perciö sempre pronta a
riaffacciarsi spontanea alla meute di tutti gli spiriti colti del suo
tempo, e in particolare de' fedeli d' Amore cui Dante si rivolgeva sopra
tutto, doveva non lasciargli temere affatto che non si potesse cog-liere
facilmente il suo preciso pensiero, e senza alcuna ambiguitä. Ora,
una volta che si provi vero questo, ci si spiega tutto. Ma io laseerö
volentieri questo ufficio al seguente passo del „Convivio", che iuvero
avrebbe potuto troncare, da un pezzo, ogni discussione in proposito.
Ecco duuque ciö che Dante dice in quel passo III, 8: „E perö che
potrebbe alcuno avere domandato dove questo mirabile piacere [bel-
lezza] appare in Costei |la sua Donna], distinguo nella sua persona
due parti, nelle quali la umana piacenza e dispiacenza piii appare.
Onde e da sapere che in qualunque parte 1' Auima piii adopera del suo
ufficio, a quella piü fissamente intende ad adornare, e piü sottilmente
quivi adopera. Onde vedemo che nella faccia dell' Uorao, Ja dove fa
piü del suo ufficio che in alcuna parte di fuori, tanto sottilmente intende,
che, per sottigliarsi quivi tanto quanto nella sua materia puote, nullo
viso ad altro e siniile; perche 1' ultima [la piü perfetta] potenza della
materia, la quäle e in tutti quasi dissimiie, quivi si riduce in atto. E
perö che nella faccia massimamente in due luoghi adopera V Animu,
cioe nelli occhl e nella bocca (perö che in quelli due luoghi quasi tutte
e tre le nature dell' Anima hanno giurisdizione), quelli massimamente
adorna, e quivi pone 1' intento tutto a far bello, se puote. E in questi
due luoghi dico io, che appariscono questi piaceri [bellezze] ... Li
quali due luoghi, per bella similitudine, si possono appellare balconi della
Donna che nello edifizio del corpo abita, che e V Anima, perö che quivi,
avegna che quasi velata [rivestita del suo oelo: il corpo], spesse volte
si dimostra. Dimostrasi negli occhi tanto manifesta, che conogcer si
puö la sua presente passione [disposizione, sentimento], chi bene li mira
. . . Dimostrasi nella bocca, quasi colore [un oggetto qualsiasi] dopo
vetro . . ." Gli e che, oltre che del riso, ricordiamolo, la bocca e Io
strumento della parola, che e in fine I' espressione piü immediata e
piena dell' anima umana. E questo ci chiarisce bene perche mai Dante,
nelle Divisione su accennata, dopo aver detto che per lui la bocca della
sua donna era ,,iine d' amore", era cioe il fine ultimo dell' amore suo,
soggiunga li subito, codeste molto chiarissime parole: „. • • ricordisi chi
legge . . . che Io saliito di questa donna, Io qtiale era de le operazionl della
sua bocca, fue ßne de li miei desideri [seil, amorosi]": parole che
sarebbero State snfficienti a provare, nel modo piü carte, a chiunque,
che, tanto ne' versi che nella prosa dichiarativa, Dante ebbe in mente,
quanto mai chiari, T idea e il jH'oposito di accennare giusto proprio alla
bocca di Beatrice, giusto proprio alla bocca; in quanto che non altrove
che in quella si manifestava quel sorriso angelicato, che, quand' ella Io
Dante iiicongruente? . 373
salutuva, lo rapivu iu un' estasi dolcissima. Ad altro di men che meno
ideale e sublime un amatore come Dante Alighieri non poteva certo pen-
sare! Cosi, in conformitä di ciö, dichiarandoci i versi seguenti del son.
Ne li occhi porta la mia donna Amore:
Ogne dolcezza, ogne peiisero ximile
nasce nel core a chi parlar la sente [ncl suo salutaie],
ond' e beato clii prima la vide [la vede: la incoiitraj.
Qual ch' clla par quando un poco sorride [salutando],
non si puö dicer nö tenere a mente,
8i 6 novo miracolo e gentile!
egii scrive: „Poscia, quando dico: Ogne dolcezza, dico quelle medesimo
che detto e nella priuia parte, secondo diie attide la sua bocca: V uno de li
quali 6 lo suo dolcissimo parlare, e V altro lo suo mirabile riso; salvo che
non dico di quest' ultimo come adopera ue li cuori altrui, per6 che la
memoria non puote ritenere lui, nö sua operazione." Ma sorriso e parola
dovevano cospirare insieme ad estasiarlo allorche egli „la mirava"
neir atto del „mirabile saluto"; e quando questo era porto, quella cor-
ruscazione interiore delT anima, come egli ha ben definito il riso umano,
doveva effbndersi dalla bocca della gentilissima per tiitfo il viso di lei;
ed era appunto allora, in quell' atto dolcissimo per cui esso prendeva tanta
grazia ed espressione, che ue egli ne alcuno i)0teva mirar fiso la mira-
bile giovine madonna, cosi spiritualmente bella. Per concludere,
ne' versi :
Voi le vedete Amor pinto nel viso,
lä've non pote alcun mirarla fiso
Dante ci descrive mirabilmente, in tutti i suoi effetti fisici, dagli occhi
indescrivibili alle labbra divine, V esteruazione del saluto dell' amata, il
suo sorriso insomma nell' atto di salutare sia le amiche piü care, sia
lui, che non poteva mai mirarla senza tremar tutto. E mentre nel verso
ci rappresenta quel viso Celeste nell' atto appunto iu cui veniva a
mostrare la sua maggiore espressione e bellezza, nella prosa scende
ad una piii precisa e direi piü ])edestre determinazione, accennando
all' atto di quella bocca divina, nel salutare con quel suo particolare
sorriso, che dava a tutto quel viso (e come no, d' altronde?) un' unica,
specialissima espressione, che egli protesta piü volte di non volersi neppur
provare a descrivere.
Cosi che, viso e non tiso e la vera lezione di questo passo; e cosi
leggendo, anzi che contraddirsi, verso e prosa si compiono e spiegano a
vicenda; anzi quelle stesse parole della Divisione che furono causa
innocente dell' imbarazzo de' commentatori, intese a dovere, sono ap-
punto quelle che ci chiariscono assai bene il vero, preciso pensiero del
poeta, che, per coutro, senza di esse, si puo esser certi che ci sarebbe
sfuggito per sempre.
Replik.
Infolge mancher Gesundheitsstörungen und der dadurch erzwungenen wissen-
schaftslosen Müsse habe ich die „Entgegnung" von H. Haupt in Zeitschr. f. franz.
Sprache u. Literatur, XXXIF, S. 338 erst am 7. Februar 1909 lesen können, ob-
wohl das Heft 7, dessen Schluss sie bildet, schon am 15. Februar 1908 ausge-
geben wurde. Ich erwidere auf dieselbe folgendes.
Da die Referate im Jahresbericht über die Fortschritte der romanischen
Philologie alljährlich gegeben werden, so konnte ich für 1904 nur berücksichtigen,
was in diesem Jahre erschienen war, also nur Teil I der Hauptschen Abhand-
lung. Die weiterhin fälligen Teilwechsel mussten unberücksichtigt bleiben.
Immerhin ist es auffällig, dass die im Beginne der Abhandlung und der Ent-
gegnung so wohlgefällig hervorgehobenen „erstmals benutzten neuen hand-
schriftlichen Quellen" für den 27—28 Seiten umfassenden Teil I, welcher den
Hauptteil der Frankfurter Affären (1. Juni bis 20. Juni, also 20 Tage von 37)
und die Hauptteilnehmer und Leidtragenden des Breiten vorführt, so wenig
Neues ergaben. Das gestattet doch wohl einen Schluss auf |den „Wert oder
Unwert" dieser Nova, auch wenn sie noch nicht in extenso gedruckt vorliegen.
Von den Einwänden in meiner Besprechung wählt Haupt bloss einzelne
aus, zumeist nebensächliche. So soll ich „unterschlagen", dass er sich für sein
Urteil über Friedrichs Poesien auf einen Artikel der Revue de Paris berufe,
obwohl dieses Zitat gegenüber Desnoiresterres nicht schwer wiegt. Er dagegen
„unterschlägt" die weniger günstige Meinung, welche Friedrich selbst von diesen
Gelegenheitsergüssen seiner poetischen Ader hatte, obwohl ich ausdrücklich
darauf hinwies. Im weiteren gestattet sich Haupt sogar eine Umkehrung des
Sachverhalts, indem er mir vorwirft, ich Hesse ihn über Friedrichs Weisung an
Keith sagen, was ich selbst ihm entgegnete. Dass der streitige Brief des abb6
de Prades an Voltaire nicht von Friedrich d. Gr. diesem seinem Sekretär
diktiert sei, lässt sich weder aus dem Briefe selbst, noch aus Voltaires Antwort
ersehen, wie Haupt in einer Anmerkung seines Aufsatzes behauptet hat, viel-
mehr deutet Voltaire mit dem Ausdrucke: „Vous etes un franc secretaire d'Etat"
an, dass er die Sachlage durchschaute (s. Corresp. no. 2531 der Molandscheu
Ausgabe). Wenn ferner Haupt den streitigen Brief nicht als „Brief Friedrichs"
bezeichnet wissen will und doch zugibt, dass Friedrich ihn „veranlasst" haben
könne — letzteren Punkt „unterschlägt" die „Entgegnung" — , so sind das in der Tat
„Advokatenkünste", mag diese Bezeichnung nach Haupts Geschmack sein oder
nicht. Übrigens ist in dem Briefe von „versöhnlicher Stimmung" Friedrichs gar
nichts zu bemerken, weil eine solche gar nicht existierte, sondern nur vernichtender
Hohn und echt Fridericianischer Sarkasmus. Wer der ungenannte „jeder Sach-
kundige" ist, auf den Haupt sich für seine Meinung beruft, kann ich nicht er-
raten. Was die Vorwürfe betrifft, ich lasse Haupt das Verhalten der Frank-
Replik 375
furter Behörden beschönigen, während er so hart wie noch niemand zuvor
geurteilt habe, so verweise ich auf die „wohlfeile" Entschuldigung desselben
auf S. 173 des Aufsatzes in Zeitschr. f. franz. Sprache u. Literatur. Auch was
er sonst z. B, 181, Abs. 2, 17-4, 175 sagt, lässt von „Härte" nichts durchblicken.
Ähnlich steht es mit der „Verteidigung" der Willkür Friedrichs in der Frank-
furter Sache. Ich will gern den Ausdruck „Verteidigung" in „Unterschlagung"
verwandeln, um mich der vornehmeren Hauptschen Redeweise anzubequemen,
aber in den ganzen 27 — 28 Seiten wird Friedrichs Willkür nie ausdrücklich her-
vorgehoben, sondern die Schuld tunlichst auf seine Werkzeuge, insbesondere
Freytag, gewälzt. Dass Haupt den König für seine eigenen Instruktionen ver-
antwortlich machen muss, versteht sich von selbst, die Folgen derselben müssen
andere ausbaden. _ Delirant reges, plectuntur Achivi.
Ich weise es, nach dieser Rechtfertigung meines Berichtes, als eine halt-
lose Verdächtigung zurück, dass ich eine mich speziell angehende Abhandlung,
die ich nun zum zweiten Male mit der Feder in der Hand Zeile für Zeile nach-
gelesen habe, „kaum flüchtig" gelesen und dann gedächtnismässig darüber
referiert hätte. Eine „genaue Prüfung des Sachverhaltes" erübrigte sich bei so
abgetanen Dingen. Das über mich am Schluss ausgesprochene kritische Ver-
dammungsurteil verfehlt daher seine ernstere Wirkung.
Dresden, 11. Februar 1909. t R- Mahrenholtz.
Romanische Porschungeu XXVll. 24
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen
der vier Evangelien.
Von
KarlHutsclienreuther.
Abkürzungen und Bibliographie.
Andeer =: Rhätoromanlsche Elementargrammatik mit besonderer Berücksichti-
gung des ladinischen Dialekts im Unterengadin von Peter Justus Andeer
(Vorwort von Prof. Dr. E. Böhmer) II. Aufl. durchgesehen von Prof. Dr.
G. Pult, Zürich. 1906.
Andeer U. = Über Ursprung u. Geschichte der Ehäto-Romanischen Sprache
von P. J. Andeer, Chur. 1862.
Ann. = Annalas delhi Öocietä reto-romantscha . . . Coira. 1886 ff.
As coli od. A. G. =: Arcbivio glottologico italiano von G. J. Ascoli, Saggi
Ladini, Torino. 1873, I. Bd.
— Annotazioni soprasilvane, Torino. 1883, VII. Bd.
August in ■=^ Heinrich Augustin, Unterengadinische Syntax, Diss., Halle. 1903.
Böhmer, Rom. Stud. = Romanische Studien von Eduard Böhmer, Strassburg
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(von den Pfarrern Andeer & Vital), Colonia. 1870.
B. I. = L'G. Nuof Sainc Teftamaiut da nos Signer Jefu Chrifti, Prais our delg
Latin & our d'qters launguax & huoffa da noef mifs in Arumaunsth tres
Jachiam Bifrun d'Agnedina, Pufchlaeff. Schquischo ilg an M. D. L. X.
B. II. = II. Ausgabe, Puschlaeff. 1607.
24*
378 Karl Hutschenreuther
C. = Ilg Niev Testament. Editiun nova revedida a corregida, tout sco pus-
seivel, suenter ilg original grec, da Otto Carisch. Quera, 1856.
Di od. =: Giovanni Diodati: La Sacra Bibbia, Londra. 1850 (Neuausgabe).
F. = La Biblia u la Sontga Scartira dil Veder a Niev Testament, Vertida en
Koiiionsch da la Ligia Grischa, Francfort al Main. 1870.
Gr. = L'Nouf S. Testaniaint da Noas Signer Jesu Cliristi, Huoffa da noef vertieu
in Rom.aunsch our da l'originael Graec, Traes Joann. L: Grit!, da Zuoz.
Schquitscho in Balel, Ann 1640.
Ga. = Ilg Nief Testament da Niess Senger Jesu Christ, Mefs giu en Rumonfch
da la Ligia Grifcha: tras Lud Gabriel, Survient d'ilg Plaid da Dens ä
Lgiont. Squitfchau a Bafel. 1648.
L. = Das neue Testament nach der deutschen Übersetzung Dr. Martin Luthers,
Frankfurt a. M. 1840.
M. = II Nouv Testamaint Tradüt nel Dialect Romauntsch D'Engiadina Ota
Tres J. Menni, Coira. 1861.
Miguel = La Biblia o'el Antiguo y Nuevo Testamento Traducidos al EspaSol
de la Vulgata Latina, Per. RMO. P. Phelipe Scio de S. Miguel, Londres. 1858.
Novura Tcstamentum Graece, London. 1889.
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Piemonteiaa. Londra. 1834.
Per. = A Santa Biblia . . . pelo Padre Antonio Pereira, Londres. 1828.
R. =: Rätoromanische Texte II, Neudruck von Bifruns Evang. Mattliaei u. Marci,
von Jacob Ulrich, Halle. 1883 (hiernach habe ich das Matthäusevangelium
in der dortigen Zeileuzählung zitiert).
Seg. = La Sainte Bible par Louis Segond, Oxford. 1887.
V. = Novum Tcstamentum Latine Textum Vaticanum, curavit D. Eberhard
Nestle, Stuttgart. 1906.
V. D. = La Sacra Biblia; Quai Ais Tuet La Sancta Scriftüra: . . . Tfchantada,
vertida e ftampada in Lingua Rumaufcha d'Ingadinna Baffa, da Jacobo
Antonio Vulpio, Serviaint dal pled da Dcis in Ftaun Et Jacobo Dorta
k Vulpera, Serviaint dal pled daDeis in Scuol. Stampad' in Scuol., Anno
M.D.C.LXXIX.
V. D II = La II. Editiun, Scuol. Anno M.DCCXLIII.
oe. = oberengadinisch.
ol. = oberländisch,
ue. = unterengadinisch.
Kein graphisch e Unterschiede, die häufig; nicht konsequent durch-
geführt sind (hierüber Hartmann K. J. 1903. 1, p. 105) wie s u. /,
u u. ^;, gl u. lg etc. sind, v^^eil für die Syntax ohne Belang, bei An-
führung von Texten, wenn sonst keine Abweichungen stattfinden, nicht
berücksichtigt worden, wohl aber sind lautliche Verschiedenheiten be-
obachtet.
Mat. rr Matthcäus. Luc. == Lucas,
Marc. = Marcus. Joh. r= Johannes.
Syntaktisches zu den liitoroiuauisflicn Übcrsctzungeu der vier Evangelien 379
Einleitung.
Die ErforscLiiüg des so interessanten, rätoromanischen Satzbaues
ist noch lange nicht abgeschlossen. Noch vor einigen Dezennien hat
man der rätoromanischen Syntax gar keine Bedeutung beigemessen.
So meint 1883 Gärtner (Vorwort p. VIII): ,,Einer eigenen Syntax
und einer eigenen Wortbildungslehre bedarf es bei unserem Sprachge-
biete nicht; denn erstens könnten solche zwei Abschnitte, wenn sie
nicht in allgemein romanische Lehren ausarten sollen, nichts anderes
als kleine Sammlungen von einzelnen Bemerkungen sein, zweitens liegt
keine genug bedeutende Literatur vor, um einen zum Studium syntak-
tischer Feinheiten einzuladen, drittens steht die Syntax fast überall,
entweder unter deutschem oder italiäuischem oder unter beiderlei
Einflüsse".
Im Unterengadinischen hat von den Einheimischen erst 1880 der
Pfarrer Andeer einen schwachen Versuch gemacht, auch die Satzlehre
zu behandeln. Allerdings erfahren wir darin nur wenig in bezug auf
die charakteristischen Eigentümlichkeiten des Rätoromanischen, weil
Andeer seine Grammatik zu sehr dem Deutschen anpasst und weil
sich in seinen ue. Dialekt zu viele Italianismen eingeschlichen haben.
Auf Andeers Grammatik fusst neuerdings Augustins „Unter-
engadinische Syntax mit Berücksichtigung der Dialekte des Obereuga-
dins und Münsterthals (1903)". Diese an Meyer-Lübkes „Romani-
scher Syntax" sich anklammernde Arbeit bringt nur Ergänzungen über
die gesprochene Mundart, und ist, weil die Schriftsprache zu wenig
damit verglichen, „etwas zu subjektiv", wie Hartmann K. J. 1903
sehr richtig bemerkt.
Die umfangreiche, ue. Studie Pults (1897), sowie Michaels
knappe Formenlehre (1905) bringen nur geringe, syntaktische Winke.
Conradis, Carischs, sowie Bühlers nur mit Vorsicht zu ge-
brauchende Grammatiken zur Verschmelzung der Dialekte, enthalten
im Oberländischen nur verstreut zur Satzlehre dienliches; auch Muoth,
Simeon und Candrian haben mehr die Formenlehre behandelt.
Brandstetter weist neuerdings nur auf einige Entlehnungen aus
dem Schweizerdeutschen hin.
Da die trefflichen Arbeiten Ascolis, Boehmers, Diez, Gärt-
ners und Stürzingers meist bei der Laut- oder der Formeulehre
Halt machen und nur geringen Aufschluss über Syntaktisches geben
(wo dies geschehen, ist in vorliegender Arbeit darauf hingewiesen), so
haben wir als einziges, bedeutendes Werk über den rätoromanischen
Satzbau eigentlich nur Meyer-Lübkes an vielen Stellen bereits ein-
gehend gewürdigte Romanische Syntax. Allerdings konnte bei
dem grossen Gebiete, das diese verdienstvolle Arbeit umfasst, nicht
380 Karl Hutschenreuther
jedesmal auf das Rätoromanische eingegangen werden, so dass noch
manche Lücken auszufüllen wären.
Sehr zu bedauern ist, dass Gärtner in Gröbers Grundriss die
rätoromanische Syntax ganz unberücksichtigt liess.
Was nun die S])rache der rätoromanischen Bibelübersetzungen an-
langt, so ist bisher nur die Lautlehre zur Bibel von Schuls {La Sacra
Bibla, ScHol. 1679) mit einem Anhang zur Formeulehre behandelt
worden. Wo sich in dieser erfreulichen Arbeit Bemerkungen zur Syntax
fanden, habe ich im Nachfolgenden darauf hingewiesen.
Nach Kenntnisnahme dieser Vorarbeiten ist es nun meine Aufgabe,
die wichtigsten, syntaktischen Erscheinungen, welche mir in den Über-
setzungen der vier Evangelien aufstiessen, von dem Gesichtspunkte, des
echträtoromanischen Besitzes und fremden Einflusses aus betrachtet,
nach den üblichen Kategorien stofflich zu ordnen und in ein einheit-
liches grammatisches System unterzubringen.
Bei der Anführung von Beispielen und Gegenüberstellung dreier
Haupldialekte berücksichtigte ich zuerst die oberengadinischen Über-
setzer, hierauf die unterengadiuischen, und liess dann die oberländischen
folgen, auch hierbei hielt ich wiederum au der chronologischen und,
wo ich es für nötig hielt, alphabetischen Ordnung fest. Häufig habe
ich zum Vergleich noch andere lomanische Sprachen herbeigezogen.
Ausserdem muss ich noch einige Bemerkungen vorausschicken.
Da die rätoromanischen Bibelübersetzer sämtliche gelehrte Geistliche
waren, so ist es selbstverständlich, dass wir es nicht mit der ur-
wüchsigen, unverfälschten Sprache einfacher Landleute zu tun haben
sondern dass die Sprache dieser Pastoren vielfach geziert und ge-
künstelt ist und, dass manche davon sich ganz magnetisch zu ihrer
Vorlage oder häufiger, Vorlagen hingezogen fühlten. Einige Übersetzer
haben sogar von einander abgeschrieben.
So ist im oe. bei Bifrun, noch mehr aber bei Griti ein starker
Einfluss des griechischen Originals zu notieren, bei Bifrun sind sogar
Spuren einer Vulgatabenützuug bemerkbar. Menni scheint auf seinem
Arbeitstisch sämtliche rätoromanischen Bibelübersetzungen, sowie den
griechischen, deutschen und französischen Text ausgebreitet, und aus-
giebig bald da, bald dort abgeschrieben zu haben.
Im ue. haben die Pfarrer Vulpius und Dorta, wie Pult in
Andeers Gramm, p. 72 sehr richtig bemerkt, „die Bibel fast zu wört-
lich nach Diodati (ital. Bibelübersetzung 1603, Genf 1641) übertragen",
ja ich möchte sagen, es ist eine sklavische Nachahmung, wobei das
Originelle des ue. Dialekts vielfach verloren geht.
Decurtins Ansicht in Gröbers Grundriss IT 3. Abt. p. 241,
dass diese Bibel „in schlichter und wirklich volkstümlicher Sprache
geschrieben ist", kann ich durchaus nicht billigen. Vulpius undDortas
Syntaktisches zu deu lätoroiiianischcn Übersetzungen der vier Evangelien 381
2. Ausgabe der Bibel von 1743 ist fast idcutisch mit der ersten. Die
neuere Übersetzung- der Pfarrer An de er und Vital ist grossenteils
von Vulpius und Dorta abgeschrieben, also kaum besser.
Im ol. bleibt Luzi Gabriel dem Lutherschen Text ziemlich treu,
Cariseh sucht, wo er nur kann, dem griechischen Original nahe zu
kommen; die jüngere Frankfurter Übersetzung ist ein Zwischending
zwischen Gabriel und Cariseh ohne jede Selbständigkeit.
Von allen diesen Bibelübcrsetzern bewahrt ohne Zweifel Bifruu
immer noch die meiste Originalität.
Es soll jedoch nicht gesagt sein, dass die Sprache der Bibelüber-
setzungen jede Urwüchsigkeit und Reinheit verloren hat — das wäre
ja schlimm, und dann wäre auch die vorliegende Arbeit für deu räto-
romanischen Satzbau ziemlich wertlos — , im Gegenteil, es bleibt immerhin
noch eine ungeheure Fülle eigenartiger Erscheinungen übrig.
Endlich muss ich noch mein Bedauern darüber ausdrücken, dass
wir keine Tiroler und Friauler Bibel besitzen, wohl infolge davon, dass
die katholische Bevölkerung weniger das Bedürfnis nach einer Bibel
hat; ich hätte zu gerne das gesamte rätoromanische Gebiet in den
Bereich meiner Arbeit hineingezogen. So ein Vergleich des Satzbaues
sämtlicher Dialekte wäre entschieden noch weit interessanter gewesen.
I. Das Verbum.
A. Arten des Verburas.
Man teilt die Verben in persönliche und unpersönliche ein,
je nachdem die Tätigkeit von einem bestimmten oder unbestimmten
Subjekt im Singular ausgeht.
a) Persönliche Verben.
a) Transitive bezw. reflexive Verben.
§ 1. Bei den persönlichen Verben kann man je nach der Art
der Tätigkeit transitive und intransitive unterscheiden.
Von den transitiven Verben will ich nur einige reflexive Verben
erwähnen, die in anderen romanischen Sprachen nicht reflexiv be-
handelt werden.
pnrtir = 'weggehen' von se partire = 'sich teilen' (Diez Wb. I
307) ist bei Bifrun noch richtig Reflexiv.
Mat. XXIV 1.
oe: Et siand ieu oura Jesus schi s' partiva el delg taimpel,
R. 2370/1 & B. II 92,
382 Karl Hutschenreuther
Der reflexive Gebrauch von oe. u. iie. imp isser = 'denken' ist erst
bei den jüngeren Übersetzern beliebt.
Lue. XVn 9.
Diod: lo uol penso.
oe: Eau uu pais B. I 267, B. H 274.
Eau nun paifs Gr. 253.
Eau m'impaißs da na. M. 146,
ue: Eug- nun pais V. D. 97.
Eu non m'impais A. V. 95.
Ausserdem ist mir noch der eigentümliche ue. Gebrauch des transi-
tiven Verbs giavüscher im Sinne von 'bitten' aufgefallen. Pallioppi E.
(S. 142) kennt nur arover oder dumander hiefür.
Mat. V 42.
Gieb dem, der dich bittet.
ue: Da ä chi t' giavüfcha V. D. 7 u. A. V. 8.
Ferner habe ich bei den persönlichen Verben noch zu be-
merken, dass die unpersönliche Redensart: „es jammert mich" vor-
wiegend persönlich wiedergegeben wird, und dass besonders die refle-
xive Wiedergabe im ol. interessant ist. Nur das ältere oe. behält den
unpersönlichen Ausdruck bei und greift zu facere.
Mat. XV 32.
^nXctYyvltiO^'ai ini top ox^ov.
L. Es jammert mich des Volks.
Diod: lo ho grau pietä della moltitudine.
oe: E m'fo pchio delg poeuel, R. 1534; B. II 59.
A mi fo compafsiun del pcevel, Gr. 54.
Eau he compassiun del pövel, M. 30.
ue: Eug nhai granda compaffiun dalla quantitä, V. D. 21.
Eu ha granda compassiun della quantitä, A. V. 22.
ol: Jou mi prend puccau d'ilg pievel, Ga. 73.
Jou mi prend a puccau dilg pievel, C. 28.
Jou mi prenda puccau dil pievel, F. 24.
ß) Intransitive Verben.
§ 2. Die intransitiven Verben lassen im oe. und uc. merk-
würdigerweise auch ein Passiv zu. Möglich ist allerdings auch, dass
im folgenden Beispiel Bifrun, Vulpius u. Dorta, Andeer u. Vital
resüster = 'auferstehen' mit resüsciter = 'auferwecken' (Pallioppi
S. 613) verwechselt haben.
Mat. XI 5.
pexQoi iydqovrai. — Die Toten stehen auf. ~ V. mortui resurgunt.
Syntaktisches zu den lätoromauischen Übersetzungen der vier Evangelien 383
Diod: i morti son risuscitati, — Seg: les morts ressuscitent.
oe: Vb morts uignen arisüstos (Ulricli: arüsistos), 11. 971.
l's morts vegnen arisüftos, B. 11 38.
doch: l's raoarts refüftan, Gr. 34.
morts resUstan, M. 19.
ue: ils morts fun resüftads, V. D. 14.
ils morts sun resüstats, A. V. 14.
ol: nach L.: ils morts levan fi, Ga. 47 u. F. 17.
morts levan si, C, 18.
b) Unpersönliche Verben.
§3. Was die unpersönlichen Verben anlangt, so gehören
hierzu auch die Verben der Existenz (deutsch häufig: 'es gibt',
ital.: ''vi ha, havvi, c'e, ci so?io, vi ^, vi sono\ franz.: 'il y a'). Diese
werden stets mit esse konjugiert.
Joh. XXI 25.
oe: E fun aunchia bgierras otras chiofes, B. I 387, B. IT 400.
Mu e fun eir bgerras otras chioffes, Gr. 377.
A sun auncha bgeras otras chosas, M. 217.
ue: Mo qua fun eir bleras autras chiaufes, V. D. 143.
Ma qua sun eir bleras otras choses, A. V. 139,
ol: Mo 'lg ei ounc bearas autras cauffas, Ga. 499.
Mo ilg ei aunc bearas autras caussas, C. 197 u. F. 139.
§ 4. Lateinischem facere, das im Romanischen zur Bezeichnung
des Wetters und der Zeit gebraucht wird, entspricht gevpöhniich
esse, im ue. u. ol. d^xchvenire^ zuweilen greift das jüngere oe. u. dasue.
auch zu facere.
Mat. XVI 2.
oe: Cura che cumainza ad esser saira, schi dschaisvus: e uuol
esser sarain, R. 1561/2 u. B. II 61.
Cura Teis faira, fchi dfchais, [vain ad effer] sarain, Gr. 55.
Cur cha 'd ais saira, dschais vus: A vain bell'ora, M. 31.
ue: Cura l'ais gnü faira, fchi dfchais vus: E vain ad effer
temps farain, V. D. 22.
Cur '1 ais gnü saira, schi dschais vus: E vain ad esser
temp serain, A. V. 22.
(aber Diod: Quando si fa sera, voi dite, Fara tempo
sereno.)
ol: Cur 'lg ei vangeu fera fcha fcheits vns, Ei ven ad effer
farain; Ga. 75.
La sera scheits vus: Ei ven ad esser bell' aura, C. 29.
384 K*i'l Hutschenreuther
Cur igl ei vegniu sera scheits vus: Ei ven ad esser
serein, F. 24.
Ferner Joh. XVIII 18.
06 : elg- era fraid, B. I 373, B. 11 387.
r eira fraid, Gr. 364.
aber: faiva fraid, M. 207.
ue: fava fraid, V. D. 138.
(nach Diod: faceva freddo) faiva fraid, A. V. 134.
Ol: ei fova freid, Ga. 482, C. 190, F. 135.
Im Gebrauch von esse und venire scheint deutscher Einfluss
vorzuliegen; die eugadinischen Formen \m{ facere sind jedenfalls durch
das Italienische eingedrungen.
c) Hülfsverben.
a) Hülfsverben zur Bildung der zusammengesetzten Zeiten
des Aktivs.
§ 5. Gevröhnlich wird das Verbum finitum mit dem t-Partizipium
durch habere verbunden, um eine Tätigkeit zu bezeichnen, esse dagegen
wird bei den meisten intransitiven Verben als Hülfsverb zum Ausdruck
eines Zustandes gebraucht.
Bei Bifrun findet sich öfters habere, um mehr die Tätigkeit zu
betonen.
Mat. II 7.
oe: da che tijmp la staila hau es apparieu ad eis, R. 90/91.
da che temp la ftaila haues apparieu ad eis, B. II 5.
Alle übrigen Texte zeigen hier esse.
Den unpersönlichen Ausdruck des Wetters „es donnerte" finden
wir im oe, u. ue. teils mit esse^ teils mit habere^ im ol. nur mit habere
wiedergegeben.
Joh. Xn 29.
oe: elg es do ün thün, B. I 3.56.
elg, e i 8 do ün thün, B. II 366.
chia füfs dvanto ün tun, Gr. 344.
ch' avess tuno, M. 197.
ue: chi fuofs dat ün tufi, V. D. 131.
cha haja tunä, A. V. 127.
ol: Hg ha tunau, Ga. 456.
ca ei hagi tunau, C. 180.
Ei ha tunau, F. 128.
§ 6. Die reflexiven Verben werden stets mit habere kon-
jugiert.
Syntaktisches zu den rütoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 385
oe:
Marc. IV 39; l'ora s'ho aquaido, B. I 131.
Tora s'ho aquaidaeda, B. 11 133.
Mat. II 16: s'ho fig iro, Gr. 6.
Mat. Vni 27: la glient s'ho müravgliaeda, Gr. 25.
Mat. Xn 41: eis traes la predgia da Joiiae s'haun melgdros, Gr. 40.
Mat. XXII 12: el s'ho mmütieU; Gr. 76.
Luc. XXIV 8: S'haun dimaena algurdaed as da feis plaeds, Gr. 284.
Mat. XXI 32: nuD s'avais zieva pentieus, M. 42.
iie:
Mat. II 11: h s'haviand büttad in terra, V. D. 3.
e s'aviand büttats in terra, A. V. 4.
Mat. XVI 23: s'haviand voiit, V. D. 22.
s'aviand vout, A. V. 23.
Mat. XXI 32: nun s'havais davo quai meldrads, V. D. 29.
non s'avais davo quai meldrats, A. V. 29.
Ol:
Mat. xn 41: eis han fa milgiarau giu d'ilg priedi da Jonas, Ga. 56.
eis han sa milgiurau glu dilg priedi da Jonas, C. 21.
eis han sa megliurau giii dil priedi da Jonas, F. 19.
Mat. XXI 32: A vus ca veits vieu quei, vus veits fuenter quei bucca
mil giarau, Ga. 100.
A vus, ca haveits viu quei haveits suenter quei buca
vus megliurau, F. 31.
Zum Gebrauch von habere beim Keflesiv ist zu bemerken, dass
jetzt im ol. vielleicht durch italienischen Einfluss stets esse ge-
fordert wird (Simeon p. 75).
Die Übereinstimmung mit dem Deutschen, das ja in diesem Fall
zu „haben" greift, ist jedenfalls auffallend; doch da auch andere
romanische Sprachen teilweise habere aufweisen (M.-L. § 295 und
Zauuer, p. 119), so lässt sich keine bestimmte Entscheidung fällen.
§ 7. Häufig treffen wir im oe. uud ue. ein doppelt zusammenge-
setztes Perfekt ijiabeo habutu dictu^ dafür auch: habeo tenutu dictu) an.
oe.
Mat. V 12: in aquella guisa haun eis hagieu persequito l's
profets, R. 319/20 & B. II 13.
Mat.XXVII60: quael chel hauaiua hagieu intaglio in Una pedra,
R. 2952/53.
quael chel haviaiua hagieu intaglio in üna peidra,
B. 11 115.
386 Karl Hutschenreuther
Luc. I 70: öuainter fco el ho liagieu favlo tres buochia dals
fes faencs prophets, B. 1 194.
Suainter fco el ho hag-ieii favlo traes buochia dals
feis faenchs prophets, B. II 197.
Luc. XIX 20: quaela che eau he hagida miffa in im fazulet,
B. I 275.
quaela che eau hae hagida milfa in ün fazoelet,
B. II 283.
la quaela eau hae hagida miffa in ün fazzolett,
Gr. 261.
ue.
Luc. XIII 16: la quala Satanas haveiva tgnü liada, V. D. 92.
la quala satanas avaiva tgnti liada, A. V. 90.
(auch Diod: la quäl satana avea tenuta legata).
Luc. XIX 20: la quala eug nhai tgnü tfchantä in ün fazölet,
V. D. 100.
la quala eu ha gnü tschanta in ün fazölet, A. V. 98.
(auch Diod: la quala io ho tenuta riposta in uno
sciugatoio).
Merkwürdig ist die Form sum habutu yecutu:
Luc. II 36: essendo avaiva vivü set ans, A. V. 70.
wofür effendo vivüda fett ans, V. D. 72.
ol:
Luc. XIX 20: iig quäl jou hai ghieu mefs en ün fazalet, Ga. 351.
il quäl jou hai giu mess en in fazalet, F. 99.
Ahnliches auch im Spanischen und Piemontesischen:
Miguel: la quäl he tenido guardada eu un lienzo.
P: ch'i heu tenü enveluppä ent un toc de teila.
Die Vulgata hat jedoch nur: quam habui repositam in sudario.
Da auch Herzog (Materialien zu einer ncuprovenzalischeu Syntax
von Eugen Herzog. Im Jahresbericht der k. k. Staats-Untersehule
Wien 1899/1900, p. 9) eine solche doppelte Perfektbildung für das
Neupro vcuzalische anführt, so sehen wir, dass diese Formen allgemein
romanisch sind, wenn sie auch Kofmel (p. 9) auf das Schweizer-
deutsche: H ha gmacJit gha^ i hi gange gsij etc' zurückführen möchte.
(Hierüber auch Pult p. 170, Augustin § 113, Brandstetter p. 31.)
§ 8. Volere und Infinitiv nimmt durchwegs Futurbedeutung an.
Mat. IV 9.
TavTtt nävta ffoi öm(to). V: Haec omnia tibi dabo; Diod: Io ti
darö tutte queste cose; Seg: Je te donnerai toutes ces choses; L: Dies
alles will ich dir geben.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 387
oe: Eau t' uoelg der ;i ti tuot aquaist, R. 236.
Eaii t' voelg da er ä ti tuot aquaift, B. TI 10.
Tuot quaift voelg eau daer ä ti, Gr. 10.
Quaist tuot at vögl eau der, M. 5.
ue; Eug- t' völg dar tuot quail'tas cliiaulas, V. D. 5.
Eu 't vögl dar tuot quaistas chosas, A. V. G.
ol: Quei tut vi jou dar ä chi, Ga. 12,
Quei tutt vi jou dar ä chi, C. 5,
Quei tut vi jou dar ii ti, F, 8.
Mat. IV 19.
xul noirjcrco vf.iäg ali€7g dv9-Qou7iMv. V: et faciam vos fieri pis-
catores hominum; Diod: ed io vi farö pescatori d'uomini; Seg: et je
vous ferai pccheurs d'hommes; L: ich will euch zu Menschenfischeru
machen.
oe: schi uoelg eau fer uus pesckiaduors della lieud, R. 261.
fchi voelg eau faer vus pefchiaduors della lieud, B. II 11.
& eau s' voelg faer pefchiaduors da glieut, Gr. 11.
ed eau 's vögl fer pes-chaduors da glieud, M. 6,
ue: & eug s' völg far pefcaduors da glieud, V. D. 5.
ed eu 's vögl far peschadurs da glieud, A. V. 6.
ol: a jou vus vi far pefcaders da Igeut, Ga. 13.
a jou vus vi far pescadurs da Igieut, C. 5.
a jou vus vi far pescadurs da carstiauns, F. 8.
Diese Beispiele können allerdings auch durchwegs eine Über-
setzung aus dem Deutschen sein, da der Luthersche Text beide
Male 'wollen' aufweist.
Immerhin nimmt aber volere -f- Inf initiv im Engadinischen
gleich dem Rumänischen Futurbedeutung an (M.-L. § 322 meint nur
im älteren ol.), ohne dass deutsche Beeinflussung darin zu erblicken ist.
Mat. XVI 2.
L.: Es wird ein schöner Tag werden,
oe: e uuol esser sarain, R, 1562.
e voul effer farain, B. II 61.
Mat. XVI 3.
L.: Es wird heute Uugewitter sein,
oe: huoz uuol esser mel ora, R, 1563/4.
huoz voul effer mael ora, B. II 61.
Fürs ue: Augustin § 119.
ß) Hülfsverben zur Bildung des Passivs.
§ 9. Das Passiv wird ähnlich dem Deutschen seit ältester Zeit
durch venire -|- t -Partizipium wiedergegeben. Dies sehen wir
388 Karl Hutschenreuther
schon aus dem ältesten rätoromanischen Sprachdenkmal in der Inter-
linearversion Zeile 8 u. ü. Gröber, p. 75: sicu ueni adam perdutiis
intiti unfenio ne no ueniamo si perduti u. Zeile 12/13: kl nus a
christiani ueni (n)ominai.
Mat. III 14.
oe: ä mi es bsilog, ch'eau uigna battagiö da t6, R. 194/5.
a mi eis blbeng, ch'eau vegna battagiO da te, B. II 9.
Eau hae bfoeng da gnir battagiö da te, Gr. 8.
Eau he bsögn da gnir battagiö da te, M. 5.
ue: Eug nhai bfceng da gnir battizä da tai, V. D. 4.
Eu ha bsöng da gnir battizä da tai, A. V. 5.
ol: Jou hai bafeugs ca jou vengig battigiaus da tei, Ga. 10.
Jou hai basengs da vengir battiaus da tei, C. 4.
Jou hai basegns ca jou vegni battigiaus da tei, F. 7.
Mat. VII 7.
oe: Batte schi uain e auiert ä uus, E. 570/1 u. B. II 23.
picchie & vain aviert ä vus, Gr. 20.
piche, schi's guarö aviert, M. 11.
ue: picchiä, fchi vain k gnir avert ä vus, V. D. 9.
piehai, schi vain a gnir avert a vus, A, V. 9.
ol: fplunteit, fcha vus venei a vangir aviert, Ga. 27.
splunteit, scha vus ven ei ä vengir aviert, C. 10,
splunteit, schi vus ven ei k vegnir aviert, F. 11.
§ 10. Weitaus am häufigsten wird in den Texten venire zur
Bildung des Passivs verwendet. Doch wird dies nicht strikt durchge-
führt. Oft schleicht sich auch die gemeiuromanische Form mit esse ein.
Mat. VI 9.
Friaulisch: See santificaat la tö Nom, Conradi p. X.
oe: santifichio saia l'g tes nü, R. 474.
fantifichio faia Pg teis nom, B. II 19.
vegnia fantifichio tieu Nom, Gr. 17.
Santificho saja tieu nom! M. 10.
ue: Fat ianct vegna teis Nom, V. D. 7 & A. V. 8.
ol: Soing vengig faig tieu num, Ga. 23.
Soing vengi faig tieu Num! C. 9.
Sontg vegni fatg tiu num! F. 10.
Andere Beispiele:
oe:
Luc. I 57: Et es ad Elizabet cumplieu l'g tijmp da parturir,
B. I 193.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 389
Et eis ad Elizabet cunplieu l'g- temp da parturir,
B. II 19G.
Luc. VI 37: uun faraes judichios,)^ ^ ^
nun faraes condeninosj
Mat. II 23: El sarö nomno Nuzareo, M. 4.
Mat. V 4: eis saron coiifortos, M. G.
Mat. V 6: eis saron saduUos, M. 7.
ue:
Mat. V 10: quels chi fiin perfequitads, V. D. 5.
qiiels chi sun per seguitats, A. V. 6.
Mat. XXVI 2: e '1 Füg- dal craftian farä dat in maun dal Magiftrat,
V. D. 36.
e '1 figl del crastian sara dat in man del magistrat,
A. V. 3G.
Luc, VI 37: perduna, Icbi s' farae perdunä, V. D. 78.
perdunai, schi as sara ))erduna, A. V. 76.
Ol:
Mat. XXVIII 15: fco eis fovan muffai, Ga. 144 u. F. 43.
sco eis er an stai instrui, C. 57.
Marc. V 4: Parchei ch'el era faveuts ftaus Hg i aus cun ligioms,
Ga. 166.
parchei el era savents staus ligiaus cun ligioms,
C. 65 u. F. 49.
In Mat. II 18 ist das deutsche 'man' durchwegs durch das Passiv
mit esse wiedergegeben.
V. Vox in Rama audita est. — L.: Auf dem Gebirge hat man ein
Geschrei gehöret.
oe: La uusth in Rama es udida, R. 128.
la vufch in Rama eis vdida, B. II 6.
Üna vufch eis udida in Rhama, Gr. 6.
Ün bragizzi füt udieu a Rama, M. 3.
ue: Un bragizi ais ftat udi in Rama, V. D. 3.
Ün bragizzi ais stat udi in Rama, A. V. 4.
ol: II g ei udieu Unna vufch enten Rama, Ga. 7.
Inna canera fo udida ä Rama, C. 3.
Igl ei udiu ina vusch enten Rama, F. 6.
Ein weiteres Beispiel für die allgemeine Verwendung von esse beim
Passiv ist Mat. III 16.
oe: Et sco Jesus füt battagio, R. 199, B. II 9.
Et fiand Jefus battagio, Gr. 9.
390 Karl Hutschenreuther
E cur Gesu füt battagio, M. 5.
ue: E Jefus fcumbaut ch'el fuo battizä, V. D. 4.
E cur Gesu füt battizä, A. V. 5.
ol: A cur Jefus fö battigiaus, Ga. 10 u. F. 7.
A cur Jesus fo battiaus, F. 7.
Da, wie schon erwähnt, das älteste Sprachdenkmal nur venire
zeigt, und weil die Formen mit esse in den ältesten Texten doch nur
in geringer Anzahl vorhanden sind, während sie sich in den jüngeren
Texten häufen, und sogar vielfach den Formen mit venire vorgezogen
werden, so darf mau wohl den Schluss ziehen, dass das mit esse ge-
bildete Passiv eine Entlehnung aus dem Italienischen ist.
M.-L. § 305 lässt diese Frage noch unentschieden.
y) Htilfsverben zur Bezeichnung modaler Verhältnisse.
§ 11. 'Müssen' wird meist durch stopere, ^sollen' durch debere
wiedergegeben.
Mat. XXVI 35.
L: Und wenn ich mit dir sterben müsste.
oe: Scha bain eau ftuefs morir cuu te, Gr. 95.
Eir seh' eau stovess morir cun te, M. 54.
ue: Schabain eug ftuefs morir cun tai, V. D. 37.
Schabain eu stovess murir con tai, A. V. 37.
ol: Scha ge jou ftuefs morir cun tei, Ga. 128.
Er scha jou stuess murir cun tei, C. 50.
Scha gie jou stovess morir cun tei, F. 39.
Mat. V 33.
L: Du sollst keinen falschen Eid tun.
oe: tu nun t' daias spargiürer, R. 389; B II 16.
Nun fpergüraer, Gr. 15.
Non spergürer, M. 8.
ue: Tu nun deft gürar faus, V. D. 6.
Tu non deffaft gürar fos, A. V. 7.
ol: Ti deis bucca girar fauls, Ga. 19; C. 7.
Ti deis buca girar fauls, F. 9.
Doch finden wir auch beide Hülfsverben vertauscht.
Luc. X 25.
L: Was muss ich tun.
oe: che daia eau fer, B. I 239; B. II 244.
che defs eau faer, Gr. 233.
che des 8 eau fer, M. IHO.
ol: che dei jou far, Ga. 301.
Syntaktisches zu den rätoromanischou Übersetzungen der vier Evangelien 39 t
chei 8 tos jou far, C. 118.
chei dei jou far, F. 86.
Mut. XXV 27.
L: So solltest du mein Geld zu den Wechslern getan haben.
ue: Per quai, haveft tu ftuvü metter meis danaers in maun da
baunchiers, V. D. 35.
Per quai avessast tu dovü metter meis daners in man da
baunchiers, A. V. 35.
Deutsches 'sollen* ist gelegentlich auch mit volere gegeben.
Mat. XXni 10.
L: Ihr sollt euch nicht lassen Meister nennen,
oe: N'eir voeglias effer clamos Doctuors, Gr. 80.
Mat. V 13.
L: Womit soll man salzen?
ue: cun che il voul ün infalar? V. D, 6.
con che il voul ün insalar? A. V. 7.
ol: cun chei ilg vult ün anfalar? Ga. 16.
cun chei il vult in ansalar? F. 9.
'Müssen' kann auch durch andere Wendungen ausgedrückt werden.
Mat. XVIII 7.
L: Es muss ja Ärgerniss kommen,
oe: elg es forza che uignen sckiandels, R. 1738/9.
elg eis forza che vegnen fckiandels, B. II 67.
Mat. XXVI 35.
Et schi bain fasches bsüng ch' eau muris cun te, R. 2692/3
(vgl. p. 16).
Mat. XVII 10.
L: Elias müsse zuvor kommen?
ol: ca Elias ha gl da vengir avont? C. 31.
§ 12. Statt velle (deutsch Svollen') steht manchmal esse -j- per
-|- Infinitiv oder habere -}- de(da) -H Infinitiv.
Luc. X 1.
L: In alle Städte und Orter, da er wollte hinkommen,
oe: in fcodün loe, in aquael el era par gnir, B. I 237; B. II 241.
in fcodüna citaed & loe, inua el havaiva da gnir, Gr. 221.
ue: in ogni citta e lö, ingio el haveiva da gnir, V. D. 85.
(wohl italienischer Einfluss.
Diod: ove egli avea da venire).
in ogni citta e lö, ingio el avaiva da gnir, A. V. 84.
Romanische Forschungen XXVII. 25
392 Karl Hutschenreuther
§ 13. Beim faktitiven Hülfsveib 'lassen' ist die Grenze zwischen
fare (= bewirken) und lasciare (= zulassen) nicht scharf gezogen, so
dass häufig Verwechslungen der beiden Verben stattfinden.
Mat. V 44.
oe: per che el lascha aluer Tg sullailg sur l's mels & sur l's
bims, R. 416/17.
per che el lascha aluer Tg sullailg für l's toaels & für l's
büs, B. II 17.
(Alle andern Texte haben facere).
Luc. II 10.
oe: eau lafch a favair ä vus üna granda allegrezza, Gr 184.
ol: jou lafch ä faver a vus Unna gronda latezia, Ga. 246.
(doch: jou fetfh a saver ä vus inna gronda latezia, C. 96/7).
jou lasch ä saver a vus ina gronda letezia, F. 71.
Es ist anzunehmen, dass die oe. und ol. Übersetzer sich durch das
deutsche 'lassen' zur Anwendung von lasciare verleiten Hessen.
B. Gattungen des Verbums.
a) Das Aktiv.
1. Umschreibung des Aktivs,
§ 14. Fürs Aktiv ist im oe. und ue. auch eine umschreibende
Konjugation mit stare und dem Infinitiv mit da oder per üblich, um
die nächste Zukunft zu bezeichnen; auch wird esse^ hQzvf. stare mit
Gerund gebraucht, um eine vorübergehende Tätigkeit auszudrücken.
Luc. VII 2.
L: Und eines Hauptmanns Knecht lag todtkrank. — ijfielXs r«
Xsvväv. — V. erat moriturus.
oe: Mu l'famalg d'ün tfchert Capitani fiand amalo, ftaiva da
morir, Gr. 205.
Ed il famagl d'ün chai)itanni, chi eira eher a quaist, eira
ammalo, e staiva per morir, M, 118.
ue: E '1 (erviaint d'ün tfchert Capitani, il quäl 1' eira zuond chiar,
eira amalTi, e ftava per murir, V. D. 79.
(auch Diod: stava per morire).
E '1 serviaint d'ün tschert chapitani, il quäl l'eira zuond char,
eira amah'i, e staiva per morir, A. V. 77.
(Hierfür hat das ol: a leva gual morir, Ga. 275).
Luc. I 21.
Kai riv b Xaog TtQOffdoxo))^ top Zuxaqlav.
Diod: Or il popolo stava aspettando Zacaria.
Syntaktisches zn deu rätoromaiiisclieii Übersetzungen der vier Evangelien 393
oe: Et l'g poeuel fteiui alpettäd Zachariä, B. I 190; B. 11 193.
Et eira 1' pcevel afpettand Zachariam, Gr. 178 (aus dem
Griechischen) !
Ma il püvel staiva aspettand Zaccaria, M. 102.
ue: Mo 'i pövel ftava fpettand Zacaria, V. D. 69.
Ma '1 pövel staiva spettaiid Zaccaria, A. V. 67.
Das ol. übersetzt wörtlich aus dem Deutschen:
Ad ilg- pievel fpechiava fin Zacharias Ga. 239. (L: Und das Volk
wartete auf Zachariam). Die anderen ol. Texte haben ähnliche Über-
setzungen.
Da sich die Italiener auch obiger Umschreibungen bedienen, so
ist im oe. u. ue. italienischer Einfluss wahrscheinlich.
2. Zeitformen des Aktivs.
a) Zeitformen der Gegenwart.
§ 15. Das 1., ja sogar das 2. Futur gibt Bifrun gerne durch
das Präsens wieder.
Mat. V 46.
Tiva nKT&bv k'xsTS] V: quam mercedem habebitis. — L: Was
werdet ihr für Lohn haben?
oe: che premgia hauais uus? R. 420; B. II 17.
aber: che mercede gnis ad havair? Gr. 16.
che premi gnis vus ad avair? M. 9.
ue: che premi gnis ad havair? V. D. 7.
che premi gnis ad avair? A. V. 8.
ol: chei pagalgia vangits a ver? Ga. 20.
chei pagalgia vegnits ad aver? C. 8.
chei pagaglia vegnits a haver? F. 10.
Mat. VI 34.
17 yag ailgtov f^iSQiiipriffsi t« iavttjg-, V: Crastinus enim dies solicitus
erit sibi ipsi. L: Denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen,
oe: l'g di damaun ho l'g sieu pisir da se sues, K. 545.
l'g di damaun ho l'g fieu pifser da fe fuessa, B. II 22.
aber: 1' di d'damaun vain a prender piffijr da fias (chiolTes),
Gr. 19.
il di damaun averö pisser per sias chosas, M. 11.
ue: '1 di d'damaun haver a pifser per fias chiaufas, V. D. 8.
'1 di di daman averä pisser per sias chosas, A. V. 9.
ol: ilg gi da damaun ven a ver quitau par fias cauffas, Ga. 26.
ilg gi da damaun ven ad aver quitau par sias caussas, C. 10.
il gi da damaun ven ä haver quitau par sias caussas, F. 11.
25*
394 K«''^!' Hutschenreuther
Die Vergangenheit in der Zukunft, welche das oe und zu-
weilen ol. (Carisch) durch das Perfekt wiedergeben, während das ue.
und ol. genauer das 2. Futur gebrauchen, gibt Bifrun in Überein-
stimmung mit dem Lutherschen Text einfach durch das Präsens
Mat. II 8.
indv de svqtjts, artuyyeiXaTf fioi. V : et cum inveneritis, renunciate
mihi. L: Und wenn ihr es findet, so saget mir es wieder.
oe: Et cura aus l'g achiates, schi lastho ä mi a sauair, R. 94.
Et cura vus l'g chiataes, fchi lafcho ä mi ä favair, B. II 5.
mu cura vus 1' havais chiatto m'lafche favair, G. 5.
e cur vus 1' avais chatto, fe 'm a savair que, M. 3.
ue: e cur vus gnis ä 1' havair chiatä, fchi referi quai ä mal,
V. D. 3.
(auch Diod: e quando 1' avrete trovato.)
e cur vus gnis a 1' avair chattä, schi referi quai a mai,
A. V. 4.
ol: a cur vus ilg vangits a ver äff lau, fcha figeit a faver a
mi, L. G.
a cur vus ilg veits afflau, figieit ä saver ä mi, C. 2.
a cur vus il veguits ä haver affiau, schi fageit ä saver a
mi, F. 6.
Da auch der Deutsche gerne das Präsens statt des Futurs setzt
(Vockeradt § 235), und da Luther im letzten Beispiel ebenfalls das
Präsens gebraucht, dürfte wohl deutscher Einfluss vorliegen.
In der Anwendung des Futurum exactum im ue. u. ol. macht sich
vielleicht antiker Einfluss geltend, da dieses Tempus der rätoro-
manischen Sprache nicht geläufig ist (Augustin § 35).
ß) Zeitformen der Vergangenheit.
§ 16. Das Imperfekt bietet nichts Interessantes, es ist eben wie
in den übrigen romanischen Sprachen die Zeit der Wiederholung.
Bezüglich des einfachen Perfekts kann ich M.-L.s Ansicht
(§ 114), dass 'dasselbe in Graubünden von Anfang an von ziemlich be-
schränktem Gebrauche ist', nur teilen.
Im älteren oe. steht mit Vorliebe, in älteren ol. Texten gerne das
zusammengesetzte Perfekt, wo das einfache Perfekt (lat.
Ferfectnm historicum) am Platze wäre, nämlich, um eine einmal ver-
gangene Handlung als einen abgeschlossenen Akt zu bezeichnen ohne
Kücksicht auf den Verlauf der Handlung, ferner um das Fortschreiten
der Haupthandlung darzustellen oder, um etwas Neueintretendes zu
bezeichnen.
So finden wir Mat. I bei der Genealogie 39raal im oe. bei Bifrun
Syntaktisches zu den rütovomanischeu Übersetzungen der vier Evangelien 395
und Griti, imol. 39mal bei Gabriel das zusammengesetzte Per-
fekt für das deutsche Imperfekt und das einfache Perfekt sämt-
licher übrigen, büudnerischer Übersetzer. Nur in der piemontesischen
Waldenscrbibelist im gleichen Falle das zusammengesetzte Perfekt
anzutreffen, während alle anderen romanischen Übersetzungen das
einfache Perfekt aufweisen.
Andere Beispiele sind:
Mat. II 1.
L: Da kamen die Weisen vom Morgenlande gen Jerusalem,
oe: l's Magis sun gnieus dalg oriant, ä Jherusalem; R. 75.
l's Magis fun gnieus dalg oriaint, ä Jherusalem, B. II 4.
l's Sabis fun gnieus da l'Oriaint in Jerufalem, Gr. 4.
aber: cö gnittan sabis dal oriaint a Gerusalem, M. 2.
ue: Magis d'Oriaint rivaun in Jerufalem, V. D. 3.
Magis d'oriaint rivettan in Jerufalem, A. V. 4,
ol: vanginen Sabis da la damaun a Jerufalem, Ga. 5.
venginen sabis da la damaun ä Jerusalem, C. 2,
schi vegninan sabis da la damaun ä Jerusalem, F. 6.
(Keine roman. Übersetzung hat hier das zusammengesetzte Perfekt.)
Mat. II 4.
L: Und erforschete von ihnen,
oe: schi ho el dumando aquels, R. 82 & B. II 4.
ho dumando ad eis, Gr. 5.
Aber: e s'informet dad eis, M. 3,
ue: s'informet el dad eis, V. D. 3; A V. 4.
ol: fchi ha '1 andarfcheu dad eis, Ga. 5.
ad andarschö tier quels, C. 2.
schi ha el andarschiu dad eis, F. 6 (nach Gabriel).
In den übrigen romanischen Übersetzungen hat nur das Piemon-
tesische: a 1 ha ciamä-ie.
Mat. II 16.
L: Und Hess alle Kinder [zu Bethlehem] töten {ävHls).
oe: & ho amazo tuots l's matteis, R. 122 & B. II 6.
ho mazzo tuots l's infaunts, Gr. 6.
aber: e tramettet a mazzer tuots ils infaunts, M. 3.
ue: e trametet ä far mazar tuet ils iffaunts, V. D. 3.
e tramettet a far mazzar tuet ils infants, A. V. 4.
ol: a figet mazar tut ils uffonts, Ga. 7.
a figiett mazar tuts ils uffonts, C. 3.
a faget mazzar tuts ils uffonts, F. 6.
(Auch hier hat nur das Piemontesische das zusammengesetzte Perfekt.)
Solcher Beispiele Hessen sich in Menge anführen, und zeigen, dass
396 Karl Hutschenreuther
wir es nicht mit einer Nachahmung zu tun haben, sondern dass das
zusammengesetzte Perfekt einem Bifrun & Griti geläufiger war
als die neueren, allerdings kürzeren Formen des einfachen Perfekts.
Im ol. ist bei Gabriel ein Schwanken zwischen zusammengesetztem
Perfekt und einfachem Perfekt zu konstatieren.
§ 17. Das Conditionale (presente u. passato) wird in der
Regel durch den Konjunktiv Imperfekt bezw. Plusquamperfekt wieder-
gegeben.
Marc. IX 42.
L: Dem wäre es besser . . .
Diod: megli per lui sarebbe . . .
oe: e füs milg agli . . ., B. I 153.
e füs melg agli . . ., B. II 156.
melg füfs per el . . ., Gr. 143.
per quel füss megl . . ., M. 82.
ue: fchi gnifs ad effer melg per el . . ., V. D. 55 & A. V. 55.
ol: fcha fuss ei a Igi pli bien . . ., Ga. 194.
par quel fuss ei pli bien, C. 76.
ä quel fuss ei pli bien, F. 56.
§ 18. Einen Unterschied zwischen einer direkten und indirekten
Form des Conditionale, wie ihn die Bühlersche Gramm, (p. 86)
kennt, zeigt nur der jüngere ol. Frankfurter Text.
Spricht nämlich jemand seine eigene Meinung aus, so steht die
direkte Form, drückt man dagegen etwas als Ansicht einer anderen
Person aus, so steht die indirekte Form des Konditionalis.
Das Interessante besteht darin, dass die indirekte Form durch
Aiihängung einer Konjunktivendung an den schon vorhandenen Kon-
junktiv (denn Bühl er sagt ja p. 86: ^La moda condizionala ei e.ra
nuot auter cli'in conjunctiv') gebildet wird, so dass wir also einen
Doppelkonjuuktiv haben ähnlich einem Doppelfutur (gnares ad
arschaiver R. 1937) und einem Doppelperfekt (§ 7).
Beispiele für direktes Conditionale:
Luc. XVII 2.
ol: (Mo el sehet als giuvnals:)
Ei fuss 4 gli i)li bien, ca ei fuss pendiu vi da siu culliez ina
mola da molin^ a ca el vegniss frius en la mar . . ., F. 95.
Luc. XVII 4.
A scha el fagess puccau ancunter tei sett gadas il gi, a
turnass tier tei sett gadas il gi a schcss; F. 95.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen cli;r vier Evangelien 397
Für indirektes Conditiouale:
Luc. XVIIl 36.
Mo cur el udit 11 pievel mont speras vi, spiä el, cliei quei
fussi? F. 98.
Job. IV 1.
Cur il Segner savet, ca ils Phariseers havesseu udiu, ca Jesus
fagessi pligiuvnals, a battigiassi plica Johannes,... F. 112.
y) Zeitformen der Zukunft.
§ 19. Während im oe. zur Bezeichnung einer zukünftigen Hand-
lung, die vor dem Eintreten einer anderen zukünftigen Handlung
vollendet ist, häufig das Präsens (§15) steht, treffen wir im ue.
und ol. das Futurum exactum an.
Mat. V 11.
Diod: Voi sarete beati, quando gli uomini v' avranno vituperati,
e persequiti, e, mentendo, avranno detto contr'a voi
ogni mala parola per cagion mia.
ue: Vus farad beads, cur la glieud s' haverä vituperä, e per-
fequitä; e mentind, haveran dit contra vus ogni mal
pled per chafchun mia, V. D. 6 (von Diod. abgeschrieben!)
Vus sarat beats, cur la glieud s'averä vituperä, e perse-
guitä; e, mentind, averan dit contra vus ogni mal pled
per chaschun mia, A. V. 6.
(Von V. D. wörtlich abgeschrieben!)
Die übrigen Texte haben an Stelle des 2. Futurs das 1. Futur,
nur im oe. hat Meuni in Übereinstimmung mit Luther das
Präsens: Beos essas vus, cur eis s'ingiurieschan e 's perseguiteschan,
e, mentind, dian ogni mel pled cunter vus peramur da me. M, 7.
Mat. XVn 27.
L: Und wenn du seinen Mund auftust, wirst du einen Stater finden,
ol: a cur ti vens a ver aviert fia bncca, fcha vens ad afflar
ün ftater, Ga. 82.
a cur ti vens a ha ver aviert sia bucca, schi vens ad afflar
in stater, F. 26.
(Carisch gebraucht koordinierende Hauptsätze).
Dem gelehrten Gabriel mochten hier wohl antike Formen vor-
schweben. Der Frankfurter Text ist von Gabriel wörtlich abge-
schrieben.
<5) Zeitformen im Nebensatz.
§ 20. Bezüglich der Zeitformen im Nebensatz finden infolge
fremden Einflusses öfters Abweichungen von der genauen Zeiten-
398 Karl Hutschenreuther
folge statt. So steht öfters nach einem Präteritum des Verbal-
satzes ein Präsens im Teilsatze.
Mat. XXV 24.
f'yvwv c« ort GxXriQog sl avd^Qüonoq. L: Ich wusste, dass du ein
harter Mann bist. Diod: io conosceva che tu sei uomo aspro.
oe: eau cunschaiua te, che tti ist ün hum dür, R. 2548.
eau cuntfchaiua te, che tu eist ün hom dür, B. II 99.
doch genau: Eau favaiva tu eirast ün hom dür, Gr. 90.
eau savaiva, cha tu est ün hom dür, M. 51,
ue: eug cognofcheiva chia tu eft hom afper, V. D. 35.
eu cognoschaiva, cha tu est hom asper, A. V. 35.
ol: genau: jou faveva ca ti fusses ün carftiaun dir, Ga. 121.
jou saveva ca ti eis in hum dir, C. 47.
nach Luzi: jou saveva, ca ti fusses in carstiaun dir, F. 3?.
Das oe. zeigt hier mit Ausnahme Gritis teils griechischen,
teils deutscheu Einfluss; das ue. ist wörtliche Übersetzung aus
dem Italienischen; im ol. übersetzt wiederum Carisch aus dem
Griechischen.
Luc. VII 39.
syCyvbiffxev äv %l(; xai noxavri fj yvv^. L: So wüsste er, wer und
welch ein Weib das ist. Miguel: bien sabria quiön, y quäl es la
muger. Seg: il connaitrait qui et de quelle espfece est la femme.
Diod: conoscerebbe pur chi, e quala sia questa donna.
oe: fchi faues el bain, chi ü da che fort aquaifta duonna füs,
B. I 223; B. U 227.
fchi cuntfchefs el chi & qu^lla faia quaifta duonna, Gr. 207.
schi savess el, chi e che duonna saja quaista, M. 120.
ue : fchi gnifs el pur ä cognofcher chi e quala f aj a quaifta duonna,
V. D. 80 & A. V. 78.
ol: fcha favefs el baffai chi, a chei dunna quell' ei, Ga. 280.
scha vengiss el bassai ä saver, chi a chei dunna qttella ei,
C. 110.
savess el bassai, chi a chei dunna quella ei, F. 80.
Während das oe. zum teil, das ue. ganz italienischen Ein-
fluss hier zeigt, richtet sich das ol. nach Luther.
B. Das Passiv.
§ 21. Das Passiv wird im oe. und ue. häufig umschrieben, indem
man das Verbum im Aktiv gebraucht, und es mit dem reflexiven Für-
wort verbindet.
Mat. XXVI 9.
L: Dieses Wasser hätte mögen teuer verkauft (seil, werden).
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 399
oe: aquaist htit s' haues pudieu u ender par bgier, R. 2630/1;
B. n 102.
quaist litt s' pudaiva vender par grand pretfch, Gr. 93.
Mat. I 22.
L: Auf dass erfüllet würde.
oe: acciö s' accompliss, M. 2.
ue: aeiö chi 's complifs, V. D. 2 u. A, V. 4.
(Auch Diod: aeioche s' adempiesse; Seg: afin que s' accom-
plit).
Diese Art der Wiedergabe des Passivs ist zwar auch den übrigen
romanischen Sprachen eigen; doch aus dem Umstand, dass die ol.
Übersetzer keinen Gebrauch davon machen, dürfte man schliessen, dass
im oe. und ue. die Nähe Italiens mitgespielt hat.
Gleich dem Deutschen kann das Passiv durch das unbestimmte
Subjekt 'man' {unus'> ins; unumy ün) wiedergegeben werden. Es treten
auch noch andere Wendungen ein.
So ist das Passiv ganz verschiedentlich wiedergegeben in Luc. 11 1.
xal rixovffd^ri. — L: Und es ward ruchtbar.
oe:
durch f^ ^' ^*^ '°^^^*^ ^- ^ ^22-
esse -Y- rartizip [^ ^.^ ^^.^^^^ ^^, ^^^
durch unum ed ün udit, M. 64.
ue:
durch das fe s' intleget, V. D. 44.
Reflexiv \e s' incleget, A. V. 43.
Ol:
durch das Aktiv
mit venire
durch die 5. Pers. ) , . ,. r^ rr^
durch unus ad ins udit, F. 45.
C. Modnsformen des Verbums.
a) Indikativ und Konjunktiv.
Bezüglich der Modi gilt die allgemeine Eegel, dass der Indikativ
zum Ausdruck einer wirklichen Tatsache, zur Feststellung eines
bestimmten Ereignisses steht, während der Konjunktiv zur Dar-
stellung von etwas Zweifelhaftem, Unsicherem, Möglichem und Unmög-
lichem gebraucht wird. Dies gilt sowohl für den Verbal- wie Teilsatz.
lad ei vangit or la canera, Ga. 152.
400 Karl Hutschenreuther
Häufig' tritt jedoch ein Schwanken nach der einen oder anderen
Verbalform ein. Eine Neigung zum Konjunktiv macht sich bei Bifrun
und den ol. Übersetzern merklich.
a) Gebrauch des Indikativs bezw. Konjunktivs im
Verbalsatz.
§ 22. Der Indikativ im Verbalsatz als Ausdruck des gewiss
Erkannten bietet nichts Bemerkenswertes. Auch der Konjunktiv im
Verbalsatz ist gleich den übrigen romanischen Sprachen 'abhängig von
einem hinzugedachten Hauptsatz'^) durchwegs anzutreffen, so dass es
keiner weiteren Beispiele bedarf.
ß) Gebrauch des Indikativs bezw. Konjunktivs im Teils atz.
Im Teilsatz lassen sich die einzelnen Fälle, wo Indikativ oder
Konjunktiv verlangt wird, am besten nach den verschiedenen Arten
des Satzes bestimmen.
§ 23. Im Subjektsatz steht der Indikativ, um eine Tatsache
zu charakterisieren; enthält aber der Verbalsatz einen Ausdruck der
Möglichkeit, des Zweifels, der Unwahrscheinlichkeit, so folgt im Teil-
satz der Konjunktiv.
Auch hier stimmt das Rätoromanische mit den anderen romanischen
Sprachen überein, so dass es keine Beispiele benötigt.
§24. Im Objektsatz steht nach den Verben der Willens-
äusserung gleich den übrigen romanischen Sprachen allgemein der
Konjunktiv.
Merkwürdiger ist, dass nach credere im alleren oe., sowie im
älteren wie neueren ol. ähnlich dem Rumänischen und Alt-Italienischen
(M.L. § 667) der Konjunktiv steht.
Joh. XI 27.
L: Ich glaube, dass du bist Christus. Di od: io credo che tu sei
'1 aristo.
oe: Eau craich tu faias Chriftus, B. I 351.
Eau craich tu faiaft Chriftus, B. II 360/1 u. Gr. 338.
aber: Eau crai, cha tu est Cristo, M, 194.
ue: nach Diod: eug crni, chia tU eft Chrifto, V. D. 129.
eu crai, cha tu est Christo, A. V. 125.
ol: jou creig ca ti feias Chriftus, Ga. 448 u. C. 177.
jou creig, ca ti sei es Christus, F. 125.
Desgleichen ist der Gebrauch des Konjunktivs durchwegs an-
1) Breymanii, p. 15 und 16.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 401
zutreffen uaeh einem nicht verueinten, fragend oder bedingt gebrauclitein
pensare und quintare. Nur die italienische und piemontesischc Über-
setzung zeigen in diesem Falle ebenfalls den Konjunktiv.
Marc. VI 49.
L: Meinten sie, es wäre ein Gespenst. Mignel: pensäron que
era phantasma. Per: cuidarao que era algum fantasma. Seg: ils
crurent que c'ctait un fantome. P: a 1 hau credü ch'a fussa un'
fautasma. Diod: pensarono che fosse una fantasima.
oe: fchi piffaun eis che füs ün Ipierfc B. I 141; B. II 143.
haun piffo chia faia ün fpiert, Gr. 131.
s'impissaivane, cha que füss ün spiert, M. 75.
ue: piffaun, chi fuofs ün fpirt, V. D. 51.
pensettau chi füss ün spiert, A. V. 50.
ol: fcha quitaven eis, ch'el fufs ün fpirt, Ga. 177.
quitavan eis, ca el fuss in spirt, C. 69.
quittavan eis, ca el fuss in spirt, F. 52.
Hier dürfte deutscher Einfluss vorliegen. Das ue. ist wahr-
scheinlicher noch Übersetzung aus dem Italienischen.
§ 25. Abweichend von den übrigen romanischen Sprachen herrscht
bei den Verben der Gemütsbewegung besonders im oe. u. ol. eine
Neigung zum Indikativ vor.
Luc. X 20.
L : Freuet euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.
oe: dimperfe s'allegrö che uos nums fun fcrits in fchil, B. I 239.
dimperfe s' allegrö che vos noms fun fcrits in tfchel, B. II 243.
mu baiu s'allegre chia voafs noms fun fcritts in l's tfchels,
Gr. 223.
mo allegre 's, cha voss noms sun scrits sü in tschel, M. 129.
ue: anzi, s' allegrfi chia vos noms fun fcrits n'ils tfchels, V. D. 86.
anzi s'allegrai, cha voss noms sun scrits nels tschels, A. V. 84.
ol: mo vus lagreit bearont ca vofs nums ean fcrits enten tfchiel,
Ga. 300.
bearont vus legreit, ca voss nums aen scrits enten tschiel, C. 118.
mo vus legreit bearont, ca voss nums ein scritts enten tschiel.
F. 85.
Allerdings kann in allen romanischen Sprachen nach einem Aus-
druck des Affektes der Indikativ stehen, wenn ein Relativsatz ge-
bildet wird (M.-L. § 667, p. 714). Das ist auch aus unserem Beispiel
ersichtlich :
Miguel: antös gozäos, de que vuestros nombres es tan escritos
en los cielüs.
402 Karl Hutschenreuther
Per: mas sim deveis alegrar-vos de que os vossos nomes estäo
escritos nos Ceos.
Seg: mais rejouissez-vous de ce que vos noms sont Berits dans
les cieux.
P: ma pitost arlegre-ve de Ion ch' i vostri nom a soun scrit ent
'1 ciel.
aber Diod: anzi, rallegratevi che i vostri nomi sono scritti ne'
cieli.
Der Indikativ im Objektsatz ist hier vielleicht analogisch zu dem
vorausgehenden: non vi rallegrate di cid che gll spiriti vi son sottoposti,
oder di cid che ist das zweite Mal der Wiederholung wegen weggelassen
und dem Sinne nach zu ergänzen.
Äholich findet sich auch in unseren rätoromanischen Übersetzungen
ein solcher Relativsatz mit Indikativ dem letzten Beispiele vorausgehend.
Luc. X 20.
oe: nu s'allegrö in aque che l's fpierts fun äuusfubiets, B. 1 239
u. B. n 243.
Auch die anderen Texte haben diesen Relativsatz, nur gebrauchen
sie statt 'in' die Präposition ^da'.
Die Vorliebe des Indikativs nach einem Verb der Gemütsbe-
wegung zeigt ferner:
Joh. XXI 17.
L: Petrus war traurig, dass er zum dritten Mal zu ihm sagte:
Hast Du mich lieb?
oe: Et Petrus hauet mela uitta chel hauet dit agli la terza uuota,
amas me, B. I 386.
Et Petrus hauet maela vitta chel hauet dit agli la terza
vouta, amas me, B. II 399.
Petrus s' contriftö ch'el Thavaiva dit la terza vouta, Amas
tu me? Gr. 376.
Petro as contristet; ch'el l'avai va dit la terza vouta: M' amast-tü?
M. 214.
ue: Petro s' contriftet ch'el l'havefs dit fin a trais voutas:
M'ainaft tu, V. D. 142.
(Der Konjunktiv ist wohl Übersetzung aus dem Italieni-
schen.
Diod: Pietro s' attristo ch' egli gli avesse detto fiuo a tre
voltC; M'ami tu?)
Petro 's contristet, ch'el l'avess dit fin a trais voutas, m'amast-tli,
A. V. 138 (von V. D. abgeschrieben!)
ol: Petrus vangit Irifts, ch'el Igi veva gig la terza gada, Mi tens
ti char? Ga. 498 (nach Luther!)
Syntaktisches zu den rätororaanischeu Übersetzungen der vier Evangelien 403
Petrus sa contristä, ca el Igi veva gig la terza gada: mi
tens ti car? C. 196.
Petrus sa contristu ca el gli baveva gitg la terza gada: Ma
tens ti car? F. 139.
Es ist anzunehmen, dass die Bevorzugung des Indikativs nach
Verben des Affektes deutschem Einflüsse zuzuschreiben ist.
§ 26. Beim Objektsatz ist bezüglich der indirekten Rede und
indirekten Frage der vorwiegende Gebrauch des Konjunktivs im
oe. auffallend; das ue. richtet sich zumeist nach italienischer Vorlage;
im ol. herrscht grosse Willkür.
Zur indirekten Rede: Luc. XXI 5.
L: Und da etliche sagten von dem Tempel, dass er geschmückt
wäre von feinen Steinen und Kleinodien.
Diod: dicendo alcuni del tempio, ch'esso era adorno di belle
pietre, e d'offerte.
oe: Et dfchant ünqualchiüns dalg taimpel, chel füs cun bellas
pedras & duns hurdano fü, B. I 282.
Et dfchant ünqualchiüns dalg taimpel, chel füs cun beilas
peidras & duns, hurdano sü, B. II 290.
aber: Et dichand alchüns da l'taimpel; ch'el eira ornö da
beilas peidras & da duns, Gr. 268 (nach dem Griechischen:
OTi . . . xexofffifjTai).
E dschand alchüns, cha '1 taimpel saja orno da bellas peidras
e da duns, M. 156.
ue: dfchant alchüns dal Taimpel, chia quel eira adornä cun bellas
peidras, b cun offertas, V. D. 102 (nach Diod.)
dschand alchüns del taimpel, cha quel eira adornä con bellas
peidras e con offertas, A. V. 100 (von V. D. abgeschrieben)!
ol: A cur anchins fchenan d'ilg tempel, co quel fufs fitaus cun
bella crappa, a cun duns, Ga. 360.
cur anchins schevan dilg tempel, co el seigi ornaus cun bella
crappa a duns d'unfrenda, C. 142.
A cur anchins schenan dil tempel, co quel fussi fitaus cun
bella crappa a cun duns, F. 101 (hier das indirekte Con-
dizionale!)
Zur indirekten Frage vergleiche Luc. VII 39 (p. 24).
Im Gebrauch des Konjunktivs in diesen Fällen ist wohl deutscher
Einfluss zu erkennen, wenn auch nicht immer Übersetzung aus dem
Deutschen vorliegt.
404 Karl Hutschenreuther
§ 27. Bei den Kausalsätzen ist der IndikatiV; beiden Final-
sätzen der Konjunktiv streng- durchgeführt.
In den Temporalsätzen waltet der Indikativ vor; doch haben
die Prioritätssätze stets den Konjunktiv.
Was die Ziels ätze anbetriflt, so vf erden beide Verbal formen ge-
braucht. Im oe. ist der Indikativ üblicher, während im iie. und ol.
der Konjunktiv vorwiegt.
Bezüglich der Modalsätze treffen wir bei wirklichem Vergleich
stets den Indikativ an. Steht ein Komperativ im Verbalsatz, so folgt
im Vergleichsatz, weil eben eine Möglichkeit vorliegt, stets der Kon-
junktiv.
(Beispiele hierzu folgen bei den subordinierenden Konjunktionen).
Nach einem negierten Verbalsatz folgt in Sätzen, die oe. mit upceia
che^ i\ poßia che, sainza clia, ue. mit chi (= franz.: sans qiie^ ital:
senza che), ol. mit senza ca eingeleitet werden stets der Konjunktiv,
weil die Folge eine nur bedingte ist. Im oe und ue. findet man statt
che auch schi^ dann aber immer mit Indikativ.
Marc. VII 3.
L: Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, sie waschen
sich denn die Hände manchmal.
oe: Per che l's pharifeers, & tuots Jüdeaus upoeia chels hegian
fuuenz laue l's mauns Ichi nu mangien h, B. I 142 u.
B. II 144.
Per che l's Pharifeers & tuots Ts Jüdeaus nun mangic fch'els
nun laevan fuvenz l's mauns, Gr. 132.
Perche ils Fariseers e tuots ils Güdevs nun mangian, sainza
ch'els hegian diligiaintamaing lavo ils mauns, M. 76.
ue: Perche 'Is Fariseers, fchi tuots ils Jüdeus nun mangian, chi
nun hajan lavä l's mauns fin al chandun, V. D. 51.
(von Di od. abgeschrieben: Perciochc i Farisei, anzi tutti i
Gudei non mangiano, che non abbiano lavate le mani
fino al cubito).
Perche 'Is Fariseers, schi tuots ils Güdeus non mangian, schi
non hau lavä 'Is maus fin al chandun, A. V. 51.
ol: Parchei ch'ils Pharifeers, a tut ils Judeus mangian, fenza
ch' eis hagian lavau ils mauns bein ftain, Ga. 179.
Parchei ca ils Phariseers a tuts ils Judeus mangian bucca
senza ca eis hagian lavan staiugiameng ils mauns, C. 70.
Parchei ils Phariseers a tuts ils Judeus mangian buc, senza
ca eis hagien lavau ils mauns stagnameng, F. 52.
Bei den Steigerungssätzen ist im ol. auch der Konjunktiv
des Zugeständnisses anzutreffen.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 405
Marc. Vn 36.
ol: ino quont ca el ciiinanduss, inui tont pli ilg rasavan ei
ora, C. 71.
§ 28. Im Kelativsatz steht natürlich der Indikativ, sowie
eine Tatsache festgestellt wird. Enthält aber der Relativsatz eine
gewünschte, geforderte Eigenschaft, eine Einräumung, eine an Be-
dingungen geknüpfte Tätigkeit, so folgt der Konjunktiv.
Marc. VII 15.
L: Es ist nichts ausser dem Menschen, das ihn könnte gemein
machen, so es in ihn gehet,
oe: E nun es ünguotta our daduor l'g hum, quael chi giaia aint
in el chi l'g poffa maculer, B. I 143.
E nun eis ünguotta our dadour l'g hom, quel chi giaia aint
in el chi l'g poffa maculer, B. II 145.
Ungüna chioffa eis da dour Thom, chi aintra in el, chi 1'
poaffa faer meinet, Gr. 134.
Dadour il crastiaun nun ais alchtina chosa, la quela, entrand
in el, il possa fer meinet, M. 76.
ue: E nun ais ingotta dadour il craftian, chia, antrand in el, il
polfa impalar, V. D. 52.
E non ais inguotta dadour il crastian, chi, intrand in el, il
possa impalar, A. V. 51.
ol: Ilg ei naginna cauffa dador ilg carftiaun, ch 'ilg poffig pati-
char cun ir enteu el, Ga. 180.
(Naginna caussa ca ven dador enten ilg carstiaun, ilg po
patihar, C. 70/1).
Igl ei nagina caussa dador il carstiaun, ca il possi patihar
cun ir en el, F. 53.
§ 29. Die Konditionalsätze haben, wenn es sich um einen
bestimmten Fall handelt, den Indikativ.
In einem negierten Bedingungssatz steht durchaus der Kon-
junktiv.
Mat. XXIV 22.
L: Und wo diese Tage nicht würden verkürzet, so würde kein
Mensch selig.
Seg: Et si ces jours n'etaient pas abregeS; personne ne serait
sauve.
Diod: E, se que' giorni non fossero abbreviati, niuua carne
scamperebbe.
oe: E upoeia che aquels dijs nü füssen stos scurtos, schi nun
duantass salua tutta (Ulrich: tuta) la chiarn, R. 2417/9.
406 Karl Hutschenreuther
Et fcha aquels dijs nun füflen ftos fcurtos, fchi nun duantas
falua tuotta la chiarn, B. 11 94,
Et fclia quels dis nun füffen fcurfunos, üngüna chiarn ftifs
falva, Gr. 85.
E scha quels dis non füssan scurznieus, non gniss salvo
alchüu crastiaun, M. 48.
ue: E fcha quels dids nü fuoffen fcurfnids, fchi nun gnifs ingüna
chain confervada, V. D. 33.
E scha quels dis non füsßan scursnits, schi non gniss ingüna
charn conservada; A. V. 33.
ol: A fcha quels gis fussen bucca fcnrzani, fcha vangifs naginna
carn cunfalvada, Ga. 115.
A fussen quels gis bucca scurzani, scha vengiss naginna carn
ä ngir cunsalvada, C. 45.
A scha quels gis fussen buca scurzani, schi vegniss nagina
cunsalvada, F. 35.
Ist der Inhalt des Konzessivsatzes eine Tatsache, so steht der
Indikativ. Doch finden wir auch im ue. in Nachahmung des Italieni-
schen den Konjunktiv.
Job. IV 2.
Di od: Avvegnachfe Gesü stesso non battezzasse.
ue: Schabain chia Jefus iftefs nun hatte zafs, V. D. 115.
aber: Schabain cha Gesu istess non battizet, A. V. 112.
Bei einer Voraussetzung folgt im Konzessivsatz natürlich der
Konjunktiv. (Beispiele folgen bei den subordinierenden Konjunktionen).
b) Der Imperativ.
§ 30. Der negierte Imperativ wird für die 2. Person Singularis
im oe. und ue. durch non-|- Infinitiv gebildet.
Job. V 14.
L: Sündige hinfort nicht mehr, . . .
oe: aqui dfieva uu pchier, B. I 322.
aqui dfieva nu pchiaer, B. II 330.
nun pchiaer plü, Gr. 306.
nun pcher pü, M. 178.
ue: nun pecchiar plü, V. D. 118.
non pechar plü, A. V. 114.
(auch Diod: non peccar piü).
ol: aber: fai bucca puccan pli, Ga. 409 u. C. 161.
fai buca puccan pli, F. 115.
Da nur im Italienischen in diesem Falle der Infinitiv verlangt
wird ('vielleicht deshalb, weil die Imperativform leicht mit gleich-
Syutaktisclies zu dcu rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 407
lautenden Formen des Presente verwechselt werden könnte' Vock.
§ 264, 2 \ und weil das ol. diesen Gebrauch nicht kennt, so dürfte hier
wohl italienischer Einfluss vorliegen.
§ 31. Eigenartig ist die nur im ue. vorhandene Zusammen-
schmelzung des verneinten Imperativs der 2. Person Singular
{non amar) imä des bejahenden Imperativs der 2. Person Plural
(amai) zur Bildung des negierten Imperativs der 2. Person
Plural (> tion amarai = liebet nicht!) Dem oe. und ol. ist diese
Form fremd.
Mat. V 17.
Mri vofxlcrrjte.
L: Ihr sollt nicht wähnen.
Diod: non pensate.
oe: Nu aestmö, R. 332/3.
Nun aeftimö, B. 11 14.
Nun aeltmc; Gr. 13.
Nun impisse's, M. 7,
ue: Nun piffarai, V. D. 6.
Non s'impissarai, A. V. 7.
ol: Vus duveits bucca quitar, Ga. 16 (nach Luther).
Quiteies bucca, C. 6 (durch den Konjunktiv wiedergegeben!)
Vus duveits buca quittar, F. 9 (nach Gabriel!)
Es folgen Beispiele fürs ue:
Mat. V 34: dafat nun jtirarai: V. D. 6.
dafat non gürerai: A. V. 7.
Mat. V 39: Nun contraftarai al mal; V. D, 7.
Non contrasterai al mal; A. V. 8.
Mat. XXIII 3: nun farai segund lur ouvras: V. D. 31.
non farai seguond lur ouvras: A. V. 31.
Mat. XXIV 6: nun s' conturblarai: V. D. 32.
non as conturblarai: A. V. 33.
Mat. XXIV 26: nun giarai our — nun crajarai, V. D. 33.
non giarai our — non craijerai, A. V. 33.
Luc. ni 13: Nun etfcharai inguotta plü, V. D. 73.
Non domaudarai inguotta plü, A, V. 71.
D. Verbalnomina.
1. Der Infinitiv,
a) Der Infinitiv als Substantiv.
§ 32. Der als Substantiv gebrauchte Infinitiv findet häufig Ver-
wendung und verleiht der Sprache eine ausserordentliche Kürze.
Romanische Forschungen XXVII. 26
408 Karl Hutschenreuther
Mat. XX 23.
L: Aber dus Sitzen zu meiner Recliten und Linken zu geben,
stellet mir nicht zu,
oe: mu ser da mes dret mann ü da mes snister mann, nun sto ä
mi ä der, R. 1978/80.
mu ser da meis dret maun ü da meis fnefter man, nü fto ä
mi ä der, B. U 11.
mu fezer da mieu dret maun & da mieu finiiter maun, nun
fto ä mi da daer, Gr. 69.
ma 11 zer da mia vart dretta e da niia schnestra nun sto a
nie da der, M. 39.
ue: mo, quant al zer da mia vart dretta o dalla fneiftra, nun fta
ä mal da dar: V. D. 27.
(nach Diod: Ma, quant' e al sedere alla mia destra od alla
sinistra, uon istä a me il darlo).
mo, quant al zer da mia vart dretta o dalla sneistra, non sta
a mal da dar: A. V. 27.-
ol: ilg- fer da mieu maun dreg-, a ilg fer da mieu maun laniefter
ftat bueca fin mei da dar, Ga. 95.
ilg ser da mieu maun dreg a da mieu maun saniester stat
bucca tier mei da dar; C. 30.
il ser da miu maun dretg, a il ser da miu maun siniester
stat buea sin mei da dar, F. 29.
Luc. XVII 14.
iv TCO vnäysiv avxovq.
L: Da sie hingingen.
Diod: come eSsi andavano.
oe: ilg ir, B. I 267; B. II 274.
in r ir, Gr. 253.
(giand, M. 146).
ue: in il ir, V. D. 97.
nel ir, A. V. 95.
ol: ent ilg ir, Gr. 340.
enten ilg ir, C. 134.
en igl ir, F. 96.
Vereinzelte Fälle des substantivierten Infinitivs sind:
oe:
Mat. II 12: tres fer assauair da dieu, R. 106.
trcs faer affauair da Dieu, B. 11 5.
Mat. VI 7: {iv rrj noXvXoyla).
tres lur bgier schäscher, R. 469.
tres lur bgier tfchanfcher, B 11 19.
Syntjiktisches zu den rätoroinanischen Übersetziuigcu der vier Evangelien 4ü9
Luc. V 5: Tüu tieu dir, B. I 210; B. II 213.
Mat. VI 28: per 1' veftir che pigliuis pifsijr? Gr. 10.
Mut. VIII 4:Eiiel semner crudet üua purt del sein giö sper la
via; M. 24.
ue:
Mat. XX 1: sü 'I far dal di, V. D. 26.
(nach Diod: in sul far del di).
sni far del di, A. V. 27.
Ol:
Mat. XV 19: Parchei ca or d'ilg cor veng-ian naiifchspartrachiaments,
mazar Ig-eut, rumper las leg-s, Ga. 72.
Luc. IV 5: en ün batter d'oelg-, Ga. 257.
en in batter d'elg, C. 101; F. 74.
Eine eigenartige Zusammensetzung eines Substantivs mit einem
substantiviertem Infinitiv, wo sofort der Germanismus zutage tritt,
finden wir im ol.
Mat. Vm 11.
da Solelg lavar, a da Solelg ir da raudieu, Ga, 32.
da sulelg levar, a da sulelg ir da rendieu, C. 12.
da solegl levar a da solegl ir da rendiu^ F. 13.
b) Der nicht substantivische Infinitiv.
a) Der präpositionslose Infinitiv.
§ 33. Während die Verwendung des Infinitivs ohne Präpo-
sition als Objekt in den romanischen Sprachen stark eingeschränkt
ist, indem statt des lateinischen präpositionsloseu Infinitivs häufig der
Infinitiv mit de oder ein Objektsatz tritt, finden wir dagegen im oe.
und ue. häufig dessen Anwendung. Beispiele für den lateinischen
Accusativus cum infinitivo, das heisst, der lateinische Brauch, das
Subjekt dem Infinitiv bei den Verben des Sagens und der Wahrnehmung
in der Form des Akkusativs beizugeben, sind besonders im oe. nicht
selten.
Marc. Xn 35.
ncog Xsyovoip ol ygafA/naTSig, ozi 6 XgKTtdg vlog iffti Jaßiö.
V: Qiiomodo dicunt Scribae Christum filium esse David?
oe: Inchemoed dian l's fcrivauns Christum elfer filg da Dauid?
B. I 167 u. B. n 170.
Hier scheint Bifrun die Vulgata benutzt zu haben.
Mat. XVIII 33.
ovx edsi xat es iXsTicrai xbv GvvdovXöv dov.
26*
410 Karl Hutschenreuther
Nun liaveft bfoegnio eir tU havair compafsiun cun tieu
cunfamalg, Gr. 63/4.
(Ubersetzuug- aus dem Griechischen!)
Mat. XXV 37.
Cura havains vis te havair fam, Gr. 91.
Marc. V 30.
oe: Et bain bod, cuntfchand Jefus in fe, efCer ieu oura virttid
da (e, . . . Gr. 125.
(Der griechische Text und die Vulgata haben diese Konstruktion
nicht).
Mat. XXII 23.
ils quels dian, nun esser alchüna resüstaunza, M. 44
(nach dem Griechischen: Xiyovtsg fxrj alvai dväoTaaiv).
ue: laich' ils morts fepulir lur morts, V. D. 10 & A. V. 11 ist
Ubersetzuug aus dem Italienischen.
Di od: lascia i morti seppelire i lor morti.
Wo bei sämtlichen Beispielen nicht sklavischer Nachahmungstrieb
vorherrscht, scheinen den Übersetzern immerhin antike Konstrukti-
onen vorgeschwebt zu sein.
ß) Der Infinitiv mit Präpositionen.
§ 34. Merkwürdig ist im oe. bei Bifruu, zuweilen auch Griti,
und im ue. manchmal bei Vulpio-Dorla der Gebrauch des Infinitivs
mit ä wo de {da) oder der reine Infinitiv zu erwarten wäre.
Mat. Xn 10.
oe: Es e licit sülg di delg sabath a guarir? R. 1070/1.
Eis c licit sülg di delg fabbath ä guarir? B. II 42.
Mat. XV 26.
E nun es hiinest ä pr ender l'g paun dals infauns . . . R. 1516/7.
E nun eis huneft ä preuder l'g paun dals infauns, B. II 59.
Mat. XIX 10.
06 : schi nu es boen ä s' m arid er, R. 1855/6.
fchi uu eis boen u s' m arider, B. II 73.
fchi nun eife boen a s' maridaer, Gr. 65.
ue: fchi nun aife boen ä s' maridar, V. D. 26.
(Alle anderen Texte haben da).
Luc. XVI 3.
oe: ä tr acut er m' trupaick eau, B. I 263.
ä tracutacr m' turpaick eau, B. II 270.
aber: tracutaer m' trupag eau, Gr. 249.
Syntaktiscliea zu den rätoroinaniaclicn Üborsetziiiigen der vier Evangelien 411
da miirdier am trupag eau, M. 144.
ue: da })etliar 'm turpai eng, V. D. 95.
da petliar am turpai eu, A. V. 93.
ol: dad ir a rng-ar mi turpeg- jou, Ga. 334 u. C. 131,
dad ir a rogar ma tur])egia jou, F. 94.
Hier hat nur Bifrun nach eiuem Verb der Gemütsbewegung den
Infinitiv mit d.
Im oc. hat ferner nur Menni nach den Verben des Wahrnehmens
den Infintiv mit a (hierzu auch Pults Anmerkung 1. iu Andeers
Gramm., p. 78: 'eu il vezzet a crodat^'), während die übrigen Über-
setzungen den reinen Infinitiv oder das Gerund gebrauchen.
Mat. XV 31.
oe: useh6 cha '1 pövel as müravgliaiva, vzand ils müts a tschan-
tscher, ils strupchos a gnir sauns, ils zops a chamin er,
e 'Is orvs a vair; M. 30.
Marc. XII 28.
Ed ün dels dottuors della Ledscha, chi 'Is avaiva udieu a
dispüter, M. 89.
§ 35. Der Infinitiv mit anderen Präpositionen: mins (aoaunt, ont)^
da, de, dopo, par^ per^ sainza^ senza, suente}\ zieva steht gerne im Teil-
ßatz, wenn derselbe mit dem Verbalsatz gleiches Subjekt hat, und wird
bei der Behandlung des Teilsatzes gelegentlich berührt.
§ 36. Abhängig von einem Substantiv fiel mir der eigenartige
Gebrauch des Infinitivs mit 'par' bei Bifrun u, des Infinitivs mit
Mn' bei Griti auf.
Joh. VIII 56.
L: Abraham, euer Vater, ward froh, dass er meinen Tag sehen sollte,
oe: Abraä uos bab ho hagieu bräma par uair mieu di, B. I 341
u. B. II 350.
Marc. VI 48.
Et ho vis eis chi havaiven, fadia iu navigiaer, Gr. 131.
§ 37. Im elliptischen Satze fand ich den Infinitiv im oe. nur
bei Menni, im ol. nur bei Carisch; das ue. hat ihn nicht.
Mat. XV 33.
oe: Inuonder piglier nel desert paun avuonda, per saduller
tauuta glieud? M. 31; wahrscheinlich infolge Benutzung der
französischen Übersetzung. Seg: Comment nus pro-
412 Karl Hutsehenreuther
eurer daus ce lieu desert assez de pains pour rassasier
une si grande foule?
ol: Entout ea el plidava, mire vengir inua uebla clara sur eis,
C. 30; obwohl der griechische Text nicht deu InfiDitiv hat,
ist es doch möglich, dass dem Übersetzer eine antike Kon-
struktion vorschwebte,
§ 38. Zuletzt ist bei Bifruu noch die eigenartige Anwendung
des Infiuitivus activi statt des Infiuitivus passivi merkwürdig.
Mat. V 13.
L: Es ist zu nichts hiufort nütze, denn dass man es hinausschütte,
oe: Alhura nun uaela el plü üuguotta oter co da bitter oura,
R. 323/4.
Alhura nun vaela el plü ünguotta oter co da bütter oura,
B. II 13.
Die anderen Übersetzungen haben hier das Passiv.
2. Das Partizip.
«) Das Partizip Praesens bezw. Verbaladjektiv.
§ 39. Dasnt. Partizipium, welches durch das Gerundium verdrängt
worden ist, hat da, wo sich seine Form erhalten hat, adjektivische
Bedeutung angenommen; zuweilen steht es auch für ein Partizip
Perfekt.
Mat. l 23.
L: Eine Jungfrau wird schwanger sein.
oe: la uergina es purtaunta, R. 56/7.
la vergina eis purtaüta, B. 11 3.
üna vergina vain ad effer purtaunta, Gr. 4.
ol: la juvantschella ven ä daventar purtonta, C. 2.
Mat. XXIV 32.
L: So wisset ihr, dass der Sommer nahe ist.
oe: favais chia la ftaed eis ardaint, Gr. 86.
savais vus, cha la stcd ais ardainta, M. 49.
Mat. XXVI 66.
L: Er ist des Todes schuldig.
Di od: Egli h reo di morte.
ol: El ei vangonts da la mort, Ga. 133; C. 52; F. 40.
Wofür:
oe: El es culpaunt da la muort, B. I 106.
Syntiiktisclics zu den r;itorom;inisclieu Überselzungcn iler vior Evangelien 413
El eis culpaunt da la muort, B. 11 108.
El eis culpuuüt du moart, Gr. 98.
El ais culpaunt da mort, M. 56.
ue: El ais culpaunt da mort, V. D. 38.
El ais eulpant da mort, A. V. 38.
Ähnlich: Luc. X 7.
L: Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert,
oe: Per che Vg lauraint es ueng-iaüt da fia paiag-lia, B. I 238.
Per che l'g- lauraint eis veng-iaunt da l'ia paiaglia, B. II 243.
Hierfür hat auch das ol : vangonts, während im ue : deng
gebraucht ist.
Job. XVIII 16.
L: Da ging der andere Jünger^ der dem Hohenpriester bekannt
war, hinaus.
Diod: Queir altro discepolo adunque, ch'era noto al sommo
sacerdote, usoi.
oe: Et giet oura aquel oter difcipul quel chi era cüfchieu agil
gräd lacerdot, B. I 37f), B. U 387. '
Eis dimaena ieu oura quel oter dilcipul chi eira cuntfchaint
ä r grand-facerdot, Gr. 364.
E r oter discipul chi eira contschaint al grand-sacerdot,
get our, M. 207.
ue: Quel auter Icular dimena, ch'eira contfchaiut al graud
Sacerdot; giet our, V. D. 138.
Quel oter scolar dimena, ch'eira contschaint al grand sacer-
dot, get our, A. V. 134.
ol: A 'lg auter Juvnal, ca fova cunafchents cu 'lg Parfura d'ils
Sacerdots, mä ora, Ga. 482.
A l'auter juvnal ca fova cunaschents cun ilg parsura dils
sacerdots, ma ora, C. 190,
A '1 auter giuvnal, ca fova conoschents cun il parsura dils
sacerdots, mä ora, F. 134.
Ähnlich Job. XVIII 15, wo nur Bifrun ^cüfchieu' und Griti
'cuntfchieu' haben.
ß) Das Partizip Perfekt.
§ 40. Das absolute oder adverbiale Partizip, welches kon-
junktionale Teilsätze vertritt, findet sich nur im ue. mit Beliebtheit.
Mat. VIH 32.
Diod: ed essi, usciti, se n' andarouo in quella greggia di porci.
ue: E quels, fiand trat« oura, gietteu in quella fcolTa d'porcs:
V. D. 10.
414 Karl Hutschcnreuther
E quels, siand trats oura, getten in qiiella scossa da porchs,
A. V. 11.
Mat. XX 8.
Diod: Poi, fattosi sera^ il padron della vigna disse al suo
fattore.
ue: Lhura^ fiaud fat faira, defs il padrun dalla vigna ä feis
factür: V. D. 27.
Liira, siand fat saira, disch il patrun della vigna a seis
factur: A. V. 27.
Mat. XXVIU 1.
Diod: Ol-, finita la settimana, quando '1 primo giorno della
settimana cominciava a schiarire.
ue: Mo fiuida 1' eivna, cur il prlim di dall'eivna cumanzav' ä
fclarir, V. D. 41.
Ma, fini il sabbat, cur il prlim di dell' eivna cumanzaiv' ä
sclarir^ A. V. 41.
Wir sehen, dass alle diese Beispiele nur Nachahmung des
Italienischen sind.
§ 41. Interessant ist im ue. die Verbindung des absoluten
Partizips mit einer Präposition (vgl. englisch: ivhen made).
Hierzu M.-L. § 455.
Mat. XXVII 31.
Diod: E; depo che 1' ebbero scheruito, lo spogliarono di quel saio.
ue: E dapö fat giamgias d'el, il tren eis oura quella rafla,
V. D. 39.
E dopo fat giamgias d'il, al trettan eis oura quella rassa,
A. V. 40.
§ 42. Zum prädikativen Nominativ -8 des Partizip Per-
fekts im ol., welches Asc. VII p. 426/27 so schön auseinandergesetzt
hat, will ich nur ein paar Beispiele bringen.
In allen ol. Texten ist genau eingehalten, dass das mit esse oder
venire oder beidem, esse + venire, konjugierte Partizip Perfekt im
Maskulin das Nominativ -s beibehält, während das Neutrum kein s
hat. Das mit habere konjugierte Partizip bleibt dagegen stets un-
verändert, hat also auch im Singular Maskulin nie ein s.
Beispiele fürs Maskulin:
Mat. XI 23.
ol: A ti Capernaum ca eis ftaus alzaus antroqu' ilg tfchiel, Ga. 49.
A ti Capernaum, ca eis staus alzaus autroqua tschiel, C. 19.
A ti Capernaum, ca eis staus alzaus antrocau il tschiel, F. 17,
Syntaktisches zu den lätoromanischoii Übersetzungen der vier Evangelien 415
Luc. IV 27.
a nagin d'ilfez ei vangeus fcbubriaus, Ga. 260.
a iiag'iu d'ilsez ei veugieus sclmbriaus, C. 102.
a nagin d'ilsez ei veguius i)urificaus, F. 74.
Beispiel fürs Neutrum : Luc. Xu 48.
ol: alg quäl ilg ei vangeu dau bear, Ga. 318.
alg quäl fo dau beur, C. 125.
al quäl ei vegniu dau bear, F. 90.
Beispiel fürs mit habere konjug. Partizip Maskulin: Marc.1126.
ol: ad ha dau er a quels ca eran cun el, Ga. 155; C. 61; F. 46.
§ 43. Das reflexive, mit habere konjugierte Partizip ist im
ol. stets unverändert. Im oe. schwankt bei Bifrun der Gebrauch.
Mat. XII 41.
ol: parchei ch'els han fa milgiarau giii d'ilg priedi da Jonas, Ga. 56.
parchei eis han sa milgiurau giu dilg priedi da Jonas, C. 21.
parchei eis han sa megliurau giü dil priedi da Jonas, F. 19.
aber: Marc. IV 39.
oe: Tora s'ho aquaido, B. I 131.
Tora s'ho aquaidaeda, B. 11 133.
Sonst ist im oe. und ue. das mit habere konjugierte, reflexive
Partizip in der Eegel verändert (vgl. § 6). Doch finden wir im ue.
Mat. II 11 noch:
e s'haviaudbüttad in terra, V. D. 3; wofür büttads, V. D. II steht.
§ 44, Das adjektivisch gebrauchte Partizip Perfekt ist im ol.
bei Gabriel häufig noch unflektiert.
Mat. XII 1.
ol: Da Igez temps mava Jefus tras ils ers lemnaus s'ilg Sabbath,
Ga. 51.
aber: Da Igez tem])s mh Jesus ilg sabath tras ers cultivai,
C. 19.
Da gliez temps mava Jesus tras ils ers semnai sin il sabbath,
F. 18.
§ 45. Bezüglich der Übereinstimmung des Verbs, bezw. des
Partizips bei einem Substantiv im Singular Maskulin und einem
solchen im Singular Feminin sind interessante Abweichungen zu notieren.
Das oe, setzt in diesem Falle das Verb in den Singular und lässt
das Partizip mit dem zuletzt folgenden Wort (hier Feminin) überein-
stimmen, neuerdings gewinnt jedoch das Maskulin die Vorhand.
416 Karl Hutsclienreutlier
Das ue. setzt das Verb in den Siug-iilar, und da in diesem Beispiel
2 Feminina ^ind, so steht aiicli das Partizip im Feminin Singular.
Am orig-inellsten ist das ol. . Gabriel und die Frankfurter Über-
setzung setzen das Verb in den Singular, jedoch gebraucht Gabriel
die Mat^kulinform des Partizips, der Frank furter Text aber die Neutral-
form; Carisch setzt das Verb in den Plural und das Partizip erhält
dann die Maskulinform des Plurals.
Mat. XII 31.
oe: Scodün pchio, et scodüna blastemma uain ä gnir parduneda
alla lieud, R. 1122/3 u. B. 11 44.
Tuot pchio & blaftema vain parduno ä la glieut, Gr. 39.
Ogni pcho & blastemma sarö parduno als crastiauns, M. 22.
ue: Ogni puchia, e blaftemma farä perdun ad a alla glieud, V. D. 16.
Ogni pucha c blastemma sarix perdun ada alla g-lieud, A. V, 17.
ol: Miuchia puccau, a blaftemma ven a vangir pardynaus als
carftiauns, Ga. 55.
Minehia puccau a blastemma veng-en ä ngir pardnnai als
carstiaunS; C. 21.
Mincha puccau, a blastemma ven ä vegnir parduuau als
carstiauns, F. 19.
Zu bemerken ist noch, dass Bifrun ganz inkonsequent in der
Übereinstimmung von Verb und Substantiv ist. Gerne lässt er sich
durch das Griechische verleiten und oktroirt seiner Sprache griechi-
sche Ausdrucksweise auf.
Joh. XVIII 2.
elg 0 sl(Trjkd^€v avioq xai f-iad^rixal avtov.
oe: in aquel el & fes di fei puls es ieu aint, B. I 373.
in aquael el & feis difcipuls eis ieu aint, B. II 385.
aber: Mat. IX 8.
Et l'g poeuel, quael chi bauaiua uis aque, sun sthmüraf-
glios, & glorifichieuan dieu, R. 740/2.
Et l'g i)oeuel, quael chi huuaiua vis aque, fun fchmüraf-
glios, & g'lorifichiaeuan Dieu, B. II 29.
3. Das Gerundium.
§ 46. Das Gerund ist besonders im älteren oe. sehr beliebt.
Mat. XXVI 26.
^ E(T&i6)'TCi}v öe avTMv, Xaßdv ö ^Ir,novz xbv äoxov, xul evXoyrjffag,
Ixlaoe xal edidov ro7q fiad^i^taig. xal eins.
oe: Et mangiand eis, schi praudet Jesus l'g pauu: & hauiaud
Syntaktisches zu dcMi liiturouianisclieii Ü'tcisotzimgi'n der vier Evangelien 417
dit gracitis, sehi Tg- {irumpet cl, & Tg- dct ä ses discipuls,
& dis: K. 2667/70.
Et maiigiaud eis, fchi pradct Jeius l'g paim: & haviaud
dit gracias, fchi l'g- arumpct el, & Tg det ä Icis difcipuls,
& dis: B. II 104.
Mu maDgiand eis, liaviand Jcfus praius Tpaun & dit
gratias; ho el ruot & do a l's difcipuls & ho dit; Gr. 94.
Besonders Griti verleiht seiner Sprache durch Häufung des Gerunds
eine besondere Kürze.
Luc. XIX 5-8.
oe: Et fco Jefus venu in qucl loe, guardand fü 1' vezet, & difs
ad el, Zucchaee, ve giu ftinand: Per che eau bfoeug- hoazz
dmuraer in tia chiaefa. Et el venu giu ftinand, & l'ho
piglio aint s'allegrand. Et tubts veziand que, brnnt-
laiven, dfchand, ch'el eira intro ad allofchaer tiers ün
hom pchiueder. Un ftand Zacchaeus allö, diis ä V Siguer,
. . . Gr. 260.
Wir haben es hier ohne Zweifel mit antikem Einfluss zu tun.
Besonders Griti trachtet, um. dem Original treu zubleiben, die griechi-
sche Konstruktion genau wiederzugeben.
§ 47. Häufig steht das Gerundium als appositionelle Bestimmung
zum Objekt nach den Verben des "W ahme h mens und Findens; es
kann aber auch der Infinitiv oder ein Teilsatz dafür eintreten.
Mat. III 7.
^Idcov ds noXXovg xmv Oagiaamv xal ^uödovxaüov iQxo/.i£vovi;
ini TU ßamiüi-ict avxov, slrcev ccvTo2g.
oe: Ma cura chel uezet che gniuan bgiers dals Phariseers & Sadu-
ceers tiers sieu bataisem, schi dis el ad eis: R. 171/3 u.
B. II 8.
Mu veziand el bgers dels Pharifeers & Saducceers gniand
tiers fieu battaifem, difs el ad eis, Gr. 8.
Mo vzand a gnir bgers Fariseers & Sadduceers tiers sieu
batlaisem, al dschet el: M. 4.
ue: Mo el, veziand blers dals Farifeers, e dals Sadueeers, gnand
pro feis battaisem, difs el ad eis: V. D. 4.
Ma el, veziand blers dels Fariseers e dels Sadduceers gnand
pro seis battaisem, disch el ad eis: A. V. 5.
ol: Mo cur el vafet bears d'ils Pharifeers, a Sadduceers vangint
tiers fieu Battem, fcha fchet el ad eis: Ga. 9.
Mo cur el vasett ngint tiers sieu battem bears dils Phariseers
a Sadduceers, schett el ad eis: C. 4.
418 Karl Iliitäclienreutlier
Mo cur el vezet bears dils Phariseers a Sadduceers vegnint
tier siu battem, sehet el ad eis: F. 7.
Mat. XXIV 50.
ol: fin iin g'i, eh'el ilg guarda bucca vangiiit, Ga. 118.
in gi; ca el ilg guarda bucca vengint, C. 46
sin in gi, ca el il guarda buca vegnint, F. 36.
MarCo XII 28.
oe: haviand udieu aquels difputand, B. I 166, B. II 169.
haviaud udieu eis difputand, Gr. 156.
ol: A cur ün d'ils Muffaus d' Scarlira ils vet udieu difpitond,
Ga. 210.
A cur in dils mussaiscartira ils havet udiu difpitont, F. 61.
Mat. XX 6.
evQEP älXovq earwrug äqyovq,
oe: & ho acchiatO oters stand laschains, R. 1932/3.
(& ho acchiato oters ftäd lafchains), B. II 75.
ho el chiatto oters ftad lafchantifs, Gr. 67.
aber: chattet el oters, chi staivan lo, M. 38.
ue: chiatet el auters chi ftavan lalchantifs; V. D, 27.
chattet el oters chi staivan laschautivs, A. V. 27.
ol: ich' aftlä '1 auters ftent lufchents, Ga. 92.
(aflä el auters ca stevau lischents, C. 36).
afflä el auters stont lischents, F. 29.
Die Anwendung des Gerundiums in solchen Fällen ist jedoch in
den meisten Fällen eine Nachahmung des Griechischen.
§ 48. Ferner steht im oe. u. ol. nach den Verben der Bewegung
das Gerund an Stelle eines Adverbs.
Luc. XIX 5.
oe: ve giu ftinand, Gr. 260.
Luc. XIX 6.
L: Und er stieg eilend hernieder,
Diod: Ad egli scese prestamente.
oe: Et ven giu ftinand, B. I 273 u. B. TI 281.
E el venu giu ftinand, Gr. 26L
dafür: Ed el gnit giö spert, M. 150.
ue: Et el venn giii bain bot, V. D. 99.
Ed el gnit gio bain bod, A. V. 97.
ol: Ad el vaugit giu da bot, Ga, 349.
Ad el vegnitt giu dabott, C. 137.
Syüiaktisches zu den rätoromauischeii Übersetzungen der vier Evungolien 419
Ad el veg'uit giü du bot, F. 98.
Mut. XIV 29.
ol: fchii mav' el pul Tont fiii Taiia, Ga. 68,
a mä passond sur l'ana, C. 26.
mava el passont sin l'auu, F. 22.
§ 49. Endlich vertritt im ue. nach italienischem Muster das
Gerund von sco begleitet einen Nebensatz.
Luc. XVI 1.
Di od: esso fu accusato appo lui, come dissipando i suoi beni.
L: Der ward vor ihm berüchtiget, als hätte er seine Güter um-
gebracht.
ue: quel fuo chüsfi avant el fco diffipand fia raba, V. D. 95.
wofür: quel füt achüsa avant el sco dissipatur da sia raba,
A. V. 93.
II» Das Nomen.
A. Der Artikel.
a) Der bestimmte Artikel.
§ 50. Das Pronomen üle verbindet sich in der Regel mit einem
Nomen, um dieses als ein bekanntes, ein bestimmtes zu kennzeichnen.
Doch herrscht im Gebrauche des bestimmten Artikels bei den einzelnen
Übersetzern ziemliche Willkür.
Mat. I 23.
7} naQ&svog iv yaffzQi 'i^si.
Eine Jungfrau wird schwanger sein,
oe: la uergina es purtaunta, R. 56/7.
la vergina eis purtaüta, B. 11 3.
Una vergina vain ad effer purtaunta, Gr. 4 (hier richtet sich
Griti gegen sein Versprechen nicht nach dem Griechischen),
la giuvintschella sarä gravida, M. 2.
ue: la Vergine farä gravida, V. D. 2, A. V. 4 und Diodati.
ol: üna Juvantfchella ven a prender fi a purtar, Ga. 4.
la juvantschella ven a daveutar purtonta, C. 2 (nach dem
Griechischen),
ina giuventschella ven ä prender si a portar . . ., F. 6.
§ 51. Von den Gegenständen, die nur in einem einzelnen
Bestand vorhanden sind, hat '■deus' g-ewöhnlich keinen Artikel, während
420 K'"l Hutschenreuther
'Teufel, Sonne und Mond' stets den Artikel haben. Bei Abstrakten
schwankt der Gebrauch ; das alt-oe. zieht den bestimmten Artikel vor.
Mat. IV 5.
oe: Alhura Vg dimuni l'g mno in la sainchia cittaed, R. 22G/7.
Alhura Vg dimuni Vg mnö in la fainchia citted, B. II 10.
Alhura V maina l'diavol in la laenchia Citaed, Gr. 9.
Allura il condüa il diavel nella sencha citted, M. 5.
ue: Lhura il diavel il tranfportet in la iancta citta, V. D. 5.
Lura il diavel il transporter nella sancta cittä, A. V. 5.
ol: Lura ilg manä ilg Giavel ent ilg foing- marcau, Ga. 11.
Lura ilg mana ilg giavel elg marcau soing, C. 5.
Lura il mank il giavel en il sontg mercau . . ., F. 7.
Mat. VII 23.
(XTTOXdOQSite aTT ijjbod ol iQya^öfi8V0i Trjp dvo^Uav.
L: Weichet alle von mir ihr Übeltäter,
oe: Tirö uia our da me uus chi faschais la nusthded, R. 607/8.
Tirö via our da me vus chi fadfchais la nufchdaed, B. II 24.
s' parti da me vus chi fadfchais la chiativiergia; Gr. 22.
izan davent da me, operatuors d'ingüstia! M. 12.
ue: s' parti davent da mal, vus tuots operatuors d'iniquita, V. D.9.
(wörtlich nach Diod: voi tutti operatori d'iniquitä).
as parti davent da mai, vus tuots operaturs d'iniquitä, A. V. 10.
ol: Tileit davent da mei vus ca figeits naufchadad, Ga. 29.
tileit davend da mei, operaturs da malgistia, C. 11.
tileit davend da mei vus, ca figeits nauschadad, F. 12.
Hier ist vielleicht Bifruus und Gritis Gebrauch des bestimmten
Artikels beim Abstraktum Übersetzung aus dem Griechischen.
Aber auch ohne fremden Einfluss steht der bestimmte Artikel in
diesem Falle bei Bifrun.
Mat. XXII 23.
Ol liyopTsg juj} elpcci aväoraaiv.
L: Die da halten, es sey keine Auferstehung.
Diod: i quali dicono non v'e risurrezione.
oe: quaels chi diau che nu saia 1' aresüstaunza, R. 2202/3 u.
B. II 85. (Die übrigen Texte haben keinen Artikel).
§ 52. Bei Stoffnamen hat wiederum das alt-oe. den Artikel,
während Mcnni, das ue. u. ol. wohl infolge deutscheu Einflusses
keinen Artikel gebrauchen.
Mat. IV 6.
[iTiTtots 7iQO(Tx6il)r}g ngög Xli^ov top nöda aov.
Syntaktisclies zu den rätorümanischon Übersetzungen der vier Evang-elien 421
L: Auf class Dn deinen Fuss nicht au einen Stein stossest.
oe: che tit nun d' picliius tieu pc in la pudra, il. 231/2 u.B. II 10.
chia tu nun otVendas tieu i)e in la peidra, Gr. 10.
cha tu non t'into))j»ast cul ])C in alchüna peidra, M. 5.
uc: cliia forsa tu nu t' rcamj)iurcbart cu'l pe in alchüna peidra,
V. D. 5.
cha forsa tu non at schampütschast con il pe in alchüna
peidra, A. V. G.
ol: ])ar ca ti Icarpitlchias cun tieu pei biicca vi d'ün crap, Ga. 12.
par Ca ti scarpitschius bucca cun tieu ])ei vi d'in crapp, C. 5,
par ca ti scarpitschies cun tiu pei buca vi d'in crapp, F. 8.
Mat. III 11.
^ Eyu) fisu ßumll^co Vfjbäg ip vöart siq nsräpoiav.
L : Ich taufe auch mit Wasser zur Busse,
oe: Eau battaig bain uns cun l'ouua alla arüflijnscha, K, 183/4.
Eau battaig bain vus cun l'oua alla arüflenlcha, B. II 6.
Eau tfchert batteg vus cun l'öua ä 1' melgdramaint, Gr. 8.
Eau batteg vus [be] cun ova alla peniteuza, M. 4.
ue: Eug s' battai bain cun agua, ä peuitenza, V. D, 4.
(nach Diod: Ben vi battezzo io con acqua; a penitenza).
Eu 's battai bain con aua, a penitenza, A. V. 5.
ol: Jon vus batteg bein cun aua t' ilg milgiurament, Ga. 10.
Jou vus batteg' [mai] cun aua alg milgiurament, C. 4.
Jon vus battegia bein cun aua tier il megliurament; F. 7.
Mat. XXI 8.
aXXot Ö€ hxomop xla'dovg dno rciov SspÖqmv.
L: Die andern hieben Zweige von den Bäumen,
oe: & alchiüns taglieuan la ramma giu de la bostchia, R. 2033/4.
& alchiüns taglievau la ramma giu de la bofchia, B. 11 79.
ed oters tagliaivan giö manzinas dalla bos-cha, M. 40.
ue: & auters tagliavan giu rams dalla bolca, V. D, 28.
(Diod: de' rami).
ed oters tagliaivan gio raras della boscha, A. V. 28.
ol: ad auchius talgiavan romma giu d'ils pumers, Ga. 97.
ad anchins tagliavan romma giu dad ils pumers, C. 37.
ad anchins tagliavan roma giii dils pumers, F. 30.
§ 53. Bei Gattungsnamen hat das oe. in der Regel, das ue.
stets, das ol. nur zuweilen den bestimmten Artikel.
Mat. XXIV 28.
onov yc(Q iav fj to mMfia, ixsT ivpaxOrjßovvat ol dezoL
422 Karl Hutschenreuther
L: Aber wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.
oe: Per che iuua chi uain ad effer l'g- chiastoer, allö uignen er k
s'arasper las eaulas, K. 2431/2.
Per che innua chi vain ad effer l'g chiaftoer, allö veguen eir
ä s'arafper las eaulas, B. II 94.
Per che innua vain ad effer la zeppra, allö vegnen ä s' raefpaer
las eaulas, Gr. 85.
Perche inua ais il cadaver, lo 's raspan las evlas, M. 49.
ue: Perche ingiö chi farä la praja qua s' rafparan las aglias,
V. D. 33.
(auch Diod: dovuuque sara il carname, quivi s'accoglieranno
l'aquile).
Perche ingiö chi sarä la praja qua s' rasperan las aglias,
A. V. 33.
ol: Parchei nu' ca 1' efca ven ad effer, lou veugian ils adlers a
fa rimnar, Ga. 116.
Parchei nu ca 1' esca ei, lou vengen ils adlers ä sa rimnar,
C. 45.
Parchei nua ca V esca ven ad esser, lou vegnan las aquilas
ä sa rimnar, F. 35.
Mat. XXV 32.
MffTTSQ ö noifiTjv d(poQl^€i Tcc TTQoßaTa dno xöäv iQl(f)Cov.
L: Gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet,
oe: da co chi zeura Tg pastur las nuorsas our dals buocks,
K. 2572/3 u. B. U 100.
fco Tg paefter zaevra las nuorfas da l's buochs, Gr. 90.
scu '1 pastur separa las nuorsas dals buochs, M. 51.
ue: fco '1 pafter fepara las nuorfas our dals bocks, V. D. 35.
(auch Diod: come il pastore separa le pecore da' capretti).
sco '1 paster separa las nuorsas our dals bocs, A. V. 35.
ol: fco ün Paftur zeivra las nurfas or d'ils bucs, Ga. 122.
sco in pastur zeivra las nursas or dils bucs, C. 48 u. F. 37.
Fürs ue. noch ein Beispiel.
Mat. VII 18.
ov övvatai öevÖqov dyadov xaQnovg novrjQoi'g noietv.
L: Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen.
Diod: L' albero buono no puö far frutti cattivi.
ue: II boefch bun nun p6 far früts naufchs, V. D. 9 (wörtlich aus
dem Italienischen übersetzt)!
1 1 boefch bun non po far früts noschs, A. V. 10.
Aber oe : U n bü boesthc, R. 595.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übeisetzunf^on der vier Evangelien 423
vn biin boefchg-, B. II 24. — Un bun boefch, Gr. 21. — Ün
bim bös-ch, M. 12.
ol: Ün bien piimer, Ga. 28. — In bien pumer, C. 11 u. F. 12.
Man darf sagen, dass sich bei Gattnng-snamen das oe. mebr nach
dem Griechischen, das ue. ganz nach dem Italienischen, das
ol. mehr nach dem Deutschen bezüglich des Artikels richtet.
§ 54. Bei Eigennamen steht selten der bestimmte Artikel; nur
dann, wenn der Eigenname auf eine bekannte Person hinweist, oder,
wenn derselbe für eine Gattung steht.
So ersehen wir im ol griechischen Einfluss bei Gabriel.
Mat. I 2.
ol: Abraham ha generau ilg Isac: ad Isac ha generau i lg Jacob:
a Jacob ha generau ilg Judas, . . . Ga. 1.
{^Aßqaäfjb ayt^vriffe %6v '/(Taäx, 'Iffaäx 6s iytpvriffe zov
'laxtoß . . .)
Alle übrigen Texte haben keinen Artikel beim Eigennamen. Der
Oberländer Carisch, der doch am Titelblatt verspricht: 'tont sco piis-
seivel suenter ilg original grec', hätte sicherlich den bestimmten Artikel
angewandt, wenn letzterer seiner Sprache nicht widerstrebt hätte.
Den bestimmten Artikel hat ferner nur Bifrun Mat. XXII 17.
i^eCTt öovvai x^vffov aulaaqi,
oe: Es e licit ä der l'g steaur agli Caefari, R. 2191.
Eis e licit ä der l'g fteaur agli Caefari, B. II 85.
Hier vertritt eben Caesar den Gattungsbegriff imperatur.
§ 55. Ostern (rö ;racr;fa) hat im oe und ue den bestimmten
Artikel; im ol wird es im Plural ohne Artikel gebraucht, wobei das
Deutsche mitgespielt haben mag.
Mat. XXVI 2.
oe: la paschqua R. 2617; B. 11 102.
la paefqua Gr. 92.
la Pasqua M. 52.
ue: la Pasqua V. D. 36; A. V. 36.
ol: Pafcas Ga. 125; C. 49; F. 38.
§ 56. Was Ländernamen anlangt, so schwanken sämtliche
Übersetzer im Gebrauch des bestimmten Artikels; am häufigsten lassen
sie jedoch gleich dem Deutschen den Artikel weg.
Joh. IV 354.
oe: fchi abanduno el Judeam, & tiro via darchio in Galileam. El
ftuaiua paffer tres la Samariam, B. I 316.
Romanisolie Forschungen XXVII. 27
424 Karl Hntschenreuther
fcbi abaduno el Judeam, & tiro via darchio in Galileam, Et
el ftuaiua paffaer traes la Samariam, B. IT 324.
Ho el banduno l a Judea, & eis ien darchio i Galilea. Mu el
ftuaiva ir traes Samaria, Gr. 300/1.
bandunet el 1 a Giiidea, e get darclio in Galilea. Mo el stuaiva
passer tres Samaria, M. 174.
ue: Schi bandunet el la Judea, e giet darcheu in Galilea. Mo
el ftueiva paffar tras il pajais da Samaria, V. D. 115 (nach
Di od: Lasciö la Giudea, e se n'andö di nuovo in Galilea.
Or g-li cohveniva passar per lo paese di Samaria).
Schi bandunet el 1 a Giudea, e get darcheu in Galilea. Ma
el stovaiva passar tras il pajais da Samaria, A. V. 112,
0 1 : Scha det el fi 1 a Judea, a mä pufchpei en Galilea. Mo el
rtuev' ir tras Samaria, Ga. 401.
banduna el 1 a Judea, a ma puschpei en Galilea. Mo el stueva
passar tras Samaria, C. 158.
Schi det el si la Judea, a ma puspei en Galilea. Mo el
stoveva ir tras Samaria, F. 113.
§ 57. Beim Possessivpronomen -j- S u b s t an tiv gebraucht
Bifrun mit Vorliebe gleich dem Italienischen und auch Friau-
li sehen den bestimmten Artikel vor dem Possessivum, während alle
andern Übersetzer nur die Form ohne Artikel haben.
Mat. VI 9. 10.
Fri au lisch: See santificaat la to Nom. Vigna lu to Ream. See
fatta la too Volontaat . . (Conradi p. X).
oe: santifichio saia l'g tes nü, l'g tieu ariginam uigua liers nus,
la tia uoeglia duainta . . R. 474/5.
fantifichio faia l'g teis nom, l'g tieu arigina vegna tiers nus,
la tia voeglia duainta . . B. 11 19.
Aber: vegnia fantifichio tieu Nom. Vegnia tieu reginam: dvainta
tia voeglia, Gr. 17.
Santificho saja tieu nom! Tieu reginam vegna! Tia volunted
saju fatta, M. 10.
ue: Fat fanct vegna teis Nom: Teis Reginom vegna naun pro:
Tia vöglia dvainta, V. D. 7.
Fat sanct vegna teis nom. Teis Reginam vegna nan pro.
Tia vöglia dvainta, A. V. 8.
0 1 : Soing vengig fuig tieu num. Tieu Raginavel vengig nou tier.
Tia velgia daveutig, Ga. 23.
Soing vengi faig tieu Num! Tieu reginavel veugi nou tiers.
Tia velgia daventi, C. 9.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 425
Sontg vegni fatg tiu num! Tiu regiuavel vegni dou tiers.
Tiu veglia daventi, F. 10.
Weitere Belege, wo nur Bifrun den bestimmten Artikel ge-
braucht:
oe:
Mat. I 21: dels lur pchios R. 53; B. 11 3.
Mai. U 11: l's lur thesors R. 104; B. H 5.
Mat. III 3: las* slas semdas R. 162. & B. H 7.
(* Ulrich: la)
Mat IV 23: in las lur sijnagogis R. 270; B. 11 11.
Mat V 12: la uossa merschö R 318
la voffa mertfche B 11 13.
Mat V 16: la uossa liüsth R. 330, B. n 14.
Mat VI 1: la uossa almosna R. 448/9.
la vossa almoufna B. El 18.
Mat XI 1: illas lur citteds R. 964
illas lur cittaeds B 11 38.
Mat XV 22: la mia figlia R. 1508; B. U 59.
Mat. XX 8: agli sieu prochiüradur R 1939; B. 11 75.
Mat. XXI 45: las sias sumaglias R. 2144; B 11 83.
Mat. XXn37: cun tuotta la tia horma R 2230/1. & B. II 87
Mat. XXI 44: agli mieu siguer R. 2240/1.
agli mieu fegner B 11 87.
Marc. IX 3: la fia uefckimainta B. I 149; B. 11 152.
Joh. XVIII 35: la tia lieud B. I 376; B. II 388.
§ 58. Zwischen totus und das Substantiv tritt gewöhnlich
der bestimmte Artikel, wie ja auch im Italienischen oder Französischen.
Mat. IV 24.
oe: per tuotta la Syria, R. 273; B. II 12; Gr. 11.
tres tuot la Siria. M. 6.
ue: tras tuot la Siria, V. D. 5; A. V. 6.
ol: par tut la Siria, Ga 14.
par tutta la Siria, C. 6 & F. 8.
Mat II 4:
oe: touts l's parzuras dels sacerdots, R. 81; B. II 4.
tuots Ts principaels facerdots, Gr. 5.
tuots ils principels sacerdots, M. 3.
ue: tuot ils principals facerdots, V. D. 3; A. V. 4.
ol: tut ils Ault-Sacerdots, Ga. 5.
tuts ils ault-sacerdols, C. 2.
tuts ils aultssacerdots, F. 6.
27*
426 K^^"l Hutschenreuther
§ 59. Bei Substantiven in Verbindung mit dem Vergleichsadverbium
fco {= sie qiiojnodo) hat das oe in der Regel den bestimmten Artikel,
das ue lässt denselben weg, das ol schwankt.
Marc. VIII 24.
BXtTKxi Tovg uvd-Qcüriovg, oTi wg divdqa öqm nsQinaxovvvag.
L. : Ich sehe Menschen gehen, als sehe ich Bäume,
oe: Eau uez hümens, per che eau l's uezgiand fco la bofchchia,
B. 1 147.
Eau vez hnmens, per che eau l's vez giand fco la bofch-
chia, B. II 150.
eau vez homeus; per che eau vez Ico la boafchia, chiami-
nand, Gr. 138.
Eau vez la glieud, scu bos-cha, a chaminer, M. 79.
ue: (Eug vez chaminar la glieud, chi para bofca, V. D. 53 (nach
Di od: lo veggo camiuar gli uomini che paiono alberi).
Eu vez chaminar la glieud, chi para boscha, A. V. 53).
oe: (Jou vez mont la Igieut, fco da ver pumers, Ga. 186).
Jon veza mont la Igieud sco pumera, C. 74 & F. 54.
Marc. IX 3.
Xsvxa Xlav uig ximv.
L. : sehr weiss, wie der Schnee,
oe: fick alua fco la naif, B. I 149; B. II 152.
fig alva fco la naif, Gr. 140.
fich alva, sco la naiv, M. 80.
ue: zuond alba, fco naif: V. D. 54 (nach Diod: come neve)
zuond alba, sco naiv, A. V. 53.
ol: zunt alva Ico la neif, Ga. 189.
fig alva, sco la neiv, C. 74.
zun alva, sco la neiv, F. 55.
§ 60. Bei 'halb' steht der bestimmte Artikel (oder das Possessiv-
pronomen) unmittelbar vor dem Substantiv. Vgl. englisch : half tlie
sum ; half my fortune.
Marc. VI 47.
oe: in meza Tg mcr, B. I 141; B. II 143.
in mez 1' maer, Gr. 131.
in mez al lej, M. 75.
ue: in mez il mar, V. D. 51; A. V. 50.
ol: a miez la mar, Ga. 177; F. 52.
ä miez ilg lag, F. 52.
Luc. XXII 55.
oe: in meza la cuort, B. I 290; B. II 299.
in mez la cuort, Gr. 276 & M. 161.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 427
ue: in mez la cuort, V. D. 105 & A. V. 105.
ol: entamicz la oiirt; Ga. 371 & F. 104.
ä miez la eurfc, C. 146.
Da man Hn meza' etc. auch als Präposition oder adverbiell
(vgl. ital.: in bocca al luiw) fassen könnte, so möge ein deutlicheres
Beispiel folgen:
Marc. VI 23.
oc: infina mez mieu ariginam, B. I 138 & B. II 140.
infina mez mieu reginam, Gr. 129 & M. 74.
(Das ue und ol haben statt 'mez' Substantive).
Bildet mez + Substantiv einen Begriff, so steht natürlich kein
Artikel.
Mat. XXV 6.
oe: Et fiand meza u6t, R. 2504; B. II 97.
ä meza noatt, Gr. 88.
ä mezza not, M. 50.
ue: ä meza not, V. D. 34.
a mezza not, A. V. 34.
ol: a meza noig, Ga. 25, C. 47.
ä meza notg, F. 36.
§ 61. Bei der Apposition schwankt das oe im Gebrauch des
Artikels, das ue setzt, wohl infolge italienischen Einflusses
keinen Artikel, das ol neigt mehr zur Anwendung des bestimmten
Artikels. Dabei wird manchmal die Präposition wiederholt.
Mat. 1 16.
TOP 'Ioi)(Tr](p TOP ävöqa Maolaq.
L. : Joseph, den Mann Maria,
oe: Jofeph marid da Mariae, R. 32/3; B. II 2.
Joseph r marit da Maria, Gr. 3.
Jofef, il marit da Maria, M. 2.
ue: Jofef, marit da Maria, V. D. 2 (auch Diod: Josef, maritodi Maria).
Giosef, marit da Maria, A. V. 3.
ol: ilg Joseph, ilg marieu da Maria, Ga. 3 (nach dem Griechi-
schen!).
Joseph, ilg marieu da Maria, C. 1.
Joseph, il mariu da Maria, F. 5.
Mat. II 1.
ev Brjd^lssfi rfjg ^lovdalaq.
L.: zu Bethlehem im jüdischen Lande,
oe: in Bethleem, in la cited da Judea, R. 73/4.
in Bethleem in la citaed da Judea, B. II 4.
(Die anderen Übersetzer haben ^in la cited' ganz weggelassen).
428 Karl Hutschenreuther
Mat. XXVll 2.
xal TiaQsdoixap avtov TIovTiiü TliXaTcg %m fjyefjtovi.
L.: und überantworteten ihn dem Landpfleger Poutio Pilato.
oe: & [seil: Vg haun] do in mann da Poneio Pilato gnuernadur,
R. 2816/7; B. II 109; Gr. 99.
ed il dettan in mann da Ponzio Pilato, il governatur, M. 57.
ue: e '1 denn in mann da Pontio Pilato, Governatur, V. D. 38
(auch Di od: e misero nelle mani di Ponzio Pilato, gover-
natore).
e '1 dettan in man da Ponzio Pilato, governatur, A. V. 39.
ol: ad ilg furdanan ä Pontius Pilatus, alg Guvernadur, Ga. 134.
ad ilg surdennen ä Pontius Pilatus, ilg guvernadur, C. 53.
ad il surdenan a Pontius Pilatus, al guvernadur, F. 41.
Luc. III 19.
negl '^ UQcadiccdoi xfjq yvvaixog Oih'nnov tov äösXcpov avzov.
oe: per causa da Herodiada, la duonna da sieu frer, M. 109.
ol: par cascliun da Herodias, la dunna da Philippus, sieu frar,
C. 100. _
(Die anderen Übersetzer haben donna ohne Artikel).
In den meisten Fällen ist der Gebrauch des bestimmten Artikels
Nachahmung des Griechischen.
§. 62. In der Wiederholung des Artikels herrscht grosse Freiheit.
Mat. X 37.
xal o (fiXdJv viov fi d-vyatSQa vneQ if-ii, oiy. affti (lov ä^iog.
oe: Et quael chi uain k uulair bain agli filg u agli figlia plü co
ä mi, aquel nun es deng da mc, R. 934/6,
Et quael chi vain ä vulair bain agli filg ü agli figlia plü co
ä mi, aquel nun eis deng da me, B. II 37.
(Die andern Texte haben keinen Artikel hier).
Mat. XX 5.
naXiv i^sXd-0)v nsgl exTi]p xal eppäzijv u.quv.
L.: Abermal ging er aus um die sechste und neunte Stunde,
oe: Et darchio es el ieu oura in tuorn las sis & las nuof hüras,
R. 19030/1.
Et darchio eis el ieu oura intuorn las fes & las nouf hüras,
B. n 75.
Darchio liand el ieu oura intuorn la fefaevla & novaevla hura,
Gr. 67.
Darcho get el our intuorn las ses e las nov, M. 38.
ue: Lhura, fiand it our eir intuorn la fefavla;, ed alla novavl'
hura, V. D. 27.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 429
Lura, siand it our eir intuorn la sesavla, ed alla (iiovavl' ura,
A. V. 27.
ol: Ad el mä pufcbpei ora anturn la fifavla, a novavla hura,
Ga. 92.
Puscbpei mä el ora anturn las sis, a las nov, C. 35'6.
Ad eis mä puspei ora anturu 1 a sisavla a novavla ura, F. 29.
Immerhin wiegt die Wiederholung des Artikels vor.
§ 63. Der sogenannte Teilartikel findet sich nur beim Neu-
trum, und ist da durchwegs mit Vorliebe gebraucht.
Mat. V 43.
xaXfäq noieiTS.
L.: thut wohl,
oe: fasche delg bain, R. 413.
fadlche delg baiu, B. 11 17.
fadfche bain, Gr. 16 (Adverb wie im Griechischen!).
fe del baiu, M. 9.
ue: fad dal bain (aber Diod: fate bene), V. D. 7.
fat del bain, A. V. 8.
ol: figeit d'ilg bein, Ga. 20.
figeit dilg bein, C. 8.
figeit dil bein, F. 10.
Luc. VI. 9.
L. : Ich frage euch, was ziemet sich zu thun auf die Sabbatber,
Gutes oder Böses.
oe: fer dalg baiu, ü fer dalg mel, B. I 215.
f^r dalg bain, ü f^r dalg mael, B. 11 218.
faer bain, ü faer mael, Gr. 201 (hier Adverb!),
da fer del bain, o del mel, M. 115.
ue: da far baiu, o mal, V. D. 77 & A. V. 75 (weil Diod: di far
beue, 0 male).
0 1 : da far d'ilg bein, ner d'ilg mal, Ga. 269.
da far dilg bein ner dilg mal, C. 105.
da far dil bein, ner dil mal, F. 77.
Nach Präpositionen fand ich den Teilartikel nur vereinzelt im ol.
Mat. XXV 23.
oe: 8ur poick, R. 2545; ß. 11 99.
für poch, Gr. 90; M. 51.
ue: in pauca chiaufa, V. S. 35 (weil Diod: in poca cosa),
sur pacas chosas, A. V. 35,
ol: für pauc, Ga, 121,
430 K'ii'l Hutschenreuther
sur dilg pauc, C. 47.
sur pauc, F. 37.
In anderen Fällen steht kein Teilartikel.
Mat. XVI 5.
L.: hatten sie vergessen, Brod mit sich zn nehmen.
Seg: avaient oublie de prendre des pains.
Di od: aveano diraendieato di prender del paue.
oe: schi nü hauaiue eis, par sthmächiaüza prais paus, E. 1571;
B. n 61.
haun eis fmanchio da prender pauns, Gr. 55.
avaivan eis smancho da piglier paun cun eis, M. 31.
ue: fchi haveivan eis fmanchia da tour paun, V. D. 22.
schi avaivan eis smanchä da tour pan, A. V. 22.
ol: icha vevan eis amblidau da preoder pauns, Ga. 75.
vevan eis amblidau da prender paun cun eis, C. 29.
havevan eis amblidau da prender pauns, F. 27.
"AvÖQsq^ L. : etliche Männer, span. : unos hombres^ franz.: des gens,
piemontesisch : de'gent ist wiedergegeben:
Luc. V. 18.
oe: hurSens, B. I 211.
homens, B. 11 215.
tfchert homens, Gr. 198.
alchüns homens, M. 113.
ue: tfchert homens, V. D. 76 (auch Di od: certi uomini).
tscherts hommens, A. V. 74.
ol: anzachei humens, Ga. 264; C. 104 & F. 75.
b. Der unbestimmte Artikel.
Der unbestimmte Artikel dient als eigentliches Zahlwort zur Be-
zcichnuDg unbestimmter Individuen.
§ 64. Bifrun gebraucht die eigentümliche Anreihung von unus
-f- ille beim Superlativ.
Mat. V 18.
L.: Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der
kleinste Buchstabe, noch Titel vom Gesetz.
oe: per fin ä taunt che passa uia l'g schil & la terra schi nun
uain ä passer uia üna la plü pisthna lettera ü ün pitschen
punchict, R. 336/8.
per fin ä taunt che paffa via l'g tfchel & la terra schi nun
vaiu ä paffaer via üna la plü pitfchna lettera ü ün pitschen
punchict, B. II 14.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 481
Mut. XXV 40.
L.: Was ihr getbau habt einem unter diesen meinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir gethan.
oe: taunt sco uns hauais fat ad üni l'g plU pitschen d'aquaists
mes frars, schi hauais fat ä nii, li. 2591/3,
taunt fco uns hauais fat ad üni l'g plü pitfche d'aquaifts
meis frars, fchi hauais fat k m\, B. IT 101.
Die andern Übersetzer gebrauchen diese Anreihung nicht.
§ 65. Ferner reiht nur Bifruu unus unmittelbar an ein mit dem
Possessivpronomen verbundenes Substantiv an. (Augustiu bringt
§ 72 zwei Beispiele hiefür aus Toutsch's Information.)
Mat. VIII 5.
L. : mein Knecht liegt zu Hause,
oe: ün raes famailg giescha giu in chiesa, R. 643.
tin meis famailg giefcha giu in chiefa, B. II 26.
Luc. XI 46.
L.: mit einem Finger,
oe: cü ün uos daint, B. I 246: B. II 251.
§ 66. Zur Angabe von Körperteilen steht vielleicht infolge
deutschen Einflusses in der Regel der unbestimmte Artikel.
Mat. XII 10.
L.: Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrete Hand.
Diod: Ed ecco, quivi era uu uomo ch'avea la man secca.
oe: Et uhe ün hum, quael chi hauaiua ün maun seck, R. 1069|70.
Et vhe ün hom, quael chi hauaiua ün maun feck, B. II 42.
Et vhae, ün hom eira chi havaiva ün maun fecck, Gr. 37.
lo eira ün crastiaun, chi avaiva ün maun secb' M. 21.
ue: qua eira ün craftian chi haveiva ün maun fech, V. D. 15.
qua eira ün crastian chi avaiva ün maun sech, A. V. 16.
ol: lou fov' ün craftiaun ca vev' ün maun fech, Ga. 52.
lou fova in carstiauu ca veva in maun sech, C. 20.
loii fova, in carstiaun ca haveva in maun secc, F. 18.
Der Gebrauch des bestimmten Artikels im ue und ol in diesem
Falle ist ohne Zweifel eine Entlehnung aus dem Italienischen.
Mat. XXII 12.
Diod: E colui ebbe la bocca chiusa.
ue: E quel havet la bocca ferrada, V. D. 30 (wofür: Ma quel
tuschet, A. V. 30).
432 Karl Hatschenreuther
ol: Ad el vet la bucca clauffa, Ga. 22 (Mo quel tenett la bucca
claussa, C. 40).
Ad el liavet la bucca clausa, F. 32.
§. 67. Der unbestimmte Artikel vor talis -f- Substantiv findet
sich nur im oe überwiegend. (August in behauptet in § 70, dass in
diesem Falle im Engadinischen immer der unbestimmte Artikel steht).
Mat. IX 8.
oe: Una tal pusaunza, K. 142; B. II 29.
tael puffaunza, Gr. 27.
üna tela possaun za, M. 15,
ue: tal pufanza, V. D. 11.
tal pussanza, A. V. 12.
ol: tal puffonza, Ga. 36; C. 14.
tala puffouza, F. 14.
§ 68. Das im prädikativen Verhältnisse gebrauchte Substantiv
erhält im oe u. ol meist den unbestimmten Artikel. Hier liegt sicher-
lich deutscher Einfluss vor. Das ue setzt keinen Artikel.
Luc. XX 6.
nsneifffispog ydq ecrziv 'Imawi^v nQO(fTiTi]v eivai.
L.: denn sie stehen darauf, dass Johannes ein Prophet sey.
Miguel: pues tiene por cierto que Juan era Propheta.
Di od: percioche egli e persuaso che Giovanni era profeta.
oe: Per che chel tain par fchert Johannem faia ün profet, B. I 278.
Per che chel tain par tfchert chia loänes faia ün profet, B. II 286.
per che eis ftaun fü Iura, chia Joannes faia ün Prophet,
Gr. 264 (Übersetzung aus dem Deutschen und nicht
nach dem Griechischen!),
perche l'ais persvas, cha Joannes saja ün profet, M. 157.
ue: nach Di od: perche el ais perivas chia Joannes eira profet,
V. D. 101.
perche el ais persvas cha Gioanne eira profet, A. V. 99.
parchei ch'els falvan par fagir, ca Johannes feig ftaus ün
Prophet, Ga. 355.
parchei ei salvan par sagir, ca lohannes seigi staue in pro-
phet, C. 140.
parchei eis salvan par segir, ca lohannes sei staus in prophet,
F. 100.
Joh. XVUI 35.
M^ti iyu) ^lovdaTög effji-
L. : Bin ich ein Jude?
Per: Por Ventura sou eu Judeo?
Syntaktisches zu den rätoroinanischen Übersetzungen der vier Evangelien 433
Miguel: Soy acaso yo Judio?
S!eg-: Moi, suis-jc Juif?
P: Soiin-ne forsi Ebrcou mi?
Diod: Sono io Giudeo?
oe: Sim eau forza ün Jüdeau? B. I 376; B. II 388.
Sun eau foarla ün Judeau? Gr. 365.
Sun eau ün Giüdev? M. 208.
ue: nach Diod: Sun eug- Jüdeu? V. D. 139.
Sun eu Güdeu? A. V. 135.
ol: Sunt jou pia ün Judeu? Ga. 484.
Sund jou in Judeu? C. 191.
Sun jou in Judeu? F. 135.
§ 69. Eine eigentümliche Stellung des unbestimmten Ar-
tikels gehraucht Bifrun I hei ^grand\ indem er den Artikel unmittel-
bar vor das Substantiv setzt.
Luc. YI 17.
oe: Et cun granda üna quantited d' lieud da tuotta la Ju-
dea & da Hierufalem, B. I 215.
Dagegen: Et üna granda quantitaed d' lieud da tuotta laJu-
dea & da Hierufalem, B. II 219.
c. Weglassung des Artikels.
Zu den bereits beim bestin)mten und unbestimmten Artikel er-
wähnten Fällen ist noch folgendes bemerkenswert:
§ 70. Der Artikel fehlt manchmal im ue und ol bei grand'm der
Bedeutung von ^viel' und pitschen im Sinne von 'wenig'.
Mat. XX 29.
Diod: una gran moltitudine lo seguito.
ue: il fequitet granda quantitä, V. D. 27 & V. D. II 30.
aber: il sequitet üna granda quantitä, A. V. 28.
Hier gebrauchen die anderen Übersetzer hger^ hear.
Mat. XXVI 73.
L. : Und über eine kleine Weile,
ol: Mo pitfchn' urella fueuter quei, Ga. 133 & F. 40.
Mo pitschn' urella suenter, C. 52.
Sonst ist paiicus angewandt.
§ 71. Bei Zeitangaben hat Bifrun zuweilen keinen Artikel.
Joh. XI 51.
oe: Siand huaifthg da que an, B. I 353 & B. II 363.
434 Karl Hutschenreuther
§ 72. Nach negiertem Verb fehlt im oe. u. ue. romanischem
Gebrauch gemäss in der Eegel der Artikel; im ol aber wird der Ar-
tikel gesetzt.
Luc. I 34.
L. : sintemal ich von keinem Manne weiss.
Di od.: poi ch'io neu couosco uomo.
oe: l'iand ch'eau uu cugniofth hü, B. I 191.
fiand ch'eau nu cugniuolch hom, B. II 194.
fiand ch'eau nun cuguuofch bom, Gr. 180.
siand ch'eau nun cogauosch bom, M. 103.
ue: fiand ch'eug nun cognofch bom? V. D. 70.
siand ch'eu non cognosch hom, A. V. 67.
Da in diesem Beispiel im ol nach Luther nagin steht, so führe
ich Mat. VIII 10 an:
L.: solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. .
ol: jou hai pir buc enten Ifrael afflau Unna fchi gronda cardi-
enfcha, Gr. 32.
nemeins en Israel hai jou aflau inna schi gronda cardi-
enscha, C. 12.
jou hai pir buc enten Israel afflau ina schi gronda cardi-
enscha, F. 13.
Im oe u. ue steht hier tantus ohne Artikel.
§ 73. Die Auslassung des Artikels findet sich häufig nach Prä-
positionen.
oe:
Luc. I 70: L: Als er vorzeiten geredet hat durch den Mund {öia crro-
(xaTog) seiner heiligen Propheten:
Suainter fco el ho bagieu favlö tres buochia dals
fes faencs prophets, B. I 194.
Suainter fco el bo bagieu favlu traes buochia dals
feis faencbs prophets, B. II 197.
Luc. XXIV 5: L. : und schlugen ihre Angesichter nieder zu der Erde
abbaffand lur uijfta i neunter terra, B. I 297;
B. II 306.
Marc. V 14: & baun fat favair in citaed, Gr. 124.
Mat. III 12: mo la paglia arderö '1 cu n f o e chi me non's stUzza, M.5.
(auch: mu la ])aglia vain el ad jirder cun foc chi nun
s'ftüzza, Gr. 8. Bifruu bat cun ün foe; im ue u.
ol steht der bestimmte Artikel).
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzunjjen der vier Evangelien 435
u e :
Mut.lVlG: Diod: II popolo che giaceva in tenebre.
11 pövel chi giiilcheivu in fcürezzas, V. D. 5.
11 pövel, chi giaschaivti in Schürezzas, A. V. G,
(Hier haben die übrigen oe ii. ol Texte den be-
stimmten Artikel).
Ol:
Mat. V 45: L.: Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen
und über die Guten {im rtovijQoic xul dyad^ovc),
und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte
{ini dixaiovg xai döixovc).
perche el fo alver sieu solagl sur noschs e buns,
plover sur giüsts ed ingUsts, C. 9. Nur Menni,
der übrigens häufig mit Carisch übereinstimmt, hat
noch so, während die übrigen Texte den bestimmten
Artikel vor jedem Adjektiv wiederholen.
Wie ersichtlich, beruht die Auslassung des Artikels
nach Präpositionen einerseits auf einer Nach-
ahmung des Griechischen, andrerseits des
Italienischen.
§ 74. Ferner hat das Substantiv häufig keinen Artikel, wenn es
so eng mit dem Verb (zuweilen noch mittelst Präpositionen) ver-
bunden ist, dass es mit diesem gewissermassen einen Begriff aus-
macht.
Mat. VI 2.
L.: Wenn du aber Almosen gibst,
oe: Et in aquelle guisa cura che tu da es almuosna, R. 449/50.
Et in aquella guifa cura che tu daest almoufna, B. II 18.
(Der Gebrauch von dnre statt fare^ sowie die Weglassung
des Artikels zeigen entschieden deutschen Einfluss.)
Cura dimaena tu faest almoufna, Gr. 16.
Cur tu dimena fest almosn'a, M. 9.
ue: Cuntut cur tu farast almoufna, V. D. 7.
Contuot cur tu farast almousna, A. V. 8.
ol: aber: Cuntut cur ti fas l'almosna, Ga. 22.
^ Cur ti das l'almosna, C 8 (Kreuzung des Germanischen
und Romanischen im Gebrauch von dare mitbestimmtem
Artikel).
Cuntut cur ti fas Talmosna, F. 10.
Da in diesem Falle im ol der bestimmte Artikel steht, so seien
andere Beispiele angeführt.
436 Karl Hutschenreuther
Ol.
Mat. V 44: L: bittet für die so euch beleidigeu:
rogeit par quels ca vus fan autiert (= Unrecht tun!)
F. 10.
Mat. XXI 35: L.: Da nahmen die Weingärtner seine Knechte;
A cur ils luvrers venan catfchau maun fes furvients,
Ga. 101. [Sehr interessant, weil auf diese Weise von
captare zwei Akkusativobjekte abhängen, die
jedoch nicht mehr gefühlt werden, weil 'catfchau maun^
ein Begriff (= ergreifen, nehmen) geworden ist]
Neuerdings ist der 2. Akkusativ durch den Dativ ersetzt:
Ad ils luvrers catschond maun äses survients, C. 39.
Ad ils lavur^rs han catschau maun ä ses survients,
F. 31.
Mittelst Präposition: Mat. XXVIII 14.
L. : Und wo es würde auskommen bei dem Landpfieger.
ol: A fcha quei ven ad orelgia (deutsch: zu Ohren kommt) ä
gli Guvernadur, .Ga. 144.
A scha quei ven ad urelgia alg guvernadur, C. 57.
A scha quei ven ad oreglia al guvernadur, F. 43.
Luc. VI 28.
L.: bittet .für die so euch beleidigen.
ol: a rogeit par quels ca vous fan adalaid (deutsch: ein Leid
zufügen), Ga. 271.
a rugeit par quels ca vus fan ad alaid, C, 106.
B. Das SulbstaiiÜY.
a) Der Numerus.
§ 75. Aus dem lateinischen Neutrum Pluralis auf a haben sich
eine grosse Anzahl Substantiva in kollektivem Sinne zur Bezeich-
nung einer unbestimmten Menge gebildet.
Die Beliebtheit solcher Kollektiva auf a können wir aus ver-
schiedentlichen Weiterbildungen bei keltischen und germanischen Wort-
entlehuungeu ersehen.
Es folgen Beispiele in alphabetischer Ordnung:
oe.
Mat. Xni 32: sün sia aramma, 11.1285; B. II 51 (L. : unter seinen
Zweigen).
Mat. XIII 32: traunter l'aravitstha, R. 1283; B. II 50 (L.: unter
dem Kohl).
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 437
Marc. XII 44: tutta la fia arouba, B, I 168;
tuotta la fia aro ba, B, II 171 (L.: ihre ganze Nahrung).
Marc. VIII 24: fco la bofchcliia, B. I 147; B. II 150 («5 öei^öga).
fco la boafchia, Gr. 138.
scu bos-cha, M. 79.
Marc. XII 4: crappa (L.: Steine), B. 1 164; B. II 167 ; Gr. 154; M. 88.
Marc. VII 33: sia daiuta, M. 77 (L : Finger).
Mat. XXI 19: la sula focglia, R. 2064 & B. H 80 (L.: denn allein
Blätter).
ünguotta oter cu föglia, M. 41.
Marc. XI 8: la fruonsla, B. II 163 (L.: Maien).
Mat. XIX 22: el havaiva bgerra roba, Gr. 66 (L.: er hatte viele
Güter)
Mat. XIX 21: venda tia roba M. 37 (L.: verkaufe was du hast).
Luc. V 8: a la sthnuoglia, B. I 210; B. II 214.
ä la fnuoglia, Gr. 197.
avauut la schnuoglia, M. 113 (L.: zu den Knieen).
Mat. XXIV 19: chi dann tetta, K. 2412; B. II 94; Gr. 85 (L.: den
Säugern).
Mat. VI 26: Vuliie nos ceilgs uia alla utschelina dailg scbil,
K. 522/3.
Vulue nos ceilgs via alla utchelina dailg tschel, B. 1121
(L.: sehet die Vögel unter dem Himmel an).
Luc. II 19: tuotta aquaista uerua, B. I 197; B. II 200 (L.: alle
diese Worte).
Marc. XI 7: lur vefckimainta, B. I 160; B. 11 163.
lur vestimainta, M. 40 (L. : ihre Kleider).
Luc. XXIV 5: lur vysta, B. I 297; B. II 306 (L.: ihre Angesichter).
ue:
Marc. Vni 24: bofca, V. D. 53.
boscha, A. V. 53 (L. : Bäume).
Marc. XII 4: crappa, V. D. 59; A. V. 58.
Marc. VII 33: la dainta, V. D. 52; A. V. 52 (Diod: le dita).
Mat. XXI 19: foeglia, V. D. 28; A. V. 28.
Mat. XXIV 32: la fron fia, V. D. 33.
la fruonsla, A. V. 34 (L.: Blätter).
Mat. XXIV 47: für tout fia raba, V. D. 34; A. V. 34 (L.: über alle
seine Güter).
Luc. V 8: avant la fnuoglia, V. D. 76; A. V. 74 (Diod: alle
ginocchia).
Marc. VII 4: vaschella d'aram, V. D. 51; A. V. 51 (L.: eherne
Gefässe).
438 Karl Hutschenreuther
Ol.
Marc. XII 4: crappa, Ga. 207; C. 81; F. 60.
Marc. VII 33: fia detta, Ga. 182: C. 71; F. 53 (L.: Fioger).
Mat. XXI 19: felgia, Ga. 98; C. 38; F. 31 (L.: Blätter).
Mat. XXVII 51: la g-rippa, Ga. 140; C. 55; F. 42 (L.: die Felsen).
Marc. VIII 24: sco piimöra, C. 74; F. 54 (L.: Bäume).
Mat, XIX 22: beara rauba, Ga. 90; C. 35; F. 29 (L.: viele Güter).
Marc. XI 8: romma, Ga. 203; C. 79.
roma, F. 59 (L.: Maien).
Luc V 8: avont la fch a n ullg-ia, Ga. 263
avont la schanulgia, C. 103.
avont la schenuglia, F. 75 (L.: zu den Knieen).
Luc. XV 5: fin fia fcliuvella, Ga. 330; C. 130; F. 93 (L.: auf
seine Achseln).
Luc. XII 35: Vossa vaicha, Ga. 316 (L.: eure Lenden).
Mat. XI 8: valcadira finna, Ga. 47; C. 18.
vestgiadira fina F. 17 (L.: weiche Kleider).
Mat. IX 17: enten vafchella nova, Ga. 37; F. 14.
en vaschella uova C. 14 (L.: in neue Schläuche).
Marc. VII 4: la vaschella da beiver, Ga. 179 &F 52 (L,: Trink-
gefässe).
vaschella d'irom C. 70 & F. 52 (L.: eherne Gefässe).
Zu diesen Pluralieu eines alten Neutrums mit Kollektivbedeutung
gibt es verschiedentlich ein Femininum Singularis mit dem dazuge-
hörigen Plural auf s:
Hiebei werden die Dinge mehr im einzelnen als in ihrer Gesamt-
heit betrachtet.
Marc. IV 32.
oe: mer co tuottes otras aravilchas, B. I 131.
maer co tuottes otras aravitfchas, B. II 132 (L.: grösser
denn alle Kohlkräuter).
Mat. XXIV 32:
oe: las foeglias fun nafchidas, Gr. 86.
Marc. XI 8:
oe: oters tagliaive fruonslas giu da la boaschia, Gr. 150.
Mat. Xni 32:
oe: Tplli grand de las ravitschas, Gr. 45.
ue: plU grand co tuot las ravitschas, V. D. 47 & A. V. 47..
Marc. XV 19:
ue: in fnuoglias, V. D. 65; A. V. 64.
Syntaktisches zu den liitoioiuaniaclien Übersetzungen der vier Evangelien 439
Luc. XI 27:
oe: las tettas che tu haes dlo, B I 244.
las tettas che tu haest dtö, B 11 249.
las tettas tu haest tetto, Gr. 228.
las tettas cha tu hest tetto, M. 132.
ue: las tettas chia tu hast tettä, V. D. 88.
las tettas cha tii hast tettä, A. V. 86.
Ol: las tettas ca ti has tettaii, Ga. 307; C. 121; F. 87.
oe: lur vesckimaintas, B. I 276; B. II 284.
§ 77. Neben den Plural ien auf a besteht häufig noch meist in be-
stimmten Fällen die Maskulinform des Plurals, zu der dann ein ent-
sprechender Singular vorhanden ist.
oe:
Mat. XXIV 32: Tg sieu aram, R. 2445; B. ü 95.
Marc. IV 32: & fo graud arams, B. I 131; B. II 132.
Mat. III 10: ogni bösch, M. 4.
vi alla risch dels bös-chs, M. 4.
Marc. VII 33: fes dains, B. I 145.
feis dains, B. II 147 & Gr. 135.
Mat. XXIV 32: fieu ram, Gr. 86.
Marc. IV 32: & fo grands rams, Gr. 121.
Mat. VI 26: l's utschels, Gr. 19.
ils utschels, M. 10.
ue:
Mat. XXIV 51: '1 fgrizchiar dals dain ts, V. D. 34.
sgrizchar dels daints, A. V. 34.
Ol:
Mat. XXIV 32: giu d'ilg pumer da fies, Ga. J16.
giü dil pumer da fies, F. 36.
Marc. XI 8: giu d'ils pumers, Ga. 203.
giu dad ils pumers, C. 79.
giü dils pumers, F. 59.
§ 78. Manche dieser Pluralia Neutra haben nur ein Masculinum
Singularis. Zuweilen ändert sich dann auch die Bedeutung des Wortes.
oe:
Luc. XI 39: piain d'arob, B. I 245; B. II 250.
piain d'roub, Gr. 230 (L.: voll Kaubes).
Marc. XI 16: tin vaschilg, B. I 161.
ün vaschelg, B. 11 164.
Luc. II 29: fuaiufcer tieu vierf, B. 1 198 & B. ü 201.
Romanische PovscLungen XXVII. 28
440 Karl Hutschenrcuther
ue:
Mat. ni 10: og-ni bösck, V. D. 4.
ogDi bösch, A. V. 5.
Job. IV 11: alcbiin vascbe, V. D. 116.; A. V. 112.
Ol:
Mat. IV 6: vi d'ün crap, Ga. 12.
vi d'in crapp, C. 5; F. 8.
Mat. XVI 18: sin quei gripp, C. 29.
§ 79. Nuptiae vi^ird nicht durchwegs als Plurale tantum ge-
braucht, sondern kommt im oe und ol auch im Singular vor.
Mat. XXII 8.
0 f^iep ydfjiog ezoifioc icmv.
L. : die Hochzeit ist zwar bereitet.
oe: Las noutzes sü appiuedas, K. 21G9.
Las nuotzes sü appinedas B. II 84.
La noazza eis tfchert appinaeda, Gr. 76.
Bain sun pinedas las nozzas, M. 43.
ue: Bain Tun las nozas apparechiadas V. D. 30 (wörtlich nach
Diodati: Ben son le nozze apparechiate.)
Bain sun las nozzas apparechadas, A. V. 30.
ol: La nozza ei bein raftiada, Ga. 103; & C, 40.
La nozza eis bein preparada, F. 32.
Der Gebrauch der Einzahl bei Griti mag auf griechischem
Eiufluss^ im o 1. auf deutschem Einfluss beruhen.
§ 80. Vielfach werden Abstrakta im Plural gebracht.
Marc. VII 21/22.
01 xaxol sxTiOQSvovrai, fjbotx€7at, noQveiat, (povoi, xlonal, nXeovsQlai,
novijqltti . . .
Di od: adulterii, fornicazioni, umicidii, furti, cupidige, malizie, fraudi,
lascivie . . ,
oe: adulteris, i)ittaniiugs, humicidis, ladrunetfths . . ., frods B. 1 144.
adulteris, pittanocgns, humicidis, ladrunetfch, . . . frods . . .
B. 11 146. adulteris, pitanoengs, homicidis, invoels, Gr. 134
& M. 77.
ue: adulteris, fornicatiuns, homicidis, iuvöls, giavlifchamaints,
malitias, frauds, hixüergias . . . V. D. 52.
adulteris, fornicaziuns, homicidis, invöls, giavlischamaints, mali-
zias, luxurias . . . A. V. 51.
ol: naufclia griaments, . . . pitanengs, ladarnitfchs, gitigonzas,
anganaments, Ga. 181.
Syntaktisches zu den rätoromauisclion Überaetzungcn der vier Evangelien 441
ils nauschs partrachiameuts: rumperlegs, pitanengs, mazoments,
ladernitscbs . . ., uauscbs dalegs ... C. 71.
nauschs desideris, rumperlctgs, jjitaneDgs, mazzaments, ladar-
uitscbs . . ., aDgaauaments ... F. 53.
Soweit der ausgiebige Gebraueb des Plurals in diesem Falle nicbt
eine Nacbabmung des Griechischen ist, liegt jedenfalls italie-
nischer Einfluss vor.
b. Die Kasus.
§ 81. Im ue. setzen Yulpio & Dorta vor den Akkusativ der
Person W gleich dem Spanischen (hiezu: Gärtner § 100; Andeer
p. 75 Anmerkung 1 ; August in § 132).
Mat. X 21.
ue: Mo'I frar vain a dar al frar alla mort, fe'l bap al filg: V. D. 13
aber: Ma il frar vain ä dar il frar alla mort, e'l bap il figl:
A. V. 13.
Mat. XI 27.
ingün nun cognofcb' al Filg, . . . ingün nun cognofch' al Bap,
V. D. 14/15.
aber: inglin non cognusch' il figl, . . . ingün non cognusch' il bap,
A. V. 15.
Mat. XX 8.
Clamm als lavuraints, V. D. 27.
aber: Clama ils lavuraints, A. V. 27.
§ 82. Ein doppelter Genitiv, nämlich der lateinische Genitiv
-j- de(da)^ ist bei Eigennamen gerne von Bifruu und Griti augewandt.
(Hierüber Gärtner p. 78/9.)
Mat. I 16.
oe: Joseph marid da Mariae R. 32/3; B. II 2.
Mat. XII 39.
l'ifaina da Jonae profet R. 1147/8; B. II 45; Gr. 40.
Mal. Xn 41.
L's* hummens da Ninivitae R. 1151/2.
Hiefür nur der lateinische Genitiv ohne romanisches da:
L's hommens Ninivitae B. II 45.
Mat. xn 41.
tres la predgia de Jone, R. 1154.
tres la predgia da Jonae, B. II 45.
traes la predgia da Jonae Gr. 40.
* (Ulrich hat V hummens.)
28*
442 Karl Hutschenreuther
Mat. Xn 42.
la sabbijnscha da Solomonis, R. 1159.
la fabgienlcha da SolomoniS; B. II 45.
Mat. XIII 14.
la propLetia da Esaiae, ß. 1226; B. 11 48; Gr. 43.
Marc. V 1.
in la cuntredgia dals Gadarenorum, B. I 132.
in la cuntraedgia dals Gadarenorü, B. 11 133.
Marc. V 37.
Joanuem, fraer da Jacobi, B. I 135; B. II 137.
Job. XIX 12.
amich da Caefaris, B. I 378; B. H 390; Gr. 363.
§ 83. Überflüssig erscbeint der eigentümliche Gebrauch des Genitiv-
zeichens de bei Griti im Folgenden:
Mat. IV 23.
oe: guarind da tuottas foaits d'malatias & da tuottas foarts d'in-
firmitaets in l'poevel, Gr. 11.
Man sollte erwarten: ^guarind malatias da tuottas foarts & inßrmi-
taets da tuottas foarts.' Jedoch, weil die Vor ausstell ung des Geni-
tivs wohl infolge deutschen Einflusses allgemein beliebt ist (Marc.
X 44: daia elTer da tuots famalg B, I 158; B. II 161), so müsste es
eigentlich nur: ,guarind da tuottas foarts malatias & da tuottas foarts
inßrmitaets'' heissen, wie ja auch andere Übersetzer schreiben:
oe: guarind nel pövel da tuotta sort malattias e da tuotta sort
infirmiteds. M. 6.
ol: a madagava da tutta fort malfongias, a da tutta fortfleivlonzas
tcnter ilg pievel, Ga. 14; C. 6.
a madagava da tutta sort malsognas a da tutta sort fleivlonzas
denter il pievel, F. 8.
(Bifrun hat: Icodüna malatia & fcodüna infirmitaed, R. 271/2
& B. II 11/12.
ue: nach italienischer Vorlage: ogni malatia & ogni infirmitä,
V. D. 5; A. V. 6).
Ähnlich ist Mat. IV 24:
L.: mit mancherlei Seuchen und Qual behaftet.
oe: chiargios cun da plus foarts d' malatias & d' doluors, Gr. 11,
wo zu erwarten wäj-e: ^chiargios cun malatias rf- doluors da
lüüs foarts'.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 443
Nim setzt aber Griti wie im vorigen Beispiele 'inalatias^ und
^dohiors\ wovon der Genitiv 'da plus foarts' abhängt, gleichfalls in
den Genitiv, abhängig von 'foarts\ also eine ganz komplizierte Kon-
struktion, in der eine Kreuzung des Germanischen und Roraani-
Bchen zu erblicken ist. Die übrigen Texte lauten nach deutscher
Art:
oe: da plü guises malatias & da doeglias scbirOs, K. 274/5 &
B. II 12.
quels chi eiran tribulos da diversas sorts malattias & tormaints,
M. 6.
ue: tgnüds eun da blera fort infirmitads, e doluors, V. D. 5 (wo-
für Di od: tenuti di varie infirmitä, e dolori).
tormentats con da blera sort infirmitats e dolurs, A. V. 6.
ol: ca vevan da beara fort malfongias, a dalurs, Ga. 14.
od eran plagiai da diversas sorts malsongias a dalurs, C. 6.
ca havevan da beara sort malsognas a dolurs, F. 8.
§ 84. Einen Ausfall des Genitivzeichens bei der Apposition
hat nur Bifrun:
Luc. XXIV 49.
€v jfj noXei 'l€Qov(TaXrj/ii.
L. : in der Stadt Jerusalem,
oe: in la Citted Hierusalem, B. I 301.
in la cittaed Hirusale, B. 11 310.
(wofür oe: in Jerusalem, Gr. 287.
nur: in la citted, M. 168.
ue: in la cittä da Jerusalem, V. D. 110.
nella* citta da Gerusalem, A. V. 107.
ol: enten Jerusalem, Ga. 386.
ä Jerusalem, C. 152.
en Jerusalem, F. 108).
Soweit nicht eine sklavische Nachahmung des Griechischen
vorliegt, macht sich hierin deutscher Einfluss geltend.
§ 85. Nach Substantiven der Menge und des Masses steht im
ol vielfach kein Genitivzeichen, so dass wir gleich dem Deutschen
eine Juxtaposition haben.
Ol:
Luc. XVI 6: Tchient masiras ieli, F. 94 (L.: hundert Tonneu Öl).
Luc. XVI 7: Tschient moggia salin, F. 94 (wofür: tschient stera
salin, C. 132).
Lut: hundert Malter Weizen.
* (im Text steht nel.)
444 Karl Hutschenieuther
Luc. II 24: ün per turteltubas, Ga. 248.
in paer turteltubas, C. 97,
in per turturillas, F. 71.
L.: ein paar Turteltauben.
Luc. XIV 19: tschunc paera bos, C. 129.
tschunc pera bos, F. 92.
L.: fünf Joch Ochsen.
Luc. XIII 21: en trei stera fr in na, C. 127.
en trei stera frina, F. 91.
L.: unter drei Scheffel Mehl (die nicht zitierten ol Texte
haben de).
Hier bat sich ohne Zweifel erst in jüngerer Zeit mehr deutscher
Einfluss fühlbar gemacht. Dieser Ansicht ist auch Ascoli (VII
p. 509/10).
§ 86. Den Dativ ersetzt in der Regel die Präposition ad.
Bei Bifruu fehlt zuweilen nach der Konjunktion h die Präpo-
sition im Wiederholungsfalle:
Mat. XV 5.
oe: Scodün quael chi disth agli bab, ü la niamma, R. 1471/2;
B. II 57.
§ 87. Bei Eigennamen gebraucht das oe auch einen doppelten
Dativ: ad + lateinischen Dativ.
Mat. XT 22.
oe: ä Tyrs & ä Sydoni, R. 1017/8; B. II 70.
ä Tyrs & Sidoni, Gr. 36.
Mat. XXII 18.
daer tribut ä Caefari, Gr. 77.
sogar mit Artikel, weil Caefar als Gattungsbegriff gefühlt wird:
der Tg steaur agli Caesari, R. 2191 & B. II 85.
Job. XIX 12.
cunterdifth ä Caefari, B. I 378; B. II 390.
contradisch a Caefari, Gr. 368.
Interessant ist ferner der Vergleich zwischen Luc. III 8. u. Job.
XVI II 24. Im ersten Falle haben wir einen doppelt en Da tiv, im
zweiten Beispiel folgt nach « der Akkusativ:
Luc III 8,
oc: da aftdaftder fü filgs ad Abrahae, B. 1 202.
Syntaktiscbes zu den rätoromani selien Übersetzungen der vier Evangelien 445
da iifchdafchdaer sU filgs ad Abrahae, B. II 205 (wofür;
• faer alvaer fii infaunls ad Abraham, Gr. 189).
Job. XVIII 24.
Anas l'g- trätet lio ä Caiaphä, B. I 375; B. II 388 (tiers
Cajapham, Gr. 364).
lu Luc. XI 30 ist ein doppelter Dativ im Plural:
oe: tina ifaiiia ä l's Niniuitis, B. II 241).
(^i l's niuitiS; B. I 244 ist ein Druckfehler.)
Mat. XXII 21, weist doppelten Genitiv und Dativ auf:
oe: Daed dime aquellas chioses, chi* sim da Caesaris, äCaesari,
R. 2ly7/99.
Daed dimae aquellas chioles, chi fun da C^faris, ä Celari,
B. II 85.
Rende dimaena que chi eis da Caefaris a Caefari, Gr. 77.
§ 88. Den lateinischen Ablativ ersetzen die Präpositionen de +
ad (< da), doch ist im oe noch die antike Form bei Eigennamen zu
finden:
Mat. XI 21.
oe: in öijdonis, R. 101 3 ^ B. H 40.
in Tiro & Sidone, Gr. 35.
Mat. XI 23.
in Sodomis, R. 1021; B. II 40 (in Sodoma; Gr. 36).
§ 89. Eine Ellipse des Akkusativs nach italienischem
Muster kommt vor:
Mat. XXVI 67.
ol: a Igi dennen cun pungs, C. 52.
Eine Ellipse des Vokativs ist:
Mat. VI 30.
vytäc oXiyÖTCKjToi.
L.: 0 ihr Kleingläubigen.
Di od: 0 uomini da poca fide.
oe: 0 che s'fides poick, R. 536; B. II 21.
6 da pochia fidaunza! Gr. 19.
wofür ue: o glieud da pauca cretta, V. D. 8.
ol: 6 vus da pitfchna cardienfcha! Ga. 25.
* (Ulrich hat schi,)
446 Karl Hutschenreuther
C. Das AdjektiT.
a. Der Gebrauch des Adjektivs.
§ 90. Bei Bifriin findet sich das Adjektiv im Plural häufig un-
flektiert.
Mat. Vn 11:
0 e : Schi uns dime siand mels, savais der b u n drms ä uos infauns,
R. 577/8.
Schi vus dimae, fiand maels, fauais der bun duns ä vos infauns,
B. n 23.
Mat. vn 18:
ün bü boesthc uu po fer mels früts. Ne ün martsth boesthc
po fer bun frütß, R. 595/6.
ün bun boefchg nun po faer mael früts. Ne ün martfch boefchg
po faer bun frütS; B. II 24.
Mat. X 31:
bgiers pitschen passers, R. 921 (doch: pitschens, B. U 26).
Marc. IV 32.
& fo grand arams, B I 131; B. ü 133.
§ 91. Bei manchen Adjektiven hat sich im oe. und ol. der Plural
des Neutrums invariabel erhalten.
oe:
Mat. V 18: par l'g uaira che . . ., l!. 335/6; B. H 14.
Joh. IV 18: Aque haest dit Vg uaira, B. I 317; B. II 325.
que haeft dit Tvaira, Gr. 302 (L. : da hast du recht
gesagt).
Ein invariables Neutrum Pluralis scheint mir auch das meist als
Adverb gebrauchte ahunda zu sein, und nicht, wie Gröber p. 78 meint,
der Ablativ der Femiuinform.
Mat. VI 34: ogni di ho avuonda da sia fadia, M. 11.
Mat. XV 33: Jnuonder piglier nel desert paun avuonda? M 31.
Hierzu zähle ich auch die Superlative snmmus und imus:
Mat. XXIV 31: da summa l's schils giu infin ima lur terms, R- 2443/4.
da fumma Ts tfchels giu infin ad ima lur terms,
B. II 95.
Ol:
Mat. VI 24: Minchia gi ha avunda da fieu mal, Ga. 26; C. 10.
Mincha gi ha avunda da siu mal, F. 10^
Mat. XVIII 32: Ti naufcha fumelg, Ga. 86.
Marc. VII 21: naufcha griaments, Ga. 181.
Syntaktisclies zu den rätoroinanischpii Übersetzungen der vier Evangelien 447
§ 92. Eigentum lieb ist bei Bifriin die Zerleg-ung- des Wortes
'Übeltäter'.
Marc. XV 28.
oe: cu l's maels futtuors, B. I 181; B. II 185.
§ 93. Die interessante syntaktische Erscheinung im ol, dass die
Adjektive für den Singular des Maskulins zwei Kasus besitzen, von
welchen die Form des alten Nominativs als rrädikatsform fungiert,
während die andere Form als Objekt die Funktion des Attributs,
des Präpositional-Kasus, des Subjekts und des Neutrums ver-
sieht, ist von Ascoli (VII p. 427/8), Böhmer (II p. 210—225) und
Mcyer-Lübke (§ 402) bereits eingehend behandelt worden.
Natürlich ist auch in den ol. Bibelübersetzungen dieser Unterschied
streng gewahrt. Ein Beispiel möge genügen.
Joh. IX 1.
ol: A paffont fperas vi, fcha val'et el ün carftiaun tfchiee da
nafchienfcha, Ga. 435 (Attribut!).
A passond speras vi, vasett el in carstiaun ca fova tschocs
da naschienscha, C. 172. (Prädikat!)
§ 94. Was die Kollektivbegriffe im Neutrum Pluralis anlangt,
so werden sie syntaktisch als Feminina Singularis aufgefasst, so
dass also das dazugehörige Adjektiv (auch Partizip etc.) in die Feminin-
form treten muss.
oe:
Mat. XXT 19: la sula foeglia, R. 2064; B. II 80.
Mat. XXII 4: mesboufs & mia muaglia ingrafcheda es ama-
zeda, R. 2159/60.
meis boufs & mi a muaglia ingrafheda eis ama-
zeda, B. II 84.
meis boufs & mia muaglia ingrafchaeda eis
mazzaeda, Gr. 76.
meis bouvs & mia muaglia ingrascheda ais maz-
zeda, M. 43.
ue:
Mat. XI 8: ün crastian vefti eun viftmainta mollefina? V.D.14.
Ün crastian vesti con vestimainta deliziusa?
A. V. 15.
ol:
Mat. IX 17: ün metta vin nief enten vafchella nova, Ga. 37.
in metta vin nief en vaschella nova, C. 14.
448 Karl Hutschenreuther
in metta vin niev enten vaschellu nova; F. 14.
Marc. IV 32: furveu gronda romma, Ga. 1G4; C. 64.
surven grouda roma, F. 48.
§ 95. Das 11 e gibt öfters Adjektive durch Substantive mit Präpo-
sitionen wieder.
Mat. XXII 16.
L, : wir wissen, dass du wahrhaftig bist,
Di od: Doi sappiamo che tu sei verace.
uc: nus fuvain chia tu eft d'vardä, V. D, 30.
nU8 savain cha tu est da vardä, A. V. 30.
Mat. XXV 21.
L: Du bist über wenigen getreu gewesen.
Diod: tu sei stato leale in poca cosa.
ue: tu eft ftat d' fai in pauca chiaufa, V. D. 35.
Tu est stat da fai sur pacas chosas, A. V. 35.
§ 96. Bezüglich der Stellung der Adjektive ist zu bemerken,
dass diese gerne vor dem Substantive stehen, auch wenn letzteres
mehrere Attribute bei sich hat. Hierin ist wohl eine Annäherung
an das Deutsche (ähnlich Z anner p. 93) zu erblicken.
Mat. XXV 21.
ev, dovXe ayai^s xal nidrs.
L.: Ei du frommer und getreuer Knecht.
oe: E sto bain bun famelg & fidel, K. 2539/40 & B. II 99.
Bain, bun famalg & fidel, Gr. 90.
0 tu bun e fidel famagl! M. 51.
ue: E fta bain, bun e fidel famagl, V. D. 35 & A. V. 35.
ol: Ei, ti bien, a fideivel fumelg, Ga. 121 & F. 37.
Ai, ti bien a fideivel fumelg, C. 47 (nach Luther!).
Wenn Bifrun und Griti im Vokativ in
Mat. XIX 16:
oe: Maistcr bun (K. 1870; B. II 73; Gr. 65) haben, so ist dies
eine Nachahmung des Griechischen: JidäffxaXs aya&s.
§ 97. Das Adjektiv steht durchwegs häufig an Stelle des Adverbs.
oe:
Mat. IX 30: Jefus l's ho imnatschos ferm, Gr. 29.
Mut. XIII 15: & haun udieu gref cun lur uraglies, K. 1229/30;
B. II 48.
Syntaktisches zu den lätoromanisehon Übersetzungen der vier Evangelien 4i9
cun Ins iiraglies liaun eis greif iidieii^ Gr. 43,
COM lur uraglias odau eis greiv, M. 24.
Luc. XXII 56: l'g giuirdaut pütif, B. I 290; B. II 299.
Mat. VI 16: nun daias guardaer fehür, Gr. 18.
ue:
Mat. V 33: TU nun dest jürar faus, V. D. 6.
Tu nou dessast gürar fos, A. V. 7 (Diod: Non isper-
giurarti !).
Luc. XXII 56: Taviand guardä fifs,' V. D. 105; A. V. 103 (auch
Diod: guardatolo fisso).
Ol:
Luc. IV 35: Quefcli chiou, Ga. 260/1.
Quesche chiou, C. 102.
Quesche chieu, F. 74.
Mat. V 33: Ti deis bucca girar fauls, Ga. 19; C. 7.
Ti deis buca girar fauls, F. 9.
Mat. XIII 15: cun las orelgias han eis udieu gref, Ga. 59.
cun lur urelgias auden eis grev, C. 23.
cun las OTCglias han eis udiu grev, F. 20.
Diese Verwechslung von Adjektiv und Adverb mag durch das
Deutsche, wo ja Adjektiv und Adverb gleichlauten, begünstigt
worden sein.
b. Die Steigerung.
§ 98. Bifruu hat zuweilen den Positiv statt des Superlativs.
Mat. V 19.
iXdxiffToc xXfjd'ricreTai ev zij ßaaiXsla rtov ovqavtSv.
V. minimus vocabitur in regno caelorum.
L.: Der wird der Kleinste heissen im Himmelreich,
oe: aquel uain ä gnir anumnö l'g pitschan ilg ariginam celestiel,
R. 342/3; B. II 14 (überall steht sonst der Superlativ).
§ 99. Eigentümlich ist im oe. und ol. der Gebrauch des Adverbs
mit und ohne Versetzung von plus -f- bestimmtem Artikel an Stelle
des Superlativs.
Mat. V 26.
L : den letzten Heller,
oe: l'g plü dauous uierer, R. 369; B. H 15.
l'davous quattrin, Gr. 14.
ol: ilg fuenter haller, Ga. 18.
ilg pli davos tschentesim, C. 7.
450 Karl Hutschenreuther
il davos qitatrin, F. 9 (im ue: rultim qnattrin, V. D. 6,
A. V. 7; im oe: M. 8; auch Di od: l'ultimo quattrioo).
Mat. VIII 12.
oe: in las dauous sckiiiezzas, R. 660/1 & B. II 26.
§ 100. Durch VorsetzuDg von Adverbien vor das Adjektiv wird
gerne ein hoher Grad der Steigerung ausgedrückt.
Mat. IV 8.
oe: sü Un fick hot munt, R. 234; B. II 10.
fün ün fig ot munt, Gr. 10.
sün ün f i ch ot munt, M. 5.
ue: sün ün munt zuond aut, V. D. 5.
sün ün munt zuond ot, A. V. 6.
ol: fin ün zunt ault culm, Ga. 12.
sin in fig ault culm, C. 5.
sin in zun ault culm, F. 8.
Mat. VIII 28.
oe: Et eran surmoed grims, R. 698; B. II 28.
Mat. XXIII 27.
oe: quaelas our da doura peran bain bellas, R. 2318.
quelas our dadoura peran bain bei las, B. II 90.
ol: paran bein bels or dadora, C. 43.
D. Das Zahlwort.
a. Die Grundzahlen.
§ 101. Unus steht vielfach in Zusammensetzungen für ein unbe-
stimmtes Pronomen oder Adverb.
oe.
Mat. V 25: che ünzacura (=unus nonsapitquahora) Tg aduerseri
nun t'des in mann dclg giüdisth, R. 365/6; B. II 15.
Mat. VI 6: acciö ch'els ünzacura nun zampiguen quellas cun
lur peis, Gr 20.
ue.
Mat. XXI 3: E fch'alchün s'difch ünzache (= unus non sapit
quid), V. D. 28 (aber: qualchosa, A. V. 28).
Marc. II 1: Et ünzaquants (= unus non sapit quantos) dids
duvo, V. D. 44.
Ed ünsaquants dis davo, A. V. 43.
Syntaktisches zu den rätorouianiachen Übersetzungen der vier Evangelien 451
Ol:
Marc. XI 3: A scha an zach i (= imus non sapit quis) vus gi,
C. 79.
Mat. XXI 3: A fch'anchin vus ven a gir a uz ach ei (= unus non
sapit quid), Ga. 96; C. 37 & F. 31.
Joh. X 1: anzanunder (= uuus non sapit unde) auter, F. 123.
Marc. II 1 : A cau d'anzaquonts (= unus non sapit quantos)
gis; Ga. 151, C. 59.
A cou d' anzaquonts gis, F. 45.
§ 102. Oft wird mit unus das deutsche 'es' oder 'man' wieder-
gegeben.
Luc. II 1:
L.: und es ward ruchtbar.
oe: ed lin udit M. 64.
Mat. V 13:
L.: womit soll man salzen?
ue: cun che il voul ün infalar? V. D. 6.
con che il voul ün insalar? A. V. 7 (aber Di od: con che
salerassi egli?).
ol: cun chei ilg vult ün anfalar? Ga. 16.
cun chei dein ins ansalar? C. 6.
cun chei il vult in ansalar? F. 9.
§ 103. Die Ausdrücke, welche dem deutschen 'eins werden,
entsprechen, sind folgendermassen wiedergegeben:
Mat. V 24
L,: versöhne dich mit deinem Bruder,
oe: uitten adüna cun tes frer, R. 362.
vetten adüna cun teis frer, B. 11 15.
Mat. V 25:
L. : Sey willfertig deinem Widersacher bald,
ol: Veng (bauld) parinna amigeivelmeng cun tia cuntrapart,
Ga. 18.
Nou gleiti parinna cun tia cuntrapart, C. 7.
Veng prest parina amicheivelmeug cun tia cuntrapart, F. 9
§ 104. Für 'etliche Tausend' existiert im oe. und ol. zum Teil
ein Neutrum auf a als Zahlsubstautiv.
452 Karl Hutscheiireutlier
Luc. XII 1.
oe: üDa qiiantited lainza iiTumber d'poeuel, B, I 247.
üua quuutitaed fainza innumber d'poeuel, B. II 252.
milliaera d'poevel, Gr. 231.
il pövel in milliera, M, 134.
iie: la quantititä da blera milli V. D. 89; A. V. 87 (Diod: la mol-
titudine a migliaia).
ol: in pievel da beara milli, Ga. 312 & F. 88.
beara milliära da pievel, C. 123.
§ 105. Bei der Angabe der Stunden zeit wechselt die Grund-
zahl mit der Ordnungszahl.
Mat. XX 3.
L.: um die dritte Stunde.
oe: intuorn la terza hura, R. 1926; B. 11 75; Gr. 67.
intuorn la terz' ura, M. 38.
ue: intuorn las trais hu ras, V. D. 20 (Diod: alle tre ore).
intuorn la terz' ura, A. V. 27.
ol: anturn la terz' hura, Ga. 92.
anturn la terz' ura, C. 35.
anturn la terza ura, F. 29.
Joh. IV 52.
L.: um die siebente Stunde,
oe: a las fet huras, B. 1 320.
ä las fett huras, B. II 328.
ä l'hura fettaevla, Gr. 305.
alias set, M. 177.
ue: alias fet huras, V. D. 117 (Diod: a sette ore).
ad uras set, A. V. 113 (mit eigenartiger Nachstellung der
Grundzahl!),
ol: a las fet huras, Ga. 407.
a las sett, C. 101.
ä la settavla ura, F. 114.
§ 106. Bei der Angabe des Lebensalters steht die Grundzahl.
Der romanische Gebrauch von hahere ist dabei neueren Datums.
Das oe. und ol. sind in der Anwendung von es&e vom Deutschen
beeinflusst. Ein krasser Germanismus ist im ol. die HiuzufUgung
von velg, velgia (alt), was Brandstetter (p. 81) als 'nackte Ver-
bindung' erwähnt.
Syntaktisches zu den rätorümaniöclien Übeisctzuuf^cii der vier Evangelien 453
Marc. V 42.
oe: ella ern da dudcftb aus, B. I 135; B. 11 l'M.
ella cira da dudefch ans, Gr. 12G.
ella avaiva dadefcli aus, M. 72.
ue: 1 eira d'eta da dudescb ans, V. D. 49 & A. V. 48 (oach
Di od: era d'etti di dodid aniii).
ol: ella fova da dodilcb ons velg-ia, Ga. 170.
ella veva diidisch ons, C. 67.
ella fova veglia da dudiseli onns, F. 50.
Den gleichen Germanismus im ol. zeigt, Mat. H IG:
ol: a figet mazar tut ils uffonts ca fovan a Bethlehem, a l'in tut
Heu antfehiess, da dus ons velgs, Ga. 7.
... da d US onus velgs, F. 6 (doch nur: da dus ons, C. 3).
§ 107. Eigentümlich ist im oe. und zuweilen ue. die Trennung
der Grundzahl vom zugehörigen Substantiv durch das PorrelTiv-
pronomen.
Mat. XI 2.
ovo xdäv f.iad^?]ta)V uvtov.
L.: seiner Jünger zween.
oe: du OS ses di sei puls, R. 965/6.
duos (eis di feipuls, B. II 38. (Ebenso Marc. XIV 13).
Mat. XX 21.
ol dvo vloi i-iov.
L. : Diese meine zween Söhne,
oe: aquaists duos mes filgs, R. 1970.
aquaifts duos meis filgs, B. II 76.
quaifts duos meis filgs, Gr. 69 (aber: quaists mieus duos
figls, M. 39).
ue: quaifts duos meis filgs, V. D. 27; A. V. 27 (doch Diod:
questi miei due figliuoli).
ol: aber: queft mes dus filgs, Ga. 94.
quests mes dus filgs, C. 36; F. 29.
b. Die Ordnungszahlen.
§ 108. Verbindungen mit yrimus sind im ol. häufig.
Mat. V 43.
L.: Du sollst deinen Nächsten lieben.
ol: Ti deis taner char tieu parmer carftiaun, Ga. 20.
Ti deis tener car tieu parmer carstiaun, C. 8.
Ti deis tener car tiu parmer carstian, F. 10.
454 Karl Hutschenreuther
Luc. II 7.
L.: ihrem ersten Sohn.
ol: ilg amparmer nafcheu, Ga. 246.
ilg amparmer nasch ieiT, C. 96.
igl amparmer naschiu, F. 71 (hierfür primogenit im oe,
und ue.).
§ 109. Die Ordnungszahlen auf ^avel^ eveV treten im älteren oe.
und ue., zumal, \Yeun sie länger als das Substantiv sind, gerne hinter
dieses.
Luc. III 1.
L.: In dem fünfzehnten Jahr des Kaisertums Kaisers Tiberii,
oe: ilg an quindefthaeuel dalg imperi da Tiberij Caefaris,
B. I 201; B. n 204.
in Tquindelchaevel ann de l'imperi da Tiberij Caefaris,
Gr. 188.
nel quindeschevel an del imperatur del Tiberio, M. 108.
ue: n'il ann quindeschavel dal imperi da Tiberio Cefare,
V. D. 73.
nel quindeschavel an del imperi da Tiberio Cesare, A.V. 71.
ol: ent ilg quindifchnvel on d'ilg Imperi d'ilg Imperadur
Tiberius, Ga. 252.
ilg quindischavel onn dilg imperi dilg imperadur Tiberius,
C. 99.
en 11 quindischavel onn digl imperi digl imperadur Tibe-
rius, F. 72.
c. Die Vervielfältigungszahlen.
§ 110. Gewöhnlich treten für die Vervielfältigungszahlen Um-
schreibungen ein : im oe. und ue. mit volta (wie im Italicnischen)
oder volta + tantum, im ol. mit dubel, vicata oder vicata +
tantum. Hie und da steht auch die Grundzahl statt der Verviel-
fältigungszahl.
Luc. XVIII 12.
oe: duos uuotes Thema, B. I 270.
du OS voutes l'heifna, B. II 278.
duos voutas l'eivna, Gr. 256; M. 148.
ue: duas voutas leivna, V. D. 98.
duos voutas Teivna, A. V. 96 (Di od: due volte la settimana).
ol: duas gadas l'emna, Ga. 344: C. 1.36.
duas gadas l'emda, F. 97.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 455
Mat. Xni 8.
L.: etliches hundertfältig; etliches aechzigfältig, etliches dreissig-
filltig.
oe: alchüns bain schient uuotes taunt, & alchitins sasaunta
uuotestaunt, & alchiüns trCta uuotes taunt, K. 1213/15.
alchiüns bain tfchient vontes taunt, & alchitins fafaunta
voutes taunt, & alchiüns trenta voutes taut, B. II 47.
l'tin Ichient, Toter felTaunta, & Toter trenta, Gr. 42 (nach dem
Griechischen: o jxEy ixarov, Ö de s^rixovra, 6 de xqiättovza).
Tun tschient, Toter sesaunta e Toter trenta sems, M. 24.
ue: quäl graunet cent, quäl falauta, quäl trenta, V. D. 17 (nach
Diod: quäl granel cento, quäl sessanta, quäl trenta),
quäl granet tschient, quäl sesanta, quäl trenta, A. V. 18.
ol: tal granitfch tfchient, tal fifonta, tal trenta, Ga. 58 & F. 20.
tal granitsch tschient, tal sisonta, tal trenta dubels,
C. 22.
Mat. XIX 29.
L. : hundertfältig.
ue: cent voutas taunt, V. D. 26 (Diod: cento cotanti).
tschient voutas tant, A. V. 27.
ol: tfchient dubels, Ga. 91; C. 35; F 29.
Luc. XIX 8.
L.: vierfältig.
ol: quatter gadas tont, Ga. 349; C. 137.
quatter gadas tont, F. 98.
d. Allgemeine Zahlbegriffe.
§ 111. An die vStelle von 'multus' ist oe. bgier, bger;
ue. bler; ol. bear (aus jjleriqiie^ M. L. p. G6) getreten. Zuweilen
steht auch grandis, das eigentlich 'gross' heisst, und von der Aus-
dehnung im Raum auf die Masse übertragen wird.
Ferner werden Substantiva, die einen Mengebegriff ausdrücken
in Verbindung mit der Präposition de(da) gebraucht.
Mat. IV 35.
oxXoi noXXol = L.: viel Volks.
oe: ün gräd poeuel, R. 277; B 11 12.
bger poevel, Gr. 11; M. 6.
ue: bler pövel V. D. 5; A. V. 6.
ol: bear pievel, Ga. 14; C. 6; F. 8.
Romanisobe Forschungen XXVII. 29
456 Karl flutschenreuther
Mat. VI 7.
kv t^ noXvXoyicc.
L. : wenn sie viele Worte machen,
oe: tres lur bgier schäscher, R. 469.
tres lur bgier tfchanlcher, B. II 19.
tres lur bg-ers plaeds, Gr. 17.
per la quantited da lur pleds, M. 9 (nach V. D.).
ue: tras la quantitä da lur pleds, V. D. 7; A. V. 8 (nach Di od:
per la moltitudine delle lor parole).
ol: paramur da lur beara tfchontfcha, Ga. 22 & C. 9.
paramur da lur beara tsehontscha, F. 10.
Mat. XIX 22.
fiv yaq e'xMv xtrj^iaTa nolXa.
L. : denn er hatte viele Güter.
oe: Per che el hauaiua bgi erraspuseschiuns, R. 1885/6; 6.1173.
per che el havaiva bgerra roba, Gr. 66.
perche el possedaiva bgers bains, M. 37.
ue: perche el haveiva granda richeza, V. D. 26.
perche el avaiva granda richezza, A. V. 26 (Di od: perciochö
egli avea molte ricchezze).
ol: parchei ch'el veva beara rauba, Ga. 90.
parchei el veva beara rauba, C. 35,
parchei el haveva beara rauba, F. 28.
§ 112. Im Gebrauch von de (da) + Artikel nach oe. bgiers,
bgers,' ue. blers, ol. bears herrscht grosse Willkür.
Meist war der griechische Text für die Überletzung massgebend.
Mat. ni 7.
noXXovq tüiv OaQidaloov xai ^addovxaicov.
oe: bgiers dals Phariseers & Saduceers, R. 171/2 & B. II 8.
bgers dels Pharileers & Sadduceers, Gr. 8.
bgers Fariseers e Sudduceers, M. 4.
ue: blers dals Farifeers, e dals Saduceers, V. D. 4.
blers dels Fariseers e dels Saduceers (Di od: molti de
Farisei e de' Sadducei) A. V. 5.
ol: bears d'ils Phariseers, a Sadduceers, Ga. 9.
bears dils Phariseers a Sadduceers, C. 4; F. 7.
Mat. IX 10.
TioXXot T sXdHvcd aal afiaQtoiXol.
oe: bgiers dels publichauns & pechiaduors, R. 747/8 & B. 11 30.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 457
bgers publichiaiius & pchiaduors, Gr. 27.
bgers p üblich auns, e pchaduors, M. 15.
iie: blers pu blich aus, e pecchadnors, V. D. 11.
blers p üblich aus, e pecchadurs, A. V 12 (Diod: molti
publieani e peccatoii).
ol: bears Zollers, a pueconts, Ga. 36.
bears daziers a pueconts, C. 14.
bears publicans, a pueconts, F. 14.
§ 113. Zuweilen nimmt bger mit einem Substantiv verbunden ad-
jektivische Bedeutung- an.
Luc. II 36.
avrri nQoß8ßr]xina iv ^{isoaig noXXalq.
L,: die war wohlbetaget.
oe: quella eira da bgerra aetaed, Gr. 186.
§ 114. Das deutsche 'viel mehr' (ital. = dn molto piü) ist wieder-
gegeben :
Mat. VI 26.
oe: da loensth plü inauaunt, R. 525/6; B. 11 21.
da plü, Gr. 19
bger da pU*, M. 10.
ue: da hier plü, V. D. 8.
bler da plü, A. V. 9.
ol: bear pli (buns), Ga. 25
bear pli, C 10.
bear da pli, F. 11.
§ 115. Auch einer Steigerung ist bger, bear fähig.
Mat. XI 20.
al nXti(TTCci övvdfxatg avxov.
L. : am meisten seiner Taten,
oe: bgierras sias uirtüds, R. 1010; B. II 39/40.
bgerras fias virtüds, Gr. 35.
ils plü bger 8 da sieus miraculs, M. 20
ue: la maer part da fias potentas operatiuns, V. D, 14 (nach
Diod: la maggior parte delle sue potenti operazioni).
la mer part da sias potentas operaziuns, A. D. 15.
* pü hat im o e. ein Feminin und wird flektiert. Luc. XI 53. dumander
our da püssas chosas, M. 134.
29*
458 Kavl Hutschenreuther
ol: las pli bearas da fias ptiffentas ovras, Ga. 48- F. 17.
las pli bearas da slas ovras pussentas, C. 18/19.
§ 116. Ferner fungieren im ol. 'bearezia' und 'bearira' als
unbestimmte Zahlsubstantive.
Luc. I 10.
ol: A tut la bearezia d'ilg pievel fteva or dadora, Ga. 237.
A tutta la bearezia dil pievel steva ordadora, F. G8.
Luc. V 6.
ol: A cur ei vennen faig quei, pilgiannen eis bearira da pescs,
C. 103.
§ 117. Das lateinische paucus hat sich als oe. pog, poug,
poick, poch, poch; ue. pauc, pac; ol. pauc erhalten. Neben
paucus tritt gleich dem Rumänischen und Provenzalisehen (M. L. p. 66)
auch pitschen auf,
Luc. X 2.
ol de Sgyazai oXiyoi.
L.: Der Arbeiter aber ist wenig.
oe: l's lauuraius fuu pougs, B, I 237; B. H 241; (Mat. VE 14:
pogs suu, R. 587 & B. ü 23).
l's lavuraints pochs, Gr. 221.
poch 8 sun ils lavuraints, M. 128.
ue: 'Is lavuraints lun paucs, V. D. 85.
'Is lavuraints sun pacs, A, V. 84,
ol: luvrers paucs, Ga. 298.
paucs ils luvrers, C. 117.
lavurers paucs. F. 85.
Mat. VI 30.
vf.iäg bXiylni(TTOt.
L.: 0 ihr Kleingläubigen,
oe: ö che s'fides poick, R. 536; B. II 21 (= paucum).
0 da pochia fidaunza! Gr. 19.
0 vus da pitschna cardienscha, M. 10.
ue: 0 glieud da pauca cretta, V. D. 8.
0 glieud da paca cretta, A. V. 9.
ol: o vus da pitfchna cardienfcha; Ga. 25; C. 10; F. 11.
'Ein wenig' ist durchwegs mit paucus wiedergegeben,
Mat. XXVI 39.
fjiixQov. — Di od: un poco.
Syntaktisches zu don rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 459
oe: un p6, R. 2703; B. II 105; Gr. 95.
tin pö, M. 54.
ue: ttn pTi, V. D. 37; A. V. 37.
ol: ampaiig, Ga. 129.
ampan, C. 51; F. 39.
§ 118. *So viel' lautet meist taunt, tant, tont (lut. tantus) und
ist im Plural oft unflektiert.
Andere Wiedergaben sind mit oe. abiindus, tantus + plerique,
ue: sie + grandis, tantus + maguus, ol. sie + graudis.
Mat. XV 33.
Jlod^ep Tiiiiv iv xfi €Qi]fila aqxoi xoffovtot, Mffze xo^täcrcii o%Xov
roaovrov;
L.: Woher mögen wir soviel Brod nehmen in der Wüste, dass
wir so viel Volk sättigen?
oe: Innuonder ä uns in ün suluedi taunt pauns nus assadulassen
taunta lieud? R. 1538/40.
Innonder ä nus in lin fuluaedi taunt pauns nus afladulaffen
taunta lieud? B. n 60.
Innuonder ä nus in l'defert taunts pauns, per faduler taunt
poevel? Gr. 54.
Innonder piglier nel desert paun avuonda, per saduller
taunta glieud? M. 31.
ue: Innonder vuleffen nus havair in ün defert taunt pauns, cbi
baftaffen ä laduUar üna tamogna* quantitä? V. D. 21.
Dinnonder volet^san nus avair in ün lö desert tant paus,
chi bastassan, a sadular üna usche granda quantitä?
A. V. 21. (Diod: Onde avremmo in un luogo diserto tanti
paui, che bastassero a saziare una cotanta moltitudine?)
ol: Nunder lein nus ent ilg dafiert furvangir tonts pauns, da
duftar la fom ä tont pievel? Ga. 73.
Da nunder lein nus survegnir tont paun enten ilg dasiert, da
dustar la fom ä tont pievel? C. 28.
Nunder volein nus en il desiert survegnir tonts pauns, da
dostar la fom ä tont pievel? F. 24.
Germanismus ist sicherlich der Gebrauch von tantus + plerique.
Job. VI 9.
L.: unter so viele.
oe: traunter taunts bgiers, B. I 236.
trauter tauns bgiers, ß. II 334.
^' V. D. II durch tanta ersetzt. Looser p. 597.
460 Karl Hutschenreuther
Möglicherweise ist auch die Anwendung von sie + grandis statt
tantus durchs Deutsche beeinflusst.
ue: vergl. p. 85 A. V. (Mat. XV 33).
Mat. Vm 10.
ovds iv T(S ^iGqari'k Toaavrriv nC(Tttv svqop.
ol: jou hai pir buc enten Israel afflantinna fchi gronda cardi-
enfcha, Ga. 32,
iicineins en Israel hai jou aflau inua schi gronda cardienscha
C. 12.
jou hai pir buc enten Israel afflau Ina schi gronda cardi-
enscha, F. 13.
§ 119. Dem italienischen altrettanto cutspricht ue. auter
taunt, oter tant und ol. auter tont.
Luc. VI 34.
iva cinoXäßuxTi xd l'(Ta.
L.: auf dass sie gleiches wieder nehmen.
Diod: per riceverne altrettanto.
oe: par arfchaiuer taunt fcunter, B. 217
par artfchainer taunt fc unter, B. II 220/1.
per artfchaiver taunt, Gr. 203.
per artschaiver darcho l'istess, M. 116.
ue: per ardfchaiver auter taunt, V. D. 78
per ardschaiver oter tant, A. V. 76.
ol: par ratfchaiver tont a neunter, Ga. 272.
par ratscheiver aut ertont l'ancunter, C. 107.
par retscheiver tont anc unter, C. 107.
§ 120. Mit tont gibt C arisch auch deutsches 'also' wieder.
oi'xl xal ol TsXolvat ovtm noiov(Tiv\
L. : Tun nicht die Zöllner auch also?
ol: Fan bucc er ils daziers tont? (hierfür oe. aque, R. 423;
B. II 17; uschea, Gr. 16; M. 9. — ue. il (umgiaunt,
V. D. 7; ilsumgiant, A. V. 8. — ol. afchia, Ga.21;F. 10.)
§ 121. Für talis findet sich im ol, taugien, tanien (von ta—
menti, Asc. VII p.536), das später flektiert wurde (Feminin: tanienta).
Dass dies Wort jetzt vergessen ist, wie Gärtner (§ 130) meint,
möchte ich nicht behaupten.
Marc. VI 2.
L.: solche Taten.
Syntaktisclies zu den rjitoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 461
ol: t.ingieu puffeutas ovras, Ga, 171.
tanientas ovras, C. G7.
tanientas ovras pnssentaS; F. 51.
Mat. VI 14.
tangicn puflbnzas, Ga. 173.
tanientas pussonzas, F. 51.
Job: XIV 9.
Jon fiint tiers vus ttn tangien lenips, Ga. 464.
Tanient temps sund jou cun vus, C. 183.
§ 122. Die Einzahl omnis (= all) gebraucht im oe. nur Menni
und ist im ue. wohl infolge italienischen Einflusses sehr beliebt.
Im oe. steht sonst dafür: inmünchia, scodün oder totus, im
ol. stets minchia, mincha (= omni unqa[m] Asc. VII 441).
Häufiger wird im oe. und ue. 'omnis' für das adjektivische 'jeder,
ein jeglicher' gebraucht.
Mat. Xn 31.
näaa äfiaQzlu xal ßXu(T(frjf.iin.
V.: Omne peccatum et blasphemia.
L.: Alle Sünde und Lästerung.
oe: Scodün pchio, et scodüua blastemma, II. 1122; B. II 44.
Tuot pchio & blaftema, Gr. 39.
Ogni pcho e blastemma, M. 22.
ue: Ogni puchia, e blaftemma, V. D. 16.
Ogni pucha, e blastemma, A. V. 16. (Diod: Ogni peccato
e bestemmia.)
ol: Minchia puccau, a blaftemma, Ga. 54; C. 21.
Mincha puccau a blastemma, F. 19.
Mat. XII 36.
ndv QJjfia ccQyöv.
V.: omne verbum otiosum.
L.: von einem jeglichen unnützen Wort,
oe: dimmünchia pled, laschatif, R. 1138/9 & B. II 44.
da fcodün plaed lafchantif, Gr. 40.
d'ogni vaun pled, M. 23.
ue: d'ogni malnüz pled, V. D. 16; A. V. 17. (Diod: d'ogni
oziosa parola).
ol: da minchia malnizeivel plaid, Ga. 55; C. 21.
da mincha inutil plaid, F. 19.
462 Karl Ilutschenreuther
'Nicht alle' {ov nag. — V.: non omnis = Diod: non chiiinque)
lautet:
oe: Brichia imünch' tin, R. 599/600; B. II 24 (substantivisch,
aus: om7ii miqnafmj + unus).
Brichia fcodUn, Gr. 21.
Bricha scodtin, M. 12.
ue: Brichia' minchün, V. D. 9.
Bricha minchün, A. V. 10.
ol: Bucca minchün, Ga ^9.
Bucca miuchin, C. 11.
Buca minchin, F. 12.
§ 123. Qualunque (= allerlei) im ue. ist ohne Zweifel dem
Italienischen entlehnt.
Mat. X 1.
xal d^eqccnsvsiv ndffav vogov xai näaav (xakaxiav.
V.: et curareut omnem lang-uorem et omnem infirmitatem.
L.: und heileteu allerlei Seuche, und allerlei Krankheit.
oe: & guarir inmünchia malatia S, inmünchia infirmitaed,
R. 846; B. ü 33.
& guuriffen fcodüna malatia, & fcodüna infirmitaet, Gr. 30.
e da guarir ogni sort da malattias edognisort infirmiteds,
M. 17. (Germanismus. Hierüber auch Asc. VII p 510).
ue: e da guarir qualunque malatia, e qualunque infirniitä,
V. D. 12; A. V. 13 (nach Diod: e da sanare qualunque
malattia e qualunque infirmitä).
ül: a madagar minchia malfongia, a minchia malatia, Ga, 40.
a da madagar minchia malsongia a minchia fleivlonza,
C. 15.
a madagar mincha malsogna a mincha malatia, F. 15.
§ 124. Der lateinische Plural omnia (= alle) ist durch totus
verdrängt.
Mat. IV 8.
näffag tag ßaaiXeCag tov xocr/^iov.
V.: omnia regna mundi.
L.: alle Reiche der Welt.
oe: tuot ariginams dalg muond, R. 235; B. II 10.
tuots reginams del niuond; Gr. 10.
tuots ils reginams del muond, M. 5.
ue: tuot ils reginoms dal muond, V. D. 5.
tuot ils reginams del muond, A. V. 6.
Syntnktischcs zu den riitoromanisclicn Übersetzungen der vier Eviingelieu 463
ol: tut ils ragiiiavels d'ilg- Mund, Gii. 12.
tutts ils rcgiunvels dilg- muud, C. 5.
tuts ils reginavels dil mund, F. 8.
Luc. II 19.
L.: alle diese Worte.
oe: tuotta aquaifta uerua, B. I 107; B. II 200.
tuots quuifts phieds, Gr. 185.
tuots quests ])leds, M. 106.
ue: tuots quaifts pleds, V. D. 71; A. V. 69.
ül: tut quefts plaids, Ga. 247/8.
tuts qucls plaids, C. 97.
tuts quests plaids; F. 71.
Wie ersichtlich ist totus, besonders in den älteren Übersetzungen,
häufig unflektiert.
§ 125. Eine ganz eigenartige Erscheinung ist im oe. Bifruns
Gebrauch des Adverbs 'zuond' für totus. Zuond, welches in diesem
Falle nicht als Adverb, sondern als unbestimmtes Zahlwort ge-
fühlt wird; ist auch eines Plurals fäbig.
Luc. XII 7.
dXXa xal al rgixsg rtjg x€(faXrjg viiuiv ndcrai TjQi&firiPTui.
L.: Auch sind die Haare auf unserem Haupt alle gezählet.
oe: Taunt plü er Ts chiauels da uos chio fun zuonds innumbros,
B. I 248.
taunt plü eir l's chiauels da vos chio fun zuonds inumbros,
B. II 253 (sämtliche anderen Übersetzer verwenden totus).
§ 126. adsatis (= genug) ist im oe. dem Neutrum avuonda
(auch hauuonda), ol. avunda (von ö^wwcZms) gewichen. Im ol. trifft
man auch das Adverb davon z und das Adjektiv abundont.
Luc XXH 38.
V.: satis est.
L.: es ist genug.
oe: Eilg es auuonda, B, I 288.
Eilg eis auuonda, B. II 297.
L'eis avuonda, G. 275.
ol: Hg eis avunda, Ga. 369; C. 146; F. 104 (hiefür: bastal
M. 160; V. D 105; A. V. 103; auch Di od).
464 Karl Hutscheiireuther
Andere Beispiele sind:
Marc. XIV 56.
oe: & nun eran pardüttas hauuonda fufficiaintaS; B. I 177.
& nun eran pardüttas auuonda fufficiaintas, B. H 181.
Mat. VI 34.
ogni di ho avuonda da sia fadia, M. IL
Marc. 11 2.
cha'l spazi davaunt l'üsch non eira pU grand avuonda, M. 64.
Marc. XII 44.
V.: ex eo, quod abundabat Ulis.
L.: von ihrem Übrigen.
ol: quei ch'els ban davvnz, Ga. 212.
quei ca eis han davunz, C. 83.
quei ca eis han abundont, F. 61.
§ 127. Lateinisches nimium fand ich nur im ol,
Luc. XII 29.
a sguleias bucca mengia ault, C. 124.
§ 128. Das lateinische aliquis hat sich erhalten in:
oe: alchiün, alcbtin, qualchün, üuqualchiün, tiu qualch,
ün qualche.
ue: alchün.
ol: anchin.
Doch finden sich hiefür auch tiberall Umschreibungen mit 'tinus
non sapit quis'.
Für aliquid finden vrir:
oe: alchiofa, qualchiofa, qualchosa, ünqualchiosa.
ue: qualchiaufa, qualchosa.
ol: anqual caussa.
Auch hier w^crdeu öfters Umschreibungen mit ^inws non sapit
quid' gebraucht.
Marc. XI 25.
L.: wo ihr etwas wider jemand habt.
oe: fchi uus hauais alchiofa incunter alchiün, B. I 162.
fchi vus hauais qualchiofa incunter alchiün, B. II 165.
fcbavus havais alchüna chioffa incunter qualchün, Gr. 152.
scha vus avais qualchosa cunter alchün, M. 87.
Syntaktiscliea zu dt>ii rätoroinaiiiscliou Übersetzungen der vier Evangelien 465
ue: fcha vus havais qualclilaufa contr'ad alcbün, V. D. 58 (nach
Diod: se avete qualclie cosa contr'ad alcuno).
sclui vus avais qualchosa contra alchün, A. V. 58.
ol: fcha vus veits an quäl caussa ancuntcr anchin, Ga, 205.
scha vus veits anqual cauffa ancunter anzachi, C. 80.
scha vus haveits anqual caussa ancunter anchin, F. 50.
Mat. XXI 3.
L.: Und so auch jemand etwas wird sag-en.
oe: Et schi ünqualchiün disth ünqualchiosa ä uus, li. 2021/2.
Et fch' ünqualchiün difch ünqualchiosa ä vus, B. IT 79
E seh' alchün disch qualchosa a vus, M. 40.
ue: E Ich' alchün s'difch ünzache, V. D. 28.
E seh' alchün as disch qualchosa, A. V. 28.
ol: A fch' anchin vus ven a g-ir anzachei, Ga. 96; C. 37; F. 30.
Luc. IX 19.
L.: Der alten Propheten einer,
oe: ün qualch* profet dals uylgs, B I 235.
ün qualche* profet dals velgs, B 11 237.
§ 129. Die unbestimmte, kleinere Zahl 'etliche' ist bei Bifrun
mit dem veralteten 'uerquants' wiedergegeben.
Mat. XXIII 34.
L.: und etliche werdet ihr geissein
oe: & uerquäts dels gnis ad amiizer, R. 2534/5.
& verquants dels gnis ad amazaer, B. II 91 (biefür steht
oe. u. ue. alchüns; ol. anchins).
E. Das Fürwort.
Zu den syntaktischen Bemerkungen bezüglich des Fürworts bei
Ascoli (VII p. 445—56), Gärtner (§ 108—130), Meyer-Lübke
(p. 71 ff.), sowie neuerdings bei Augustin (§ 92— 100), Brandstetter,
Candrian (§ 131—140), Looser (§ 203—213), Michael (§ 92-100),
Pult (p. 147 — 152), will ich in knapper Darstellung einige beachtens-
wertere Erscheinungen hinzufügen.
a. Persönliche Fürwörter.
§ 130. Das unbetonte Fürwort steht oft besonders im oe. und
ol. iin Stelle des betonten.
Job. XIV 28.
L.r Denn der Vater ist grösser denn ich.
* adjektivisch!
4G6 Karl Hutschenreuther
Diod: conciosiacosachö '1 Padre sia maggiore di me.
Seg: car le Pere est plus grand que moi.
oe: per che I'g bab es mer co nu faia eau, B. I 364.
p che I'g bab eis raer co nu faia eau, B. II 375.
per che 1' Bab eis plü grand co eau, Gr. 352.
perche mieu Bap ais pil grand co eau, M. 201.
ue: aber richtig: per che chia 1 Bap ais maer da mal, V. D. 134.
perche '1 bap ais magiur da mai, A. V. 130.
ol: parchei ch'ilg Bab ei pli gronds ca jou, Ga. 467.
parchei mieu Bab ei pli gronds ca jou, C. 184.
parchei il bab ei pli gronds ca jou, F. 131.
Luc. XIV 8.
L.: Dass nicht etwa ein Ehrlicherer denn du von ihm geladen sey.
Diod: che talora alcuno piü onorato di te non sia stato invitato
dul medesimo.
Seg: de peur qu'il n'y aitparmiles invites une personne plus con-
siderable que toi.
oe: che un füs forza iuido da quel tin plü hundro cotü, B, 1257;
B. II 263.
chia forfa ftiss invido da el ün plü honuro co tu, Gr. 242.
cha forsa non füss invido dad el ün pü onuro co tu, M. 140.
ue: chia forsa alchün plü honorat co tu mm fuofs invidä dal
medem, V. D. 92.
cha forsa alchün plü onorä co tu non füss invidä dal medem,
A. V. 91.
ol: ei pudefs forfa elfer anvidau dad el ün pli hundreivel ca ti:
Ga. 326.
scha in auter pli anavont ca ti, fuss er auvidaus eu, C. 128.
ei pndess forsa esser anvidau dad el in pli honorau ca ti,
F. 92.
Bei Bifrun noch Mat. XIV 28.
oe: schi tu ist tu, R. 1428.
Ichi tu eift tti, B. 11 55 (= €i av sl).
§ 131. Was die Übertragung des Dativs auf den Akkusativ
(M. L. § 57) anlangt, so findet sich in den cngadinischen Über-
setzungen nur bei Bifrun noch die Dativform hni^.
Mat. X 37.
oe: Et quael chi uain ä uulair bain agli filg ü agli figlia plü co
ä Uli, aquel nun es deng da me, R. 934/6.
Et quael chi vaiu ä vulair bain agli filg ü agli figlia, plü co
ä mi, aquel nun eis deng da me, B. II 37.
Syntaktisches zu deu rätoroiuaniscben Übersetzungen der vier Evangelien 4G7
§ 132. Das einfache Akknsatipronomen me, te etc, welches
im Engadin und Münstertal aus der lebenden Mundart verschwunden,
und wofür eine mit dem Dativ identische Form mit der Präposition a
eingetreten ist (Augustin § 19), findet man in allen Texten,
Mat. X 40.
oe: Aquel chi arschaiua uns, arschaiua me, R. 941.
Aquel chi artfchaiua vus, artfchaiua vah, B. II 37.
Chi artfchaiva vus, artlchaiva me, Gr. 33 & M. 19.
ue: Chi ardfchaiva vus, ardfchaiva mai, V. D. 13; A. V. 14.
ol: Chi ca prenda fi vus, prenda li mei, Ga. 45; C, 17; F. IG.
Mat. XXVI 11.
oe: mu me nü hauais uus saimper, R. 2636; B. II 102.
mu me nun guis ad havair faimper, Gr. 93.
ma me nun avais saimper, M. 53.
ue: mo mai nun haverad faimper, V. D. 36.
ma mai non averat saimper, A. V. 36.
ol: mo mei vangits vus buca ver adinna, Gr. 126.
mo mei veits bucc adinna, C. 49.
mo mei vegnits vus buc a haver adina, F. 38.
§ 133. An Stelle des gewöhnlichen Dativs ad el gebraucht im
oe: Bifrun gerne agli, welchem im ol: häufig ein ä gli, ä Igi ent-
spricht.
Mat. III 16.
oe: uhe e sun agli auerds l's schijls, R. 200.
vh6 e fun agli auerds l's tfchels, B. II 9.
vhae, l's tfchels fun averts ad el, Gr. 9.
mera, il tschel al s'avrit, M. 5.
ue: mera, ils tfchels s'avritten ad el, V. D. 4.
mera^ ils tschels s'avrittan ad el, A.V. 5.
ol: mire ils tfchiels s'arvinen fi a Igi, Ga. 11.
mire, ilg tschiel Igi s'arve si, C. 4.
mire, ils tschiels s'arvinau si a gli, F. 7.
Mat. IV 7.
oe: Et Jesus dis agli: R. 232; B. II 10.
Jefus difs ad el: Gr. 10.
Gesu al dschet: M. 5.
ue: Jefus il difs: V. D. 5.
Gesu al disch: A. V. 6.
ol: Jefus, fchet ä Igi Ga. 12; F. 8.
Jesus schett ä Igi C. 5.
468 Karl Hutschenieuther
§ 134. Zu neutralem illud verweise ich auf Mat. XVI 2, § 4.
§ 135. DasReflexivum se als alleinstehendes Pronomen findet
sich viel häufig-er als Gärtner (§ 108) meint.
oe:
Mat. XVIII 34: tuot aque, ch'elg- era ä si dbit. R. 1816/7; B. 11 70.
Marc. III 34: intuorn fe. B. I 128; B. II 129.
Luc. II 5: per s'fer fcriuer fe cun Maria*, B. I 196.
per s'faer fcriuer fe cun Maria, B. II 199.
Mat, VIII 18: Mu veziaud Jefus bger poevel intuorn fe, Gr. 24.
Marc. V 30: cuntfchand Jefus in fe, effer ieu oura virtüd da fe,
Gr. 125.
Joh. XIX 12: fcodün cbi fo fe raig, Gr. 368.
Mat. II 24: e pigliet tiers se sia muglier, M. 2.
Mat. XXV 3: mo nun pigliettan öli cun se, M. 50.
Mat. XXVII 35: partittan eis sia vestimainta traunter se, M. 58.
Ol:
Mat. XXV 3: mo parnennen buc ieli cun sei, C. 46.
Für's ue fand ich keine Beispiele.
§ 136, Eigenartig ist die, besonders im ol beim Ausruf häufig-e
Verbindung- eines persönlichen Fürworts mit einem Sub-
stantiv oder Adjektiv.
oe:
Mat. V 22: nar tu, R. 356(=Du Narr!) (dafür narrun, B. II 15).
Mat. XXV 21: 0 tii bun e fidel famagl! M. 51.
ol:
Mat. V 22: Ti narr, Ga. 17; C. 7; F. 9.
Mat. VII 5: Ti glifuer, Ga. 27; C. 10.
Ti hypocrit! F. 11.
Mat. XVIII 32: Ti naufcha fumelg-, Ga. 86.
Ti uausch fumegl! F. 27.
Mat. XXni 26: ti tfchiec Phariseer, Ga. 11; F, 34.
Joh. XIX 3: Ti Reg d'ils Judeus, Ga. 485.
Ti reg dils Judeus! F. 136.
Im ue fand ich zwar keine Beispiele, doch anderweitig sind mir solche
originelle, pronominale Wendungen bekannt (Ph ras. p. 33: Eng pouver
compong, Ich armer Gesell). Solche Verbindungen sind wohl durch
deutschen Ein flu ss in ganz Bünden üblich.
* Im Text: maria.
Syntaktisches zu den rätorouianisclien Übersetzungen der vier Evangelien 469
§ 137, Zu bemerken ist ierner, dass die betonten Formen gerne
den unbetonten, proklitisclien vorgezogen werden.
oe;
Mat. III 14: Mu Johannes afdeua ad el, aquo, R. 193/4 (L; aber
Johannes webrete ihm).
Mu Johannes afdaeua ad el aque, B. II 9.
Mat. III 15: per che es cuuain uschia a nus, R. 196/7.
per che es cuuain ufchea ä nus, B. II 9.
Mat. XX VII 14: Et nun ho relpondieu ad el ad im plaed, Gr. 100.
Marc. V 19: mu ho dit ad el, Gr. 124.
ue:
Mat. V 7: mifericordia sara ad eis fatta, V. D. 5; A. V. 6.
(Di od: misericordia sarä lor fatta). Wohl durch die
Sonderstellung des italinischen loro veranlasst.
Ähnlich :
Marc. V 19: e requiuta ad eis, V. D. 48; A. V, 48.
(Diod: e raconta loro).
Ol:
Mat. XVI 17: parchei ca carn a faung han bucca fcuviert ä chi
quei, Ga. 76.
Parchei carn a saung han bucca scuviert quei ä ti,
C. 29.
parchei carn a saung han buca scuviert ä1i quei,
F. 25.
Marc. V 19: fai a faver ad eis, Ga. 167; C. 66; F. 49.
Bei Bifrun steht öfters neben der betonten Form noch die
unbetonte.
Mat. IV 9.
oe: Eau t' uoelg der a ti tuot aquaist, R. 236.
Eau t' voelg daer ä ti tuot aquaift, B. 11 10.
Jedenfalls hat zur Vorliebe für betonte Formen die Nähe des
Deutschen viel beigetragen. Dies ist auch Gartner's Ansicht (§ 109).
§ 138. Ein starker Germanismus ist in der freien Stellung
der betonten wie unbetonten, persönlichen Fürwörter leicht zu erkennen.
Ascoli (VII p. 456) äussert sich hierüber: Ha collocazione del pronome
alla tedesca' und weiter unten 'Vestrenio della barbarie'.
oe:
Mat. XVI 17: par ehe la chiarn & I'g saung nun hau ä ti manifestO,
R. 1598/9 & B. n 62.
470 Karl Hutsclieiireuther
Ol:
Mat IX 5: Tes puccaus ean ä clii pardunai, Ga. 35.
tes piiccaiLs ein ä ti pardunai, F. 14.
Marc. V 19: a co l'ha fa prieu puccau da tei, Ga. 167.
a CO el ha sa prieu puccau da tei, C. 66.
a CO el ha sa priu puccau da tei, F. 49.
Besonders lässt sich der deutsche Sprachgebrauch aus der
prominalen Stellung zwischen Verb und zugehörigem Ortsverb heraus-
fühlen.
Mat. XXVII 4.
oe: Che uo ä nus tiers? R. 2822; B. II 110; Gr. 100.
(L.: Was gehet das uns an?)
Mat. IV 19.
ol: Vangit tl mi fuenter, Ga. 13.
Vegnit ä mi suenter, F. 8.
(L,: folget mir nach).
§ 139. Von den Pronominaladverbien ist inde vielfach noch
erhalten.
oe:
Mat. IV 10: Vatten (= veni te inde) dauend Satana, R. 238;
B. II 10.
Mat. XI 7: Et singiand aquels, R. 974; B. II 38.
Mat. XXVIII 7: izen praist, R. 2998; B. II 116.
Joh. XIV 28: eau min uing, B. I 364.
eau min veng, B. 11 375.
Joh. XVI 7: fch'eau nun min veng, fch'eau veng amminir, B. I ?;
B. n 379.
(Seg: si je ne m'en vais pas^ — si je m'en vais.
Di od: ch'io me ne vada. — se io me ne vo).
Job. VIII 22: eau finveng, Gr. 323.
Joh. XVI 7: l'ais boen per vus ch'eau fingiaia, Gr. 356.
Im neueren oe existiert selbständiges and (auch Augustiu §21).
Mat. XXI 2: Izan nel vih, M. 40.
Mat. XXI 3: II Segner and ho bsügu, M. 4; M. 86.
Mat. XXn 5: Mo eis nun and fettan alchün cas, M. 43.
Mat. XXVI 22: E siand eis fich couturblos^ and cumanzet scodüu
a'l dir, M. 53.
Luc. XIII 6: e nun and chattet, M. 138.
ue:
wohl nur in uhai (= inde habes).
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 471
Mat. XXV 20: (Di od: sopra quelli n'ho guadagnati altri cinque).
für qnels nliai eug guadagna auters tfching, V. D. 35.
doch: pro quels lia eu guadagna, oters tschincb,
A. V. 35.
Ol:
Im älteren ol nur im Adverb davent (= de-ab-inde)
Job. XIV 28: Jou vom davent, Ga. 467; F. 130.
Jou vom navend, C. 184.
Im jüngeren ol gebraucht nur Carisch bei Verben der Gemüts-
bewegung ein selbständiges an.
Mat. XXII 22: s'an smarvilgiannen eis, C. 41.
Marc. V 20: A scadin s'an smarvilgiava, C. 66.
Marc. V 42: Ad eis s'an stupinnen cun gronda stupur, C. 67.
Marc. VI 2: a bears ca ilg udivan, s'an stupivan a schevan, C. 67.
Marc. VI 26: cumbein ca el s'an coutristassi fig, C. 68.
Für ^ne' stehen im oe und ue auch Zusammensetzungen mit
la -j- inde -f- foris.
Mat. XXI 13.
Di od: ma voi n' avete fatta una spilonca di ladroni.
oe: Mu uus hauais fat a Ion der oura üna fuora da sachins,
R. 2048/9.
Mu vus hauais fat alon der oura üna foura da fafchins.
B. n 79/80.
ma vus avais fat landrour üna spelunca d'assassins, M. 41.
ue: mo vus havais fat l'andr'our üna fpelunca da morders,
V. D. 28.
ma vus avais fat landrour' üna spelunca da morders, A. V. 28.
Für 'vi' hat das ue eine Zusammensetzung l'aint, laint (= la
-j- intus).
Mat. XVn 27.
Diod: tu vi troverai uno statere.
ue: fchi vainft tu a chiatar Taint ün ftater, V. D. 24.
schi vainst tu ä chattar laint ün stater, A. V. 24.
Das ol hat dem entsprechend lient.
Job. xn 6.
ol: a purtava quei ca vangiva mefs lient, Ga. 453.
a purtava quei ca vengiva mess lient, C. 179.
a portava quei ca vegniva mess lient, F. 127 (hiefür oe und
ue: 'aint').
Romanische Forschungen XXVII. oO
472 K3,rl Hutachenreuther
b) Possessive Fürwörter.
§ 140. ^Suiis' als Reflexivum wird im oe öfters durch 'aegeu'
(= eigen) verstärkt (fürs ue Augustiu § 23).
Mat. XXV 15.
excccTO) xard tvjp IdCav dvva/.iiy.
L.: einem jeden nach seinem Vermögen.
Seg: ä chaeun selon sa capacit6.
Di od: a eiascun secondo la sua capacita.
oe; a scodtini suainter sia aegna pusaunza, R. 2525; B. II 98.
ä Icodün fuainter IIa facultaed, Gr. 89.
a scodün suainter sia capacited, M. 50.
ue: a Icodün fegund lia capacita, V. D. 34.
a scodün seguond sia capacita, A. V. 35.
ol: a fcadün luenter fieu puder, Ga. 120.
ä scadin suenter sia capaviadad, C. 47.
t'i scadin suenter siu puder, F. 37.
§ 141. Durch Hinzufügung von 'eigen' (oe eigeti; ol offien)
oder 'proprius' (> proepi, yropri, propi) werden gerne Possessiva
betont.
Luc. VI 41.
iv TCO idlca 6^&aX(ic3.
L.: in deinem Auge.
Diod: nell' occhio tuo proprio,
oe: in tieu eigen oeilg, B. I 218; B. II 221.
in tieu proepi oelg, Gr. 204.
in tieu propri ögl, M. 117.
ue: in teis propi öl, V. D, 78.
in teis propri ölg, A. V. 76.
ol: enten tieu agien oelg; Ga. 273.
enten tieu agien elg, C. 107.
en tiu propri egl, F. 78.
§ 142. Bei Körperteilen steht gleich dem Englischen, aber
nach griechischem Vorbild das Possessivpronomen statt des be-
stimmten Artikels. Das ue dagegen folgt italienischem Muster.
Marc. VU 33.
sßaXe Tovg daxTvXovg avxov €ig rd wxa avtov.
L.: und legte ihm die Finger in die Ohren.
8eg: Uli mit les doigts dans les oreilles.
Diod: gli mise Ic dita nelle orccchie.
Syntaktisches zu den vätoromanisclien Übersetzungen der vier Evangelien 473
oe: fchi metet el fes daius in fias uraglies, B I 145.
fchi mettet el fei 8 daints in fias vraglies, B. II 147.
ho el mifs feis daints in lias uraglies, Gr. 135.
al mettet sia dainta in las uraglias, M. 77.
ue: nach Diod: il matet la dainta in las uraglias, V. D. 52.
al mettet la dainta nellas uraglias, A. V. 52.
ol: Icha Igi mettet el fia detta enten fias urelgias, Ga. 182.
a Igi mettett sia detta en las urelgias dad el, C. 71.
gli mettet el sia detta en sias oreglias, F. 53.
§ 143. Bei Zahlbegriffen tritt in o e und ue das Possessiv-
pronomen gern unmittelbar vor das Substantiv.
oe:
Mat. XI 2: duos ses discipuls, R. 9G5/6; B. 11 38.
Mat. XI 20: bgierras sias uirtüds, R. 1010; B. II 39/40.
Mat. XX 21: aquaists duos mes filgs, R. 1970.
aquaifts duos meis filgs, B. II 77.
Marc. VI 33: infina mez mieu ariginam, B. I 138; B. 11 140.
infina mez mieu reginam, Gr. 129; M. 74.
Luc. XIX 8: meza mia roba, B. I 274; B. 11 281.
ue:
Mat. XX 21: quaifts duos meis filgs, V. D. 27; A. V. 27 (aber
Diod: questi miei due figliuoli).
c) Demonstrative Fürwörter.
§ 144. Das Demoustrativum hie ist verloren gegangen; ille hat
nur vereinzelt im älteren ol demonstrative Bedeutung.
Luc. VII 22.
ol: ils da biemal vengian fchubriai, Ga. 277.
wofür: da quels da bieraal vengen schubriai, C. 109.
ils leprus vegnan purifieai, F. 79.
Dieser sonderbare Gebrauch von ille ist bei Gabriel ohne Zweifel
Germanismus, weil ja im Deutschen das Demonstrativ 'der, die,
das' mit dem Artikel gleichlautet.
§ 145. Die Verstärkung eccum ille (oe & ue > quel] ol > quei)
steht im oe und ol zuweilen für den Artikel.
Joh. XIV 26.
o de 7iccQCcxXi}zog.
L. : aber der Tröster.
oe: mu aquel chi cuforta, B. I 364; ß. II 375.
mu quel Cuffortaeder, Gr. 352.
ma il confortadur, M. 201.
30*
474 Karl Hutsclienreuther
11 e: '1 Cuffortadür, V. D. 135.
'1 confortadur, A. V. 130.
ol: mo quei CunfortUder, Ga. 466; F. 130.
mo ilg cunfortader, C. 184.
§ 146. Im ol. wird ein ecce illu (> tfchel) als 'jeuer' im Gegen-
satz zu 'dieser' gebraucht.
Mat. XXIII 23.
TuvTa h'dsi noiijcraij xaxsiva /.i'^ dcpisvai.
L.: Dies sollte man thun, und jenes nicht lassen.
Diod: e'si conveniva far queste cose, e non lasciar quell' altre.
oe: Aquaistes chioses s'astuaiueu fer, & aquellas nun lascher,
R. 2307/8; B. 11 90 (Ulrich hat aquella).
quaistas chioffes s' bloeguia faer, & quellas nun lascher, Gr. 81.
Quaistas chosas dovessas vus fer, e quellas nun interlascher,
M. 46.
ue: k s' ftueiva far quaiftas chiaufas e nun lafcher manchar quellas
autras, V. D. 32.
Un dovess far quaistas chosas, e non laschar mancar quellas
otras, A. V. 32.
ol: Queftas cauffas duefs im far, a tfchel las bucca lafchar
muncar, Ga. 110.
Questas caussas duvesses vus far, a tschellas bucc anter-
laschar, C. 43.
Questas caussas duvess in far, a tschellas buca laschar
muncar, F. 34.
§ 147. Ferner gebraucht im oeGriti gerne 'da quel, da quels'
statt des Possessiv 'feis', 'lur'.
Mat. VII 9.
oe: ü chi eis da vus ün hom, fcha 1' filg da quel dumanda paun,
el r detta üna peidra? Gr. 20 (sonst nur simsl).
Mat. V 8.
& l'ho muffo tuots reginams del muond, & la gloria da quels,
Gr. 10 (sonst steht nur HllorunC).
§ 148. Lat. iste ist im Dativ nur in einem Falle bei Bifrun I
rein erhalten, wo es zur Vermeidung des doppelten aquaift gebraucht
wurde. Ulrich' s Meinung (R. p. 197), es müsse '■aquatsH' statt 'asti'
heissen (vielleicht deshalb, weil die 2. Ausgabe so hat), kann ich nicht
beipflichten. Die Wiederholung von 'aquaift' im Folgenden halte ich
gerade nicht für schöner.
Syntaktisches zu den lätoromauischen Übersetzungen der vier Evangelien 475
Mat. XIII 54.
oe: Innuonder es iid asti aquaista sabijnscha & uirtüds? R. 1343/4.
aber: iDDUoiider eis ad aquaifli aquaifta sabgicntfcha & virtüdsV
B. II 52. (SoDst nur eccum iste > quest etc.)
Zu bemerken ist in diesem Beispiel noch die sonderbare Überein-
stimmung von a^^zm//;!« im Singular mit dem ebensogut wie '•sabijn-
scha' zugehörigen Plural '■virtUds'.
Ähnlieh hat auch Griti:
Innuonder ä quaist t a e 1 a iabgientfcha & virtüts ? Gr. 47.
§ 149. Zusammensetzungen von 'ipse' mit einem persönlichen
Fürwort kommen in allen Personen vor. Im jüngeren oe (Menni;
und im ue hat die 3. Person [sii ipsu) die 1. u. 2. Person verdrängt
(Pult p. 153), während im älteren oe und im ol gewöhnlich die
1. u. 2. Person vorhanden ist.
Im 0 e und u e sind meist unflektierte Formen gebraucht, während
das ol eine deutliche Flexion zeigt. Bifrun und Griti wenden mit
Vorliebe neutrale Formen auf 'a' an. Im jüngeren oe und im ue
trifft man vielfach das italienische: 'ßefs, ißefs\
Für -mQ-ipsum im Nominativ:
Luc. XXIV 39.
oe: eau fun m'ueffa, B. I 300; B. 11 309.
eau m'vefs fun, Gr. 287.
eau sun svess, M. 167.
ue: eug fun quel, V. D. 109.
eu sun quel, A. V. 107.
(Diod: io son desso).
ol: jou fuut mez, Ga. 387.
jou suud mez C. 152.
jou sun mez, F. 108.
Für me — ipsum im Accusativ:
Luc. VII 7.
oe: nun hae eau aeftmo neir m'ues deng, B. I 220.
nun hae eau aeftmo neir me m'ves deng, B. II 223.
n'eir m'he m'vefs fat degn, Gr. 206.
(nun m'he eau neir stimo degn, M. 118.)
ue: (na m'ha eir eug tgnü deng, V. D. 79-
non m'ha neir eu tgnü degn, A. V. 77.)
ol: mi hai jou mez bucca falvau par vangonts, Ga. 275.
(mi hai jou er bucca salvau vangonts, C. 108.)
ma hai jou mez buca salvau par vangonts, F. 78.
47G ^^^^^ Hutschenreuther
Für me — //jsmw im Genitiv:
Joh. V 31 :
oe: Sch'eau des teftiniunianza da nie m'ues, B. I 324.
Scb'eau des teftinmniaunza da me m'ves, B. 11 334.
Scha eau teftifich da me m'vefS; Gr. 308.
Sch'eau dun testimoniaunza da me stess, M. 178/79 (italie
nischer Einfluss!).
ue: Sch'eug dun perdütta da mai fvefs, V, D. 118.
Sch'eu dun perdütta da mai svess, A. V. 114.
ol: Scha jou dunt pardichia da mamez, Ga. 411.
Dund jou pardichia da mamez, C. 162.
Scha jou dun parditga da mamez, F. 115.
Für te — ipsum:
Joh. VIII 53.
L.: Was machst du aus dir selbst?
oe: Chi feft tu te dues? B. I 341; B. H 350.
Chi faelt te d'vefs? Gr. 326.
(Che fest tu our da te stess? M. 188.)
ue: Chi faft tai fvefs? V. D. 125; A. V. 121.
ol: Chi fas ti or da tatez? Ga. 434.
Chei fas ti or da tatez? C. 172; F. 122.
Für illum — ipsum:
Joh. IV 44.
oe: el fueffa Jefus, B. I 319; B. 11 327.
(ei Jefus, Gr. 304.)
Gesu svess, M. 176.
ue: Jefus iftefs, V. D. 117 (= illum — istum — ipsum).
Gesu istess, A. V. 113.
ol: Jefus sez, Ga. 406; C. 160; F. 114.
Für das Reflexiv se — ipsam:
Mai IX 21.
oe: ella hauaiua dit in se sues, R. 781 & B II 31.
(ella dfchaiva in fe, Gr. 28.)
(ella dschaiva in se stess, M. 16.)
ue: ella dfchaiva in fai fvefs, V. D. 11; A. V. 12.
ol: ella fcheva en fafezza, Ga. 37; C. 15; F. 14.
Für se — ipsam:
Mat. XXVI 42.
oe: se suessa nun po el salucr, R. 2911; B. II 113.
fe fvefs nun po el falvaer, Gr. 103.
(se stess nun po el salver! M. 59.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 477
11 e: 6 nun po falvar Tai ftefs, V. D. 40.
e nou po salvar sa stess, A V. 40 (italienischer Eiufluss!).
ol: a l'afez po '1 biicca fpindrar, Ga. 139.
a sascz po el bucca spiudrar! C. 55.
a sasez po cl buca spindrar, F. 42.
Für se — ipsos:
Marc. II 8.
L.: Dass sie also gedachten bei sich selbst.
oe: chels in aquella guifa pifaffen in fe fueffa, B. I 123; B. 11 124.
ch'els difcurriven ufchea in fe fveffa, Gr. 113.
(ch'els avaivan tels impiffamaints in se stess, M. 65.)
ue: (chi radfchunavan ufche taunter fai ftefs, V. D. 44.
chi raschunaivan usche in sai stess, A. V. 44.)
ol: ch'els partarchiaffen afchia en fa fez, Ga. 153.
ca eis vevan da quels patrachiaments en sasez, C. 60.
ca eis partratgassen aschia en sasez, F. 45.
Für nos — ipsos:
Job. IV 42.
oe: uns n's fueffa hauains udieu, B. I 319; B. II 327.
uns n's vefs havain udieu, Gr. 304.
uus svess avains udieu, M. 176.
ue: uus iftefs l'havain udi, V. D. 117.
uus istess l'avain udi, A. V. 113.
ol: nus vein nufez udieu, Ga. 405.
uus vein udieu nusez, C. 160.
uus havein nusez udiu, F. 114.
Für vos — ipsos:
Mat. III 9.
oe: in uus suessa, R. 177; B. II 8; Gr. 8.
in vus stess, M. 4.
ue: in vus fvefs, V. D. 4; A. V. 5.
ol: enten vufez, Ga. 9; F. 7.
en vusez, C. 4.
Für vos — ipsas:
Luc. XXIII 28.
ol: bargit par vufezzas, Ga. 376; C. 149 & F. 106.
Für illos — i2)sos:
Luc. I 39.
L.: in den Tagen.
nur ol: ilfez gis, Ga. 241; C. 94; F. 69.
478 Karl Hutschenreuther
Marc. XIV 39.
L.: dieselbigen Worte.
ol: a I'chet gutil ilfez plaids, Ga. 222 (durch '■guaV verstärkt!)
hiefUr: a sehet ils medems plaids; C. 87; F. 64, wohl durch
italieuischen Einfluss.
§ 150. '111 um ipsum' steht im älteren oe und ol häufig für
^aquel, quel' in der Bedeutung von 'der^ derjenige, derselbige,
der nämliche'.
oe:
Fürs Maskulin:
Mat. XII 50.
L.: Derselbige ist mein Bruder, Schwester und Mutter,
les es mes frer, & sour & mamma, E, 1180/1.
les eis meis frer, & four & mamma, B. II 46
Fürs Feminin:
Mat. VII 2.
cun aquella imsüra che uus imsüraes, cum lessa l's otters
uignen ad imsürer ä uus, R 555/6.
cun aquella imsüra che uus imsüraes, cun lefla l's oters
vegnen ad imsüraer a uus, B. II 22.
ol:
Fürs Maskulin: Mat. XXVI 48.
L.: der ists, den greifet.
lez eifei: lez pilgeit, Ga. 130.
lez eis ei: lez pilgieit! C. 51.
lez eis ei: lez piglieit, F. 39.
Fürs Feminin: Mat. XXI 24.
L.: so ihr mir das saget.
scha vus scheits ä mi lezza (seil: 'cawssa'), C. 38.
hiefür: fcha vus vangits a gir ä mi Igez (seil, ^plaid'), Ga. 99.
scha vus vengits ä gir a mi lez, F. 31.
§ 151. Beachtenswert ist die verschiedentliche Wiedergabe von
'desgleichen' {Td ö' aihd) in Mat. XXVII 44.
L.: dessgleichen schmähten ihn auch die Mörder,
oe: Et aque proepi imbitteuan agli er V saschins, R. 2915/6.
Et aque proepi imbüttaeuan agli eir l's fafchins, B. II 113.
Que medei'im l'imbüttaiven eir l's fafchins Gr. 103.
Nella medemma maniera Pimgiuriaivan eir ils assassins,
M. 59.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 479
ue: L'iftefs eir rimbüttavau ils morders, V. D. 40.
L'istess eir rimblittaivan ils morders, A V. 40.
ol: Qual quei Igi targenan er (i ils morders, Ga. 140.
La medemma caiissa Igi frivau avont er ils morderS; C. 55.
Qual quei gli tragenan er si ils rubadurS; F. 42.
Der oe und ol Gebrauch von 'medesimus', sowie ue 'istess'
(wofür Diod: 7o sfesso') sind jedenfalls durch das Italienische
beeinflusst.
d) Relative Fürwörter.
Eine nähere Behandlung der Relativa folgt bei den Konjunktionen.
§ 152. Hier habe ich nur bezüglich der Stellung von 'qualis'
zu bemerken, dass dieses im Genitiv nur im älteren ol nicht hinter
das Objekt des Teilsatzes tritt, während es sonst immer nachsteht.
Luc. XIII 1.
oe: quaels chi disse agli dals Galileers, da quaels Pilatus
hauaiua mafthdo lur (aüg cü lur facrificiS; B. I 253 &
B. II 258.
alchtins, chi l'racontaiven da l's Galileers, dels quaels
l'faung Pilatus havaiva maifdo cun lur facrificis, Gr. 238.
ad al requintettan da quels Galileers, il saung dels quels
Pilato avaiva masdo con lur sacrificis, M. 138.
ue: alchüns, il quals il requintaven dals Galileers, il faung dals
quals Pilato haveiva mafdä cun lur facrificis, V. D. 91.
(Diod: il cui sangüe.)
alchüns, il quals al requintaivan dals Galileers, il sang dels
quals Pilato avaiva masdä con lur sacrifizis, A. V. 89.
ol: anchins, ca dumbravan li d'ils Galileers, ilg faung d'ils
quals Pilatus veva mafchadau cun lur unfarendas, Ga. 320.
a raquintannen ad el dils Galileers, ilg saung dils quals
Pilatus veva maschadau cun lur unfrendas, C. 126.
anchins, ca requintavan dils Galileers, il saung dils quals
Pilatus haveva mischedau cun lur unfrendas, F. 91.
e) Interrogative Fürwörter.
§ 153. Meyer Lübke's Behauptung (§ 517), 'dass lateinisches
qualis als adjektivisches Fragepronomen auf dem ganzen
romanischen Gebiete mit Ausnahme Graubündens erscheint', ist
unrichtig. Qualis besitzen alle Dialekte.
Interessant ist Griti's adjektivischer Gebrauch von 'qui',
welches an Stelle des lateinischen ^quis'? getreten ist.
Luc. XV 4.
L.: Welcher Mensch ist unter euch?
480 Karl Hutschenreuther
oe: Quael hum es d'uus? B. I 260.
Quael hom eis dVus, B. II 266.
Chi ho m d'vus, Gr. 245
(Quel da vus, M. 142.)
ue: Qual craftian aife taunter vus, V. D. 94.
Qual crastian aise tanter vus, A. V. 92.
ol: Qual carstiaun ei tenter vus, Ga. 330.
(Chi da vus, C. 130.)
Qual carstiaun denter vus, F. 93.
§ 154. Die zur Einleitung der , Frage durchwegs anzutreffende
Verbindung von quantum -}- grandis ist ohne Zweifel durchs
Deutsche beeinflusst Bei B, II wird quantum sogar flektiert.
Mat. VI 23.
To ffxotog noffov;
L,: Wie gross wird dann die Finsternis selber sein?
Diod: quante saranuo le tenebre stesse?
oe: quant granda uain ad esser aquella sckiurezza? R. 512/3.
quanta granda vain ad effer aquella fckiürezza? B. II 20.
quaunt granda vain ad effer la fckürezza sveffa? Gr. 18.
quaunt granda sarö la s-chürezza! M. 10.
ue: quant grandas faran las fcürezas fvefs? V. D. 8.
quant grandas saran las schürezzas svess? A. V. 9.
ol: quont gronda ven la fcüradengia fezza ad effer? Ga. 24.
quont gronda ven [Iura] la stchiradegna ad esser? C. 9.
quont gronda ven la schiradegna sessa ad esser? F. 11,
f) Unbestimmte Fürwörter.
§ 155. Lateinisches alius ist durch alter verdrängt worden.
Dieses 'oter' ist bei Bifrun häufig unflektiert.
Mat. XXI 41.
L.: andern Weingärtnern,
oe: ad oter mers, R. 2131.
ad oter maers B. 11 83.
ad oter 8 lavuraints, Gr. 75; M. 42.
ue: ad auters lavuraints, V. D. 29.
ad oters lavuraints, A. V. 29.
ol: ad auters luvrers, Ga. 101; C. 39.
ad auters lavurörs, F. 31.
§ 156. Dem substantivischen, italienischen altrui, welches Oblikus
zu 'altri' ist, entspricht nur bei Bifrun ein 'utrü'.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungou der vier Evangelien 481
Luc. XVI 12.
L.: Und so ihr in dem Fremden nicht treu seid.
Seg: E si vous n'avez piis et6 fidcles diins ce qui est ä autnii.
Diod: E, se non siete stati leuli neu' altrui.
oe: Et (bhi uus nu ifches ftos fidels in aqiie d'utrü^ B. I 264.
Et fchi VHS nu efcbes ftos fidels in aque d'otrü, B. U 271.
Et fcha vus nü efches ftos fidels in que d'oters, Gr. 249.
E scha vus uon essas stos fidels in que dad oters, M. 144.
ue: E fcha vus nun efchet ftats fidels für quai d'auters, V. D. 96,
E, scha vus non eschat stats fidels sur quai dad oters, A. V. 93.
ol; A fcha vus effes bucca ftai fideivels für quei dad auters,
Ga. 335.
A scha vus esses bucca stai fideivels en quei dad auters,
C. 132.
A scha vus essas buca stai fideivels sur quei dad auters,
F. 94/5.
§157. ^Einander' wird wiedergegeben mit oe: litin lioter,
Tun Toter, traunter per (pa er) oder beides: liün lioter traunter
per; ue: Tun l'auter, l'ün roter; ol: ün 'lg auter l'in l'auter.
In den älteren Texten steht vor dem zur Bezeichnung des Objekts
dienenden 'alter' häufig keine Präposition.
Marc. IX 50.
xccl siQtivsvsTS iv dXXfjXoK;.
L.: Habet Frieden unter einander!
Diod: State in pace gli uni con gli altri.
oe: haue paefth traunter per, B. I 154.
haue paefch traunter paer, B. II 156.
haegias paefch traunter paer, Gr. 144.
vive en pesch traunter per, M. 82.
ue: ftat in pafch l'tin cun Tauter, V. D. 55.
stat in pasch Fun con Toter, A. V. 55.
ol: veigias pafch ün cun 'lg auter! Ga. 195.
veigias pasch in cun 'lg auter! C. 76.
haveies pasch '1 in cun '1 auter, F. 57.
Job. XIII 14.
L.: so sollt ihr auch euch unter einander die Füsse waschen.
Diod: voi ancora dovete lavare i piedi gli uni agli altri.
oe: Schi daias er uus liün lioter traunter per lauer Ts pes,
B. I 359.
fchi daias eir vus liün lioter traunter paer lauaer Ts peis,
B. n 370.
482 Karl Hutschenreuther
eir vus dajas lavaer l's peis riin ä Toter, Gr. 348.
schi dessas eir vus lavar ils peis l'ün al oter, M. 199.
ue: duvais vus eir lavar ils peis l'ün l'auter, V. D. 132.
dovais eir vus lavar ils peis l'ün al oter, A. V. 128.
ol: fcha duveits er vus lavar ils peis ün 'lg auter, Ga. 460.
scha duveits er vus lavar ils peis l'in a l'auter, C. 182.
schi duveits er vus lavar ils peis '1 in a '1 auter, F. 129.
Ganz verschiedentlich ist die reziproke Tätigkeit ausgedrückt in
Mat. XVI 8.
Ti diaXoylt,€cr^e iv eavzoTg.
L.: was bekümmert ihr euch doch.
Seg: Pourquoi raisonnez-vous eu vous-memes.
Diod: Perche questionate fra voi.
oe: Che pisses in uns suessa, R. 1576.
Che piffaes in vus fueffa, B. IJ 61.
Che s' piffais traunter paer, Gr. 55.
che s' impissais in vus stess, M. 31.
ue: Perche difpitais tan t er vus, V. D. 22.
Che dispittais in vus, A. V. 22.
ol: Chei veits audament ün cun 'lg auter, Ga. 75.
Chei veits andament tenter vus, C. 29.
Chei haveits endaments in cun '1 auter, F. 24.
§ 158. 'Certus' ist nur selten im oe und ue zu finden. In älteren
Texten vrird es gewöhnlich unflektiert gebraucht. Für '■certus^ steht
sonst im Singular: '•unus', im Plural: das Substantiv ohne Artikel,
'aliquis\ oder 'unus non sapit gtits'.
oe:
Mat. XVn 14: ün schert hü, R. 1677/8.
ün tfchert hom, B. 11 65.
Luc. V 18 : tfchert homens, Gr. 198.
ue:
Mat. XXI 33: ä cert lavuraints, V. D. 29.
(Diod: a certi lavoratori.)
ä tscherts lavuraints, A. V. 29.
Luc. V 18: tfchert homens, V. D. 76.
(Diod: certi uomini.)
tscherts hommens, A. V. 74.
Es scheint dass 'certus' aus dem Italienischen entlehnt ist.
§ 159. Das distributive Verhältnis 'der eine — der andere'
wird folgenderraassen wiedergegeben : Mit oe: alchiün(s) — alchiün;
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 483
rUn — Toter; ue: chi — chi; ol: 'lg tin — 'lg auter, Tin —
r auter.
Mat. XXn 5.
o fiEV eig Toi^ Idiov dygov^ o de elg trjv efinoglav avtov.
L.: einer auf seinem Acker, der andere zu seiner Handthierung.
celui-ci Ji son chami), celui-lä ä son trafic.
Diod: chi alla sua possessione, chi alla sua mercantanzia.
oe: alchiüns in sia maria & alchiün ä la sia merchiätia,
R. 2062/3.
alchiün in fia mairia & alchiün ä la lia merchiätia, B. II 34.
l'ün in (ieu aer, Toter tiers fia merchiantia, Gr. 76.
Tun sün sieu er, Toter tiers sia merchanzia, M. 43.
ue: chi pro fia poflelliim, chi pro lia merchantia, V.D. 30; A.V. 30.
(nach Diod.)
ol: 'lg ün en fieu er, 'lg auter tier fia marcantia, Ga. 103.
Tin ora en sien er, Taut er tier sieu negozi, C. 40.
'1 in en siu er, '1 auter tier sia mercanzia, F. 32.
Der ue Gebrauch von 'chi — chi' ist sicherlich Nachmahung des
Italienischen.
§ 160. Lateinisches 'quidam' wird ersetzt durch oe. schert,
tfchert, ün tael, tel e tel; ue. ün tal; ol. ün, in tal, in tal
a tal.
Mat. XXVI 18.
TiQog lov detva.
V.: ad quemdam.
L.: zu einem.
Diod: ad un tale.
oe: tiers ün schert hum, R. 2651.
tiers ün tfchert hom, B. II 103.
tiers ün tael, Gr. 94.
tiers tel e tel, M. 53.
ue: pro ün tal, V. D. 36; A. V. 36.
ol: tier ün, Ga. 126 (nach Luther!)
tier in tal a tal, C. 50.
tier in tal, F. 38.
III. Die Partikeln.
A. Das Adverbium.
Das Adverb geht im Bündnerischen seine besonderen Wege. Wir
finden vielfach veraltete Ausdrücke, eigenartige Wendungen, merk-
484 Kjirl Hutschenreuther
würdige Verbindungen. Auch hier will ich wiederum nur das Wich-
tigste über die lokalen, temporalen, modalen, affirmativen und negativen
Adverbien anführen.
a. Die lokalen Adverbien.
§ 161. Die Anwendung von Ortsadverbien zur Erzielung einer
deutlichen Ausdrucksweise ist beliebter als in den übrigen romanischen
Sprachen. Oft werden daher Präpositionen mit Adverbien verbunden
(Brand stetter p. 56, § 69).
Interessant ist im folgenden die Wiedergabe von aliunde (= 'anders-
wo'); diefes lautet nämlich oe. utru, utro; ue. inchlur utruo,
inclur utro (hiezu Asc. VH p. 539 Anmerk.); ol. vilgiur, auter
{aliorso -}- alter ^ Asc. VII p. 538) und anzanunder auter (= unus
non sapit imde -}- allerg
Joh. X 1.
oe: quael chi nun aintra aint par Tg hüfth in l'g huvilg de las
nuorfas, dimperfe uuol munter aint utru, aquel es ün ledar,
& ün fafchin, B. I 345.
quael chi nun aintra aint par l'g hüfch in l'g huvilg de las
nuorfas, dimperfe voul munter aintvtru, aquael eisünledar,
& ün fafchin, B. II 355.
chi nun aintra per l'üfch in l'ovilg de las nuorfas, mo vo aint
utrö, quel eis ün laeder & fafchin, Gr. 331.
Quel chi nun aintra per l'tisch nel ovigl dellas nuorsas, mo
saglia sur aint utrö, quel ais ün leder ed assassin, M. 191.
ue: chi nun aintra tras la porta in il ftavel dallas nuorfas, mo
raiva aint inchlur utruo*, quel ais ün lader, c fafchin,
V. D. 127.
chi non intra tras la porta nel stavel dellas nuorsas, ma raiva
aint inclur utro, quel ais ün lader, e sachin, A. V. 123.
ol: Chica va buc dad iTch ent, ent ilg nuvil da las nurfas, mo
reiv' ent vilgiur auter, quel ei ün lader, ad ün morder,
Ga. 441.
Chi ca va bucca däd isch en enten ilg nuvill da lasnursas,
mo reiva en vilgiur auter, quel ei in lader a morder,
C. 174.
Chi ca va buc dad isch ent en il nuvil da las nursas, mo
reiva ent anzanunder auter, quel ei in lader a rubadur,
F. 123.
§ 162. Beachtenswert ist ferner die Häufung von Ortsadverbien,
wodurch eine grosse Genauigkeit erzielt wird.
* (Di od: 'altronde').
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 485
Mat. VII 15.
L.: inwendig aber sind sie reissende Wölfe,
oe: mu aint dadains sun eis lufs sthg'arbedars, R. 590/1.
mu aint da dains lim eis lufs fchgiarbaedars, B. II 23.
nm aint dadains lim eis lufs fgiarbaeders, Gr. 21.
mo dadains sun lufs sgiarbeders, M. 12.
ue: mo Tun aint dadaints* lufs fgiarbaders, V. D. 9.
ma sun aint dadaint lufs sgiarbaders, A. V. 10.
ol: mo en dadents ean eis lufs ca fcarpen, Ga. 28.
mo aen en dadens lufs ca scarpan, C. 11.
mo endadeuts ein eis lufs ca scarpan, F. 12.
Mat. XXIII 27.
L.: welche auswendig hübsch scheinen.
oe: quaelas our da doura peran bain beilas, R. 2318.
quelas our dadoura peran bain beilas, B. II 90.
ol: paran bein bels or dadora, C. 43.
Luc. IV 9.
L.: so lass dich von hinnen hinunter.
oe: fchi t'iafcha te duess da conder zura ingiu, B. I 206;
B. II 209.
bütta te da qui zura giu, Gr. 192.
schi bütta't sur ingiö, M, 110.
ue: ichi t'bütta giü da qui, V. D. 74 (nach Diod: gittati giü
di qui).
schi t'bütta gio da qui, A. V. 72.
ol: fcha ta fierre furangiu, Ga. 257.
scha ta fiere surangiu, C. 101.
schi ta fiere surangiu, F. 74.
Luc. XIV 10.
L.: Freund, rücke hinauf,
oe: Amich, uo a fchö fü zura, B. I 258.
Amich, vö ä tfchö sü zura, B. II 263.
§ 163. Bemerkenswert ist auch im oe. und ol. die Nachstellung
der ein Adverb regierenden Präposition. Da dem Deutschen diese
Stellung eigen ist, so mag wohl eine Beeinflussung vorliegen.
Für 'dadurch':
Luc. XIX 4.
oe: el gniua ad ir allö tres, B. I; B. II 281.
el gniva ä paffaer all 6 traes, Gr. 260.
* (Diod: dentro.)
486 Karl Hutschenreutlier
ol: el dueva passar lou tras, Ga. 349.
el dnveva passar lou speras vi, C. 137.
el duveva passar 1 out ras, F. 98.
Für 'herbei':
Mat. Vni 2.
oe: ulie im ahirus uen notier s, R. 633/4 & B. II 25.
Mat. III 2.
ol: parchei chMl Raginavel da tfchiel ei vangeus nou tiers, Ga. 9.
parchei il reginavel da tschiel ei vegnius noutier, F. 7.
Für 'hinzu':
Mat. VI 27.
ol: metter vi tiers, Ga. 25.
metter vitier, F. 11.
§ 164. Zum adjektivischen Gebrauch von Ortsadverbieu, die
im oe. und ol. sogar einer Steigerung fähig sind (§ 99), will ich
noch hinzufügen:
Luc. XIV 10.
L.: und setze dich unten an.
oe: feeza a maifa ilg plü giu ad im loe, B. I 258.
fezza ä maifa ilg plü giu ad im loe, B. II 263.
t'lchainta in l'plü davous loe, Gr. 243.
Luc. XIV 9.
L.: und du müssest denn mit Scham unten an sitzen,
ol: a ti hagias Iura cun zanur da prender ilg pli giudim plaz,
C. 128.
§ 165. Von besonderem Interesse ist die allen Dialekten eigene,
enge Verbindung von Ortsadverbien (zuweilen auch der dem
Adverb entsprechenden Präposition) mit Verben an Stelle eines
einfachen Verbums, zur Bildung eines einzigen Begriffes.
Diese sehr beliebte Formel ist zwar allen romanischen Sprachen
eigen, man denke nur an italienisches dir su (= aufsagen), correrre
incontro (= entgegenlaufen), tirar fuori (= herausziehen), oder an
französisches j et er dehors, mettre dedans, rester debout (hierüber
auch M. L. p. 394 & p. 517/8), jedoch aus dem Umstände, dass sie
sich in keiner anderen romanischen Sprache dermassen verbreitet hat,
ferner aus der Tatsache, dass das rätoromanische Ortsadverb gewöhn-
lich die genaue Wiedergabe des deutschen Adverbs ist, muss ich
schliessen, dass derlei Verbal Verbindungen im Kätoromanischen nur
Syntaktisches zu den viitoiomanischcn Übersetzungen der vier Evangelien 487
infolge deutschen Einflusses eine so grosse Ausdehnung gefunden
haben.
Ja diese Verbindungen sind so eingewurzelt, dass sie sogar zu
selbständigen Weiterbildungen geführt haben, die das Deutsche nicht
kennt. (Hierüber auch: As coli VIT §1112: Materia Romana e Spirlto
Tedesco; Gärtner, Einleitung p. XI & XII; Morf p. 453. Neuer-
dings Augustin § 190; Brandstetter p. 75, §95D; Pult p. 140/2.)
Es folgen nun Beispiele in alphabetischer Ordnung zuerst fürs
oe., dann ue., dann ol.
oe:
abwischen:
Luc. Vn 44: ters giu, Gr. 208.
angehen:
Mal. XXVII 4: (L.: was geht das uns an?) Che uo ä nus tiers?
K. 2822; B. H 110; Gr. 100.
Che vo que tiers a nus? M. 57.
[ue: Che tuocha quaift pro a nus? V. D, 38.
Che vä quaist pro a nus? A. V. 39.
ol: Chei va quei ä nus tiers? Ga. 135; F. 41.
Chei va quei tier a nus? C. 53.]
anhaben:
Mat. XXII 12: nun aviand aint vstieu da nozzas, M. 43.
anziehen:
Mat. XXVII 31: trasse agli aint, E. 2887; B. II 112.
rhaun trat aint, Gr. 102.
auferziehen:
Luc. IV 16: innua el eira trat fU, Gr. 193.
a u f m a c h e n :
Mat, II 11: hauiand auerts sü l's lur thesors, R. 104; B. II 5
(auch ol: ad arviuen fi lur fcazis, Ga. 6).
aufhalten: '
Luc. IV 42: il tgnaiva in avous, M. 112.
ausziehen:
Mat. XXVII 31: traietten e oura, R. 2886; B. 11 112.
l'haun trat oura, Gr. 102.
dahinhaben:
Mat. VI 5: (L.: Sie haben ihren Lohn dahin), eis haun via
la lur mersche, R. 462/3.
eis haun via la lur mertlche, B. II 18.
Luc. VI 24: (L.: Ihr habt euren Trost dahin), vus havais via
voas cuffüert, Gr. 202.
vus avais via voas cuifort, M. 116.
Romanische Forschungen XXVII. 31
488 Karl Hutschenreuther
daraufstehen:
Lue. XX 6: (L.: denn sie stehen darauf, dass Johannes ein
Prophet sey), per che eis (tauu fü fura, ehia
Joannes faia Un Prophet, Gr. 264.
einbrechen:
Mat. XXIV 43: rumper aint in sia chesa, M. 49.
einnehmen:
Mat. XVII 24: pr enden aint, Gr. 60.
[ol: parnevan ent, Ga. 81.
prendevan en, F. 26J.
unterdrücken:
Luc. III 14: ne fquitiche fuot, Gr. 189.
[ue: nun fquitfcharai luot, V. D. 73.
non squitscherai suot, A. V. 71],
zukommen:
Luc. XII 33: (L.: Da kein Dieb zu kommt), innua nu po tiers
l'g- leedar, B. I 250.
innua uu po tiers Tg laeder, B. II 255.
innua l'laeder nun vain tiers, Gr. 235.
inua üngüu leder nun vain tiers, M. 136.
[ue: iugio 'I lader nun vain pro, V. D. 90.
ingio '1 lader non vain pro, A. V. 88.
ol: nu ca nagin lader ven tiers, Ga. 316.
nua ca nagin lader ven tiers, C. 124; F, 89.]
ue:
auslegen:
Marc. V 41: fiaud mifs ora, V. D. 49; A. V. 48, (Di od: inter-
pretato).
ausschlagen:
Mat. XXIV 32: e büttan our la föglia, V. D. 33; A. V. 34 [ebenso
Menni].
eintauchen:
Joh. XIII 26: tenlchü aint, V. D. 132; A. V. 129 (Diod: intinto).
hinzusetzen:
Luc. III 20: Schi matet el eir quaift via, V. D. 73.
Schi mettet el eir quaist via, A. V. 71.
untergehen:
Mat. XIV 30: ir fuot, V. D. 20; A. V. 20.
Weitaus am gebräuchlichsten sind solche Verbindungen im
ol:
abschlagen:
Marc. VI 26: Igi let el bucca tfchuncar giu, Ga. 174 (im bild-
lichen Sinne!)
Syntaktisches zu tien rätoioinanischen Übersetzungen der vier Evangelien 489
ilg vulctt bucca tschuncar g-iu, C. 68.
gli volet cl buca tscli linear giii, F. 51.
anhalten:
Job. VIII 7: eis tanevau tiers, Ga. 429.
aufgeben:
Mat. XXVII 50: det fi ilg Spirt, Ga. 140.
dett si ilg spirt, C. 55.
det si il spirt, F. 42.
aufgehen:
Mat. IV 16: ei lavau fi Unna Igifch, Ga. 13.
ei levada si inua Igisch, C. 5.
ei levau si ina glisch, F. 8.
aufsetzen:
Marc. VII 13: fchentau fi, Ga. 180.
aufziehen:
Mat. XI 20: trer fi, Ga. 48; F. 17 (L.: sehmähen).
Mat. XX VII 44: Qual quei Igi targenan er fi ils morders, Ga. 140.
Qual quei gli tragenan er si ils rubadure, F. 42.
ausbreiten:
Marc. VII 36: rasa van ei ora, C. 71.
austeilen:
Marc. VI 41: parchieu or, Ga. 176.
parchitt el ora, C. 69.
partgiu ora, F. 52.
auswerfen:
Mat. XV 17: (L.: wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen)
ven catfchau ora tras ilg gang natiral, Ga. 71.
ven catschau ora par ilg vau natiral, C. 27.
ven catschau ora tras il vau natiral, F. 23.
einführen:
Marc. Vn 13: manau en, C. 70 (wofür introducm^ F. 53).
einsehen:
Mat. XVI 12: Lura vasennen eis en, C. 29.
ergehen:
Marc. V 16: co ei fova ieu tier cun quei, C. 65.
nachfolgen:
Mat. IV 19: Vangit ä mi fueuter, Ga. 13.
Vegnit sueuter k mi, C. 5.
Vegnit ä mi suenter, F. 8.
nachfragen:
Marc. IV 38: fpias ti nagut fuenter, Ga. 165 & F. 49.
amperas nagutta suenter, C. 64.
nachstel len:
31*
490 Karl Hutscheni-euther
Marc. VI 19: Herodias ftaliava fuenter el, Ga. 173.
unterdrücken:
Marc, m 9: ch'els ilg fquitfc halfen bucca fut, Ga. 153.
ca eis il squi tschassen buca sut, F. 47 (L.: dass
sie ihn nicht drängten),
umdrehen:
Luc. VII 9: cur el vet fa vieult an turn, Ca. 276.
sa volvent an turn, F. 79.
umhauen:
Luc. III 9: tag-liaus anturn, Ga. 253; F. 72; C. 99.
umkommen:
Mat, XXVI 52: vangir anturn, Ga. 131.
ngir anturn, C. 51.
vegnir anturn, F. 40.
umstossen:
Mat. XXI 12: fre anturn, Ga. 97.
frit anturn, F. 30.
verheilen:
Mat. VIII 3: fchubriada davent, Ga. 31.
schubriaus navend, C. 12.
purificada davent, F. 12.
verschlingen:
Luc. XV 30: malgiau navent, Ga. 333; F. 94.
malgiau vi, C. 131.
vorhanden sein:
Marc. III 9: ch'ei duefs adinna effer avont ilg mann Unna
navetta, Ga. 157.
ca ei duvess adina esser avont il mann ina navetta,
F. 47.
vorwerfen:
Mat XXVII 44: La medemma causa Igi frivan avont er ils morders,
C. 55.
zugeben:
Mat. XII 12: eisei dau tiers, Ga. 52; F. 18.
zuhören:
Luc. II 46: tadlava tiers, Ga. 251; F. 72.
tadlava tier, C. 98.
zunehmen:
Luc. II 52: Jefus parneva tiers en fabjenfcha, Ga. 251.
Jesus parneva tier en sabienscha, C. 99.
Jesus prendeva tiers en sabienscha, F. 72.
zustossen:
Marc. X 32: curdar tiers, Ga. 199.
Syiitaktiachcö zu den liitoroinauischeu Übersetzungen der vier Evangelien 491
curdar tier, C. 78.
Job. V 14: par ch'ei c rodig bucca ticrs ä chi, Ga. 409.
par ca ei crodig bucca tiers a chi, C. 161.
par ca ei crodi buccu tier ä ti, F. 115.
§ 166. Statt solcher Post Positionen von Ortsadverbien ver-
bindet sich auch abwechselnd die gleichlautende Präposition mit dem
Verb.
Mat. IV 6:
oe: eis nignen cun l's mauns ä sustgniar te, R. 230/1.
eis vegne cun l's mauns ä fultngiar te, B. II 10.
aber: cun l's mauns vegnen ä tegner fü te, Gr. 10.
Mat. V 39.
oe: nu sted scunter agli mel, R. 401/2.
nu fted fc unter agli mael, B, II 16.
nu fte fcunter ii l'mael, Gr. 15 (da non resister al adversari
M. 8 ist Übersetzung aus dem Französischen: Seg: de ne
pas resister au meehant).
ue: Nun contraftarai al mal, V. D. 7.
Nou coutrasterai al mal, A. V. 8, (Diod: non contrastate
al male),
ol: Vus duveits bucca Itar ancunter a Igi mal, Ga. 20.
in dei bucca star ancunter al mal, C. 8.
Vus duveits buca star ancunter al mal, F. 10.
Allerdings scheinen die allgemein romanischen Verbindungen von
Verb und Präposition mit Versetzung letzterer und Verschmelzung mit
dem Verb mehr durchs Italienische besonders ins Engadinische
eingedrungen zu sein.
b. Die temporalen Adverbien.
Die lateinischen temporalen Adverbien sind grossenteils durch
Neubildungen ersetzt worden.
§ 167. Beachtenswert ist die Wiedergabe von 'am Morgen' (V.:
primo mane. — aiia nqmt) in
Mat. XX 1.
oe: sü la damaü sco me füt di, R. 1920.
sU la damaun fco mae füt di, B. II 75.
fün la damaun, Gr. 67.
la damaun a mamvagl (= mane vigilem^ Pult § 63) M. 38.
ue : sü '1 far dal di, V. D. 26.
sül far del di, A. V. 27 (nach Diod: in sul far del di).
ol: la damaun marvelg, Ga. 91; C. 35; F. 29.
492 Karl Hutschenrenther
§ 168. 'Den ganzen Tag' gibt das ol. durch eine Zusammen-
setzung von *tottus -h dies > tugi (Mat. XX 6, Ga. 92; C. 36;
F. 29) wieder.
§ 169. Lateinisches nunc ist vielfach durch hoc ipso (seil,
tempore) verdrängt, also oe. huoffa; ue. hiioffa, uossa; ol. uffa.
Marc. VI 25.
L. : jetzt sobald,
oe: bainbod, B, I 138; bainbot, B. II 140;
huoffa, Gr. 129. — dalum, M. 74.
ue: huoffa, V. D. 50. — uossa, A. V. 49 (aber: 'di presente'
Diod.)
ol: gual' ufs'; Ga, 174. — gual ussa, C. 68, F. 51.
Luc. Xn 52.
L. : von nun an.
oe: da quinder iuuia, B. I 252: B. 11 257.
da h uossa invia, Gr. 236.
d'uossa invia^ M. 137.
ue: d'huofs' in via, V. D, 91.
d'uoss' invia, A. V. 89.
ol: dad ufs' anvi, Ga. 318; C. 125; F. 90.
§ 170. Interessant ist ferner die Wiedergabe von 'vorzeiten'.
Mat. XI 21.
oe: aquidauaunt, R. 1015; B. II 40 {= a qui -\- de -{- ab -\-
ante).
qui davaunt, Gr. 35.
gia da long, M. 20 (= jam -\- de -\- lonyiim).
ue: agiä dalöng, V. D. 14.
agiä dalönch, A. V. 15 (Diod: giä anticamente).
ol: ont ca uffa, Ga. 49; F. 17.
schon da gig, C. 19 (gig = diu, Asc. VII, p, 522).
Wie ersichtlich, ist lateinisches 'j am' erhalten (im neueren oe. gia;
im ue. agiä; im ol. giä). Im älteren oe. steht dafür: huzme, huoz-
mae, hoaz mae; im ol. deutsches 'schon'.
Joh. XI 39.
L.: er stinket schon,
oe: huzmc püz' el, B. I 352.
huozmae püz' el, B. II 362.
Syntaktisches zu tlcu rätoroiuanisclien Übersetzimgon der vier Evangelien 493
El püzza hoaz mae, Gr. 339.
l'ho g'iu üna nosclia odiir, M. 194.
ue: el püzza agia, V. D. 129.
el odura agiä, A. V. 125 (Di od: egli pute giä).
ül: el fieda fchon uffa mal, Ga. 450, C. 178.
el freda gia iissa mal, F. 126.
§ 171. Germanismus ist die Wiedergabe des deutsclien 'bald'
mit oe. u. ue, *bod'; ol. bault oder gleiti (= schweizerdeutsches:
'gleitig', Braudstetter, § 39).
Ituliauismen sind wohl oe. 'a lemp', u. ol. prest.
Mat. V 25.
oe: bod, R. 364; B. II 15; Gr. 14.
a temp, M. 8.
ue: bod, V. D. 6; A. V. 7 (Diod: presto),
ol: bault, Ga. 18; — gleiti, C. 7; — prest, F. 9.
§ 172. Verschiedentlich wird das sofortige Handeln (lat.:
statim, ilico) ausgedrückt.
Mat. VIII 3.
L.: alsobald.
oe: adüntrat, R. 636; B. II 25.
bain bod, Gr. 23.
subit, M. 13.
ue: in quel iftant, V. D 9; A. V. 10 (nach Diod: in quello stante).
ol: ladinameng, Ga. 31. C. 12; F. 12.
Mat. XX 34.
oe: bain bod, R. 2005; B. II 78; Gr. 70.
subit, M. 40.
ue: iucontinent, V. D. 28 (nach Diod: incontanente).
subit, A. V. 28.
Ol: ladinameng, Ga. 95; C 37; F. 30.
M. XXI 20.
L.: Wie ist der Feigenbaum so bald verdorret?
oe: Cu ais il bös-ch da fixs daudettamaing secho? M. 41.
ue: Co ais il figuer dandettamaing fecchiä via? V. D.28(Diod:
subito).
Co ais il figer dandettamaing fecchia via? A. V. 29.
ol: Co ei quei pumer da fies alchi nechiameng seccaus?
Ga. 98.
494 K«"'l Hutschenreutber
Co ei quei figuer seccaus schi aDecbiameng? C. 38.
Co ei quei pumer da fies aschi auechameug- seccaus?
F. 31.
Luc. XIV 5.
oe: aclimtrat, B. I 252; B. II 263.
fubito, Gr. 242.
dal um, M. 140.
ue: promptamaiiig, V. D, 93.
prontamaiug, A. V. 91 (nach Diod: pruntamcnte).
ol: ladinameDg, Ga. 325; C. 128; F. 92.
Während wir im oe. abwechselnd 'ad iintrat, bain bod, dal um,
fubito, snbit' haben, finden wir im ue. meist sklavische Nach-
ahmung des Italienischen, im ol vorwiegend 'ladinameng'.
Interessant ist oe. u. ue. ^dandettamaing', welchem im ol.
'nechiameng, anechiameng, anechameng' entspricht. , Carigiet
kennt nur anetg (= ad-ictum).
§ 173. Das Fragepronomen 'quousque' lautet:
Mat. XVn 17.
L.: wie lange.
oe: cudich alla dauous, K. 1684; B. II 65.
infina a quaunt, Gr. 59.
infina cura me, M. 33.
ue: iufin ä cura, V. D. 23; A. V. 24 (Diod: 'infiuo a quando').
.ol: Quont gig, Ga. 81; C. 31; F, 26.
oe: 'cüdich', und ol. 'quont gig' entsprechen beide dem
Deutschen: 'wie lange?' Sehr richtig bemerkt Ascoli (VII p. 522)
bezüglich dieses deutscheu Einflusses: Circa l'uso del soprsh.
'dig' siamo alla continua riproduzmie del ted. 'lange'.
§ 174. Die Vorzeitigkeit drückt 'primum' und 'ab = ante' aus.
Mat XIII 30.
L.: Sammlet zuvor das Unkraut,
oe: Cligie Tg prüm la claffa, 11. 1275; B. II 50.
Raefpe in prüma la claffa, Gr. 44.
Raspe il prüm insemmel la zizania, M, 25.
ue: Clegiai our' il prüm la zizania, V. D. 18; A. V. 18.
ol: Ivafpeit avont anfemel ilg zerclim, Ga. 61.
Raspeit ilg amprim ansemel ilg zerclim, C. 23.
Raspelt avont ansembel il zerclim, F. 21.
Syntaktischoö zu den liitoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 495
§ 175o Für 'zuletzt' sind meist Nenbilduug-en mit '(/ß + post' ein-
getretcD. Alla fin ist Nachalimung des Italieuischen.
Mut. XXVI 60.
oe: a hi plü dauous, E. 2761/2; B. E 107.
l'davous, Gr. 98.
alla flu, M. 56.
ue: alla fin, V. D. 38; A. V. 38 (nach Diod: alla fine).
Ol: s'ilg davos, Ga. 132.
ilg davos, C. 52; il davos, F. 40.
§ 176. Lateinisches 'semper' ist nocli in allen Dialekten erhalten;
im oe. wird es öfters noch mit 'mag-is' verbunden. Für 'semper'
wird auch 'ad unam' (verg-l. rumänisches 'tot de auna', und spanisches
'aun') gebraucht. Ferner wechseln auch im oe. und ue. Latinismen:
'in aeternum, in perpetuum' ab.
Mat. VI 13.
oe: saimper & saimperme, E. 481.
faimper & faimpermae, B. 11 19.
in aeterna, Gr. 17.
ue: in eternum V. D. 7 (Diod: in sempiterno).
in eterno, A. V. 8.
Ol: a temper, Ga. 23; C. 9; F. 10.
Mat. XXVI 11.
L.: mich aber habt ihr nicht allezeit.
oe: mu me nü hauais uns saimper, E. 2636; B. II 102.
mu me nun gnis ad havair faimper, Gr. 93.
ma me nun avais saimper, M. 53.
ue: mo mai nun haverad faimper, V. D, 36.
ma mai non averat saimper, A. V. 36.
ol: mo mei vangits vus buc a ver adinna, Ga. 126.
mo mei veits bucc adinna, C. 49.
mo mei vegnits vus buc ä haver adina, F. 38.
Luc. I 55.
L.r ewiglich,
oe: imperpetua, E. 193; B. II 196.
in aeterna, Gr. 181.
in eterno, M. 104.
ue: in perpetuo, V. D. 70; A. V. 68 (nach Diod).
Ol: a femper, Ga. 242; C. 95; F. 70.
496 Knx\ Ilutscljcnreuthcr
Joh. XI 42.
L.: allezeit,
oe: adüna, B. I 352; B. II 362.
faimper, Gr. 340; M. 194.
ue: faimper, V. D. 129; A. V. 125.
Ol: adinna, Ga. 450; C. 178.
adina, F. 126
177. Zum Ausdruck der Wiederholung steht für 'saepe' und
'äenuo^ durchwegs 'subinde'^ ferner oe. de usus, de -+- caput, de
4- bis + novum; ue. de -f- caput, de + novum; ol. de + no-
vum + mente (> danievmeng), und sehr häufig post pedem (auch
mit anavos verstärkt).
Mat. XVII 15.
L. : er fällt oft ins Feuer, und oft ins Wasser,
oe: el tuma suez ilg foe^ & spes in l'ouua, B. 1681,
el tuma fuenz ilg foe, & fpes in l'oua, B. 11 65.
el fuvenz do in foe, & fuvenz in l'oua, Gr. 59.
suvenz crouda '1 nel fö, e suvenz nell'ova, M. 33.
ue: el fuvent crouda nMl foe, e fuvent in Tagua, V. D. 23.
el suvent croda nel fö, e suvent nell'aua, A. V. 24 (Di od:
spes so).
ol: el croda favents ent ilg fieuc, a favents enten l'aua, Ga. 80.
savents croda el elg fleug, a savents eu Faua, C. 31.
el croda savents en il fiiic, a savents en l'aua, F. 26.
Marc. XIV 70.
L.: Und er leugnete ab er mal. Und nach einer kleinen Weile
sprachen aber mal zu Petro, die dabei standen.
oe: Et el fthaieua darchio. Et poick dfieua dabinoef aquels
chi fteuan alle, dfchaiuen ä Petro: B. I 179; B. II 182.
Mu el darchio fchneiö. Et poch zieua darchio quels chi
ftaiven allö diffen ä Petro, Gr. 168.
Ma el snejet darcho. E poch zieva dschettan darcho a
Petro quels chi eirau lo, M. 96.
ue: Mo el snejet dar che u. E pauc davo, quels ch'eiran qua diffen
danoef ä Petro; V. D. 64 (nach Diod: Ma egli da capo
lo negö. E poco stante, quelli ch'erano quivi disscro di
nuovo a Pietro).
Ma el snejet darcheu. E pac davo, quels ch'eiran qua
dischan danöv a Petro, A. V. 64.
ol: Mo el fchnagä pufchpei. Ad ampaug fuenter quci fchenan
quels Ca fovan lou pufchpei ä Petrus, Ga. 226.
Syiitaktischca zu den rätoroinanisclien Übersetzungen der vier Evangelien 497
Mo el sclinegä pusclipei. Ad iiDipiiu suenter schennen quels
ca tbviiu lou pusclipei ;i Petrus, C. 89.
Mo el snegä puspei. A ptiuc suenter quei schenau quels ca
fovan lou puspei ä Petrus, F. 65.
Marc. XIV 69.
ue: l'haviand dcheu vis, V. D. 64.
l'aviand darcheu vis, A. V. 64 (Di od: vedutolo di nuovo).
Mat. XXVI 61.
ol: danievmeng, C. 52.
Mat. XXVII 3.
pufchpei anavos, C. 53.
Auch das Präfix, 're' gibt das ue. mit darcbeu.
Mat. XXI 18.
Di od: ritornando.
ue: turnand dar eben, V. D. 28; A. V. 29.
e. Die modalen Adverbien.
Von der Menge der modalen Adverbien will ich wiederum nur
einige bemerkenswertere herausgreifen.
§ 178. Latein, ^etiam' (= auch) ist verschwunden; dafür tritt
durchwegs oe. 'er, eir'; ue. ^eir'; ol. 'er'. Dies erinnert au pro-
venzalisches 'era' (= jetzt, nun) und rumänisches iar[ä] (= wieder).
Mat. V, 47.
L. : Tun nicht die Zöllner auch also?
oe: Nu faun forza er aque l's publichiauns ? R. 423.
Nu faun forza eir aque Fs publichiaüs, B. H 17.
Nun faun eir ufchea Ts publichiauns, Gr. 16.
Non faun uschea eir ils pajauns? M. 9.
ue: Nun faun eir ils publichans il fumgiaunt? V. D. 7 (Diod:
'ancora'),
Non fan eir ils publichans il sumgianf? A. V. 8.
ol: Fan buc er afcbia ils Zollers? Ga. 21.
Fan bucc er ils daziers tont? C. 8.
Fan buc er aschia ils publicans? F. 10
§ 179. Als Ersatzwort vod 'etiam' (= noch) steht oe. und ol.
ein* anque; imue. hat sich 'modo' als 'admodo' > 'amo' erhalten
498 Karl IJiitschenreutlier
Mat. XXVII 63.
L.: da er noch lebte,
oe: aiinchia chel uiuaiua, R. 2960; B. II 115.
cura el auncliia vivaiva, Gr. 105.
cur el vivaiva auncha, M. 60.
11 e: taimt ch'el viveiv' amo, V. D, 40 (Di od: mentre vivea
ancora).
intant ch'el vivaiv' amo, A. V. 41.
ol: autroqii'el fov' ouuc vif«, Ga. 142.
autroqiian el fova aimc vivs, C. 56.
antrocaa el fova aunc vivs, F. 43.
§ 180, Im oc. veitritt auch 'pure' das 'auch c'. Meyer-Lübke
führt p. 529 nur ol. 'pir' an.
Marc. XIV 31.
L. : Er aber redete noch weiter.
oe: Mu el dfchaiua pur plü fick, B. I 175; B. II 178.
Mu el pur plü dfchaiva, Gr. 165.
Mo el dschaiva vi e pü, M. 94.
ue: Mo el plü vi' e plü fermamaing- dfcheiva, V, D. 63 (nach
Diod: Ma egli vie piü fermamente diceva).
Ma el plü vi' e plü fermamaing- dschaiva, A. V. 62.
ol: Mo el fchet ounc pli ftain, Ga. 221.
Mo quest scheva pli a pli datschentameug, C. 87.
Mo el sehet aunc ])li fermameng, F. 64.
§ 181. Für modo = ^nur' findet man: oe. sullamang, fulla-
maing, folum, be; ue. folüm; ol. uaguttamai, er mai, mai.
Mat. IX 21.
L.: Möchte ich nur sein Kleid anrühren.
oe: sch'eau sullamang pös tuchicr sieu uestieu, I\. 781/2.
fehl eau fullamaing pös tuchicr fieu veftieu, B. II 31.
fch'eau folum veng ä tuchiaer lieu veftieu^ Gr. 28.
fch'eau poss be tucher sieu vstieu, M. 16.
ue: fch'cug folüm tuoch fia vefta, V. D. 11 (nach Diod: sc sol
tocco la sua vesta).
fch'eu solüm tuoch sia vesta, A. V. 12.
ol: fcha jou tucc naguttamai fieu vaftchieu, Ga. 38.
fcha jou tucca er mai sieu vastchieu, C. 15.
fcha jou tucca mai siu vestgiu, F. 14.
Syntnktischcs zu den riitoronianisehcn Übersetzungen der vier Evangelien 499
§ 182. Lateinisches ^vix' ist nur im ol. und zwar durchwegs
erhalten.
Mat. XIX 23.
L.: Ein Kcicher wird schwerlich ins Himmelreich kommen,
ol: ün rifeh ven ad ir vess ent ilg- Kaginavel da tfchiel, Ga. 90.
in risch ven ad ir vess elg reg-inavel da tschiel, C. 35.
in risch ven ad ir vess en il regiuavel da tschiel, F. 28.
dafür oe. cun fadia, K. 1888; B. II 73; Gr. 6G.
oe. & ue: difficilmaing, M. 37; V. D. 26; A. V. 26.
Marc. VII 32.
ol: ün furd, ca plidava vefs, Ga. 182.
in surd, ca plidava vess, C. 71; F. 53.
§ 183. Als Adverbien der Art und Weise werden im älteren oe.,
zuweilen auch ol. präpositionale Wendungen den Bildungen mit
der Endung 'mente' vorgezogen.
Mat. I 19.
L.: heimlich,
oe: ad ascüs, R. 46; B. II 3.
fecretamaing, Gr. 3; M. 2.
ue: lecrettamaing, V. D. 2; A. V. 3.
ol: adafcus, Ga. 3; F. 5.
dascusameng, C. 2.
Mat. VI 4.
L. : öffentlich,
oe: ilg appalais, R. 458; B. II 18.
in l'palais, Gr. 17 (Diod: in palese).
publicamaing, M. 9.
ue: avertamaing, V. D. 7; A. V. 8.
ol: avertameng. Ga. 22; C. 8; F. 10.
Mat. VIII 26.
L.: da ward es ganz stille.
oe: Et stet tuet quaid & in aser? R. 692.
Et ftet tuet quaid & in afet*, B. II 28.
Mat. VI 4.
durchwegs :
oe: ilg segret, R. 457; B. 11 18. (L.: verborgen.)
in fecret, Gr. 17.
* Bei Pallioppi nicht verzeichnet.
500 Karl Hutschenreuther
ue: in fecret, V. D. 7 & A. V. 8 (Diod: in segreto).
ol: ent 11 zuppaii, Ga. 22.
e n t e n i 1 g z 11 ]) a u , C. 8.
eu il zuppau, F. 10.
§ 184. Die Endung 'meute' wird zur Bildiiug modaler Adverbien
nicht nur an Adjektive, sondern auch an andere Wörter, ja sogar
Wortgruppen angehängt.
Mat. XXVI 75.
L,: und weinte bitterlich,
oe: & ho erido sosamang, R. 2799; B. II 109.
ho el crido fofaniaing, Gr. 99.
e cridet sosamaing, M. 56.
ue: e cridet faufamaing, V. D. 38.
e cridet sosamaing, A. V. 39.
ol: a bärge bittrameng, Ga. 134.
a bargie cauldameng, C, 52.
a bargit amarameng, F. 40 (auch Diod: c piause ama-
ramente).
Eigenartige Verbindungen sind:
oe:
Mat. XIX 17: ün sul, numnedamäg deus, R. 1873 (L.: Der einige
Gott).
ün ful, numnaedamäg Dieu, B. II 73 (hier geht das
Adverb eine eigentümliche Verbindung mit einem
Substantiv ein; es stehtanStelleeines Adjektivs).
Mat. XXVI 29: danövmaing, M. 54.
ol:
Mat. XVIII 35: dacorameng, C. 34 (L.: von euren Herzen). Hiezu
auch August in § 193.
Mat. XXIII 15: doblameng, Ga. 109.
dubia meng, C. 43; F. 34 (= zwei fältig).
Mat. XXVI 61: danievmeng, C. 52.
Mat. XII 16: Ad el scumandä staingiameng, C. 20.
Ad el als scumandä s tag na meng, F. 16 (doch nur
ftain, Ga. 52).
d. Die Adverbien dei' Bejahung und Verneinung.
§ 185. Als Adverb der Bejahung kehrt bei Bifruu das eigen-
tümliche par Tg uaira (pailg uaira) meist noch mit che verbunden
in der Bedeutung von 'ja', 'wahrlich' immer wieder.
Syntaktisches zu den riitoiomanischen Übersetzungen der vier Evangelien 501
Es erinnert an italienisches: si che! Vho fatio.
Im ol. findet man ein entsprechendes 'pilgver, pilver'.
Mut. V 18.
oe: Par l'g uaira ch'(e), E. 335/G; B. II 14.
tlchert, Gr. 13. — in vardet, M. 7.
uc: in viirda, V. U. G; A. V. 7 (Di od: in verita).
ol: pilgver, Ga. 17.
en vardad; C. 6. — en verdat, F. 9.
In Luc. XI 51.
lautet 'ja':
oe: pailg uaira che. B. I 246; B. 11 251.
Joh. XXI 18.
oe: Par l'g- uaira par l'g uaira, B. I ,386; B. 11 399.
ol: Pilgver, pilgver, Ga. 498; C. 198.
Pilver, pilver, F. 139 (L.: Wahrlich, wahrlich).
Für dieses 'wahrlich' steht im oe. und ue. auch eine dem italie-
nischen '■veramente' entsprechende Form.
Mat. XXVn 54.
oe: duaramaing, R. 2940.
duairamaing; B. 11 114.
Vairamaing, Gr. 104; M, 59.
ue: Vairamaing, V. D. 40; A. V. 40.
ol: Pilgver, Ga. 141; C. 55. — Pilver, F. 42.
§ 186. 'Non' steht als Antwort nach den Verben des Denkens
und Sagens im ol. in der Regel nicht allein, sondern ist von ca
{=: quid) begleitet, wie ja auch im Französischen: \je clis que nou\
Statt 'quid' gebraucht Menni eigentümlicherweise 'da'.
Luc. XIII 3.
L.: Ich sage, nein.
oe: Eau dich ä uns, na, B. I 253; B. 259.
Zuond brichia, dich eau a vus, Gr. 238.
Zuond brich a, as di eau, M. 138.
ue: Na, s'dig eug, V. D. 91.
Na, as di eu; A. V. 89 (Diod: No, vi dico).
ol: Jou gig ti vus Canun, Ga. 320; C. 126.
Jou gig a vus ca nun, F. 91.
502 Karl Hutschenreutlier
Luc. XVII 9.
L.: Ich meine es nicht,
oe: Eau nu pais, B. I 267; B. II 274.
Eau nun paifs, Gr. 253.
Eau m'impaiss da na, M. 14G.
ue: Eug- nun pais, V. D. 97.
Eu non m'impais, A. V. 95.
ol: Jou maneg canuU; Ga 339.
Jou manegia canun, C. 134.
Jon pensa, ca nun, F. 96.
§ 187. Statt 'non' steht vielfach oe. und ue. 'brichia, bricha';
ol. 'bucca, buca'.
Mat. VII 21.
ov nccg.
L. : nicht alle.
Di od: non chiunque.
oe: Brichia imünch'ün, R. 599/600; B. II 24.
Brichia fcodün, Gr. 21.
Brich a scodiin, M. 12.
ue: Brichia 'minchün, V. D. 9.
Brie ha minchün^ A. V. 10.
ol: Bucca minchün, Ga. 29.
Bucca minchin, C. 11.
Buca minchin, F. 12.
§ 188. Die Negation wird gerne verstärkt. Dies geschieht mit
Adverbien, wie oe. 'zuond, dafat, par üngilina via'; ue. 'dafat';
ol. 'zunt (zun), dilg tutt'.
Mat. V 34.
Diod: Del tutto non giurate.
oe: nu giilro zuond brichia, R. 392; B. 11 16.
nu güre zuond bricchia, Gr. 15.
non güre daffat bricha, M. 8.
ue: Dafat nun jürarai, V. D. 6.
Dafat non gürerai, A. V. 7.
ol: Vus duveits zunt bucca girar, Ga. 19.
Vu8 duveits dilg tutt bucca girar; C. 7.
Vus duveits zun buca girar, F. 9/10.
Luc. I 60.
L.: mit nichten.
oe: Par üngiüna uia brichia, B. I 193; B. TI 196.
Syntaktisches zu den rütorouiaDischen Übersetzungen der vier Evangelien 503
§ 189. Als Füllwörter der Negation '»o«' gebraucht das oe.
'mica' (> mia) und 'bricha'; das ue. 'brichia, briclia'.
Mat. n 6.
Di od: E tu Betleem, terra di Giuda, non sei punto la minima,
oe: Et tu Bethleem da Juda, nü ist mia la plU pitsthna . . .
R. 85/6.
Et tti Bethleem da Juda, nun eift mia la plü pitfehna,
B, n 4.
Et tu Bethleem, terra da Juda, nun eft mia la plti pitfchna,
Gr. 5.
E tu Betlehem, terra da Giuda, non est zuond bricha la
minima, M. 3.
ue: E tu, Betleem, terra da Juda, nun eft brichia la minima,
V. D. 3.
E tti, Betleem, terra da Giuda, non est bricha la minima,
A. V. 4.
ol: A ti Bethlehem terra da Juda, eis zunt buc la pli pitfchna,
Ga. 6.
A ti Bethlehem, terra da Juda, eis zund bucca la pli pitschna,
C. 2.
A ti Bethlehem, terra da Juda, eis zun buc la pli pitschna, F. 6
§ 190. FUr 'nihil' findet sich durchwegs *'una gutta' (> oe.
ünguotta; ue. ingotta, inguoUa; ol. nagutta). *Non' vor dem Hilfsverb
fällt im ol. meist weg.
Luc. V. 5.
oe: Maifter n's affadiant nus par tuotta la not Ichi nun hauain
nus piglio ünguotta, B. I 210; B. H 213.
Maifter, n's affadiant tuotta noatt, nun havains prains ün-
guotta, Gr. 196.
Musseder! nus avains lavuro tuotta not, e nun avains clappo
ünguotta, M. 112.
ue: Maifter nus ins havain sfadiats tuotta not, e nun havain prais
inguotta, V. D. 76.
Maister, nus ans avain sfadiats tuotta not, e non avain prais
inguotta, A. V. 74.
ol: Maifter, nus vein luvrau tutta noig, a vein pilgiau nagutta,
Ga. 263.
Mussader, nus vein luvrau tutta noig, a n' avein pilgiau na-
gutta, C. 103.
Mussader, nus havein lavurau tutta notg, a havein pigliau
nagutta, F. 75.
Romanisohe Forschungen XXVII. Oü
504 K"i'l Hatschenreuther
§ 191. 'Umsonst' ist wiedergegeben mit oe. 'par gra ei a, per dun,
gratuitamaing'; ue. 'per dun';ol. 'par nagut', par nagutta'.
Mat. X 8.
dtagsäv iXccßets, doogeav öoxs.
L.: Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es auch,
oe: par gracia haiiais arffschio, & par gracia ded, R. 862/3.
par gracia hauais arffchieu, & par gracia daet, B. H 34.
per dun havais arfschieu, per dun de, Gr. 30.
Gratuitamaing avais arvschieu, gratuitamaing de, M. 17.
ue: per du havais ardsfü, per dün dat, V. D. 12 (Di od:
'm dono').
per dun avais ardschvü, per dun dat, A. V. 13.
ol: par nagut veits vus ratfchiert, par nagut duveits vus dar,
Ga. 41.
Par nagutta veits vus ratschiert, par nagutta ilg duveits
vus dar, C. 16.
par nagut haveits vus retschiert, par nagut duveits vus
dar, F. 15.
§ 192. Interessanter ist die Übersetzung von 'vergeblich' (ital.
'itivano') mit oe. abech (bei Pal lioppi nicht verzeichnet), später
iuvaun; ue. per ingotta; ol. adumbatten (Carigiet leitet es
ab von ad-am-batter?)
Mat. XV 9.
/iiaTi]v de Gißovral ue.
» L.: Aber vergeblich dienen sie mir
Diod: ma invano m' onorano.
oe: mu eis huondren me abech, R. 1479/80; B. II 57.
mu in vaun huondran eis me, Gr. 51.
Mo in vaun am servan eis, M. 29.
ue: Mo per ingotta m'honuran eis, V. D. 20; A. V. 21.
ol: Mo adumbatten furvefchen eis ä mi, Ga. 70; C. 27.
Mo adumbatten surveschan eis ä mi, F. 23.
§ 193. Lateinisches 'nemo' ist ersetzt durch oe. 'tingtin' (= ne
inde mius); ue. 'ingüu'; ol. 'nagin'. Im oe., häufiger aber ol, kann
'«0«' beim Verbum wegfallen.
Mat. IX 16.
oe: Ungilin nun metta, R. 765/6; B. II 30.
tingUn metta, Gr. 27.
UngUn non metta, M. 15.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 505
ue: Mo 'ugtin nun metta, V. D. 11.
ing'Un non metta, A. V. 12.
ol: nagin metta, Ga. 37; F. 14.
Nagin na metta, C. 14,
§ 194. FUi- örtliches nusquam habe ich, wo die Übersetzung
nach dem Lutherschen Text stattfand, im oe. 'ingUr'; im ol. 'nilgiur,
nilgiu, nigliiV (von negiertem 'aliorso\ Asc. VII p. 538/9) getroffen;
fllr griechisches 'ei firi\ lateinisches 'nisi', italienisches ^senon' steht
oe. 'oter c6'; ue. 'auter co, oter co*.
Marc. VI 4.
OTi ovx k'ffTi ngo(p'^Ti}g ccTi/iiog, ei ^iri ev xfi nargiöi avTOv.
V.: Quia non est propheta sine honore nisi in patria sua.
L.: Ein Prophet gilt nirgend weniger, denn im Vaterlande,
oe: Ün profet nü es fthbittö oter co in fia patria, B. I 136.
lin profet nun eis fchblitto oter co in fia patria, B. II 1H8.
Un Prophet nun eis difhonurö oter co in fia patria, Gr. 127.
Ün profet nun vain ingür main stimo cu in sia patria,
M. 73.
ue: IngUn profet nun ais dishonorä, auter co in fia patria,
V. D. 49.
IngUn profet non ais disonorä, oter co in sia patria, A. V. 49.
(Diod: Niun profeta e disonorato, senon nella sia patria).
ol: Un Prophet ei nilgiu r meins hundraus ca enten fia Patria,
Ga. 171.
In prophet ei nilgiu meins dichiaus, ca en sia patria, C, 67.
in prophet ei nigliü meins hororaus ca enten sia patria,
F. 52.
Übrigens ist lat. nisi (= ausser) in der Kegel durchwegs mit
oe. 'oter co, otercu'; ue. auter co, oterco'; ol. 'auter ca' wieder-
gegeben.
Mat. XXI 19.
L.: und fand nichts daran, denn allein Blätter.
Diod: ma non vi trovö nulla, se non delle foglie.
oe: & nun acchiatto ünguotta in aquel, oter co la sula foeglia,
R. 2063/4; B. H 80.
& nun ho chiatto in quel oter co folum la foeglia, Gr. 72.
e nun chattet sün el ünguotta, oter cu föglia. M. 41.
ue: mo nu chiatet sün el ingotta, auter co föglia, V. D. 28.
ma non chattet sün el inguotta, oter co föglia, A. V, 29.
32*
506 1^8.1-1 Hutschenreuther
ol: ad afflä nagut fin el auter ca felgia, Ga. 98; F. 31.
a n'aflä sin el nagutt aiiter ca felgia, C. 38.
Man trifft aber auch 'sie non':
Luc. XllI 9.
oe: fchi nun, B. 1254; B. H 259.
fcha na, Gr. 238; M. 138.
ue: E fch' el pur fa frtit, buna nun brichia, V. D. 92.
E, seh' el pur fä früt, buu ais; non bricha, A. V. 90.
Ol: Icha nun, Ga 321; C. 126; F. 91.
§ 195. Für italienisches 'nondimeno' fand ich im ue:
Mat. XXI 29.
ingotta tant main, V. D. 29.
inguotta tant main, A. V. 29.
Dies ist jedenfalls die Wiedergabe des deutschen 'nichtsdesto-
weniger'.
§ 196. Temporales 'nun quam' ist durch 'magis' ersetzt, zu
welchem sich vor das Verb 'wow' gesellt, das nur im ol. hie und
da fehlt.
Mat. Vn 23.
L.: Ich habe euch noch nie erkannt.
oe: Eau mee nun hö cunschieu uns, R. 607/8.
Eau me nun he cunfchieu uus, B. II 24.
Eau me nun hae cuntfchieu vus, Gr. 22.
Eau nun s'he me cognuschieus, M. 12.
ue: Eug nun s'ha mä brichia cognlifchlids, V. D. 9.
Eu non s'ha mä bricha cognoschtits, A. V. 10 (Diod: Jo
non vi conobbi giammai).
ol: Jou vus hai mai ancunascheu, Ga. 29.
Jou maina vus hai ancunaschieu, C. 11.
Jou vus hai maina anconoschiu, F. 12.
§ 197. Eine starke doppelte Verneinung, die wohl durch
das Deutsche beeinflusst ist, zeigt grossenteils
Mat. XXI 19.
L.: Nun wachse auf dir hinfort nimmermehr keine Frucht.
Diod: Giammai pifi in eterno non nasca frutto alcuno da te.
Seg: Que jamais fruit ne naisse de toi:
Syntaktisches zu den rätoromanischeu Übersetzungen der vier Evangelien 507
oe: Aqui dsieua nu daia nascher itngiüu früt da tb in aeterna,
R. 2064/5; B. II 80.
Da te nun nafcha plü frütt iu aeterna, Gr. 72.
Da te nun nasclia in eterno me pü früt! M. 41.
ue: Mä brichia plü in eternum nun defs crefeber früt alchün
da tai, V. D. 28.
Ma bricba plü in eterno non dess crescher früt alcbün
da tai, A. V. 29.
ol: Sin tei dei crelcber nagin frig pli, a femper buc, Ga, 98;
F. 31.
Sin tei na creschi mal pli frig, ä semper bucca! C. 38.
§ 198. Nach einem Komparativ gebraucht nur Bifrun, wenn
der zweite Teil des Vergleiches ein vollständiger Satz ist, ein 'non'
vor dem Verb des zweiten Gliedes.
Mat. Xn 6.
L.: Ich aber sage euch, dass hier der ist, der auch grösser ist,
denn der Tempel.
Di od: Or io vi dico, che qui v'e alcuno maggior del tempio.
oe: Mu eau dich ä uus che in aquaist loe, es ün quel chi es mer
CO nun saia l'g sabath, R 1062/3.
Mu eau dich ä vus che in aquaist loe eis tin quel chi eis maer
CO nü faia l'g fabath, B. 11 42.
Mu eau dich ä vus, chia qui eis tin plü grand co l'taimpel,
Gr. 37.
Mo eau di a vus, cha qui ais tin pti grand co '1 taimpel,
M. 21.
ue: Mo eug s'dig, chia qui ais alchtin plü grand co'l Taimpel,
V. D. 15.
Ma eu as di, cha qui ais alchün plü grand co'l taimpel,
A. V. 16.
ol: Mo jou gig ä vus, ca quou ei ün pli grond ch'ilg tempel,
Ga. 51.
Mo jou gig ä vus, quou ei caussa pli gronda ca ilg tempel,
C. 19.
Mo jou gig ä vus, ca cou ei in pli grond ca il tempel, F. 18.
Zu Bifrun noch:
Job. XIV 28.
oe: l'g bab es mer co nu faia eau, B. I 364.
l'g bab eis mer co nu faia eau, B. II 375.
508 Karl Hutschenreuther
Was die Negation im Teilsatz anlangt, so habe ich bei der
Behandlung desselben einige Bemerkungen eingestreut.
B. Die Präposition.
Von den lateinischen Präpositionen sind noch ziemlich viele er-
halten. Zu diesen haben sich eine Menge neuer, von verschiedenerlei
Ursprung gesellt, welche ebenso wie die überlieferten grosse Änderungen
in ihrer Bedeutung aufweisen.
Syntaktisch interessant ist die Tatsache, dass die Präposition im
Btindnerischen vielfach unter deutschem Einfluss steht, weshalb
ich auch auf den deutschen Ausdruck besonderes Gewicht gelegt
habe. Sämtlichen Bibelübersetzungen hat sich oft ganz unbewusst der
deutsche Sprachgebrauch aufgedrängt, manchmal haben wir sogar
eine wörtliche Übersetzung aus dem Deutschen.
Auch hier will ich mich nur auf die wesentlichsten Erscheinungen
der Funktionsverschiebungen beschränken, und die Beispiele alphabetisch
geordnet nach den üblichen Kategorien vorführen.
a. Die lokalen Präpositionen.
§ 199. Bei den weitaus am zahlreichsten lokalen Präpositionen
haben wir vor allem zwischen Ruhe und Bewegung zu unter-
scheiden.
Äu
zum Ausdruck der Ruhe wird ausser mit ^ad' wiedergegeben:
oe: in, sü, sün (= susii + in), dfp er a (= c?e + sw/jer), fpaera,
sper (= super), auch vi + ad.
ue: via, vi + ad, vi -\- da, fpaer, sper, sü, sün.
ol: sper, sper vi, sin, vi dil, vi d'il.
Mat. IV 13.
L.: an den Grenzen,
oe: ils cufins, R. 246; B. n 11.
in l's cuffins, Gr. 10.
suis confins, M. 6.
ue: sü'ls confins, V. D. 5.
sün ils confins, A. V. 6 (Diod: ä confini).
Ol: vi d' ils cunfins, Ga. 12; F. 8.
sin ils cunfins, C. 5.
Mat. IV 18.
L.: Als nun Jesus an dem galiläischen Meere ging,
oe: Mu giand Jesus dspera l'g mer da Galileae, R. 256/7; B. II 11.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 509
Mu giand Jesus fpaera Tmaer da Galilaea, Gr. 11.
Mo spassagiand Gesu sper il lej da Galilea, M. 6.
ue: Mo Jesus, fpassiand fper il mar da Galileu, V. D. 5.
Ma Gesu, spassiaud sper il mar da Galilea, A. V. 6 (Diod:
longo '1 mare).
ol: Ma cur Jesus mava fper la Mar da Galilea, Ga. 13; F. 8.
Cur Jesus ma sper ilg lag da Galilea vi, C. 5.
Zum Ausdruck der Bewegung wird 'an' ausser durch 'ad' gegeben
mitoe. 'aint, vi ad, dfpera, fpaera, sper'; ue. via, vi + ad; ol.
'vi da, vid'.
Mat. ni 10.
L.: an die Wurzel,
oe: dspera la risth, R. 181.
fpaera la rifch, B. H 8; Gr. 8.
vi alla risch, M. 4.
ue: via la ragisch, V. D. 4.
vi alla ragisch, A. V. 5 (Diod: alla radice).
ol: vid' la ragifch, Ga. 10.
vi da la ragisch, C. 4; F. 7.
Mat. XVIII 6.
L.: Dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals ge-
hängt würde.
oe: ad aquegli füs plü üttel che l'g gnis mis üna muola da muliu
aint ilg culoetz, R. 1735/6 & B. H 67.
melg füfs ad el, chia l'füfs mifs ä 1' culloez üna moula da
molin, Gr. 61.
per quel füss megl, cha üna moula d'mulin, al gniss pendida
vi al culöz, M. 34.
ue: fchi fuoffe melg per el chi '1 fuofs pendü üna moula d'mulin
vi' al culöz, V. D. 24 (Diod: al collo).
schi füss megl per el chi'l füss pendü üna moula d'mulin
vi' al culöz, A. V. 24.
ol: Scha fufs ei k Igi pli bien ch'ei fufs pandieu vi da fieu culiez
üna mola da molin, Ga. 83.
fuss ei pli bien, ca inna mola da mulin ngiss pendida vi da
sien culiez, C. 32.
ä gli fuss ei pli bien ca ei fuss pendiü vi da siu culliez ina
mola da molin, F. 26.
Im abstrakten Siun ist oe. 'vi ad', ol. intus + in (> 'enten')
bemerkenswert,
510 Karl Hutschenreuther
Mat. XVni 6.
L. : Die an mich glauben.
oe: quaels cM craien in me, K. 1734/5.
quels chi craien in me, B. II 67.
chi craien in me, Gr. 61.
chi crajan in me, M. 35.
ue: chi crajen in mai, V. D. 24.
chi crajan in mai, A V. 24 (Diod: che credono in me).
ol: ca crein enten mei, Ga. 83; C. 32; F. 26.
Mat. XXVII 43.
oe: el ho bainplaschair vi ad el, M. 59.
auf.
Der Gebrauch vom oe. und ue. ^sün\ und ol. *sin* zur Bezeichnung
der Ruhe scheint im folgenden Beispiel durchs Deutsche beein-
flusst zu sein. oe. 'per^ und ol. 'par' meinen 'über einen Raum hin*.
Mat. VI 2.
L.: auf den Gassen.
Diod: nelle piazze.
Seg: dans les rues.
oe: per las uias, R. 452; B. II 18.
in las plazzas, Gr. 16.
sün las stredas, M. 9.
ue: stin las plazas, V. D. 7.
stin las plazzas, A. V. 8.
ol: fin las gaffas, Ga. 22.
par las stradas, C. 8.
fin las stradaS; F. 10.
Ebenso ist wahrscheinlich ue. ^sü, 'siln' und ol. 's/, sin', im Sinne
von 'auf zum Ausdruck der Richtung ein Germanismus; während
sonst im oe. 'via a' steht.
Mat. VI 26.
oe: Vuluc uos oeilgs uia alla utschelina dailg schil, R. 522/3.
Vuluc vos oeilgs via alla vtfchelina dailg tfchel, B. 11 21.
ue: Quardä sü 'Is utfcheus dal tfchel, V. D. 8.
Quardai stin ils utschels del tschel, A. V. 9.
ol: Mireit s'ils utfchels d'ilg tichiel, Ga. 25.
Mireit sin ils utschels dilg tschiel, C. 10.
Mireit sin ils utschells dil tschiel, F. 11.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 511
Deutschen Einfluss sehen wir auch deutlich im abstrakten
Gebrauch von 'smw, shi'.
Mat. XXVII 14.
L. : Und er antwortete ihm nicht auf ein Wort,
oe: Et el nun ho brichia arespondieu agli ad ün uierf, R. 2844/5;
B. n 110.
Et nun ho refpondieu ad el ad ün plaed, Gr. 100.
Ma el nun al respondet neir sün ün sulet pled, M. 57.
ue: Mo el nun '1 refpondet stiningotta, V. D. 39 (Diod: a nulla).
Ma el non al respondet sün inguotta, A. V. 39.
ol: Mo el figet er a Igi naginna rafpofta, bucca fiu lin plaid,
Ga. 136.
Mo el faget er ä gli nagina resposta, bucca sin in plaid,
F. 41.
Andere Beispiele sind
oe:
Luc. XIV 6: L.: Und sie konnten ihm darauf nicht Antwort geben.
Et eis nu pudaiuen fün aquaiftes chiofes arefpuonder
agli, B. I 257; B. 11 263.
Et nun pudaiven refpuonder ad el fün que, Gr. 242.
E sün qufe nun al savaivan eis respuonder ünguotta,
M. 140 (das ue. hat 'ä'; das ol. auch 'sin').
Nach Art des deutschen 'auf:
ue:
Mat. V 22: chi s'adira sün feis frar, V. D. 6; A. V. 7 (doch
Diod: chiunque s'adira contr' al suo fratello).
Ebenso ol: Chi ca ven grits (in fieu frar, Ga. 17
& C. 7.
Chi ca ven gritts sin siu frar, F. 9; während die oe.
Übersetzer richtig ^incimter, cunter' haben.
Germanismus im ol. ist ferner:
Mat. XX 24: fcha fonan eis da mala velgia fin quels dus frars,
Ga. 94.
fonnen eis da mala velgia sin quels dus frars, C. 37.
fonan eis da mala veglia sin quels dus frars, F. 29.
(Hieftir oe. ^de^ da, cunter' -^ ue. '(/a'.)
aus.
Hiefür finden wir allgemein oe. und ue. 'our da'; ol. 'or da', oft
noch durchs Adverb 'or, ora' {== foris ad) verstärkt.
512 Karl Hutschenreuther
Mat. Vn 4.
L.: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?
oe: lascha che preda la büstchia our da tieu oeilg, R 559/60.
lafcha che prfda la büfchchia our da tieu oeilg, B. 11 22.
Lafcha ch'eau chiaeva la btischia our da tieu oelg, Gr. 20.
Lascha ch'eau tira la spina our da tieu ögl, M, 11.
ue: Lafcha ch'eug ta tira our dal öl la büfchia, V. D. 8.
Lascha ch'eu at tira our dal öl la büscha, A. V. 9.
ol: Lai prender or la refta or da tieu oelg, Ga. 27.
Lai prender or la resta or da tiu egl, F. 11.
bei.
wird oe. immer mit 'uia a' oder 'tiers', ue. stets mit 'pro'; ol.
mit Hier' auch 'tenter, denter' (eigentlich mehr: 'unter einer Schar')
gegeben; 'da' bezeichnet mehr den Ausgangspunkt.
Mat. VI 1.
L.: anders habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater,
oe: Vschiglioe nu gnis ad hauair premgia uia ä uos bab, R. 448/9;
B. II 18.
ufchegloe nun hauais mercede tiers voas Bab, Gr. 16.
uschigliö nun uvais alchtin premi tiers vos Bap, M. 9.
ue: ufchloe nü haverad vus mercede pro vos Bap, V. D. 7.
uschigliö uon averat vus mercede pro vos bap, A. V. 8(Diod:
premio appo '1 Padre).
ol: fchilgiog vangits vus a ver naginua pagalgia da viefs Bab,
Ga 22 (die übrigen ol. Texte haben auch 'da').
Mat. XXII 25.
L.: Und sind bei uns gewesen sieben Brüder,
oe: Et elg öran tiers nus set frars, R. 2206/7.
Et elg eran tiers nus fett frars, B. II 86.
Mu fun Itos tiers nus fett frars, Gr. 77.
Ma tiers nus eiran set frers, M. 44.
ue: Mo pro nus eiran fet frars, V. D. 30; A. V. 31 (Diod:
appo noi).
ol: Mo 'lg ei ftau tenter nus fet frars, Ga. 105.
Mo tenter nus aeu stai sett frars, C. 41.
Mo igl ei stau denter nus sett frars, F. 32.
durch
wird ausser mit 'per, i)ar' vielfach im oe, mit 'tres, traes'; im ue,
& ol. meist mit 'tras' wiedergegeben.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 513
Mat. Vn 13.
L.: Gehet ein durch die enge Pforte.
oe: Antrö aint per la porta stretta, K. 582/3; B. 1123.
Jzen aint per la ftretta poarta, Gr. 21.
Entrc per la porta stretta! M. 12.
ue: Antra tras la porta ftretta, V. D. 9.
Intrai tras la porta stretta, A. V. 10.
ol: Meit ent par la porta ftrechia, Ga. 28.
Meit en par la porta strechia! C. 11.
Meit ent par la porta stretga, F. 12.
Joh. IV 4.
durch Samaria.
oe: tres la Samariam, B, 316.
traes la Samariam, B. IT 324.
traes Samaria, Gr. 301.
tres Samaria, M. 174.
ue: tras il pajais da Samaria, V. D. 115; A. V. 112 (veofür Diod:
per lo paese di Samaria).
ol: tras Samaria, Ga. 401; C. 158; F. 113.
für.
Ausser oe. 'per, par' haben v^^ir Umschreibungen mit Substantiven,
so ue. 'in lö da' entspricht italienischem ^in luogo di' \ ol. 'en
ftailg da' entspricht deutschem ^an Stelle von\ dann hat das ol.
noch 'en pei da' (= in pedem de).
Luc. XI 11.
L.: für den Fisch.
oe: par tin pefch, B. I 242; B. II 247.
per Im pesch, M 131.
ue: in lö da pefch, V. D. 87; A. V. 85 (nach Di od: 'in luogo
di pesce').
ol: en ftailg d'ilg pefc, Ga. 305.
en pei dil pesc, F. 87.
gegen.
Zur Bezeichnung der Annäherung scheint bei oe. 'i nennt er'
und ol. 'ancunter' deutscher Einfluss vorzuliegen, obwohl man
auch im Französischen bei einer Berührung ^contre la terre* sagt.
Eigentümlich ist hier 'in' bei Griti. oe. Vers' und ue. 'ä' sind allge-
mein romanisch.
514 Karl Hutschenreuther
Luc. XXVIV 5.
oe: incunter terra, B. I 207; B. II 306.
in terra, Gr. 284
vers la terra, M. 165.
ue: ä terra, V. D. 108; A. V. 106.
Ol: an Gunter la terra, Ga. 380; C. 150; F. 107.
Abstrakt im freundlichen Sinne gebraucht ist oe. 'incunter',
und ol. 'äncunter' ein starker Germanismus.
Luc. VI 35.
oe: per chel es buntadaiual incunter l's fcunfchains et l's mels,
B. I 217.
per che el eis buntadaivel incunter l's fcunfchains & l's
maels, B. 11 221.
per che el eis benign vers l's ingrats & l's maels, Gr. 203.
per che el ais buntadaivel [eir] vers ingrats e mels, M 117.
ue: perche ch'el ais bening in vers ils ingrats, b mals, V. D. 78;
A. V. 76.
ol: parchei ch'el ei buntadeivels ancunter ils malracunafchents,
ad ils mals, Ga. 272.
parchei ca el ei buntadeivels [er] a n vers ils nunracunaschents
ad ils mals, C. 107.
parchei el ei buntadeivels ancunter ils malreconoschents ad
ils mals, F. 78.
Übersetzung aus dem Italienischen ist ue. 'contr' ad' statt
des einfachen 'contra'.
Marc. XI 25.
ue: fcha vus havais qualchiaufa contr' ad alchtin, V. D. 58 (nach
Diod: se avete qualche cosa contr' ad alcuno).
während: fcha vus avais qualchosa contra alchüu, A. V. 58.
gegen =^ gegenüber
wird im oe. u. ue. echt rätoromanisch mit 'uia incunter, vi' in-
cunter' gegeben; ol. 'vi eifer' entspricht deutschem ''gegenüber'.
Dem Italienischen nähert sich: oe. 'ä l'incunter de, in fatscha a',
und ol. 'en fatscha a'.
Marc. XII 41.
L.: Und Jesus setzte sich gegen den Gotteskasten.
oe: Et cura che Jefus fezaiua uia incunter l'g gazophijialium,
B. I 167/8; B. II 170.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 515
Et feziand Jefus ;i l' incunter de Iti chiafcha de Tofferta,
Gr. 157.
E Gesu as tscbantet in fatscha alla chascba dellas offertas,
M. 90.
ue: E Jefus, s'haviand mifs ä zer vi' incunter la chafleha
dallas offertas, V. D. 60 (Di od: di rincontro alla cassa
deir Offerte).
E Gesu, s'aviand miss a zer vi' incunter la chascha dellas
offertas, A. V. GO.
ol: A Jefus fafeva vi eifer ilg bilg da las unfarendas, Ga. 212.
A Jesus sa tschenta. en fatscha alg belg da las unfrendas,
C. 83.
A Jesus sesent vieifer il bigl da las unfrendas, F. 61.
in.
Beliebt ist 'intus + in' (> oe. 'aint in', ol, 'enteu', 'enta') zur
Bezeichnung der Ruhe. 'In' (= 'unter einer Menge') wird in der
Regel mit oe. 'traunter', ue. 'tauntr', 'tanter'; ol. 'tenter, denter'
wiedergegeben.
Mat. II 2.
'im' Morgenlande,
oe: aint ilg oriant, R. 77/8.
aint ilg oriaint, B. II 4.
in r oriaint, Gr. 5; M. 2.
ue: in Oriaint, V. D. 3. — nel oriaint, A. V. 4.
ol: enten la terra da la Damaun, Ga. 5; C. 2; F. 6.
Mat. I 20.
im Traum.
ol: aint ilg soen, R. 47; B. II 3.
in r loenn, Gr. 4.
in sömmi, M. 2.
ue: n'il feil, V. D. 2. — in sömmi, A. V. 3.
ol: enta fien, Ga. 3.
en siemi, C. 2, — en sienn, F. 5.
Unserem 'in-darinnen' entspricht ol. 'en-dadents, enten-
dadents'.
Mat. XXIV 26.
'er ist in der Kammer.
ol: el ei enten las combrettas dadents, Ga. 115.
el ei en* combretta dadents, C. 45.
el ei en las combrettas dadents, F. 35.
* im Text: W.
516 Karl Hutschenreuther
Für 'in' = 'unter'.
Mat. V 27.
im Volk.
Di od: nella turba.
oe: traiiter l'g poeuel, B. I 134; B. 11 136.
in l'poevel, Gr. 125.
traunter 11 pövel, M, 71.
ue: tauntr' il pövel, V. D. 48.
tanter il pövel^ A. V. 48.
ol: tenter ilg- pievel, Ga. 168; C. 66.
denter il pievel, F. 50.
Für 'in' zur Bezeichnung der Richtung ist ne. aint, aint in'
bemerkenswert. Bifrun verstärkt 'in' noch durch Präfix und Adverb.
Marc. XIV 20.
L.: Der mit mir in die Schüssel tauchet,
oe: quael chi intainfcha aint cun me in la besla, B. I 174.
quael chi intainfcha aint cun me in la baesla, B. II 177.
chi tainfcha cun me in la baesla, Gr. 164.
il quel taindscha cun me in la besla, M. 94.
ue: il quäl tenfcha cun mai aint il taglier, V. D. 63.
il quäl tenscha con mai aint nel tagler, A. V. 64.
ol: ca tonfcha cun mei en la fcadella, Ga. 220; F. 64.
ilg quäl tonscha cun mei en la scadella, C. 86.
Ist 'in' = 'über hin', so ist oe. 'tres' und ue. 'tras' (= trans)
statt 'per, par' merkwürdig.
Mat. IV 24.
L.: Und sein Gerücht erscholl in das ganze Syrienland,
oe: Et la sia nünaunza es areseda oura per tuotta la Sijria,
ß. 272/3.
Et la fia numnaunza eis arafeda our per tuotta la Syria,
B. II 12.
Et eis raefaeda fia fama per tuotta la Syria, Gr. 11.
E sia fama get tres tuot la Siria, M. 6.
ue: E fia fama giet tras tuot la Siria, V. D. 5 (Di od: per tutta
la Siria),
E sia fama get tras tuot la Siria, A. V. 6 (Augustins Be-
hauptung (§ 171), dass im ue. die Ausdehnung über
einen Raum hin durch 'per' ausgedrückt wird, ist also
nicht immer zutreffend),
ol: A la canera dad el mä ora par tut la Siria, Ga. 14.
A sia fama mä ora par tutta la Siria, C. 6.
A la fama dad el mä ora par tutta la Syria, F. 8.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 517
jenseits.
Hierfür haben wir oe. ^uisur' (= via -f- super -^ fehlt bei Palli-
oppi), Vi' davart', 'vidvart' (= via -f- de -\- partem)-^ letzterem
entspricht ue. 'via-dvart', Vidvart'; im ol. steht 'da tschella
vart di' (= de ecce illam 'partem -f- de).
Mat. IV 15.
jenseits des Jordans,
oe: uisur l'g Jordan, R. 449; B. II 11.
vi' davart 1' Jordan, Gr. 10.
vidvart il Giordan, M. 6.
ue: via-dvart il Jordan, V. D. 5.
vidvart il Giordan, A. V. 6.
ol: da tfchella vart d' ilg Jordan, Ga. 13; C. 5.
da tschella vart dil Jordan, F. 8.
mit.
Zum Ausdruck der Begleitung dient allgemein 'cun, con'.
Durchs Deutsche beeinflusst scheint der ol. Gebrauch von 'cun'
in abstraktem Sinne.
Mat. VI 16.
ol: feigias bucca fco ils glifners cun viftas trurigias, Ga. 23.
seies buca sco ils hypocrits cuu vistas tristas, F. 10.
mitten durch.
Eine Verstärkung von 'per' ist oe. und ue. 'per mez, (= fran-
zösischem 'parmi', provenzal. ^par miei\ italienisch, 'per mezzo', spanisch.
'por medio\ M. L. p. 485).
Interessant ist die ol. Erweiterung zu 'parmiez trag' und ^par-
miez ora*.
Joh. VIII 59.
öieXd^cop did [liffov auzcSv.
L.: mitten durch sie hinstreichend.
oe: giand per mez eis, Gr. 337.
Da dies bei Bifrun ebenso wie in der Vulgata fehlt, so
scheint Bifrun letztere benützt zu haben. Mennihat wohl
Bifrun abgeschrieben,
ue: effendo pafsä per mez eis, V. D. 125 (von Di od: essendo
passato per mezzo loro).
passand per mez eis, A. V. 121.
ol: a pafsä parmiez tras eis. Ga. 435.
passend par miez eis ora, C. 172.
passont parmiez tras eis, F. 122.
518 Karl Hutschenreuther
mitteu uuter
wird in der Regel durch Zusammensetzungen wiedergegeben.
Mat. X 16.
L. : mitten unter die Wölfe.
Diod: in mezzo de' lupi.
Seg: au milieu des loups.
oe: in meza l's lufs, R. 881; B. 11 35.
in mez l's lufs, Gr. 31.
traunter ils lufs, M. 18.
ue: in mez dals lufs, V. D. 13.
in mez dels lufs, A. V, 13.
ol: a miez tenter ils lufs, Ga. 42; C. 16.
b miez denter ils lufs, F. 15.
nach
wird fast durchwegs mit oe. 'zieva' (= de sequa)\ ue. *davo'; ol.
'suenter' (= sequenter) wiedergegeben.
Mat. II 8.
L.: forschet fleissig nach dem Kindlein,
oe: intervegni cun diligijntia delg mattel, R. 93/4.
intervegni cun diligentia delg mattel, B. 11 5.
intravgni diligiaintamaing zieva l'infaunt, Gr. 5.
dumande diligiaintamaing zieva l'infaunt, M. 3.
ue: dumanda diligiaintamaing davo l'iffaunt, V. D. 3.
domandai diligiaintamaing davo l'infant, A. V. 4 (doch Diod:
e domandate diligentemente del fanciulino).
ol: andarf chit cun tut flis fuenter ilg uffont^ Ga. 4.
andarschit suenter alg uffont, C. 2.
audarschit diligentameng suenter ilg uffont, F. 6.
Hier ist der Gebrauch von 'zieua, davo, suenter^ nach Art des
deutschen ,nach' ohne Zweifel Germanismus. Nur Bifrun hat richtig
noch de.
Den gleichen Germanismus zeigt durchwegs
Mat. V 6.
L.: Die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit.
Diod: coloro che sono aifamati, ed assetati di giustizia.
Seg: ceux qui ont faim et soif de la justice,
oe: chi haun fam & sait sieua la giüstia, R. 305/6; B. 11 13.
chi haun fam & fait zieua la juftia, Gr. 12.
chi haun fam & said zieua la gUstia, M. 7.
ue: chi haun faih, 6 fait davo la jUstia, V. D. 5.
chi han fam e sait davo la gtiftia, A. V. 6.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 519
ol: c'han fom a feid fuenter la gistia, Ga. 15.
ca han fom a seid suenter la gistia, C. 6.
Ca han fom a feit suenter la gistia, F. 8.
Germanismus fand ich auch bei Griti in
Mat. n 20.
L.: Die dem Kinde nach dem Leben standen,
06: quels chi tfcherchiaiven zieva la vita del infaunt, Gr. 7.
nahe an
lautet ausser 'a', oe. 'ardaint', 'sper' (= super)^ ue. 'fpaer, sper';
ol. stets 'vi tiers', 'vitier' (aus via -f- entu -\- viers, M. L. p. 475).
Luc. vn 12.
L.: Als er aber nahe an das Stadttor kam.
oe: Et cura chel s'aprul'mö alla porta della citted, B. I 220;
B. n 224.
Et fiand gnieu ardaint la poarta de la citaet, Gr. 206.
Ma cur el gnit sper la porta della citted, M. 118.
ue: E cur el fuo fpaer la porta dalia cittä, V. D. 79.
E, cur el füt sper la porta della cittä, A. V. 77(Diod: presso
della porta. — Seg: pres de la porte).
ol: Mo cur el vangit vi tiers la porta d'ilg marcau, Ga. 276.
Mo cur el vengitt vitier la porta dilg marcau, C. 108.
Mo cur el vegnit vi tier la porta dil mercau, F. 79.
nahe bei.
Hieflir steht oe. 'a', 'ardaint a'; ue. das eigentümliche 'ftrusch,
strusch a' (Pult § 306, vom Partizip 'extrusiis')-, ol. meist 'vi tiers',
'da tier da', 'vitier da'.
Mat. XXI 1.
L.: Da sie nun nahe bei Jerusalem kamen,
oe: Et cura ch'els s'aprusmaun ä Jerufalem, ß. 2016/7; B. II 78.
Et fiand approfmos ä Jerufalem, G. 70.
E cur eis eiran ardaints* a Gerusalem, M. 40.
ue: E cur eis fuon ftrusch Jerufalem, V. D. 28 (Diod: vicino di
Gerusalemme).
E cur eis füttan strusch a Gerusalem, A. V. 28.
* Hier ist ardaint als eigentliches Partizip Präsens flektiert. Dass
^ardainf bei Menni noch nicht zur Präposition erstarrt ist, sondern als Partizip
bezw. Adjektiv gefühlt wird, erhellt ferner aus Luc. X 9: L.: Das Reich
Gottes ist nahe zu euch gekommen: II reginam da Dieu ais a vus ardaint,
M. 129. Aber: Treginam da Dieu eis gniea ardaint a vus, Gr. 222.
Romanische ForBchangen XXVII. 33
520 Karl Hutschenreuther
ol: A cur eis eran vi tiers Jerufalem, Ga. 96.
A cur eis eran da tier da Jerusalem, C. 37.
A cur eis eran vi tier da Jerusalem, F. 30.
ohne.
Für oe. ^sainza' und ol. ^fenza' findet sich im Sinne von 'ausser'
ue. 'ultra', das wohl dem italienischen 'oltr^a^ entlehnt ist.
Mat. XIV 21.
L.: ohne Weiber und Kinder.
oe: sainza las dunauna et l's infauns, R. 1409/10; B. II 55;
Gr. 49.
sainza las duonuas e'ls infaunts, M. 28.
ue: ultra las dunauns ^'Is iffaunts, V. D. 20.
ultra las dunans e'ls infants, A. V. 20 (Di od: oltr'alle
donne, ed i fanciulli).
, ol: fenza dunauns ad uffonts, Ga. 67; C. 26; F. 22.
über
wenn gleich 'über — hinüber' lautet oe. 'uifur', 'via für' mit
welchem ol. 'vi für' identisch ist. Im oe. ist auch 'vidvart' ge-
bräuchlich; ue. 'da lä da' scheint Nachahmung des Italienischen
zu sein.
Joh. XVIII 1.
L.: über den Bach Kidron.
oe: uifur l'g fltim Cedron, B. I 373; B. H 385.
via für 1' flüm Cedron, Gr. 362.
vidvart l'ovel da Kedron, M. 206.
ue: da la dal torrent da Chedron, V. D. 137.
da lä del torrent Chedron A. V. 132 (nach Diod: di lä dal
torrente di Chedron, ähnlich P.: per delä del tourent
de Cedron).
ol: vi für ilg aual da Kedron, Ga. 480 & F. 134.
vi sur ilg ual da Kedron, C. 185.
Der abstrakte Gebrauch von 'sur (sur d')' = 'über' ist in
allen Dialekten vom Deutschen beeinflusst.
Ausgesprochenen Germanismus zeigt durchwegs
Mat. XXV 21.
Per: foste fiel nas cousas pequenas.
Miguel: fuiste fiel en lo poco.
Seg: tu as 6te fidele en peu de chose.
Syntaktisches zu den räturoinanisclien Übersetzungen der vier Evangelien 521
P.: te seus stait fidou ent poche cose.
Di od: tu sei stato leale in poca cosa.
L.: Du bist über wenigem getreu gewesen.
oe: sur puoehia chiosa ist tU sto fidel, R. 2540.
sur puchia chiola eil't tu fto fidel, B. II 99.
für poch eft fto fidel, Gr. 89.
tu est sto fidel sur poch, M. 51.
ue: tu eft ftat d'fai in pauca chiaufa, istvonDiod. abgeschrieben.
tu est stat da fai sur pacas chosas, A. V. 35.
ol: ti eis staus fideivels für pauc, Ga. 121; F. 37.
ti eis Staus fideivels sur dilg pauc, C. 47.
Deutschen Einfluss zeigt ferner
Mat. XVni 19.
oe: Scha duos da vus vaun d'accord sün terra sur ogni chosa,
M. 35.
ol: scha dus da vus vengen parinna sur d' inna caussa, C. 33.
Übersetzung aus dem Deutschen ist ohne Zweifel
Mat. XXn 33.
L.: entsetzten sich über seine Lehre,
oe: s'ho el ftupieu für fia doctrina, Gr. 78 (sonst steht 'de, da').
UDter.
Der Gebrauch von subtus (oe. > fuot, ol. > sutt) im oe. und
ol. an Stelle von *de, da' für deutsches 'unter' ist Germanismus.
Luc. xxm 7.
L.: Und als er vernahm, dass er unter Herodis Obrigkeit gehörte,
oe. Et Ico el fauet chel udiua fuot l'g dumini da Herodis,
B. I 292; B. n 301.
Im Sinne vom deutschem 'unter'
Marc. V 26.
ol: a veva andirau bear sutt bears miedis, C. 66.
Ist 'unter' = 'unter einer Anzahl', so steht durchwegs ein dem
Neufranzösischen d'entre entsprechendes oe. traunter; ue. tauntr',
tanter; ol. tenter, denter.
Mat. n 6.
L.: Die Kleinste unter den Fürsten.
Diod: la minima fra i capi.
Seg: la moindre entre les principales villes.
33*
522 Karl Hutschenreuther
oe: la plti pitsthna traunter l's signuors, R. 86; B. n 4.
la plü pitfchna traunter l's Princips, Gr. 5.
la minima traunter ils conduetors, M. 3.
ue: la minima tauntr' ils Capos, V. D. 3.
la minima tanter ils capos, A. V. 4.
ol: la pli pitfchna t enter ils Caus, Ga. 6.
la pli pitschna denter ils cauS; C. 2; F. 6.
von.
Wenn 'von' = 'was anlangt' oder 'bezüglich' (franz.: 'quant d\
ital. ^quanto a') ist, so steht statt des einfachen, den Ausgangspunkt
bezeichnenden 'da'ein oe. 'taunt fco da'(= tantum -\- sie qiiomodo -|-
da,) 'davart' (= (/e-f-i?«^'^f^'Oi ue. ital. 'quant a'; ol. 'tuccond tier'.
Mat. XXII 31.
L.: Habt ihr aber nicht gelesen von der Totenauferstehung.
Diod: E, quant' h alla risurrezion de' morti, non avete voi letto.
oe: Mu taunt sco da l'aresUstaunza dals mors, nun hauais lijt,
R. 2218/19.
Mu taut fco da l'areltiftaunza dals morts, nun hauais let...
B. n 86.
Mu de la refüftaunza da l's moarts, nun havais let . . .
Gr. 78.
Davart la restistaunza dels morts, nun avais vus let . . .
M. 44.
ue: E quant alla refUltanza dals morts, nun havais vus lett,
V. D. 30.
E quant alla resüstanza dels morts, non avais vus let,
A. V. 31.
ol: A veits vus bucca ligeu da la Lavada d'ils morts, Ga. 106.
Mo tuccond tier la levada dils morts, n'aveits bucca ligieu,
C. 41.
A haveits vus buca legiu da la levada dils morts, F. 33.
vor.
Interessant ist zur Bezeichnung der unmittelbaren Nähe statt
des einfachen 'ab — ante' C> oe. avaunt; ue. avant; ol. avont)
ein oe. ardaint sU, ardaint a, ardaint avaunt; ue. daftrufch
sün; ol. datiers avont, datier avont.
Mat. XXIV 33.
L. : So wisset, dass er nahe vor der Tür ist.
Diod: sappiate ch'egli e vicino, in sulla porta.
oe: schi saue che uain ad esser ardaint sU lasportas, R. 2449/50;
B. 11 95.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 523
fchi fapchias ch'el eis ardaint ä Tüfch, Gr. 86.
sapchas, ch'el ais ardaint, avaunt la porta, M. 49.
ue: fchi fapchiad ch'el ais daftrusch, sün la porta, V. D. 33,
scUi ßapcbat, ch'el ais da st ru seh, sün la porta, A. V. 34.
ol: fcha faveigias ch'el ei da tiers, avont ilg isch, Ga. 116.
saveias ca el ei datier, avont ilg- isch, C. 45.
schi saveies, ca el ei datiere, avont igl isch. F. 36.
zu.
Zum Ausdruck der Ruhe ist 'a' allen Dialekten eigen. Im oe.
steht auch 'in'. Bemerkenswert ist ol. 'davos' hiefür.
Mat. XXVI 7.
L.: Der zu Tisch sass.
oe: (ad el chi sezaiua, R. 2628 & B. 11 102 aus dem Griechischen:
avTov dvaxsifiivov.)
ad el chi fezaiva in maifa, Gr. 93.
intaunt l'eira a maisa, M. 53.
ue: taunt ch'el eira a maifa, V. D. 36.
intant ch'el eira a maisa, A. V. 36.
ol: cur el fafeva davos meifa, Ga. 125.
dantont ca el fova a meisa, C. 49.
cur el seseva davos meisa, F. 38.
'Zu — herein' wird mit oe. 'aint par' oder nur 'per'; ue. 'tras'j
ol. 'dad — ent(en)' wiedergegeben.
Joh. X 1.
L.: zur Tür hinein.
Diod: per la porta.
oe: aint par l'g hüfth, B. I 345; B. n 355.
per l'üfch, Gr. 331; M. 191.
ue: tras la porta, V. D. 127; A. V. 123.
ol: dad ifch ent, Ga. 441; F. 123.
dad isch en, C. 174.
Drückt 'zu' die Richtung aus, so heisst es oe. 'ad', 'tiers'; ue:
'vi pro'; ol. 'vi tiers', 'nou tier' (nou = 'm /mwc' seil, locum).
Verstärkendes 'ye' oder 'wow' können auch fehlen,
Mat. IV 3.
L : Und der Versucher trat zu ihm.
oe: Et siand guieu tiers el, aquel chi attainta, R. 220/1; B. II 10,
Et gniand tiers el l'tentaeder, Gr. 9.
E'l teutadur, s'approsmand ad el, M. 5,
524 Karl Hutschenreuther
ue: E'l Tentader, fiand aprofraä vi' pro el, V. D. 4; A. V. 5.
ol: Ad ilg Tentader pafsa vi tiers el, Ga. 11; F. 7.
Ad ilg tentader passä noutier el, C. 5.
Im Sinne von deutschem 'gehören zu' findet sich im oe. der
Germanismus ''odan ad', welchem ol. 'audan tier^ entspricht.
Mai ni 8.
oe: Fasche dimena früts, quaels chi odan ad tina artiflinscha,
R. 175/6.
Fadfche dimena früts, quaels chi odan ad üna arUflenfcha
B. II 8.
Fadfche dimaena frtitts conveniaints ä 1' melgdramaint,
Gr. 8.
Fe duncque früts degns da penitenza, M. 4 nach Diod: Fate
adunque frutti degni della penitenza.
ue: Fad dimena früts dengs dalla penitenza, V, D. 4 (n?ich Diod).
Fat dimena früts degns della penitenza, A. V. 5.
ol: Parteit pia frigs ch'auden tilg milgiurament, Ga. 9.
Porteit pia frigs ca au den tier ilg milgiurament, C. 4.
Porteit pia fritgs, ca audan tier il megliurament, F. 7.
Beachtenswert ist noch ue. '■pro' in
Mat. XX 34.
ue: Jefus muvantä pro compaffiun, V. D. 28.
Jefus moventä pro compassiun, A. V. 28 (Diod: mossa a
pietä).
b. Die temporalen Präpositionen.
§ 200. Da Raum und Zeit eng zusammenhängen, und man zum
Ausdruck zeitlicher Beziehungen meist örtliche Anschauungsmittel ge-
braucht, so sind die Präpositionen zur Darstellung zeitlicher Verhält-
nisse auch viel einfacher und nicht so zahlreich wie die örtlichen.
an.
Der immer wiederkehrende Gebrauch von oe. 'stt, sün' und ol.
'si, sin' statt 'in' oder 'ad' zur Angabe des Zeitpunktes scheint durchs
Deutsche beeinflusst zu sein. Im ol. ist noch die Verstärkung von
intus -f- in > 'enten' bemerkenswert.
Mat. XXU 12.
am Sabbath.
Diod: in giorno di sabato.
oe: suis dis delg sabath, B. 1077; B. II 42.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 525
fün rfubbath, Gr. 38.
nel di del sabbat, M. 21.
ue: n'il di dal fabat, V. D. 15.
nel di del sabbat, A. V. 16.
ol: s'ilg fabbath, Ga. 52.
ilg sabbath, C. 20 (aber Mat. XH 10: s'ilg sabbath, C. 20,
wo auch Bifriin, & Griti 'sW, und die ol. Texte *.s^'
haben), sin il sabbath, F. 18.
Mat. Xni 40.
am Ende dieser Welt.
Diod: nella fin del mondo.
oe: sti la fin da quaist muond, R. 1307; B. 11 51.
in la fin da quaift muond, Gr. 46.
alla fin da quaist muond, M. 26.
ue: in la fin dal muond, V. D. 18.
nella fin del muond, A. V. 19.
ol: enten la fin da queft Mund, Ga. 63 & F. 21.
ä la fin da quest mund, C. 24.
bei.
Hiefür steht meist 'de'.
Mat. II 14.
L.: bei der Nacht. — Diod: di notte.
oe: d' not, R. 115; B. II 6.
d' noatt, Gr. 6.
da not, M. 3.
ue: d' not, V. D. 3. — da not. A. V. 4.
ol: (la noig, Ga. 7. — la nolg, F. 6.)
da noig, C. 3.
bis nach.
Das Ziel wird dem italienischen ^ßno a' entsprechend im oe.
und ue. mit 'fin a' wiedergegeben. Bemerkenswerter ist oe.J 'per
fin a' und 'infina'hiefür; noch interessanter ol. 'antroqua' (=introque
-h ad) wo nach M. L. § 242 das Endziel als ein 'hinein' gefasst
wird. Die Anwendung von ol. 'antroqua fin' und 'antrocan sin'
ist ohne Zweifel eine Wiedergabe des deutschen 'bis auf.'
Mat. II 15.
L. : bis nach dem Tode Herodes.
Diod: fino alla morte d'Erode.
oe: per fin alla mort da Herodis, R. 116/7; B. II 6.
526 Karl Hutschenreuther
iufina la moart da Herodis, Gr. 6.
fin alla mort da Herodes, M. 3.
ue: fin alla mort d' Herode, V. D. 3.
fin alla mort d' Erode, A. V. 4.
ol: antroqua fin la mort da Herodes, Ga. 7.
antroqua la mort da Herodes, C. 3.
antrocan sin la mort da Herodes, F, 6.
gegen.
Für die Annäherung hat das ol. nach Art des deutschen 'gegen'
den Germanismus 'ancunfer\
Mat. XXVH 57.
oe: (siand gnieu saira, ß. 2975; B. II 114;.
(fiand saira, Gr. 104.)
vers saira, M. 59.
ue: fün la faira, V. D. 40; A. V. 40 (Diod: in sulla sera.)
ol: ancunter fera, Ga. 141; C. 55; F. 42.
in.
Die Verwendung von ^de' zur Angabe des Zeitpunktes ist allen
Dialekten eigen, und nicht so selten, wie M. L. § 452 meint. Das ol.
gebraucht auch 'enten' hiefür.
Marc. XIII 18.
im Winter,
ol: ilg inviern, B. I 170; ß. H 173.
d' inviern, Gr. 160; M. 91.
ue: d' hiviern, V. D. 61. — d' inviern, A. V. 62 (Diod: di verno).
ol: d' unviern, Ga. 215; C. 84; F. 62.
Marc. XIII 19.
in diesen Tagen,
ol: enten quels gis, C. 84.
enten ilsez gis, F. 62.
nach.
Ist ^n ach' = 'innerhalb', so steht oe. 'dsieua, zieua'; ue. 'infra';
ol. durchwegs 'en'.
Mat. XXVI 2.
L.: nach zween Tagen.
Diod: fra due giorni.
oe: dsieua duos dijs, R. 2616; B. H 102.
zieua duos dis, Gr. 92; M. 52.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 527
ue: infra duos dids, V. D. 36,
infra diios dis, A. V. 36.
ol: en dus gis, Ga. 125; C. 49; F. 38 (Seg: dans deux jours).
Beachtenswert sind die Verstärkungen von oe. 'dsieua, zieua',
ue: 'dapö, dopo', ol. 'fuenter' zur Bezeichnung der unmittel-
baren Nachzeitigkeit,
Mat. XXIV 29.
L.: Bald aber nach der Trübsal.
Per: logo depois da afflicgäo
Miguel: luego despues de la Tribulacion.
Seg: Aussitot aprfes ces jours de detresse.
P. : subit apress Fafflissioun.
Diod: subito dopo l'afflizion.
oe: im pestiaüt dsieua la tribulatiü, R. 2432/3; B. II 94,
bod zieua la afflictiun, Gr. 85.
bain bod zieva la tribulaziun, M. 49.
ue: fubit dapö l'afflictiun, V, D. 33,
subit dopo l'afflicziun, A, V. 33 (nach Diod).
ol: ladinameng fuenter la tribulatiun, Ga, 116; C. 45; F. 35.
Bedeutet 'nach' = 'gemäss', so ist im oe, 'fuainter', mit welchem
ol. 'fuenter' identisch ist, eigentümlich. Das neuere oe. und ol. 'con-
fuorm a' erinnert an's spanische ^conforme a\ währendue. 'fegund,
seguond' wohl Nachahmung des Italienischen ist.
Mat. II 16.
L.: nach der Zeit.
Per: pelo tempo.
Miguel: conforme al tiempo.
Seg: Selon la date.
P.: tenour del temp.
Diod: secondo '1 tempo.
oe: suainter l'g tijmp, R. 125.
fuainter l'g temp, B. II 6; Gr. 6.
confuorm al temp, M. 3,
ue: fegund il temp, V. D. 3.
seguond il temp, A. V, 4.
ol: fuenter ilg temps, Ga, 7,
confuorm alg temps, C. 3.
suenter il temps, F. 6.
über.
'Über' ist bei Luther häufig im Sinne von 'nach' gebraucht. Es
528 Karl Hutschenreuther
wild gegeben mit oe. 'dfieua, zieva', ue. 'davo'. Bemerkenswert
sind die ol. Bildungen mit 'caput': ä cau d', ä cou d', oder nur cau d',
cou d'.
Marc. II 1.
L.: Über etliche Tage.
Diod: Ed alquanti giorni appresso.
oe: dfieua iierquaüs dis, B. I 122; B. II 123.
zieva [alchüns] dis, Gr. 112; M. 64.
ue: Et ünzaquants dids davo, V. D. 44.
Ed tinsaquants dis davo, A. V. 43.
ol: A cau d' anzaquonts gis, Ga. 152 & C. 59.
A cou d' anzaquonts gis, F. 45.
Mat. XXV 19.
L.: Über eine lange Zeit.
o,e: dsieua bgier tijmp, R. 2532/3-
dfieua bgier temp, B. II 98.
zieua bger temp, Gr. 89.
zieva lung temp, M. 51.
ue: lung temp davo, V. D. 34; A. V. 35 nach Diod: lungo
tempo appresso.
ol: cau d' im leung temps, Ga. 120.
ä cau d' in lieung temps, C. 47.
cou d' in lung temps, F. 37.
FOD.
Deutsches 'von — an' wird meist wiedergegeben mit oe. 'da —
in via'; ue. *da — in naun'; 'da — innan' (= 'inhanc', scil.Äoraw);
ol. 'da — anvi\
Mat. IV 17.
L.: von der Zeit an.
Miguel: Desde entonces.
Seg: Des ce momeut.
Diod: Da quel tempo.
P. : Dop anloura.
oe: Da que tijmp in uia, R. 251.
Da quo temp in via, B. II 11.
D' alhura in via, Gr. 10.
E' allura in via, M. 6.
ue: da quel temp, V. D. 5; A. V. 6 (nach Diod).
ol: Da quei temps anvi, Ga. 13; C. 5; F, 8.
Syntaktisclics zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 529
Zum ue. noch
Job. IX 1.
Diod: cieco da IIa sua nativitä.
ue: orb da fia uativita in nauu, V. D. 125.
orb da sia nascita innan, A. V. 121.
?or.
Eigenartig ist bei Bifrun 'auns co', l'päter steht dafür im oe.
'aunz'. Zu ue. 'avaunt, avant' und ol. 'avont' ist nichts zu be-
merken.
Job. XII 1
L.: vor den Ostern.
Diod: avanti la pasqua.
oe: auns co la pafthqua, B. I 353; B. II 364.
aunz la Paefqua, Gr. 342.
aunz Pasqua, M. 195.
ue: avaunt la Pasqua, V. D. 130.
avant la pasqua, A. V. 126.
oi: ont Pafcas, Ga. 453.
avont Pascas, C. 179; F. 127.
zu.
Der Zeitpunkt wird oe. mit 'da, in, a*; ue. 'a, in'; ol. 'da'
und 'enten' als ein Mn — darinnen' bezeichnet.
Mat. II 1.
L. : zur Zeit des Königs Herodes.
oe: dalg timp da Herodis araig, R. 74.
dalg temp da Herodis araig, B. II 4.
in l's dis da Herodis raig, Gr. 4.
al temp del raig Herodes, M. 2.
ue: als dids dal raig Herode, V. D. 3 (nach Diod: a' di de
re Erode).
als dis del rai Erode, A. V. 4.
ol: d' ilg temps d'ilg Reg Herodes, Ga. 5 & C. 2.
dil temps dil reg Herodes F. 6.
Mat. HI 1.
zu der Zeit.
L.: In aquels dijs, R. 156; B. II 7 (vergl. Marc. VIII 1: in aquellas
dijs, B. I 145, wo di^s Feminin ist; die 2. Ausg. hat
aquels).
in quels dis, Gr. 7; M. 4.
530 Karl Hutschenieuthcr
uc: in quels dids, V. D. 4.
in quels dis, A. V. 5 (Diod: in que' giorni).
ol: ilfez gis Gr. 9; F. 7.
enten quels gis, C. 3.
c. Die kausalen und finalen Präpositionen.
§ 201. Da sich Grund, Veranlassung und Absicht nahe berühren,
so will ich sie hier gemeinsam behandeln. Wie bei den temporalen
Präpositionen bedient sich auch hier die Sprache zur Darstellung ab-
strakter Begriffe meist der konkreteren, räumlichen Anschauungsmittel.
So ergibt sich als Präposition für den Grund sofort das den Aus-
gangspunkt bezeichnende 'de', für den Zweck das die Richtung und
das Ziel ausdrückende 'ad'. Es sind aber auch noch andere Präpo-
sitionen für die Idee der Ursache und des Zweckes eiogetreten.
ans.
Zum Ausdruck des Beweggrundes ist im oe. 'trahs' (> ^res,
traes), das eigentlich das Mittel ausdrückt, bemerkenswert. Ter' und
'par' teilt das Rätoromanische mit den übrigen romanischen Sprachen.
Mat. XXVII 18.
L.: aus Neid.
oe: tres Tinuilga, R. 2853.
traes Tinuilgia, B. II 111.
traes invilgia, Gr. 101.
per invilgia, M. 57.
ue: per invilgia, V. D. 39; A. V. 39 (Diod: per invidia; auch
Miguel: per envidia; P.: per invidia).
ol: par fcuvidonza, Ga, 136; C. 53; F. 41.
für.
Hiefür wechselt im oe. und ue. 'da' mit 'per' ab; im ol. steht
immer 'par'. Eigentümlich ist Bifruns Verstärkung von 'da-}-par\
Mat. VI 25.
L.: Sorget nicht für euer Leben,
oe: Nun haue pissijr da uossa uita, R. 518.
Nun haue pifser da volla vita, B. II 21.
Nun prende piflijr per vouffa vita, Gr. 19.
Non sajas cun ranchüra pisserus per vossa vita, M. 10 (von
V. D. oder A. V. abgeschrieben!),
ue: Nun fajad cun ranchüra pifserüs per voffa vita, V. D. 8.
Non sajat con ranchüra pisserus per vossa vita, A. V. 9.
(Diod: Non siate con ansietä solleciti per la vita vostra).
Syntaktisches zu den lätoronianisclicn Übersetzungen der vier Evangelien 531
ol: Veigias bucca qiiitau par vossa vita, Ga. 24/5; C. 9/10.
Haveies bucca quitaii par vossa vita, F. 11.
Job. IX 21.
L.: lasst ihn selbst für sich reden.
oe: el uaiu ä dir da i)ar fe, B. I 343; B. II 353.
el vain a faviaer per fe, Gr. 329.
el po tschantscher per se! M. 190.
ue: el favlarä da fai (tefs, V. D. 126.
el favlerä da sai stess, A. V. 122 (Diod: Egli parlerä di so
stesso).
ol: el ven a plidar par fafez, Ga. 438 & F. 123.
(el ven ä plidar sez, C. 173.)
nach.
Bei Verben die ein 'Streben nach' ausdrücken ist oe. 'davart,
zieva ad', sowie ol. 'fuenter' beachtenswert.
Mat. XIX 17.
L.: Was heissest du mich gut?
oe: Perche 'm dumandast tu davart il bön, M. 37.
Hier hat Menni 'heissen' im Sinne von 'fragen nach' aufgefasst,
und falsch tibersetzt. Er fährt auch ungenau weiter: Ün ais il bun.
{Ovdslg aycti^og, et i-iri €ig, ö d-sog.
L. : Niemand ist gut, denn der einige Gott.)
Mat. XXII 16.
L.: 'und du fragest nach niemand',
oe': ne best pisijr dtingiun, R. 2189.
ne heft piser düngiün, B. II 85.
ne haeft refpett d'alchüu, Gr. 77.
e non dumandast ünguotta zieua ad üngün, M. 44 (drollig
fährt hier Menni weiter: perche tu non guardast in fatscha
alla persuna = denn du achtest nicht das Ansehen der
Menschen (L.) Menni verwechselt 'Ansehen' mit 'Angesicht'),
ue: e chia tu nu t'inchüraft d' alchün, V. D. 30 aus dem Ital.
Diod: e che non ti curi d'alcuno.
e cha tti non t'inchürast d' alchün; A. V. 30.
ol: a fpias luenter nagin, Ga. 104; F. 32.
ad amperas nagutta suenter a nagin, C, 41.
532 Karl Hutschenreuther
Mat. VI 32.
L.: nach solchem allen trachten die Heiden.
ol: suenter quellas cauflas tuttas ftallegian ils pagauns, Ga. 26.
par caussas da quella sort sa fadigieschen ils Pagauns,
C. 10.
suenter quellas caussas tuttas desidereschan ils pagauns,
F. 11.
um.
Hiefür fungieren oe. 'de, da, per'; ue. 'da'; ol. 'da, par'.
Joh. n 17.
L.: Der Eifer um dein Haus hat mich gefressen.
oe: La fchigliufia de tia chiefa m'ho maglio, B. 1 311.
La dichigliufia de la tia chiaefa m'ho maglio, B. H 319.
La zelufia da tia chiaefa m'ho maglio, Gr. 296.
II zeli per tia chesa vain a'm consümer, M. 172 (nach
Carisch!).
ue: La zelufia da tia chafa m'ha magliä, V. D. 114.
La zelosia da tia chasa m'ha consUmä, A. V. 110 (Di od: II
zelo de Ha tua casa m'ho roso).
ol: Hg ifer da tia cafa mi ha malgiau, Ga. 395.
Hg arsantim* par tia casa mi ven ä consumar, C. 156.
Igl arsentim par tia casa ma ha consumau, F. 111.
um — willen.
Ausser einfachem 'per' haben wir meist Verstärkungen, oe. 'par-
mur de, peramur de', ue. 'per chafchun da' (de); ol. 'para-
mur da'.
Mat. V 10.
L.: um Gerechtigkeit willen,
oe: parmur de la giüstia, R. 313; B. H 13.
per la juftia, Gr. 12.
peramur della güstia, M. 7.
ue: per chafchun dalla jUftia, V. D. 5.
per chaschun della güstia, A. V. 6 (nach Diod: per
cagione di giuftizia).
ol: paramur da giftia, Ga. 16; C. 6; F. 9.
vor.
'Vor' zum Ausdi'uck des Beweggrundes wird in der Regel mit
'per, par', seltener 'de, da' wiedergegeben.
* (felilt bei Carigiet)-
Syntaktisches zu den rätoiomanisclien Übersetzungen der vier Evangelien 533
Mat. XIV 26.
vor Furcht.
oe: par temma, R. 1422; B. II 55.
d' temma: Gr. 50.
per temma, M. 28.
ue: per temma, V. D. 20; A. V. 20 (Diod: di paura. — Seg:
dans leur frayeur).
ol: par tenima, Ga. 08; C. 26.
par tema, F. 22.
Luc. XXII 45.
vor Traurigkeit.
Seg: de tristesse.
Diod: di tristizia.
oe: par mela uitta, B. I 289.
par maela vitta, B. II 298.
per triftezza, Gr. 275/6.
per la tristezza, M. 160.
ue: per trifteza, V. D. 105.
per tristezza, A. V. 103.
ol: par triftezia, Ga. 370; C. 146; F. 104.
wegen.
Ähnlich wie bei 'um — willen' finden wir ausser 'per' meist Ver-
stärkungen, so oe. 'par mur da, peramurda, per caufa da';
ol. 'paramur da, par motiv da'.
Mat. XIV. 3.
L.r wegen der Herodias.
Diod: per Erodiada.
oe: par mur da Herodiadem, R. 1366; B. II 54.
per caufa da Herodiade, Gr. 48.
peramur da Herodiade, M. 27.
ue: per Herodiada, V. D. 19. — per Erodiade, A. V. 20.
ol: paramur da Herodias, Ga. 65; F. 22.
par motiv da Herodias, C. 25.
zu.
Zum Ausdruck des Zweckes kann 'zu' mit 'a', und gleich dem
Italienischen mit 'da' durchwegs wiedergegeben werden. Ferner
finden 'in, per, par' Verwendung. Das ue. hat auch 'pro'. Eigen-
artig ist die häufige Verwendung von ol. 'tiers, tier(t'), das auch
im oe. vereinzelt vorkommt.
534 Karl Hutschenreutber
Mat. V 13.
L.: Es ist zu nichts hinfort nütze.
Di od: non val piü a nulla.
oe: (nun uaehi el pIü ünguotta, R. 323; B. II 13.)
el nun vaela pIü ad alchüna chioffa, Gr. 13.
El nun vela pti per ünguott' oter, M. 7.
ue: el nun vala plü pro alchüna chiaufa, V. D. 4.
el non vala plü pro alchüna chosa, A. V. 7.
ol: El vala tiers naginna caulTa pli, Ga. 16.
El vala tier nagutt auter pli, C. 6.
El vala tier nagina caussa pli, F. 9.
Mat. XX 28.
L. : zu einer Erlösung für viele.
Diod: per prezzo di riscatto per molti.
oe: in spendrischü par bgiers, R. 1992/3; B. 11 77.
in pretfch da fpendraunza per bgers, Gr. 70.
per pretsch da spendraunza par bgers, M. 40.
ue: per pretfch da fpendranza per blers, V. D. 27; A. V. 28.
ol: par pagament da fpindrament par bears, Ga. 95.
par prizzi da spindronza par bears, C, 37.
ä pagament da spindronza par bears, F. 30.
Mat. XXVI 28.
L.: zur Vergebung der Sünden.
Diod: in rimession de' peccati.
Seg: pour la remission des peches.
oe: in aremischiun dals pchios, R. 2675; B. II 104.
in remifsiun dels pchios, Gr. 94.
in remissiun dels pchos, M. 54.
ue: in remiffiun dals puchiads, V. D. 36.
in remissiun dels puchats, A. V. 37.
ol: t' ilg pardunament d'ils puccaus, Ga. 128.
tier pardunament dils puccaus, C. 50; F. 39.
Luc. IX 62.
L.: geschickt zum Reich.
Miguel: apto para el reyno.
Seg: propre au royaume.
P. : boun per '1 regno.
Diod: atto al regno.
oe: fuffiziant alg ariginam, B. I 237.
fufficiaint alg ariginam, B. 11 241.
Syntaktisches zu den r;itoroin;inischeii Übersetzungen der vier Evangelien 535
fnfficiaint a 1' rcginam, Gr. 221.
apt tiers il reginam, M. 128.
ue: apt pro '1 Kegiuom, V. D. 85.
apt pro '1 regiiiara, A. V. 83.
ol: fufficients d' ilg Raginavel, Ga. 298.
adatteivels par ilg regiuavel, C. 117.
sufficients par il reginavel, F. 85.
Joh. IV 35.
L.: sehet in das Feld, denn es ist schon weiss zur Ernte.
Diod: reguardate le contrade, come giä son biauche da mietere.
Seg: regardez les champs qui deja blanchissent pour la moisson.
oe: gaardö las champagnas per che e (un gio aluas par fchun-
chier la mes, B. I 319.
guardö las chiampagnas per che e fun gio aluas par tfchü-
chier la mefs, B. II 327.
guarde las campagnias: ch'ellas fun gio alvas da tfchunchiaer,
Gr. 303.
guardö ils ers, co eis sun gia alvs da tschuncher! M. 176.
ue: guardä las contradas, co ellas agiä fun albas da tichuncar,
V. D. 116.
guardai las contradas, co ellas agiä sun albas da tschuncar,
A. V. 113.
ol: mireit ilg feld; el ei fchon alfs da meder, Ga. 405.
mireit la cultira, co eil' ei schon alva da meder! C. 160.
mireit la cultira; ella ei giä alva da meder, F. 114.
d. Die instrumentalen Präpositionen,
§ 202. Als instrumentale Präpositionen fungieren in den romani-
schen Sprachen das begleitende 'cum', das örtliche 'de' und 'ad', das
räumliche 'per' und zuletzt das stoffliche 'in'. Es soll nun im Folgen-
den das gegenseitige Verhältnis der einzelnen Präpositionen gezeigt
werden, ferner sollen die anderen Präpositionen, welche im Räto-
romanischen zum Ausdruck des Mittels und Werkzeuges dienen,
noch angeführt werden.
an.
Für 'an' zur Bezeichnung des Urhebers ist die Verwendung von
oe. 'tres' und 'in' bemerkenswert. Ue. und ol. 'da' zur Bezeichnung
des Ursprungs ist allgemein romanisch. Im ol. steht auch die Ver-
stärkung 'vi da'.
Mat. XI 6.
L.: Und selig ist, der sich an mir ärgert.
Diod: E beato h eolui che non si sarä scandalezzato di me.
Romanische Forschungen XXVII. o4
536 Karl Hutsclienieuther
oe: Et bio es scodün quael clii nu uain uffais tres me, R. 973.
Et bio eis fcodün quael chi nu vain uffais tres m^, B. II 38.
Et beo eis chi uun s' fandaliza in me Gr. 34.
e beo eis quel, chi nun as 8-chandali«a in me! M. 19.
ue: E bead ais quel chi nun vain ä s'havair fcandelizä da mai,
V. D. 14.
E beä ais quel, chi non vain as avair schandelizä da mai,
A. V. 14.
ol: A beaus ei quel ca ven buc a prender fcandel vi da mei,
Ga. 47.
a beaus ei quel ca na prenda bucca scandel da mei, C. 18.
A beaus ei quel, ca ven buc a prender scandel da mei, F. 17.
bei.
Beim Schwören wird ^bei' nur im oe. mit dem allgemein roma-
nischen 'per' (M. L. § 465) wiedergegeben. Lat. 'trans' (oe. ,> 'traes';
ue., ol. > Hras') findet durchwegs Verwendung, im ue. steht sogar
nur 'tras' und ist keineswegs eine 'Übersetzung aus dem Deutschen'
wie Augustin § 181 meint. Neuerdings finden wir auch den eigen-
artigen Gebrauch von oe. 'tiers' und oi. 'tier'.
Mat. V 36.
L.: Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören.
Di od: Non giurare eziandio per lo tuo capo.
oe: ne er daias giürer per tieu chio, R. 395/6.
ne er daiaft gtiraer per tieu chio, B. II 16.
N'eir daiaft güraer per tieu chio, Gr. 15.
neir dessast tu gürer tiers tieu cho, M. 8 (vielleicht nach
Carisch).
ue: Nun jürar tras teis cheu, V. D. 7.
Non gürar neir tras teis cheu, A. V. 7.
ol: Ti deis bucca girar tras tieu cheau, Ga. 19.
Ti deis er bucca girar tier tieu cheau, C. 8.
Ti deis er buca girar tras tiu chau, F. 10.
Mat. XXVI 63.
L.: bei dem lebendigen Gott.
Diod: per 1' Iddio vivente.
oe: par l'g uiuaint dieu, R. 2769; B. II 107.
traes Dieu vivaint, Gr. 98.
tiers il vivaint Dieu, M. 56.
ue: tras il Deis vivaint, V. D. 38; A. V. 38.
Syiitaktiaches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 537
ol: tras ilg- vivent Deus, Ga. 132.
tier ilg vivent Deus, C. 52.
tras il vivent Deus, F. 40.
durch.
Deutsches 'durch' wird in der Regel mit trans (> oe. tres,
traes; ue. & ol. tras) wiedergegeben, wobei vielleicht deutscher
Einfluss mitgewirkt hat. Im oe. finden wir auch romanisches 'per,
par'.
Mat. n 5.
L.: Denn also stehet geschrieben durch den Propheten.
Diod: percioche cosi e scritto per lo profeta.
oe: Perche e sto scrit uschia tres l'g prophet, R. 84/5.
Per che e fto fcrit vl'chea tres l'g prophet, B. II 4.
per che ufchea fto fcritt traes V Prophet, Gr. 5.
perche usche aise scrit tres il profet, M. 3.
ue: perche ufche ais fcrit tras il profet, V. D. 3; A. V. 4.
ol: parchei ch'ilg ei fcrit afchia tras ilg Prophet, Ga. 6.
parchei aschia eis ei scritt tras ilg prophet, C. 2.
parchei igl ei scritt aschia tras il prophet, F. 6.
Mat. XVII 21.
L.: durch Beten und Fasten.
Diod: per orazione, e per digiuno.
Seg: par la priere et par le jeüne.
oe: tresuratiun & giUn, R. 1697; B. II 66.
traes oratiun & güu, Gr. 59.
tres urer & güner, M. 34.
ue: tras oratiun, e tras jegüni, V, D. 24 & A. V. 24.
ol: tras urar, a jaginar, Ga. 81.
tras urar, a giaginar, C. 31.
tras urar, a geginar, F. 26.
Luc. XXI 24.
L.: Und sie werden fallen durch des Schwerts Schärfe.
Miguel: Y caerän ä filo de espada.
Seg: 11s tomberont sous le tranchant de l'epee.
P.: E a toumberan souta '1 tai de la spa.
Diod: E caderanno per lo taglio della spada.
oe: Et uignen ä tummer par l'g fil de la fpeda, B. I 284.
Et vegne ä tummaer par Tg fil de la fpaeda, B. II 292.
Et vegnen ä tommaer per fil da fpaeda, Gr. 270.
Eis cruderon tras il fil della speda, M. 157.
'34*
538 Karl Hutschenreuther
ue: E vegnen ä crudar tras il tagliaint dalla fpada, V. D, 103.
E vegnan a crodar tras il tag-liaint della spada, A. V. 101.
ol: Ad eis vengian a curdar tras ilg fil da la fpada, Ga. 362.
Ad ei veugen ä curdar tras ilg fil da la spada, C. 143.
Ad eis vegnan ä crodar tras il fil da la spada, F. 102.
in.
Für 'in' mit modalem Anstrich findet man durchwegs 'de' und 4 n',
letzteres im ol. öfters noch mit 'intus' > 'enten' verstärkt. Im oe.
und ue. steht auch 'ad', das im oe. zuweilen noch mit via > 'via ä'
zusammengesetzt wird.
Luc. XV 17.
L.: ich verderbe im Hunger.
Diod: io mi muoio di fame.
oe: eau pijr d' fam, B. I 261.
eau per d' fam, B. II 268.
eau mour d' fam, Gr. 247.
eau mour qui d' fam, M. 143.
ue: eug mour d' fam, V. D. 95.
eu mour da fam, A. V. 92.
ol: jou mier d' fom, Ca. 331.
jou miera quou da fom, C. 130.
jou miera da fom, F. 94.
Luc. XII 21.
L.: reich in Gott.
Diod: ricco in Dio.
Seg: riche pour Dieu.
oe: arick uia ä dieu, B. I 249; B. II 254.
riech in Dieu, Gr. 233.
rieh in Dieu, M. 135.
ue: rieh in Dieu, V. D. 90, A. V. 88.
ol: richs in Dieu, Ga. 314.
richs en Dens, C. 124; F. 89.
Joh. XX 12.
L.: in weissen Kleidern.
Diod: vestiti di bianco.
Seg: vetus de blanc.
oe: ueftieus ad alf, B. I 382; B. II 395; Gr. 372.
vestieus ad alv, M. 211
ue: veftids ad alb, V. D. 141-
vestits ad alb, A. V. 137.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 539
ol: vaftcheus enten alf, Ga. 492.
vastchieus en alv, C. 194.
vestgi en alv, F. 137.
mit
wird im oe. durch 'de, da, cun, iü, tres, traes'; im ue. durch
'cuü, in', im ol. stets durch 'cun' gegeben. Im Sinne des deutschen
'mit'
Marc. XVI 5.
Diod: vestito d' una roba bianca.
oe: ueftieu cun ün ehiamifth alf, B. 184; B. II 187
veftieu d' üna raffa lungia alva, Gr. 173.
vestieu con üna chappa alva, M. 99.
ue: vefti cun üna rafs' alba, V. D. 66,
vesti con rass' alba, A. V. 65.
ol: vaftchieus cun Unna rafs' alva, Ga. 233.
vastchieus cun in manti alv, C. 91.
vestgius cun ina rassa alva F. 67.
In der ausgedehnten Anwendung von cun {con) nach Verben des
Bekleideus scheint deutscher Einfluss vorzuliegen.
Luc. XXI 19.
L.: Fasset eure Seelen mit Geduld.
Diod: Possedete Tanime vostre nella vostra pazienzia.
Seg: par votre perseverance vous sauverez vos ämes.
oe: Tres uoffa pacijncia poffide uoffas hormas, B. I 283.
Traes voffa paciencia polsidö vossas hormas, B. II 292.
Poffide voaffas ormas in patientia voaffa, Gr. 270.
Salve vossas ormas cun vossa perseveranza, M. 156.
ue: Poffidai voffas ormas in voffa patienza, V. D 103.
Possedai vossas ormas in vossa pazienza, A. V. 101.
ol: Muntaneit voffas olmas cun voffa patientia, Ga. 362 & F. 102.
Muuteneit vossas olmas cun vossa perseveronza, C. 143 (vergl.
Miguel: Con vuestra paciencia poseereis vuestras almas).
Im Sinne von deutschem 'mit' steht italienisches 'da' in
Mat. XXVII 39.
oe: dand da lour chios, R. 2905.
dand da lur chios, B. II 113.
Germanismen sind wohl:
Mat. IV 24.
Diod: tenuti di varie infirmitä.
oe: chiargios cun da plus foarts d' malatias, Gr. 11.
540 Kin\ Ilutsclicnreuther
ue: tngüds cun da blera fort infirmitads, V. D. 5.
tormeiitats con da blera sort infirmitats, A. V. 6.
Ferner
Job. XIX 3.
Ol: A Igi devan cun fifts, Ga. 485; C. 191; F. 136.
von
zur Angabe des Stoffes wird mit 'da' (oe. auch verstärkt 'our da')
ausgedrückt.
Mat. III 4.
L.: Johannes hatte ein Kleid von Kameelshaaren.
Diod: Giovanni avea il suo vestimento di pel di camello.
oe: Johannes hauaiua sia ueschkimainta fatta our d' peaus dels
chiamels, R. 163/4; B. II 7.
Joannes hauaiua fieu veftieu our d' peaus d' camel, Gr. 7.
Joannes avaiva sieu vstieu da pails da chamel, M.4.
ue: Joan haveiva feis viftmaint da peus d' chameil, V. D. 4.
Gionne avaiva seis vestimaint da pails da chamel, A. V. 5.
ol: Johannes veva fieu vaftchieu da palingia da Cameis, Ga. 9.
Johannes veva sieu vastchieu da peila da camel, C. 4.
Johannes haveva sin vestgiu da peila da camel, F. 7.
*Von' im Passiv lautet meist 'da'. Im oe. ist der jeweilige Ge-
brauch von 'ä' und 'tres' sehr interessant.
Luc. XXI 17.
L.: Und ihr werdet gehasset seyn von jedermann.
Et gnis ad effer meluuglieus da tuots, B. I 283.
Et gnis ad effer maeluuglieus da tuots, B. II 291.
Et gnis ad effer maelvuglieus a tuots, Gr. 270
E VU8 saros ödios da tuots, M. 156.
ue: E farad ödiata da tuots, V. D. 103.
E sarat ödiats da tuots, A. V. 101.
ol: A vus vangits a vangir haffiai da tuts, Ga. 362.
A vus vengits ad esser odiai da tuts, C. 143; F. 102.
Zur Verwendung von 'tres' bei Bifrun vergl. Mat. XI, 6 p. 162.
Nach den Verben des Schmtickens scheint im ausgiebigen Gebrauch
von 'cmi, con' statt 'da' deutscher Einfluss vorzuliegen.
Luc. XXI 5.
L. : dass er geschmückt wäre von feinen Steinen und Kleinodien.
Diod: ch'esso era adorno di belle pietre, e d' Offerte.
Syntaktisches zu den rätorouiaiilschen Übersetzungen clor vier Evangelien 541
oe: chel flis cun belhis pcdras und duDS, Imrdano fti, B, I 282.
chel fUs Clin bei las peidrus & diins, liurdano sü, B. II 290.
ch'el eira orno da bellas peidras & da duns, Gr. 268.
cha '1 taimpel saja orno da bellas peidras e da duns, M. 156.
ue: chia quel eira adorna* cun bellas peidras, h cun oflfertas,
V. D. 102.
cha quel eira adorna con bellas peidras e con offertas,
A. V. 100.
ol: CO quel fufs fitaus cun bella crappa, a cun duns, Ga. 360.
CO el seigi ornaus cun bella crappa a duns, C. 142.
CO quel fussi fitaus cun bella crappa a cun duns, F. 101.
Nach dem Begriffe des Anfüllens ist der ol. Gebrauch von 'cun'
wohl durchs Deutsche beeinflusst.
Joh. XII 3.
L.: Das Haus ward voll vom Geruch der Salbe.
Diod: e ia casa fu ripiena dell' odor delF olio.
oe: & la chiefa uen plaina de la fauur da quel hüt, B. I 354
& B. II 364.
mu la chiaefa eis gnida plaina de la favur del ütt, Gr. 342.
e la chesa gnit plaina d' odur da quel unguent, M. 195.
ue: c la chafa fuo implida da 11' odür dal oeli, V. D. 130.
e la chasa füt implida da 11' odur del öli, A. V. 126.
ol: a la cafa vangit amplanida cun quei fried d'ilg ig, Ga. 453.
mo la casa vengit plaina dilg fried da quei igg, C. 179.
a la casa vegnit amplenida cun il fried digl itg, F. 127.
e. Die modalen Präpositionen.
§ 203. Zur Darstellung der Art und Weise der Ausführung einer
Handlung werden vielfach lokale, kausale und instrumentale Präpo-
sitionen verwendet. Wir finden daher lateinisches 'de, ad, in, cun'
und 'per'. Es zeigen sich im Ausdruck modaler Verhältnisse keine
bedeutenderen Abweichungen von den anderen romanischen Sprachen.
an
wird meist mit 'in' gegeben, doch findet sich auch oe. 'cun'.
Luc. II 52.
L.: Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade.
Diod: E Gesii s'avanzava in sapienza ed in istatura, ed in grazia.
oe: Et Jefus auanzeua cun fabijnfcha, & etaed, & gracia , . ,
B. I 200.
* Im Text : ardorna,.
542 Karl Hutschenrcnther
Et Jesus auanzaeua cun fabgienfcha, & etaed, & gracia . . .
B. n 203.
Et Jefus vanzaiva in fabgientfcha, & aetaet, & in gratia,
Gr. 188.
E Gesu s'avanzaiva in sapienza, eted e grazia, M. 103.
ue: E Jefus.'s'avanzava in sapienza, ed in ftatura, ed i n gratia .. .
V. D. 73 (nach Diod).
E Gesu s'avanzaiva in sapienza, ed in statura, ed in grazia . . .
A. V. 71.
ol: A Jefus parneva tiers en fabjienfcha, ad en grondezia, ad en
grazia . . . Ga 251.
A Jesus parneva tier en sabienscha ad en velgiadegna ad
en grazia . . . C. 99.
A Jesus prendeva tiers en sabienscha ad en grondezia ad en
grazia ... F. 72.
auf.
Soweit der lokale Begriff berücksichtigt wurde, finden wir oe.
'in, stin'; ue. 'sün'; ol. 'en'. Der instrumentale und modale Ausdruck
kommt im ol. 'per' zur Geltung.
Mat. XIV 13.
L.: (wich von dannen) auf einem Schiff.
Diod: sopra una navicella.
Seg: dans une barque.
oe: in üna nef, R. 1387.
in üna naef, B. II 54.
in naef Gr. 48.
sün üna nevetta, M. 28.
ue: sün üna naf, V. D. 19.
sün üna nav, A. V. 20.
ol: en ünna naf, Ga. 66.
par nav, C. 26.
en ina nav, F. 22.
Oe. 'fuainter^ für 'auf drückt mehr die Folge aus.
Luc. XVII 30.
L.: auf diese Weise,
oe: fuainter aque, B. I 268; B. U 276.
In quaift moed, Gr. 254.
ol: En quella guifa, Ga. 342; F. 96.
En la medemma guisa, C. 135 (Hiefür 'usche' M 147 und 'tal'
V. D. 97 & A. V. 95, ebenso Diod).
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 543
bei
wird zum Ausdruck des diftributiven Verhältnisses mit oe. ^a, in,
per; ue. *a, per'; ol. blos mit 'a' wiedergegeben.
Marc. VI 39.
L.: bei Tischen voll.
Diod: per brigate.
Seg: par groupes.
oe: in maifodas, B. I 140; B. ü 142; M. 74.
per maifaedas, Gr. 130.
ue: per compagnias, V. D. 50; A. V, 50.
ol: trops a trops, Ga. 176; C. 69; F. 52.
Nur romanisches 'ad' steht
Marc. VI 7.
oe: duos a dus, B. 137; B. H 138; Gr. 127; M. 73.
ue: ä duos a duos, V. D. 49; A. V. 49 nach Diod: *a due a due.
ol: dus a dus, Ga. 172; C. 67; F. 50.
in.
Allgemein wird 'in' (im ol. gern zu 'enten' verstärkt) verwendet.
Im oe. steht auch begleitendes 'cun'.
Luc. I 75.
L.: In Heiligkeit und Gerechtigkeit.
Diod: In santitä, ed in giustizia.
oe: cun fantitaed & giüftia, B. I 194; B. 11 198.
In fantitaed & juftia, Gr. 182.
in senchited e güstia, M. 104.
ue: In fantitä, & in jüftia, V. D. 71; A. V. 69.
ol: Enten foinchiadad, a giftia, Ga. 244; C. 96.
Enten sontgadad a gistia, F. 70.
nach.
Die Gemässheit drückt oe. 'fuainter', dem ol. 'fuenter' ent-
spricht, aus. Im ue. steht dem italienischen 'secondo' entsprechend
'segund, seguond'.
Luc. I 9.
Nach Gewohnheit.
oe: fuainter lüfaunza, B. 189; B. II 192.
suainter Tüfaunza, Gr. 177; M. 101.
ue: fegund l'üfauza, V. D. 69.
feguond l'üsanza, A. V. 67 (Diod: fecondo l'usanza).
ol: fuenter l'ifonza, Ga. 237; C. 93; F. 68.
544 Karl Hutschenreuther
mit.
Der oe. und ol. Gebrauch von 'cun' statt 'ad' im Folgenden ist
wohl durchs Deutsche beeinflusst.
Luc. XVII 15.
L.: mit lauter Stimme.
Di od: ad alta voce.
oe: cü hota uufch, B. I 267; B. II 274.
cun granda vufch, Gr. 253.
ad ota vusch, M. 146.
ue: ad auta vufch V. D. 17.
ad ota vusch, A. V. 95.
ol: cun aulta vufch, Ga. 340; C. 134; F. 96.
über.
Hier finden wir durchwegs die örtliche Ausdrucksweise 'cur d,'
'or d'; im oe. steht auch 'für'.
Marc. Vn 37.
L.: Und verwunderten sich über die Maassen.
Diod: E stupivano sopra modo,
oe: & finfthnuiuen furmoed, B. I 145; B. II 147.
Et s'ftupivan our d' moed, Gr. 135.
Ed eis s'instupivan our d' möd, M. 77.
ue: E s'ftupivan our d' möd, V. D. 52; A. V. 52.
ol: Ad eis fa ftramentavan or d' mafira, Ga. 183.
Ad ei s'an stupivan or d' masira, C 71.
Ad eis s'instupivan or d' masira, F. 53.
TOÜ
wird abwechselnd durch 'cun' oder 'da' gegeben.
Mat. XXn 37.
L. : Du sollst lieben Gott, deinen Herrn von ganzem Herzen, von
ganzer Seele und von ganzem GemUthe.
Diod: Ama il Signore Iddio tuo con tutto 'I tuo cuore, e cou
tutta r anima tua, e con tutta la mente tua.
oe: Ama l'g signer tieu dieu, cü tuot tieu cour, cun tuotta la tia
horma, & cun tuot tieu sentimaint, R. 2229/31.
Ama l'g fcgner tieu Dieu, cun tuot tieu cour, cun tuotta la
tia horma, & cun tuot tieu fentimaint, B. II 87.
Tu daiaft amaer 1' figner tieu Dieu, cun tuot tieu cour, &cun
tuotta tia oarma, & cun tuot tieu piffamaint, Gr. 78.
Ama il segner, tieu Dieu, da tuot tieu cour, da tuotta ti'
orma, e da tuot tieu anim, M. 45.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 545
ue: AiiTa '1 fegner teis Deis eiin tuot teis cour, e cun tuot ti'
orraa, c cun tuot teis piffamuint, V. D. 31.
Ama il fegner teis Deis con tuot teis cour, e con tuot ti'
orma, e con tuot teis impissamaints, A. V. 31.
ol: Ti deis taner cbar ilg fenger tes Deus da tut tieu cor, a da
tutta ti' olma, a da tutta tia puffonza, Ga. 106.
Ti deis tener car ilg (enger tieu Deus da tutt tieu cor, a da
tutta ti' olma, a cun tutt tieu sentiment, C. 41/2.
Ti deis tener car il fegner tiu Deus da tut tiu cor, a da tutta
ti' olma, a da tutta tia pussonza, F. 33.
za
mit instrumentaler Färbung wird durchwegs mit romanischem 'ad'
wiedergegeben.
Mat. XIV 13.
zu Fuss. — Di od: a pie.
oe: ä pe, K. 1389; B. U 54; Gr. 48; M. 28.
ue: ä pe, V. D. 19; A. V. 20.
Ol: a pei, Ga. 66; C. 26; F. 22.
C. Die Konjunktion.
1. Koordinierende Konjunktionen.
Die Mittel zur Verknüpfung zweier Wörter, sowie von Vollsätzen
sind mannigfaltig. Es soll hier nur das Wesentlichste erwähnt werden.
a) Kopulative Konjunktionen.
§ 204. Die Verwendung von 'sie' an Stelle von 'et', welche nur
dem Rumänischen eigen ist, findet man durchwegs in allen Dialekten.
Wir haben es dann wohl mit einer fklavischen Nachahmung des
Deutschen zu tun.
Mat. VII 7.
^haiTe, xai dod'rjG'STai viuv. ^rjreiTe, xai evQ^crsts. XQOveve, xal
dvotyTj(TeTai vfiiv.
L.: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden;
klopfet an, so wird euch aufgetan.
Di od: Chiedete, e vi sarä dato; cercate, e troverete: picchiate,
e vi sarä aperto.
Seg: Demandez, et Ton vous donnera ; cherchez, e t vous trouverez ;
frappez, et l'on vous ouvrira.
Miguel: Pedid, y se os darä; buscad, y hallareis: llamad, y se
08 abrira.
546 Karl Hutschenreuther
oe: Dmandö schi uain e do ä nus. Scherchio schi gnis ad
achiater. Batte schi uain e auiert a uus, K. 569/71.
Dmandö fchi vain b dö ä vus. Tfcherchio fcbi gnis ad
achiater. Batte fchi vain e auiert ä vus, B. II 23.
Dumande, & vain do a vus; tfcherchie & gnis ä chiattaer:
picchie & vain aviert ä vus, Gr. 20 (Nachahmung des
Griechischen!)
Rove, schi gnarö do avus; tscherche, schi chatteros; piche,
schi 's gnarö aviert. M. 11.
ue: Rugua, fchi vain ä gnir dat e vus; cerchä, fchi gnis ä
chiatar: picchia, fchi vain a gnir avert ä vus, V. D. 9.
Rovai; schi vain a gnir dat a vus; tscherchai, schi gnis a
chattar; pichai, schi vain a gnir avert a vus, A. V. 9.
ol: Dumandeit fcha vus venei a vangir dau: anqurit; fcha
vangits ad afflar: fplunteit, fcha vus venei a vangir aviert,
Ga. 27.
Rugeit, scha vus ven ei ä vegnir dau; anqurit, sch'a vengits
ad aflar; splunteit, scha vus veu ei ä vengir aviert; C. 10.
Dumandeit, schi vus ven ei ä vegnir dau; anqurit, schi
vegnits ad afflar ; splunteit, schi vus ven ei ä vegnir aviert,
F. 11.
§ 205. Eigentümlich ist der Gebrauch von 'sie' vor dem Impe-
rativ bei Bifrun.
Mat. V 42.
L. : Gieb dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem der
dir abborgen will.
oe: Ad tini che dmanda da te, schi dö: & ad üni chi agragia ad
impraist, schi nun saiast cuntredi, R. 407/9.
Ad üni chi dmanda da tc, fchi dö; & ad üni chi agragia ad
impraift, fchi nü faiaft cuntraedi, B. II 27 (die übrigen
Texte haben kein ^schi').
§ 206. Merkwürdig ist die Erscheinung, dass nach einem Teilsatz
der an zweiter Stelle folgende Verbalsatz in der Regel mit einem 'sie'
(oc. & ue. > schi; ol. > scha, schi) augeknüpft wird. Und zwar
ist diese Art Anknüpfung allen Dialekten eigen. Unromauisch ist dieses
'sie' gerade nicht. Wir finden es im Altfranzösischen, Italienischen,
und in grosser Beliebtheit im Rumänischen (M. L. § 651). Im Räto-
romanischen begegnen wir schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts auf
Zeile 6 der Interliuearversion (Gröber p. 75) diesem 'sie': 'in quali
die quo uo manducado de quil linas si uene sua uirtu fos ouli'. —
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 547
Bifrun greift zu diesem 'sie' als Vorschlag für jeden neuen Ge-
danken^ und gestaltet die Sprache dadurch lebhafter. Vergl.
Mat. n 8.
oe: Et cura tius l'g achiates, schi lastho ä mi a sauair, schi
uoelg er eau gnir ailg adurer, R. 94/5.
Et cura vus l'g chiataes, fehl lafcho ä mi ä fauair, fehl
voelg er eau gnir ailg aduraer, B. II 5 (die übrigen Texte
haben dies doppelte 'sie'' nicht).
Da nun 'sie' häufig dem Deutschem 'so', womit der Ver-
balsatz eingeleitet wird, entspricht, so pflegt man diese Sprach-
erscheinung in der Regel deutschem Einflüsse zuzuschreiben.
Doch möchte ich dieses 'sie' nicht ohne weiteres als 'deutsch' fixieren,
denn es ist so in die rätoromanische Sprache eingewurzelt, dass es
selbst da steht, wo wir es im Deutschen durchaus nicht anwenden
können, so z. B., wenn der Verbalsatz ein Fragesatz ist.
Mat. V. 47.
oe: Et schi uus abratschais sulamaing uos frars, schi che granda
chiosa faschais uus? R. 421/23; B. H 17.
Mat. V 46.
ue: Perche, fcha vus amais quels chi amman vus, fehl chepremi
gnis ad havais? V. D. 7.
Perche, scha vus amais quels chi aman vus, schi che premi
gnis ad avair? A. V. 8.
ol: Parchei fcha vus taneits char quels ca tengian char vus, fcha
chei pagalgia vangits a ver? Ga. 20.
§ 207. 'Und nicht' nach verneintem Satze gibt Griti meist mit
'n'eir'. Deutschen Einfluss zeigt wohl ol. 'ad bucca'.
Mat. Vn 18.
Ol; övvuTai divÖQOv dyad^ov xagnotg novriQOvg noielv, ovde dsvöqov
GOJiqov xaQTtovg xalovg notetv.
L.: Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein
fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.
Diod: L'albero buono nou puö far frutti cattivi, ne l'albero mal-
vagio far frutti buoni.
Seg: Un bon arbre ne peut porter de mauvais fruits, ni un mau-
vais arbre porter de bons fruits.
oe: Ün bü boesth nu po fer mels früts. Ne ün martsth boesthc
po fer bun früts, R. 595/6.
548 Karl Hutschenieuther
Vn bun boefchg nun po faer mael früts. Ne iin martfch boefschg
po fuer buu früts, B, LI 24.
Un bun boefcb nun po faer mals frütts; n'eir tiu martfch
boefch po faer buns frütts, Gr. 21.
Un bun bös-ch nun po fer nosch früt, n e ün nosch bös-ch fer
bun früt; M. 12.
ue: II boefck bun nun po far früts naufchs, ne '1 böfck mal far
früts buns, V. D. 9 (nach Diod).
II boesch bun non po far früts noschs, n e '1 bösch mal far
früts buns, A. V. 10.
ol: Un bien pumer po bucca purtar mals frigs, ad tin martfch
pumer po bucca purtar buns frigs, Ga. 28.
In bien pumer po bucca purtar nauscb frig, nfe in nausch
pumer purtar bien frig, C. 11 (wohl durch's Griechische
beeinflusst!).
In bien pumer po buca portar mals frigs, ad in martsch pumer
po buca portar buns fritgs, F. 12.
§ 208. Lateinisches ^nec— nee' (= weder — noch), franz. ni — ni^
lautet allgemein 'ne — ne (ne — ne)'. Nur Griti gebraucht 'ne —
n'eir', wo das zweite Glied einem italienischem ''non — 'pure\ ''ne
anche' entspricht, (vergl. Asc. VII p. 538/40.)
Mat. V 34/5.
L. : Ich aber sage euch, dass ihr allerdings nicht schwören sollt,
weder bei dem Himmel, ... noch bei der Erde, ... noch bei
Jerusalem.
Diod: Mo io vi dico, Del tutto non giurate: ne per lo eielo, . . .
ne per la terra-, ne per Gerusalemme, . . .
Seg: Mais moi, je vous dis de ne jurer aucunement, ni par le
ciel, . . . ni par la terre, . . . ni par Jerusalem.
oe: nu giüro zuond brichia, ne par Tg schil, . . . ne per la
terra, . . . ne par Jerusalem, R. 391/4.
nu giürö zuond brichia, ne par l'g tfchel, . . . ne per la
terra, . . . ne par Jerufalem, B. 11 16.
nu güre zuond brichia, ne per l'tfchel, . . . N^eir per la
terra, . . . N'eir per Jerusalem, Gr. 15.
Non gtirc daffat bricha, ne tiers il tschel, . . . ne tiers la
terra, . . . ne tiers Gerusalem, M. 8.
ue: Dafat nun jürarai: ne tras il tfchel, . . . ne tras la terra, . . .
ne tras Jerufalem, V. D. 6.
Dafat non gürerai: ne tras il tfchel, . . . ne tras la terra;
ne tras Gerusalem, A. V. 7.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 549
ol: Viis duveits zunt bucca girar: ne tras ilg- tfcliiel, . . . ne tras
la terra, . . . ne tras Jerusalem, Ga. 19.
Vus duveits dilg- tutt bucca girar; ne tier ilg tschiel; ne tier
la terra; ne tier Jerusalem^ C. 7/8.
Vus duveits zun buca girar; ne tras il tschiel, . . . ne tras
la terra, . . . ne tras Jerusalem, F. 9/10.
§ 209. Für lateinisches 'et' steht im oe. und ol. auch 'eir'(= ital.
'■anche'). Im ue. finden wir in Nachahmung des italienischen
'ed anche' ein 'ed eir'. Dies erinnert an portugiesisches 'e mais'
und an die aeuprovenzalische Verstärkung 'emai' (M. L. § 210.).
Mat. VIII 33.
anriYY^i'^'^v Ticcpta, xui rä twv daiiioviX^of-iivcav.
L. : und sagten das alles, und v?ie es mit den Besessenen ergangen
war.
Diod: rapportarono tutte queste cose, ed anche il fatto degT
indemoniati.
oe: dissen e tuot, co che füs ieu cun l's indemunios, R. 711/2;
B. 11 28.
haun raconto tuot; & que chi eira dvanto a l's indemunios,
Gr. 26.
e requintettan tuot, eir que chi eira dvanto culs indemunios,
M. 14.
ue: referitten eis tuot quaiftas chiaufas, ed eir il fat dals inde-
muniads, V. D. 11.
referittan eis tuot quaistas chosas, ed eir il fat dels inde-
muniads, A. V. 11.
ol: figenan eis a faver tut quellas caufas, er quei ca fova daven-
tau cun quels ca vevau ghieu en dimunis, Ga. 34.
figiennen eis ä saver tutt, er quei ca fova daventau cun ils
indemuniai, C. 13.
fageuan eis ä saver tuttas quellas caussas, er quei ca fova
daventau cun quels ca havevan giu ent demunis, F. 13.
§ 210. 'Desselbigen gleichen' entspricht durchwegs italie-
nischem 'simigliantemente'.
Mat. XXn 26.
oe: sumgiaütamang, R. 2209; B. 11 87 (1' fumgiant, Gr. 78.)
sumgiauntamang, M. 44.
ue: fungiantamaing, V. D. 31; A. V. 31.
ol: fumlgiontameng, Ga. 105.
lumilgiontameng, C. 41; F. 32.
550 Karl Hutschenreuther
§ 211. 'Auch nicht' heisst: oe. 'ne, ne er, ne eir, neir' (ge-
wöhnlich ohne non beim Verb), 'nun — niaunchia' 'nun — niauncha';
ue. 'nun — niauncha', 'non — niancha', 'medemamaing nun
(non)'; ol. 'er buc', 'nö meins', 'pir buc\
Mat. V 15.
ovds xaiovffi Xvxvov.
L. : Man zündet euch nicht ein Licht an.
Diod: Parimente non s'accende la lampana.
oe: ne er s'inuida Una litisth, R. 327.
ne eir s'inuida üna lilUch, B. II 14.
ne s'invida üna Igüfch, Gr. 13.
tin non invida neir üna glüscb, M. 7.
ue: Medemamaing, nun s'invida la lütfcherna, V. D. 6.
Medemamaing, non s'invüda la lütscherna, A. V. 7.
ol: ün anvida buc Unna Igifch, Ga. 16.
In anvida er buc inna Igisch, C. 6.
In anvida buc ina glisch, F. 9.
Mat. VIII 10.
ovds iv TM 'IffQui^X tO(TavT7]v nidtiv evgov.
L.: solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.
Diod: che non pure in Israel ho trovata cotanta fede.
oe: eau nun hae niaunchia acchiato taunta fö in Israel,
R. 655/6; B. H 26.
u'eir in Ifrael hae eau chiatto taunta fe, Gr. 23.
niauncha in Israel nun he eau chatto taunta cretta, M. 13.
ue: niaunch' in Israel nun ha eug chiatä taunta cretta,
V. D. 10.
niaunch' in Israel non ha eu chattä tanta cretta, A. V. 11.
ol: jou hai pir buc enten Ifrael afflau Unna fchi gronda car-
dienfcha, Ga. 32.
n6 meins en Israel hai jou aflau inna schi gronda cardienscha,
C. 12.
jou hai pir buc enten Israel afflau ina schi gronda car-
dienscha, F. 13.
§ 212. ,Nicht nur — sondern auch' lautet: oe. 'brichia
fuUettamang — mu er', 'brichia fulletamang — mu eir', 'na
fulamaing — ma eir', 'na be — ma eir'; ue. 'brichia folüm —
mo eir', 'bricha solum — ma eir'; ol. 'bucca mai — mo er',
'buca mai — mo er'.
Syntaktisches zu den rätoromauischen Übersetzuugcu der vier Evangelien 551
Job. XIII 9.
L.: nicht die Füsse allein, sondern auch die Hände und das
Haupt.
Diod: non solo i piedi, ma anche le mani e '1 capo.
Seg: non seulement les piedg, mais encore les mains et
la tete,
oe: brichia fullettamang l's pes, mu er Va mauns et I'g chio,
B. I 859.
brichia fulettamang l's peis, mu eir l's mauns & Tg chio,
B. 11 369.
na fulamaing meis peis, ma eir l's mauns & l'chio, Gr. 347.
Na be mieus peis, ma eir ils mauns e'l cho! M. 198.
ue: brichia folüm ils peis, mo eir ils mauns, e '1 cheu;
V. D. 132.
bricha solum ils peis, ma eir ils mans, e'l cheu, A. V. 128.
ol: bucca mai ils peis, mo er ils mauns, ad ilg cheau,
Ga. 460.
bucca mai mes peis, mo er ils mauns, ad ilg cheau,
C. 182.
buca mai ils peis, mo er ils mauns, ad ilg chau, F. 129.
b. Disjunktive Konjunktionen.
§. 213. Lateinisches 'auf (oe. > u und o; ue. > o) wird im
ol. durch 'nee' > 'ne' (M.L. § 213), häufiger aber durch 'nee -|- er'
> 'ner' ersetzt, gleich ob eine Verneinung vorausgeht oder nicht. Sehr
richtig bemerkt As coli VII p. 539: ''Nelle scritture de' riformati e ner
la forma costante per 'o'.
Dieses 'ner' steht auch für italienisches 'overo', welches die
ue. Übersetzer sklavisch nachgeahmt haben.
Mat. V 17.
L.: Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz
oder die Propheten aufzulösen.
Diod: Non pensate ch'io sia venuto per annullar la legge, od i
profeti.
Seg: Ne croyez pas que je sois venu pour abolir la loi ou les
prophetes.
oe: Nu aestmö ch'eau saia gnieu par arüper la lescha ü l's profets,
R. 332/3.
Nun aeftimö ch'eau faia gnieu par arumper la letfcha ü l's
profets, B. II 14.
Romanische Forschungen XXVII. OO
552 I^'^^"l Hutsclienreuther
Nun aeftimo ch'eau faia gnieu per annulaer la Ledfcha, u l's
Prophets, Gr. 13.
Nun impisse's, ch'eau saja gnieu per annuler la Ledfclia u 'Is
profets, M. 7.
ue: Nun piffarai ch'eug faja gnü per auullar la Ledfcha o 'Is
profets, V. D. 6.
Non s'impissarai, ch'eu saja gnü per anuular la ledsclia o 'Is
profets, A. V. 7.
oe: Vus duveits bucca quitar ca jou feig vangcus par caflar ilg
fchentament, uer ils Propbets, Ga. 16/7.
Quiteias bucca ca jou seigi vengieus per cassar ilg Tscheuta-
ment ne ils Prophets, C. 6.
Vus duveits buea quittar, ca jou seig veguius par cassar il
tschentament ner ils propbets, F. 9.
Mat. V 18.
oe: scbi nun vain ä passer uia üua la plü pisthna lettera ü ün
pitschen punchiet, R. 337/8.
scbi nun vain ä palTaer via üna la plü pitfchna lettera ü ün
pitscben puncbiet; B II 14.
nun vain k palTaer via ün cuftab, ü ün pitfcben puonch,
Gr. 13.
CO cha tin custab o ün pitschen punct (della Ledscba) passa
via, M. 7.
ue: ichi nun vain ä palTar via brich' ün buftap^ od ün pichel,
V. D. 6.
scbi non vain a passar via brich' ün buftap, o ün tichel
A. V. 7.
ol: fcha venei buc ä vargar vi ün d' ils pH pitfchens buoftabs
ner ün pichel, Ga. 17.
veu bucc in bustab ne pikel (dilg Tschentament) ä vargir vi,
C. 6.
ven buc ä vargar vi in iota ner in plccal, F. 9.
Mat. VII 4.
L.: Oder, wie darfst Du sagen zu Deinem Bruder . . .
Diod: Overo, come dici al tuo fratello . . .
oe: (Et in che moed dist tu a tes frer, R. 559.)
U CO pouft dir ä tieu fraer, Gr. 20.
0 cu poust tu dir a tieu frer, M. 11.
uc: 0 verO; co difch ii teis frar, V. 1). 8.
Ovvero, co disch a teis frar, A. V. 9.
Syntaktisches zu den riitoromanischen Übersetzungen der vier EviingclicMi 553
ol: Ner co vol ti g'w ü tieu frar, Ga. 27.
Ncr CO vul ti gir ;i tieu frar, C. 10.
Ner CO vul ti g-ir ä tiu frar, F. 11.
§ 214. Die Alternative (lateinisch 'aut — auf) wird im oe.
und ol. meist mit che(ca) verstärkt und lautet: oe. ü che — ii che,
0 che — 0 che, ü — ü che; ue. o — o vero, o — ovvero, w^ie
im Italienischen; ol. ner ca — ner ca, ner ca — u, u ca — ner
ca, wobei wiederum die häufige Verwendung von '^n er' interessant ist.
Mat. VI 24.
L.: Entweder er wird einen hassen, und den andern lieben, oder
wird einem anhangen . . .
V.: aut enim unum odio habebit, et allerum diliget: aut unum
sustinebit.
Di od: 0 ne odierä l'uno, ed amerä l'altro: overo, s'atterra
all' uno.
oe: II chel uain ä uulair mel ad aquaisti, & alg oter bain, ii chel
s'apoza uia ad aquaisti, R. 514/6.
ü chel vain ä vulair mael ad aquaifti, & alg oter bain,
ü chel s'apoza uia ad aquaifti ... B. 11 20.
ü ä l'ün voul el mael, & Toter ama el: ü ch'el s'appoaza
via ä 1' ün . . . Gr. 18.
0 ch'el ödiescha l'ün ed ama Toter; o ch'el s'attacha vi al
ün . . . M. 10.
ue: od ä Tun oedierä el, & amarä Tauter: o verö, s' rantara via
Tun, V. D. 8.
0 Tun ödierä el, ed amerä Toter: ovvero, s' rantarä el vi al
ün, A. V. 9.
ol: ner ch' el veu 'lg ün a haffigiar, a 'Ig auter a taner char:
ner ch'el ven 'lg ün a taner ii, Ga. 24.
ner ca el ven ä hassiar Tin, ad ä teuer car Tauter; u ä sa-
rantar vi da Tin, C 9.
u ca el ven '1 in ad odiar, a '1 auter a teuer car: ner ca el
ven '1 in a teuer si, F. 11.
c. Adversative Konjunktionen.
§ 215. Die lateinischen Ausdrücke für den Gegensatz: 'sed,
autem, tamen' sind verschwunden. Als Ersatz dafür dient vor allem
'magis'. (> oe. 'mu, ma'; ue. 'mo, ma'; ol. 'mo'). Der ue. Ge-
brauch von 'anzi' ist Italianismus,
35*
554 K^rl Hutschenreuther
Mat. V 37.
L.: Eure Rede aber sey.
Di od: Anzi sia il vostio parlare.
oe: Mu uos pled saia, R. 397.
Mu vos plaed faia, B. 11 16.
Mu faia voas plaed, Gr. 15.
Ma vos tscbantecher saja, M. 8
ue: Anzi, faja vos tfchantfchar, V. D. 7; A. V. 8.
ol: Mo viefs plidar dei effer, Ga. 19; F. 10.
Mo viess plidar seigi, C. 8.
Im oe. hält sich Griti sklavisch an den griechischen Text, indem
er jedesmal 'de' mit 'mu' wiedergibt, so dass die Satzanfänge oft ein-
tönig klingen.
Mat. I 18.
Tov de ^Iriaov Xqkttov rj yivvricng ootcog ^p.
oe: Mu la nafchenfcha da Chrifti eis ftaeda ufchea, Gr. 3.
Mat. I 19.
^looffrjcp de . . .
Mu Jofeph feis marit, Gr. 3.
Mat. I 20.
TavTcc 6s avTOv ev^Vfirid^evroq . . .
Mu s' piffaud el que, Gr. 4.
Te^siai de vlöp.
M u ella vain ä parturir tin filg, ... Gr. 4.
Mat. I 22.
Toiixo de bXov yeyovev . . .
Mu tuot que eis dvanto, . . .
Mat. I 24.
Jieyegd^elg de ö '/«(T^y dno tov vnvov . . .
Mu fiand Jofeph asdaifdo da 1' foenn, Gr. 4.
Mat. n 1.
Tov de ^IrjCTov ysvvii^ePTog . . .
Mu fiand nafchieu Jefus, Gr. 4 etc.
§ 216 Statt 'ma' verwendet Bifrun auch das verstärkende 'dim-
perfc' (von de -f- '^ per se, Pall).
Syntaktisches zu den rütoroiuanischen Übersetzungen der vier Evangelien 555
Mat. VIII 8.
äXXa fiovov eine Xoyov.
Di od: ma solamente di 'la parola.
oe: dimperse di iin siil lüerf; R. 647/8; B. II 26 (sonst '7«a, wo*).
luteiessant ist auch Bifruns Übersetzung von
Mat. V 17.
ovx riX&mv xutaXvffai^ äXXa nXrjQwöai.
V.: neu veiii solvere, sed adimplere.
Diod: io non son venuto per annuUargli; anzi per adempiergli.
L.: Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen,
oe: Schi bain plü nu sü eau gnieu par arumper, mu bain par
ch'eau la cüpleseha, R. 334/5; B. II 14 (seil: la lescha).
Statt des verstärkten 'mu bain' haben die oe, und ol. Texte ein-
faches 'ma (rao)'. Das ue. zeigt natürlich Diodatis 'anzi', das auch
Menni nachahmt.
Bifruns eigenhändige Einleitung mit 'schi bain plü', welche
sonst kein Text zeigt, entspricht dem adversativen, latein. ^potius',
ital. ^piuttosto\ franz. 'plutöf, und rumänischen hnai' ^muW.
Ein 'püttost' gebraucht nur Menni.
Mat. V 18.
oe: Püttost trapasseron tschel e terra, co cha ün custab o ün
pitschen puuch della Ledscha passa via, M. 7.
§ 217. 'Doch' wird mit oe. 'imperfcho, perö: ue. 'impro,
impero' (= ital. perö); ol. 'ouncalura, auncalura' gegeben.
Mat. XI 22.
L.: Doch ich sage euch:
Diod: ma pure io vi dico.
oe: Imperscho dich eau ä uus, R. 1017; B. II 40 (ebenso
Mat. XI 24).
Perö eau dich ä vus, Gr. 36.
Mo eau di a vus, M. 20.
ue: Impro dig eug. a vus, V. D 14 f ^^ ^^^ ^j ^4.
Impero di eu a vus, A. Y. 15 [
ol: Ouncalura gig jou a vus, Ga. 49 (ebenso Mat, XI 24).
Mo jou gig ä vus, C. 18.
Auncalura gig jou ä vus, F. 17 (auch Mat. XI 24).
§ 218. Eigenartig ist Bifruns Verstärkung des einfachen 'mu'
mit 'via' > 'muuia; mu via'.
5jG Karl Ilutscheiircuther
Mat. V. 8.
00 : M II via che isches ieus oura })ar uair? E. 977/8.
Mu via che efches ieus oura par vair? B. II 38.
§ 219. Ital. '■altrimenW und franz. 'antrement' (= 'sonst, anders')
fand ich nur im oe. 'otramaing' wieder. Man hat hiefür durchwegs
oe. 'ufchiglioe, uf'chegloe, uschiglö' (= si alio loco oder sl alio
hoc? Pall.); ue. 'ufchloe, uschig-liö'; ol. 'fchilgiog, schilgioc,
schiglioc'.
Mat. VI 1.
L.: ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater.
Di od: altrimenti, voi non ne avrete premio appo '1 Padre
vostro.
oe: Uschiglioe uu gnis ad hauair premgia uia k uos bab,
R. 448/9; B. II 18.
utchegloe nun havais mercede tiers voas Bab, Gr. 16.
uschiglö nun avais alchün premi tiers vos Bab, M, 9.
ue, ufchloe nü haverad mercede pro vos Bap, V. D. 7.
uschiglio non averat mercede pro vos bap, A. V. 8.
ol: fchilgiog vangits vus a ver naginna pagalgia da viefs Bab,
Ga. 22.
schilgioc na vengits ad aver naginna pagalgia da viess
Bab, C. 8.
schiglioc vegnits vus ä haver nagina pagaglia da viess
bab, F. 10.
doch auch:
Mat. IX 17.
L. : anders die Schläuche zerreissen . . .
oc: otramaing Ts uders s' rumpan, Gr. 28.
§ 220. Für lat. 'tamen' steht oe. 'tuottüna', manchmal mit
'et* verstärkt.
Für lat. 'nihilominus' ist nur im u e. eine Verschmelzung von
ital. 'nondimeno' und deutschem 'nichts desto weniger' ein-
getreten. Meist steht noch ital. 'pure' (>> pur) voraus.
Mat. X 29.
L.: Noch fällt derselben keiner auf die Erde.
Diod: pur nondimeno Tun d'essi non puö cadcre in terra.
Seg: Cependant, il n'eu tombe pas ün ä terre.
oe: E tuottüna nun crouda ün da quels sün terra ... M 18.
Syntaktisclies zu den rätoronuinisclieii Übersetzungen der vier Evivngelien 507
ue: pur ingotta taant main l'ün du quels mm pö criular in
terra, V. D. 13.
pur inguotta taut main riin da quels non po crodar iu
terra, A. V. 14.
Mat. VI 26.
oe: e tuottliiia vos Bnp celesticl ils luidria, M. 10 (wo ol: avicss
Bab da tschiel ils viveiita to na tont, C. 10).
Mat. XXI 29.
Di od: pur nondimeno, poi appresso, ravvedutosi v'andö.
ue: pur ingotta tant main, davo quai' s'baviand inrüglä, giet
el, V. D. 29.
pur inguotta tant main, davo quai, s'aviaud inrüglä, get
el, A. V. 29.
d. Kausale Konjunktionen.
§ 221. Als kausale Konjunktionen fungieren oe. 'tres aque,
par aque, per che che, per che, per que, perque'; ue. 'per
quai und perche'; ol. 'cuntut, cuntutt, parchei oder par-
chei ca'.
Mat. VI 25 & Mat. XII 31.
L : Darum sage ich euch.
Diod: Percio, io vi dico.
oe: Tres aque dich eau ä uus, E. 517/8; B. 11 12.
Par aque dich eau ä uns, R. 1121/2; B. U 44.
Per que dich eau ä vus, Gr. 19 & 39.
Perque di eau a vus, M. 10 & 22.
ue: Per quai s' dig eug, V. D. 8.
Per quai, dig eug ä vus, V. D. 16.
Per quai as di eu, A. V. 9.
Per quai, di eu a vns, A. V. 16.
ol: Cuntut gig jou ä vus, Ga. 24 & 54; F. 11 & 19.
Cuntutt gig jou ä vus, C. 9 & 21.
Luc. XX 6.
L. : denn sie stehen darauf.
Diod: percioche egli e persuaso ...
oe: Perche chel tain par fchert, B. I 278.
Per che chel tain par tfchert, B. 11 286.
per che eis ftaun fü Iura, Gr. 264.
perche l'ais persvas, M. 153.
558 Karl Hutschciireuther
ue: per che el ais perfvas, V. D. 101; A. V. 99.
ol: parchei ch' eis lalvan par fagir, Ga, 355.
parchei ei salvan par sagir, C. 140.
parchei eis salvan per segir, F. 100.
e. Konsekutive Konjunktionen.
§ 222. Zur Folgerung dient oe. 'dime, dimae, dimena' (Bifrun
hat auch die Verstärkung 'et ufchia dime', ^et ufchea dime);
ue. 'dimena, cuntuot, coutuot; ol. 'cuutut, cuntutt, pia'.
Mat. V 48.
€fT€(Td^S OVV Vf.lSlC, TslsiOl.
V.: Estote ergo vos perfecti.
Diod: Voi adunque siate perfetti.
Seg: Soyez donc parfaits.
oe: Saias dime perfets, E,. 424; B. 17.
Saias dimaena vus perfects, Gr. 16,
Ma vus sajas perfets, M. 9.
ue: Vus dimena fujad perfets, V. D. 7.
Vus dimena sajat perfets, A. V. 8.
ol: Saias pia perfegs, Ga. 21.
Seigias pia perfegs, C. 8.
Seies pia perfetgs, F. 10.
Mat. V 23.
^Ea'v OVV 7TQ0(T(f>SQT]g To dwQov (Tov inl ro S'VoiaaTiJQtov . . .
V.: Si ergo offers munus tuum ad altare.
Diod: Se dunque tu offerisei la tua offerta sopra l'altare.
ol:Etuschia dime scbi tu haes appraschanto tieu du alg
hutaer . . . R. 357/8.
Et vfchea dime fchi tu haeft apprafchätö tieu du alg hutaer,
B. n 15.
Scha tu dimaena poartaft tieu dun avaunt V uttaer, Gr. 14.
Scha tu portast dimena tia offerta sün Tuter, M. 8.
ue: Cuntuot fcha tu offerraft tia offerta slin 1' Utaer, V. D. 6.
Contuot, scha tu offerrast tia offerta sün 1' uter, A. V. 7.
ol: Cuntut Icha ti vens ad unfrir tieu dun s' ilg altar, Ga. 18.
Cuntutt scha ti vens par unfrir tieu dünn s' ilg altar, C. 7.
Cuntut scha ti vens ad unfrir tiu dun sin igl altar, F. 9.
§ 223. Auch Adverbien werden zur Anknüpfung einer Folgerung
benützt. Diese werden oft noch mit 'e f oder 'niagis' verbunden.
Syntaktisches zu don rätoromanischen Übersetzungen dor vier Evangelien 559
So haben wir für 'darnach' beispielsweise: oe. 'et dafpoeia'
(kennt Augustin §210 in dieser Bedeutung als koordinierende Kon-
junktion nicht), 'mu (ma) zieva'; ue. davo quai'; ol. 'mo suenter',
'mo fuenter quei'.
Mat. XXI 29.
L.: Darnach reute es ihn.
Diod: poi appresso, ravvedutosi . . .
Seg: Ensuite, il se repentit.
oe: Et daspoia es el sto aiilflo, R 2098/9.
Et dafpoeia eis el Ito arüflo, B. II 81.
Mu zieva s'haviand rüvlo, Gr. 73.
Ma zieva s' artivlet el . . . M. 42.
ue: davo quai, s' haviand inrügla, V. D. 29.
davo quai, s' aviand inrügla, A V. 29.
ol: mo fuenter quei s' anriglä '1, Ga. 100.
mo suenter s' anriclä el, C. 39.
mo suenter quei s' anrigla el, F. 31.
2. Subordiniereude EoDJunktionen.
Die mannigfachen Konjunktionen, welche zur Verknüpfung von
Teilsätzen dienen, will ich im Folgenden zugleich mit einer ausführ-
licheren Darstellung der Teilsätze behandeln.
a) Die Subjektsätze.
§ 224. Die Subjektssätze werden im oe. mit che, chia, cha;
im ue mit chia, cha; im ol. mit ca (ch') eingeleitet.
Mat. XVni 7.
oe: elg es forza che uignen sckiandels, R. 1738/9.
elg eis forza che vegnen fchiandels, B. II 67.
l'eis bfoegn chia vegnen fcandels, Gr. 61.
l'ais bain necessari cha s-chandels vegnan, M. 35.
ue: l'ais bain necelfari chi vegnen fcandels, V. D. 24.
l'ais bain necessari cha vegnan jchandels, A. V. 24 (Diod:
bene e necessario che scandali avvengano).
ol: ilg ei bafengs ch'ei vengig fcandels, Ga. 83.
ilg ei bein necesseri, ca scandels vengian, C. 32.
ilg ei basegus ca ei vegni scandals; F. 26.
§ 225. Bezieht sich das Subjekt des Teilsatzes auf ein Objekt im
VerbalsatZ; so folgt auch der Infinitiv.
5G0 K'ii"l Iliitschenieuthcr
Mat. XVIII 8.
oe: Elg- es boen ä ti ad ir aint in la iiitta zop, R. 1470.
Elg eis bocu a ti ad ir aint in la vifta zop, B. II 68.
ä ti eis boen ir in la vita zopp, Gr. 61.
l'ais megl per te, d' entrar nella vita zop, M. 35.
ue: melg als per tai d'antrar in la vita zopp, V. D. 24.
megl ais per tai d'intrar nella vita zop, A. V. 24.
Mat. XIV 4.
ol: Ilg ei bucca lubieu ä chi d' haver ella, Ga. 65.
Ilg ei bucca lubieu a ti, d' aver ella, C. 25.
Igl ei bucca lubiu ä ti da baver ella, F. 22.
b. Die Obj ektsätze.
§ 226. Nach den Verben der Willensäusserung, der Gemüts-
bewegung, des Denkens und Sagens, sowie der Wahrnehmung
folgt im Nachsatz wiederum oe. che, chia, cha; ue. chi, chia,
cha; ol. ca(ch').
oe:
Mat. VIII 18: Et ueziand Jesus ch' elg era ün grand poeuel intuorn
el, schi cumando el che giessen in la riua uiduart,
R. 674/6.
Mat. III 9: Per che eau dig ä vus, che Deis po faer ch' our
da quaiftas pcdras stetten sU infauns ad Ahrahe,
B. II 8.
Mat. V 21: Vus havais udieu, che l'eis dit a Ts velgs, Gr. 13.
Mat. IX 30: Quarde, cha üngün non vegna a savair, M. 16.
ue:
Mat. VII 12: Tuot las chiausas dimena chia vus vulais chia la
glieud s' fetfcha, fchi fad' las eir vus ad eis,
V. D. i).
Mat. IX 30: Guardai cha ingüu non sapcha, A. V. 12.
Ol:
Mat. XXVII 20: ils Velgs furplidanen ilg pievel, ch' eis dueffengrigiar
larg Barabbam, Ga. 136/7.
Joh. XV \io: nio jou hai legieu ora vus, ad urdanau, ca vus meias
a purteias frig, a viess frig rumongig, C. 185.
Mat. IX 30: Guardeit ca nagin na si\\)\, F. 15.
§ 227. Als Objcktsätze kommen auch die indirekte Rede und
indirekte Frage in Betracht.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 5G1
Die indirekte Rede wird im oe. durch cbC; co che, chia, im
iie. durch chi, cha; im ol. durch ca(eh') eiug-eleitefc. Die Konjunktion
wird jedoch nicht jedesmal wie z. B. im Französischen wiederholt,
sondern es herrscht eine freiere Redeweise vor.
Mat. XVI 20/21.
Töte disGrelXaro ro7q ixad^rizatg avzor, iV« firjdsvl slnmcriv oti
ccvtög i<JTiv ^IijCovg o XQKTxöq. ^Ano tots rjo^aro 6 ^Ii^fforg deixvveiv
Tolg fia^riza7g avTOv, ort der avtbv äneX^elp sig^IsooaöXviia, xal noXXd
na&sip dno roh' TCQeoßvrsQwv nai aQXieqsMv xal ygafifiaztojv^ xul
anoxxavSrivtti^ xai Ttj tqIvi^ r^iioq!. iySQd^firai.
L.: Da verbot er seinen Jüngern, dass sie niemand sagen sollten,
dass er Jesus, der Christ, wäre. Von der Zeit an fing Jesus an, und
zeigte seineu Jüngern, wie er müsste hin gen Jerusalem gehen, und
viel leiden von den Ältesten, und Hohenpriestern und Schriftgelehrten,
und getötet werden, und am dritten Tage auferstehen.
Di od: Alloru egli divietö ;i suoi discepoli, che uou dicessero ad
alcuno ch'egli fosse Gesü, il Cristo. Da quell' ora Gesü cominciö a
dichiarare ä suoi discepoli, che gli conveniva andare in Gerusalemme,
e sofferire molte cose dagli anziani, e da' principali sacerdoti; e dagli
scribi ed esser ucciso, e risuscitar nel terzo gioruo.
oe: Alhura scumando el ä ses discipuls chels nü dessen dir ad
tingitini ch'el füs Jesus Christus. Et da que tijmp inuia
cumanzo Jesus ad appalanter ä ses discipuls, co che stues ir
e Jherusalem, & indürer bgier dals seniours, & dals parzuras
dels sacerdots, & dals scriuaüns & gnir amazo, & ilg ters
di aresüster, R. 1607—13.
Alhura fcumando el ä feis difcipuls chels nun dessen dir ad
üngiüni ch'el füs Jefus Christus. Et da que temp inuia
cumanzo Jefus ad appalantaer a feis difcipuls, co chel
ftues ir ä Jherufalem, & indüraer bgier dals feniuors, & dals
parzuras dels facerdots, & dals (criuauns & gnir amazo &
ilg ters di aresüftaer, B. II 62/3.
Alhura fcumando el ä feis difcipuls, chia nun dfchefsen ad
alehün ch'el füfs Jefus 1' Christus. D' alhura in via
cumanzo Jefus ä dir ä feis difcipuls, ch'el ftuefs ir in
Jerufalem, & bger indüraer da l's feniuors & principaels-
facerdots, & fcrivaunts, & gnir mazzo, & in l'terz di refüftaer,
Gr. 56/7.'
Alhura cumandet el a sieus discipuls, da nun dir ad üngün,
ch'el saja il Cristo. D' allura invia cumanzet Gesu a musser
a sieus discipuls, ch'el stöglia ir a Gerusalem; ed indürer
562 Karl Hutschenreuther
bger dals seüiiiors e principels sacerdots e dottuors della
Ledscha, e gnir mazzo, e '1 terz di resüster, M. 32.
ne: Lhura fcnmanda 'l ä feis fculars, chi nun dfcheffen ad alchlin
ch' el fuos Jefus, il Chriftus. Da quell' bura in via cumauzet
Jefus ä declarar ä feis fculars, ch'el ftuefs Irin Jerufalem,
cd indürar bleras chiaufas dals Seuiuors, e dals priucipals
facerdots, e dals Scrivants: e gnir mazA., e resüftar n'il
terz di, V. D. 22.
Lura scomandet el a seis scolars, eba non dschessan ad
alchün, eh' el füss Gesu, 11 Cristo. Da quell' nra invia
comanzet Gesu a declarar a seis scolars, cb'el stov' ir in
Gerusalem, ed indürar bleras chosas dals seniurs, e dals
principals sacerdots, e dals scrivants, e gnir mazzä e reslistar
uel terz di, A. V. 23.
ol: Lura (cummandä '1 a fes Juvnals, ch'els dueffan gir ä nagin
ch'el feig Jefus, ilg Chriftus. Da quei temps anvi ha Jefus
anchiet a gir ä, fes Juvnals, ch'el ftovig ir a Jerufalem,
a bear andirar d' ils velgs, ad Ault-Sacerdots, a Muffaus
d' Scartira, a vangir mazaus, ad ilg tierz gi vangir laven-
taus fi, Ga. 77.
Lura cumandä el k ses juvnals, da bucca gir a nagin,
ca el seigig Jesus, ilg Christus, a lur anvi autschavett
Jesus ä gir ii ses juvnals, ca el stoppig ir a Jerufalem,
ad andirar bear dad ils anciauns, ad aultsacerdots a mussai-
scartira, a vengir mazaiis, ad ilg tierz gi ä gnir laventaus
si, C. 30.
Lura scumraandä el k ses giuvnals, ca eis duvessen gir a
nagin, ca el seigi Jesus, il Christus. Da quei temps anvi
ha Jesus antschiett k gir ä ses giuvnals, ca el stovi ir ä
Jerufalem a bear andirar dils vegls ad aultssacerdots a
mussaiscartira, a vegnir mazzaus ad il tierz gi leventaus
si, F. 25.
§ 228. Die indirekten Fragesätze werden, soweit es sich um
Satzteil fragen handelt, durch das, die selbständige Frage einleitende
Pronomen und die Konjunktion (oe: che, chi; ue: chia, cha; ol: ca)
eingeführt.
Mat. VIII 33.
xai änek^ovisg sCg ttj ttoXiv anriYyeiXav nm'za, xut ra twv daifio-
viQoiiivoav.
L.: und gingen hin in die Stadt, und sagten das alles, und wie
es den Besessenen ergangen war.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 5G3
oe: & siand ieus iu la citted, schi disseu e tuot, co che füs ieu
cun l's indemunios, R. 710/12; B. H 28.
& fiund ieiis in la citaet, hauu raconto tuot; & que chi eira
dvaiito ä l's indcmunioS; Gr 26.
Mo ils pastuors fiigittan, guittan in la citted, e requintettan
tuot, eir que chi eira dvanto culs indemunios, M. 14.
ue: e fiand its in la cittä, referitten eis tuot quaiftas chiaufas,
ed eir il fat dals inderauniads, V. D. 11 (ähnlich A. V. 11)
nach Di od: 'ed anche // fatto degl' indemoniati'.
ol: a cur eis fonan vangi ent ilg marcau, fcha figenau eis a laver
tut qnellas cauflas, er quai ca fova daventau cun quels
ca vevan ghieu en dimunis, L. 34.
a, rivai enten ilg marcau, figiennen eis ä saver tutt, er quei
ca fova daventau cun ils indemuniai, C. 13.
a cur eis fonan vegni en il mercau, fagenan eis a saver tuttas
quellas caussas, er quei ca fova daventau cun quels ca
hauevan giu ent demunis, F. 13.
Fürs ue. noch
Marc. VI 22.
ue: Dumanda'm tuot quai chia tu vouft, V. D. 50.
Domanda'm tuot quai cha tu voust, A. V. 49.
§ 229. Zuweilen leitet auch nur das Fragepronomen ohne Kon-
junktion den indirekten Fragesatz ein.
Mat. II 4.
oe: schi ho el dumandö aquels, hinua che Christus, gniua ä nascher
R. 82/3; B. II 4.
ho dumando ad eis, innua Christus daiva nafcher, Gr. 5.
e s'informet el dad eis, inua Cristo hegia da nascher,
M. 3.
ue: s'mformet el dad eis ingio Chriftus daiva nafcher, V. D. 3.
s'informet, el dad eis, ingiö Cristo dovaiva nascher, A. V. 4.
ol: fchi ha'l andarlcheu dad eis, nua Christus deigig uafcher,
Ga. 5.
ad andarsche tier quels, nua Christus hagi da nascher,
C. 2.
schi ha el andarschiu dad eis, nua Christus deigi nascher,
F. 6.
c) Die Kausalsätze.
§ 230. Die Kausalsätze werden meist durch die präpositionalen
Verbindungen oe. per che che, par che che, paraquö che, per
564 Karl Hutsclienreuther
que che; ue. per quai che; ol. parcbei ca (ch'j eingeleitet. Öfters
wird im oe. und ne. nur per che, par che ohne Hinzufüguug- der
Partikel 'che' gesetzt, während im ol. stets parchei ca steht. Die
alleinige Anwendung der Partikel '^che, ca' ist selten.
Mat. II 18.
oe: Rachel planschet ses filgs nü s'ho uulieu lascher cüfurter per
che ch' eis nun sun, II. 129/31.
Rachel i)lanrchant ieis filgs nun s'ho vulieu lalchaer cunfurtaer
per che ch' eis nun Tun, B. II 6.
Rachel plaundlchaiva Ieis iufauuts; & nun s'ho laichaeda
cufiortaer, per che eis nun Fun, Gr. 6.
Rachel plaudschaiva sieus infauntS; e nun 's volaiva lascher
conforter, per que ch' eis non sun pü, M. 3.
u e : Rachel crida per feis ifaunts, e nun s'ha vulü lafchar cuffortar,
per quai ch' eis nun fun plü, V. D. 4.
Rachel crida per seis infants, e non s'ha voglü laschar cuffortar,
per quai ch' eis non sun plti, A. V. 4.
0 1 : Rachel bargiva par fes uffonts, a fa leva bucca lafchar cun-
fortar, par quei ch' eis ean bucca pli, Ga. 8.
Rachel bargiva par ses uffbnts, a leva bucca sa schar cun-
tbrtar, parquei ca eis eran bucca pli, C. 3.
Rachel bargiva par ses uffonts a voleva buca sa laschar cun-
fortar, parquei ca eis ein buca pli, F. 6.
§ 231. Als weitere kausale Konjunktionen werden auch oe. siand
(Partizip!) und siand cha; ue. siand cha, siand chia; ol. damai
ca (= de -}- wagis + quid) und siond ca verwendet.
Mat. XIII 5 & 6 (auch Marc. IV 5 & 6).
oe: et adüntrat haun bitto sü, mu paraque che uu hauaiuen
fuons d' terra, sco l'g sullaig es sto aluo schi sun e ars,
e per che che nun hauaiue aristh, schi sun eis schirös
uia, R, 1206—10.
& adüntrat haun bütto sü, mu paraque chenü hauaiue fuons
d' terra, fco l'g fullailg eis fto aluo, fchi fun h ars, & per
che che nun hauaiuO arifch, Ichi fun eis fchiros via,
B. U 47.
& fun bod crefchieus, per che nun havaiven bgerra terra.
Mu fiand alvo 1' fulalg, fchi fun eis afchiudos; & per che
nun havaiven rilch, fun eis fechios via, Gr. 42.
e que dschermügliet bod, siand el nun avaiva chafuol terrain.
Ma cur il solagl alvet, ardet el, e siand ch' el nun avaiva
risch, scchet el, M. 24.
Syntaktisches zu den rätoiüniaiiiacben Übersetzungen der vier Evangelien 565
ue: V priiit fubit; perche el mm bavaiva cbiafuol tcrrain. Mo,
erCendo alvfi '1 (iilai, (clii fiio '1 arleiita: e fiaud ch' el mm
haveiva ragilch, fchi fecchet el, V. D. 17.
e priiit subit; perche el dou avaiva cbafuol terraiii; Ma
csscndo alvä il sola!, scbi füt el arseuta; e siaiid cb' el
noii avaiva ragisch, scbi sechet ei, A. V. 17.
ol: ad el pruiet ladinamcng-, parquei ob' el veva biic aiilt
tratfcb. Mo cur ilg- Iblelg fö lavaiis, Icba brifchä ei, a
damai cb' el veva bucca ragilch, Icba Teccä '1, Ga. 58.
ad el pruiett ladiuameug, siond caei veva bucc aiilt terratsch.
Mo cm* ilg sulelg fo levaus, briscbä ei, a seccä, parquei
ca ei veva bucca ragiscb, C. 22.
ad el pruit ladiuameug, parquei ca el baveva buc ault
terratsch. Mo cur il solegl fü levaus, briscbä ei, a damai
c a el baveva buca ragisch, seccä el, F. 20.
§ 232. Als kausale Konjunktion fungiert ferner bei Bifruu noch
da poeia che (= de -f- ijostea -f- quid).
Luc. II.
L.: Sintemal sich es viele unterwunden haben.
oe: Da poeia che bain bgiers luu ammis, B. I 191; B. II 194
(wofür: Per que, Gr. 176; fiand cha, M. 101; A. V. 66;
fiand cbia, V. D. 68. — Damai ca, Ga. 236; F. 68. —
fiond Ca, C. 92. — Diod: Conciosiacosache).
Auch das ue. bat ein dem italienischen 'posc/'a che' entsprechen-
des -dufpö cbia, daspö cha'.
Lue. II 30.
ue: Dafpö cbia meis öls haun vis teis falüt, V. D. 72.
Daspö cha meis ögls han vis teis salüd, A. V. 70.
d) Die Finalsätze.
§ 233. Die Finalsätze werden durch oe. ehe, cbia, cha; ue.
Chi, cha; ol. ca(ch'), oder durch den präpositionalen Ausdruck oe.
par che, per cbia; ue. per cbi; ol. per ca au den Hauptsatz an-
gereiht.
Job. V 14.
oe: aqui dfieua nu pchier, che nu gratagia ä ti im qualchiofa
pys . . . B. 322.
aqui dfieua nu pchiaer, che nu gratagia ä ti ün qualchiofa
pes, B. II 330.
566 Karl Hatschenreuther
nun pchiaer plü, chia nun t'vegnia qualchioffä plti maela,
Gr. 306.
Nun pcher pü, cha nun t'arriva qualchosa d' pes, M. 178.
ue: nun pecchiaer plü, clii nu t'fcuntra ]]ee, V. D. 118.
non pechar plü, cha non at scuntra pe, A. V. 114.
ol: fai bucca puccau pli, par ch' ei crodig bucca tiers ä chi
anqual cauffa pigiur, Ga. 409.
fai bucca puccau pli, par ca ei ta crodi bucca tier anqual
caussa pigiura! C. 161.
fai buca puccau pli, par ca ei crodi buca tier ä ti anqual
caussa pigiura, F. 115.
Einfaches 'ca' im ol. steht
Mat. XIX 16.
ol: Bien Meifter, chei bien dei jou far ca jou hagig la vitta per-
petua? Ga. 89.
Bun mussader, chei bien dei jou far ca jou hagi la vita per-
petua? F. 28.
§ 234. Die häufig wiederkehrende Einleitung der Finalsätze mit
oe. acciö chia, aociö cha und ue. aciö chi ist wohl eine Ent-
lehnung aus dem Italienischen.
Mat. V 16.
oe: Ufchea lafche Igüfthir voaffa Igüfch avaunt la glieut, acciö
chia vezan voaffas bunas ouvras, & glorifichen voas Bab,
Gr. 13.
Usche dess vossa glüsch splendurir al conspect della glieud,
acciö cha vezzan vossas bunas ouvras e glorifichan vos
Bap, M. 7.
ue: Ufche defs iplendurir vofla lüm u'il confpect dalla glieud:
aciö chi vezan voffas bunas ouvras, c glorifichan vos Bab,
V. D. 6.
Usche dess splendurir vossa glüm nel conspect della glieud,
acio chi vezan vossas bunas ouvras e glorifichan vos bap,
A. V. 7 (Diod: acioche veggano . . .).
§ 235. Bei gleichem Subjekt im Verbal- nnd Teilsatz steht
meist der Infinitiv.
Mat. III 13.
oe: Alhura ueu Jesus our da Gulilea alg Jordan tiers Johannem
par ch' el gnis battagio da d'el, K. 191/3.
Syntaktisches zu den lätororaanischen Übersetzungen der vier Evangelien 567
Alhura venu Jefus, du Gallilea ä 1' Jordan tiers Johannem,
per gnir battagio da el, Gr. 8.
Allura gnit Gesu da Galilea al Giordan tiers Joannes, per
g:uir battagio dad el, M. 5.
ue: Lhura venn Jedis da Galilea al Jordan pro Johannes, per
gnir dadel battiza, V. D, 4.
Lara gnit Gesu da Galilea al Giordan pro Gioanne, per gnir
dad el battiza, A. V. 5.
ol: Lnra vangit Jefus da Galilea t'ilg Jordan, tiers Johannes, per
vangir battigiaus dad el, Ga. 10.
Lura vengitt Jesus or da Galilea alg Jordan tier Johannes,
par sa schar battiar dad el, C. 4.
Lura vegnit Jesus da Galilea al Jordan tier Johannes, par
vegnir battigiaus dad el, F. 7.
e) Die Temporalsätze.
§ 236. An Stelle des lateinischen 'c^w' und des späteren 'quando^
finden vrir zur Bezeichnung des Zeitpunktes die Neubildung cur,
cura (= qua hora)^ oft noch mit oe. 'che, chia'; ue. 'chi, cha';
ol. 'ca' verbunden. Zuweilen stehen auch letztere Konjunktionen allein
ohne cura.
Bifrun wendet auch 'fco' (= quomodo) an. Öfters ist allerdings
der Teilsatz durch einen Partizipialsatz verkürzt.
Mat. XXIV 32.
oe: cura che lg sieu aram es gio tender & sia foeglia es bitteda
oura, schi sauais uus che la sted es prosma, R. 2444/7.
cura che l'g lieu aram eis tender, & fia foeglia eis büttaeda
oura, fchi iauais vus che la fted eis profma, B. II 95.
cura fieu ram dvainta ziijüs, & las foeglias fun uafchldas,
favais chia la Itaed eis ardaint, Gr. 86.
Cur sieus rams sun giä in ztij, e büttan our la füglia, savais
vus, cha la sted ais ardainta, M. 49.
ue: Cura feis rams fun agiä in züh, e la fronfla germuoglia,
fchi favais vus chia la stad ais vicina, V. D. 33.
Cur seis rams sun agiä in züh, e la fruonsla germuoglia,
schi savais vus, cha la stä ais vicina, A. V. 34.
ol: cur fieu rom ha fchig, a ch'el catfch' ora la felgia, fcha
faveits ca la ftad ei datiers, Ga. 116.
cur ca sia romma ei elg schitt, a catscha ora la felgia, saveits
vus, ca la stad ei datier, C. 45.
cur siu rom ha schitt, a catscha ora la feglia, schi saveits ca
la stad ei datiers, F. 36.
Romanische Forschungen. XXVII. 36
568 Karl Hutschenreuther
Verschiedentliche Wiedergabe der Konjunktion finden wir
Mat. III 16.
L.: Und da Jesus getauft war, stieg er bald herauf aus dem
Wasser.
oe: Et SCO Jesus füt battagio, schi gnit «1 böd sü da l'ouua,
R. 199/200 & B. U 9.
(Et siand Jesus battagio ... Gr. 9.
aus dem Griechischen: xai ßanzKr^elg ö 'I)](7org).
E cur Gesu füt battagio, gnit el subit our dall' ova, M. 5.
ue: E Jesus fc umbaut ch' el fuo battiza, fchi venu el sü our
dair agua, V. D. 4 (Deutsches 'sobald als' für Dio-
datis Hosto che', Segonds 'c^es que').
E cur Gesu füt battiza, schi gnit el spert sü dall' aua,
A. V. 5.
ol: A cur Jefus fö battigiaus fcha vangit ei ladinameug fi or da
l'aua, Ga. 10.
A cur Jesus fo battiaus, vengitt el si ladinameng or da
l'aua, C. 4.
A cur Jesus fö battigiaus, vegnit el ladinameng si or da
l'aua, F. 7.
§ 237. Um das relative Zeitverhältnis auszudrücken, wurde
im Lateinischen meist 'cum primum', 'simul atque' gebraucht. In
den rätoromanischen Bibelübersetzungen sind verschiedene Neubildungen
angewandt, um zu bezeichnen, dass das im Verbalsatz Mitgeteilte erst
eintreten kann, wenn die Handlung des Teilsatzes vollzogen ist. So
oe: 'fco', 'impeftiaunt fco', 'fcumbold'; ue: 'subit cur'; ol: 'fchi
bauld fco', 'schi prest sco', zuweisen auch einfaches 'cur'.
Marc. XI 2.
L.: und also bald, wenn ihr hineinkommt, werdet ihr finden ein
Füllen angebunden.
Diod: subito come entrerete lä troverete un poledro d'asino
attaccato.
P.: e ent '1 entre-ie, i treuveri un asnet staca.
Seg: des que vous y serez entres, vous trouverez un änon
attachö.
Miguel: y luego que enträreis en el, hallareis un pollino atado.
oe: impeftiaunt fco vus giais aint in aquel, fchi gnis ad achiater
lin puUadrin ... B. I 160; B. 11 162/3.
fcumbod vus giais in quel, gnis ä chiattaer ün pulleder
ranto, Gr. 150.
Syntaktisches zu den rätoioiiKinischen Übersetzungeu der vier Evangelien 569
e scumbod vus entrais iu quel, chatteros ün puledrin rantO;
M. 87.
ue: (ubit cur vus guis ad antrar \ä, gnis ä, chiatar ün puleider
d'alen rantä, V. D. 58,
subit cur vus gnis ad intrar h'i gnis ä chattar ün puleider
d'aseu ranta, A. V. 58.
ol: fchi bauld Ico vus vangits en quel, fcha vangits vus ad
afflar ün pulieder ran tau, Ga. 202.
cur vus esses rivau en quel, vengits gleiti ad afflar ün pulieder
rantaus, C. 79.
schi prest sco vus intreits en quel, vegnits vus ad afflar in
pulieder rentau, F. 59.
Ol. 'fchi bault fco, schi bauld sco' zum Ausdruck des rela-
tiven Zeitverliältnisses ist ohne Zweifel Wiedergabe des deutschen
'so bald als'.
Marc. I 29.
ol: A fchi bault fc' eis vanginen or da la Sinagoga, fcha manen
eis enten la cafa da iSimon ad Andreas. Ga. 149.
A schi bauld sco ei vengiunen or da la sinagoga, mannen
eis en casa da Simon a d' Andreas, C. 58/9.
§ 238. Um die Gleichzeitigkeit zweier Handlungen auszu-
drücken, steht oe: aunchia che, cun dych che, cun dich che,
intaunt cha; ue: tant chia, taunt chia, intantcha; ol: antro-
quan ca, afchi gig fco, cur, dantont ca, entont ca, fartont
ca, fratont ca. Im Italienischen steht meist 'mentre', im Fran-
zösischen 'pendant que', im Spanischen 'mientras que'.
Mat. IX 15.
L.: Wie können die Hochzeitleute Leid tragen, so lange der
Bräutigam bei ihnen ist?
Di od: Que' della camera delle uozze possono egliuo far cordoglio
mentre lo sposo e con loro?
oe: paun forza l's filgs delg spus uaidguer, cun dijch ch' lg spus
es cun eis? R. 762/3.
paun forza l's filgs delg Ipus vaidguaer, cü dijch ch' lg fpus
eis cü eis? B. H 30.
Pauu foarfa l's chiambraers plaundscher intaunt chia l'fpus
eis cun eis? Gr. 27.
Paun ils nozzaduors plaundscher, intaunt cha '1 spus ais
con eis? M. 15.
36*
570 Karl Hutschenreuther
ue: Quels dalla chambra dallas nozas poun eis havair cordöli
tant chia '1 fpüs ais cun eis? V. D. 11.
Quels della chambra dellas nozzas pon eis avair cordöli in-
taDt cha '1 spus ais con eis? A. V. 12.
ol: Pon ils fpufadurs purtar malacurada, afchi gig fe' ilg fpus
ei tiers eis? Ga. 37.
Dein forsa ils nozzadurs purtar malacurada, antroquan ca ilg
spus ei cun eis, C. 14.
Pon ils spusadurs portar malacurada, aschi gig sco il spus ei
tier eis? F. 14.
Mat. XVII 5.
oe: Et aüchia ch'el fafleua, uhe tina nüfla clera l's caurit,
K. 1655/6 ; B. II 66.
(Fafland el aunchia, ... Gr. 38, nach dem Griechischen: exi
avtov XaXovPTOg . . .)
Ed intaunt ch'el favlaiva auncha, mera üna ntivla clera ils
sursumbrivet; M. 33.
ue: Taunt ch'el amo favlava, mera, tina nUvla claera ils für
fumbrivet, V. D. 23.
Intant ch' el amo favlaiva, mera, üna ntivla clera ils sur-
sumbrivet, A. V. 23.
ol: Cur el plidav' ounc, mire fcha figet tinna nebla clera umbriva
für eis, Ga. 79.
Entont ca el plidava, mire vengir inna nebla clara sur eis,
C. 30.
Cur el plidava aunc, mire schi faget Ina nebla clara umbriva
sur eis, F. 25.
Mat. XXV 10.
L. Und da sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam,
oe: Et intaunt che gietten a cumprer, schi uen l'g spus, K. 2512/3
& B. II 97/8.
Mu intaunt ch' ellas fun idas ä cumpraer, eis gnieu 1' fpus,
Gr. 88.
Mo intaunt ch'ellas gettan a cumprer, gnit il spus, M, 50.
ue: Mo taunt chia quellas giaivan ä cumprar, venu il fpüs,
V. D. 34.
Ma intant cha quellas giaivan a comprar, gnit il spus,
A. V. 35.
ol: Mo fartont ch' ellas mavan par cumprar, fcha vangit ilg
fpus, Ga. 119.
Syntaktisclies zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 571
Mo fartont ca ellas mannen par cumprar, vengitt ilg spus,
C. 47.
Mo fratont ca ellas mavan par cumprar, veguit il spuS;
F. 37.
§. 239. Für die Priorität dienten im Lateinischen die Konjunk-
tionen antequam & priusquam.
Wir finden liiefür im oe: aiins co che, aunz chia, aunz cha;
im ue: avaunt chi, avant chi; im ol: ont ca (ch'), avont ca.
Mat. I 18.
L.: ehe er sie heimholete, . . .
oe: auns co ch' eis hauessen cumpagnia in semmel, sch'es ella
achiatcda grefgia delg sainc spiert, R. 42/4.
auns CO ch' eis gnifsen in femmel, fch' eis ella achiataeda
graefgia delg fainch Spiert, B. II 3.
aunz chia gniffen infemel, eis ella chiattaeda purtaunta da V
Spiert faench, Gr. 3.
as chattet, aunz cha gnissan a conviver, ch'ella eira gravida
dal Spiert sench, M. 2.
ue: avaunt chi fuoffen gnlids ä ftar infemmel, 's chiatet gravida ;
il quäl eira dal Spirt (anct, V. D. 2.
avant chi füssan gnUts a star insemmel, s' chattet gravida,
il quäl eira dal Spiert Sanct, A. V. 3
ol: out ch'els vangiffen ansemel, fcha fa cattä ei, ch'ella fova
purtonza d' ilg Soing Spirt, Ga. 3.
sa catta ei, avont ca eis vengissen ansemel, ca ella fova
purtonta dad iig soing Spirt, C. 2.
ont ca eis vegnissen ansembel, sa catta ei, ca ella fova pur-
tonza dil (ontg Spirt, F. 5.
§ 240. Für die im Latein die Posteriori tat bezeichnenden Kon-
junktionen ^p 08 1 quam, posteaquam' steht, wenn nicht eine Parti-
zipial- oder Infinitivkonstruktion vorgezogen wird, im oe: cura che
(cha), zieva chia (cha); ue: dapö chi, dopo cha; ol: cur,
suenter ca, suenter quei ca.
Mat. XXVI 32.
oe: Mu dsieua ch' eau iiing ad arsüster schi uoelg eau passer
auaunt ä uns in Galilea, R. 2684/6.
Mu dfieva ch' eau veng ad arisülter fchi voelg eau paffaer
auaüt ä vus in Galilea, B. II 104.
572 K^i'l Hutschenreiither
Mu zieua ch' eau fuu refüfto, veng eau a paffaer avaunt vus
in Galilea, Gr. 95.
(Mu ziena mia resiistaunza vögl eau passer avaunt a vus in
Galilea, M. 54.)
ue: Mo dapö ch' eng veng ad effer relüftä; völg eug ir avaunt
a VHS in Galilea, V. D. 37.
Ma, dopo ch' eu vegn ad esser resüstä; vögl eu ir avant a
vus in Galilea, A. V. 37.
ol: Mo fu enter quei ea jou veng ad effer lavaus fi^ vi jou ir
avont ä vus en Galilea, Ga. 128.
Mo suenter ca jou veng ad esser levaus si, vi jou ir avont
ä vus en Galilea, C. 50; F. 39.
Mat. IV 2.
oe: Et hauiand giünö quaraunta dijs & quaraunta nots, schi
hauet el dsieua fam, R. 218/20; B. II 10.
Et haviand el güno dis quaraunta & noatts quaraunta, ho
el alhura hagien fam, Gr. 9.
E ziev' avair güno quaraunta dis e quaraunta nots, avet
el alla fin fam, M. 5,
ue: E dapö ch'el havet jejünä quaranta dids, e quaranta nots,
fchi havet el alla fine famm, V. D. 4.
E dopo ch'el avet gegüna quaranta dis e quaranta nots, schi
avet el alla fin fam, A. V. 5.
ol: A cur el vet jaginau quronta gis a quronta noigs, fcha vet
el Iura fom, Ga. 11.
A suenter ca el vett jaginau quronta gis a quronta noigs,
vett el Iura fom^ C. 4.
A cur el havet geginau quaronta gis a quaronta notgs, havet
el Iura fom, F. 7.
§ 241. Die Konjunktionen für deu Anfangspunkt sind: oe. da
poeia che, dapoeia chia, daspö cha; ue. dapö chi, dopo cha;
ol. daluranou ca, da lurannou ca.
Luc. VII 45.
oe: aquaifta da poeia ch' eau fun gnieu aint nun ho pufö da
tiguer bülcho mes pes, B. I 224.
aquaifta da poeia ch' eau fun gnieu aint nü ho pufö da
tegner bütfcho meis peis, B. II 227.
quaifta, dapoia ch'eau fun intro, nun ho lafcho da bütfchaer
meis peis, Gr. 208.
ella, daspö ch' eau sun entro, nun ho tschesso da bütscher
mieus peis, M. 120.
Syntaktisches zu deu rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 573
ue: quailta, dapo ch' eil' ais antratta, nun ha ella mri challä
da 'm bütfchar ils peis, V. D. 81.
quaista, dopo ch' eil' ais intrata, non ha ella raa challa da' m
bütschar ils peis, A. V. 79.
ol: (juesta ha bucca calaii, daluranou ch'el ei vangid'ent, da
bitfchar mes peis, Ga. 281.
ella, da lurannou ca eil' ei veDgida en, ha bucca calau da
bitschar mes peis, C. 45.
questa ha buca calau, da lurannou ca ella ei vegnida ent,
da bitschar mes peis, F. 80.
§ 242. Die Konjunktionen für den Ziel- oder Endpunkt sind
oe: infin ä taunt che, per fina taunt che, infina chia(cha);
ue: fin chi, cha; ol: antrocan, antrocan ca, antroqua, antro-
quan ca, aschi gig sco.
Mat. V 18.
oe: Par Tg uaira ch'eau dich ä uns, per fin a taunt che passa
uia l'g schil & la terra schi nun uain ä passer uia üna la
plü pisthna lettera ii ün pitschen punchiet, our dalla lescha,
infin ä taunt che nun es tuot duanto, R. 335—40.
Par Tg vaira ch'eau dich ä vus, per fin ä taunt che palfa
via l'g tfchel & la terra fchi nun vain ä paffaer via üna la
plü pitfchna lettera ü ün pitfchen punchiet, our dalla letfcha,
infin ä taunt che nun eis tuot duantö-, B. II 14.
Tfchert eau dich ä vus, infina chia pafla via l'tfchel & la
terra, nun vain a paffaer via ün cuftab, ü ün pitschen
puonch de la Ledfcha, infina chia tuot nun eis dvanto,
Gr. 13.
Perche eau di a vus in vardet: Püttost trapasseron tfchel e
terra, co cha ün custab o ün pitschen punct della Ledscha
passa via, infina che tuot nun ais dvanto, M. 7.
ue: Perche, eug s'dig in vardä, chia, fin chi faja pafsä vi' il
tfchel, e la terra, fchi nun vain ä paffar via brich' ün
buftap, od ün pichel dalla Ledfcha, ch' ogni chiaufa nun
faja fatta, V. D. 4.
Perche, eu 's di in vardä, cha, fin chi saja passa vi' il
tfchel e la terr;i, schi non vain a passar via brich' ün
bustap, 0 ün tichel della ledscha, ch' ogni chosa non saja
fatta, A. V. 7.
ol: Parchei ca jou gig ä vus pilgver, autroquan ch' ei na ven
ad effer vargau vi ilg tfchiel, a la terra, fcha venei buca
vargar vi ün d'ils pli pitfchens buoftabs, ner ün pichel
574 Karl Hutschenreuther
d'ilg Schentament, antroqua tuttas cauffas vengian a
daventar, Ga. 17.
Parchei jou gig k vus en vardad: Aschi g\g sco ilg tschiel
a la terra na vargan vi, ven bucc in bustab nb pikel dilg
Tschentament ä vargar vi, antroquan ca tutt quei da-
ventig, C. 6/7 {Aschi gig sco ist die wörtliche Wiedergabe
des deutschen: 'so lange als').
Parchei jou gig ä vus en verdat: Antroean ca ei na ven ad
esser vargau vi il tschiel a la terra, ven buc ä vargar vi
in iota ner in piccal dil tschentament, antroean tuttas
caussas vegnien ä daventar, F. 9.
§ 243. Als Konjunktion der Wiederholung fand ich nur bei
Bifrun 'inmünchia uota che'.
Marc. IX 18.
L. : und wo er ihn erwischet, so reisst er ihn.
oe: inmünchia uota chel Vg appiglia, fchi l'g dfthrama el,
B. I 151; B. n 153.
(Die übrigen Texte haben nach Luther: 'inmia che, ingio
chiafchaj; nu ca\)
f) Die Modalsätze.
§ 244. Zur Einleitung der Modalsätze gebrauchte der Lateiner zu-
nächst fünf Konjunktionen: 'ut, quem ad modum, quasi, quomodo,
quam'.
Im Rätoromanischen ist nur quo(modo) in Verbindung mit sie >
sco (scu) erhalten; dieses wird oft noch mit che verbunden, und bei
einem wirklichen Vergleich angewandt. Im oe. steht auch 'da
CO chi', im ue. ein dem Italienischen entlehntes Mn maniera
cha (chia)'.
Mat. XXIII 37.
oe: quantas uuotes hae eau vulieu arasper tes infauns, sco üna
giaglina araspa ses pulschains suot sias aelas, R. 2345/8.
quauntas voutes hae eau vulieu arafper tes infauns, Ico üna
giaglina arafpa (eis pulfchains luot fias aelas, B. 11 9L
(Anders Mat. XXV 32: & uain ä zaurer aquels oters our dals
oters, da co chi zeura Vg pastur las nuorsas our dals
buochs, R. 2571/3 & B. II 1(X)J.
quauntas voutas hae eau vulieu raefpaer teis infaunts, fco
üna gallina raefpa feis pulfchains fuot, fias aelas, Gr. 83.
qnauntes voutas he eau volieu rasper tieus infaunts, sco üna
gilina raspa sieus pulschains suot sias elas, M. 47.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 575
ue: quantas voatas nhai eng valü rafpar teis iffaunts, in maniera
chia la gialina rafpa ieis pulfchains fuot las alas?
V. D. 32 (nach Diod: nella maniera che la gallina rac-
coglie i suoi pulcini sotto V ale).
Quantas voutes ha eu voglü raspar teis infants, in maniera
cha la giallina raspa seis pulschins suot las alas? A. V. 33.
ol: quontas gadas hai jou vulieii rafpar tes uffonts, fc' Unna gal-
gina rafpa fes plufcheins fnt fias alas, Ga. 112.
quontas gadas hai jou vulieu raspar tes uffonts, sco inna gal-
ginna raspa ses pluscheins sutt sias alas, C. 44.
quontas gadas hai jou voliu raspar tes uffonts, sco ina ga-
glina raspa ses pluscheins sut sias alas, a vus haveits buca
voliu, F. 34.
§ 245. Soll der Modalsatz eine Gemässheit ausdrücken, so steht
oe: fco, fco cha, suainterche, suainter co che, suainter sco;
ue: fco, segund cha, seguond chia, tenor cha, tenor chia;
ol: fco.
joh. xvn 2.
oe: fuainter fco tu haes do agli pufaüza da fcodüna chiarn,
B. I 371.
fuainter fco tu haeft do agli pufaunza da fcodüna chiarn,
B. n 382 (aber Mat. 1 24: schi ho el fat,
suainter che l'g aungel dalg signer hauaiua miss agli ä
maun, R. 60/61 und Luc. I 55:
Suainter CO chel hauaiua faflo als nos babuns, B. I 193;
B. II 196.)
Sco tti l'haeft do puffaunza (ur tuotta chiarn, Gr. 359.
sco cha tu Test do possaunza sur tuotta charn, M. 205.
ue: Segund chia tu l'halt dat puffanza für ogni charn, V. D. 156
(nach Diod: Secondo che tu gli hai data podestä sopra
ogni carne).
Seguond che tu l'hast dat pussanza sur ogni charn!
A. V. 132.
ol: Sco ti Igi has dau puffonza für tutta carn, Ga. 476; C. 188;
F. 133.
§ 246. Wenn wir einen eigentlichen Vergleichsatz haben, so weist
ein im Verbalsatz stehendes demonstratives Adverb, das dem latein.
sie entspricht, auf den Teilsatz hin. So entspricht einem oe. in
aquella guisa sco' (oder nur 'sco') ein im Verbalsatz folgendes
jUschö, uschea, uschia'; einem ue, 'sco' ein 'usche'; einem ol.
,8co' ein 'aschia'.
576 K^äri Hutschenieuther
Mat. XIII 40.
oe: Et in aquella gnisa dime sco la claffa uain clitta & arsa
cun l'g- foe, uschia uain er ad esser sü la fin da quaist
muoud, R 1305/7.
Et in aquella guifa dimae fco la claffa vain cletta & arla
cun l'g foe, ufchea vain er ad effer sü la fin da quaift
muond, B. II 51.
Sco uain dimaena raefpaeda la claffa, & arfa V foe: ufchea
vain ad esser in la fin da quaift muond, Gr. 46.
Sco dimena la zizauia vain cletta insemmel ed arsa cun fö:
usche sarö que alla fin da quaist muond. M. 26.
ue: Sco dimena la zizania s' clegia infenTel, e s'arda cun foe,
ufche vain eir ä dvautar in la fin dal muond, V. D. 18.
Sco dimena as clegia insembel la zizania, e 's arda con fö,
usche vain eir ä dvantar nella fin del muond, A. V. 19.
ol: Cuntut fco ilg zerclim ven rafpaus anfemel, ad, arfentaus
cun 'lg fieuc: afchia venei ad effer enten la fin da queft
Mund, Ga. 63.
Cuntutt sco ilg zerclim ven raspaus ansemel ad arsentaus
cun fleug: aschia ven ei ad esser ä la fin da quest mund,
C. 24.
Cuntut sco ilg zerclim ven raspaus ansembel, ad arsentaus
cun il fiuc: aschia ven ei ad esser enten la fin da quest
mund, F. 21,
§ 247. Von der Gleichmässigkeit der im Lateinischen korre-
spondierenden Adjektiva 'talis — qualis' und 'tantus —
quantus' finden starke Abweichungen statt. Dabei geht häufig der
Modalsatz in einen verallgemeinernden Relativsatz über.
Einem oe. 'in quaunt' entspricht im Verbalsatz das Neutrum des
persönlichen Pronomens ill, 1'; oder einem 'taunt' im Teilsatz folgt
kein korrespondierendes Adjektiv, Fürwort, oder demonstratives Adverb;
oder es korrespondiert mit einem im Teilsatz stehenden 'taunt sco'
das demonstrative Adverb 'schi' im Verbalsatz,
Im ue. folgt einem Mnquant' im Teilsatz ein 11(1) = illud im
Verbalsatz.
Im 0 1. entspricht einem 'aschi anavont sco' ein ,ilg' im Ver-
balsatz; oder es erwidert einem im Teilsatz stehenden verallgemeinernden
'eh ei ca* ein 'schi', das jedoch auch wegbleibt.
Mat, XXV 40,
L.: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten
Brüdern, das habt ihr mir getan.
Syntaktisches zu den rcätororaanischen Übersetzungen der vier Evangelien 577
Diod: in quanto Tavete fatto ad uno di questi miei fratelli, voi
r avete fatto a me.
oe: taunt sco uns liauuis fat ad Uni Vg plü pitschen d'aquaists
mes frarS; scbi hauais fat ä mi, R. 2591/3.
taunt fco UU8 hauais fat ad üni Vg plü pitsch? d'aquaifts
mais fiars, Ichi hauais fat ä mi, B. II 101.
taunt vus bavais fat ad ün da quaifts meis l's plü pitfchens
frars, hauais fat ä mi, Gr. 91.
In quaunt vus avais fat que ad ün da quaists mieus frers,
eir dels minims, 1' avais vus fat a me, M. 52 (nach Diod.
oder V. D.)
ue: inquaunt vus havais fat quai ad ün da quaifts meis minims
frars, vus T havais fat a mai, V. D. 35 (nach Diod!).
inquant vus avais fat quai ad ün da quaists meis minims
frars, vus T avais fat a mai, A. V. 36 (von V. D. abge-
schrieben),
ol: Chei ca vus veits faig ad ün da quefts mes ils pli pitfchens
frars, fcha veits vus faig ä mi, Ga. 123.
Aschi anavont sco vus veits faig- quei ad in da quests mes
pli pitschens frars, ilg veits vus faig; ä mi, C. 48.
Cbei ca vus haveits fatg- ad in da quests mes ils pli pitschens
frars, haveits vus fatg a mi, F. 38.
§ 248. Die Folgesätze, welche im Lateinischen mit 'ut', später
'quod' angeführt wurden, werden im Rätoromanischen eingeleitet
mit oe: cha, da sort che, in moed chia, usch'e cha; ue: tal cha
(chia); ol: aschia ca, da tal giiifa ca.
Im Verbalsatz steht meist ein korrespondierendes Adjektiv der
Menge oder ein demonstratives Adverb.
Mat. VIII 24.
oe: eilg es d'uauto ün grand cuntuorbel ilg mer, da sort che
la nef s' cufriua da las huondas, R. 685/7.
eilg eis duanto ün grand cuntuorbel ilg maer, da fort che
la naef s' cuuriua da las huondas, B. 11 27.
ün grand muantamaint eis dvanto in 1* maer, in moed chia
la naef s' cuvriva da las uondas, Gr. 25.
tina granda burrasca s'alvet sül lej, usche chala nevetta
gniva cuvernida dal las uondas, M. 14.
ue: in il mar dvanted ün grand muvantamaint tal chia la naf
gniva cuvernada dallas uondas, V. D. 10.
nel mar dvanted ün grand moventamaint, tal cha la nav
gniva covernada dallas uondas, A V. 11.
578 Karl Hutschenreuther
ol: ei daventä tinna gronda müvantada fin la Mar, da tal guifa
ca la naf vaugiva ciirclada da las vellas, Ga. 33.
inna gronda strasaura s'alzä sin ilg lag, aschia ca las undas
devan sur la nav en, C. 13.
ei daventä ina granda moventada, sin la mar, aschia ca la
nav vegniva curclada da las undas, F. 13.
§ 249. Steht ein Komparativ im Verbalsatz, so wird der
modale Vergleichsatz mit oe; co, co cha (che); ue: co cha; oi:
ca (ch') angereiht.
Mat. XIX 24.
oe: Et darchio dich eau ä uns che cun main fadia passa tin
chiamel tres la foura dtina aguoglia co Un arick giaia aint
ilg ariginam da Dieu, R. 1888/91 & B. 11 73.
Mu darchio dich eaii ä vus, Pili choentfch eis, chia ün camel
giaia traes la foura d'üna guoglia, co ch' Un riech aintra
in 1* reginam da Dieu, Gr. 66.
E darcho di eau a vus: L'ais pü facil ch'lin chamel passa
tres la foura d'ün' aguoglia, co cha ün rieh aintra nel
reginam da Dieu, M. 38.
ue: E darcheu, s'dig eug: L'ais plü facil ch'ün camel paffa tras
la foura d'ün' aguoglia, co ch' ün rieh aintra n'il Reginom
da Dieu, V. D. 26.
E darcheu 's di eu: L'ais plü facil ch'ün chamel jtassa tras
la foura d'ün' aguoglia, co ch' ün rieh intra nel reginam
da Dieu, A. V. 26.
ol: Pli maneivel mafs ün Camel tras la rufna d'ünna guila, ch' tin
rieh na vommig ent ilg Reginavel da Dens, Ga. 90.
Ilg ei pli maneivel, ca in camel vommi tras la rusna d'inna
guila, ca in rieh enten ilg reginavel da Dens, C. 35, (Das
Verb des Vergleichsatzes ist aus dem vorangebenden Sub-
jektsatz zu ergänzen!)
Pli maneivel mass in camel tras la rusna d'ina guila, ca in
rieh na vomi en il reginavel da Dens, F. 28.
§ 250. Die proportionale Steigerung (lat. quo — eo; quanto
— tanto) ist wiedergegeben mit:
oe: plü fich che — taunt plü (= plus ßctus quid — tantum
plus).
pü che — e pü che.
quaunt plü che — taunt plü;
ue: plü cha — plü cha;
ol: pli ca — a pli ca, pli ca — tont pli ca; quont ca —
mai tont ca.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 579
Marc. VII 36.
L.: Je mehr er verbot, je mehr sie es ausbreiteten,
oe: Mu plti fich che el Ts hauaiiui Icumaudo, taunt plUgiaiuen
eis dichant, B. I 145; B. II 147.
mu quaunt plU eh' el fcumandaiva ad eis, taunt plü eis
faiven palais, Gr. 135.
ma pti eh'el als scumandaiva, e pü eh' eis publichaivan
que,M. 77.
ue: moplli eh'el feumandav ad eis, plü eh' eis il predgiavan oura,
V. D. 52.
ma plU eh'el scomandaiv ad eis, plü ch'els predgiaivan
oura, A. V. 52.
ol: mo pli eh'el feummandav' ad eis, a pli ch'els clummaven
or, Ga. 183.
mo quont ca el cumandass, mai tont pli ilg rasavan ei
ora, C. 71.
mo pli ca el scuniandava ad eis, tont pli ca eis il rasa-
van ora, F. 53.
g) Die Relativsätze.
§ 251. Von grosser Wichtigkeit sind auch die Relativsätze.
Von dem lateinischen Pronomen 'qui, quae, quod' und dessen
Flektion ist nur im beschränkten Masse als Nominativ:
oe, u. ue. 'chi'; ol. 'ca';
als Oblikus: oe. u. ue: 'cha, chia, chi, che';
ol: 'ca, cui, cui ca' erhalten geblieben.
Mat. IV 16.
oe: (L'g poeuel quael chi steua in la schürezza & in la sumbriva
della mort, ho uis üna liüsth granda, R. 250/2) [vergl.
hiefür Mat. I 17: Et dsieua la praisa cha füt steda in
Babylonia, R 39/40. — Et dfieua la praifa chi fütt ftaeda
in Babylonia ... B. II 2; ersteres sollte wohl auch 'chi'
heissen].
L' poevel chi ftaiva in las fchürezzas, ho vis üna granda
Igüfch, Gr 10.
il pövel, chi dmuraiva nella s-chürdüm, vzet üna granda
gltisch, M. 6.
ue: II pövel chi giafcheiva in fcürezzas, ha vis üna granda lüm,
V. D. 5.
II pövel, chi giaschaiva in ?chürezzas ha vis üna granda
glüm, A. V. 16.
580 Karl Hutschenreuther
ol: Quei pievel ca (afeva en la fcüradengia, ha vieu Unna gronda,
Igifch, Ga. 13.
Quei pievel ca saseva en lu sthiradegna ha vieu inna gronda
Igisch, C. 5.
Quei pievel, ca seseva en la §chiradegna, ha viu ina gronda
glisch, F. 8.
Für den Oblikus
Joh. XXI 25.
oe: E fun aunchia bgierras otras chiofeschi hofatJefus, B. 1387,
B. II 400.
(doch Joh. XVI 15: Tuottes quauntas aquellas chiofes che l'g
bab ho, fun mias, B. I ?; B H 380.)
Mu e Tun eir bgerras otras chioffes chia Jefus ho fat,
Gr. 377.
A sun auncha bgeras otras chosas, cha Gesu ho fat, M. 214.
ue: Mo qua fun eir bleras autras chiaufas, chia Jefus ha fat,
V. D. 143.
Ma qua sun eir bleras otras chosaS; cha Gesu ha fat,
A. V. 139.
ol: Mo 'lg ei ounc bearas autras cauffas ca Jefus ha faig,
Ga. 499.
Mo ilg ei auuc bearas autras caussas ca Jesus ha faig,
C. 197-
Mo ilg ei aunc bearas autras caussas ca Jesus ha fatg,
F. 139.
§ 252. Merkwürdig ist, dass nur Bifrun dem einfachen qui eine
Zusammensetzung mit qualis also ein quael chi, quaela chi,
quaels chi, quaelas chi (Nom), (a)quael che, (a)quaela che,
(a)quel8 che, (a)quaela8 che (Oblik.) in den meisten Fällen vor-
zieht. Auf diese Weise kommt eine Annäherung an den modalen
Konsekativsatz zustande.
Mat. III 8.
L.: tut rechtschaffene Früchte der Busse.
oe: Fasche dimena früts, quaels chi odan ad üna arüflinscha,
R. 175/6.
Fadschö dimena früts, quaels chi odan ad üna arüflenscha,
B. II 8.
Dies meint: Tut solche (so beschaffene) Früchte, dass
sie zur Busse gehören.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 581
Mut. XXIV 41.
oe: Duos quaelas chi muollän in ün mulin, lüna uain ä gnir
praisH & lotni a gnir lascheda. I\. 2465/7; B. II 96, meint
auch: zwei solche, dass sie mahlen.
Mat. XI 20,
L. : Da fing er an die Städte zu schelten, in welchen am meisten
seiner Taten geschehen waren.
oe: Alhura cumenzo el od imbiter las citöds, in quaelas che
l'g era sto fat bgierras sias uirtUds, K. 1009/10.
Alhura cumenzo el ad imbütaer las citeds, in aquaelas che
l'g era fto fat bgierras fias virtüds, B. II 40,
Nirgends finden wir qnalis -+- quid. Wir haben oe. 'in
quaelas' Gr. 35; 'nellas quelas' M, 20; ue, 'in las qualas'
V. D, 14; 'nellas qualas' A, V. 15; ol. ent ils quals (mar-
caus) Ga. 48; enten ils quals C. 18; en ils quals, F, 17.
Mat. XXIV 45.
oe: Chi es aqael famelg d' fö & uez, quael che l'g signer ho
mis sur sia famaglia chel l's detta da mangier in sia
saschun? K, 2474/7.
Chi eis aquel famelg d' fe & vez, quael che Tg fegner ho
mis für fia famaglia chel l's detta da mangier in fia fafchun?
B, II 96.
§ 253. Das ol. hat den Oblikus cui bewahrt, dieser wird meist
noch mit ca verbunden.
Mat. XI 27,
oe: ne alchiün nun cugniouscha l'g bab oter co l'g filg, & a
aquael che l'g filg uuol fer appalais, R. 1033/5 (L.: und
wenn es der Sohn will offenbaren),
ne alchiün nun cugniuofcha l'g bab oter co l'g filg, e a quael
che l'g filg voul f^r appalais, B. II 40.
eir üngün cugnuofcha 1' Bab oter co 1' Filg, & ä chi 1' Filg
voul manifeftaer, Gr. 36.
ed üngün nun cognuoscha il Bap, oter cu '1 Figl, e quel, al
quul il Figl voul manifester, M. 21.
ue: ingün nun cognofch' al Bap, auter co '1 Filg, e quel, al quäl
il Filg haverä vulü manifeftar quai, V. D. 15.
ingün non cognuosch' il bap, oter co '1 figl, e quel, al quäl
il figl avera voglü manifestar quai, A. V. 15.
ol: a nagin ancanufch' ilg Bab, auter ch' ilg Filg, ad 4 cui ch'
ilg Filg vult fcuvrir, Ga. 49.
582 Karl Hutschenreuther
a nagin n' ancanuscha ilg Bab, auter ca ilg Füg, a quel,
ä cui ilg Füg ilg vult scuvrir, C. 19.
a nagin anconoscha il bab, auter ca il figl, ad a cui ca il
figl vult scuvrir, F. 17.
§ 254. Bifrun trennt zuweilen nach antiker Vorlage den
Relativsatz von seinem zugehörigen Worte.
Luc. VII 2.
ExuTovTccQXOV de rivog öovXog xaxdög h'x^^ ijfieXXs Tekevtäy,
og ^v avTM e'yTtfiog.
auch L.: Und eines Hauptmanns Knecht lag todkrank, den er
wert hielt.
oe: Et tin famalg d'tin fchert Centurio hauaiua mel, et traiaua,
quael chi era agli chier, B. I 219.
Et tin famalg d'ün tfchert Centurio hauaiua mael, et traiaiua,
quael chi era agli chiaer, B. 11 223.
§ 255. Das Relativpronomen 'quid' vertritt auch lokale Ad-
verbien.
Mat. XXIV 38.
L.: bis an den Tag, da Noa zu der Arche ging.
oe: infina ad aquel di che Noe antrö in I' archia, R. 2460/1.
infina ad aquel di che Noe antrö in la archia, B. 11 95.
infina in V di chia Noe intret in l'archia, Gr. 86.
infina al di cha Noe entret in 1' archa, M. 49.
ue: fin al di chia Noe antret in 1' Archa, V. D. 33.
fin al di cha Noe intret nell' archa, A. V. 34.
ol: antroqua fin quei gi, ca Noe ei ieus en l'arca, Ga. 117.
antroquan ilg gi ca Noe mä enten l'arca, C. 46.
antrocan sin quei gi, ca Noe ei ius en l'arca, F. 36.
§ 256. Weit häufiger als 'qui' findet 'qualis' besonders im Geni-
tiv, Dativ und Akkusativ Verwendung. Dieses qimlis wird zumeist
noch mit dem bestimmten Artikel verbunden.
Mat. n 6.
oe: Per che our d' te uain a gnir tin düsth quael chi uain ä gu-
uerner mes poeuel da Israel, R. 87/8.
Per che our d' te vain a gnir tin dfifch qu^l chi vain ä guuer-
naer meis poeuel da Israel, B. II 4.
Per che da te vain ä gnir tin Düchia, chi vain ä guvernaer
mieu poevel Ifrael, Gr. 5.
Syntaktisches zu den liitoioinauisclioii Übersetzungeu der vier Evangelien 583
perche da te sortiro il condUttur, il qucl vain a paschanter
mieu pövel Israel, M. 3.
ue: perche da tai vain ä guir ün Capo, il quäl pafchantarä meis
pövel Ilrael, V. D. 3.
perche da tai vaiu a gnir liü capo, il quäl paschantera meis
pövel Israel, A. V. 4.
ol: parchei ca or da tei ven a vangir tin Guvernadur, ilg* qual
ven a pafchentar mieu pievel dad Ifrael, Ga. 6.
parchei or da tei ven ä vengir in guvernadur, ilg qual ven
ä paschentar mieu pievel d'lsrael, C. 2.
parchei or da tei ven ä vegnir in guvernadur, il qual ven
ä paschentar miu pievel Israel, F. 6.
Mat. I 16.
oe: Jacob ho genuieu Joseph marid da Mariae da quaelaes
stö naschieu aquel Jesus, R. 32/4.
Jacob ho genuieu Jofeph marid da Mariae da quaela eisftö
nafcbieu aquel Jelus, B. II 2.
Jacob ho genuieu Jofeph 1' marit da Maria, da quaela eis
nafchieu Jefus Tquael vain nomno Christus, Gr. 3.
e Jacob generet Josef, il marit da Maria, da IIa quela ais
naschieu Gesu, M. 2.
ue: E Jacob generet Josef, marit da Maria: da IIa qualaaisnad
Jefus, V. D. 2.
E Giacob generet Giosef, marit da Maria, della quala ais
nat Gesu, A. V. 3.
ol: A Jacob ha generau ilg Jofeph, ilg marieu da Maria: da la
quala ei nafcheus Jefus, Ga. 3.
a Jacob generä Joseph, ilg marieu da Maria, da la quaela
ei naschieus Jesus, C. 1.
A Jacob ha generau Joseph, il mariu da Maria, da la quala
ei naschius Jesus, F. 5.
§ 257. Bezieht sich der Relativsatz auf ein determinatives Pro-
nomen, das für ein Nomen steht, so wird meist zu den verschiedenen
Flexionsformen von 'qualis' (-|- bestimmtem Artikel) gegriffen. Zu-
weilen steht auch qui; bei Bifrun: qualis -\- qui.
Joh. XIII 26.
oe: Elg es aquel ad aquaeli ch'eau uing ä fporfcher l'g paun
intauufchieu aint, B. I 360.
Elg eis aquel, ad aquaegli ch'eau veng ä fporfcher Tg
paun intanfchieu aint, B. 11 371.
Romanische Forschungen. XXVII. 37
584 Karl Hutschenreuther
quel ais, ä chi eaii veng ä fporfcher 1' baccun intainfchieu,
Gr. 349 (doch Mat. III 3: quaift eis quel, da quael eis
dit . . . Gr. 7).
Quel ais, al quel eau vegn a taindscher aint ed a der il
baccun, M. 199.
ue: L'ais quel, al quäl eug veng ä dar il baccun, dapö l'havair
tenrchü aint, V. D. 132.
L'ais quel, al quäl eu vegn a dar il bacun, davo l'avair
tenscbü aint, A. V. 129.
ol: Ilg ei quel, alg quäl jou veng a dar Unna buccada boingiad'
ent, Ga. 462.
Ilg ei quel, alg quäl jou veng a bungiar ent a dar la
buccada, C. 182.
Igl ei quel, al quäl jou vegn ä dar ina buccada bognad'
ent, F. 129.
§ 258. 'Dasjenige, welches', 'das, was' beim Neutrum heisst:
oe: aque chi, que chi;
ue: quai cha; ol: quei ca(ch').
Mat. I 20.
oe: aque chi es cuncepieu aint in ella, es gnieu delg spiert saenc,
R. 50/1.
aque chi eis cuncepieu aint in ella, eis gnieu delg Spiert
faench, B. II 3.
que chi eis concepieu in ella, eis da l'Spiert faench, Gr. 4.
que ch'.ais in ella genuieu, ais dal Spiert sench, M. 2.
ue: quai ch'in quella ais generä ais dal Spirt fanct, V. D. 2.
quai ch'in quella ais generä, ais dal Spiert Sauet, A. V. 4.
ol: quei ch'ei ratfchiert enten ella, ei d'ilg Soing Spirt,
Ga. 3.
quei ca ei concepieu enten ella, ei dad ilg soing Spirt,
C. 2.
quei, ca ei retschiert enten ella, ei dil Sontg Spirt, F. 5,
§ 259. ^Das, was' als Neutrum auf einen Satz bezogen, heisst:
oe: que que, quael (quel) chi;
ue: 11 quai; ol: quei.
Mat. I 23.
oe: & uignen a clamer ses num Emanuel, quel chi mett' oura
uuol dir: deus cü nus, R. 57/9.
& vegne ä clamaer feis nom Emanuel, quael chi mett'oura,
voul dir: Deus cun nus, B. II 3.
Syntaktisches zu den rätoroiu.anischen Übersetzimgen der vier Evangelien 585
& tu vainft ä clamaer fieu nom Emanuel: que mifs oura, voul
dir: Dieu cuu nus, Gr. 4.
e parturirö un fig-l, il qiiel sarö nonino Emanuel, que voul
dir: Dieu eon nus, M. 2.
ne: e parturira Un filg, il quäl farä clamä Emmannuel: il quäl,
mifs oura, voul dir: Dieu cun nus, V. D. 2.
e parturira ün figl, il quäl sarä clama Emmannuel, il quäl,
miss oura, voul dir: Dieu eon nus, A. V. 4.
ol: a ven a parturir Un filg, ilg- quäl ven a vangir numnaus
Emanuel, quei ei eu niefs languaig, Dens cun nus, Ga. 4.
la juvantschella ven ä daventar purtonta ad ä parturir in filg,
ilg quäl ei vengen ä numnar Emanuel, quei ei en niess
lungaig: Deus cun nus, C. 2.
a ven ä parturir in figl, il quäl ven ä vegnir numnaus Emma-
nuel, quei ei en niess linguaig: Deus cun nus, F. 6.
§ 260. Als substantivisches Pronomen findet für das Maskulin
Verwendung:
oe: 'chi, quei chi, ün chi';
ue: 'chi'; ol: 'qu el ca'.
Mat. V 42.
oe; Ad Uni chi dmanda da te, schi dö: & ad Uni chi agragia
ad impraist, schi nun saiast cuntredi, R. 407/9; B. 11 17.
A chi dumanda da te, do: & chi voul imprailtaer our da te
nun faialt contrari, Gr. 15.
dö a quei chi t' arova ; e nun at volver davent da quei,
chi voul piglier da te ad impraist, M. 9.
ue: Da ä chi t' giavüfcha, e nun contradir la dumanda da chi
voul tour alchüna chiaula ad impraift da tai, V. D. 7.
(Aus dem Italienischen wörtlich Übersetzt. Di od: Va'
a chi ti cbiede, e non rifiutar la domanda di chi vuole
prendere alcuna cosa in prestanza da te).
Da a chi 't giavüfcha, e non contradir la dumanda da chi
voul tour alchUna chosa ad impraift da tai, A. V. 8.
ol: Dai ä quei ca ta roga, a ta volve buc navend da quei ca
vult prender d'amprest da tei, Ga. 20.
Dai a quei ca ta roga, a ta volve bucca navend da quei
c a vult prender da tei ad amprest, C. 8.
Dai ä quei ca ta roga, a ta volve buc davend da quei ca
vult prender d'amprest da tei, F. 10.
§ 261. Die verallgemeinernden Relativa, welche im La-
37*
586 K^i^'l Hutschenreuther
teinischeo durch Verdopplung {qiäsquis, quidquid) oder Verlängerung
{qiiicunque, quilibet) gebildet werden, sind bei Personen:
06: chi, quel chi, scodiin chi, fcodtin quael chi;
ue: chi quel chi, scodiin chi;
ol: chi ca.
Mat. V 22.
oe: scodiin quael chi sMra i neunter ses frer sainza chiaschun,
uain ad esser culpaunt agli giiidizi, E. 352/4.
fcodiin quael chi s'ira incunter Teis frer sainza chiaschü,
vain ad esser culpaüt agli giiidici, B. II 15,
quel chi s'ira incunter (ieu fraer faiuza caufa, eis obliö ä,
r giudici, Gr. 13.
Scodiin chi s'adira cunter sieu frer sainza radschun, sarö
suottopost al tribunel, M. 7.
ue: chi s'adira süu feis frar fainza caufa, farä fuottopoft al
Jüdici, V. D. 6; A V. 7.
ol: Chi ca ven grits lin fieu frar fenza cafchun, ven ad effer
fottopofts alg Dreg, Ga. 17.
C h i c a ven grits sin sieu frar — senza caschun — ven ä ngir
sottoposts alg tribunal, C. 7.
Chi ca ven gritts sin siu frar senza caschun, ven ad effer
suttaposts al dretg, F. 9.
Flir's ue. noch:
Mat. V 19:
mo quel chi l's mettera in effet, e 'Is muffarä, farä clamä
grand, V. D. 6.
Ma quel chi 'Is mettera in effet, e 'Is muosserä, sarä clamä
grand, A. V. 7 (Di od: eolui che gli metterä ad effetto);
und Mat. X 42:
ue: E fcodiin chi haverä dat da baiver folüm ün bachiaer
d'agua fraida ad iin da quaifts pitfchens, V. D. 13.
E scodün chi averä dat da baiver solum iin bacher d'aua
fraida ad ün da quaists pitschens, A. V. 14.
§ 262. Bifrun drückt diese Verallgemeinerung auch ähnlich dem
Französischen '■qui que c^ sott qui' durch einen Teilsatz aus, dessen Verb
im Konjunktiv steht. Vielleicht hat ^lah Bifrun durch seinen längeren
Aufenthalt in Paris, und infolge seines eingehenden Studiums der
französischen Sprache diese Ausdrucksvpeise augeeignet.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzunj^cn der vier Evangelien 587
Mat. V 19.
oe: Et par aqiie quael chi fUs cbi gnis ad ainiper ün da quaists
plii pitschens cumandamuins, & in aquellu guisa amussas la
lieud, aquel uaiii ä gnir aniimDO Vg pitschan ilg ariginam
celestiel, R. 340/3; B. 11 14.
§ 263. Das verallgem einem de Neutrum 'alles; was'heisst:
oe: que, tuot aque chi (che), tuot que;
ue: tuot quai cha (chia);
ol: chei ca.
Mat. XVI 19.
oe: tuot aque che tu uainst ä Her in terra, uain ad esser lio in
schil, & tuot aque che tU dschlias in terra uain ad esser
dschlio in scbil, R. 1604/7.
tuot aque che tu vainft ä liaer in terra, vain ad effer lio
in tfchel, & tuot aque che tu dfchlias in terra vain ad
effer dfchlio in tfchel, B. II 62.
que tu vainft a liaer in terra, vain ad effer lio in Ts tfchels:
& que tu deslias in terra, vain ad effer deslio in l's tfchels,
Gr. 56.
tuot que tu vainft a lier sUn terra, sarö lio eir in tschel; e
tuot qufe tu vainst a slier sün terra, saro slio eir in tschel,
M. 32.
ue: tuot quai chia tu haveraft lia in terra farü liä n'ils tfchels,
b tuot quai chia tu haveraft üia in terra farä fliä n'ils
tfchels, V. D. 22.
(nach Diod: tutto ciö ch'avrai legato iu terra sara legato
ne' cieli, e tutto ciö ch'avrai sciolto in terra sara sciolto
ne' cieli).
tuot quai cha tu averast liä in terra, sara lia nels tschels,
e tuot quai cha tu averast sliä in terra, sara sliä nels
tschels, A. V. 23.
ol: chei ca ti A'-ens a ligiar fin terra, ven ad effer ligiau enten
tlchiel: a chei ca ti vens a sligiar fin terra, ven ad effer
sligiau enten tfchiel, Ga. 77 & F. 25.
chei ca ti vens ä ligiar sin terra, ven ad esser ligiau en
tschiel; a chei ca ti vens ä sligiar sin terra, ven ad esser
sligiau en tschiel, C. 30.
h) Die Kondizional- und Konzessivsätze.
§ 264. Die Konditionalsätze werden mit 's cha' (oe. auch 's chi')
eingeleitet. Diese Konjunktion entspricht dem lateio. 'si'. Im ue. ist
588 K'*^!'! Hutschenreuther
dieses 'scha' zuweilen mit 'pur' gleich italienischem 'se pure' ver-
stärkt. Das ol. gebraucht auch die Fragestellung mit Auslassung der
Konjunktion.
INIat. IV 3.
oe: Schi tu ist filg da dieu, schi cumanda ch'aquaistas pedras
duainten pann, R. 221/3.
Schi tu eift filg da Dieu, fchi cumanda ch'aquaiftas peidras
duainten pauu, B. II 10.
Scha tu eft Filg da Dieu, di chia quaiftas peidras dvainten
paun, Gr. 9.
Scha tu est Figl da Dieu, schi di, cha quaistaa peidras dvain-
tan paun, M. 5.
ue: Scha pur tu eft Filg da Dieu, fchi di chia quaiftas peidras
dvainten pauns, V. D. 4 (nach Diod: Se pur tu sei Fi-
gliuol di Die, . . .)
Scha pUr tu eft figl da Dieu, schi di, cha quaiftas peidras
dvaintan pans, A. V. 5,
ol: Scha ti eis Filg da Dens, fcha gi ca quelta crappa daventig
paun, Ga. 11.
Es ti ilg Filg da Dens, scha gi ca questa crappa daventi
paun, C. 5 (nach L.: Bist du Gottes Sohn, so sprich, . . .)
Scha ti eis il figl da Deus, schi gi, ca questa crappa davent
paun, F. 7.
§ 265. Folgen mehrere Konditionalsätze, so gebraucht Bifrun
slalt 'schi' zu wiederholen, das zweitemal 'cura che', während die
anderen Übersetzer das 'schi' im Wiederholungsfalle weglassen.
Mat. V 23.
^Eav ovv TiQoff^iQTig to ödöqöv cov int to &v(Tia<TTi^Qiop, xaxei
[ivriod-'Tjg . . .
L.: Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst, und wirst
alle eindenken , . .
oe: Et uschia dime schi tU haes appraschanto lieu dri alg
hutaer par hufiferrer, & cura che tu ist allö, che tU
t'alguordas, . . . R. 357/9.
Et ufchea dime fchi tU haeft apprafchätO tieu du alg hu-
taer par huiferrer, & cura che tU eift ajlö, che tu t'al-
guordas, ... B. II 15.
§ 266. Eine Neubildung zeigt Menni in
Mat. XII 33.
L.: Setzet entweder einen guten Baum, so wird die Frucht gut;
oder setzet einen faulen Baum, so wird die Frucht faul.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen clor vier Evangelien 589
oe: Supponi cha '1 b()S ch saja buD, schi sarö bun sieii frlit;
0 supponi cha '1 bösch saja nosch, schi sarö nosch sieu
frtit, M. 23.
§ 267. Die Konzessivsätze, welche im Lateinischen mit eti am
si, qiiamquam, quamvis eingeleitet werden, sind verschiedentlich
wiedergegeben. So finden wir als Konjunktionen:
oe: cumbain (= quomodo -f- bene)^ eir schi, et schi bain,
scha, schabain, scha eir be, schi pur (= ital. si
pure).
iie: schabain, schabain cha (chia), (eine Verschmelzung von
si bene -j- ^^^^^ cÄe); scha, folüm (=ital. se solo);
ol: cumbein ca, er scha, scha er mai (= si -j- etiam -f-
tnagis); scha ge, scha gie (= si -\- Jam); scha na-
guttamai.
Joh. IV 2.
L : "Wie wohl Jesus selber nicht taufte.
oe: cübain Jefus fues nu battagieua, B. I 316.
cumbain Jefus fues nu battagiaeua, B. II 324.
cum bain el Jefus nun battagiaiva, Gr. 300.
schabain Gesu non battagiaiva svess, M. 174.
ue: Schabain chia Jefus iftefs nun battezafs, V. D. 115.
Schabain cha Gesu istess non battizet, A. V. 112 (Di od:
Avegnache Gesu stesso non battezzasse).
ol: Cumbein ca Jefus battegiava bucca fez, Ga. 401.
cumbein ca Jesus battiava bucca el sez, F. 158.
Cumbein ca Jefus battigiava buca sez, F. 112.
Mat. XXVI 35.
L. : Und wenn ich mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht
verleugnen.
Diod: Benche mi convenisse morir teco, non perö ti rinegherö.
oe: Et schi bain fasches bsüng ch'eau muris cun te schi nun t'
uoelg eau sthaier, R. 2692/4.
Et fchi bain fadfches bfoeng ch'eau muris cun te, fchi nun
t' voelg eau fchnaier, ß. II 105.
Scha bain eau ftuefs morir cun te, fchi nun voelg eau
fcbneiaer te, Gr. 95.
Eir seh' eau stovess morir cun te, schi nun at vögl eau
snejer, M. 54.
ue: Schabain eug ftuefs murir cun tai, fchi nun t'völg eug
perö fnegar, V. D. 37.
590 Karl Hiitschenreuther
Schabaiu eu stovess murir con tai, schi non at vögl eu pero
snejar, A. V. 37.
(doch auch mit chia (cha)Mat XXVI 33:
Schab a in chia tuots gniffen fcandelizads in tai, fchi nun
völg eng mä brichia gnir fcandelizä, V. D. 37.
Schabain cha tuots gnissan ^chandelizats in tai, schi non
vögl eu mä bricha guir ^chandelizä, A. V. 37.)
ol: Scba ge* jou ftuefs morir cun tei, fcha ta vi jou bucca
fchnagar, Ga. 128.
Er sc ha jou stuess murir cun tei, ta vi jou bucca schnegar,
C. 50.
Sc ha gie jou stovess morir cun tei, ta vi jou buca snegar,
F. 39.
Marc. V 28.
L.: Wenn ich nur fein Kleid möchte anrühren, so würde ich
gesund.
Diod: Se sol toceo i suoi vestimenti, sarö salva.
oe: fch' eau pur tuoick la fia uefckimainta, fchi ving eau ad
effer guarida, B. I 134.
fch' eau pur tuoick la fia vefckimaiuta, fchi veng eau ad
effer guarida, B. II 136.
Scha eau tuocck fia veftimainta, fchi veng eau fauna,
Gr. 125.
Seh' eau tuock eir be sieu vstieu, schi vegu eau sauna,
M. 71.
ue: Seh' eug folüm tuoch fia viftmainta, fchi veng eug fauna,
V. D. 48.
Seh' eu sol um toc sia vestimainta, schi vegn eu sana,
A. V. 48.
ol: Scha jou tucc naguttamai fia vafcadira, fcha veng jou
fauna, Ga. 168.
Scha jou tucca er mai sieu vastchieu, scha veng jou sauna,
C. 66.
Scha jou tucca er mai sia vestgadira, schi vegn jou sauna,
F. 50.
IV. Die Wortstellung.
Die Wortstellung im Rätoromanischen ist bisher nur immer sehr
8j)ärlich behandelt worden. Bedauerlicher Weise sieht Meyer-LUbke
(§ 753) ganz vom Kätororaanischen ab, As coli (VII p. 509—14) hat
* Deutsches 'wenn sclion'.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 591
sich nur auf gewisse Erscheinungen beschränkt, Gärtner widmet (Ein-
leitung p. XLl) der Wortstellung nur einige Zeilen, Morf weist eben-
falls nur auf einige Germanismen hin, Brandstetter bringt neuer-
dings (§ 104) gewisse auffällige Stellungen des Schweizerdeutschen.
Etwas genauer geht August in '§ 266—69) auf die Stellung der
Satzglieder ein.
Von den bUndnerischen Grammatikern haben im ol. nur Carisch
(p. 168— 72\ im ue. 'Andeer (p. 53—80) Näheres über die Wort-
stellung gebracht.
Was nun die Wortstellung in den rätoromanischen Bibelüber-
setzungen anlangt, so herrscht hierin grosse Willkür, so dass sich
keine strengen Regeln aufstellen lassen. Gewiss ist, dass sich jeder
Übersetzer, soweit er nur konnte, sklavisch an seine Vorlage hielt.
So haben wir im oe. bei Bifrun, Griti, zuweilen auch Menni,
im ol. bei Carisch zumeist griechische Stellung. Die ue. Über-
setzungen sind fast die wörtliche Wiedergabe des Italieners Diodati,
der selbst wiederum häufig gegen seine eigene Sprache sündigt, wäh-
rend sieh die ol. Texte (ausser Carisch) an Luther anklammern.
Eins aber ist sicher, nämlich, dass sämtliche rätoromanischen Über-
setzer, wo sie aus der Rolle fallen und von ihrer Vorlage abweichen^
in der Stellung der Satzglieder unwillkürlich durch das Deutsche
beeinflusst sind.
§ 268. Die allgemeine romanische Ordnung bei der Wortstellung:
Subjekt — Prädikat — Objekt (je mit den verschiedenen Er-
weiterungen) wird von den rätoromanischen Bibelübersetzern durch-
aus nicht eingehalten. Abweichungen davon sind sogar die Regel.
So tritt mit Vorliebe das Subjekt hinter das Verb.
Teils griechischen, teils deutschen Einfluss zeigt im oe.
und ol:
Mat. IV 5.
T6v€ TiaQaXafißävei avzov b öidßoXog sig t^v aylav noXiv.
L. : Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt,
oe: Alhura l'g dimuni l'g ranö in la sainchia cittaed, R. 226/7;
& B. II 10.
Alhura 1' maina 1' diavol in la faenchia Citaed, Gr. 9.
Allura il condüa il diavel nella sencha citted, M. 5.
ue: Lhura il diavel il tranfportet in la fancta citta, V. D. 5.
Lura il diavel il transportet nella sancta citta, A. V. 5.
nach Diod: Allora il diavolo lo trasportö nella santa cittji,
(auch Seg: Le diable le transporta dans la ville sainte).
592 Karl Hiitschenreuther
ol: Lora ilg manä ilg Giavel ent ilg loing marcau, Ga. 11.
Lura ilg manä ilg giavel elg marcau soing, C. 5.
Lura il manä il giavel en il sontg mercau, F. 7.
Durchvregs griechische Stellung zeigt
Mat. VIII 23.
xai iftßävrt avroj eig xö nXoXov, TjxoXovd-ii(Tai^ avToJ ol
/iia&i^ral avrov.
L. : Und er trat in das Schiff, und seine Jünger folgten ihm.
Diod: Ed easendo egli entrato nella nuvicella, i suoi discepoli lo
seguitarono.
Seg: II monta dans la barque, et ses disciples le suivirent.
oe: Et siand antro in la nef, schi sun ieus dsieua el ses dis-
cipuls, R. 684/5.
Et fiand antro in la uaef, Ichi fuu ieus dfieua el feis difci-
puls, B. II 27.
Et fiand el ieu in la naef, Fun feis difcipuls ieus zieua
el, Gr. 25 (Ed el entret in la nevetta, e sieus discipuls al
seguitettan, M. 14 nach L. oder Diod.).
ue: E fiand el antrat in la naf, Ichi '1 leguitaun feis fcularS;
V. D. 10.
E siand el intrat nella nav, schi '1 sequitettan seis sco-
lars, A. V. 11.
ol: A cur el fö ieus en la naf, fcha vanginen fes Juvnals
fu enter ä gli, Ga. 33.
A cur el fo passaus en la nav, savundannen ses juvnals
suenter ä Igi, C. 13.
A cur el fova ius en la nav, vegninan ses giuvnals
suenter ä gli, F. 13.
Ganz antiromaniseb, mit teilweise wörtlicher Wiedergabe des
Griechischen lautet im oe. und ol. (Carisch)
Luc. VII 18:
xul ccTti^yyeiXfxp 'lamvi/rj ol fxad-rjTal avTOv ttsqI nävTUtv xovtoav.
\j.\ Und es verkündigten Johanni seine Jünger das alles,
oe: Et diffen ä Johanne l's fes difcij)nls da tuottes
aquaiftes chiofes, B. I 221 (wörtliche Übersetzung aus
dem Griechischen!).
Et diffen ä Johanne l's leis difcipuls da tuottes
aquaiftes chioles, B. 11 224.
Et tuottas quaiftus chiolfcs hauu lafcho ä favair ä
Joanni feis difcipuls, Gr. 207.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 593
Quaist tuot rappoitettan a Joannes sieus discipiils,
M. 119.
ue: Mo 'Is fculars da Joanne '1 referitten tuot quaiftas chiaufas,
V. D. 79.
Ma 'Is scolars da Gioanne al referittan tuot quaistas chosas,
A. V. 78 (korrekte Stellung nach Di od: Or i discepoli di
Giovanni gli rapportarono tutte queste cose).
ol: Ad ils Juvnals da Johannes Igi figenan k faver tut quellas
cauffas, Ga. 277.
Ad a Johannes figiennen ses juvnals ä saver tuttas
quellas caussas, C. 108.
Ad ils giuvnals da Johannes gli fagenan ä saver tuttas quellas
caussas, F. 79.
Übereinstimmung mit dem Griechischen bezüglich der Nach-
stellung des Subjekts sehen wir im oe. und ue. in
Mat. VI 34.
(xqxstÖv rfl fj/niga ^ xaxla uvT^g.
L.: Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine Plage habe.
ue: Et basta ä scodüni di la sia fadia, K. 546; B. II 22.
e bafta ä fcodün di fia fadia, Gr, 19.
oe: e bafta ä fcodün dy ieis mal, V. D. 8; A. V. 9 (indirekt
durch Diod. aus dem Griechischen: basta a ciascun
giorno il suo male).
§ 269. Deutsche Wortstellung haben wir in zusammenge-
setzten Zeiten bei der Stellung des Subjekts zwischen Hilfs-
verb und Partizip.
Joh. IV 52.
(xai einov ai'TOj) oit x^^? wQav eßdof-iviv cc^rjxev aviop 6 nvQSTog.
L.: Gestern um die siebente Stunde verliess ihn das Fieber,
oe: Hijr ä las fet huras l'abaudunö la feuura, B. I 320.
Her ä las fett huras l'abandunö la feuura, B. H 328.
Hijr ä rhura fettaevla l'ho la feivra lafcho, Gr. 305.
Her, alias set, il bandunet la feivra, M. 177.
ue: Her alias fet huras l'ha la feivra lalchä, V. D. 117.
Her ad uras set l'ha la feivra lafchä, A. V. 113 (doch
Diod: Jieri a sette ore la febbre lo lasciö).
ol: Jer a las fet huras ilg ha la fevra bandunau, Ga. 407.
Jer, a las sett, ilg ha la fevra bandunau, C. 161.
Jer, ä la settavla ura il ha la fevra baundunau, F. 114«
594 Karl Hutschenreuther
Bifrun gebraucht ebenfalls diese Stellung.
Mat. n 3.
oe; Et hauiand udieu aque, schi esHerodes araig conturblo,
R. 79/80.
Et hauiand vdieu aque, fchi eis Herodes araig conturblo,
B. n 4.
Die grösste Freiheit in der Trennung von Hilfsverb und Partizip
durch Zwischenschiebung des Subjekts in Begleitung längerer, näherer
Bestimmungen nach deutscher Art erlauben sieh die ol. Übersetzer
und von diesen wiederum besonders Gabriel.
Luc. IV 40.
L. : Und da die Sonne untergegangen war, alle die, so Kranke
hatten, mit mancherlei Seuchen, brachten sie zu ihm.
ol: Mo cur ilg Solelg mä da randieu, fchi han tuts quels ca
vevan malfauns, cun da minchia fort malfongias, ils manau
tiers el, Gu. 261.
doch: Mo cur ilg sulelg mä da rendieu, manaunen touts sco
vevan malsauns, cun da tutta sort malsongias, quels tier
el, C. 102.
Mo cur il solegl mä da rendiu, mananan tuts quels, ca have-
van malsauns cun da minchia sort malsognas, quests tier
el, F. 75.
§ 270. Das Akkusativobjekt tritt ferner gern an die Spitze
des Satzes, wobei für das oe. mehr der griechische Text, für das
ol. mehr Luther Vorbild gewefen ist.
Mat. XIII 33.
*'^XXr}v naqaßoXriv iXdXi^ffsv uvtoTg.
L.: Ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen.
doch Diod: Egli disse loro un' altra parabola.
Seg: II leur dit cette autre piirabole.
oe: ün otra sumaglia hol dit ad eis, E. 1285/6; B. II 50.
Una otra fumaglia difs el ad eis, Gr. 45.
Un' otra sumaglia als dschet el, M. 26.
ue: nach Diod: El difs ad eis ün' antra fumgenfcha, V. D. 18.
El disch ad eis Un' otra sumgenscha, A. V. 18.
ol: ün antra (umelgMa fchet el ad eis, Ga. 62.
Inn' antra sumelgia schett el ad eis, C. 24.
In' antra sumaglia sehet el ad eis, F. 21.
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 595
Mat. XIII 34.
Tavta nävxa iXäXtiGei' o 'Iij(Tovg iv nagaßoXaig roTg ox^ok;.
Solches alles redete Jesus durch Gleichnisse zu dem Volk.
Auch Diodl Tutte queste cose ragionö Gesü in parabole alle
turbe:
doch Seg: Jefus dit ä la foule toutes ces choses en paraboles.
oe: Et aquaist tuet, ho Jesus faflö tres sumaglias alg poeuel,
R. 1289/90, B II 50.
Tuot quaist ho Jefus favlo in lumaglies ;i l'poevel, Gr. 45.
Tuottes quaistas chosas dschet Gesu al pövel in su-
maglias, M. 20.
ue: Tuot quaiftas chiaufas radlchunet Jefus tras fumg;enfcha8
al pövel, V. D. 18 (nach Diod).
Tuot quaistas chosas raschunet Gesu tras sumgenschas al
pövel, A. V. 19.
ol: Tuot quellas cauffas ha Jesus plidau tras fumelgias an-
cunter ilg pievel, Ga. 62.
Tuttas quellas caussas plida Jesus tras sumelgias avont
ilg pievel, C. 24.
Tuttas quellas caussas ha Jesus plidau tras sumeglias
ancunter il pievel, F. 21.
§ 271. Gerne tritt besonders im oe. nach deutscher Art das
Akkusativobjekt zwischen Hilfsverb und Partizip. Ähnliches
haben wir ja auch beim Subjekt.
Mat. Ill 4.
oe: Mu el Johannes hauaiua sia ueschkimainta fatta our
d'peaus dels chiamels, R. 162/4 & B. 11 7.
Mat. XXI 3'.
oe: schi haun eis qualchiün battieu, qualchilin amazo & qual-
chiün aecrapo, R. 2118/9, B. H 82.
Antiken Einfluss aber zeigt
Luc. XHI 6.
2vxrji^ Bi^i rii iv reo dinneXcSyi avrov ns(fvtsvf.iivnv.
V. Arborem fici habebat quidam plantatam in vinea sua (vgl.
M. L. § 288 u. Zauner §131: habeo caballum comparatum = ich habe
ein Pferd, das sich im Zustande des Gekauftseins befindet).
L.: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzet in seinem
Weinberge.
596 ^*'^ Hutschenreuther
Diod. : Un uomo avea un fico piantata nella sua vignea: (in der
Urbedeutung des Perfekts!);
auch Seg: Un homme avait un figuier, plante dans sa vigne.
oe: tin hauaiua Un boefthc da figs implantO in sia uigna,
B. I 253/4.
tin hauaiua ün boefehg da figs implanto in fia vigna,
B. n 259.
Un tschert havaiva ün boefch da fichs in fia vignia im-
planto, Gr. 238.
Aber: Ün crastiaun avaiva ün bös-ch da fixs, il quel eira im-
planto in sia vigna, M. 138 (nach Tjuther oder C arisch),
ue: Un hom haveiv' ün figuaer implantä in fia vigna, V.D,91.
Ün hom avaiv' ün figuer implantä in sia vigna, A. V. 89
(nach Diod.).
aber o 1 : Ün veva plantau ün pumer da fies en fia vingia, Ga. 320.
In veva in figufer, ilg quäl era plantaus en sia vingia, C. 126
(nach Luther).
In haveva plantau in pumer da fies en sia vigna, F. 91.
§ 272. Die Vorausstellung des Genitivs, welche teils
durchs Griechische, teils durchs Deutsche beeinflusst ist, liebt
nur Bifrun.
Mat. VI 28.
Kai negi ivdvfiat og xl fisgi/itpaTS',
oe: Et dalla uesckimainta che uulais esser pissirus ? R. 528/9.
B. II 21.
Marc. X 44.
efftai nävxdov dovXoq.
L.: soll aller Knecht sein,
oe: daia esser da tuotsjamalg, B. I 158, B. II 161.
Luc. III 8.
yÜYf*^ Y^9 lY/u', oxi dvvaxai 6 Qsog ixxwv Xld-oav xovxatp iysT-
gai xixva xm 'yißQadfi.
L.: Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen
Steinen Kinder erwecken.
06 : Per che ch'eau dich a uns, che deus es puffaunt d'aquaiftas
pedras da aftdaftder fü filgs ad Abrahae, B. I 202.
che Dieu eis puffaüt, d'aquaiftas peidras da afchdafchdaer
8ü filgs ad Abrahae, B. 11 205.
Übersetzung aus keiner anderen Sprache, sondern deutscher
Einfluss liegt wohl vor in Joh. VIII 44:
Syntaktisches zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien 597
ort xpsvffTrjq iffzi xai 6 naziiQ avTOv.
L.: Denn er ist ein Lügner und ein Vater derselbigen.
oe: el es mrifner & da In mazügna bab, B. I 340.
el eis manfnaer & da la manzoegna bab, B. II 350.
§ 273. Der Dativ wird im oe. und ol. gerne an die Spitze des
Satzes gestellt. Hier decken sich griechischer und deutscher
Brauch, so dass anzunehmen ist, dass sich die oe- Übersetzer mehr
nach dem Griechischen, und die ol nach dem Deutschen (Luther)
richteten.
Luc. I 57.
Tfj de 'Eh(sd߀T inXrj(T3)] u XQÖvoi; rov tsüeiu aixriv,
L. : Und Elisabeth kam ihre Zeit, dass sie gebähren sollte.
oe: Et es ad Elizabet cumplieu l'g tijmp da parturir, B. I 193.
Et eis ad Elizabet cumplieu l'g temp da parturir, B. II 196.
Mu ad Elisabeta eis cumplieu l'temp da parturir, Gr. 181.
Mo ad Elisabet s'accomplit il temp da parturir, M. 104.
ue: Mo'l term d'Elifabet s'complit, da parturir, V. D. 70.
Ma '1 temp d'Elisabet as complit da parturir, A. V. 68.
(nach Diod: Or si compie il termine d'Elisabet, da parturire).
ol: Mo ad Elifabet vangit cumplanieu fieu temps da parturir:
Ga. 243.
Mo ad Elisabeth sa cumplanitt ilg temps da parturir, C.95.
Mo ad Elisabet vegnit cumplaniu siu temps da parturir,
F. 70.
§ 274. Auch der Dativ des betonten Fürworts steht durch-
wegs vor dem Akkusativ. Wenn hiebei nicht immer deutscher
Sprachgebrauch massgebend war, so kommt für's ue nur noch die
Sonderstellung des italienischen Horo' in Betracht.
Mat. X 1.
L.: und gab ihnen Macht,
Diod: Diede lor podestä.
aber Seg: il leur donna le pouvoir.
oe: schi hol do ad eis pusaunza, R. 844, B. II 33.
ho el do ad eis pulTaunza, Gr. 30.
(doch: als det possaunza M. 17).
ue: det el ad eis puffaunza, V. D. 12.
det el ad eis pussanza, A. V. 13.
ol: fcha det el ad eis puffonza, Ga. 40.
a dett ad eis pussonza, C. 16.
schi det el ad eis pussonza, F. 15.
598 Karl Hutschenreuther
§ 275. Deutscher Brauch ist im oe. und ol. auch iu der Vor-
stellung des Dativs vor die Prädikatsaussage zu erblicken.
Luc. XVIII 13.
0 Qeog, iXdd^r^Tl f.ioc t« äfiagrcokM.
L. Gott sey mir Sünder gnädig!
Diod: 0 Dio, sii placato inverso me peccatore.
oe: Dens saiast pchiadus a mi pchiadur, B. I 270, B. U 278.
Dieu, faiaft ä mi pchieder gratius, Gr. 257.
0 Dieu, sajast grazius invers me pcheder, M. 148 (nach V. D.).
ue: 0 Dieu, fajaft abuniä invers mal pecchiader, V. D. 98 (nach
Diod).
0 Dieu, sajast abuniä invers mai, pechader, A. V. 96.
ol: 0 Deus, feigias ä mi puccont gratius, Ga. 344.
0 Deus seigias grazius ä mi puccont, C. 136.
0 Deus, seigies ä mi puccont grazius, F. 97.
§ 276. Deutschen Einfluss zeigt ferner die Trennung von
Verb und Präposition durch Fürwörter.
Mat. XXVn 4.
L. : Was gehet das uns an?
Diod: Che tocea questo a noi?
oe: Che uo k nus tiers? R. 2822, B. 11 110; Gr. 100.
Che vo que tiers a nus? M. 57.
ue: Che tuocha quaift pro a nus? V. D. 38.
Che vä quaist pro a nus? A. V. 39.
ol: Chei va quei ä nus tiers? Ga. 135 & F. 41.
Chei va quei tier ä nus? C. 53.
§ 277. In der Stellung adverbialer Satzbestimmungen ver-
fahren sämtliche Übersetzer sehr willkürlich. Man darf sagen, dass
sich die oe-Übersetzer mehr nach dem Griechischen, die ue stets
nach dem Italienischen, die ol. grösstenteils nach dem Deutschen
richteten.
Mat. Xn 12.
cöCTf e^ecTTt. Toig (Ta ßßaa i xaXcog noietv.
L.: Darum mag man wohl am Sabbath Gutes tun.
Diod: Egli e dunque lecito di far bene in giorno di sabato.
oe: Es p6 dime suis dis delg sabatts fer delg bain, R. 1076/7.
Es pö dimae suis dis delg sabatts faer delg bain, B. 11 42.
Per que eis licit fUn 1' fabbat ts da faer bain, Gr. 38.
Syntaktisches zu den rätoromaniachen Übersetzungen der vier Evangelien 599
Uschö aise permiss da fer del bniu nel di del Sabbat, M. 21
(nach V. D.).
ue: Cuntuot uife licit da far bain u'il di dal Sabat, V. D. 15
(nach Di od).
Contuot aise licit du far bain nel di del sabbat, A. V. 16.
ol: Cuntuteiiei dau tieis s'ilg sabbath da far d'ilg bein, Ga. 52.
Parquei eis ei lubieu da far dilg bein ilg sabbath, C. 20.
Cuntut eis ei dau tiers sin il sabbath da far dil bein, F. 18.
Schluss.
Wenn wir die syntaktischen Erscheinungen kurz zusammenfassen
so kommen wir zu dem Schluss, dass von allen Satzteilen eigentlich
nur das Zahlwort von fremden Einflüssen am meisten verschont ge-
blieben ist.
Antiken Einfluss sehen wir besonders beim Verb im Gebrauch
des Akkusativs mit Infinitiv, in der häufigen Anwendung des
Gerundsimoe, ferner im häutigen Vorkommen des zweiten Futurs
im ue, beim Substantiv in der Beibehaltung des lateinischen
Kasus bei Eigennamen, ausserdem bei der Steigerung und Wort-
stellung.
Italienischen Einflnss zeigt ausgiebig das ue, so im Gebrauch
des negierten Imperativs, des bestimmten Artikels, der Prä-
positionen und Konjunktionen.
Weitaus am grössten und über alle drei Dialekte sich erstreckend
ist jedoch der deutsche Einfluss.
Die Anreihung von Substantiven ohne Präposition, die An-
wendung von Adjektiven an Stelle von Adverbien, die Ver-
tauschung betonter und unbetonter Fürwörter, der Gebrauch
der Präpositionen nach deutscher Art, ebenso die beliebte Ver-
bindung von Verben und Ortsadverbien und — last not least
— die freie, ungebundene Wortstellung nach deutschem Brauche
ist allen Dialekten gemeinsam.
Romanische Forachungen XXVII. 38
600 Karl Hutschenreuter.
Nachwort.
Auf meinen Wanderungen durch die rätisebe Bergwelt Graubündens,
deren Farbenpracht scbillernden Eises und trotziger Felsen 8egantinis
Gemälde so berrlich wiederspiegeln, babe ich auch die schöne räto-
romanische Alpensprache liebgewonnen, jene Sprache, welcbe einem
Aschenbrödel gleich, lange Zeit stiefmütterlich bebandelt wurde, und
der erst die Gegenwart die gebührende Achtung zollt. Leider ist dies
schon fast zu spät, denn mit dem Zunehmen der vielen neuen Schienen-
wege, denen kein Alpental heilig ist, und mit dem Aufblühen inter-
nationaler Kurorte ersten Kanges wie Scbuls, Tjirasp und des raffinierten
Luxus- und Sportplatzes St. Moritz, werden auch allmählich die letzten
trauten Laute dieser alten Römersprache verklingen \), um, trotz ver-
zweifelter Gegenbestrebungen einzelner, begeisterter Verehrer, einer
durchgreifenden Germanisierung Platz zu machen.
Wehmütig sucht der Forscher nach den letzten vergilbten Manu-
skripten und Literaturdenkmälern, die nun grossenteils aus den Bücher-
schreinen und Truhen der Dachkammern verschwunden sind. Um so
mehr mahnt uns dies, noch die vereinzelten, spärlichen Reste aus alten
Zeiten mit dem Bienenfleisse eines Decurtins zu sammeln und sie
der Nachwelt zu tiberliefern.
Immer schon trug ich den Gedanken, die schöne rätoromanische
Sprache, und besonders deren Satzbau einer näheren Betrachtung zu
unterziehen. Da war mein verehrter Lehrer, Herr Professor Dr. Gott-
fried Hartmann so liebenswürdig, mir unter mehreren Themen eine
syntaktische Studie zu den rätoromanischen Übersetzungen der vier
Evangelien vorzuschhigeu. Für diese wertvolle Anregung, sowie für
manche schätzenswerte Winke will ich an dieser Stelle meinem, um
die rätoromanische Forschung so hochverdienten Lehrer von Herzen
den innigsten Dank aussprechen.
Die vorliegende Arbeit soll nun aber keine vollständige rätoroma-
nische Syntax bringen, sondern, wie schon der Titel : 'Si/ntakfisches za
den rätoromanischen Übersetzungen der vier Evangelien' besagt, will ich
mich vielmehr darauf beschränken, nur eigentümliche, beachtenswertere,
syntaktische Erscheinungen der Sprache der rätoromanischen Bibel-
übersetzungen der vier Evangelien vorzufUhreu, — Erscheinungen, die
teils dem Rätoromanischen allein angehören, teils durch fremden Einfluss
herbeigeführt sind.
Da eine solche Arbeit bei der Fülle des Stoffes immer etwas Will-
kürliches auf sich hat, so möge mein bescheidener Versuch mit Nach-
sicht aufgenommen werden!
1) Älinliches hierüber Luzi, p. 3 — 4; s. Walberg: Avvertenza.
Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung.
Von
Robert Gros, Frankfurt a. M.
Wechsel von Labitilis und Gutturalis im Romanischen.
Zunächst gebe ich einige Fälle, bei denen augenscheinlich eine
Liquida, zumeist r die Vertauschuiigen herbeigeführt hat:
Span. gramil > bramil Michaelis, Stud. zur rom.
Wortschöpfung 1876, p. 237.
grutesco > brutesco „
bramido > gramido „
brugidor > grugidor „
bronia > groma (andalus.) „
Ital. grappolo > dial. varpell
(frz.) glisser mant. sblissar
ven. sbrissar
brumesta > piem, grUmestja
neb'lus > sie. nigghiu. Arch. Lat. Lex. IV, 131
? taurus > taguru (Süd.-Ital.)
laurus > laguru „
Vegliot. muovere > mugro
s. Bartoli: Das Dalmatische II, p. 383.
Franz. socerum > suevre
sugrundia > sevronde.
S. über dieses Wort Rüusch, Collect, phil. p. 152 und Kuhns
Zeitschr. XXXVII, p. 185.
feu brison — feu grison.
corrogata > corvee.
R war im Romanischen ursprünglich überall ein Zuugen-r. Es
liegen also in den obigen Fällen entweder Annäherungen oder Diiferen-
zierungen der Artikulationsstellen vor. Bei „grutesco" wurde die Arti-
kulation des g durch die dentale Aussprache des r beeinflusst, bis
schliesslich statt des g ein b eintrat, d. h. ebenfalls ein im vorderen
Teil des Mundes artikulierter Laut. Genau das Gegenteil trat ein in
Fällen wie „broma> groma". Diese DitTerenzierung der Artikulations-
()02 Robert Gros
stelle fand eine Stütze in der Tatsache, dass auch das dentale r velare
Elemente enthält').
Wenn die Erklärung von gramil > bramil sich als richtig erweisen
sollte, so könnte man auf der gleichen Grundlage enterver < interrogare
erklären. Man würde dann von interrogare (au dessen Stelle As coli,
A. Gl. J. III, p. 106 ja ein interrogvare setzen wollte) ausgehen. Wir
besitzen im Spanischen die Form entergar (s. Michaelis p. 237) und
eine ähnliche Gestalt muss das Wort auch im Altfranzösischen gehabt
haben. Wir hätten dann hier denselben Vorgang wie bei gramil >
bramil, nur dass die Assimilation in umgekehrter Richtung stattgefunden
haben müsste.
Bekanntlich wandeln im Romanischen Worte mit anlautendem
germanischen tv diesen Laut in einen labiovelaren Verschlusslaut. Wir
finden jedoch auch bei nichtgermanischen Worten die Ersetzung eines
anlautenden stimmhaften Labials durch einen stimmhaften Velarlaut:
Franz. vallus > gaule Zeitschr. für rom. Phil. XVIII, 220;
XXI, 456
vervactum > gueret
Span, gurujo — burujo (Michael, p. 237).
gofetä = bofetada (andalus) „ „
gorracho = borracho „ „
gunuelo = buüuelo
gurro = burro
Sard. gurpe < vulpem Wagner, Südsard. p. 34.
Rät. vulpem >golpe Gärtner p. 188.
vomere > gomer Schneller, Die rom. Volksmund-
arten p. 90.
gomitare
vocem > gos
Ital. vocem > gosa (lunig.) Jahresb. V, I 130.
bergam. go lader „
cors. gulinteri = volontieri „
? varius > gajo Kört. 1718.
vocitare> goita (perug.) P arodi, Rom. XXVII, p. 238.
„ > sgutä (marchig.) „ „ „ „ „
„ > sgudare (trent.) „ „ ,, „ „
volare > golare „ „ „ „ »
vomere > gomerä etc. „ „ „ „ „
1) Vietor (Elem. der Phonetik p. 208) sagt vom Zungeii-j-: „gleichzeitige
gutturale Hebung des Zungenrückens scheint durch das Emporrichten der
Zungenspitze bedingt zu sein". Vielleicht Hesse sich auf dieser Basis eine be-
friedigende Erklärung geben. Sie würde sich auf experimentelle Untersuchungen
stützen müssen.
Kleine lieitiiigc zur lomaniselien Lautforschimg 603
ö vol;'i>.s golü Neumaiiu, Zcitsclir. XXVITI, p, 300
svilui)i)0>fc;g-iilui)i)0 „ „ „ „ „
vuotaro > govetä „ „ „ „ „
Meycr-Liibkc, Rom. Gram. T, 340 fuhrt dicseu Wundel mit Recht
auf den velaren Vokal zurück. Es lässt sich jedoch zeigen, dass auch
nocii andere Gründe das Zustandekommen dieser Formen begünstigt
haben kiiniieu.
In dem Dialekt der Marche (s. Neumann -Spallart, Zeitschr.
XXVIII, p. 300) wechselt v mit g, konstant in „volare" und „volpe";
am vcrbieitetsten ist der völlige Schwund. Dieser Schwund der an-
lautenden Konsonanten ist natürlich von satzphonetischen Bedingungen
abhängig. Das heisst v und (j sind ursprünglich wohl nur in post-
vokalischer Stellung gefallen. Es bestand also nun ein Kampf zwischen
Formen mit erhaltenem v bezw. g und solchen mit geschwundenem
Anlaut. In diesem Kampfe haben hier die letzteren gesiegt. In ein-
zelnen Fällen jedoch sind die konsonantischen Formen durchgedrungen
und dabei sind nun g und v, die ja unter einer bestimmten Bedingung
ein gleiches Schicksal gehabt hatten, miteinander verwechselt worden.
Tatsächlich findet diese x\nschauung ihre Bestätigung: „nna volta" wird
zu „unn ota'-, andererseits wird „una gabbia' > „una (h)obbia" und
durch einen Vorgang, den man in der Tat nur als „umgekehrte Sprech-
weise" bezeichnen kann, wird nun „non e atto" zu „non e gatto".
Wagner in seiner Schrift über die südsardischen Mundarten p. 34
erwähnt, dass bei sard. „gurpe" aus „vulpem" nicht gut mit einer Er-
klärung aus dem Germauischen durchzukommen ist. Vielleicht haben
wir hier die Spuren ähnlicher Vorgänge, wie in dem eben besprochenen
Dialekt der Marche. Kennt doch auch das Sardische den Schwund
anlautender Konsonanten in intervokalischer Stellung: „sa femina" >
„sa cmina", dagegen: „sas femiuas" (siehe A. L. L. XI, p. 601).
Immerhin wird sich die Frage vorläufig schwer entscheiden lassen.
Bevor ich weitergehe, will ich hier eine eigentümliche Erscheinung
aus dem Spanischen erwähnen. Bei Worten, die ue im Anlaut besitzen,
entwickelt sich Spanisch öfter ein gue, das bis jetzt noch nicht erklärt
ist. Man kann es nicht durch germanischen Einfluss begreiflich machen;
denn es sind echt romanische Worte, die hier in Frage kommen. Nun
ist bekannt, dass im Spanischen n + n ein ng ergibt:
manualem > mangual
mmuare > menguar.
Wenn wir nun güeso statt hueso, güesped statt huesped, güevo
statt huevo, güerto statt huerlo finden, so lässt sich vielleicht annehmen,
dass sich hier das g hinter dem unbestimmten Artikel „un" entwickelt
hat. un uerto, un uevo. die ja in der Sprache sehr häufig vorkamen,
konnten dieselbe Entwickelung wie manualem durchmachen.
604 Robert Gros
Auf derselben Grundlage wie die Fälle mit anlautendem g statt v
kann man nun auch den Wechsel zwischen g und v im Inlaut erklären
Man hat da vielfach mit dem Terminus „hiatustilgender Übergangsiaut"
operiert, aber ich glaube nicht, dass man das heute noch uls Erklärung
gelten lassen kann. Bevor Beispiele gegeben werden, sei ein Hinweis auf
das Lateinische gestattet, wo wir einen charakteristischenFalldes Schwun
des eines Lautes und seiner späteren Wiederherstellung vor uns haben.
Im Latein ist intervokalisches v zu Beginn der Kaiserzeit zunächst
vor u gefallen; dann griff die Tendenz weiter um sich:
Fhivus>Flaus CIL. 11 950
vivus > vius „ VI 3574
(s. Sommer, Laut- u. Formenl. p. 175).
flavu8>flaus App. Prob. 62
(s. Schuchardt, Vok. II, 472).
flavus > flaus CIL. I 277
„ VIII, 9422
avus>au8 App. Prob. 29
(8. Heraus, ALL. XI, p. 306).
Faentiae CIL. III, 3582
Paimento „ VI, 122
favilla > failla App. Prob.
pavorem > paor etc.
Bei den vier zuletzt genannten Worten wird der anlautende Labial
dissimilierend mitgewirkt haben, den Schwund des v zu beschleunigen
(s. Thurneysen, Ind. Forsch. IX. Anzeig. p. 36). Diese Tendenz
vermochte jedoch nicht sich durchzusetzen. Vielleicht unter literarischem
Einfluss wurde das ^;, das ja auch nur vor u und o eine starke Tendenz
zu fallen gezeigt hatte, wieder befestigt. Man hatte „vius" aber „vivi".
Von vivi aus ist dann aber auch vivus neu gebildet worden.
Ganz ähnlich muss die Entwicklung im Romanischen vor sich ge-
gangen sein. In der Tat finden wir auf allen Gebieten, auf denen v
und g im Inlaut wechseln, dass unter gewissen Bedingungen beide
Laute die Tendenz zeigen, völlig zu schwinden. Diese Tendenz ist
aber nirgends zum Durchbruoh gekommen. So glaube ich denn, dass
wir in den meisten der hier folgenden Fälle verkehrte Rekonstruktionen
zu sehen haben. Ausserdem aber halte ich es für möglich, dass bei
einigen der hier in Betracht kommenden Worte Allegroformen mit ge-
schwundenem und Lentoformen mit erhaltenem Konsonanten neben-
einander existierten. Bei den Formen mit anlautendem g statt v war
der Grund fUr die Verwechselung darin zu suchen, dass in intervokali-
scher Stellung beide gefallen waren, hier im Inlaut hätten also die
gleichen Allegroformen zu einer Verwechselung der verschiedenen
Lentoformen fuhren können.
Klciuc Ik'itijigc zur lomaiiiaelicn Lautforscliung 605
Beispiele:
Nebeneinander Sj)un. fabuoo < faguco
jabcga — jiibeba
calabozo — calagoxo
caoba — caoga
marabuto — maraguto
(s. Michaeli.s, Stud. p. 237).
Beifabucoausfaguco ist das 6 offenbar durch Dissimilation entstanden,
rimi. nebula> negura ALL. IV 130.
favulus> fagur Tiktin, Elem. p. 69.
Rät. cigola, nugola rugolar
Sclineller, Rom. Volksmundart p. 90.
Sard. pajura s. Wagner p. 25.
Für das Frunzösiscbe verweise ich auf die Karten „profond" und
„dedans" des .,Ath'.s. ling." (Gart. 1095 u. 381) die im 8iiden zahlreiche
Formen mit g aufweisen.
Ital.: pagura Arch. glott. XIV; p. 231.
meutogar ,, „ „ „
doghexe neben doexe „ „
colego „ coleo „ „
rubiis > rovo, rogo
jugum>giovo, giogo Meyer-L.-d'Ovidio p. 107.
fravola > fragola Neumann, Zeitschr. XI, p. 45.
Uvula > ugola
stiva > stegola (?)
pavonem > pagone
frivolus > frigolo
.sebum>sego Kört., Lat.-Rom. W. 8549.
äucfiva = acciuga Zeitschr. XIV, p. 154.
doga>dova Meyer-L., It. Gr. p. 122.
fagus>favo „ „ „ „ „
cipolla> sigolla „ „ „ „ „
regond, legüt „ „ „ „ „
rovora > rogora „ „ „ „ 125.
pav. milan.-legora „ „ „ „
Siz.: pogiru, agunanza, nugolo, pagolino,
papavero > papaghero Salvioni, Jahresb. IV, I 168-
meta > mega (padov.) „ „ „ „ „
Nach Meyer-Lübke sind auch sciagura und agosto sekundär
gebildet.
uva > liga Salvioni, Dial. di Milano p. 212.
bergam. nigola M.-L., Rom. Gr. I, 443.
„ legor „ „ „ „ „
606 Robert Gros
Dass die Einschiebung des g nicht direkt von dem Labial ab-
hängig ist, zeigt die Tatsache, dass es öfters auch an Stelle von Den-
talen vorkommt.
credulus > cregul Bergell, s. Zeitschr. VllI, p. 194.
sudorem >■ sügur etc.
Wenn es erlaubt ist, aus einem andern Sprachgebiet eine analoge
Erscheinung heranzuziehen, so möchte ich auf das Bretonische bin
weisen (s. Ernault, Mem. de la Soc. ling. VI 431, Vil 496). Hier
kommen Verwechslungen vor zwischen b, g und m. Diese Erscheinung
beruht wohl auf einer Tatsache, die der von uns ausgesprochenen Er-
klärung zur Bekräftigung dienen kann. Die drei erwähnten Laute
können nämlich im Bretonischen sich in v verwandeln. Dieses gleiche
Schicksal hat wohl auch hier zu ihrer Identifizierung und später zu
ihrer Verwechslung geführt.
Über „soif" uud Verwandtes.
Die Frage des Wandels eines auslautenden französischen Dentals
zur labialen Spirans ist von Gröber (Zeitschr. II, 459) behandelt worden.
Er meint, bei soif und blef sei die labiale Spirans rein graphischer
Natur und auf analogische Beeinflussung zurückzuführen, bei den mit
dem germanischen Suffix „-bod ' zusammengesetzten Eigennamen habe
das französische Wort „boeuf" eine starke Einwirkung ausgeübt ; „fief"
aus „feod" führt er auf „fiever" zurück und betrachtet es als deverbales
Substantiv.
Dieser Anschauung trat Gaston Paris entgegen, (Rom. VIII, 135)
und er glaubte stets, dass hier ein rein phonetisches Problem vorliege,
nämlich der tatsächliche Übergang von t bezw. d zu /. Vgl. Paris,
Journ. desSavants 1900, p. 365, wo er jedoch keine befriedigende lautliche
Erklärung gibt. Es ist zur Erklärung von „soif" die analogische Ein-
wirkung von „boif" angeführt worden. Es ist nicht zu leugnen, dass
dieses Wort auf soif gewirkt haben kann. Aber es soll gezeigt werden,
an welchem Punkte diese aualogische Wirkung einsetzte. Wir besitzen
jetzt ein gewichtiges Argument gegen Gröbers Auffassung unseres
Problems, nämlich die Karte soif des „Atlas linguistique" (Karte I). Sie
zeigt, dass soif heute ein / auf einem geographisch zusammenhängenden
Gebiete besitzt. An eine rein graphische Entstehung des / kann man
schon angesichts dieser Tatsache nicht glauben.
Den richtigen Weghat Varnhagen (Zeitschr. X, 299) eingeschlagen.
Er behandelt dort die französischen Worte mit auslautendem Dental,
die im Englischen auslautende dentale Spirans zeigen: feit > feith,
maugreth etc. Dieses auslautende th^ das im Französischen schon in
einer sehr alten Zeit existiert haben muss (Zeitschr. XX, p. 322), ist
Kleiue Beiträge zur romanischen Lautforschung 607
im Laufe des elften und zwölften Jahrhunderts, zuerst im Normannischen,
geschwunden. Bei dem Schicksal dieser auslautenden Spirans werden
satzphonetische Verhältnisse eine starke Einwirkung gehabt haben.
th ist wohl zuerst da entstanden, wo ihm ein vokalisch anlautendes
Wort folgte. Es wurde dann verallgemeinert und auch in antekonso-
nantiseher Stellung gebraucht. Dann trat eine neue Spaltung in ante-
konsouantische und autevokalische Formen ein und //nst wahrscheinlich
zuerst vor konsonantischem Anlaut gefallen. Erst auf der Etappe th
setzte die aualogische Beeinflussung ein. Und hier gab die Analogie
nur einen Grund mehr für einen Lautwandel, der auch sonst romanisch
durcbaus nichts Unerhörtes ist. Bevor ich zu diesen Beispielen über-
gehe, will ich noch eine Anzahl Belegstellen für das Vorkommen der
Formen mit / geben.
soif (im Reim), Eust. le moiue, s. Rom. XVIII, 328.
bod > beuf, Limbof, XL Jahrhundert,
s. Joret, Melauges de phon. norm. p. XXXI V.
Apfel St., Lothr. Psalter, Altfr. Bibl. IV:
soif 41, 2
pechief 105, 36
nif 83,3; 103.17; 103,18
muef prolog. 2, 8
nif, Miracle de Notre Dame VIII, 169
allod>alleuf, burgund. Frz. Stud. VII, 117
blef (aber ny), Foerster, Lyon Ysop, 1963 u. 131
blef und ble, Gottschalk, Mundart v. Provin p. 36.
Um den Wandel von th > / begreiflich zu machen, lässt sich
schon das Altitalische anführen:
gr. dvfioq altiiid. dhümas entspricht lat. fumus
gr. eQvd^go'g umbr. rufru
lat. medhis osk. mefiai
lat. aedes osk. Ailfineis {Yg\. Mem. Soc. Ling. VI, p. 223).
Siehe auch: german. fliehen = got. ))liuhan
flehen = got. plaihan.
Beiläufig sei aus dem Albanesischen erwähnt:
Savfia '^favmäs
&QOvoq '^ fron
ital. sica > &ixe > fik etc.
(Jahresber. des rumän. Sem. X, p. 39.)
Auch das Rumänische kennt die gleiche Entwicklung:
gr. Xoyo9sT7j<; > logofat,
Tiktin, Elementarb. p. 54.
608 Robert Gros
Gerade der Vergleich mit dem Rumänischen scheint darauf hinzu-
deuten, dass der Wandel von th'y f auf einer Stufe eintrat, wo die
Artikulationsstärke des th schon sehr herabgesunken war, d. h. wo es
wenig mehr als ein Hauchlaut war. Das Rumänische kennt nämlich
den Wandel von h > /'):
prah > praf
vrah > vraf, Popovici, Rum. Dial. I, 123.
bulg. hlaku > rum. fläcäii
vruhu — virf
prah — praf, Tiktin p. 53.
Über ^>/siehe ferner Weigand, Sprache der Olympo-Walaclien
p. 48.
Tn ganz besonderem Masse geeignet, unsere Anschauung zu be-
stätigen, ist das Rätische. Gärtner, Rät. Gram. p. 187 gibt für Colle
die Form ,,sef' (s?7/s) für Obcr-Comelico dagegen die Form „seidi".
Ferner gehört wohl hierher:
rät. nodus > nuff, Rom. Forsch. XIV, 589.
wo jedoch Looser das / als „hiatustilgend" bezeichnet.
Aber aus dem Französischen selbst bietet der „Atlas liuguistique"
zahllose Fälle des Wandels einer dentalen Spirans zur labialen.
Cent > fwä
Carte 211 N.
967
„ >f^
11 11 11
958
cing > fe etc.
11 2892)
sanglier > feghfr
„ 1188 N.
937
fraise > fref
„ 608 „
192—94
maison > mafn
„ 791 „
956
ensemble > äfäble
„ 464 „
957
„ > efwfeblc
11 11 11
967
chanson > tsäfu
11 -^^1 11
968.
Dieses Wort verdient eine besondere Berücksichtigung. Denn ausser
der obenstehenden Form finden sich noch andere sehr merkwürdige
Gestaltungen :
tsählo 977
fäsS (s = ») 959
safö Hautc-Savoie
sasö 953
säö 963
fäu 973.
1) Vgl. frz. freux zu gerni. hrok, frimas zu germ. liriiii.
2) Hier sei bemerkt, dass bei cinquante (Carte 291) die Tormeu mit / nieht
auftreten. OiVenbar repräseutiert eiiKj als das h ä iif'igere Wort die volks-
tümliche Entwicklung. Oder sollten dabei phonetische Dinge z.B. der Akzent
eine Rolle spielen?
Kleine Beitrüge zur loraanischen Lautforschung 609
Wenn sich jetzt noch das anlautende / über h verflüclitigt, dann
sind die Konsonanten von cantionem sämtlich verschwunden!
avancer > ävafi Carte 77 N. *.)57
neptia > ijese > nefe Carte Uli (Savoie)
noce > nöfe „ 913
lait > läse > läfe „ 746 (II. Savoie)
bo8su>bofu „ 149 N. 945, 940 etc.
place > plafe „ 1204.
Man vergl. ferner rateau (Carte 1132), poussiere (C. 1078), puisse
(1085), secher (C. 1210) und viele andere.
Der Wandel eines dentalen oder interdentalen Spiranten > /ist also
französisch durchaus nichts Ung-ewöhnliches.
Noch einige Worte über analogische Wirkungen, die hier statt-
gefunden haben. Der „Atlas" bietet im Süden des „soif- Gebietes"
Formen mit auslautendem r. Ich glaube nicht zu weit zu gehen, wenn
ich für die Erklärung dieser Formen den Infinitif „boire" heranziehe.
Und diese Anschauung findet ihre Bestätigung dadurch, dass an einigen
Punkten „soif' durch envie de boire völlig ersetzt worden ist. (Siehe
Gauchat in Melanges Chabaneau p. 871 ff) Wenn sich ausserdem
im Südosten Formen mit nasaliertem Vokal vorfinden, so haben wir
vielleicht hier eine Einwirkung des begrifflich eng assoziierten „faim"
vor uns. Ob die Analogie mit „faim" der alleinige Grund für diese
Erscheinung ist, muss dahingestellt bleiben.
Jeanjaquet Festschr. für Morf, p. 290 gibt Beispiele für f:
luef (locu)
juef (jocu)
Chief (casa)
clochief (cloccariu)
teif (tectu)
lief (lectu)
ebrief (hebraeu).
Diese Beispiele, deren /"Jeanjaquet als „non etymologique" be-
zeichnet, unterliegen verschiedener Beurteilung.
Für „luef" und , juef" muss man wohl nach dem Vorgang von
Fr. Neumann von der antevokalischen Form „lueu", „jueu" ausgehen.
(siehe habuit). Diese Formen erhielten vor konsonantischem Anlaut und
in Pausa gebraucht den stimmlosen Endkonsonanten.
„teif", „lief" würden unter die oben vorgetragene Erklärung von
„soif" fallen, „ebrief" verdankt wie „juif" sein / einem Suffixwandel
ebraeu > ebriu, iue beeinflusst durch antiu, antive (oder ähnl.).
ergibt: ebrieu, cbrive, dieses beeinflusst
durch: attentif, ive etc.
ergibt: ebrief, ebrive.
610 Robert Gros
Schciübar unvermittelt gehe ich hier zur Besprechung- von Fällen
über, in denen sich statt des Dentals ein auslautender /c-Laut zeigt.
Wir haben also französisch nicht nur „nid" > „nif", sondern auch
„nid" > „nik". Ich werde später ver.suchen, diese beiden divergierenden
Tendenzen in Zusammenhang zu bringen.
Es ist ohne weiteres klar, dass in nid > nik nicht ein Übergang
von d^ k vorliegt. Ich wüsste nicht, wie man einen solchen phone-
tisch wahrscheinlich machen wollte. Das k niuss also aus dem Vokal
entstanden sein, wenn es lautlichen Ursprungs ist. In der französischen
und rätischen Schweiz sind solche „parasitischen" Palatal- und Velar-
laute längst bekannt und registriert worden. Für Frankreich gibt jetzt
der „Atlas" neues Material. Wenn ich im folgenden die rätischen
Beispiele an die Spitze setze, muss ich dazu zweierlei bemerken. Ein-
mal, dass die Erscheinung im rätischen noch lange nicht genug er-
forscht ist, um mehr als andeutungsweise behandelt zu werden. Wie
Morf (Archiv 119, p. 402) in seinem Basler Vortrag erwähnte, ist sie
im Tessin noch zu entdecken. Zweitens ist es nicht auszumachen,
welcher Zusammenhang hier zwischen der rätischen und der franzö-
sischen Schweiz besteht. Dreht es sich um selbständige Entwicklung,
die hier und dort zu demselben Resultate führte, oder liegt ein tieferer
Zusammenhang vor? Ohne dieser Frage näher zu treten, glaube ich,
dass wir die Erscheinungen in der gleichen Weise erklären müssen,
weil, wie ich meine, die gleichen phonetischen Bedingungen für beide
gelten.
Hier eine Reihe von Beispielen aus Gärtner, Rätorom. Gram.;
pensnm > p^ks (Bergün)
lepus > legvra (Samaden, p. 174)
sebnm > seif
> sekf (Schweiningen)
sera > segra
sex > s§i8> seks
filu > feil > fekl (Bergün)
„ „ > fikl (Samaden)
dies>deks (Schweiningen)
„ > dzeks (Bergün)
„ > diks (Oberengadin)
sitis > sekt (Samaden u. Bergün) soif !
treis> treks „ „ ?,
vivere > vegver (Bergün)
„ > vigver (Samaden, Scanfs)
camisia > txamigza (Sam., Berg.)
obscurus > stxikr (Schweiningen, Berg.)
lepus >lyokr (Berg.)
Kleine Beiträge zur romanisclion Laiitforscluing 6[t
nivem>iiekf (Schweininger, Berg.)
vetulii > vekla (Noiisberg)
Stella > steg-k (Berg.) ^
Und ferner:
Ovum > okf (Bergün)
lupUH > lokf (Schweiniugen)
„ > lukf (Bergün)
hora > iigru (Samaden)
vocem > vuks (Öchweiuingen)
„ > vüks (Bergün, Saiuud., Scanfs)
novem > nokf (Samaden)
uva>egva (Bergün).
Hier fällt zunächst das abwechselnde Vorkommen von k und g ins
Auge, Es bildet jedoch keine Schwierigkeit. Denn k steht durchweg
vor stimmlosen, g vor stimmhaften Lauten. Was nun die Erscheinung
selbst angeht, so möchte ich vorschlagen, darin eine besonders weit-
gehende Diphthongierung zu sehen. Jede Diphthongierung ist eigent-
lich eine Differenzierung. Aus einem einheitlichen Laut entstehen
zwei verschiedene Laute. Und zwar tritt zunächst Zweigipfelig-
keit des Akzentes ein. Dann fällt das Hauptgewicht dem einen
der beiden Akzente zu. Erst infolge dieser Akzentdififerenzierung
tritt nun auch eine qualitative Veränderung der Vokale ein. Diese
qualitative Differenzierung ist nun in den Fällen, die uns be-
schäftigen, so weit gegangen, dass z. B. aus ei ein ek werden konnte
Bei ei hebt sich die Zunge nach dem Palatum hin. Der phonetische
Vorgang war nun der, dass die Zunge dem Palatum so weit genähert
wurde, bis sich ein palatales Reibegeräusch {ch in ,^ich^^) eiubiellte.
Dieser Geräuschlaut hat sich dann, wie ich vermute, zuerst vor Konso-
nanten, zu einem Verschlusslaute gewandelt. Was nun Fälle wie
Ovum > okf angeht, so liegt hier eben derselbe Vorgang vor, nur dass
wir statt der palatalen, velare Laute haben.
Unter welchen Bedingungen konnte sich nun dieser eigentümliche
Lautwandel einstellen? Ich denke, dass er von der Betonung der Worte
im Satzzusammenhange abhängig ist. Bei starker Akzentuierung und
besonders in Pausa wird er sich wohl zuerst gebildet haben. Diese An-
schauung wird weiterhin noch ihre Bestätigung finden.
Wenn ich nun zu den französischen Beispielen übergehe, so findet
sich für diese keine andere Erklärung als für die rätischen. Im Wallis
ist die Tendenz, ,.parasitische'' A;-Laute hervorzubringen, so stark, dass
diese Laute bis in die flexivischen Elemente eingedrungen sind. Man
vergleiche hier die Beispiele, die sich bei Z immer li. Die deutsch-
franz. Sprachgrenze und Lavallaz, Le patois d'Herömeuce, sowie im
Q^2 Robert Gros
„Atlas liog." findeu. Der Schweizer Sprachatlas wird natürlich ein viel
reicheres Material liefern.
Zimmerlilll, 152; venire > enek, venek (Chaley, St. Luc)
amicum > amek (Chaley, 8t. Luc)
„ > amik (Evolene, Pinsec)
sitim > sek (Evol,, Chaley, Pinsecj
digitum > dek (St. Luc)
ripa > rrgva (Chal., Pins.)
„ > regva (St. Luc)
(reiva Montana!)
leporem > ligvra (St. Luc)
libram > ligvra (Evol., Pins.)
,, > ligbra (Chal.)
„ > legvra (St, Luc) (lei.vra Montana!)
frigidum > frek, directum > drek (Evolene)
tectum > tek, ptsum > pek, pilum > pek „
uivem > nek, nek (Evol., Chal., Pinö.)
punectum > punek (Chal., St. Luc)
„ > punik (Pins.)
vivere > vigvere (Evol., Pins.)
„ > vigbere (Chal.)
„ > vegvere (St. Luc)
(veivere Montana)
legere >ligre (Evol.)
„ > iTgere (Pins.)
„ > legere (St. Luc.)
rationem > regzö (Evol.)
noctem > nek (Chal.)
gelosum > zalök (Evol.)
lupum > lök „
nepotem > neok „
paucum > pük (Montana)
nudu> nük (Evol.)
vendutu > venduk (Evol.)
*vidutu > viuk etc. (Evol.)
duru > duk (Chal., St. Luc)
maturu> ma(u)k „
„ > mavuk (Pins.)
nodum>nöks (Evol.)
nö(u) (Chal. Pins.)
> nül Montana')
1) Für nül weiss Ziuamerli keine Erklärung zu geben. Vielleicht ist die
folgende anuehnibur: Wie ;uia Zimiuerlia Listen hervorgebt, wandelt sich in
Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung 613
caldariam > tsugdire (Chal., 8t. Luc)
> tso^dire (Evol.)
o
ascuItaro> ahokta (Chal )axokta(Pins., 8t. Luc)
eultellu > kukte (8t. Luc)
falciculam> foksele (Cbal.)
„ > fuksile (Pins.)
pulvis > püksa (Kvol.)
auriculaiii > og-reic „
autumiius > oktou „
(outou Freiburg-).
Ein merkwürdiges Faktum soll niclit unerwähnt bleiben. Neben
den Formen mit k und g treten nämlich in Montana (Wallis) auch
solche mit p und h auf. Freilich nur bei den mit Lip])enruudiing ge-
sprochenen Vokalen o und n.
(Zim. III, 154) caldariam > tsubdire
a8cultare> ahppta
pulvis > pupsa
nudus > niip.
Ferner: vt^ndiip, perdnp
vu > jüp.
Ferner: Atlas 7ing. C. 103 N. 979
abutu > äQp
eredutu > krfip Carte 364 N. 979 etc.
Bei 0 und n werden die Lippen genähert. Wie also bei jenen
andern Formen unter den erwähnten Bedingungen das i bis zum Palatum
und das o, n bis zum hinteren Teil des Gaumens rückte, um schliess-
lich Verschlusslaute zu bilden, so wird hier die Annäherung der Lippen
bis zur Bildung eines labialen Verschlusslautes geführt. Beide Er-
klärungen scheinen einander zu bestätigen.
Eine grosse Sammlung von „/c- Formen'' findet man in dem erwähnten
Buche von L a v a 1 1 a z p. 180.
In Heremence findet sich das k in den allerhäufigsten Endungen
bei -osu^ etil z. B. gloriok etc. in Verbalendungeu : -ere^ -ehat^ Ire
ütu u. s. w.
Zu diesen Beispielen füge ich jetzt eine Reihe aus dem „Atlas ling."
Sie stammen sämtlich aus der französischen Schweiz:
den Orten, aus denen seine Aufzeichnungen stammen, die „1 mouill6e" häufig
in d und d (stimmh. dent. Spir.). Unter dem Einfluss der Schrift8pr;\che ist nun
diese Lautentwicklung vielfach wieder beseitigt worden. Dabei ist aber nun
das d von nodus mit in diesen Entäusserungsprozess geraten und so zu 1 ge-
worden. Es ist also ein Fall von Überentäusserung-.
Robert Gros
Carte
103
N. 989
H
103
„ 988
?:
143
„ 988
n
143
„ 963
n
143
„ 988-89
krük „
364
„ 988-89
J7
402
„ 979, 989
r
402
„ 988
n
402
„ 988-89
n
427
„ 989
»
429
„ 989
»
446
„ 988 etc.
)i
466
„ 979, 989 etc
614
il y a eu > aük
„ > iik
buvait > bivek
> bevek
cul > kük
cru (crudii8)> k^ük, krük
du > dyuk
r >yuk
doigt > dek
droite> drekte
dur > duk
ecrire > ecrigre
auditns > äwik
Die gleiclien Erscheiimugen treten ferner auf bei den Karten: je
nie suis (500), fieelle (564), fil (567), foire (587), 11 jure (738), il lit
(774), mari (814), milieu (856), mois (868), mur (890), neige (903), neveu
(907), oreille (946), paroi (973), pays (983), pelure (993), pipe (1019),
pois (1050), poivre (1053), j'ai pris (1090), puits (1104), sauter (1198),
8u (1203) und bei einigen andern, die noch zur Sprache kommen. Sehr
interessant ist der Gegensatz der Karten „lui lu-bas" (784) und „et que
nous lui rendions" (785). Nur die erstere nämlich zeigt Formen wie
IwTk (N. 979), lik (N. 989). Offenbar hat eben nur die betonte Form
den ,,para8itiscben" Ä;-Laut entwickelt.
Ich wende mich jetzt den Dialekten Frankreichs zu und bemerke
zunächst, dass ich auf eine historische Untersuchung unserer Frage
verzichten muss; das Material ist spärlich und unzuverlässig und selbst
wenn eine Form durch den Reim gesichert ist, so lässt sich nicht ohne
weiteres ihre Heimat bestimmen, nie ist bei Godefroy aus dem Jahre
1380 belegt. Es kommt bei Roger de Collery vor. Godefroy
bemerkt: Poitou, Normandie, was zu unsrer Karte I stimmt, noeud >
niik erwähnt Niederländer Mundart von Namur (Zeitschr. XXIV, p. 258).
Vgl. auch Stürzinger, „Altfranz. Bibl. VIII, 48".
Eine Sonderstellung nehmen diejenigen Worte ein, die den Ä;-Laut
hinter nasaliertem Vokal zeigen:
unum > ok
mei > mek
sang>8C)k etc., Niederl. p. 257
unum > öc
plumbum > pl<ic, Walion. Zeitschr. IX, 493
> plonc, Apfel st , L. Psalter XLIV
tendre > tcke, Atlas C 1294 im Nordosten
levain > levak, Atlas C 762 N. 878 etc.
loin > Iwcek, Carte 780 N. 869 etc.
Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung 615
Hier konnte sich der A-Luut sehr leicht entwickeln. Man erinnere
sich an die Ausspruchefehler der Norddeutschen, wenn sie französische
Nasalvokale sprechen.
Von der französischen Schweiz kommend, finden wir die ^■-Formen
in Savoyen. (Revue des patois I, p. 183).
loup > lok
venir > venik
neige > nek
jaloux> dzalok
Valais > valek.
Sie kommen ferner im Westen in der Charente vor (Rousselot,
Modific. phon. du patois p. 249).
nid > nik (Ruffec env. de Cognac)
nuk (Channay)
perdük (Salles de Villefagnan)
luk (Saint-Fort-sur-le-N6)
clou >> kl ük (La Chaise).
Für fusil > fusik, das im Nord-Osten weit verbreitet ist, scheint
eine analogische Einwirkung anzunehmen zu sein. Er kommt auch im
Sudosten (N. 866 der Karte) vor. Er wird weiter erwähnt bei Alten-
burg, Die wallen. Mundart p. 28.
Zu erwähnen ist bruit > brük Carte 180, N. 448^). Auf grösseren
Gebieten kommen die A-Formeu vor bei den Worten „nocud", „nid"
und „loup". Ich verweise auf die Karte I und la. Es ist kaum zurück-
zuweisen, dass die heute zersprengten Gebiete früher einmal einen
grösseren Zusammenhang bildeten. Es scheint, dass wir hier die
Trümmer einer früher mächtigeren Sprachtendenz vor uns haben. Auf
diese Karte habe ich nun das Gebiet eingezeichnet, auf dem soif heute
ein auslautendes f besitzt. Es zeigt sich, dass diese Formen mit aus-
lautendem / grade da auftreten, wo keine solchen mit auslautendem h
existieren. Wenn man nun mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen
darf, dass auf dem heutigen „soif-Gebiete" sich auch die heute nicht
mehr vorhandenen Formen vom Typus nif länger erhalten haben, so
stehen wir hier vor zwei divergierenden Tendenzen, nämlich „nid > nif"
und „nid > nik." So gelangen wir zu dem Punkte zurück, von dem
wir ausgegangen waren. Diese divergierende Entwicklung ist unserer
1) Siehe Verrier-Onillon, Gloss. des Patois et des Parlersde l'Anjou unter
troue (treu)
jarc
souc (soül)
nouc (noeud)
louc (loup).
Romauische l^orachungen XXVII. o9
616 Robert Gros
Meinung nach durch satzphonetische Momente geschaffen worden,
„nid" > „nif" repräsentiert die autevokalische Entwickelung. Vor
Konsonant fiel der dentale Spirant, und hier konnte dann in der oben
ausgeführten Weise der Ä;-Laut entstehen,
Bemerkungen über die Entstehung „epenthetiseher" Nasallaute
im Romanischen.
Folgende Erörterungen über „Nasalepenthese" sollen keine ab-
schliessende Arbeit sein, sowenig meine Beispielsammlung irgendwelche
weitgehenden Ansprüche erhebt. Nar Gesichtspunkte sollen gegeben
werden, die bei einer sprachwissenschaftlichen Erklärung der hier in
Frage stehenden Erscheinung zu berücksichtigen sind. Schon das Wort
„Epenthese" erweckt den Widerspruch des Sprachforschers. Es ist
ein Ausdruck, der noch aus der Zeit der Schematisierung stammt. In
den italienischen Dialektarbeiten findet man denn auch Beispiele für
diesen Vorgang unter der Rubrik „accidenti generali". Was sich nicht
in die Lautgesetze fügte, wurde eben unter Spezialnummern unter-
gebracht.
Zwei Erklärungen will ich zunächst anführen, die der Sache sprach-
wissenschaftlich näher getreten sind und zu ihrer Lösung ein gutes
Stück beigetragen haben.
Einmal hat As coli (Arch. glott. III, 442) in seinem Artikel: „le
doppie figure neolatine del tipo briaco, imbriaco" einige Fälle dieser
Art betrachtet. Er gelangt zu dem Resultate: In Fällen wie ebriacus,
{h)ibenius^ aequdl/s^ aestdte etc., entstanden Anlaute iv-, ig,, is- etc. Da
diese Anlaute im Italienischen höchst selten waren, schuf man einer-
seits elidierte Formen, z. B. verno, State, andererseits aber wirkten die
weit häufigeren Anlaute imb, ing, ins etc. Die seltenen Formen konnten
der analogischen Einwirkung auf die Dauer keinen Widerstand ent-
gegensetzen. So gingen sie denn in imb, ing, ins über. Daher im-
briaco, inguale etc. Diese Erklärung Ascolis, die sich auf das Prinzip
der Analogie stützt, wird den von ihm behandelten Fällen durchaus
gerecht. Ich hoffe jedoch zu zeigen, dass neben der Analogie auch
noch andere, rein lautliche Faktoren beim Zustandekommen der nasa-
lierten Formen mitgewirkt haben.
In einer völlig verschiedenen Weise hat Foerster (Zeitschr. XXII,
p. 264 ff.) Fälle der „Nasalepenthese" behandelt. Seine Ansicht ist
vor kurzem in der trefflichen Arbeit Hetzers über die Reichenauer
Glossen, p. 128 noch einmal vorgebracht worden. Foerster behandelt
Fälle vom Typus: fideos > findeos, gibbo > gimbo, leggero> lenger.
Er sieht in diesen Formen Produkte der „nachlässigen Sprechweise mit
gesenktem Velum". Hiermit gibt Foerster einen zweiten Gesichts-
Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung ßl7
punkt für unsere Frage, den ich jedoch phonetisch modifizieren möchte.
Rousselot hat an verschiedenen Orten dargetan, dass die nasale
Artikulation eine geringere Kraft erfordert als die Artikulation der
oralen Laute. Princ. de phonc^t. exper II, p. 535 gibt er eine eigen-
tümliche experimentelle Beobachtung, die, wie ich meine, hierher ge-
hört. Er berichtet, wie er bei der graphischen Aufnahme zweier Verse
von Racine sich verspätet und mit dem noch feuchten Blatt aus dem
Laboratorium heraustritt. Ein Windstoss reisst ihm das Blatt aus der
Hand, er muss von neuem anfangen, er spricht hastig in den Apparat
und „toutes les consonnes etaient nasalisties!''
Wir haben es also hier mit Allegroformen zu tun. Das schnelle
Kedetempo gibt auch hier den Anstoss zur phonetischen Weiterent-
wicklung. Freilich um dann diesen unter speziellen Bedingungen
entstandenen' Bildungen allgemeine Geltung zu verschaffen, dazu
werden in der Kegel noch andere Motive erforderlich sein, z. B. die
von Ascoli herangezogene Analogie oder Einwirkungen wie wir sie
weiter unten vortragen möchten. Doch zunächst eine Reihe von Bei-
spielen, die hierher gehören (das Prinzip der Einteilung wird später
erörtert) :
brigant > bringans Jahresb. II, 169
Gregoriu8> Gringoire „ n -n
Dangobert „ „ „
dempuis Frz. Stud. V, p. 385
laironcins „ „ III, p. 120
X.iyYiß^Qi > gingembre
coquere > kuenre Odin, Phon, des patois du canton de Vaud. p. 155
caldariam>tsandeure „ „ „ „ „ „ „ „ „ „
leporem > lenvra „ „ „ „ „ „ „ „ „ „
joculam > dzanlya „ „ „ „ „ „ „ „ „ „
crissonem > krenson „ „ „ „ „ „ „ „ „ „
pipionem > pendzon „ „ ,, „ „ „ „ „ „ „
rigare > ringiu P u i t s p e 1 u , Dict. du Patois Lyonnais. CIV
frz. pigeon > pinjon „ „ „ „ „
tracanoir> trancanoir „ „ „ „ „ „
brocconem > brongon „ „ „ „ „ „
biga>bing6 (se fatiguer) „ „ „ „ „ „
rigoler > ringoler „ „ „ „ „ „
capsicula > ehansei „ „ „ „ „ „
ibid. noch weitere Beispiele
lingance Rom. Stud. IV, p. 597
paringal „ „ „ „ „
languste Anglofranz. v. Storm, Engl. Phill., p. 295
cuiDChe ,j „ „ „ „ „ „
39*
Q\g Robert Gros
massengeris Anglofraaz. v. Storni, Eugl. Pbill., p. 295
paringale „ „ „ „ „ „ „
cheuenteyn „ „ „ „ „ „ „
grapond „ ,, „ „ „ „ „
m. engl, passenger „ „ „ „ „ „ „
spica > spinca Jahresb. V, I 133
lengeramenti Schädel, Mundart v. Ormea p. 62
deslengua Genues. Arch. Glott. X, 156
lenier „ „ „ „
lenger „ „ „ „
pincen „ „ „ „
maggio > manz, Lago Maggiore
gaggia> ganza Arch. Glott. IX, 224 (vgl. Meyer-L., It. Gr. 171)
cucuina > cuncuma, Sizilisch
gibbo > gimbo Lecce, Arch. Glott. IV, p. 130
vapor>vampo Arch. Glott. III, 168
Capitolium > Campidoglio (Volksetymol.!) (Diez I', p. 402)
strabo > strambo „ „ „ „ „
gibbus > zenibo „ „ „ „ „
labrusea > lambrusca „ „ „ „ „
tuba > truba > trumba „ „ „ „ „
parangone Siena, Zeitschr. IX, 555.
pronvenda „ „ „ „
Rangona „ „ „ „
usignuolo > runshö Zeitschr. XIV, 154
Gaetano > Ghlntä „ „ „
liDger „ „ „
ragione > rango „ „ „
cenlando Tristan venet. Studj rom. IV, p. 87
langreme „ „ „ „ „ „ „
spasimo > schiansimo Bruner, Pistoj. Dial. p. 75
steccolito > stencurito „ „ „ „ „
labirinto > lamberö Salvioni, Dial. mod. d. Milano p. 201.
capo > gamblis
strambo etc
figicare > fincar poi tug. ALL. 11, 284.
liuterna Fo er st er, Span. Sprachlehre p. 129
garganta „ „ „ „ „
alondra „ „ „ „ „
fincancia ,, „ „ „ „
greco>gringo „ „ „ „ „
reglon > renglon „ „ „ „ „
zonzo = insulsus „ „ „ ,, »
Kleine Beiträg'e zur romanischen L;iiilforschung {')[Q
condencion = condicio altsp., Foerster, Span. Sprachlehre
p. 129 etc.
V. Michaelis, Rom. Wortschöpf, p. 24G.
sabata > sambata
adito> andito!
tiibiis > tumbu Sardisch Arch. glott. XIV, p. 407
gebbus > zumbu, sembu „ „ „ „ „
lapatium> lampauzu (span. lampazo) „ „ „ „ „
sapunare > sarapunare Sardisch.
ubi>umbe, Wagner, Südsard. p. 66
sunfriri „ „ „ „
bardunfula „ „ „ „
farda, falda > franda
laceu>lanl)u (l) = th engl.)
lingier Rätiscb.
Ich glaube also, daps bei den hier aufgeführten Beispielen (weitere
bei Meyer Lübke, Gram. d. rom. Sprachen I, 486 und Ital. Gram. 171)
der phonetische Grnnd das schnelle Redetempo war. Inwieweit
die Analogie hier gewirkt haben kann, raüsste für jeden einzelnen Fall
untersucht werden. Nur selten wird man dabei freilich über Ver-
mutungen hinauskommen. Auf einen Umstand will ich jedoch noch
hinweisen. Bei einer Anzahl der erwähnten Beispiele befindet sich in
dem Worte noch ein anderer Nasal. Es ist kaum zu leugnen, dass
er bei der Entstehung des „epenthetischen" Nasals mitgewirkt hat,
(lavroncius, krenson, pinjou, parangone etc.). Diese Mitwirkung eines
anderen Nasallautes führt uns zu anderen Fällen, die meiner Ansicht
nach eine Sonderstellung einnehmen. Siehe hierüber Meyer-Lübke,
Ital. Gram. § 306; ders., Rom. Gr. I, § 587. Hierher gehören zunächst
die bei Ascoli (1. c) erwähnten und erklärten Fälle. Aber noch viele
andere:
ton ami > tä äme Gillieron, Carte 38 ehr. 146
engueil Jhrb. II, 169
Dial. Greg 196, ingal „ „ „
wallen enweile „ „ „
engliese „ „ „
Tangöney „ „ „
enwangeliste, wallon., Rom. XVII, 566
enstable „ „ „ „
englize „ „ „ „
enscrit „ „ „ „
it. acciiiga > auchois v. Dicz, Etym. Wörterb.
enlyUdzi = illucere Odin, Phonol. p. 155
enpondze = spougia „ „ „ „
620 Robert Gros
envä = hibernum Odin, Phonol, p. 155
engau = acqualis Frz. Stud. III, p. 120.
agrifoliu> angruolo Puitspelu, Dict. Pat. Lyonn. p. CIV
abricot > ambrico
ägoni Namui'; Zeitschr. XXIV, p. 266
englise
ancoison, Burgundisch XIII, u, XIV. Jahih. v. Korn. Stud. VII, 109
ensement = ip8amente Herr ig 8 Archiv 76, p. 319
iDgualmente Schädel, Muud. v. Ormea p. 62
unguanza Geuua, A. Gl. X, 156
invriago „ „ „ „ „
euvrianza „ „ „ „ „
CDternal (!) „ „ „ „ „
inguarmenti „ „ „ „ „
aaglisia, A. Gl. IV, p. 23
abrotonum > ambrogano, verones. Körting v. 46
angönia Pracenza, Zeitschr. XIV, p. 154
eixtov^ äncöna
inguale, inbetania Keller, Reimpred. des Barsegapö p 15
encosi, insteso etc.
hecticatus > span. entecado Diez, Altrom. Gloss. 32
axungia > enjuudia Foerster, Span. Sprach), p. 129
examen > enjambre „ „ „ „ „
exaltiare > ensalzar „ „ „ „ ,,
enclusa „ „ „ „ „
ensayo = exagium „ „ „ „ „
oflfrire > unf'rir Kätisch, A. Gl. I, 110
oblita > amblidar „ „ „ „ „
ensir Genua, A. Gl. X, 156
nincorger etc. = accorgersi Salvioni, Dial. di Milan p. 207.
Die hier aufgeführten Beispiele haben sämtlich vokalischen Anlaut.
Wie man sieht, wird Ascolis Erklärung sich nicht auf alle anwenden
lassen. Ich möchte nun vorschlagen, hier eine Entwicklung im Salz-
zusammenhang anzunehmen. Indem ich die am Schlüsse aufgeführten
Verba zunächt beiseite lasse, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass
der unbestimmte Artikel un' hier seine Wirkung ausgeübt hat. Man
denke an frz. nombril! Die Verbindung un abricot wird wohl zu un
ambricot geführt haben. Am deutlichsten aber sieht man diese pro-
gressive Nasalierung in dem ersten Beispiel, bei ton ami, nur dass hier
die Wirkung vom Pos8essivi)ronomen ausging. Wie stiirk eine solche
Wirkung sein kann, zeigt Kousselot Modif. phonöt. du patois p. 45,
wo sich in Celle frouin. „Diable ton happeur!" in „dyjibl tun ämur«
\
Kleine Beiträge zur romanischen Lautforschung' ()2i
verwandelt. Die Nasalierung war so stark, dass sie sogar jjp in ni
verwandeln konnte.
Nun zu den Verben. Schädel, Mundart v. Orm., Halle 1903, p. (il,
erwähnt von dem Veibuni exire > csir eine Reihe von Formen mit
e|)enthet. n. Diese kommen zunächst nur in den unbetonten Formen
vor. In den stamnibetonten sagt man esco, csce etc. „Nach dem
XV. Jahrhundert kommen keine Belege mehr vor; das Verbum ist im
Genuesischen . . . durch die Reflexe von sortire ersetzt worden. Wo
es blieb; wurde das epcnthetische n in die stammbetonten Formen ver-
pflanzt, wo dann Metathese eintrat." Also: neso, nesia etc.
Ich glaube, dass man mit Worten wie „Epenthetisch, Metathese"
diesen komplizierten Vorgängen nicht gerecht wird. Es scheint mir,
dass wir hier von der Verbindung inde-exire ausgehen müssen. Ich
erinnere an die deutsche Umgangssprache, die aus „herausgehen" ein
„rausgehen" geschaffen hat. Ich glaube, dass in dem n von tie = inde
der Keim für dieses epeuthetische n lag. Und diese Ansicht findet ihre
Bestätigung im Mailändischen. Ganz ohne Zweifel ist hier aus me
u'incorgi ein nincörgersi erwachsen.
Die Besprechung dieser Fälle führt uns zu anderen, wo wir den
Nasal nicht erst zu suchen brauchen, um den epenthetischen Laut zu
begreifen.
mindraille Körting G221
nabot>nambot Puitspelu, CIV
ginestu> ginintola „ „
simötyer Namur, Zeitschr. XXIV, p. 266
magis > me „ „ „ „ „
afrz. nachier>nasi „ „ „ „ „
magis > mains, wallon., Rom. XVII, p. 566
ami > amiu norman. Zeitschr. XIII, 393
venu > venuu „ „ „ „
c'minse=chemise „ „ „ „
minserable „ „ „ „
inodiu > annin „ „ „ „
noctem > gnin „ „ „ „
amins Lot. Psalter Aj) feist, p. XL
nengune neben negus Frz. Stud. III, p. 120.
Hier hat vielleicht das n der Schlusssilbe mitgewirkt, denn negus
zeigt kein epenthetischcs w.
midi > mendis Lyon. Zacher, Bonn. Diss. ]». 44
nasse >nanse Körting 6456
sevenn; (Metz.) Frz. Stud. V, 505
ninf=novem „ „ „ „
chemis „ „ „ „
ß22 Robert Gros
emi"? West-Frankr. Atlas C. 264
magon > mä'^sö „ C. 791 ehr. 988 (etc.)
mespula > mii'^spley „ C. 902 ehr. 672
nidu8>nins „ 910 „ 981
initiare > ninza Mailändisch
maggio > manä A. Gl. IX, 224
medius > menzu Sizilien
muccu8>moneo (?)
amandola ALL. XI, 321
miea>iniDga Lombard. Körting 6147
media > menia (Lecee) A. Gl. IV, 127
bene-mezzo > minimenzii ,, „ „ 137
prumiutu = permetto „ „ „ 138
mugilare> mugnulä ALL. IV, 123 (friaul.)
amendue Studj rom. IV, 87
ninguna „ „ „ „
Mandalena „ „ „ .,
per mezzo > per men „ „ ,, „
noeeiola > mnsöla Zeitsehr. XIV p. 154 (Piaeenza)
maestro > meTstar „ „ ,, „ ,,
nitiare > ninsa ,, „ ,, „ „
menzu Meyer-LUbke, It. Gr. 172
mentiri sizil. „ „ „ „
mingrana „ „ „ „ „
nti = noi > nun Mail. „ „ „ „
minga Urbino etc. ,, „ „ „
madrigal > mandrial Foerster, Span. Sprl. 129
mandona Trist, venet.
mandama Studj rom. IV, 87
in-hoc > inongi Sardiseh, Wagner p. 66
melius > mengus Sard.
nuptiae > nunsas „
„ > nuntä Rumän.
mejurge > menjurge Michaelis, Stud. p. 244
macula > mancha Span.
mensage = leon. message Foerster p. 129
matiana > manzana
medicus > menge etc.
Obgleich sie nicht in den Bereich des hier erörterten Problems ge-
hören, will ich hier noch einige Fälle erwähnen, in denen auf assi-
milatorischem Wege ein vorauHgehender Nasal einen anderen Konso-
nanten in einen Nasal verwandelt:
Kleine Beiträge zur rom.auischen Lautforschung 623
monteplia Bibl. Elzev. Nouvell XIll», p. 163
hebdomiida > settimaua
amaricosus > mani5ü8U Wagner 1. c.
manto altsiz = multo (?)
meretrix > menetiis App. Probi (Heraus) Nr. 147
manescals Prov.
millegraua> uiingrana Dz. 469 etc.
Anhangsweise sei bemerkt, dass auch das Assyrische ähnliche
Dinge kennt, wenn sie auch bisher noch nicht in dieser Weise erklärt
wurden.
nubbu>numbu v. Delitzsch, Assyr. Gr. p. 104 u. 129
mädu > mandu
näduru > nanduru
kurzubu > kuuzubu
subbu > zumbu etc.
Um meine Auffassung noch einmal zusammenzufassen, möchte ich
das schnelle Redetempo als die phonetische Ursache des epenthet.
Nasals betrachten. Diese sporadisch auftretenden Nasalierungen werden
unter analogischer Einwirkung verallgemeinert. Ausser der Analogie,
deren Wege zu erforschen Aufgabe der etymologischen Einzelforschung
ist, wirken benachbarte Nasallaute, teils im Satzzusammenhang, teils
im Innern des Wortkörpers, um den Nasal dauernd zu befestigen.
dehors.
Im fünften Heft der Zeitschrift f. rom. Phil. Jahrg. 1907 erschien
ein Artikel von Settegast, der sich mit dem Problem „hors", „dehors''
befasst. Der Artikel wendet sich gegen die von Neu mann gegebene
und vielfach rezipierte Erklärung. Neumanns Ansicht lautet: bei
„deforis" wird der stimmlose labiale Spirant in intervokalischer Stellung
stimmhaft, also > devors, und sehwindet dann > deors. Das h is:)
als graphisches Zeichen aufzufassen und dient wie bei „trahir" nur
dazu, den selbständigen Lautwert der beiden Vokale kenntlich zu
machen. Gegen diese Anschauung bringt nun Settegast mehrere
Bedenken vor. Er bestreitet, dass mau den in Frage stehenden Wandel
/> V für das Französische annehmen dürfe und ficht die etymologische
Sicherheit der bisher dafür beigebrachten Beispiele an. Er behauptet
ferner, der enge Zusammenhang zwischen foris und de-foris habe den
Schwund des / verhindern müssen. Schon der Ausdruck „verhindern
müssen" widerspricht den Anschauungen der lebendigen Sprachforschung.
Endlich sollten wir doch aufhören, den Reichtum des sprachlichen
Geschehens in unsere armseligen Regeln zwängen zu wollen. Bemühen
wir uns lieber, die Diversitäten zu begreifen und wenigstens einige der
624 Robert Gros
psychischen Faktoren zu entdecken, die die Sprache in ihre oft so ge-
wundenen Pfade führen. Das dritte und wesentliche Bedenken, das
Settegast gegen die Erklärung Neunianns vorbringt, lautet: hors
hat Ji aspiree, „das wenigstens im Altfranzösischen wie unser deutsches
h gesj)rochen wurde." Er fügt hinzu: „im Neufrauzösischen ist be-
kanntlich die A aspiree zu einem stummen Buchstaben herabgesunken."
Davon ist freilich wahr, dass in „hors" und in „dehors" eine A aspiree
steht. Diese h aspiree aber wurde nicht nur im Altfrauzösischen,
sondern sie wird noch heute auf grossen Gebieten der französischen
Sprache gesprochen. Aber davon später und nun zu Settegasts
eigener Erklärung.
Er führt das h auf germanischen Einfluss zurück. In gewissen
fränkischen Dialekten erscheint ein „epenthetisches" h (Literatur siehe
bei Settegast). Settegast geht nun von einem fränkischen „huz" =
„uz", „US" aus. Wie ich von Professor Braune erfuhr, ist es bis jetzt
nicht auszumachen, inwieweit es sich bei diesem h um eine rein
graphische oder um eine lautliche Erscheinung handelt. Aber gesetzt,
der lautliche Charakter sei für diesen Fall gesichert, so ist die An-
nahme einer Beeinflussung hier doch wohl weit hergeholt; weit eher
noch liesse sich bei „haut" ein germanischer Einfluss begreifen, obwohl
ich auch hier durchaus nicht überzeugt bin und eine Erklärung mit
französischen Mitteln vorziehen würde. Ich werde unten eine solche
vorschlagen. Der sterbende König Ludwig der Fromme, der den bösen
Geislern ein „/«<0, hizV'' zuruft, dient zur Bekräftigung dieser Theorie
Settegast's. In der Chronik, aus der das Zitat stammt, steht dahinter:
,^qnod significat foras'-^. Ich glaube annehmen zu dürfen, dass dieses
Wort „foras" die Veranlassung zu der Theorie Settegasts gegeben
hat. Neben den Bedenken, die die W^ahrscheinlichkeit gegen eine solche
Annahme erhebt, treten aber noch andere auf: Der „Atlas linguistique",
den Neumann vor 20 Jahren nicht besass, von dem Settegast aber
jetzt keine Notiz genommen hat, gibt uns ein handgreifliches Material
zur Beurteilung dieser Frage. Ich lege hiermit dem Leser diese Karte
vor (K. II). Sie enthält zunächst ein kapitales Faktum, das Neu-
manns Erklärung ohne weiteres bestätigt, nämlich die von Neumann
geforderte Übergangsform „devors*) '. Es wird sich nicht ohne weiteres
beweisen lassen, ob diese Form wirklich jene alteÜbergiiugsstufe darstellt,
oder ob sie aus einem, wie ich zeigen möchte, sekundär entstandenem
„defors" neuerdings sich gebildet hat. Auf alle Fälle bcAveist sie, dass
auf französischem Boden der Übergang von /> v in vokaliseher Um-
1) Um die Karte nicht zu belasten sind diese Gebiete nur durch • be-
zeichnet. Ebenso sind auch im Osten zahlreiche Nebenformen (nochmalige Kom-
position mit „de", Eindringen von „devant") nicht berücksichtigt worden.
Kleine Beitrüge zur romanischen Lautforschiing 624»
gebung durcliaiis nichts Unerliörtes ist. Überdies ist ein solcher Wandel
romtmisch gar nicht ungewöhnlich. Ich verweise auf provenzalisch
profundus > preon. „Atlas ling." carte 1095 zeigt eine Reihe der Ent-
wicklungsstadien ])rofundiis > prevon > prer.u etc. Als eine Erweichung
von intervokalischem/ sind, wie ich glaube, au f/u fassen : sizilisch
fuocu > vuoco, fienu > vienu, fimina > virainu etc. (siehe Juhresb. V, I,
153). Derselben Beurteilung unterliegt der Dinlekt dcrMarche, wenn
er fiore > viore, hi viera, lu vume, varco = falco, bifolco > biolc,
sifone > seien entwickelt (siehe Zeitschr. XXVIIl, p. 300 und Beihefte,
Heft 11, p. 46). Im Sardischen ist bekanntlich anlautendes / in inler-
vokalischer Stellung ganz gefallen, so dass wir auch hier eine Parallele
für die französische Entwicklung besitzen. Selbst das Lateinische
scheint Ansätze dazu gekannt zu haben: Inscr. Hisp. Chr. 175 findet
man ponti?;icatu8 statt ponti/catus (siehe darüber Carnoy, Latin d'Esp.
2« ed. 1902/3, p. 117). Ausser „devors" zeigt nun die Karte drei grosse
Gebiete, einmal deors, diors etc. (ohne Farbe), worin ich die normale
Lautentwicklung von „deforis" erkennen möchte, zweitens „defors" in
verschiedener lautlichen Gestalt und endlich „dehors", mit gesprochenem
h. Ich bemerke zunächst, dass ich „defors" nicht für eine altertümliche
Entwicklungsstufe halte. Es waren zwei Typen vorhanden, „fors" und
„deors", beide lautgemäss entwickelt. Von „fors" aus wurde ein
„defors" sekundär auf analogischem Wege ins Leben gerufen, wie um-
gekehrt nach „deors" ein „(h)ors" gebildet wurde, welches schon aus
dem XI. Jahrhundert zu belegen ist. Bis hierher genügt die Erklärung
Neumanns. Aber wie sollen wir die Formen mit ä aspiree verstehen?
Man sieht auf Karte II, dass die Gebiete mit gesprochenem h eine
weitgehende geographische Übeieiustimmung zeigen. Es ist freilich das
Gebiet, auf dem auch das A germanischen Ursprungs noch als „attaque
forte" weiter existiert. Siehe die Karlen des Atlas ling. Aber daraus
geht nicht ohne weiteres hervor, dass deshalb bei „haut" und „hors"
eine germanische Einwirkung stattgefunden haben muss*). Vielmehr
ist es sehr wohl möglich, dass sie mit dem germanischen h nur in
einem indirekten Zusammenhang stehen. Es ist bekannt, dass in
der französischen Umgangssjirache Wörter mit vokalischem Anlaut
öfters mit starker Aspiration gesprochen werden. Wörter wie „la
Äaine" hört man den Franzosen in der Emphase mit starkem Hauch-
einsatz sprechen. Die Pariser Kutscher sind dafür bekannt, dass sie
den Passanten „^attention" zurufen. In Lyon wird ululare > cÄurler
1) Eine Unterpuchung über die cntwicklungsgeschichlliche Beziehung von
äo (attaque forte) und aho (wirkl. Hauch) lässt sich auf Grund des „Atlas ling."
nicht anstellen, weil es zweifelhaft ist, ob hier die Data des A L. zuverlässig
Bind. Eine experim. Untersuchung könnte hier Klärung bringen.
624b Robert Gros
{ch gleich dem deutscbcn ch in ach\ siehe Puitspelu. Dict. du pat,
Lyon, p. eil. Wir hüben es hier mit Prozessen zu tun, die speziellen
öpraehbedingiing-eu, z. B. dem Affekt, der Emphase etc. ihre Entstehung
verdanken. Es ist das kein A, dem wir etymologisch nachgehen
könnten, sondern es ist der verstärkte Exspiratiousstrom, der sich bei
einem Worte, das mit grossem Nachdruck ges])rochen wird, zu einer
„attaque forte" gestalten kann. Und in diesen Tatsachenzusammenhang
möchte ich nun auch „haut" und ,,hors" bezw. „dehors" stellen.
Professor Morf machte mich darauf aufmerksam, dass „en-haut" als
Zuruf in Gewerben, beim Heben von Lasten u. s. w. vorkomme. Es
ist unbestreitbar, dass es dabei mit grossem Nachdruck, mit weit-
schallender Stimme gerufen wird. Hiermit gibt Morf die Erklärung
für das h. Ebenso oft mag wohl auch „hors" und „dehors" als ener-
gischer Zuruf vorkommen! Ja ich möchte fast das vonSettegast an-
geführte „huz" in der gleichen Weise auffassen, wenn es sieh dort
wirklich um mehr als graphische Dinge handelt.
Wie aber kommt nun der geographische Znsammenhang dieses h
mit dem germanischen? Das h in „haut" und „hors" hat überall in
Frankreich entstehen können. Dass es gerade auf diesen Gebieten
durchdrang, mag wohl seinen Grund darin haben, dass hier eben über-
haupt noch ein gehauchter Anlaut vorhanden war. Hier also setzte
meiner Meinung nach der germanische Einfluss ein, nicht um das h in
„haut" und „hors" zu schaffen, sondern um es zu befestigen. Wo es
isoliert stand, ist es wohl sporadisch und individuell geschaffen worden,
aber es schwand wieder, da es durch keine analogen Fälle gestützt
wurde. Ich will die Gesamtentwicklung von „dehors" noch einmal
in einem Schema vor Augen führen:
foris de-foris
lautgem. fors - — _____^^________--- — deors
analog. (h)ors -*"'''' " ""^ defors (-> devors?)
unter speziell.
Bedingungen ^ors > dehors
Das gaskoguische h.
Bei der Behandlung derjenigen Formen von „dehors", die „A aspirce"
zeigen, müssen wir das Gebiet ausscheiden, welches mit dem Ge-
biete des „gaskognischen ä" zusammenfällt. In der südwestlichen
Ecke Frankreichs ist wie im Spanischen jedes anlaulende / zu h
geworden. Durch dieses h werden die in Frage stehenden Dialekte
in einen scharfen Gegensatz zur Schriftsprache gesetzt. Wie überall,
Kleine Beiträge zur i-oiu.anisclien Laiitforscliung 624c
werden auch hier die scliriftsprachlicbcu Formen den Sieg davon-
tragen. Est ist jedoch interessant, an der Hand des „Atlas" die
Weg-e zu verfolgen, auf denen diese Verdrängung vorwärts schreitet.
Das in Frage stehende h ist in einigen Fällen ganz verstummt.
Atlas ling. Karte 527. Es ist charakteristisch, dass wir dieses
Schwinden des h bei zwei Femininen „la faim" und „la fourmi" beob-
achten. Gerade in dem Teil des Gebietes, der nach Spanien hinüber
leitet, ist das h verstummt. Ohne Zweifel handelt es sich hier um eine
satzphonetische Erscheinung. Da a der klangreichere und intensiver
stammhafte Vokal ist, konnte er den Schwund des h leichter herbei-
führen, als das z. B. bei „le fer" möglich war. Bei „faim" kam noch
hinzu, dass es in den Verbindungen „j'ai faim", „tu as faim" überaus
häufig in vokalischer ünigebuug stand. Wir erkennen also hier bei
volkstümlichen Worten die Tendenz, das anlautende h zu beseitigen.
Sie hat bei denjenigen Fällen eingesetzt, die, wie „faim", einerseits
durch häufiges Vorkommen, andererseits durch lautliche Verhältnisse
dazu in besonderem Grade geeignet waren. Sie würde von hier aus
sich auf die andern Fälle fortpflanzen, wenn sich dem nicht eine andere,
siegreiche Macht entgegensetzte, nämlich das Schriftfranzösische, das
das alte f wieder an seine Stelle einsetzt. Wenn man die Karte „la
fumee" Karte III und „fumer un cigare" vergleicht, so zeigt die erstere
anlautendes Ji auf einem grossen Gebiete. Es ist das Erbwort, das
der Landmanu täglich gebraucht, denn Tag für Tag erhebt sich der
Rauch aus dem Schornstein seiner Hütte. Ganz anders bei „fumer un
cigare". Fast überall herrscht hier das / der Schriftsprache. Nur noch
an vereinzelten Punkten zeigt sich hier das alte h. „fumer" ist kein
Erbwort mehr. Der Tabak kommt aus der Stadt, er trägt den Steuer-
stempel der Regierung und zugleich mit diesem Stempel bringt er ein
Stück der Sprache der Regierung, das sc hrift französische Wort.
Betrachten wir die Karte für „femelle", „fruit", „fleurs" (Atlas.
Cartes 547, 615, 582), so muss uns befremden, dass bei diesen so
durchaus volkstümlichen BegritTen die erbwortliche Gestalt schon so
stark zurückgetreten ist. Es sind Worte, die dem landwirtschaftlichen
Betriebe angehören. Sie sollten doch gerade erbwortliche Gestalt
zeigen. Es zeigt sich jedoch, dass diese Worte Dinge bezeichnen, die
der Bauer nach dem städtischen Markte bringt, über die er mit dem
städtischen Aufsichtsbeamten und mit dem städtischen Käufer verhandelt.
Alles das sind Gelegenheiten, bei denen sich die schiiftfranzösische
Form an die Stelle der dialektalen drängt.
Schon „fleurir" und das Kompositum „fleurs de farine" treten in
Gegensatz zu „fleurs". „Les fleurs" gehören eben der Poesie eher an,
als der Sprache des Landmanns, dem seine „fleurs de farine" öfter zu
denken geben als die Kinder der Flora.
C24d Robert Gros
Interessant ist ferner ein Vergleich zwischen „fer" und „ferrailles".
Ich zitiere hier Joanne, Dict. geogr. et administr. de la France, Paris
1890 f., II f, 1639:
„La rafetallurgie est fort peu coniiue dans la Haute-Gascogne, bien que la
uiatifere premi^ie u'y fasse nuUement defaut; dans tous les genres, ce ne sont
presque jamais des indigfenes qui sont les fondateurs ou les organisateurs des
usines ou manufactures les plus prospferes".
Das ist also schon ein Umstand, der dem Schriftwort in seinem
Kampfe gegen das Erbwort hilft. Das Erbwort hält sich noch, da es
in der Kede des Bauern täglich vorkommt. Aber ausser der nicht
einheimischen Industrie kommt hier noch ein weiteres Moment hinzu,
das Breschen in die Gebiete der Dialektformen „her" etc. schlägt,
nämlich „le chemiu de /er". Vor dem Austurm dieser sprachaus-
gleichenden Gewalt weichen die Dialekte zurück. Die „Instruction
primaire", der Heeresdienst und alle anderen, Einrichtungen der
zentralen Verwaltung werden die Dialekte bald völlig verschwinden
lassen.
Eigentümlich und lehrreich ist auch der Gegensatz zwischen „fort"
und „la force" im Verhalten zu dem anlautenden h. fort zeigt h auf
einem grossen Gebiete, „la force" nirgends. Hier kommen zwei Momente
in Betracht, einmal ein lautliches. Wie bei Gelegenheit von „la faim"
auseinandergesetzt ist, war gerade eine Verbindung wie la force ge-
eignet, sich von „la hors" > „la ors" weiter zu entwickeln. Um so
grösser wurde der Gegensatz zur Schriftsprache und um so schneller
musste eine Umprägung erfolgen, sobald eine starke Einwirkung seitens
desSchriftfrauzösischen einsetzte. Diese Einwirkung war aber dauernd
vorhanden, denn — und dies ist das zweite Moment — „force" be-
zeichnet den abstrakten Begriff, der dem volkstümlichen Denken ferner
lag als „fort" (il pleut fort etc.!). La „force" hört der Bauer wohl
einmal in der Predigt des Geistlichen oder ... in der Wahlrede des
Agitators, aber eben dann in der schriftfranzösischen Gestalt.
Das Gebiet des „gaskognischen /?" ist ein Trümmerfeld. Und wie
diese vereinzelte Erscheinung wird auch das gesamte Leben der Dialekte
Frankreichs der schriftsprachlichen Einwirkung, von deren Wegen wir
hier einige vorführten, keinen Widerstand leisten können. Der „Atlas
lingnistique" ist gerade vor Toresschluss gekommen.
Les Echecs Amoureux^).
^Von
Dr. Hans Höfler.
Der Ehestand 2).
Über diesen Abschnitt verbreitet sich der Dichter der E. A, mit
grosser Ausführlichkeit und schildert die verschiedensten Vorkommnisse
mit einer sehr ins einzelne gehenden Genauigkeit. Die Unbefangenheit,
mit der er über manche Details handelt, erinnert so recht an die Un-
geniertheit des mittelalterlichen Mönchs. Eskann jedoch auch in diesem
Kapitel nur wenig als eigenes Erzeugnis des Dichters bezeichnet werden,
denn auch bei nur oberflächlichem Vergleich der Überschriften ergibt
sich, dass Colonnas: De regimine principum die Vorlage bildete, wenn
auch die Anordnung des Stoßes manchmal von der des französischen
Gedichtes abweicht.
Die Urquelle für Colonna und infolgedessen auch für die E. A. ist
wiederum Aristoteles und zwar besonders seine Staatslehre. Um die
Grundzüge der aristotelischen Politik kennen zu lernen, lasse ich hier
die Worte Zellers folgen, der darüber schreibt:
„In der Natur des Menschen liegt der Trieb zur Gemeinschaft mit
Seinesgleichen {ayd^gcarrog (fvaei noXinxov l^o^ov Polit. I, 2. 1253 a 2),
und er bedarf dieser Gemeinschaft nicht allein zur Erhaltung, Sicherung
und Vervollkommnung seines physischen Daseins, sondern vor allem
deshalb, weil nur in ihr eine gute Erziehung und eine Ordnung des
Lebens durch Recht und Gesetze möglich ist (Eth. X, 10). Die voll-
kommene, alle andern umfassende Gemeinschaft ist aber der Staat.
Sein Zweck beschränkt sich daher nicht auf die Sicherung des Rechts-
1) II. Hälfte. Die Untersuchung über die erste Hälfte, 66b— 103 d, Ka-
pitel I, II, ist als Münchner Dissertation 1905 erschienen. Aktien- Druckerei,
Neustadt a. d. Haardt.
2) Kapitel III des Ganzen.
Romanische Forachangen. XXVII- 40
626 Dr- Hans Höfler
zustandes, die Abwehr äusserer Feinde und die Erhaltung des Lebens,
seine Aufgabe ist vielmehr eine höhere und umfassendere: die Glück-
seligkeit der Bürger in einer vollkommenen Lebensgemeinschaft (^ tov
ev C^f xoivayvla . . . ^o'^? reXslag /ag/r xai ai'Tägxovg. Pol. III, 9,
1288, b 33); und eben deswegen ist der Staat seiner Natur nach früher
als der Einzelne und die Familie, wie ja überhaupt die Teile eines
Ganzen durch das Ganze als dem Zweck, dem sie dienen, bedingt sind
(Pol. 1, 2). Und da nun die Tugend den wesentlichsten Bestandteil der
Glückseligkeit bildet, so erkennt auch Aristoteles, wiePlato, die Haupt-
aufgabe des Staats in der Erziehung des Volkes zur Tugend, und er
missbilligt es entschieden, wenn ein Staatswesen statt der friedlichen
Pflege der sittlichen und wissenschaftlichen Bildung auf Krieg und Er-
oberung angelegt ist.
Der Zeit nach gehen aber dem Staate allerdings die Familien und
Gemeinden voran. Die Natur führt zunächst Mann und Frau zur Be-
gründung eines Hausstandes zusammen; die Familien breiten sich zu
Dorfgemeinden {xMfxai) aus; die Verbindung mehrerer Gemeinden führt
zur Stadtgemeinde {nöXig), die auch Aristoteles von dem Staat noch
nicht unterscheidet. Die Dorfgemeinde bildet nun eine blosse Ueber-
gangsstufe zum Staat, die in ihm aufgeht. Dagegen zeigt Aristoteles
(Pol. H, Iff.) aufs treffendste, dass Piatos Forderung, auch die Familie
und das Privateigentum der Staatsgemeinschaft zum Opfer zu bringen,
nicht bloss in jeder Beziehung unausführbar sei, sondern auch von einer
falschen Vorstellung über diese Gemeinschaft ausgehe ; denn der Staat
sei kein bloss einheitliches Wesen, sondern ein aus vielen und ver-
schiedenartigen Teilen bestehendes Ganzes. Er selbst behandelt (Pol. I,
2, IB, Eth. Vlll, 14 u. 0.) die Ehe und die übrigen Verhältnisse des
Familienlebens mit einem sittlichen Verständniss, wie es uns im Alter-
tum selten begegnet. Dagegen entrichtet auch er dem griechischen
Nationalvorurteil seinen Zoll, wenn er den unhaltbaren Versuch macht,
die Sklaverei mittels der Voraussetzung zu rechtfertigen, dass es
Menschen gebe, die nur körperlicher Arbeit fähig seien und deshalb
von anderen beherrscht werden müssen, und dass dieses im allgemeinen
das Verhältnis der Barbaren zu den Hellenen sei (Pol. I, 4fl'.); und
dasselbe gilt von seinen Erörterungen über Erwerb und Besitz (I, 8ff.),
in denen er nur diejenigen Erwerbsarten als natürliche gelten lassen
will, welche der Befriedigung der Bedürfnisse unmittelbar dienen, alle
Geldgeschäfte dagegen mit Geringschätzung und Misstrauen behandelt
und alle „banausischen" Tätigkeiten des freien Mannes unwürdig findet."
Nachdem wir die Hauptgedanken der aristotelischen Staatslehre
ins Auge gefasst haben, wollen wir dazu übergehen, die Darstellung
derselben bei Colonna und wiederum die Verwertung Colonnas durch
den Verfasser der K. A. näher zu erörtern. Für letzteren ist, wie schon
Les Echecs Amoureiix
627
bemerkt, zur Beurbeitung- dieses Teils Colonnas De regimiue i)rincipum
1. II, p. I, vorbildlich gewesen. Colonnji beg-iiiut mit c. I: Qnod naturale
est homini viuere in societate et quod decet lioc reges et principes
diligenter uduertere. Zunächst gibt er nach seiner Gewohnheit eine
summarische Wiederholung des im ersten Buch behandelten Stoffes und
führt dann vier Gründe an, warum der Mensch in Gesellschaft mit
andern leben will; da der Dichter der E. A. sich nicht näher darüber
verbreitet, können wir dieselben übergehen. Erst von e. 7 ab beginnt
der direkte Einfluss unverkennbar zu werden, denn hier fand unser
Dichter die Gründe, die er zur Rechtfertigung des ehelichen Lebens an-
gibt. Bei Colonna lesen wir in dem genannten c. 7 :
Quod homo est animal naturaliter
coniugale, et quod nolentes nubere non
viuunt ut homines sed sunt ut bestie
vel dii ... Scienduin ergo quod Philo-
sophus VIII etil, volens ostendere qualia
amicicia sit viri ad uxoiem, probat
amiciciam illam esse secundum naturara,
adducens triplicem rationem, quod
naturaliter homo sit coniugale. Prima
ratio sumitur ex parte societatis hu-
mane. Seeunda procreationis prolis.
Et tercia ex parte operum. Probatur
enim in primo capitulo huius secundi
libri hominem esse naturaliter auimal
sociale et communicatiuum. Communi-
tas autem in vita humaua ut supra
tangebatur, ad quadruplex genus redu-
citur, quia est quedam communitas
domus, quedam viel, quedam ciuitatis,
quedam regni ... Si ergo homo magis
naturaliter est animal domesticum quam
politicum, cum prima communitas sit
coniunctio viri et uxoris, sequitur ex
parte ipsius communitatis humane, quod
magis homo sit animal sociale, coniu-
gale quam politicum . . . Secundo
homo est naturaliter animal coniugale
ex parte procreationis prolis. Nam
illud videtur maxime naturale, ad quod
homo habet naturalem impetum, quare
cum homo et omnia animalia naturaliter
inclinantur, ut velint producere sibi
simile, quia in hominibus hoc debite
fit per coniugium, homo naturaliter est
animal coniugale; hanc autem rationem
tangit philosophus I. Politicorum et
104 c
Cy comraence pallas a parier de
lestat de mariage et moustre premiere-
ment comuient nature y eucliue.
104 c.
Encore de ce et moustre comnient
homme et femme sout en mariaige pour
III cliosez.
104 c"
Nature dont propre et commune
Homme et femme ensamble et aune
Par mariaige pour troiz choses
Qui te seront Ichy descloses
Lune est pour compaignie auoir
Car tant pues tu domme sauoir
Quil na eure naturelment
De viure solitaireraent
Ainz veult en compaignie viure
Pour mieulx acquerre et mieulx pour-
suiure
Ce quil fault a vie parfaitte
Et pour ce est tonte cite faitte
Sicom Je tay deuant retrait
104 d
Se nature dont lomme attrait
A communite pollitique
Encor doit mieulx la domestique
Et la communite priuee
Qui entre homme et femme est trouee
Et qui est rachine dicelle
Par droit estre plus naturelle
104 d»
A ce lesmuet dont compaignie
Cest aussy pour auoir lignie
Et cest ce qui encliner fait
Lomme et lez bestez a ce fait
40^
628
Dr. Hans Höfler
IV. Ethicovum, ubi probat coniugium
competere homini secundum iiaturam
quia naturale est homini et Omnibus
animalibus habere naturalem impetnm
ad producendum sibi simile. Tercia
ratio sumitur ex parte operum, quia
ut dicitur VHI. Ethicorum: Confestim
enim diuisa sunt opera viri et uxoris
Opera enim viri dicuntur esse in agendo
que sunt fienda extra domum. Opera
enim uxoris que sunt in conseruando
suppellectilia et in operando intra
domum.
Plus principalment an voir dire
Et que nature plus desire
Car tonte mortel creature
Ayme son estre par natüre
Et de estre sestre peuist
Questre perpetuel euist
Et pour ce que ce ne puet estre
Que riens qui ait naturel estre
Tant en puist nature eurer
Puist pardurablement durer
Quant a sa singularite
Nature qui en a pite . . .
Le continue en son samblable . . .
Laquel chose et non aultrement
Se fait par generacion.
105 a
La tierce chose est ensement
Pour auoir plus souffissamment
Ce quil fault a parfait maisnaige
Car chil qui sont en mariaige
Sentraident moult voulentiers . . .
Car li maris qui est plus fora
Fait lez besongnez de dehors
Et la femme fille et entent
A ce qui en lostel sestent.
Die in den E. A, folgenden Bemerkungen über die Heiligkeit und
Nützlichkeit der Ehe erinnern an keine*) Vorlage, während die Behaup-
tung, Häuser und Städte seien wegen der Ehen gebaut worden, teilweise
auf 1. H, p. 1, c. 2 zurückgeht, wo es heisst:
Naturalis ergo origo ciuitatis et 107 b'*
regni ut patet per philosophum primo
politicorum hoc modo existit, quia primo
facta fuit una aliqua domus, sed cre-
scentibus filiis et filiabus et non valen-
tibus pre umltitudine habitare in domo
lila construxerunt sibi domus annexas
et sie ex multis domibus factus fuit
vicus. Unde I. polit. dicitur quod vicus
est viciua domorum quas constrnxit
nmltitudo collectancorum et filiorum et
puerorum.
Ainsy au commencement firent
Les maisons li premier qui virent ,
Et depuiz tant en ordonnerent
Quant li enfant multiplyerent
Quil firent ruez et cites
Et telz aultrez comnumites
Et granz regnez finablement
107 b»
Briefraent comme tu moiz retraire
La communite domestique
Est cause de la poUitique.
Der Dichter der E A. kommt nun auf die Einwände zu sprechen,
die gegen die Ehe gemacht werden. Da dieselbe eine von Gott und
der menschlichen Natur gebotene Anordnung ist, so fragt es sich, was
von denen zu halten sei, die trotzdem ein eheloses Leben vorziehen.
1) S. I. Hälfte, S. 75.
Les fechecB Atuoureux
629
Die Antwort darauf nahm unser Dichter aus der zweiten Hälfte des
schon benützten c. 7, wo Colonna fortfährt:
Sod si coniiigiimi est quid naturale, 107 c
sequitur quod formatio quo coniugio
contrariatur, sit uniuersaliter a ciuibus
vitanda, tamquam aliquid contrarium
rei natural! . . . Iliis visis potest quedaiu
dubitatio ex dictis oriri. Nam si
coniugium est liomini naturale, repre-
hcnsibilis est igitur, quicunque nou
datoperamut coniugio copuletur. Sed
hec dubitatio, si considerentur hec dicta
de leui repellitur. Nam si naturale est
homini esse aniinal coniugale, quecunque
rennuit coniugem ducere, non viuit ut
homo. Sed non viuere ut homo potest
esse dupliciter, vel quia eligit vitam
supra hominem et vult contineve et
vacat conteinplationi veritatis et operi-
bus diuinis. Vel non viuit ut homo,
quia eligit vitam infra hominem et
viuit ut bestia. Quare si dicebaraus
de societate politica, videlicet quod
eligens soiitudinem et nolens ciuiliter
viuere, vel est bestia, vel est deus, sie
etiam de coniugio dicere possumus.
Nam nolens coniugaliter viuere vel hoc
est quia vult liberius fornicari, quare
eligit sibi vitam infra hominem et est
quasi bestia; vel hoc est quia vult se
dare speculationi diuiue veritatis et
diuinis operibus, quare sibi eligit vitam
supra hominem et est quasi deus. Non
nubentes ergo si dent se potioribus
bonis quam sunt bona coniugii, licet
non viuunt ut homines, non tarnen
propter hoc male agunt, quia sunt quasi
dii et sunt honünibus raeliores.
Sans faille aucuns pourroit aussy
Faire une doubte et dire ainsy
Que puisque li homs raisonnables
Est par nature mariables
Et doit en compaignie vinre
Sil veult bien sa nature ensuiure
II samble de premiere face
Que tort a soy meismez face
Et desraisonnable oeure et ville
Chilz qui fuit la vie ciuille
Et qui de marier na eure
Car II fait contre sa nature
Et samble pour dire en brief sommc
Quil ne vit pas de vie domme . . .
Mais pour ce ne sensieult II pas
Quaucuns ne puist bien aultrement
Bien viure et raisonnablement . . .
107 d"
Briefment cest pour ce que li homs
Veult viure de plus haulte vie
Pour vacquier a philosophie
Ou a aueune diuine oeure
Et chilz biaulx filz qui ainsy oeure
Fait mieulx et vit plus dignement
Que chilz qui vit ciuilement
Car la vie contemplatiue
Est trop plus digne que lactiue
Ainsy com le tay dit ailleurs
Et pour ce est chilz domme meilleurs
De tant que sa vie vault mieulx
Car II vit comme Angles ou dieux
Ou ccst pour ce secondement
Quil puist espoir plus franchement
Vacquier a fornicacion
Et a la delectacion . . .
Et chilz qui ainsy vit sans doubte
Se fait meudre domme et sabbaisse
De tant quil fuit la vie et laisse
Qui a lomme est propre et honneste
Pour viure de la vie de beste.
Im Verlauf dieser Widerlegung der oft gegen die Ehe vorgebrachten
Gründe ergänzt unser Dichter trefflich sein Vorbild durch eine Reihe
glücklich gewählter Beispiele aus der Mythologie und tritt mit grossem
Eifer für die Ehrenhaftigkeit und Sittsamkeit der Frauen ein, indem er
behauptet, dass alle Autoren, die den Frauen Übles nachreden, ent-
630 ^^- Hans Höfler
weder selbst gemeinen und niedrigen Charakters sind oder einen eigen-
nützigen Zweck verfolgen. Mit den Schriften letzterer Art spielt er
wohl auf den Roi?euroman an; denn der Dichter der E. A. uimmt mit
seiner Verteidigung des ehelichen Lebens und der Rechtfertigung der
Frauen eine geradezu gegeusätzliche SteliuDg zu Jean de Meuug ein,
der in dem genanuten Gedichte II, 9019 ff. die Ehe und die Frauen mit
grimmiger Satyre geisselt. Als abschreckendes Beispiel nennt er Deja-
nira, die sogar den gewaltigen Herkules durch List betrog und bezwang
(II, 9527 tf.). In ähnlicher Weise fiel auch der starke Samson^) der
Arglist des Weibes Dalila zum Opfer (II, 9538). Gerade auf dieses
Beispiel nimmt unser Autor bezug und sucht es durch Hinweis auf
Jason und Medea zu entkräften mit der Bemerkung, man dürfe nicht
parteiisch nur die eine Seite betrachten und sich so über die Vortreff-
lichkeit der Ehe hinwegtäuschen lassen. Von den weiteren Tugenden
der Weisheit, Tapferkeit und Keuschheit, welche die Frauen ebenso wie
die Männer besitzen, weiss J. d. Meung überhaupt nichts' oder will
wenigstens nichts davon wissen. Man vergleiche nur sein abfälliges
Urteil über die Keuschheit der Frauen, II, 8935:
Penelope neis prendroit
Qui bien ä li prendre entendroit
Si n'ot-il meillor fame en Grece
Si feroit-il par foi Lucrece.
ausserdem II, 8985:
Si n'est-il mes nule Lucrece,
Ni Penelope nule en Grece,
Ni prodefame nule en terre.
Wiederum sind es diese beiden Frauen''), deren Tugendhaftigkeit
der Dichter der E. A. als mustergültig hinstellt. Offenbar hat er mit
diesen Gegenbeweisen einen Hieb gegen den Roman de la Kose führen
wollen, der ihm auch gelungen ist, zumal nach seiner Ansicht in den
meisten Fällen die Verführungssucht der Männer die Schuld an den
Fehltritten der Frauen trägt.
Die folgenden Ausführungen lehnen sich wieder an Colonna an,
1) 108 c'^* Se li homs dist en sa chauson
Que dalida decupt Sanson
La responce est toute apprestee
Aussy decupt Lison Medec.
2) lOKc* Te puiz Je dire de lucrece
Et de peneloppe de {,^reco
Ces deux se lystorre ne mcnt
Se maintindrent si chastement
Et si leaument et si bien
Enuers leurs maris que le tien
Que uulz nc Ics feist fausser
Neys pour los membrez qiiasser.
Lcs Echecs Amoureux
631
WO der Dichter der E. A. die Gründe für die lebcuslängliche Dimer der
Ehe fand; es heisst dort in 1. II, p. 1, c. 8:
Probaut autem pliilosophi quod 110 c"
decet coniiigi:i iiuliiiisibilia esse, mcI
quod üstendenduiu possumus adducere
duas vias, qiias philosophi tetigeruiit.
Prima via sumitur ex parte fidei, vel
ex parte amicicie naturalis, quedebct
esse inter viruin et uxorcm. Seciinda
vero est ex parte prolis. Prima via
sie patet. Nam cum nunquaiu aliquis
fideliter amicetur alicui, si amicicia
eins discedat, si iutor viriim et uxorera
dcbitam fidem vel fidelem aniiciciam
saluare volumus, iic sit ibi violatio
tidei, oportet virum indiuisibiliter ad-
herere uxori sue et econuerso cum enim
iiiter virum et mulierem sit amicicia
naturalis, ut probatur VIII. Ethicorum.
. . . Secunda via ad inuestigandum hoc
idem sumitur ex parte prolis. Nam
licet coniugium si sit sterile, indisso-
lubile manere debeat, quia ciipiditas
filiorum preponi nou debet fidei con-
iugali.
Cliiiz (lui veult dont saus abiiaer
Sa vic cn mariage user
Doit auüir sa femme et sespeuse
Qui luy soit belle et graciense
La(}uelle II doit preraierement
Amer de euer entiercment
Et auoir propos et enuie
De le garder toute sa vie
Sanz luy lamais repudier
Car ce ne doit pas anuyer
Ou il doit tel amour auoir
Ou le tay tait deuant sauoir
Car sur tout aultre amour terrestre
Cest amour doit excellente estre
Et tres naturelle et tres ferme
Ainsy que raisons nous afferme
Siquez li marie tout doy
Se doiuent entreporter foy
Car ce nest pas bonne amistie
Ou foy ne maint ne leaulte . . .
A ce tont aussi grandemeut
La lignie et li eufaut deux . . .
110 d''
Et suppose meismeraent
Quil neuissent poiut de lignie
Si doit estre leur compaiguie
Sanz departir tout leur viuaut
Car la foy que Jay dit deuant
Doit plus peser au dire voir
Que le desir denfans auoir.
Colonna nennt hier als seinen Gewährsmann Valerius Maximus, der
im zweiten Buch seines Werkes: De factis memorialibus capitulo de
institiitis antiquis berichtet, dass seit Gründung- der Stadt Kom bis zum
Jahre 150 ,,repudiiim inter virum et uxorem . . . nullum intercessit^^
Weiter heisst es (c. 8):
Primus autem qui dimisit uxorem
sterilitatis causa fuit Spurius Carbilius,
qui quamquam ratione tolerabili motus
videretur, reprehensione tamen non
caruit, quia cuncti arbitrabantur cupi-
ditatera liberorum coniugali fidei non
debere preponi.
Pour ce fu blasmez de maint liomme
Purins qui sa femme a Romme
Repudia premierement
Et si la laissa seulement
Pour cause de sterelite
Car li saige de la cite
Disoient tuit commeut quil voit
Que la foy que Je dy deuoit
Aler deuant toutez les clioses
Qui sont en mariaige encloses.
632
Dr. Hans Hötler
Ob der in den 1^. A. genannte vielleicht auf einem Missverständnis
beruhende Name Purins, der zu JRom seine Gattin infolge ihrer Un-
fruchtbarkeit verstiess, mit dem oben erwähnten Spurius Carbilius
gleichbedeutend ist, lässt sich wohl vermuten aber nicht direkt be-
haupten.
In der Angabe der Gründe, die den Mann zur Monogamie veran-
lassen sollen, hält sich unser Autor an Colonna, c. 9:
Quod oimies eines et raaxime reges
et principes uiia sola uxore debent esse
coDteuti. Apud aliquas sectas non
reputatur contra dictamen rationis,
quod unius eiusdeni simul plures exi-
stant uxores. Sed quod recta ratio
dietet quoslibet ciues et maxime reges
et principes unica coniuge debere esse
contentos triplici via venari possumus.
Prima sumitur ex parte ipsius viri. Se-
cunda ex parte ipsius uxoris. Tercia
ex parte prolis, Prima via sie patct.
Nam sicut pluralitas ciboram prouocat
ad nimiam concupiscentiam venereorum,
quare sihuiusmodi concupiscentie fortes
sint, obnubilent mentem et rationem
percutiunt. Si indecens est omnibus
ciuibus vacare venereis et retrahere
se ab actibus prudentie et ab operibus
ciuilibus, indecens est eos habere
plures coniuges . . . Secunda via
sumitur ex parte ipsius uxoris. Nam
sicut ex parte viri indecens est uxorum
pluralitas, ne propter nimiam operam
venereorum vir a cura debita retra-
hatur, sie hoc indecens est ex parte
uxoris, ne uxor a suo coniuge non
debite diligatur. Nam inter virum et
uxorem debet esse amor magnus, quia
inter eos, ut probatur octauo cthicorum
est amicicia excellens et naturalis ; sed
cum excellens amor non possit esse ad
plures, ut vult philosophus nono ethi-
coruni, indecens est quosque viros
plures uxores habere, quia eas non
tanta amicicia diligerent, quanta inter
coniuges esse debet . . . Tercia via
ad inuestigandum hoc idem sumitur ex
nutritione filiorum.
llOd
Comment uus homs doit estrc con-
tens dune femme.
Je dy aussy biaulx auiis gens
Combien con voye aucunez gens
Qui ont tel loy et tel usaige
Quuns homs puet prendre en mariaige
Pluiseurs femmez licitement
Qui vault mieulx a mon Jugement
Et est plus raisonnable chose
Qui bien tout considere et glose
QuDs homs tous seuls tant seulement
Soit maris dune quautrement
Et cest chose a prouuer legiere
Par pluiseurs raisonz la preniiere
Kegarde attemprance et mesure . . .
Et cest aussi comme samblable
Au familleux qui a sa table
Pluiseurs mes delicieux treuue
Car cest trop fort que ce nesmeuue
Son appetit aucunement
A meugier oultrageusement.
111 a^^
Laultre raison con puet trouuer
Pour ceste sentence prouuer
Regarde lamistie parfaitte
Dont mencion ta este faitte
Qui en mariaige doit estre
Car sur tout aultre amour tcrrestre
Comme Jay dit lamour presente
Est naturelle et excellente
Et teile amour au bien enteudre
Ne se puet a pluiseurs estendre
Car teile exccllence damour
Ne fait quen un seul lieu demour
Nul euer ne puet amer briefment
Quen un licu cxcellentcment.
lllc>«
Et cest aussy chose contraire
Aux enfanz nourrir et parfaire.
Les Echecs Amoureux
633
Coloiina setzt hier in einem litiig-eren Verg-leich auseinander, dass
bei den Tieren dieses Verhältnis ganz anders ist. Da die Sorge für
die Jungen fast ausschliesslich Sache des Weibchens ist und dieselbe
ausserdem sich nicht auf so lange Zeit zu erstrecken braucht wie bei
den Menschen, so kümmert sich das Männchen nicht weiter um Zahl
und Pflege der Jungen ebensowenig wie um das Weibchen selbst. Bei
den Menschen bedarf jedoch das Kind der elterlichen Fürsorge, solange
es lebt; daher müssen Gatte und Gattin schon aus diesem Grunde sich
auf Lebensdauer die eheliche Treue wahren. Statt dieses Gedankens
führt der Dichter der PI A, einen anderen Grund ins Feld, der den
Mann zur Monogamie bewegen soll, nämlich den häuslichen Frieden.
Wo mehrere Frauen im Hause sind, kann bei der leichten Reizbarkeit
Herrschsucht und Eifersucht der Frauen unmöglich Friede und Eintracht
im Hause herrschen.
Billigerweise wird jetzt auch von der Gattin verlangt, dass sie nur
einem Manne anhänge und ihm in Treue zugetan sei. Unser Dichter
setzt hier sorgfältig die bei Colonua vorgebrachten Gründe in Verse
UQi. Dort treffen wir seinen Gedankengang genau vorgezeichnet in
c. 10:
Qaod coniuges oinnium ciuium et
maxime leguni et pvincipum uno vivo
debeiit esse contente. Qiiamuis apud
aliquas sectas, ut apud sarracenos et
apud forte aliquas barbaras nationes
non reputetur incongruum uiiura virum
siiuul habere phues uxores, apud nullas
tarnen gentes secundura quascunque
leges viuentes nunquam legimns hoc
indultum fuisse, ut siniul iina muliere
pluribus viris per coniugium copule-
tur . . In couiugio enim primo res-
eruatur ordo naturalis. Nam naturale
est feminara esse subiectam viro, eo
quod vir sensu, intellectu etprudentia
prestautior sitipsa. Sccundo ex coniugio
consurgit pax et amicicia; luultas enim
guerras et multas discordias sedari
videnius, eo quod inter partes contra-
huntur coniugia. Tercio ex coniugio
oritur ipsa proles . . . Quarto sicut
coniugium ordinatur ad filiorum pro-
creationem sie ordinatur ad eorum
debitam nutritionem . . . Quod autem
ex hoc tollatur naturalis ordo videre
non est difficile. Nam secundum ordiueni
naturalem, ut patet per philosophura
lllc
Comment une femnie aussy doit
estre contente dun raary.
Briefment ce seit contre raison
Quns seulx homs ait en sa maison
Plus dune femme encur sanz doubte
Est ce plus contre raison tonte
Qune femme seule ce samble
Ait pluiseurs maris tous ensamble
Sanz faille aussy ne fu II oncques
Veu en nulle loy quelconques . . .
Les causes sont chi toutes cleres
111 d
Preraieremcnt tu doiz sauoir
Quil doit en mariaige auoir
Une loy et une ordre teile
Qui est aussy que naturelle
Cest assauoir que par raison
La femme doit toute saison
Estre subgette a son mary
Et plainement obeir y
Car li lioms doit naturelment
Auoir plus graut entendement
Que la femme et plus de prudence
Li maris dont doit seignourir
634
Dr. Hans Höfler
in politicis, scniper vir debet esse
preeininens, mulier vero debet esse
subiecta. llursus secundura ordinem
naturalem in eisdeni operibus nullus
eque per se duobus vel pluribus potest
esse subiectus . . . Nam et si idem
potest domipari pluribus ut plures sunt,
eundem tarnen obedire pluribus prin-
cipantibus, nisi plures siiit secuudum
ordinem naturalem, esse non potest . . .
Secundo hoc idem inuestigari potest
ex ipsa pace et coucordia ad quam
couiugium ordinatur. Nam cum qui-
libet moleste ferat, si in usu sue rei
delectabilis impeditur, absque dissen-
sioue et discordia esse non posset, si
una femina per couiugium pluribus
copularetur viris, dum unus illorum in
usu rei delectabilis alterum impediret
inter eos guerra et inimicicia oriretur;
yrao quilibet illorum virorum contra
parentes et consanguineos uxorum ad
inimiciciam moueretur, eo quod suam
coniugem alteri viro per coningium
subicerunt. Ex coniugio ergo quod
ordinatur ad pacem et amiciciam, lis
et discordia oriretur . . . Tercio boc
idem patet ex generatiouc prolis, ad
quam coniugium ordinatur; impeditur
enim ipsa fecunditas filiorum, si una
femina pluribus coniugatur viris, unde
et meritrices conspicimus magis esse
steriles quam alias mulieres; ergo ex
parte procreationis filiorum omnino
indecens est unam feminam plures
habere viros . . . Quarto hoc inuesti-
gare possumus ex filiorum debito nutri-
mento; nam ex hoc parentes sollici-
tantur circa pueros, quia lirmiter credunt
eos esse pueros filios eorum. Quicquid
enim impedit certitudinem filiorum,
iuipeditnc pater dillgentereisprouideat
in hereditate et in nutrimeuto debito.
Sed si una femina pluril)us nubet viris
patres de suis filiis certi esse non
poterunt, quare nQn adhibebunt illam
(liligenciam quam debeut, ut suis filiis
de nutrimeuto et in hereditate proui-
deant, detestabile est virum unum
Par raison lusquez au mourir
Sil na a prudence failly
Et la femme obeir a ly
Et par ly regier tout son estre
Or ne puet une personue estre
Ainsy subgette proprement
A pluiseurs aumainz equalment
Briefment II est bon a veir
Qune personne seuleraent
Puet bien et raisonnablemeut
Sur pluiseurs seignourie auoir
Mais nulz ne puet au dire voir
A pluiseurs qui bien raenteudy
Estre subgiez si com le dy.
111 d
Je dy aussi secoudement
Quil ne pourroit en tel maisnage
Ou II aroit tel mariage
Dune a pluiseurs que Je recorde
Auoir paix ne boune concorde
Ainz verroit on sourdre layenz
112a
Moult de granz Inconuenienz
Qui troubleroient le conuent
Pour ce quil auenroit souuent
Que li unz a laultre nuyroit
Dont chilz se courrouceroit
P^t seroit espoir mal contenz
Sen sourdroit tost granz li contenz
Car nulz cuers ne se i'eleesce
Quant II parchoit que on lempesce
En son delit et a sa chose
Maiz luy desplaist et si oppose
Et sen courrouce par uature
Et briefment par ceste auenture
Pourroient venir maint mal tel
Non pas seulement eu lostel
Ainz en pourroit sourdre dehors
Eutre les parens graus descors . .
Sachez aussy que peu vauldroit
Chilz mariaigez chy endroit
Pour auoir eufanz et lignie
Car femme qui a compaignie
Et accointance a pluiseurs hommes .
Ne couchoit pas naturelment
Si tost ne si legierement
Que celle (pii neu conguoist qun
Ainz est fort quelle ait fruit aucun .
Les Echecs Amoureux 635
plures habere uxorcs, secl dctestabile Corame on voit dez femmez comniunez.
est, unani iiiulierem habere plures viros, 112a"'
quia per hoc magis impeditur certitudo Si a II un point en ce fait
liliorum. Qui forment a reprendre fait
Car nulz des mariz ne saroit
Des enfauz que la femme aroit
Liquel soroient sien ou non
Combien quil en euist le nom . . .
Dont Uli grant meschief ressauldroit
Qui pire encor dassez vauldroit
Car II ne chauboit aux chetiz
Maryez des enfans petiz
Qui de tel mariaige ystroient
Pour ce quilz ne les conguistroient
Nil ne mettroient la grant eure
A parfaire leur nourreture
Na procurer leur pourueance
Si seroient en grant balanee
Finablement II nest maniere
112b
De marier qui tant affiere
Ne qui tant vaille simplement
Que dun a une seulement.
Wie eingeliend sich unser Autor mit seiner Vorlage bescLäftigt,
gellt auch aus der Bestimmung der Zeit hervor, in der es am vorteil-
haftesten ist, zur Ehe zu schreiten, um ihren Zweck zu erfüllen und
Nutzen für sich selbst als auch für die Kinder daraus zu ziehen. Die
Anleitung dazu empfing er, nachdem er vorläufig einige Kapitel über-
schlägt, aus Colonnas c, 16:
Quod detestabile est in omiiibus 112b
ciuibus et maxime in regibus et priuci- Encore de ce et moustre que ce
pibus in etate nimis iuuenili uti copula nest pas bon de luy marier en trop
coniugali . . . Tangit autem philoso- grant lonesche et quil aux parenz et
phus septimo politicorum quatuor rati- aux enfans.
ones probantes, quod in etate nimis
iuuenili esse non utendum coniugio.
Prima ratio sumitur ex lesione filiorum.
Secunda ex intemperantia uiulierum.
Tercia ex periculo earum. Quarta ex
male viroruni.
Ein kurzer Vergleich der angegebenen vier Punkte in beiden
Fassungen ergibt, dass der Dichter der E. A. dieselben in umgekehrter
Reihenfolge wie seine Vorlage bespricht. Bei Colonna heisst es dem-
nach in c. 16 weiter:
Prima via sie patet, Nam si in 112d
etate nimis iuuenili coniungantur vir Ce nest pas aussy chose bonne
et uxor, ut probat philosophus tercio Aux enfanz dont le et sermonne
636
Dr. Hans Höfler
politicorum leduiitiir iiide filii quautum
ad corpus quia ut pliuimuiu suut iiimis
debiles corpore et iuiperfecti et etiam
leduntur quantum ad animam, quia sie
nasceiites ut plurimuiu defieiunt ratidne
et intellcctu . . . Secunda via ad
inuestigandum hoc idem sumitur ex
intemperantia mulierura. Nam si in
etate iuucnili uxores suis viris copu-
leiitur non solum filii inde leduntur,
sed etiam ipse uxores efficiuntur intem-
perate etlasciue, quia quelibet persona
nirnis desiderat aliud et nimio ardore
concupiscit ipsum si exnimia iuuentute
sit asuefactum ad illud. Undc septimo
politicorum dicitur quod intempcranti-
ores videutur esse mulieres ille, que
iuuencule fuerunt use coniugio. Tercia
via sumitur ex periculo raulierum. Nam
ut dicitur tercio politicorum: In partu
iuuencule magis dolent et periclitantur
plures; uiide et antiquitus ut pliiloso-
plius recitat fuit consuetudo apud geu-
tiles speciale oraculum facere pro partu
iuuencularum, in Signum quod iuuen-
cule magis periclitantur in partu quam
alie. Quarta via sumitur ex maio ip-
soruni virorum, quia ipsi viri leduntur,
si in nimia iuuentute utantur coniugio.
Unde tercio politicorum dicitur quod
niasculorum corpora leduntur, si tem-
pore augraenti et crescente corpore
utantur vencreis . . . Sed si queratur
quautum tempus requiratur in ipsis
coniugibus videtnr enim velle philo-
Roplius huiusraodi tempus in ipsa coniuge
(iebere esse deceniocto annorum. In
viro vero plus tcniporis reqiiiritur. Nam
si per totuni tempus augmcnti uociuum
est masculis uti coniugio, cum tempus
augmenti communiter in hominibus
requirat tria septennia, post septennium
tercium in viris videretur esse tempus
dcbitum darc opcram copule coniugali.
Qui de si losne gent descendent . . .
Car telz enfanz communement
Sont de corps fehle et Imparfait . . .
112 d"
Et si a pis car II conuient . . .
Quil y ait empecscheinent
Eu lame et cn lentendement.
112c"
Et si ra un aultre meschief
Dont on ne vient pas bien a chief
Tant fait grant dorapmaige aux fillettes
Car les damoiselles Jounettes
Qui sont trop tost a ce fait miscs
Sont plus fort de delit sousprises
Et y mettent plus lors ententes
Siquelles sont mainz continentes
Et mainz chastes naturelment
Comnie on voit par experiraent
Que cellez qui apoint entendent
Car plus par mesure y entendent
112c"
II nust aussy aux Jouencelles
Et est trop grant peril ponr elles
Quant ce vient a lenfantement
Car trop plus y ont de tourment
Et de dolour que celles nont
Qui de Corps et deaige sont
Farfaittez et bien ordonnecs . . .
Pour ce ordonnerent li payen
Uu Oracle ou tout Anchyen
Proprement pour prier aux dieux
Quant II en serroit temps et lieux
Pour Celles qui traucilleroient
Pour CO que pluiseurs en mouroient.
1120»
Premieremcnt li losnez homs
Qni nest pas de parfait aaige
Se fait au corps trop grant dompmage
E en destourbe sa croissance
Dont II a trop mcndre puissance.
113 a'-'
De ce concliient II appres
Con düit la femnie ou assez pres
Marier a XVIII anz
Et que lors est ce li droiz tempz
Et li homz aussy li peuent estre
Sil veult continuer son estre
Apprez XXIV anz ou trente
Les Ecbeca Amoiireux 637
Lora y puet II raettre sentente
C.ir lors a II boniie piiissance
Saiiz ricuz meffaire a sa croissance
Cest li tempz ordonncz dcz saiges
Pour coiumenchier les inariaiges.
Über das heiratsfähige Alter bei den Mädchen (18 Jahre) stimmt
unser Dichter mit Colonna überein, dagegen setzt er dasjenige der
Männer in die Zeit vom 24.— 30. Lebensjahr. Ausserdem legt er auch
Gewicht darauf, dass man nicht in zu vorgeschrittenem Alter sich ver-
ehelichen soll, da nämlich die Eltern, wenn sie bei der Heirat schon
bei Jahren sind, weder für ihre Kinder genügend sorgen können, noch
die Kinder zu dem Alter gelangen, in welchem sie ihre Eltern unter-
stutzen könnten. Gleichfalls selbständig weist der Dichter der E. A.
bei den Warnungen vor allzu jugendlichen Eheschliessungen darauf hin,
dass die Kinder, wenn ihre Eltern bei Schliessung der Ehe zu jung
waren, wegen des geringen Altersunterschiedes ihnen nicht die nötige
Ehrfurcht entgegenbringen würden.
Die im nachfolgenden ausgesprochene Meinung, es sei nicht ratsam,
sich mit einer Verwandten zu verehelichen, rührt wieder aus Colonna
her, der besonders den Gedanken äussert, man solle durch die Heirat
mit einer Frau ausserhalb seines Verwandtenkreises sich neue Freunde
zu erwerben suchen. Unser Dichter greift dabei auf Colonnas 1. H, p. I,
c. 11 zurück:
Quod decet omnes eines et maxime 113 b
reges et principes non ducere coniuges Cy uioustre pallas quel femnie on
in Ulla consanguinitate sibi coniuuctas. doit eslire et quelle non et premiere-
Crederet forte aliquis, dum tarnen una luent cou ne doit mie prendre de sa
femiua per coningium uni copuletur lignie.
viro, licitum illud coningium cuius- — — — — — — —
cunque generis vel cuiuscunque con- Or saichez dont premierement
sanguinitatis esse habeat vir et uxor. Biaulx doulx amiz con ne doit raie
Sed quod hoc sit rationis dictamen Faire sa femme ne samie
quod cum parentibus et cum consan- De sa parente aumains prochaine
guineisnimiaconsanguinitateconiunctis Car raisonz et nature liumaiue
non sit ineundum coniugium triplici Ce samble de premiere face
via venari possumus. Prima sumitur Deffendent que nulz ne le face
ex debita reuerentia que est parentibus Pour ce que lamistie charnelle
et consanguineis exhibenda. Secunda Qui en mariaige sosteile
sumitur ex bono quod ex coniugio con- Nest pas teile que lamistez
surgit. Tercia ex malo quod inde De lignaige Ainz est veritez
vitatur. Prima via sie patet. Nam Quelle veult aultrez cireonstances
cum ex naturali ordine debeamua paren- Aultrez poinz et aultrez plaisancez
tibus debitum subiectionem et con- Que lautre par naturel droit
sanguineis debitam reuerentiam, cuius- Car chascuns scet assez con doit
modi reuerentia debita non seruetur A sa mere aultre reuerence
inter uxorem et virum propter ea que Aultrement estre en sa presence . . .
638
Dr. Hans Höfler
iuter eos mutuo sunt agenda, dictat
naturalis ratio, quod nirais propinqua
ex suo genere non est per coniugium
socianda . . . Non licet ergo filiis
contrahere cum parentibus, propter
mutuam reuerentiam, quam sibi mutuo
debent; sie etiam non licet eis contra-
here cum consanguineis aliis, si sint
eis nimia consanguinitate coniuncti,
nisi ex dispensatione et in casn. Nam
propter aliquod magnum bonum quod
possit inde consiirgere, conceditur ali-
quando alicui in aliquo casn, quod com-
muniter aliis denegatur . . . Secunda
via hoc idem ad inuestigandum sutnitur
ex bono quod ex matrimonio consurgit.
Dicebatur enim in precedenti capitulo
quod ex contractione coniugii iuter cos
contrahentes oritur pax et concordia.
Sed cum inter consanguineos ex ipsa
proximitate carnis sufficiens amicicia
esse videatur, dictat naturalis ratio
coniugia contrahcnda esse inter illos
qui non sunt nimia consanguinitate
coniuncti, ut quos carnis coniunctio
per dilectiouem et amiciciam non con-
iuugit coniungat contractio copule
coningalis.
Aultrement qua sa concubine
113b
Briefment qui a bien concheu
La sentence de ma parole
Nulz homs sil na pensee fole
113c
Ne doit eslire sa parente
Ne mettre y son euer ne sentente
Pour an faire samie ou sa femme . . .
Se ce nestoit par auenture
Par bonne dispensacion
Et pour aucune occasion
Qui touchast le prouffit commun
En ce cas lont bien fait aucun
Car la loy pour aucun graut bien
Aucune foiz accorde bien
Une chose a une personne
Qui nest pas communement bonne . . .
113c»
Et suppose meismement
De congnoistre aussy charnelment
Une femme de son lignaige
Ou de la prendre en mariaige
Que ce ne fust point de pechies
Et quil nen auenist la meschies
Si vault n mieulx au voir comprendre
A une estrange femme prendre ~
Pour acquerre amistie nouuelle
Que femme de sa parentelle
Car gent dun lignaige ce samble
Out la grant amistie ensamble
Aumains le doiuent H auoir
Nature cest bon assauoir
A grant amistie les encline
Pour ce quilz sont dune rachiue
Et prouchain de char et de saug.
Der an dritter Stelle von Colonna erwähnte Grund gegen die Ver-
mählung mit Blutsverwandten schien unscrm Dichter nicht stichhaltig
zu sein, da er denselben überhaupt nicht berückfcichtigt. Colonna meint
nämlich c. XI: cum enim ad persona« nimia consanguinitate coniunctas
habcatur naturalis amor, si supra amorem illum superadderetur ami-
cicia coniugalis inter coniuges sie se habentes tanta multiplicaretur
dilectio, ut oportet eos nimium vacare venereis.
Auch hier unterlässt es unser Autor nicht, seine Belesenheit in der
griechischen und römischen Literatur') zur Schau zu stellen, indem er
1) 113 c" Pour ce firent nioult a blasmer
Mirra qui voult son pere amer . . .
Les Echees Auioureux
639
obne Vorlage mehrere Personen zitiert, über deren Häupter infolge
Ehcscbliessung mit nüobsten Verwandten scbreckliches Unglück berein-
brueb.
Abgesehen davon, duss die Oattin nicht uus der Verwandtschaft
stammen soll, muss sie noch andere P^igenschaften und Vor/Alge des
Leibes und der Seele besitzen, die gleichfalls von Colonna namhaft ge-
macht werden und zwar in c. 12:
Quouiüdo regea et priiiciijes et
uuiuersalitcr omnes ciues tleccnt uxores
accipere ornatas exterioribus bonis.
Bonorum autem quedam sunt auime
bona, ut virtutes et boui mores. Quedam
vera sunt bona corporis, ut pulchritudo,
niagnitudo, agibilitas et cetera talia.
Quedam autem dicuutur exteriora bona,
que quantum ad presens spectat, in
triplici genere babent esse. Nam hono-
rabilitas generis pluralitas amieorum,
multitudo diuieiarum inter bona exte-
riora computantur, ut patet per philo-
sophum primo ethicorum. Cum ergo
reges et principes volunt alicui i)er
coniugium copulari, attendere debent,
ut persona illa quam sibi in coniugem
Optant, Sit omnibus liis bonis ornata . .
Ordinatur euim coniugium ut patet ex
dictis, ad debitam societatem, ad paci-
ficum esse et ad sufficientiam vite.
Prout ergo coniugium ordinatur ad
debitam societatem apud reges et prin-
cipes in suis coniugibus querenda est
nobiUtas generis. Sed prout ordinatur
ad esse pacificum, querenda est multi-
tudo amieorum. Sed prout ordinatur
ad sufficientiam vite querenda est
lUb
(,'y moustre pallas quel femuie et
de quel condicion on doit prendre en
mariaige au plus prez con puet.
Et se tu veulz apprez aequerre
Quclx bieos on doit en temme querre
Et quelx biens on y doit eslire
Je respons et puis ainsy dire
Ad fin que Je ne faille en riens
Quil est troiz maniere de biens
Li Premier sont li bien forain
Que Je ne pris pas un lorain . . .
Li second sont li bien del ame
Et li aultre li bien du corps
Quant est dont aux biens de deliors
Que fortune que Je di garde
II est bon que chilz preude garde
Que Celle quil veult prendre a femme
Soit de bpnz parenz sans diffame
Et donneste lignie et boune
.Selon lestat de sa personne
Car chilz qui marier se veult
Se doit prendre au plus prez quil peut
Selon raison a sa pareille . . .
114 c'"
Li noble dont et li gentil
Doiucnt a noblez femmez tendre.
Et biblis qui ama son frere
Et menofron aussy sa mere . . .
113 c 14 Et ce nous moustre bien listoire
De Epydus qui est moult uottoire
Qui sa mere espousa corament
Quil le fist Ingnoramment . . .
114 a 25 Pour ce mourut de mort amere
Jadis soubdainement la mere
Dun pliilosophe dit second . . .
114 b* Pour ce se courroucha aussy
Biaulx filz li rois cynaras sy
Quil voult tuer mirra sa fiUe.
640
Dr. Hans Höfler
pluralitas diuiciarura . . . Secundo
j)ropter esse pacificum querenda est
multitudo amicorum, nam pax inter
liomines se habet quasi sanitas respectu
hunioruin . . . Quare sicut ad esse Sa-
num requiiitur, ut quis habeat naturam
fortem ut possit nociua expellere, sie
ad esse pacificum requiritur abundancia
ciuilis potentie et pluralitas amicorum,
nam secuudum philosophum III. reth.
homines libenter iniustificant cum pos-
sunt . . . Restat ostendere quomodo
ex ea debeat queri diuiciarum multi-
tudo. Queruntur enim ex coniuge dotes
et diuicie ad supportandum onera
coniugii et propter sufficicntiam vite;
verum quia reges et principe» semper
intelliguntar diuiciis et possessionibus
abundare, que deseruiunt ad sufficien-
ciam vite, decet eos in suis coniugibus
principalius querere quod sint nobiles
genere et quod per eas abuudent in
ciuili potencia et quod acquirant multi-
tudinem amicorum quam quod ex tali
coniugio acquiratur multitudo nummis-
matum ... in omni coniugio nimia
iraparitas videtur esse vitanda. Nam
iinparitas in excessu, siue sit secundum
nobilitatem, siue secundum etatem, ut
plurimum est causa litigii vel etiam
est causa, quod sibi coniuges fidem non
seruent.
114 c. Encore de ce.
H est bon aussi daultre part
Quant aux biens que fortune part
De prendre qui puet femme teile
Que chilz par laccointance delle
Pulst pluiseurs bons amis acquerre . . .
Car II sen trouuera plus fort
Sil auoit mestier de confort . . .
On en vit plus paisiblement
Et par maniere plus seure
Car on fait voulentez Iniure
Sicomnie on puet souuent veoir
A ceulx qui ont petit pouoir
114c,o
Et tiercement II doit vouloir
Sil ne veult con le tiengne a niche
Quelle soit souffissament riebe
Pour aidier a porter le faiz
Dez granz despens et dez granz fraiz
Quil fault en mariaige faire
A quoy richesse est necessaire
114d*
Sauz faule li prince et li roy
Quit sont riebe et de noble arroy
Doiuent plus lez deux poinz preraiers
Querre en leurs femmez que le tiers
Cest assauoir noble lignie
Pour auoir meilleur compaignie
Et plus pareille et plus samblable
A leur noblesce aussy nottable
Et graut moultitude darais
Pour soubzmettre leur anemis.
114c"
Car la trop grant disparitez
En lignie ou en dignitez
Et en eaige aussy nieismez
Selon ce que deuant deismcz
Fait en lostel noise et rihotte
Et bien souuent que Je plus notte
Et que Je tieng a peril graindre
La foy du mariaige enfraindre.
Hinsichtlich der mehr äusseren Vorzüge der Gattin ist der Dichter
der E. A. wiederum sehr von seiner Vorlage abhängig; auch er be-
spricht nur diejenigen Eigenschaften, welche Colonua in c. 13 für be-
gehrenswert hält:
Sciendum quod philosophus primo 114d
rethoricorum enunierando bona fenii- Cy parle pallas des biens corporeux
narum ait, quod bona corporis femi- que la femme doit auoir.
Les 6checs Amoureux
641
narum sunt pulchritudo et magnitudo . . .
Videmus auteni qiiod inaguitudo cor-
poris facit ad bonuui prolis. Nam filii
in quantilate corporis xit plurimum
matrizant, quia totam copulcntam sub-
staiitiara habent a matre quodaiuodo.
Sicut eniiu in aliis aniiualibus ut pluri-
mum ex magno genere et corpore
magna procedunt sie et in hominibus,
si pareutes magni existant filii ut pluri-
mum magni nascuntur . . . Secundo
inter bona corporis querenda est in
uxore formositas et pulchritudo. Nam
et hoc facit ad bonum prolis. Nam ut
sicut plurimum nascuntur magui ex
raaguis sie et ex pulcbris nascuntur
pulchri.
Quant est dez biens du eorps aussy
II est bon sil puct estre ainsy
Que la femme soit grande et belle
De droite beaulte naturelle
Car femmez de grant estature
Portent biaulx enfanz par nature
Et lez belles beaulx ensemcnt
Aumainz le plus communement
Ce sont deux poinz ou on doit tendre
Qui veult a mariaige entendre
Et dont on doit trop estre engranz
Cest dauoir beaulx enfanz et granz
lUd,3
La beaulte que Je doy nest pas
Sans plus prouffitable en cest pas
Ainz vault se tu le veulx oyr
A foruicacion fouir.
Nach der bei Colonna stets üblichen speziell an die Könige und
Fürsten gerichteten Ermahnung^ bei der Wahl der Gattin besonders
diese Vorzüge anzustreben, folgt die Besprechung der in den E. A. als
biens de Tarne bezeichneten Güter, worüber sich Colonna in c. 13 weiter
auslässt:
Restat videre quomodo ad bona
anime querenda sunt in ea temperantia
et amoroperositatis. Illud enim bonum
maxime videtur esse querendura in
femina, ad cuius oppositum maxime
incitatur . . . Sed cum temperantia,
ut supra in primo libro diffusius dixi-
mus Ipsas passlones moderet, ad quas
mulieres maxime incitantur, licet sin-
gulis virtntibus secuudum modum eis
congruum feminas pollere deceat, tarnen
cum tradenda est aliqua nuptui potis-
sime querendum est, utrum polleat
temperantia, eo quod ad intemperan-
tiam femine maxime incitentur . . .
Decet ergo coniuges teraperatas esse,
decet etiam eas amare operositatem,
quia cum aliqua persona ociosa existit
lenius inclinatur ad ea que ratio vetat.
Nam mens humana, ut innuit philoso-
phus septimo politicorum, nescit ociosa
esse; statira ergo cum quis non dat se
bonis et Ileitis exerciciis mens vagatur
circa alia et occupatur cogitationibus
turpibus.
Romaniache Forschungen XXVII.
115 a. Des biens de lame.
Je dy aussy dez biens del ame
Quil est bien seant que la femme
Soit encline yuer este
A vertu et a honnestc
Si con ne voye rien de lait
Et par especial quelle ait
En luy la vertu dattemprance
Et quelle ait desir et plaisance
De faire tousdiz honneste oeure
Car attemprance met mesure
En euer dhumaine creature
Et le refraint et le retrait
Des deliz ou li sens lattrait
La bonne exercitacion
Aussi dont Je fayz raencion
De mal penser le gardera . . .
Je diz aussy seconderaent
Quelle doit son entendement
Mettre comme raison le donne
En excercitacion tres bonne
Et ne doit oncquez estre oyseuse
Pour ce que la pensee humaine
41
642
Dr. Hans Höfler
Ne scet estre naturelment
Oyseux a poy un seul moment
Car dez lors con ne se excercite
En aucune chose licite
Elle tourne a la verite
Tost sa pensee en vanite
Et en chose laide et villaine.
Die Gründe, welche dafür angeführt werden, dass man lieber eine
Jungfrau als eine Witwe zur Gemahlin nehmen solle, scheinen der
eigenen Erfindungsgabe unseres Dichters entsprungen zu sein; wenigstens
Hessen sich keinerlei Anhaltspunkte dafür vorfinden.
Bei der Erörterung über die Behandlung der Frau verschmolz der
Dichter der E. A. Colonnas c. 14 und c. 15 miteinander. Im ersteren
legt Colonna Gewicht besonders darauf, dass der Ehemann hinsichtlich
der Unterordnung seine Gattin nicht nach denselben Gesichtspunkten
behandeln solle wie seine Kinder; im letzteren betont er, dass die Frau
noch viel weniger mit der Dienerschaft auf gleiche Stufe gestellt werden
dürfe. Aus c. 14 entlehnte unser Dichter zur Begründung der au erster
Stelle ausgesprochenen Behauptung den Satz:
Inter patreni enim et filium non 115 d. Encore de ce.
interueniunt conuentiones et pacta qno-
modo eum regere debeat, sed pater
sccundum suum arbitrium prout melius
viderit filio expedire, ipsum gubernet
et regat, siciit et rex gentera sibi
subiectam regere debeat secundum
suum arbitrium prout melius viderit
illi genti expedire. Quare tale regimen
recte dicitur regale, sed inter uxorem
et virum semper interueniunt quedam
conuentiones et pacta et sermones
quidam, qualiter vir se habere debeat
circa ipsam. Dicitur ergo tale regiraeu
politicum.
Briefment le raary ne puet pas
Ne ne doit sa femme traittier
Sil veult par raison exploittier
Du tout a sa voulente plaine
Mais par conuenance certaine
Et Selon la loy et lusaige
Con doit garder en mariaige
Et pour ce com on puet veoir
Ny a II pas si piain pouoir
Com li percs sur ses eufans
Combien con les tiengne a moult frans
Car seignonrie nupcial
Nest pas seignourie royal
Ne si grant ne si naturelle
Que seignourie paternelle.
Ausserdem benutzte er aus c. 14 die Bemerkung:
Kursus dominium paternale magis Car mariaiges se veult faire
Par eleccion volentaire
Et se Jay dit en ma doctrine
Quo nature lomme y eucline
Certes la veritez est teile . . .
IKJa
Mais li enfant cest chose clere
Neslisent pas ainsy leur pere
Ainz sont engendre par nature.
In ähnlicher Weise verwertet unser unbekannter Autor auch c. 15
est secundum naturam quam coniugale.
Aliquo enim modo uxor iudicatur ad
paria cum viro et eligit sibi virum.
Filii autem non indicautur sie ad paria
cum patre, uec eligunt sibi patrem, sed
naturaliter producuntur ab ipso.
Les Echecs Amoureux
643
nur im Auszug. Die drei Punkte, die Colonna als Beweis dafür an-
gibt, dass die Frau nicht wie eine Sklavin zu betrachten sei, lauten:
Prima sumitur ex ipso ordine naturali. Secunda ex perfectione
domus, Tercla ex paritatc coniugum.
Aus Colonnas ausführlicher Betrachtung zum ersten Punkt entnahm
der französische Dichter den Hauptgedanken:
Quare cum uatura ordinauerit coiii- llöc^
ugem ad generationcni, indecens est
quod ordinetur ad seruiendum . . .
tarnen apiid aliquas gentes, sicut apud
barbaros, idem sunt femina et scruus . . .
Secuudn via ad inuestigandum hoc
idem sumitur ex parte perfectionis
domus; videtur enim domus esse im-
perfecta et habere penuriam rerum et
non sibi sufficere in vita, unde dicitur
VI. politicorura quod pauperes qui non
habent copiam senütorum nee liabun-
dant in hiis que requiruntur ad per-
fectionem domus, utuntur uxoiibus et
filiis tamquam seruis. Tercia via sumi-
tur ex paritatc, que debet esse inter
uxorem et virum. Nam licet vir debeat
preesse uxori, eo quod sit ratione
prestantior, non tarnen debet esse tanta
imparitas inter uxorem et virum quod
ea uti debeat tamquam serua, sed magis
tamquam socia.
Car la femme qui bicn comprent
Ce que natura nous apprent
Nest pas pour seruir ordonnee
Aius est establie et donnce
A lomme comme neccessairc
A generacion parfaire.
llßa*'
Li homs dont de nature bonne
Doit traittier comme raison donne
Sa fenime non pas seruement
Et saucun le fönt aultrement
Cest par deffaulte de raison
Ou de richesse en la maison
Comme fönt li foi barbarin
Ou aucun poure patharin
Qui nont de quoy seruans auoir
Et ce nous fait assez sauoir
Quen noble maison et parfaitte
Femme ne doit serue estre faitte . .
115d"
Pour ce que li homz est plus saigez
Que la femme et plus raisonnable
Siquez la femme par raison
Le doit toudis croire et ensuiure . . .
Maiz pour ce ne doit pas li homs . . .
Sa femme tenir en seruaige . . .
Ainz est raisons quil samollie . . .
Quelle doit estre sa pareille
Et sa compaigne en pluiseurs cas.
Der französische Dichter ermahnt nun nochmal die Gattin zur
Tugend; die Eltern sollen ihren Kindern ein gutes Beispiel geben. Diese
Ausführungen, sowie die beiden Gleichnisse vom Sämann und von den
biegsamen oder unbiegsamen Ruten sind wahrscheinlich ohne Vorbild
entstanden. Über das Benehmen des Mannes gegen seine Frau handelt
Colonna in c. 19 und c. 20. Aus letzterem nahm er besonders den
Schlussgedauken herüber :
Debent enim viri diligeuter ad-
uertere, utrum uxores sint süperbe an
huniiles, utrum sint prudentes an fatue . . .
117c,,
Car qui luy laisseroit sans doubte
Faire aussy sa voulento toute
41*
644
Dr. Hans Höfler
Süperbe eniua adeo fiunt elate, si eis
miilta amicicia ostendatur, ut velint
etiam viris propriis dominari. Kursus
etiara sie conuersandum est cum eis,
quod aliter instruende sunt prudentes
aliter fatue. Nam prudentibus ad cor-
rectionem leuia et blanda verba suffi-
ciant. Fatuis vero asperior increpatio
est adhibenda.
Sanz luy corrigier par raison
Elle voulroit en la maison
Estre maistresse soirs et mains
118a"
Et pour ce si fault II gaittier . . .
Tres bien leur nature et leur estre
Comrae seile est noble ou villaine
Ou seile est humble simple et plaine
De grant orgueil ou poure ou riebe
Ou seile est aussy saige ou niche . . .
Car lune veult finablement
Con la maine amiablement
Sanz violence et sans Iniure
Et lautre par voie plus dura.
Von dem in den E. A. ausgesprochenen Kate, man solle seine zu-
künftige Gattin schon von der ersten Begegnung an nach seinem Kopf
ziehen, weiss Colanna nichts. Zu der kurzen Bemerkung über den
ehelichen Verkehr der Gatten empfing unser Dichter die Anleitung aus
Colonnas c. 20:
Sunt autem tria quantum ad presens
spectat diligenter consideranda, in
quibus viros circa proprias coniuges
decet debite se habere. Nam primo
debent moderate et discrete eis uti.
Secundo debeut eas honorifice tractare.
Tercio debent cum eis debite conuer-
sari.
118b,,
Pour ce te vueil oultre Informer
Dun point qui est de grant mistere
Cest qne li homs doit eusement
De sa femme user saigement
Et garder dez le premier cop
Quil nen face ne pou ne trop
Mais tant et par mesure teile
Quil souffisse a la damoiselle.
In den E. A. wird von den drei Punkten besonders die Mässigung
betont, während die übrigen beiden ausser acht gelassen werden mit
Ausnahme des schon früher erwähnten Schlusssatzes, dass man stets
der Natur seiner Gattin Rechnung tragen müsse.
Die Warnung vor der Eifersucht wurde wörtlich aus Colonnas
c. 22 herübergenommen:
Quod non decet reges et piincipes
et uniuersaliter oranes ciues erga suas
coniuges nirais esse zelotipes. Multi
viroriim videutur in hoc delinquere,
quia circa uxores proprias sunt nimis
zelotipes. Sed quod nimis zelus non
Bit laudabiüs triplici via ostendere
posBumus. Nam cum quis erga suam
coniugem est nimis zelotipus ex nimio
zelo, quem erga illam gerit, omnia
Buspicatur in peius. Multociens enim
uxores bene viucntes et debite se
118c Comraent li homs ne doit pas
estre trop Jaloux de sa femme.
II y a aussy une chose
Qui aueuc ce que Je texpose
Vault a cest propoz cest corabien
Que li mariz sur toute rien
Doye apprez dieu sa femme amer
Ou II fait forment a blasmer
118ci»
Si ne lo Je pas toutesuoie
Quil laint tellemeut con le voie
Jaloux desraisonnablemeut
Les 6chec8 Amoureux
645
gereutes increpnnturaviris; si contingit
eaa esse niniis zelotipes co quod zelo-
tipi sit, etiam bene acta in peius
suspicari. Ex suspitione autem ipsius
zelotipi, si niraius sit eius zelus, tria
mala consnrgunt, ex quibus tres raci-
ones sumi possunt, ostendentes nimis
zelotipes non esse laudandos: primiim
et quia viri in se ipsis nimia tuibacioue
vexantnr, Secundum quia ex hoc ipse
uxores incitantur ad malum. Tercium
vero quia ut plurimum ex tali zelo con-
surgit in domo litigium et perturbacio.
Prima via sie patet. Nara si viri nimio
zelo raouentur circa uxores proprias,
quasi semper sunt in suspitione et per
consequens semper sunt in anxietate
cordis quare cum una cura impediat
aliam oportet sie zelantes retrahi a
debitis curis et a ciuilibus operibus . . .
Secunda via ad inuestigandum hoc idem
sumitur ex eo quod uxores incitantur
ad malum, si contingat suos viros zelo-
tipes esse. Commune est enim quod
semper prohibicio äuget concupiscen-
ciam, nam ut dicitur II. rethoricorum
concupiscencia est eius quod abest . . .
Tercia via sumitur ex lite et litigio
sine iurgio quod in domo consurgit,
nam cura videtur uxoribus quod sine
causa calumpnientur et quod eorura viri
sine culpa suspicientur de ipsis mala,
quod faciunt viri nimis zelotipi, non
possunt pacientersufferre, propter quod
in domo lila ut plurimum oriuntur Utes
et iurgia.
Unabhängig schaltet hier unser Autor noch die Ermahnung ein,
die Gattin solle in allen vernünftigen Dingen sich dem Willen ihres
Mannes unterwerfen und in Glück und Unglück ihm treu zur Seite
stehen. Sie nehme sich Peuelope oder Abtiste als Beispiel, die ihren
Eheherrn treu ergeben und musterhafte Frauen waren. Zu diesem Zweck
ist es jedoch noch erforderlich, dass die Gattin mit einer Anzahl sonstiger
Tugenden ausgestattet sei, die der Verfasser der E. A. getreulich
Colonnas c. 19 entnimmt:
Car chilz qui vit en tel tourment
Biaulx amis ce doiz tu sauoir
Ne puet Joye ne bien auoir
Ne bonne pensee nays
Ains cuide estre tousdiz trahis
Et deceus en toute ohose
Car li cuers Jaloux toudiz glose
Et prent quanquil vbit au senz pire
Si frist et art en tel martire
Et sefforce espoir desprouuer
Ce quil ne vouldroit pas trouuer
Sen vit en grant meschief mortel
Et si a un mal encor tel
Car la dame qui scet et notte
Corament li Jaloux si le notte
Et durement le maine et traitte
En est plus meue a mal faire
Seile nest de trop mal aftaire
Et ad ce penser et vouloir
Quelle meist a nonchaloir
Se chilz ne ly ramenteuist
Quil vauldroit mieulx quil se teuist
Et quil la traittast doulcement
Quoy plus et Je dy tiercement
Quil ne puet auoir par raison
Joye ne paix en la maison
Mais que discorde et tenchon toute
Ou celle Jalousie se boute.
Decet enim coniugea esse castas
non solura propter fidem seruandara
suis vivis, sed etiam propter procre-
andum prolem; nam si coniunx caati-
120a
Aueuc la bonne obeissance
Et le seruice et la plaisance
Que la femme de bonne affaire
646
Dr. Hans Höfler
tatem non seruet, de facile filius non
prout ipsiuB viri succedit in hereditatem
patris . . . Secundo decet eas esse
pudicas et hunestas, nam non sufficit
coniuges esse castas et cauere sibi ab
operibus illicitis sed oportet eas esse
pudicas et honestas ut sibi caueant a
signis et a verbis que videntur in-
honestatem protendere . . . Tercio
oportet eas esse abstinentes, ut caueant
sibi a superfluitate cibi. Nam cibi
superfluitas ad incontinentiam inclinat.
Quarto decet eas esse sobiias, ut caue-
ant sibi a superfluitate potus. Kam
cum immoderantia cibi quam potus
prouocat venerea, unde et antiquitus
apud romanas mulieres, ut recitat
Yalerius raaximus in libro secundo capi-
tulo prirao de institutis antiquis, quoda-
modo nephas erat bibere vinum . . .
Viso coniugem sie regendam esse, ut
sit temperata debite restat ostendere
quomodo regenda sit ut sit debite taci-
turna. Nam ut scribitur prirao politi-
corum: Ornamentum mulierum est silen-
cium. Si euim mulieres debite se
habeaut et congrue silencium seruent
ex hoc magis apparent oruate et ad
maiorem honorem et amorem viros in-
ducant. Decet ergo eas esse tacitas
sie etiam decet ipsas esse stabiles,
quia quanto uxor est magis constaus
et firma tanto magis incrudelitas ad-
generatur viro, ut ei debitara fidem
seruet , . . Ad hec autem omnia viri
eas inducere poterunt, vel per seipsas,
vel matronas boni testimonii, vel per
cautelas alias adhibendo.
Doit toudiz a son amy faire . . .
Doit eile viure chastement
Et luy porter selou la loy
Toute sa vie bonne foy
Sanz son corps a aultruy partir . .
Et si doit aussi regarder
Pour le peril de la lignie
Qui vient destrange compaignie . .
120b
Pour ce doit la leale espcuse
P^stre ainsi questrange honteuse
Et sauuaige a toute personne . , .
Et fuir tels decepuemcns
Telz regars et telz touchemens
Car cest la voye plus seure
Pour soy garder de souilleure . . .
120 b
La femme aussy se doit garder . .
120c'
De trop mengier et de trop boire
Car on se meflfait de legier
Par trop boire et par trop mengier ,
Pour ce fu dez Auchiens saiges
Li vius defl'endus aux romains
Pour les garder doeures villains . .
Car li vins conforte nature
Pour ce quil fait grant nourreture
Qui la chaleur croist et araplj^e
Et lez e^periz multiplye
Qui le euer a delit esmeuuent.
120 c,
Aueuc ce que Je te deuis
Doit la femme de bon aduis
Et de raisonnable maniere
Estre paisible et pau parliere
121d
Car aussi que la Jangieresse
Qui noyseuse est et tenceresse
Est abhominable et horrible
Aussy est la femme paisible
Qui parle peu et par raison
Trez gracieuse en la maison
Et tres plaisant chosc a veir
Et dont trop se doit resioir
Son mary quant II la voit teile . . .
120 d, 3
Encor doit la femme honnourable
Estre toudiz ferme et estable . . .
Car femme con voit tost muable
Les Echecs Amoureux 647
Nest pas par raison si croable
Qiic cellc conime Je propos
Qiii se tient feime en ßon propos . . .
121a"
Mais toutes foiz par discipline
Et par boii admonnestement
Oll les fait viure lionuostement
Kaison aussy de lautre part . . .
Lez fait resister au contrairc . . .
Par leur seule vertu meisiuez . . .
Zu diesen Tugenden fügt der Dichter der E. A. noch hinzu, dass
die Frau viel im Hause arbeiten und zu Gott beten solle; besonders
sollen die Eheleute sich gut mit ihren Schwiegereltern vertragen. Mit der
Vorschrift, die Gattin solle zuhause bleiben und die häuslichen Ar-
beiten verrichten, verrät er einen direkten Gegensatz zu J. de Meung,
gegen den er damit wieder einen Trumpf ausspielen zu wollen scheint.
Im Rosenroman wird die Frau ermahnt (III, 14115):
Et gart que trop ne seit enclose
Car quant plus ä l'ostel repose,
Mains est de toutes gens veue.
Et sa blaute mains congneue,
Mains convoitie et mains requise.
Sovent voise ä la mestre eglise
(1421) Et face visitacions
A noees, ä processions,
A geus, ä festes, ä karoles.
Diese Anweisungen gehen übrigens im Grunde aufOvids Ars ama-
toria zurück, die auch J. de Meung teilweise nachahmte. Ovids An-
sicht findet sich kurz zusammeugefasst in A. a. III, 417:
Utilis est vobis, formosae, turba, puellae
Saepe vages ultra limina ferte pedes.
In der Verurteilung der übertriebenen Putzsucht der Frauen und
ihrer Vorliebe für Schminken und Färben des Körpers befindet sich der
Dichter der E. A. wieder im vollen Einklang mit Colonnas c. 21:
Quomodo mulieres circa ornatum 122 a
corporis debeant se habere . . . Seien- Comment la femme doit garder de
dura ergo ornatum femineum qnantum faire despens oultrageux et de trop
ad presens spectat, in duobus consistere, grant cointise.
quorum unus potest dici ficticius alius 122 a^j
non ficticius. Ficticius autem ornatus Pour ce doit eile regarder
dicitur futatio, ut appositio coloris albi Seile veult bien sonneur garder
vel rubei, quibus per quedam figmenta Et faire ce que raisons donne
ostendunt se femine rubicundiores vel Quant aux despens de sa personne
albiores vel aliquo modo pulchriores Quelle ne soit pas ententiue
quam sint. Talia autem quia sunt Dauoir vesture excessiue
ficticia et sophistica sunt illicita et Ne trop Jolie ne trop cointe , . ,
648
Dr. Hans Höfler
prohibenda. Alius autein est ornatus
non ficticius, qiii consistit in debitis
indumentis et iu aliis ornaraentis, que
si considerato proprio statu et condi-
cionibus personarum debite et ornate
fiant, sunt licita et honesta. . . Aduer-
tendum autem quod circa ornatum
vestimentorum contingit duplicJter
peccare. Primo ex superhabundantia.
Secundo ex defectu. Superhabundantia
vero ut videtur oportet ibi triplicem
virtutem querere, quam tangit Antro-
nicus peryppoteticus in libello quem
fecit de virtute. Huius autem triplex
virtus est humilitas, moderantia et
simplicitas. Tunc enira mulieres circa
ornatum corporis sunt humiles, quando
non propter gloriam vanain se ornant
sed hoc agunt, ut suis viris bene pla-
centes eos a fornicationibus retrahant.
Tunc vero sunt moderate, quando con-
siderato suo statu non superflua vesti-
menta querunt . . . Tercio decet feminas
circa ornatum corporis esse simplices,
ut non nimia solicitudine ornamenta
requirant . . . His ergo tribus modis
contingit delinquere circa superflui-
tatem oruamentorum, sed duobus modis
ut ponitur communiter contingit delin-
quere circa defectum. Primo si hoc
tiat ex pigritia et negligentia. Nam
alique adeo sunt pigre, quod ex sola
negligentia omittunt solicitari circa
debita indumenta. Secundo in talibus
deliuquitur si ex ipso defectu queratur
laus et gloria.
122b „
n loist bien dont quelle se pare
Honnestement tant quil appere
Quelle soit belle et honnerable . . .
Toutcsfoiz quil soit naturelle
Sanz sophistiquier et sanz faindre
Et pour ce deffens Je le paindre
Et le farder estroittement
Car femme qui si faittement
Se paint et farde et se couloure
En verite se deshonnoure.
122 c»
Et briefmeut cest la fin du compte
II sanible de premiere face
Que la femme quoy quelle face
Qui veult viure si cointement
Ne veult pas viure chastement
Et si despent et fait oultraige
Dont II est pis en son mesnaige
La femme dont vaillant et saige
Doit amoderer son couraige,
122 c. Encore de ce.
Pour ce doit la femme de bien
Estre attempree en son maintlen
Et tousdiz eusieuir ladresce
De humilite et de siraplesce
Car attemprance luy mesure
Son attour es sa vesteure
A poiut sanz superfluite
Et la vertu dhurailite
La garde aussy de vaine gloire
Et dorgueil seile le veult croire
Et simplesce de lautre part
Quant eile y tourne son regart
Le recontregarde eusement
Dentendre y trop songneusement.
122c"
Car aussy con deuroit blasmer
La femme en cointise oultrageuse
Aussi doit ou la precheeuse
Et la niche et la negligente.
Auf die nähere Erklärung dieser Punkte lässt sieb der Dichter der
E. A. nieht ein, wie sjich hier überhaupt die Wahrnehmung machen
lässt, dass er in anerkennenswerter Weise kürzer sich zu fassen be-
strebt ist. So verliert er auch, nach nochmaliger Ermahnung an die
Gattin zu Liebenswürdigkeit und Geborsam nur sehr wenige Worte
darüber, dass die Frauen weder zum Rate beizuziehen noch ihnen Ge-
Les 6chec8 Amoureux 649
heimnisse anzuvertrauen seien. Colonna verbreitet sich ausführlich da-
rüber in c. 23:
Quäle Sit consiliuin mulierum et 123 a,,
quod earum consilio non est utendum Car teimnes ne sout pas habiles
sinipliciter sed in casu. A bicii conseillier de tclz clioses . . .
Et sil auient par auenture
Que la femme aucnus secrez sache
De son iiiary quoy quelle faclie
Gart soy bien quil soit si cele
Que Jamals ne soit reuele.
Über das Verschweigen von Geheimnissen spricht er in c. 24:
Quomodo non decet reges et principes et uniuersaliter omnes eines
propriis coniugalibus sua aperire secreta.
In trefl'lichcr Weise ergänzt der französische Dichter sein Vorbild
dadurch, dass er auch einige Andeutungen über das Verhalten des
Hausherrn*) gibt, der wie ein König in seinem Reich, wie Gott über
die Welt so als Oberhaupt in seinem Hause schalten und walten, über-
all mit gutem Beispiel vorangehen und sich liebevoll und ehrbar gegen
seine Gattin betragen soll.
Wir wollen hier nicht unterlassen, den hohen sittlichen Ernst und
die Eindringlichkeit anzuerkennen, mit der Colonna und sein poetischer
Nachahmer wiederholt die Ehegatten zu gegenseitiger Liebe und Treue
auffordern und insbesondere die Unauflöslichkeit der Ehe betonen. Als
gebildete Männer waren die beiden Autoren natürlich mit der Geschichte
Frankreichs vertraut und da mochten sie sich wohl an die leichtfertige
Art und Weise erinnern, mit welcher die damaligen französischen Könige
sich von ihren Gattinnen zu trennen beliebten. Philipp II. August ver-
mählte sich nach dem Tode seiner ersten Gemahlin Isabella von Henne-
gau mit der dänischen Königstochter Ingeborg, „einer Jungfrau von
Schönheit, Tugend und Sittsamkeit". Aber aus unbekannten Gründen
fasste der König schon in der Brautnacht eine so heftige Abneigung
gegen die Neuvermählte, dass der Aberglaube meinte, Zauberei habe
1) 123 b*^ Comme un senl roy fait eu sou regne
Et uu seul dicu sur tont le monde
A qui II fault que tout responde
Tout ainsi dont que nous veons
Que chilz dieux en qui nous creons
Tout le monde gouuerüe et maine
Par droitte ordonnance certaine
Et que chascune creature . . .
Oeuure et luy fait obeissance . . .
Aussi dis Je finablement
Quil doit auoir en la maison . . .
ün gouuerneur . . .
650 Dr« Hans Höfler
ihm den Sinn verstrickt. Er beschloss, sie nicht als seine Gattin an-
zuerkennen. Auf Grund einer erfundenen Verwaudschaft wurde durch
den Erzbischof Wilhelm von Heims und mehrere Bischöfe die Trennung
der Ehe ausgesj)rochen und dann die Verstossene, da sie sich weigerte,
nach ihrer Heimat zurückzukehren, in das Frauenkloster Beaurepaire
gebracht. Unterdessen sah sich Philipp nach einer anderen Braut um.
Als die Tochter des Pfalzgrafen Konrad seine Hand verschmähte, warb
er um Agnes, die schöne Tochter des Herzogs von Meran und Hess
sich mit ihr trauen, obwohl der Papst die Scheidung von Jngeborg für
ungültig erklärt hatte. Erst als das Interdikt über Frankreich ausge-
sprochen und Agnes gestorben war, nahm Philipp seine verstossene
Gattin wieder als Gemahlin an, nachdem sie 17 Jahre als Gefangene
gelebt hatte ^).
Ähnliche Zustände herrschten in dem Nachbarreich England unter
der Regierung Johann's ohne Land, der ebenso wie seine Gemahlin
manches galante Abenteuer erlebte (Weber 1. c. VH, 643), und auch
Ludwig X. von Frankreich (1314 — 131G) hatte seine Gemahlin Margareta
von Burgund im Gefängnis töten lassen, um eine neue Ehe schliessen
zu können. Seine Wahl fiel auf dementia, die Königstochter von
NeapeP).
Es erübrigt noch am Schluss dieses Abschnitts darauf hinzuweisen,
dass auch in dem Werke eines anderen mittelalterlichen Schriftstellers
sich ab und zu Bemerkungen über den Ehestand finden, die mit solchen
des Dichter E. A. ziemlich übereinstimmen. Es ist dies das Speculum
naturale des Vincentius von Beauvais. Derselbe kommt für den nach-
folgenden Teil unserer Untersuchung in grösserem Masse in Betracht
und es könnte vielleicht die Ansicht Platz greifen, dass Vincentius
auch in dem eben behandelten Kapitel vorbildlich gewesen sei.
Über die Monogamie äussert sich Vincentius kurz in Sp. nat. pag. 383
(1. 30; c. 32) Patet etiam quod unicam esse debere sit naturali iure.
Est enim de naturali iure, ut alii non facias. quod tibi non vis fieri.
Sicut ergo vir non vult mulierem dividere caruem suam, ita nee ipse
debet dividere suam . . . ausserdem in 30, 33 (pag. 383): Nee sicut
uni viro plures licobat habere uxores, sie et uni foeminae vires plures,
nee forte ipsius prolis causa, si forte illa quidem parere posset et ille
generare non posset.
Gleich Colonna und dem Dichter der E. A. gibt auch Vincentius
den Rat, man solle sich nicht mit einer Verwandten verehelichen: 30, 17:
Ceterum in coniunctione viri ac foeminae oportuit excipi propinquos
carnis supradicta s. ratione, ut vir vel mulier quaelibet coniugem quae-
1) Vergl. Weber 1. c. VII, p. 707.
2) S. Weber 1. c. Vit, 750.
Les Echecs Amoureux 651
rens extru coni?ang'iiinitatem suam pliires sibi necessitudines et uffiui-
tates cum pluribus acquireret ac per hoc etiam plures sibi amicitias
copularet.
Die Eigenschaften, welche die Gattin zieren sollen sind in c. 30, 37
enthalten: Si ergo vis ducere uxorcm noli quaerere diviteni, scd bene
morigeratam : quia mores boni divitias semper acquirnnt, divitiae aiitem
uunquam mores fccerunt. Et gloriosior est paupertas fidelium quam
divitiae peccatorum. Noli quaerere speciem . . . Qui ergo suavitatem
quaerit coniugii, non tarn pulchritudo mulieris quam virtus eins et gra-
vitas ilium delectet, non superiorem ceusu ambiat, non genere nobili-
orem, haec enim superbiae pruxima sunt, nee movilibus ornatam sed
moribus.
Ausser den soeben genannten Hessen sich keine Ähnlichkeiten mehr
nachweisen. Es fehlt bei Vincentius besonders die systematische
Gliederung und Erklärung der einzelnen Beweispunkte, wie sie uns bei
dem Dichter der E. A. und Colonna begegnet. Darum wird es wohl
überflüssig sein, weiter auszuführen, dass letzterer für das Kapitel über
den Ehestand als einzige Quelle anzusehen ist.
Die Erziehung des Kindes^).
Wir treten hiermit in die Besprechung eines Abschnitts ein, der
auch in unserer Zeit noch einer allgemeineren Beachtung würdig ist,
da er uns das damalige Erziehungsideal vor Augen führt. Der Ver-
fasser der E. A. sjiricht mit hohem Ernst und Verständnis von der
körperlichen und geistigen Ausbildung des Kindes, und wir können
jeden Satz seiner Pädagogik auch heute noch getrost unterschreiben;
höchstens weichen die Ansichten über die Auswahl der Lehrgegenstände
von einander ab. Wir müssen jedoch eingestehen, dass der Dichter
keine selbständigen Gedanken vertritt, sondern dass er in seinen Be-
mühungen, nützliche Katschläge in Ehesachen zu geben, sehr stark von
andern Autoreu beeiuflusst ist.
Es zeigt sich zunächst, dass Colonna es jedenfalls für unpassend
hielt oder auch vergass, sich seinem Schüler gegenüber betreffs körper-
licher Pflege auszusprechen; er handelt nur über die geistige Ausbildung.
Der französische Dichter sah sich daher nach einer anderen Quelle um
und geht in der Beschreibung der ersten Ernährung des neugeborenen
Kindes und der eventuellen Notwendigkeit der Wahl einer Amme zu-
rück auf das Speculum doctrinale des Vincent de Beauvais^). Wenn
1) Kapitel IV des Ganzen.
2) Vincent de Beauvais (Vincentius Bellovacensis), gelehrter Dominikaner-
mönch zu Beauvais, starb um 1264. Er verfasste auf Veranlassung des fran-
zösischen Königs Ludwig IX. das enzyklopädische Werk Speculum quadruplex
(Douai 1624, 4 Bde.).
652
Dr. Hans Höfler
man also behaupten wollte, der uubekannte Verfasser sei Mediziner
gewesen, so könnte man dies mit viel grösserem Rechte von den Au-
toren der benutzten Quellen auch annehmen; von diesen weiss man
aber sicher, dass sie Mönche waren. Die medizinischen^) Details finden
sich in den mittelalterlichen Sammelwerken überall mit sehr grosser
Genauigkeit verzeichnet.
Die Vorsichtsmassregeln, welche in den E. A. bei der Wahl einer
Amme vorgetragen werden, sind nichts weiter als eine Übersetzung
des Kapitels: De eligenda nutrice et eius regimine; Spec. Doctr. 1. XII,
c. 29, das wir zum Vergleich im Auszug wiedergeben wollen:
Quod si res aliqua matris lac in- 124 b. Cy apprez moustrc pallas
fanti dare prohibeat, ut debilitas ipsius quelle noiirrice on doit eslire ou qui
vel corruptio lactis eius, vel quod
deliciosa est, eligenda est nutrix etatis
mediocris, s. inter XXV et XXX, quo-
niam hec est etas iuventutis et sanitatis
atque complimenti. In ea quoque con-
sideranda sunt fif^ura corporis et mores
et forma manimillarum et qualitas lactis
et quantitas temporis quod fluxit ab
hora sui partus, s. ut sint duo menses
vel ad minus mensis et dimidius; sitque
partus eius masculus et partus secundum
normale tempus; ipsa vero nee aborsus
fccerit nee facere consueuerit-, utatur
autem exercitio temperato, cibisque
boni chimi nutriatur, et omniuo caueat
a coitu . . . Nutricem debet esse iuuenem,
beiie coloratam, pinguedine mediocrem;
mammillas maguas et amplum pectus
habentem, non maculosam nee inlirmam
nee partui propinquam, nee multum ab
eo remotam. Et haec quidem nee salsa
comedat nee acuta nee acetosa . . . a
solicitudine quoque caueat.
seroit neccessaire.
Toutes foiz ou cas con verroit
Que celle entendre ny voulroit
Pour raaladie ou pour foiblesce
Ou pour grandeur ou pour noblesce
Ou pour aucune aultre cautelle
II fault querre une aultre et teile
Qui veult auoir bonne noorrice
Qui lenfant bien adroit nourrice
II fault cest la prämiere tesche
Quelle soit prise en sa lonesche
Pour mieiilx prouffiter a cest fait
Et en son eage parfait
Qui est entre XXIV ans
Et XXXVI cest li droiz temps
II fault quelle ait la couleur bonne
II fault comme raisons le donne
Quelle ait bonne complexion
Et bonne composicion
124 c
Et pour ce veult ceste doctrine
Quelle ait col fort et grant poitrine
Et la char musculeuse et dure . . .
Elle doit auoir les mamelles
Aussy conuenablez et belles
La mamelle de bonne fourrae . . .
Ne doit pour dire a brief somme
Estre trop dure ne trop mole
Ne trop petite ne trop graude . . .
Et quelle soit de bon lait plaine . .
124d»
II fault aussi a lautre lez . . .
Que la fcmme ait naturelment
1) Vgl. Sieper E. A. p. 202.
Les 6chcca Amoureux 653
Et a teriue bien ordonne
En enfaiit uuislc trea bieu ne
Et si fault que la feninie apprez
Ne soit ue trop loin«:z ne trop prez
Du Jour de son enfantement
Maiz quil y ait eslongemcnt
De deux moiz ou de six sepuiaines . . .
Et que nulz homs ne couche o ly . . .
Pour ce la doit on teile eslire
Qui soit sans fureur et sans Ire . . .
Triste ne melancolieuse
Ne fole ne gloute ne yurongne . . ,
Das Verfahren, durch welches man die gute Milch von der untaug-
lichen mittels der Probe auf dem Fing-ernag-el unterscheiden kann, hat
in demselben c. 29 seinen Ursprung:
Lac itaque quod melius iudicatur 124c jg
est illud cuius una gutta supra unguem Le lait dont de bonne ordonnance
distillata nee multum subtilis apparet Doit estre de bonne substance
nee liquida ; nee multura crossa et Siquil nappere aux veaus
congelata: bonum habens odorem, Ne trop subtilz ne trop fluans
paruamque dulcedinem. Salsura vero Ne trop groz aussi ne trop priz . . .
lac vel mali odoris nuUo modo conue- Et cest assez chose legiere
niens est nutrimento infantis. A esprouuer et a veoir
Sur longle ou sur le miroir . . .
124 d^
II doit doudeur estre aggreable
Sans aucun flair abhominable
Et aussi de bonne saueur
Qui se traye vers la doulcheur
Car il ne vauldroit une plume
Sil seutoit aucune amertume
Ou quil fust aigrez ou sallez.
Der Umstand, dass das Alter der zu wählenden Amme in den E. A.
auf die Zeit von 24—36 Jahre verlegt ist, hat keine Bedeutung; die
sonstigen Ähnlichkeiten beider Fassungen rechtfertigen zur Genüge die
Annahme, dass eine direkte Nachahmung stattfand, was sich aus dem
folgenden noch deutlicher ergibt. Nach der Einschaltung der Mittel
zur Beruhigung des Kindes nämlich — sie sind wohl selbständig zu-
sammengefasst — lässt sich des Dichters Abhängigkeit von V. de Beau-
vais wieder auf Schritt und Tritt verfolgen.
Zunächst nimmt er dessen Rat an, man solle die Kinder nicht zu
bald auf die Strasse bringen, um sie gehen zu lehren (Spec. Doctr.
Xn, c. 30):
. . . nee ambulare non suo tem- 126b"
pore permittatur s. priusquam eins II vault mieulx con ne le remue
membra firmata sint et solidata. Alio- Car li petits enfes foles
654
Dr. Hans Höflev
quin femoribus eins et cruribus debili- A lez oz tendres et raoles
tates fient et curvationes' Et tous les merabrez de son eorps
Pour ce nest ce pas mez accois
Con le pourmaine tellement
Aumainz si tres bastiuement
II vault mieulx quil soit enfermez
Tant que 11 corps seit confermes
Et que li membre soient dur . . .
Affin con ne lez face tortes . . .
Aus demselben c. 30 rührt auch die Wainuag- her, spitzige oder
gefährliche Gegenstände, womit sich das Kind verletzen könnte, aus
seinem Bereich zu entfernen:
Cultelli quoque fustes et huiusmodi
qui pungunt vel incidunt ab eins con-
spectu remoueantur.
126c"
Elle doit aussy soir et main
Garder quil ne tiengiie en sa main
Greffe forchettes ne coutel
Aguille espingle ne fusel
Ne rienz qui ait pointe ou qui taille.
Desgleichen finden sich dort auch die Anweisungen über das Ver-
fahren bei der Entwöhnung, sowie über die Zeit, wann dieselbe am
besten geschieht:
Mamniillarum succio paulatim est
rainuenda ... Et hoc etiam obseruan-
dum est valde ne in tempore calido a
lacte remoueatur. Normale ablactandi
tempus est duorum annorum . . . Quodsi
mammillas improbe petierit, supra eas
volens sugere, mirra et mentastra more
emplastri sunt epytimaude.
126 c 5
Pour ce doiz tu apprez entendre
Que li enfant petit et tendre
Doiuent alaittier certain tempz
Cest assauoir le filz III anz
Ou du mainz deux aus et demi
124 d*
La fille doit deux anz tetter
Ou deux anz et demy au plus.
Et se sauoir veulz du sur plus
Quant II en doiuent estre oste . . .
Je dy quil vault mieulx en yuer . . .
Tu doiz sauoir con ne doit pas
Lenfant seurer soubdainement
Aiuz se doit faire saigement
La chose petit a petit . . .
Et sil ne veult par son malice
126 d,,
Oublier espoir sa nourrice
On doit lors affin quil sen garde
La mamelle oindre de moustarde
Daux ou de mierre ou daloe.
Das medizinische Wissen des Verfassers der E. A. findet also nach
meinem Ermessen wenigstens, seine Erklärung durch V. de Beauvais.
Man kann zwar die Vermutung nicht absolut ausschliessen, dass gerade
in diesem Punkt zwei Männer vielleicht unabhängig von einander die-
Les !6chec8 Amoureux
655
selben Ideen äussern, dieselben Katscliläge erteilen können, dass also
in unserem Falle V. de Beauvais keine Einwirkung- auf die E. A. aus-
geübt habe. Man wird jedoch diese Behaui)tung schwerlich aufrecht
erhalten können; denn auf solche Einzelheiten wie die Probe der Milch,
die spitzigen Gegenstände etc. verfallen doch nicht leicht zwei Autoren
selbständig. Übrigens, warum spricht unser Dichter nicht von anderen
Dinaen auch z. B. von den Krankheiten der Kinder etc.? weil er eben
in seiner Vorlage nichts darüber fand. Wir dürfen also sicher schlicsseu,
dass das französische Gedicht in diesem Teil auf dem Werke des V.
de Beauvais basiert. Unsere Annahme wird noch mehr bestätigt
werden bei dem Abschnitt über die Musik und die häusliche Ein-
richtung.
Nach dieser vorübergehenden Anlehnung an V. de Beauvais kehrt
unser Autor wieder zu seiner alten Quelle zurück; denn die jetzt folgen-
den pädagogischen Belehrungen flössen ihm alle aus dem Buch De
regimine principum Hb. 11 pars 11 zu. Die ersten vier Kapitel über-
schlägt unser Autor; er beginnt die Ausbildung des kindlichen Ver-
standes mit dem Unterricht in der Religion im Anschluss an Colonnas c. 5:
Quod decet omnes ciues etniaxime 127 au
reges et principes sie solicitari circa
regimen fiüorum, ut ab ipsa int'.-uitia
instruautur in fide. Videntur aiitera
tria ipsi fidei conuenire propter que
triplici via venari possuraus . . . Fides
enim priino supra rationem est et ea
que sunt fidei ratione compreliendi non
possunt. Secundo ea que sunt fidei
slmpliciter sunt credenda. Teicio est
ei firmiter adherendum.
Pour ce doit li homs raisonnablez
Par enseignemenz contienablez
Lenfant duiie et endoctrinei- . . .
Aprendre et desclaiiier sa loy
Et moustrer lez poinz de sa foy
Et les diuins comiuandeniens
127 b
Car li humaiuz entendemenz
Est adont plus prez de tost croire
Quen aultre tempz et la memoire
Plus preste aussy de retenir
Ce quelle ot deuant luy venir.
Die daran geknüpften Erläuterungen Colonnas lässt der franzö-
sische Dichter aus, wie er auch c. 6 nur auszugsweise benützt. Das-
selbe lautet:
Quod decet onmes ciues et maxime
reges et principes sie solicitari erga
filios, ut ab ipsa infantia bouis moribus
imbuantur . . . Prima via sie patet.
Nam secundum philosophum tercio ethi-
corum adeo connaturale est nobis
delectari, quod ab ipsa infantia de-
lectari incipimus. Unde et pneri statim
delectantur cum incipiunt suggere mam-
mas. Si ergo sie ab ipsa infantia est
tali coucupiscentie resistendum ex ipsa
autem connatuvalitate delectacionis,
127 b''
Pour ce le doit II ensement
Encliner continuelment
Taut corame II puet a bonnez mours
Et luy enduire par araours
Et par parolez amiables . . .
Car natura a lenfant petit
Moustre le chemin de delit
Dont forment luy piaist la nouuelle
Desquil est nays la mamelle
Se commence II a delitter
Et pour ce fault II rcsister
656
Dr. Hans Höfler
statim cum piieri sunt delectationis
sermonuiu capaccs, sunt iustruendi ad
bonos mores et debent eis fieri moni-
tiones debite. Secunda via ad inuesti-
gandum hoc idem suinitur [ex rationis
defectu. Nara tunc sunt aliqui magis
mouendl ad bonos mores quando magis
incitantur ad lasciuiam . . . Tercia
via sumitur ex pronitate quam babemus
ad malum . . . Unde et philosopbus
circa finem secundi ethicormn, hoc
modo decet nos dirigere ad bonos mores
quo dirigitur virga tortuosa. Volens
ergo tortuosam virgam rectificare, in-
clinat eam ad partem contrariara valde,
que sie inclinata vedit ad medium et
ad rectitudinem . . . Quarta via su-
mitur ex vitatione habitus contrarii.
Nam quia luuenes molles sunt et duc-
tiles, si sine freno sequantur lasciuias,
statim imprimuntur in eis habitus vici-
osi, sicut in cera moUi et ductili statim
imprimitur forma sigilli.
Contre ceste Inclinacion
Et mettre y moderacion
Par ly encliner au contraire.
127b^
Aussy sont tost les Josues gens
Mal eiifourmes biaulx amis gens
Qui bleu par raison ne les maine
Que veulz tu plus nature humaine
Est de son droit a mal encline
127 c^
Et pour ce fault con lez encline
Au contraire et con les demaine
Tant que son puet on les ramaine
Par bonne doctrine a mesure
Et a raisounable droiture
Aussy con fait la verge torte
Quant eile est a redrechier forte
Con ploye tant ou sanz contraire
Con la fait a son droit retraire
Si la fait toute droitte et belle . . .
127b 17
Car li enfant de losne eaige
Sont mol par nature et ductible
Et legierement conuertible
Et pour ce qui lors leur lairoit
Faire ad piain ce quil leur plairoit
Et querre sanz frain leur delices
Mauuaisez meurs et mauuais vices
En eulx tost former se pourroient . . .
Et cest aussy con pourroit dire
Et con voit que la mole chire
Receipt legierement la fourme
Du seel duquel on lenfourme.
In sehr kurzer Form ermahnt jetzt der Dichter der E, A. die
Eltern, ihre Kinder frühzeitig in den Wissenschaften unterrichten zu
lassen; die Anleitung dazu gibt ihm Colonua in c. 7:
Licet deceret oranes homines co- 127 c*^
gnoscerelitteras, utper easprudentiores Pour ce deuroient ensement
eflfecti, magis possent illicita precauere. Li citoyen songneusement
Videntur euim aliqui licitam excusa-
tionem habere, si non studio litterarum
adherent. Huiusmodi autem pauperes
non habentes necessaria vite, qui se
retrahunt a litteralibus disciplinis, ut
querant sibi necessaria vite, videntur
excusabiles esse. Nobiles autem et
maxime reges et principes in diuiciis
et possessionibus habundantes omnino
Et par especial li riebe
Et li noble ou l\ sont trop niche
Mettre a lescole et a lostude
Leurs enfans sil ne sont trop rnde
Pour leur entendement parfaire
127 d
Sanz faille cascuns ne puet pas
Bonnement passer par ce pas
Lea Ecbecs Araoureux
657
repreheusibiles existunt, si non sie On en doit le pouro excnser
solicitantur circa rcgimcn filioriun, ut A qui il fault ailleuis uiuser
etiam ab ipsa infautia tradantnr libc- Pour auoir sa neccessite
ralibus discipbnis. Maiz li aultie a la verite
Qui sont riebe doiuent aprendre
Ou II fönt forment a reprendie
Soient ou villain ou gentil
Et par especial li fil
Dez princez et des grans seigneurs.
Die drei Grliude, warum die Kinder von frühester Jugend an zum
Studium anzuhalten seien (Prima via sumitur ex parte eloquentie. Se-
cunda ex parte attentionis. Tercia ex parte perfectionis) werden in den
il. A. nicht berührt. Auch begnügt sich der Dichter, bei der Angabe
der Unterrichtsgegenstände, in denen die Knaben unterwiesen werden
sollen, aus seiner Vorlage nur die Namen auszuwählen. Der so auf-
gestellte Lehrplnn stimmt bei beiden Autoren überein; nur hat der
französische Dichter die sieben freien Künste nicht einzeln aufgezählt
und von langen Erklärungen abgesehen. Colonna gibt seine Vorschriften
über die verschiedenen Wissenszweige in c. 8:
Quaa scientias debent addiscere
filii nobilinm et ruaxime legurn et prin-
cipum. Septem scientias esse faniosas
apud antiquoa antiqua autoritas pro-
testatur . . . Has autem oinnes libe-
rales vocant, eo quod filii liberoriim et
nobilium ponebantur ad illas.
127 c 23
Pour ce leur deuroient II faire
Aprendre les ars liberaulx
Qui sont sciencez generaulx
Et plainez de haultez sentencez
Et dez aultrez noblez sciencez
Celle ou mieulx se trait la nature
De lenfant soit par auenture.
Nach der ausführlichen Schilderung der artes liberales fährt Colonna
fort (c. 8) :
Et has Septem artes nimium ex-
toUebant. Verumtamen plures alie
sunt scientie nobiliores istis. Nam
naturalis philosophia docet coguoscere
naturas rerum . . . Amplius theologia
que est de deo . . . Medicina est sub
naturali philosophia ; leges et iura que
sunt de actibus hominum sunt sub
politica.
Philosophie naturelle
127 CjB
Ou la Philosophie belle
Et de tres grant utilite
Qui traitte de moralite
Ou II apprendre medechine
Se sa nature si encline
Ou theologie ou decrez
Ou droit ciuil se cest ses gres.
Mit dem Ausdruck philosophie belle will der Dichter der t,, A.
jedenfalls die von Colonna erwähnte Metaphysik bezeichnen.
Über die Eigenschaften des Lehrers, den man zum Unterrichten
des Kindes bestimmen soll, gibt unser Dichter auch nur sehr kurze
Andeutungen, während Colonna sich in eingehendster Weise damit be-
fasst und zwar in c. 9:
Romanische Forschungen XXVII. 42
658
Dr. Hans Höfler
127 d. Cy parle pallas du maistre
qui doit lenfant endoctriner et ap-
prendre.
Pour ce doit on bien regarder
Que chilz qui doit lenfant garder
Et enseignier et entroduire
Süit souffisaans pour bieu conduire
A Science et a vertu toute
^e sont les deux chosez sanz doubte
Qui peuent mieulx lame parfaire
Le maistre dont de bonne affaire
A vertu attrait et encline
Lenfant de bonne discipline
Par parole et par cxemplaire
II le puet par parolle attraire
Cest par bei adoionnestement
De bien viure et lionnestement
Et par ly souuent sermonjier
Coinuient II se doit demener
Et par exemples ensement
Quant II vit vertueusement
Car la vie honneste est loable
Du maistre bon et honnourable
Au disciple occasion donue
De viure aussy de vie bonne . . .
127 d«
Par ces inoz cy puez tu sauoir
Que le bou maistre doit auoir
En luy deux gracez et deux dons
Cest quil seit saiges et preudons . . .
128a^
Car la science sanz vertu
Ne vauldroit pas un seul festu.
Damit verlässt der frauzösische Dichter das Leben in der Schule
und ergeht sich im Anschluss an seine Quelle Über die Pflicht der
Eltern, das Kind vor unehrbaren Reden, dem Anblick und dem Anhören
unziemlicher Dinge zu behüten. Die beiden Darstellungen stimmen ge-
nau miteinander tiberein, mit Ausnahme des geringfügigen Umstandes,
das8 in den E. A. im Gegensatz zu dem lateinischen Text zuerst vor
dem Anhören und dann vor dem Ansehen unpassender Sachen gewarnt
wird. Besonders mutet uns die Ermahnung ganz modern an, die Jugend
von anstössigen Schaustellungen und Bildern fern zu halten. Colonua
entwickelt seine Ansichten hierüber in c. 10:
Qualiter circa loquelani, visum et 128 a. Cy moustre pallas quel le
auditum instruendi sunt iuuenes. Circa maistre doit estre ... et comment II
tinem VII. pol. docet philosophus iuue- doit proceder.
nes coliibendos esse circa locutioneni, II doit dont continuelment
Qualis debet esse magister qui filiis
nobilium et maxirae regum et principum
est proponendus . . . Optimum autem
et bonum, ad quod inducendi sunt
iuuenes, est duplex, scientia scilicet et
mores. Ad bonos autem mores inducitur
aliquis dupliciter: exemplo, per boni-
tatem vite, et verbo per monitiones
debitas; quantum scilicet ad presens
spectat magister puerorum nobilium et
maxime regum et principum tria in se
debet habere. Debet enim esse sciens
in speculabilibus, prudens in agibilibus
et bonus in vita . . . Talis ergo debet
esse doctor iuuenum, ut eos per debitos
sermones et per debitas monitiones
inducat ad bonum verum; quia ad
bonum quis inducitur non solura moni-
tionibus et correctionibus, sedetoperi-
bus et exemplis, requiritur quod huius-
modi doctor sit in vita bonus et honestus.
Nam quia etas iuuenilis valde est prona
ad intemperantiam et lasciuiam quan-
tumcunque puerorum doctor eis verba
bona proponeret, si tarnen opere con-
trario faceret, iuuenes illi eius exemplo
inducti de facili ad illicita declinarent.
"Lcs :6cliecs Ainoureux
659
in
Auoir Ineil et lentendement
A lenfant quil iie se dcsuoye . . .
Pour ce se doit il fort astraindre
Quil vueielle sa laugue refraindre
Tellement quil nysse paroUe
De sa bouche laide ue foUe
128 a,o
Tour duel ne pour loye quil ait
Car parier deslionneste et lait . . .
A oeurez villaines enclinent
Et se corrompent ensement
Les bonnes meurs legierement
II se doit aussy encliner
Tant quil puet et si raffrener
Sa langue quil ne die chose
Ou menchongne puist estre enclose
Ainz die toudiz verite
Pour ce se doit habiliter
Li enfenz qui veult prouffitter
A pou parier et par mesure . . .
128 b 1* .
Et saucuus parle a luy tempre ou tart
Quil ne sauance mie tiop
De tost respondre au premier cop
Mais quil sauise ainz quil responde
Quil meismez ne se confonde
Par parier trop hastiuement . . .
II doit dont un poy arrester
Pour mieulx son langaige apprester
Et pour mieulx par aduis respondre.
Zufolge der angegebenen Umstellung heisst es bei Colonna weiter
c. 10:
visionera et auditum . . . Circa locu-
tionem quidem iuuenes tripliciter pec-
caro videiitur. Primo quia de facili
loquuntur Insciuia. Secundo quia de
leui loquuntur falsa. Tercio (]uia ut
pluvirauni loquuntur fatua et impre-
meditata . . . Ratio autem quare a
seraionibus turpibus sunt cohibendi est
secundum philosophuin, quia ex talibus
locutionibus de facili ad opera turpia
inclinantur . . . propter quod bene
dictum est, (luod corrumpunt bonos
mores coUoquia praua . . . Secundo
cohibendi et corrigendi sunt, ne loquan-
tur falsa. Nam ut superius dixiraus,
iuuenes sunt de facili mentitiui . . .
Tercio cohibendi sunt ne absque preme-
ditatione loquantur. Nam iuuenes sunt
inexperti et pauca cognouerunt; qui
ergo pauca cognoscunt respicientes,
enuncient facile et enunciant cito et
debiliter. Quare mouendi sunt, ne ad
intcrrogata statim respondeant . . . si
asuefiant nt premeditati respondeant
et ut precogitent in sermonibus pro-
ferendis per successionem temporis
disponentur, ut proferant sermones irre-
prehensibiles.
Restat videre quomodo sunt in-
struendi, ut se babeant circa visum . . .
Quantum ad visibilia quidem, quia sicut
non decet turpia loqui, sie indecens est
eos turpia videre. Huius autem ratio
assignatur a philosopho VII. ethicorum
ubi ait, quod omnia primo amamus
magis . . . quia que primo aspiciuntur
cum maiori admiratione videntur, quare
sumus magis attenti circa illa et per
consequens ea magis memoriter retine-
mus . . . Quare si contingat eos videre
turpia, magis recordantur de illis et per
consequens magis inclinantur ad con-
128 c«
Pour ce lez doit on ensement
Contregarder songneusement
Tant con puet quil ne voyent chose
Ou villonnie soit enclose . . .
Car telz escripturez leuez
Et telz pourtraiturez veuez
Et aussy lez oir retraire
Seulent les losnez euer attraire
Aux euurez quellez signiffient
Pour ce sicom li saige dient
Quellez ramainent a memoire
Aucune delittable hystoire . . .
42*
660
Dr. Hans Höfler
cupiscendum ea . . . Restat ostendere
quomodo sunt instruendi ut se habeant
ad Huditum circa quem quantum ad
presens spectat etiatu duplex cautela
est adhibeuda. Primo quantuin ad res
auditas. Secundo quantum ad eos quos
audit . . . Nam secundum philosophura
VII. politicorum, ubi de hac materia
loquitur proliibendi sunt iuuenes ne
audiant quodcunque turpiuin . . . quia
ex hoc de facili iuclinantur ad opus.
Secundo adhibenda est cautela in ipsis
iuuenibus quantum ad eos quos audiunt,
quia sicut decens est eos audire honesta
et puFchra et indecens est est audire
turpia, sie decet eos audire vires bonos
et honestos et cohibendi sunt, ne au-
diant maliloquos et inhonestos.
Qui le euer du regardant fait
Le pareil desir desirer.
128 b„
Toutesfoiz II ne souffist pas
Que li enfez quant a ce pas
Se gardent de dire paroUez
Qui soient villainez et follez
Son ne les garde del oyr
II doiuent dont briefiuent fuir
Anchoiz quil doye ad piain souffire
Aussy bien loir que le dire
Et pour ce les doit on enduire
Taut con puet qui lea venlt bien duire
De conuerser aueuc personnez
128 c
Qui usent de paroUez bonnez
Et qui viuent honuestement
Et de fuir contrairement
Toute personne mal parliere
Et de deshonneste maniere
Die Anweisungen, welche jetzt in den E. A. über das anständige
und gesittete Betragen des Kindes bei Tisch sowie über die Genügsam-
keit in Speise und Trank gegeben werden, entnahm der Dichter sämt-
lich der Reihe nach aus Colounas c. 11:
128c. Comment on doit lenfant
enduire a sobrcce.
On doit aussy lenfant enduire
Par beaulx moz ou par dures chastois
A estre sobres et courtois
Quant a boire et quant a mengier . . .
II doit dont quant II est a table . . .
Mengier a droit et par loisir
128d»
Sans luy haster plus que droiture
Car chilz fait grant tort a nature . . .
Qui mengue trop gloutteraent
Tu scez bien que nature donne
Principalment a la personne
Les dens pour raachier sa viande
Dont li fait chilz Iniure grande
Qu! bien ne le mache au voir dire
Quot modis peccatur circa cibum
et qualiter debeant se habere iuuenes
circa ipsum . . . Circa cibura autem
contingit sex modis delinquere . . .
Delinquitur enim primo circa cibum si
suniatur vaide feruenter. Nam hoc
non solum nocet anime, quia nimis
feruenter et auide sumentes cibum fiunt
gulosi et intemperati, sed etiam nocet
corpori. Nam cibus nimia auiditate
sumptus non bene masticatur et per
consequens non bene digeritur. Ordi-
nauit enim natura aninialibus dentes,
ut per eos cibus debite tritus facilius
pateretur a calore naturali . . . Se-
cundo delinquitur circa cibum si sunia-
tur nimis in quantitate. Nam et hoc
nocet auime, quia reddit ipsam intem-
peratam et etiam nocet corpori, quia
impedit digestionem debitam . , . Tercio
delinquitur si sumatur turpiter. Sunt
enim plurimi seipsos pascere nescientes,
qui vix aut nunquam comedere possunt,
Je vueil aussi seconderaent
Quil se garde songneusement
De trop mengier comment quil aille
Car aueucquez la gloutonie . . .
Le trop mengier le greueroit
Les !]6checs Amoureux
661
quin sua vestiraenta deturpent . . .
Quarto circa cibum delinquitur ex in-
ordinatione temporis ut si nimis ante
horam vel nimis inordinate sumatur
cibiis; nam ex tau siuiiptione efficitur
quls giilosus et intemperatus et ctiara
leditur secuudum corpus , . . Quinto
peccatur circa sumptionem clbi, si
querantur cibaria nimis lauta et deli-
cata ultra quam eius status requirat.
Delicatio enim tiborura accipienda est
secundum conditionem persone et secun-
dum statum nobilitatis eius . . . Sexto
delinquitur si querantur cibaria nimis
studiose parata . . . videutur enim
tales viuere ut comedant, non comedere
ut viuant, cum nimiura Studium et
nimiam curam apponant circa prepara-
menta ciborum.
Comme le mal machier feroit . . .
128d..
II doit anssy honnestement
Tousdiz mengicr et nettement
Car forment fait a laidengier
Laide manierc de mengier
Et si doit mengier a droite heure
Sanz faire trop longue demeure
Et Sans leure aussy auanchier . .
On doit mangier par ordonnanche
129 a''
Car II prouffite a la personne
A la sante du corpz meismez
129 a 18
Li enfez aussy de bon estre
Ne doit de rienz dangereux estre
Nauoir trop la eure ententiue
A viaude delicatiue
Aumainz plus quil ne luy affiert
Ne que sez estas ne requiert
Et pour ce samble II que li homz
Qui quiert telz preparacionz
Et qui est aussy curieux
De querre mez delicieux
Ne vueille pas principalment
Mengier pour viure proprement
Malz que viure pour mangier vueille
Si men doubt en fin ne sen dueille.
Die drei Gründe, durch welche der Dichter der E. A. die schäd-
lichen Wirkungen des übermässigen Weiugenusses für das jugendliche
Alter nachzuweisen sucht, entsprechen vollständig den Ausführungen
Colonnas in c. 12:
Qualiter instruendi sunt pueri, ut se
habeant circa potum . . . Vinum autem
immoderate sumptum quantum ad pre-
sens spectat tria mala causat. Primo
quia venerea prouocat. Cum ergo
corpore calefacto maior fiat incitatio
ad actus venereos, vinum quod maxime
calorem efficit immoderate sumptum
incitat ad incontinentiam . . . Secun-
dum malum quod inducat nimia sumptio
est depressio rationis. Nam ascenden-
tibus fumositatibus vini ad caput tur-
batur cerebrum, quo turbato deprimitur
ratio nostra quantum ad suos actus , . .
129 a. Encore de ce et moustre par
especial que de boire le vin uest pas bon.
Li enfez qui ne vouldra croire
Doit aussy par mesure boire
Et garder quil ne face oultraige
A boire quelconque beuraige
Et par especial de vin
Qui ne le decoipue en la fin
Car li vins encline a luxeure
Qui ny garde trop bien mesure
Pour la chaleur qui forteffie . . .
Li vins est a raison contraires
129 b
Aussy qui en beueroit guaire?
662
Dr. Hans Höfler
Terciuin malum quod ex vino consurgit,
est lis et dissensio.; turbato enim cevebro
ex nimia suniptione vini et amisso usu
ratiouis, de facili prorumpimtur in verba
inordinata et consuigunt dissensiones
et lites . . . Verumtainen quia facilius
adheremus his ad que ab infancia
asuescimus decet oranes patres et raa-
xime reges et principes solicitari circa
regimen filiorum, ut ab ipsa infancia
sie regantur quod sint abstinentes et
sobrii.
Tant quil enyure la personue
Pour sa furaee qui lestonne.
Et si fait tenclions et rihottes
Ce sout trois perilleusez nettes . . .
Car Jonesche par son attrait
Trop les encline et lez attrait
A Delectacion charnelle
H ont aussy feble cheruelle
Si les greueroit ensement
La fumee legiereraent
Et sayment rihotte et discorde . . .
Pour tant y doit on encliner
Les enfanz con veult doctriner
De leur Jonesse premeraine
Et tant con puet plus mettre y paine
Car ce con a daccoustumance
Especialment dez senfance
On laime mieulx assez et prise
Con ne fait chose tart aprise.
Zu der Abhandlung über Körperhaltung- und Gebärden des Kindes
sowie über die Kleidung desselben fand unser Dichter das ganze Mate-
rial, das er wortgetreu nachahmt, in seiner Vorlage c. 13: Qualiter
puerl siue iuuenes se habere debeant in ludis, in gestibus et in vestitu.
Nach einer kurzen Bemerkung über die Spiele, worüber der Dichter
der E. A. sich erst später ausspricht, fährt Colonna fort:
Gestus autem dicuntur quilibet l'29c*
motus membrorum ex quibus iudicari
possunt motus anime, Videmus enim
prndentes et bonos habere gestus ordi-
natos et honestos ; cohibent enim tales
sua membra, ne aliquem motum habeant
ex quo quis coniecturari possit elationcm
animi vel insipieutiam mentis vel in-
tempevantiam appetitus . . . Discipliiia
autem que est danda in gestibus est
ut quodlibet membrorum ordinatur ad
opus sibi debitum; homo enim non
audit per os sed per aurem, frustra
ergo cum quis vult audire alium retinet
os apertum. Sic etiam homo non lo-
quitur pedibus, nee manibus, nee spatu-
lis sed ore, Sicut ergo habent indisci-
plinatüs gestus qui cum volunt alios
audire, ora tenent aperta sie sunt in-
disciplinati secuudum gestus, qui cum
volunt loqui extendunt pedes vel crura
vel nimis spissum moueut brachia vel
eriguut humores vel faciunt alia que
Chilz pors se bien tu ten remembres
Cest un demencment de membres
üne contenance de corps
Qui segniffie par dehors
Lestat du coraige et de lame . . .
Pour ce veonz nous que li saige
Qui ont bon sens et bon couraige
Mueuent leurs membrez ensement
En tous faiz conuenablement
Et est lors maintienz bien seanz . .
Et tout aussy contrairement
Puiz Je dire generalment , . ,
Qui ses membrez aultrement maine
Quil napartient a leur office
Que cest signe daucun mal vice
Comme dorgueil ou de folie
Ou daucuue melancolie . . .
129 c,
Li homs doit parier de la bouche
Et si doit oyr del oreille
Et pour ce chilz qui sappareille
Et qui sauance de parier
Les Echccs Amoureux
663
ad locutionem nichil deserniuiit. Vesti-
menta quideni ad tria, ordiuari videntur,
videlicet ad dllectiouem, utilitatem et
honorem . . . ai ergo vestimenta queriin-
tar propter bonum delectabile, sie
queruntur delicata et mollia ; si propter
utile, sie queruntur calida, ad repelleu-
dum frigus tempore liiemali, vel non
calida tempore estiuo •, si vero querantur
propter bonum honorabilc, sie queruntur
pulchra et decora. Indecens est autem
nimis sollicitari circa molliciem vestium
et circa delectationem in ipsis; nam
ex hoc efficitur quia intemperatus et
timidus-, deleui enim quis ad lasciuiam
et ad molliciem carnis prorumpit . . .
iuuenes maxime cum ad illam etatem
peruenerint, quod sint abiles ad vacan-
dum circa labores bellicos, ne abhorre-
ant arma, instruendi sunt ut non nimis
delectentur in moUicie vestium.
Ne doit pas trop dcz braz baller
Ne dez Jambes ne des espaulles . . .
129d»
Car telz raouuemens ne vault rienz
Ne ne prouffitte a la parole
Et aussy est ce chose fole
Et coutre ce que raisons donne
Quant cliilz qui vcult aultruy personne
Uu parier lors sa bouchc oeure
Car la bouche cest chose clere
A loye rienz ne confere.
129 d
De la vesteurc dez enfanz.
Secoudement la vesteure
Doit cstre aussy bonne et seure
Et prouffittable pour le corps
Chaude en yuer Je my accors
Et en este tenure et legiere
Briefment il loist que chascun quiere
Vesteure au corps prouffittable
Et qui soit belle et honnourable
Et aussy de bonne fachon . . .
Maiz Je ne vueil pas toutesuoie
II nest mal en ce que gy voie
Que li enfez soit ententiz
A querre trop delicatiz
Ne trop precieux vesteraens
Car ce nest quns decepuemens
Et une effeminacions
Et si rest preparacions
A paour et a couardie . . ."
129 d
Cest doncq perilleuse coustume
130 a
Aux enfanz quant on accoustume
A les vestir trop souefment . . .
Et par especial a ceulx
Qui doiuent aux armez entendre
Car II en deuiennent si tendre
Quil ne peuent le faiz souffrir.
Einen wichtigen Erziebungsgrundsutz berührt der Dichter nuit der
Ermahnung, den Umgang der Kinder zu überwachen und dieselben vor
schlechten Personen zu behüten. Doch lieferte auch hier Colonna die
vier Punkte in c. 14:
Quod in etate iuuenili maxime ca-
uenda est praua societas . . . Qiiatuor
yideotur inesse ipsis iuuenibus ex quibus
130 a
De la compaignie quil doiuent ensuiure.
664
Dr. Hans Höfler
quatuor rationes sumi possunt, quod
maxime in iimenili etate fugiencla sit
prauorum societas. Juuenes enim prirao
sunt molles et ductiles. Secundo sunt
passionum insecutores et proni ad ma-
lum. Tercio sunt nimis amatores socie-
tatum. Quarto sunt nimis creditiui.
130 ai,
Car qui bien son regart adresche
Aux meurs que lez Josiiez gens ont
II voit par natuie quil sont
De plus legiere voulente
Et plus tost enclin et tente
A faire folie et oultraige
Quil ne sont a nul aultre aalge
II sont aussy plus eompaignables
130 a 11
Et plus par nature amiables
Et si croyent legierement
Chil quattre point tout clerement
Nous moustrent que male doctrine
De legier a mal lez encline.
Von den näheren Erklärungen Colonnas hat der Verfasser der ii. A.
abgesehen, wie er sieh überhaupt durchweg einer bemerkenswerten
Kürze befleissigt. Dasselbe Bestreben tritt auch hervor bei dem jetzt
folgenden Traktat über Spiele und Erholungsarten, wofür unser Autor
zunächst einige Gedanken dem c. 15 entnimmt:
Quinte recreandi sunt pueri per
aliquos ludos et per aliquas fabulas.
Ludus enim moderatus competit pueris,
quia in moderato lüde est moderatus
raotus et per moderatum ludum vitatur
inertia et redduntur corpora agibiliora.
130b 20
Con die eu lieu desbattement
A la foiz a lenfant des fables
Et de beaulx delittables . . .
Car li enfez en apprendra
Mieulx a parier et y prendra
Aueuc la recreacion
Exemplaire et occasion
De mieulx adreschier son affaire
Nun holt der Dichter der E. A. den früher ausgelassenen Anfang
des c. 13 nach:
Ludus autem ut probat philosophus
octauo politicoruiu est necessarius in
vita, quod quantum ad presens spectat
duplici via declarare possumus. Prirao
ex vitatione illicite solicitudiois. Se-
cundo ex adeptione finis intenti. Prima
via sie patet. Nam mens luimaua nescit
ociosa esse. Cum ergo quis vacat ocio
et non intendit aliquibus delectationibus
Ileitis, statim incipit vacari cogitando
de illicitis . . . Secunda via ad osteu-
dendum hoc idem sumitur ex adeptione
iinis intenti. Nam non semper statim
quis habere potest finera intentuin; ne
ergo propter contiuuos labores doficiaut
a consecutione finis, expedit aliquos
ludos et aliquas delectationes inter-
130 b 5
Briefment tant te di le des leux
Quil sont aux losnez et aux vieux .
Neccessaire en la vie humaine . . .
130 c
Pour deux raisons premierement
II valent a fuir oyseuse . . .
Pour ce que lumaine pensee
Nest oncques de penser lassee . ,
Et pour ce chilz qui oyseux est
Sil ne sapplicque sans arrest
A aucune licite chose
Sa pensee en leure sexpose
Et se tourne legierement
A penscr lUicitement . . .
Li leu valent seconderaent
Et li honneste esbattement
Les 6cliecs Amourcux
665
ponere suis cui'is, ut ex hoc aliquam
requiem recipientes magis posscnt
laborave in consecutione finis.
Pour recreer nature humaine . . .
Car Jl a en lactiuc vie
Moult de penseez curieusez
Et de chosez laborieusez . . .
130 d»
Pour lez fins Attaindre ou II tendent
Et pour ce loist II quil entendent
Entre ces curez anuyeusez
Aucunez chosez loyeusez
Et aucun biau leu sans nul blasme
Pour recreer le corps et lame
Et pour y prendre aucun repos . . .
Car quant nature se reliefue . . .
Elle sen remet raieulx a oeure;
Nach dieser Auselnandersetziing- über die unbediogte Notwendigkeit
der Erholung geht der französische Dichter näher auf die nach seiner
Ansicht beste Art derselben, die Musik, ein. Colouna berührt zwar bei
der Angabe der Lehrgegenstäude für die Jugend (i.II, p. 2, c. 8) unter
den sieben freien Künsten auch die Musik und bemerkt, dass er viel-
leicht später noch darüber handeln werde, was er jedoch unterlässt.
In Ermanglung irgendwelcher Anhaltspunkte in seiner gewohnten Vor-
lage kehrt der unbekannte Autor wieder zu V. de Beauvais zurück, mit
dessen Speculum doctrinale die ganze Episode über die Musik im engsten
Zusammenhang steht. Schon die einführenden Bemerkungen über die
erfreuende und betörende Wirkung derselben auf Mensch und Tier be-
gegnen uns in Spec. Doctr. XVIII, c. 10:
Musica est plurium dissimilium in 131a"
unum redactornm concordia . . . Musica
mouet affectus, prouocat in diuersum
habitum sensus. In proeliis quoque
tube concentus pugnantes accendit et
quanto vehementiorfuerit clangor, tanto
fit ad certamen animus fortior . . .
Excitatos quoque animos musica sedat . . .
Ipse quoque bestias necnon et ser-
pentes, volucres et delphinos adauditum
sue modulationis musica prouocat.
Musique est chose delittable
Et chose gracieuse en soy
Et aussy se Je bien et voy
Que lame humaine par nature
Se delitte et se rasseure
Et se resiouist et conforte
Es melodiös quelle aporte . . .
Li bon cheual aussy sanz faille
En sont plus fier en la bataille
Et plus hardi et plus Joyeux
131 a^,
Li serpeut en sont decheu , . .
Li oysellet aussy sauuaige
Sen fönt prendre etmettre in seruaige . . .
]31b
Le delphin bien le segnefie.
Nach nochmaliger Hervorhebung des Nutzens der Musik für die
Seele — Aufheiterung, Trost in der Betrübnis, Bildung des Verstandes
— folgt ein ausführlicher, ganz aus V. de Beauvais entnommener Be-
666
Dr. Hans Höfler
rieht über das kosmische System des Pythagoras, der die Musik beim
Yorbeigelien au einer Sehmiede aus dem Klang- und Gewicht der nieder-
fallenden Hämmer erschloss und die dabei gefundenen Proportionen
nachher auf Instrumente anwandte. Um einen Vergleich zu ermöglichen,
sei hier die lateinische Darstellung der französischen gegenübergestellt.
Sp. Doctr. XVIII, c. 24:
Qualiter Pythagoras coDsonantiarum
propoitiones iimestigauit. Cum interea
diuiuo quodam nutu praeteriens fabvo-
rum officinas pulsos malleos exaudit
diuersis sonis unam quodaramodo con-
cinentiam persouare. Ita ergo ad id
quod diu inquirebat attonitus accessit
ad opus, diuque considerans arbitratus
est diuersitatem sonorum ferentinm vires
efficere atque ut it apertius colliqueret
mutare inter se malleos imperauit, sed
sonorum proprietas non in hominum
lacertis herebat sed mutatos malleos
coraitabatur. übi igitur hoc animad-
uertebat malleorum pondus examinat.
Et cum quiiique essent forte mallei
dupli reperti sunt pondere, qui sibi
secundum dyapason consonantiamvende-
bant; eundem etiam qui duplus essent
alio sesquitertium alteriuscomprehendit
ad quem s. dyatesseron sonabat. Ad
alium vero quendani qui eidem dyapente
consonantia iungebatur; eundum supe-
rioris duplum repperit esse huius ses-
quialterum. Duo vero hi ad quos
superior duplex sexquitertius es sex-
quialter probatus est ad se inuicem
sexquinctauam proportioneni perpensi
sunt custodire. Qiiiutus vero est re-
iectus, qui cunctis erat inconsouans.
Cum igitur ante Pythagoram conso-
nantie musice partim dyapason partim
dyapente partim dyatesseron quod est
consonantia minima vocarcntur: priraus
Pythagoras hoc modo repperit qua pro-
portione sibimet hec sonorum concordia
iungeretur. Et ut sit clarius quod
dictum est, sint verbi gratia malleorum
quattuor pondera quae subterscriptis
numeris contineantur XII. IX. VIII. VI.
Hi igitur mallei qui XII. et VI. ponde-
ribus iungebantur dyapason in duplo
131c. . . . comment pithagoras
trouua premierement musique.
131d«
Ceste chose anchiennement
Aussy comme diuinement
Pythagoras premier trouua
Et Premiers la chose esprouua
En la forge dont moult sesioy
Quant lez sonz dez marteaulx oy
Dont 11 quattre sen accordoyent
Et quil sceult les poiz quil' auoient
Car II trouua que chil martel
Auoient certain pois et tel
Quil y trouuoit si quil me samble
Quant H les comparoit ensamble
Quattre proporcionz nottablez
A musique moult conuenablez
Li Premiers comparez au quart
Auoit a luy double regart
Et pour ce trouua quil faisoient
Dont moult a loreille plaisoient
Un accord doulz et armonique
Cest dyapason en musique
II vit aussy que chilz premiers
Contenoit au regart du tiers
Tant et demy precisement
Et li seconz au quart briefment
Eauoir autel comparison
Siquil faisoient par raison
Une armonio et un accort
Que tout appellent dun descort
Dyapente communcment
Chilz Premiers marteaux ensement
Le Second et un tiers pesoit
Et autel li tiers refaisoit
Ou regart du quart Justement
Siquil faisoient tierceraent
Ensamble dyacesaron
Quant chascuns sonuoit son droit son.
132 a 2
Affin quil ten souuiengne mieulx
Les ifechecs Araonreux
667
concinentiam pcrsoiiabant ; ni.illeus vero
XII ponderum ud malleuin IX et mal-
leus VIII ponderum ad malleum VI
ponderum secundum ephitricam pro-
portionem ad dyatcsseron consouantiam
iungebantur; nouem veio ponderum
ad VI et XII ad VIII dyapente con-
sonantiam pevmiscebant-, IX veio ad
VIII in sexquioctaua proportione re-
sonabaut ton um.
Quant II en scrra tempz et lieux
Sont appelleez lune double
Gast quant un uombie laultre double
Sans rien adiouster iie rabbattre
Couinie un et deux ou deux et quattre
Et cestc dyapason sonne . . .
La aeconde est sesquialtere
Quant uns nombrez daultre partie
Laultre contient et la moittie
Deux ou trois ou quattre ou six ont
Autel regart et autel sont
Et de ce vient dyapente
Comme le tay deuant compte
La tierce est sesquitierre ditte . . .
Cest quaut li unz tant seulement
Contient lautre une seule foys
Et un tierz comme quattre a troys
Et VIII a VI sarablablement
Et ceste fait finablement
Dyatessaron ressonner.
Der Dichter der E. A. führt uuii eine ziemliche Anzahl von In-
strumenten an, für welche Pythag-oras seine Entdeckung praktisch ver-
wertet haben soll ; er kümmert sich dabei wenig um den Anachronismus
und nennt einfach die ihm bekannten Instrumente. V. de Beauvais
schreibt darüber in 1. XVIII, c. 25 nur:
Hinc igitur domum reuersus varia 132 b ^
examinatione perpendit, an in bis pro-
portionibus ratio simphouiarum tota
cousisteret. Nunc quidem equa pondera
neruis aptans, eorumque consonantias
aure diiudicans, nunc vero in longitudino
calamorum duplicitatem medietatemque
restituens, ceterasque proportiones ap-
tans integerrimam fidem diuersa ex-
perientia caplebat . . . hinc etiam
ductus longitudinem crassitudinemquc
chordarum ut examinare et aggressus
est.
Pour ce que le tay deuise
Mieulx examiner et sauoir
Les Instrumens quil pot auoir
Harpez psalterions et rottes
Ou on fait raoult de belles nottes
E cyphonies et vielles
Et flahutez et challemelles
Orguez et muses de vent plaines
Trompez et buisinez haultaines
Tymbrez naquairez et tabours
Cymballes et aultrez pluisours
II trouua vcritablement
Quil faisoient sarablablement
Leurs accors par teile raison
Quaut II faisoit comparison
En ces choses de leurs longueurs
De leurs gros ou de leurs grandeurs
Die Abhängigkeit unseres Dichters von V. de Beauvais ist auch in
der Theorie über die Sphärenmusik unverkennbar; letzterer äussert sich
darüber an verschiedenen Stellen z. B. XVIII, c. 10:
668
Dr. Hans Ilöfler
Nam et ipse mundus quadam armo-
nia souorum fertiir esse compositus et
celum ipsura aub armonie modiihitione
reuolui.
132 d"
Briefraent li anchien disoient
Qae li ciel qui ainsi tournoient
Entour la terra nuit et lour . . .
Sont ordonnez trez soubtilment
Par ceste musical mesure . . .
. XVIII, c. 16 ausge&iprochen :
Pour ce eiicor quoy quil en puist estre
Dirent 11 que le corps Celeste
Par leurs tres hastilz mouucmens
Et par leurs diuers toucheiuens
Faisoient melodiez et sonz
Et armoniez et chansonz
Dexcelleute consonnancie
Corument que ce ne viengne mie
Jusquez aux oreillez bumainez
Pour aucunez causez certainez.
Die übrigen Behauptungen von dem Vorhandensein gewisser musi-
kalischer Harmonieen und Proportionen in den vier Elementen, in den
Jahreszeiten, im Menschen selbst etc. stellt V. de Beauvais gleichfalls
in 1. XVIII, c. 16 zusammen:
Dieselbe Ansicht vpird auch in
. . . Quomodo enim fieri potest ut
tarn velox cell machina tacito silentique
cursu moueatur. Et si ad nostras aures
sonus ille non peruenit, quod multis
fieri de causis necesse est non poterit
tarnen niotus tarn velocissimus ita niag-
norum corporuin nullos omnino sonoa
scire.
. . . lam vero quattuor elementorum
diucrsitates contrariasque potentia nisi
quaedam armoniaconiungeret, quomodo
tieri posset, ut iu unum corpus ac
machinam conuenirent. Sed liec omnis
diuersitas et ita tempornm varietatem
parit et fructuum, ut tarnen et unum
anni corpus efficiat. Nam quod con-
stringit hiems ver laxat, toiret estas,
maturat autnmnus . . , Humana m vero
musicam quisquis in seipsura descendit
intelligit. Quid enim est quod illam
incorpoveam rationis vinacitatem cor-
pori misceat, nisi quedam coaptatio et
veluti grauium leuiumque vocum quasi
unam cousouantiam efficiens temperatio.
134 a
Chil ancbien saige ensement
Disoient que li dement
Estoient proporcionne . . .
Par musicaulx proporcions
Et aussy que leurs miscions . . .
Ne se puet bonnement parfaire
Se nature ne les assamble . . .
134b
Li quattre tempz de lau aassy
Qui se diuersifieut sy
En natures et se descordent
Conuicnt ensamble et saccordent
Tant quil t'ont un an conuenable . . .
134 b,
Car ce quyuers i)0ur sa froidure
En son tempz restraint et engelle
Le printempz ou tout renouuelle
Le recueure et relacbe appres
Li estez qui le sieut de prea
134 c
Pour la grant cbaleur quil aporte
Les fruis de terre aussy conforte
Qui sont en autorapne parfait.
135 c,,
Car tu verras se bien der voiz
Que los dcux voix de femme et domme ...
Les ißcliecs Ainoiireux
669
Ont ceste proporcion double
Cav chil a l;i voix grossi; et trouble
Et Celle la agiie et clere
Tellement quelle se diifere . . .
De laultie ou double propreraent.
Von der in verschiedene Abschnitte zerfallenden Zeit von der Em-
pfängnis bis zur Geburt des Kindes liess sich nirgends eine Vorlage
finden; vielleicht hat sie der Dichter aus eigenem Wissen geschöpft
oder in dem Bestreben, überall Zulilenverhältnisse zu erblicken, selbst
abgeleitet. Zum Schluss dieser Ausführungen über die „vorzüglichste
Erholungsart" wird in den E. A. ein Gesamturteil über die körperliche
Rekreation gefällt, das sich ebenfalls mit der Ansicht des V. de Beau-
vais deckt; Sp. Doctr. 1. XV, c. 62:
De Exercitiis: Motus duo genera 137 a. Cy commence pallas a parier
sunt. Unurn s. anime, quod animalis de le excercitacion des enfans.
motus dicitur; aliud corporis, quod
exercitium vocatur, et est neccssarium
tribus modis. Primo ut naturalem ca-
lorem expergefaciat et expergefactum
augeat, qui confortatus cibos fortius
attrahat, ac velocius digerat; ut super-
fluitates corporis subtilientur. Sccundo
ut nieatus purget, porös dilatet, super-
fluitates corporis dissoluat. Tercio ut
ea membra indurescant et confortentur
aliorum cum aliis repressione: et ideo
confortentur in actionibus suis, remo-
tioraque fiant ab incommodorum sus-
ceptione.
Ainsy doiuent estre de leu
Li enfant en tempz et en Heu
Recree raisonnablement
Et tout aussy samblablement
Dis le de excercitacion . . .
Que excercitacions soit bonne
Meismez a toute personne . . .
Cest ponr ce briefment quelle excite
Et muet la chaleur naturelle
Siquez nature qui par eile
Doit la digestion parfaire
En fait mieulx ce quelle doit faire
137 b
Briefment excercitacions
Comprent pluiseurs condicions . . .
Cest la lyrae aspre qui excite
La chaleur qui est entonnie . . .
Qui consume et boute tout hors
Les superfluitez du corps
Cest ce qui lez membrez conferme
Et qui fait le corps dur et ferme
Cest puis quil fault que le le die
La mort de toute maladie.
Der Rat, man solle die körperlichen Übungen am besten nüchtern
machen, wird auch von V. de Beauvais erteilt, Sp. Doctr. XV, c. 63;
Exercitia sunt laudabilia et utilia 137d,„
custodiende sanitati si ante cibum fiant.
Membra enim confortant et indurant.
Ceste excercitacionz chy
Se doit faire a Jeun aussy
Quant la viande deuant prise
Est digeree et a pöint mise.
Obwohl Colouna in 1. II, p. II, vier Kapitel (15—18) darauf ver-
670 r>i". Hans Höfler
wendet, um in ziemlich ermüdeuder Weise darzütun, dass die junge*
Leute zu Leibesübungen anzuhalten seien, gibt er doch ausser dem
Gebrauch der Waffen keine Namen der Übungen an, welche eigentlich
betrieben werden sollen; auch V. de Beauvais nennt keine speziellen
Übungen. In den E. A. werden jedoch die verschiedenen Gattungen
von Erholungen — laufen, reiten, fechten etc. sowie einige Gesellscbafts-
und Turnspiele aufgezählt, aus denen wir uns ein Bild machen können
von dem in jeuer Zeit üblichen Unterhaltungs- und Verguügungsleben
und den gebräuchlichsten Erholungsarten, wie sie auch noch heute in
Schwung sind. Es war dem Dichter der E. A. jedenfalls nicht schwer,
nachdem er lange genug über die Vorteile der Erholung gehandelt
hatte, auch eine Liste über die Mittel und Wege anzufertigen, wie die-
selbe am vorteilhaftesten bewerkstelligt werden könne; er durfte ja nur
einen Blick auf das tägliche Leben werfen.
Die bisher erörterten Vorschriften über die Pflege des jugendlichen
Geistes und Körpers beziehen sich nach der Darstellung der E. A. ent-
sprechend den Vorbildern eigentlich bloss auf die Knaben. Es ist je-
doch selbstverständlich, dass sie grösstenteils auch auf die Mädchen
in Anwendung gebracht werden können. Trotzdem gibt der Dichter
der E. A. noch einige gute Lehren für die Erziehung der Mädchen und
hält sich dabei — da V. de Beauvais hierüber keinerlei Stützpunkte
mehr gewährte — wieder an seine am meisten ausgebeutete Vorlage
De regimine principum, um aus den drei letzten Kapiteln des vorher
benutzten 1. 11, p. II kurz noch einige Gedanken zu entnehmen. Colonna
beginnt seine Anschauungen über die spezielle Fürsorge für die Mäd-
chen mit c. 19 zu entwickeln:
Quod filie ciuium et maxime nobi- 138 dg
lium et regum et principum a discursu On doit dont penser des puchelles
et vagatione sunt conhibende . . . Qnellez soient de corps et dames
Prima via sumitur ut tollatur filiabus Tennez pour honnestez dames . . .
commoditas male faciendi. Secunda 139 a'
ne fiant inuerecunde. Tercia ne fiant Pour ce lez doit on dez enfance
lasciue et impudice. Nourrir en bonne accoustumance
Et les tant com puet plus attraire . . .
A chaaste et a sobbresche . . .
Ccst quelle seit premierement
Cioseraent en lostel teuue
Sanz luy trop moustrer par la rue
Et con la garde aussy doyseuse
Et quelle ne seit pas noyseuse . . .
La femme en deuient mains honteuae.
Von den bei Colonna hierzu gegebenen Erörterungen, wird in den
E. A. Abstand genommen, da der Dichter sich jetzt überhaupt immer
sehr kurz fasst. Dieselbe Wahrnehmung lässt sich auch machen bei
der jetzt folgenden Warnung der Mädchen vor dem Müssiggang. Die
Les Echecs Amoiireux
671
drei in der Vorlage (c. 20) Jiiifgeführten Gründe und deren Interpre-
tation
Prima sumitnr ex lionesto solacio
quod iiide liabcnt. Secnnda ex illicita
süllioitudinc, (jue proptor lioc vitatiir.
Tercia ex fruetu et utilitatc que inde
consurgit
139 b*
On In doit garder ensenient
Doyseuse tres songneiiseiuent
Pour lez graiiz pcrilz qui eii viennont
A ceulx qui oyaeiix se luaintieineiit . . .
Et pour le grant bien au contraire
Qui vient dexcercitacion . . .
139 b 3
Finablement eile en serra
Qui a bonne oeure pensera
Plus vertuense en tous endroiz
hat der Dichter der E. A. weniger hervorgehoben. Die Herüberuahme
der am Ende des c. 20 angedeuteten Beschüftigungsweise lässt sich
jedoch nicht bezweifeln. Die in Betracht kommende Stelle lautet:
Si queratur circa qualia opera 139 b'^"
Quelle soccupe ou excercite
En aucune cliose licite
Siconirae en aprendre ou a lire
Aucuns bons liures ou en dire
Oroisons heures et matines
Et choses bonnez et diuines . , .
Celle qui na pas si grant tiltre
Doit ou couldre ou filier ou tistre
Ou faire aucune oeure samblable
A son mariaige prouftitable.
exercitari debent, oportet in tnlibns
dift'erenter loqui, secundumdiuersitatem
personarum. Texere enim filare et
operari sericum satis videntur opera
competentia feminis; quod si tarnen
femina instruenda in tarn alto gradu
esset, quod non esset dignuni vel quod
non esset consuetuni secundum modum
patrie, ut se circa talia exercitaret,
adhuc non esset admittenda ut viueret
ociosa, sed tvadenda esset studio litte-
rarum.
Die Mädchen der höheren Stände sollen demnach auch in das
Studium der Wissenschaften eingeführt werden; der Dichter der E. A.
zeigt sich jedoch nicht mit Colonnas Rat einverstanden, scheint also
kein Freund gelehrter Frauen gewesen zu sein. Er vertritt stattdessen
die Ansicht, die jungen Mädchen sollten sich lieber dem Gebet und der
Betrachtung göttlicher Dinge widmen und solche Arbeiten verrichten,
die für ihre sjjätere Ehe von Nutzen sind.
Mit der zuletzt ausgesprochenen Ermahnung, die Mädchen sollten
besonders zur Schweigsamkeit erzogen werden, steht unser Dichter
wieder im Einklang mit dem letzten Kapitel seiner Vorlage, dem er in
aller Kürze die drei Beweispunkte entnimmt.
Colonna schreibt 1. 11, p. II, c. 21 folgendes:
Quod decet reges et principes et 139 c. Comment on doit la lone
uniuersaliter omnes ciues solicitari erga fiUe enduire a poy parier.
filias ut sint modo debito taciturnc.
Ostenso quod non decet puellas esse
vagabundas, nee deceat eas viuere
On doit la losne fille enduire . .
A ce quelle soit pau parliere
Car cest fort a faire sans faille
672 Dr. Hans Höfler
ociose restat ut nunc tercio ostendamus, Quant on parle trop con ne faille
quod decet eas taciturnas esse, quod Ou quil ne vole de la bouche
triplici via venari possumus. Prima Aucune chose espoir qui touche
sumitur, ut magis appareant ornate et Et desplaist a aultruy personne . . .
decentes et ut a viris suis magis dili- Car 11 en vient souuent grant noise
gautur. Secunda ne loquantur indebite Et granz tenchonz dont II me poise
et incaute. Tercia ne sint prone ad Et par especial la femme
iurgia et ad lites. Trop sen deshonneure et diffame
Car femme est a tenchier encline
139 d«
Ainsy doit la puclielle saige
Duire sa langue et son couraige
Car Celle qui sordonne ainsy
En vault mieulx de soy et aussy
Elle en samble que le ne mente
Plus auenant estre et plus gente
Et plus graeieuse en tous lleux
Et si len amera trop mieulx
Ses maris . . .
In der Erziehungsmethode der Mädchen weicht der Dichter der
E. A. von den Autoren, die er zu Beginn seines Werkes verwertete,
Ovid und J. de Meung, gründlich ab. Während diese beiden, besonders
Ovid, das junge Mädchen nur dazu abrichten wollen, wie es einen bezw,
mehrere Männer in seinen Netzen fangen i<:aun, über ehrbare häusliche
Tätigkeit jedoch kein Wort verlieren, erzieht unser Dichter das Mädchen
zur praktischen Hausfrau, die von Jugend auf zur Sittsarakeit und
Gottesfurcht angehalten und durch Erlernung nützlicher Arbeiten darauf
vorbereitet werden soll, später einmal als tüchtige brauchbare Gattin
einem Hauswesen vorzustehen.
Es mag jedoch dahingestellt bleiben, ob unser Autor bei der Ent-
wicklung seiner Erziehungsgrundsätze sich gegen Ovid oder J. de Meung
wenden wollte. Seine Ausführungen beweisen auf jeden Fall starke
Beeinflussung durch Vorbilder, geben jedoch auch Zeugnis dafür, dass
sich der Dichter einer grossen Vollständigkeit zu befleissigen sucht,
wenngleich dieses Bestreben ihn vielfach zu Weitläufigkeiten verleitet.
Das vollkommene Haus^).
Wir sind hiermit bei dem nach der getroffenen Einleitung letzten
Kapitel des zu betrachtenden Stoffes angelangt. Zu einem vollständigen
und vollkommenen Hauswesen rechnet Colonna die Eltern und die
Kinder, ausserdem die Dienerschaft und nach 1. H, p. H, c. 1 gehört
auch dazu decentia edificiorum, multitudo munmismatum et copia posses-
sionum aliarum. Derselben Ansicht ist auch der Dichter der ]fc. A.,
1) Kapitel V des Ganzen.
L('8 Echecs Amoiireux 673
der mit einigen Änderungen in der Reihenfolge bis zum Schluss des
Gedichtes seiner Hauptvorlage treu bleibt; er beginnt zunächst über
die Behandlung der Diener zu sprechen. Es muss jedoch betont werden,
dass Colonna, obwohl er sich hinlänglich über die Diener äussert, doch
nicht so viele dem praktischen Leben entnommene Winke für das Ver-
halten des Herrn zu seiner Dienerschaft gibt wie der französische
Dichter, dem wir daher in diesem Teil eine gewisse Selbständigkeit
nicht absprechen dürfen.
Über den allgemeinen Verkehr zwischen Herrn und Diener spricht
Colonna in 1. H, p. Hl, c. 19 gegen Ende:
Quid sit aiitem teuere in talibus 140 a"
medium et esse moderatum siimi potest Briefment II fault si graut auis
ex hia que dicuntur V. pol., ubi dicitur Car II couuient ce mest auis
quod persona principis non debet ap- Le moyen prendre au mieulx que puet
parere seuera sed reuerenda, Non ergo Qui bien sen serf gouuerner veult
decet principem tam familiärem se Et mettre en bonne obedience
habere ministris, ut habeatur in con- II luy conuient bien grant prudence
temptu, et ut non app.ireat persona Et con le maine saigement
reuerenda. Nee debet se sie excel- Sanz le traittier trop rudement
lentem ostendere, ut omnino appareat Et sans luy faire aucune Iniure
austerus et onerosus. In omnibus enim 140 a
ut traditur tercio ethicorum, medium Maiz aussy nest ce pas droiture
laudatur et extrema vituperantur. Con se remoustre a luy trop mol
Qui ne veult con le tiengne a fol
Mais par raison moyennement.
Im nachfolgenden werden in den E. A. drei Arten von Dienern
unterschieden, wozu der Dichter die Anleitung jedenfalls auch aus Co-
lonna empfing; als Beweis für die Behauptung, dass manche Menschen
von Natur aus zum Sklavenstand bestimmt seien, beruft er sich jedoch
an Stelle der von Colonna in 1. ü, p. HI, c. 13 zitierten drei Gründe
auf den von demselben schon früher angegebenen Punkt (1. II, p. I, e. 5)
Nam ille proprio est dominus, qui 140d"
viget intellectu, ille vero proprie est Car li uns est serfz de nature
seruus, . . . qui deficit intellectu et Pour ce quil a corps dur et fort
poUet fortitudine corporali . . . Pour bien soustenir paine et fort
Et lentendement groz et rüde
Qui riens ne vauldroit a leatude.
Dass auch die Besiegten und Kriegsgefangenen zum Sklavendienst
bestimmt seien, spricht Colonna in 1. II, p. III, c. 14 aus:
Sic Visum fuit conditoribus legum, Li aultrez laist par violence
quod propter seruitutem naturalem Tout ait II espoir grant prudence
secundum quam ignorantes debent Et nature gentille et france
seruire sapientibus dare seruitutem Mais par loy et par ordonnance
legalem esset et quasi positiuam secun- II fault quil serue ainz que pis aille
Romanisch« Forschungen. XXVII. 43
(574 l^r- Haiis Höfler
dum quam debiles et victi seruirent Par constrainte espoir de bataille
victoribns et potentibus. Ou par aucune occasioa
De samblable condicion.
Ebenso entnahm unser Dichter die Meinung, dass manche Diener
aus Liebe und Freundschaft ihren Herrn ergeben seien, aus Colonnas
1. II, p. III, c. 15:
Ad hos autem ministros quos virtus 140d
et amor boni inclinat ad seruiendum Et li tiers volontairement
decet principantes se habere quasi ad Sert pour aucun eraolument
filios et decet eos regere non regimine Ou II le fait par auenture
seruili sed magis paternali et regab'. Seulement pour araistie pure
Et pour le seul bien de vertu.
Die Bezeichnung dieser drei Gattungen von Dienern — Operateur,
curateur, ordinateur — und die Ermahnung des Herrn, für eine richtige
Verpflegung der Dienerschaft Sorge zu tragen, weisen auf keine Quelle
hin. Vielleicht schwebten unserm Dichter auch einige Kapitel des Spec.
Doctr. des V. de Beauvais vor, der an verschiedenen Stellen auf die
Diener zu sprechen kommt (Spec. Doctr. 1. V, c. 8; VII. 78; VI, 12);
aber auch er gibt seine Anweisungen nicht in so präziser Weise nach
Form und Inhalt wie der Dichter der E. A.
Die Schilderung der Lage und Einrichtung des Hauses zeigt uns
jedoch nochmals ganz deutlich, wie wenig es der unbekannte Autor
verschmäht, sich auch in Einzelheiten und geringfügigen Dingen au das
einmal ausgesuchte Vorbild anzuklammern. Wir müssen nämlich ge-
stehen, dass es sich in den nächsten Kapiteln nur um eine wörtliche
Übersetzung der bei Colonna vorgefundenen Belehrungen handelt. So
entsprechen sich die Anforderungen beider Autoren an die Luftverhält-
nisse in der Umgebung des Hauses ganz genau; Colonna äussert sich
darüber in 1. H, p. III, c. 3 gegen Ende folgeudermassen :
Restat videre qualia debent esse 141 d^
edificia quantum ad aeris temperamen- La maison de bonne deuise
tum. Tangit autem palidinius in libro Premierement doit estre assise
de agricultura tria ex quibus cognoscere En bon air et eu bon terroir . . .
possimus in quo aere edificium sit con- Sans faille on puet assez aauoir
strueiiduin. Dicit enira salubritatem Sil doit bon air ou sain auoir
aeris primo declarari a vallibus intimls. En la place con veult eslire
Si enim in vallibus infimis edificia con- Par troiz poinz qua Je te vueil lire
struantur, quia aer est ibi grossus Le premier pour dire a briefz moz
propter circumstanciani moncium con- Cest quant li airs ny est pas gros
tingit ipsum non esse salubrem. ... Ne de trop espesse substance
Secundo considorandum est ut locixs Ainsy quil est daccoustumance
illc in quo est edificium construendum Et par nature es vaulx parfonz
sit a nebularum tenebris absolutus ; Li poins et li signez secondz
nam in aliqua parte terrarum vel quia Cest quant II est purs et ytelz
ipaa est magis paludosa, vel propter Que Vcapeurz et fumositez
Lea 6chec8 Amoureux
675
aliquara aliam dispositionem terre magis
et sepius obtenebratur aer per nebulaa
et vapoies quam in parte alia . . .
Tercium quod declarat salubritatem
aeris est consideratio habitatorum cxi-
stencium in ipso; si eniui alicubi edi-
ficare vulmus si contingat circa
regionem illam aliquos habitare, con-
sideranda sunt habitatorum corpora si
eis Sit color sanus et pulcer, si sit
ipsis firma sinceritas capitis, si habeant
acutum Visum et purum auditum et
vocem claram ; nam per omuia hcc
iudicatur benignitas aeris et per con-
traria iudicatur aer infirmus esse.
142 a
Ny puet faire empeschement
Aumainz accoustumeement
Pour i)alut ne pour aultre chose
Li tiers des signez que Je expose
Qui moustrent lair bon et santieu
Cest quant li habitant dou lieu
Et qui entour ont demoure
Y sont sain et bien couloure
Et quil ont voix nette et onnie
Bonne memoire et bonne oie
Et bonne veue et ague
Ceste chose briefment Argue
Et signifficacion donne
Que lä demeure estre y doit bonne
Et aussy ne se doit nulz traire
Ou on voit la chose contraire.
Die Aufzählung der Räumlichkeiten, welche das Haus enthalten
soll, ist bei Colonna nicht vorhanden; es schien ihm dies zu sehr ins
einzelne gehend; nur über den Keller spricht er ganz am Ende des c. 4:
Essent autem in edificiis constru- 143b
Li chelier pour le vin garder
Doit septentrion regarder
Et se doit frois estre et obscurs
Ou II nest mie bien seurs
II doit loingz estre aussi sans doubte
De cyterne et dyavve toute
De bainz de fourz de fienz destablez
Et de touz lieux mal odorablez.
endis alia particularia dicenda; ut
qualis deberet esse cella vinaria; quia
debet esse frigida, obscura, opposita
septentrioni ; debet esse longe ab aquis,
ut a cisternis et fluuiis et longe a
Stabulis, furno et sterquiliniis. Sic
etiam alie particulares conditiones edi-
ficiorum distingui possent, sed quia
talia nimis particularia edificatorum
Industrie relinquantur.
Es kann wohl angenommen werden, dass der französische Dichter
mit leichter Mühe die verschiedenen Räumlichkeiten selbst zusammen-
stellte und beschrieb; wir werden übrigens nochmal darauf zurück-
kommen.
Zweifellos ergibt sich die Abhängigkeit unsers Dichters von seinem
Vorbild aus der Angabe der Merkmale, die einen Schluss auf die Be-
schaffenheit des Trinkwassers ziehen lassen ; denn in den E. A. begegnen
uns gerade die sechs Kennzeichen, die Colonna in c. 4 anführt unter
dem Titel:
142 b. Comment yavve est uec-
cessaire a humaine vie et quelle yavve
on doit eslire.
On doit garder premierement
Quelle ne viengne aucunement
De lac destang ne de palu
Car ceste oncquez riens ne valu
43*
Qualia debent esse edificia quan-
tum ad salubritatem aquarum et quan-
tum ad ordinem uniuersi . . . Tangit
autem palidinus in libro de agricultura
sex, que ait consideranda esse in cog-
nitione salubritatis aque. Primum est
quia aqua illa deriuari nun debet a
676
Dl-. Hans Höfler
paludibus vel lasciuiis; paludes enim
et lasciuie eo quod sit eis quodammodo
stans ut plurimum habent aquam non
salubrem. Secundo considerandum est
ne aqua illa sumat originem ex metallis
vel ne transeat per metallorum venas.
. . . Tercio considerandum est in aquis
quod sit coloris perspicui; nam ipsa
infectio colorum aque infectionem
demonstrat. Quartum est ne aliquo
sapore vel odore vicientur . . . Quintum
est ne aquis illis insideataliquis limus;
nam terra limosa vel lutosa eo quod
infecta sit sana esse non potest . . .
adducit palidinus sextum quod dicitur
considerandum esse, videlicet ut con-
sideretur dispositio corporum utencium
illis aquis; est ergo aspiciendum si
dentes et gingine utencium illis aquis
sint pure. Si utentes eis habeant capita
sana et inperturbata, si venter aut
viscera vel latera siue renes nuUo
dolore aut inflatione vexentur. Nam
ex aquarum malicia vel omnino mala
hec vel aliqua horum consueuerunt
contlngere.
On doit aussy quoy quil auiengne
Bien garder qua leavve ne viengne
Daucune miniere voisine
Par auenture metalline . . .
Tierchement on doit regarder
Qui veult bien sa sante garder
Quelle soit clere et nette et pure
Sanz estre tonrble ne obscure
Quartement que nulz qui en boiue
Mauuaise saueur ny parchoiue
Ne mauuaise odeur ne pesant
Quintement quelle ait fons plaisant
Et net sans lymon et sans boe
Ou H nest pas droiz con la loe
Finablement beaulx amis doulx
Li plus certains signez de tonx
Et qui mieulx moustre leavve saine . . .
Cest quant li habitant du lieu
Qui en usent et qui en boiuent
142 c
Nul mal aduenir napercoiuent
Taut ayent au lieu demoure
Ains sont sain et bien couloure
Siquez mal dedens ne de teste
Communement ne lez moleste
Ne goutte ne paralysie
142 c^
Nappostume ne ydropisie
Ne flux de ventre ne grauelle
Ne nulle maladie teile
Que lez mauuaisez yavvez tont
142 c 3
Et Sil aduient que puis y faille
Ou que lyavve espoir rienz ne vaille
Aumainz y doit la cisterne estre
Pour recepuoir leavve celestre . . .
Die Anweisungen über den Bau einer unter Umständen nötigen
Cisterne gibt gleichfalls Colonna in der Fortsetzung des c. 4 mit den
Worten :
Quod si cum edificandi necessitas
urgeat, nee tamen ibi aque salubris sit
copia, est ibi secundum Paludinum con-
struenda cisterna, in qua pluuiales aque
colligende sunt. Nam secundum eundem
aqua celestis et pluuialis ad bibendum
quasi omnibus prefertur. Sunt autem
in cisterna pisces fluuiales apponendi,
142 d"
Car raisons naturelle preuue
Le ne scay son men voulra croire
Quil nest meilleur yavve pour boire
Con y mette Anguilles noans
Et poissons la dedens Jouans
Pour donner aucun mouuement
Les ^checs Amoureux
GTT
ut eorum natatu aqua stans agilitatem
currentis aqiie immitetur.
A leavve continuelment
Et cest affin quelle ressamble
A leavve courant ce me samble.
Auf den folgenden Sätzen dieses e. 4 beruht die Angabe unseres
Dichters über die Lage des Hauses hinsichtlich der Himmelsrichtungen;
Colonna gab ihm zur Erwähnung dreier beachtenswerter Regeln An-
lass (c. 4):
Viso qualiter est edificium con-
struendum, quantum ad salubritatem
aque, restat videre, quomodo sit con-
struendura, quantum ad ordinein uni-
uersi. In ordine autem uniuersi prout
requiritur ad edificium, sunt tria con-
sideranda, scilicet conditio celestis,
diuersitas ventorum et dispositio terra-
rum. Quantum ad conditionem celestem
sunt tria consideranda: Primo ut in
hieme debita claritate illustretur. Se-
cundo ne in estate immoderato calore
opprimatur, quod fieri contingit, si
edificium secundum suam ampliorem
partem respiciat oriens hiemale. Tunc
enim eo quod in hieme oppositum sit
soli, debita claritate illustrabit; in
estate quidem, |eo quod oblique respi-
ciatur a sole, habebit in calore tempe-
ramentum . . . Secundo in edificando
edificia attendenda est diuersitas ven-
torum et hoc quantum ad diuersitatem
camerarum. Nam ventus septentrionalis,
eo quod puriorem aerem facit, salubrior
esse videtur. Propter tempus ergo
estiuum, in quo homines faeilius infir-
mantur edificande sunt alique camere.
opposite vento septentrionali, ut in
eis salubrior custodiatur vita. Tercio
quantum ad ordinem uniuersi conside-
randa est terrarum dispositio, et ut in
tali loco edificium construatur, cui
viridaria et pomeria possint esse con-
nexa. Aspectus enim talium et peram-
bulatio per ea ad hilaritatem et Sani-
tätern confert.
142 d. Comment la maison doit
estre assise ou regart du cid.
Ainsi doit on ediffier
Comme tu moiz signiffier
La maison parfaitte et nottablo
En bon air et sain et loable
Et en bon fons samblablement
II fault aussy secondement
Considerer ainz quil souffisse
Biaulx amis que le ediffisse
Soient assis bien et adroit . , .
Ou regart du ciel et du vent . . .
143 a*
Pour ce doit briefment estre assise
143 a
La maison manable en tel guise
Pour le salut des habitans
Quelle soit froide en äste temps
Et chaude en yuer ensement
Et quelle soit souffissamnient
Aussy clere et enluminee
Ainsy doit eile estre ordonnee
Pour ce doiz tu apprez sauoir
Quil doit en la maison auoir
Seile est parfaitte mansions
De diuerses condicions . . .
Celle desto qui bien lordonne
Ainsy que sa droiture donne . . .
Doit auoir son regart a bise
Et au vent septentrional
Pour ce que li vent noctual
Sont froit et sain naturelment . . .
Et Celle aussy contrairement
Qui est pour lyuer que Je di
Doit estre contre le miedi . . .
143 b»
U y a aussy une chose . , .
Cest con doit son puet par raison
Tousdis asseoir sa maison . . .
Loingz de tout Heu deshonnourable
Et pres sainsy puet escbeir
678 Dr. Hans Höfler
De chosez plaisans a veir
Especialment de vergiers
Ou II ait prayaux et pommiers
Et arbres portans diaers frais
Car cest granz biens et granz dedais
Et tresgrans confors a nature . . .
Et briefment cest chose certaine
Qui vault a la sante humaine.
In den E. A. werden jetzt noch einige genauere Bemerkungen über
Keller, Speicher und Stall gemacht; wir erklärten dieselben oben für
unabhängig von Vorbildern, da Colonna die Anlage dieser Räume als
nimis particularia der Geschicklichkeit der Bauleute anheimstellt. Es
sei uns jedoch erlaubt auf mehrere Ähnlichkeiten hinzuweisen, die hin-
sichtlich der Beschreibung des vollkommenen Hauses zwischen den
E. A. und V. de Beauvais bestehen, der ja sehr oft zu Rate gezogen
wurde, wenn die Hauptquelle versagte. Im Spec. Doctr. begegnen wir
da und dort zerstreut denselben Belehrungen über die Einrichtung des
Hauses wie bei Colonna, von denen einige bei letzterem nicht erwähnt
werden. Schon die ersten Andeutungen über die Lage des Hauses und
die Gegend, die man zum Wohnort ausersehen soll, finden wir auch
bei V. de Beauvais, Spec. Doctr. 1. VI, c. 16: Edificium pro agri merito
et pro fortuna domini oportet institui. Si vicinus est fluuius ubi sta-
tuimus fabrice sedem parare eins debemus explorare naturam, quod
plerumque quod exalat inimicum est. Palus omnimodo vitanda.
Ebenso erachtet es V. de Beauvais für angenehm, dass das Wohn-
haus (1. VI, c. 17) hortis et pomariis cingi possit aut pratis. DieHaupt-
bediugung ist jedoch nach seiner Meinung, dass die Luft in der Um-
gebung gesund und zuträglich sei; man kann dies an verschiedenen
Merkmalen erkennen nach 1. VI, c. 39: Aeris salubritatem declarant
loca ab infimis vallibus libera et nebularum noctibus absoluta, et habi-
tatorum considerata corpuscula, si eis color sanus, capitis firnia sin-
ceritas, inoff'ensum lumen oculorum, purus auditus, fauces commeatus
liquide vocis exercent, hoc genere benignitas aeris approbatur.
Von grosser Wichtigkeit ist es, bei der Wahl des Platzes zum Bau
seines Hauses darauf zu merken, dass in der Nähe gutes Wasser vor-
handen ist, da die Gesundheit des ganzen Menschen in hohem Grade
davon abhängt. Die Eigenschaften, welche auf die Güte des Wassers
schliessen lassen, werden auch von V. de Beauvais als beachtenswert
empfohlen. Spec. Doctr. VI, c. 39: Aque vero salubritas sie agnoscitur;
primum ne a lacunis aut palude ducatur; ne de metallisoriginem sumat,
sed Sit perspicui coloris neque ullo aut sapore aut odore vitietur ; nullus
illi limus insidiat . . . Ipsam quoque ex incolarum salubritate noscamus,
si fauces bibentium pure sint, si saluo capite in pulmonibus ac thorace
aut uulla est aut rara causatio.
Les ;&chces Amoureux 679
Sollte es Dotwendig werdeii; eine Zisterne zu graben, so finden sich
auch darüber bei V. de Beauvais Sp. nat. 1. V, c. 49 und Spec. Doctr. VI,
c. 20 genaue Vorschrifteu; wörtlicli übersetzt wurde die an beiden
Stellen vorkommende Anweisung: Anguillas sane piscesque fluuiales
nutriri in bis pascique conueniet; ut borum uatatu aqua stans agiiitatcm
currentis aque imitetur.
V, de Beauvais gibt auch die Probe an, die es ermöglicben soll zu
unterscheiden, welches von zwei Wassern leichter oder schwerer und
infolgedessen besser oder schlechter ist. Sie lautet Sp. nat. 1. V,
c. 54:
Aqua njiraque quae leuior est, in 142 d"
pluribus dispositionum est melior. Est Et ee tu vois deux yavvez tellez
nutern cum cognoscitur pondus per Si gracieuses et si bellez
mensuraru. Et est cum cognoscftur si Que tu ne sces laquelle eslire
in duabus aquis diuersis duo panui Ne laquelle est meilleur ou pire
unius ponderis madetiaut, et postea Pren eii cest cas la plus legiere
vehementer exiccentur, deinde ponde- Et Je te diray la maniere
rcntur. Aqua enira cuius leuius faerit Comment tu le pourras sauoir
pondus, melior est. Tu doiz deux nez drappiaux auoir
Dun poiz et de toille tout uue
Et mouillier en un en chascune
Et puis tordre fort et espresser
Et lun contre lautre presser
Car chilz qui le mainz pesera
La plus legiere moustera.
Es scheinen nämlich unserem Dichter ab und zu auch Erinnerungen
an das Speculum naturale des V. de Beauvais in den Sinn gekommen
zu sein. Derselbe handelt in 1. V von c.45 ab über Brunnen, Zisternen etc.
und die Übereinstimmung mit den einschlägigen Stellen der E. A. ist
oft unverkennbar. So berichtet z. B. V. de Beauvais über die Wirkungen
des schlechten Wassers in Sp. nat. 1. V, c. 56:
. . . Non sapida vero est salsa uel 142 b 27
sulpliurea, putea aluminosa, vitrea, On doit aussy quoy quil auiengne
metallina . . . Aqua salsa ventrem Bien garder que leavve ne viengno
emoUit, saepe autem bibita ventrem Daucune miniere voisine
constipat, corpus desiccat, prurigincm Par auenture metalline
et scabiem generat. Sulphurine ou alumineuse.
In der Beschreibung des Kellers stimmt der Dichter der E. A. mit
V. de Beauvais überein, welch letzterer folgende Massregeln innezuhalten
rät: Spec. Doctr. 1. VI, c. 21: Cellam vinariam septentrioni habere
debemus oppositam, frigidam vel obscure proximam, longe a balneis,
Stabulis, furno, sterquiliniis, cisternis, aquis et ceteris odoris horrendi . . .
Beide Autoren empfehlen, dass man den Keller gut pflastern lassea
solle (Sp. Doctr. VI, c. 21);
680 ^^'' H''i^s Höfler
ut etiam si ignorata se cupa dififu- 143 bj^
derit, laco subdito excipiantur iion Et si doit auoir ensement
pcrituia vina que fluxerunt. Dur et ferme le pauement
Affin son voit le tonnel courre
Con puist aumains le vin rescourre
Et recueillier Isnellement.
In gleicher Weise lassen sich manche Züge bestimmen, die betreffs
des Speichers in unseres Autors Darstellung übergingen. V. de Beau-
vais gibt darüber dieselben Anweisungen Spec. Doctr. VI, c. 22:
Situs horreorum quisquis ipsam 143 bg
desideret partem, et superior et longe La grange veult de sa nature
ab omni humore et letamine et stabulia Lieu sans rumeur et sanz ordure
ponendus est, frigidus, ventosus et Lieu loing destable et de furnier . . .
siccus. Lieu secq lieu venteux et lieu froit.
Über den Bau des Stalles äussert sich V. de Beauvais Spec.
Doctr. VI, c. 23:
Stabula equorum vel boum meri- 143 c"
dianas quidem reapiciant partes, non Lestable aussy de lautre part
tarnen egeant a septentrione luminibus Doit souuerture et son reg.art
que per hiemem clausa nihil noceant, Auoir aussy principalment
per estatem patefacta refigerent. Et si doit estre closement
Deuers le nort tenue aussi
Sanz faille son faisoit ainsi
Quil y euist quelque fenestre
Pour esuenter en este lestre
Maiz quelle y fust en yuer close.
Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, dass Avir hier vor
demselben Problem stehen wie in Kap. I über die Glückseligkeit, wo
sich ebenfalls eine Übereinstimmung der E. A. mit verschiedenen Au-
toren zeigte. Es lässt sich beim ersten Anblick nicht leicht entscheiden,
ob Colonna, V. de Beauvais oder Brunetto Latino die unmittelbare Quelle
des Dichters der E. A. gewesen ist. Latino schreibt nämlich über das
Haus und seine Teile so ziemlich dasselbe vor wie V. de Beauvais und
Colonna, nur treffen wir bei den beiden letzteren manche Stellen, die
bei ihm nicht vorkommen. Wir wollen des leichteren Vergleichs halber
in aller Kürze die in Betracht kommenden Andeutungen Latinos wieder-
geben. Über die Räumlichkeiten des Hauses heisst es im Tresor 1. I,
p. IV, c. 130: Quant ta maison est complie et garnie de ses edefiemenz
selonc Testat dou leu et dou tens, tu doiz faire chambres et cheminees
lä oü li chans de ta maison te mosterra que miex soit; et si penseras
de molin et de four et de vivier et de columier et de estable ä berbiz
et ä porciaus, et de gelines, et de chapons, et d'oies, et d'anetes.
Die Angaben über die Beschaffenheit gesunder Luft zeigen gleich-
falls grosse Ähnlichkeit mit der Bearbeitung des Dichters der E. A.
Tresor 1. I, p. 4, c. 126: Li sains airs puet estre conneus en ceste
Los ;6chec8 Amoureux 681
maniere, que li lens ne soit eu parfonde valee et que il seit purs de
tenebrouses nues, que les geus qui i hubitent soient bien sain de lor
cors, et cler et apert, et que la veue et la voiz d'euls et I'oie soient
bien cleres et purefiees.
Die Erkennungszeichen des guten Wassers sind in der unmittel-
baren Fortsetzung dieses c. 126 angeführt: Et la bonte de l'aigue tu
puez apercoivre se ele ne naist de paluz ou de mauvais estauc ou de
vaine de soufre ou de coivre; et que sa colours soit luisanz, et que sa
savor ou son oder ne soient vicie, et que il n'i alt Inmondice dedanz
et soit en yver chau de et eu este froide, et la naissance de son cours
soit vers Orient et po declinant vers septentrion et bien corranz et isnele
8or petites pierres ou sus bele areine . . . (pag. 175). Et sa bonte
poons nos apercoivre as gens, que se il ont la bouche dedanz saine et
pure, et bone teste, o toutes les vaines dou polmon, et que il n'aieut
dolours ou enfleures au cors dedans, et la vessie nete et pure et sanz
vice.
Über die Zisterne äussert sich Latino in LI, p. 4, c. 129 wie folgt:
... tu feras une cisterne qui alt plus de lonc que de le et soit bien
pavee . . . soit mise aigue dedanz et anguiles et poissons de fluns,
liquel, par lor noer, facent movoir l'aigue de laienz.
Desgleichen decken sich seine Belebrungen über Keller, Scheune
und Stall mit V. de Beauvais und der Ansicht des Dichters der E. A.
Latino berichtet darüber 1. 1, p. 4, c. 127: Tes celliers doit estre contre
septentrion, froit et oscur, et loing de baing et d'estable, et de four et
de cisternes viez, et de toutes choses qui ont fieres odors. Li greniers
desire cele partie meisme, ä ce qu'il soit loing de fiens et de toute
moistor. Li leus de l'uille soit contre midi, et soit bien garniz por le
froit. L'estable des chevaus et des bues regarde vers midi, et ait au-
cune fenestre por alumer, devers septentrion, en tel maniere que tu la
puisses en yver clorre por la froidure eschuer et en este ovrir por la
froiehor.
Wenn wir nun die eben zitierten Stellen aus Latino mit den aus
V. de Beauvais und Colonna angeführten vergleichen, so lässt sich die
Tatsache einer auffallenden Übereinstimmung der drei Autoren mit den
E. A. nicht wegleugnen. Es lässt sich nicht gut behaupten, dass die
Schriften der drei zuerst genannten Autoren unter sich von einander
abhängig sind; es mag jeder der Verfasser selbständig vorgegangen
sein, denn nach ihrer eigenen Angabe^) schöpften sie aus gemeinsamer
1) Latino im Tresor 1, I, p. 4, c. 126: Pallades doit que on dit esgarder III
choses . . .; V. de Beauvais im Spec. Doctr. 1. VI, c. 16: Palladius in libro de
agricultura . . ., Colonna in De regimine principum 1. II, p. III, c. 3: paladinus
in libro de agricultura; er nennt ihn bald Paladinus bald Palidinus (1. II, p.III,
c. 4), auch Paladinus (1. II, p. III, c. 4), Palidinius (c. 3).
682 Dr. Hans Höfler
Quelle. Diese war der römisclie Schriftsteller Rutilius Taurus Aemilianus
Palladius, der im 4. Jahrhundert n. Chr. das Werk: De re rustica in
14 Büchern verfasste, eine Schrift, die besonders wegen ihres Inhalts
— sie enthält einen ausführlichen Wirtschaftskalender — im Mittelalter
hoch in Ehren stand. Es ist daher auch die Möglichkeit nicht ausge-
schlossen, dass der Verfasser der E. A. bei seiner umfassenden Bildung
direkt auf Palladius basiert, ohne sich der Nachahmungen zu bedienen.
Doch scheint es mir fast sicher, dass derselbe eher von Colonna aus-
ging und hie und da auch bei V. de Beauvais nachsah, um aus dessen
Werk einige ergänzende Gedanken herüberzunehmen; denn an diese
beiden lehnt er sich auch sonst mit grosser Vorliebe an, wie wir im
Lauf dieser Abhandlung öfters wahrnahmen. Aus diesem Grunde schon
glaube ich, dass Latino hier nicht benützt wurde; ausserdem kommen
einige Angaben, z. B. die Anleitung zur Probe des Wassers bei ihm
nicht vor, so dass die grössere Wahrscheinlichkeit entschieden für eine
Abhängigkeit der E. A. von Colonna bezw. V. de Beauvais spricht.
Nachdem das Haus gebaut ist und allen Anforderungen an die Lage
und innere Einrichtung nach Colounas Vorschrift möglichst Rechnung
getragen wurde, ist es für den Besitzer von Wichtigkeit, die Mittel zu
kennen, durch welche er seinen Wohlstand begründen kann. Unser
Dichter zeigt ihm fünf Wege, die zu diesem Ziele führen und hält sich
dabei getreulich an Colonnas 1. II, p. 3, c. 12:
Quod diuersi sunt modi luciandi 143 d. Comment li homs puet
peccuniam . . . Circa finem primi pol. habonder en prouffite ou en lichesse
distinguit philosophus diuersos modos, par V manieres.
quibus nummismata acquiruntur; con- La premiere cest que li homa
tingit enim hoc fieri quinque viis, Qui a terre et possessions
quarum una dicitur possessoria. Se- Doit regarder sil est soubtieux
cimda mercatiua. Tercia merconaiia Tenez et vignez et courtieux
vel conducta. Quarta experimentalis. Et tout faire en temps labourer . . .
Quinta artifica. Via autem possessoria 143 dj^
acquiritur peccunia, quando quis posses- Pour recueillier plus grant mesure
sionibns habundans ex fructibus eorum Et plus de prouffis et de fruis
peccuniam acquirit. Decet enim se- En ce doit estre ses deduis
cundum philosophum yconomicum et II doit regarder ensement
dispensatorem domus esse expertum Sil a vin ou soilie ou forment
circa possessiones, sciendo que sunt Et telz fruis que la terre amaine
magis fructifere et ex quibus potest Bestez grosses et bestes a laine . . .
melius subuenire indigentie domestice Et considerer par raison
siuo gubernationi domus. Hoc autem En quci Heu et en quel saison
licri contingit sciaturque in quibus Cliacune doit estre plus chiere
p.'utibus habundant, ubi quis illis ani- Et de ce doit H la maniere
malibus habundet qui in partibus illis Et lexperience sauoir . . .
in quibus existit melius conseruantur . . . 144a*
Secunda via utilis ad peccuniam acqui- Laultrc voye con puet tenir
rendam dicitur esse mercatiua; cum Pour nüeulx A richesse venir
Les ißchecs Amourcux
683
quis per mare aiit per terram dcfert
luercationes aliquas . . , Tercia via
acquirendi peccuniam dicitur esse mer-
cenaria vel condiicta, ut cum quis spc
mercedis vel prccio conductus aliquid
operatur. Quaita^) via dicitur expcri-
inentalis . . . llecitat enim philsophus
duo particularia gcsta quibus fuit
pecunia acquisita. Primum est quod
fecit calles millesius, unusde Vllsapien-
tibus, qui primo philosophari ceperunt.
Ipse enim cum esset panper et impro-
paretursibi a multis, curpliilosopharetur
et ad quod valeret philosophia sua,
cum seraper iu egestate viueret, qui
respondit quod ipse non denariorum
cupidus esset sed ut ostenderet quod
facile esset philosophis ditari si circa
talia curam gererent vidit per astro-
nomiara futuram esse magnam copiam
oliaarum ab omnibus incolis regiouis
illius emit totum oleum quod recoUecturi
erant in anno futuro. Mutuata ergo
pecunia et dato arabone pro futuro
oleo, tunc nullus poterat vendere nisi
ipse . . . Secuudum particulare gestum
quod recitat idem philosophus est de
quodam siculo qui emit totum ferrum
nundinarum et quia ipse solus ferrum
vendebat hicrabatur pecuniam ut vole-
bat. Inter enim cetera augentia diui-
cias secundum philosophnm est facere
monopoliara et facere vendicionem
unius. Nam quando unns aolus vendit
taxat precium pro sue voluntatis arbi-
trio . . . Quinta via dicitur easc artifica,
quando quis per artem suam aliquid
exereet propter quod pecuniam lucratur.
Nam licet finis artis militaris sit vic-
toria et medicinalis sit sanitas. Singule
tamen artes quasi ad pecuniam ordi-
nantur; cum ex opere ex arte facto
pecuniam intendunt; ut medici, fabri,
domificatores et etiam ipsi milites cum
stipeudary fiunt pecuniam intendunt.
Corabien que grant fortune y gise
Cest le fait de marchandise
Soit par la mer ou par la terro
Par cest cherain voit on acquerrc
Mainte grant richesse souuent
Qui bien si maintient et saigement
La tierche voye est daultre affaire
Cest par aucun seruice faire
Ou aucune ocurc corporelle
En esperance et a fiu teile
Con en ait loyer raisonnable
144 a^«
La quinte vient dexperiencc . . .
Pour ce te vueil compter un fait .
Que Charles milesius fit
Uns philosophes anchyens . . .
Chilz saiges par le cours celestre
Cousidera quil deuoit estre
144 b
En un este naturelment
Des oliues habondamment
Et que chilz des lyuer deuant
Quant II ala ce concepuant
Acheta sans estre esbahys
Tous les oliuiers du pays
Et tout le fruit appartenant
Quant a leste prouchain venant
144 b
Finablement chilz tout queilly
Dont pluiseur furent mal bailly . . ,
Car II se falloit vers luy traire
Qui vouloit oliues auoir
Ainsy concquist chilz grant auoir .
Et ce fist II et par tel gnise
Non pas mens de conuoitise
Mais pour moustrer et esclarchir
Que ce nest pas fort denrichir
Un philosophe quant II veult
Mais de legier enrichir peut . . .
Uns sciliciens ensement
Ouura Jadis samblablement . . .
II acheta une Journee
Quil Vit ad ce bien ordonnee
Tout le fer de la region
Et garda sa prouision
Tant que le fer ailleurs failly
1) Der Dichter der E. A. vertauschte Punkt 4 und 5 seiner Vorlage mit-
einander.
684: Dr- Hans Hötler
Et con nen pooit fors a ly
Trouuer en aucune maniere
Sique chilz vendy sa miniere
Tant quil voult par ceste cautell«
144 a"
La quarte chose conuenable
Pour cheuance auoir et pecune
Cest par sauoir faire art aucune
Comme lart de massonnerie
Lart de paindre ou orphauerie . . .
Les ars meisraez honnourables
Qui doiuent a noble fin tendre
Puet on bien a pecune estendre . . .
Comme lart de cheualerie
Et lart aussy medichinal
Qui quant a la fin principal
Entendent cest chose nottoire
i Lune sante lautre victoire
Et toutesfoiz on voit enfin
Que cheualier et medechin
En usent pour aucun loyer.
Aach die letzten Verse unseres Gedichtes über Geldgeschäfte und
Wucher, wodurch man zu Reichtum gelangen kann, schliessen sich an
Colonna an, der sich in drei Kapiteln darüber ausspricht, 1. 0, p. 3, c. 9 :
Quod sunt species commutationum 144 c. Encor de ce et parle de lart
et quod fuerit necessitas inuenire dena- de change et de usure.
rios: c. 10: Quot sunt species pecu- 144 d. Encor de ce et commence
niatiue et quae illarum sit laudabilis a mettre aucunez rieglez de lart de
et que vituperabilis; c. 11: Quod usura change.
est simpliciter detestabilis et quod decet
reges et principes prohibere.
Da das Gedicht mit dem Kustos remulteplier plötzlich schliesst,
ist unsere Quelleuuntersuchung hiermit auch zu Ende. Es ist klar, dass
der Dichter zunächst die drei eben erwähnten Kapitel seiner Vorlage
ausgearbeitet und näher über die Möglichkeit, sein Geld durch Wucher
zu vervielfältigen, gesprochen hätte. Ob er dann Stoff zu neuen Be-
trachtungen aus Colonna, V. de Beauvais oder irgend einem anderen
Werke hergenommen oder vielleicht, was das Beste gewesen wäre, sein
Gedicht hier wirklich zum Abschluss gebracht hätte, ist natürlich nicht
zu bestimmen. Es ist wohl der Gedanke annehmbar, dass der Verfasser
der E. A., oder nach der Fiktion Pallas, nachdem sie ihrem Schüler
alles Wissenswerte über die Ehe, die Pflichten und nötigen Eigenschaften
der Eheleute, die Bedingungen der Glückseligkeit und des Wohlstandes
etc. sehr genau auseiDaudergesctzt hatte, ihm auch seinen Herzens-
Avunsch erfüllt hätte, dadurch, dass sie ihm seine Gegnerin im Schach-
Les Ecliecs Amoureux 685
spiel gewinnen Hess. Der geduldig zuhörende; verliebte Jüngling er-
innert ja fast bei jedem neuen Abschnitt die unermüdlich redende Göttin
der Weisheit daran, dass es ihm nur darum zu tun sei, endlich den
Sieg im Schachspiel zu gewinnen, wenn er auch sein Interesse an den
Lehren der Göttin jedesmal beteuern muss, wenn dieselbe über ein neues
Thema ihren Redestrom unbarmherzig sich weiter über ihn ergiessen
lässt. Die wenigen Worte und Hinweise auf den Ausgangspunkt bezw.
das Endziel an den einzelnen Übergängen bilden auch das einzige
schwache Glied, dass den Zusammenhang des ganzen Werkes doch
etwas herstellt. Ich verweise dabei auf die Verse vor der Besprechung
des Standes der Räte'), des Volkes^) und vor der Abhandlung über
den Ehestand^). Der zuhörende Jüngling erinnert dort seine Lehr-
meisterin daran, dass sein einziges Streben auf den Sieg im Schach-
spiel gerichtet sei, beziehungsweise die Göttin macht ihrem Schüler
Vorhalt wegen seiner schlimmen, nur auf den Dienst der Venus ab-
zielenden Leidenschaft. Aus diesen kurzen Anspielungen auf das zu
1) 81c Dame dia le certaiuemeiit
Vous maues du gouiiernement
Dez princes parle moult auant
Et se vous diz bien le men vant
Que lay tres bien retenu tout
Car la mafiere me piaist moult
Et lay ouy tres voulentiers
Tout ne men soit II la mestiers . , .
Car le nay de regner enui . . .
Fors en mon hostel seulement
Et tant le ne vueil point raentir
Samoura le voaloit consentir
Que le peusse auoir victoire
Aux eschecz cest toute la gloire
Et la maistrie que le quier
Plus grant chose a dieu ne requier
Cest me orison toute et mon pry.
2) 87 c 3 Dame par dieu le roy celestre
Dis la dont le ne vouldroie estre
lugez en maniere quelconques . . .
87 d' lay aultre ymaginacion.
3) 104 bis Puis Q"6 t'i °62; encor pas las
Biaulx amis de moy esconter
Aussy ne suis le sanz doubter
Pas de toy respondre anoyee
Ains seroie moult esioyee
Se le te pouoye retraire
Chose qui te peuist retraire
De ta foUie perilleuse
Ou miz tout amours et oyseuse.
686 I^J*- Hans Höfler
Anfang; des Werkes veranstaltete Schachspiel und dessen Preis lässt
sich ersehen, dass unser unbekannter Autor den eigentlichen Grund-
gedanken seines Gedichtes, das Schachspiel, von dem er ausging, immer
im Auge behielt und ausserdem können wir daraus folgern, dass den
Schluss jedenfalls die Niederlage der schönen Partnerin bildete, die
dann mit allen früher verlangten Tugenden geschmückt wohl als Herrin
in das von dem Dichter bequem und sorgfältig errichtete Haus einge-
zogen wäre.
Diese Übergangszeilen unterstützen auch die Ansicht Siepers^), der
den Titel Echecs Amoureux gegen Körting 2) verteidigt; auch Junker^)
billigt diesen Titel nicht. Der Dichter hätte höchstens einen allgemeinen
Namen wie Speculum, Tresor etc. wählen können; allein die zugrunde
liegende Idee des Gedichtes ist das Schachspiel; davon geht der Autor
aus und ruft auch gelegentlich dem Leser diesen Ausgangspunkt ins
Gedächtnis zurück. Die endlosen Abschweifungen geben beredtes
Zeugnis für die Vorliebe des Mittelalters für enzyklopädische Schilderung
überhaupt und für die bienenhafte Emsigkeit unseres poetischen Mönches
im besonderen. Aus seiner Sucht, alles beschreiben zu wollen, entsprang
dann unser allerdings wenig übersichtliches Sammelwerk: Les E. A.
Die am Schluss desselben wahrscheinlich vollzogene Vermählung des
Jünglings mit seiner Gegnerin im Spiele hätte dem Ganzen freilich
einen passenderen Abschluss gegeben, der den Titel „Liebesschach"
um so mehr gerechtfertigt hätte.
Um ein Gesamturteil über die Dichtung : Les Jeu Des Eschez, wie
die Dresdner Handschrift eigentlich betitelt ist, zu fällen, so lässt sich
aus der angestellten Untersuchung erkennen, dass das stattliche Werk
verhältnismässig sehr wenige selbständige Gedanken des Verfassers ent-
hält. Derselbe beschränkte sich meist darauf, die in Prosa abgefasste
Vorlage durch zahllose formelhafte Wendungen*) zur Erzielung von
1) 1. c. p. Il2f.
2) 1. c. p. 6: „Vom Schachspiel selbst handelt nur ein sehr kleiner Teil
der Dichtung, und der Umstand, dass der Held des Gedichtes sich allerdings bei
einer Schachpartie in seine schöne Gegnerin verliebt, ist doch nicht wichtig ge-
nug, um darnach das ganze vorwiegend ganz andere Materien behandelnde Ge-
dicht zu benennen."
3) 1. c. p. 158 „Dem Titel „Verliebtes Schach" zum Trotz ist vom Schach-
spiel nur nebenher die Rede".
4) 84 d-^ au dire voir,
85 c 7 au voir retraire,
86 dg le my accors
88 b" Et se nous voulons dire voir
88 b 7 cest bon assauoir
96 a 13 . . . se dicux me gart dire
97c, 9 ... comment quil aille etc.
Lcs fichecs Amourcux 687
Reimen in Verse umzugestalten, wobei er freilich manche auf keine
Quelle hindeutende Ideen mit in die Darstellung verflicht und besonders
seine gründliche Kenntnis der antiken Mythologie und Literatur zum
weiteren Ausbau der Vorbilder verwertet. Als Hauptvorlage ist ohne
Zweifel Guido daColonnas: De regimine principum zu bezeichnen, das
vollständig verarbeitet wurde, mit Ausnahme des 1. I, p. 3 und 1. IlT,
pars 1; die zweite Stelle nimmt das Speculum doctrinale des Vincentius
Bellovacensis ein, dazu kommen vielleicht noch gelegentliche Erinne-
rungen an den Tresor des Brunetto Latino. Diese drei haben jedenfalls
die Schriften des berühmtesten damaligen Vertreters der aristotelischen
Philosophie, des Dominikaners Thomas von Aquin, benützt oder viel-
leicht seine Vorträge an der Universität Paris selbst angehört.
Bei der Benutzung hat sich unser Autor fast durchweg genau an
seine Vorlage gebunden; hie und da erlaubt er sich allerdings auch
Kürzungen, ändert die Reihenfolge, bringt noch weitere Gleichnisse an etc.
Bemerkenswert sind die Verbindungen der einzelnen Abschnitte des
Gedichts. Der Verfasser streut sich nämlich dort immer unverblümt
eine Art Weihrauch, indem er durch den Mund des zuhörenden Ver-
liebten (= er selbst) der lehrenden Göttin (wieder er selbst) die aus-
giebigsten Lobsprüche über ihre vollkommene Weisheit und unerreich-
bare Gelehrsamkeit spendet. Solche Stellen scheinbar unbewussten
Eigenlobs finden sich z. B. beim Übergang von dem Gespräch über
Felicite zur Beschäftigung der einzelnen Stände (Tßbeff.) ^), ferner
STdj'^ff.^); 104b^fr.3). Diese Art der Gedankenverknüpfung bildete der
Dichter der E. A. dem Rosenroman nach, wo in ähnlicher Weise, so-
bald der Dialog beginnt, der Zuhörer der vortragenden Göttin einige
anerkennende Schmeicheleien zollt (vgl. 1. c. 11, 4600 ff., II, 10 344 ff.).
Ziemlich reich ist das Gedicht an sentenzähnlichen Ausdrücken,
1) Dame eu qui sens paifais habende . .
Jay tres grant plaisanche en voz dis
Car II sont de belle matiere
Et se sont. piain de grant mistiere.
2) Toutesfoiz ne manoy II pas
Car vous parles si par compas
Et si substancieusement
Que le vous oy loyensement
De toutes matieres parier.
3) Dame dis II me souuient bien
De nature et de tout le bien
Quelle me dist et encherga . . .
Sachiez dame aussy que tousdiz
Me souuenra II de vos diz
Et de voz trez bellez paroles
Qui ne me samblent mie foles.
638 I^r. Hans Höfler
die vielleicht zu jener Zeit als Sprichwörter in Umlauf waren; sie
nehmen sich aus dem Mnnd der Göttin der Weisheit bezw. unseres ge-
lehrten Mönches mitunter ganz trefflich aus. Zu den bei Junker') an-
geführten Sprüchen seien noch folgende gefügt:
Fol, 80c" . . . chose qui est violente
Ne puet en cest monde terrestre
Par nature pardurable estre.
83cj8 ... mentir est chose villaine
Et de mal et de peril plaine.
88 b^* De bien quon pulst ou monde auoir
Nest la possession loyeuse
Sanz compaignie gracieuse.
119 c'' ... 11 bon amy naturel
Ne se doinent oncquez pour el
Que pour la mort seule desioindre.
118b* . . . on tient le saige
Pour fol Sil a trop de langaige
Et le fol pour saige au contraire
Quant II se scet bien a point taire.
111 b' (Von den Frauen:)
Qui en a une II en a cent
Et qui en a cent au contraire
II nen a nulle au voir retraire.
Diese Auslese Hesse sich natürlich noch bedeutend erweitern, doch
würde uns dies zu weit führen. —
Interessant sind mir die vielen Füllwörter bei der Negation vorge-
kommen; in den E. A. herrscht darin grosser Reichtum und Abwechs-
lung. Zur Probe seien kurz einige wiedergegeben:
73 b 20 II ny compte une poiteuine
80 c 21 Ne vault une pomme pourrie
81c 4 Ou tout ne vault un ail pelle
88 b 24 Ne priseroit . . . un bouton
96 d^^ Ains ne vauldroit tout une escorce
122 d^" Ne valent pas un seul festu
124 d* . . . il ne vauldroit une plume.
Ein nicht ausser acht zu lassender Grund, der Zeugnis dafür ab-
legt, dass der Dichter vielleicht durch den Tod verhindert wurde, sein
Werk zu vollenden bezw. die letzte feilende Hand daran zu legen, sind
die zahlreichen Lücken in der Ausfüllung der Verse. Oft fehlt nur ein
einziges Wort, manchmal lässt der Dichter Raum für einige Zeilen frei,
um natürlich später diese Verse nachzuholen. Zum Beleg erwähne ich:
71c^ 71d^'; 84bii, 86b"; 104a"; 129d', 136b^'.
1) 1. c. pag. 38 und 39.
Les ifecliecs Amoureux 689
Wenn auch der ästhetische Wert der E. A., der auch nicht nach
modernem Standpunkt bemessen werden kann, ziemlich gering ist, da
dem Verfasser der Begriff des geistigen Eigentums fast unbekannt zu
sein scheint, so ist doch sicher, dass er mit den Wissensgebieten seiner
Zeit und der vorchristlichen Periode vertraut war und die Sammelwerke
der damaligen Zeit eingehend studiert hatte. Vielleicht gehörte das
Gedicht Les ^checs Amoureux seiner Zeit ebenso zu dem Lesestoff der
Gebildeten und wurde von ihnen nicht minder geachtet wie jedes andere
derartig allegorisch-moralisierende Epos. An das tonangebende Muster
dieser Dichtungsgattung, den Rosenroman, reicht es freilich nicht heran.
Komanische Forschungen XX VII. 44
Das schweizerische Volksfranzösisch.
Von
Dr. Gustav Wifsler.
Vorwort.
Im „Confeur voiidois", dem Unterhaltungsblatt, in dem noch gelegent-
lich Stücke in Waadtländer Mundart erscheinen, wird in der Nummer
vom 4. August 1877 eine hübsche Anekdote erzählt, betitelt „Les deux
extremes du langage'K Ein Pariser Gelehrter macht mit seinem Freund,
einem Waadtländer, einen Spazierritt nicht weit von Lausanne und leistet
sich den Scherz, einen jungen Bauern zu verblüfifen, indem er ihn folgen-
dermaßen anredet: „Rustique, fais un mouvement d'approximation vers
mon bypostase pour egaliser mes Supports, dont Fun est succinct et l'autre
prolixe.'^ Der Bauer hat natürlich keine Ahnung davon, daß er auf-
gefordert wird, ans Pferd heranzutreten, den Riemen des einen Steig-
bügels zu verlängern und den des andern zu verkürzen. — Kurze Zeit
darauf muß der junge Gelehrte seinem Freunde eingestehen, daß es
noch Abarten der französischen Sprache gibt, die er nicht kennt und
nicht versteht. Die beiden Freunde haben zufällig die Gelegenheit, die
Worte zu hören, die ein Bauer von Savigny an seinen Knecht richtet:
„Piste^) voi"^) vers le bourneaii^) pour virer*) \e mdcle*)^ ^w'y') ne
cambe'') pas la baragne^) et qu'y^) rCalle^) pas troupiner^") le coin de
sottines^^) ; et j^i^"^) apres tu traceras^^) voi^) mettre les aises^*) ä la
Vgl. bei B r i d e 1 : 1) pistä = decamper, se rendre promptement quelque part.
2) voi = volre, donc.
3) hörne, boueneau etc. := fontaine.
4) Vgl. S. 759.
5) makllo, mahllo = le taureau.
6) qu'il.
7) Icaviba = enjamber.
8) baragna = garde fou, balustrade, hier = clOture.
9) Statt„aille", analogisch nach „aller".
10) Vgl. trepa, troupa = fouler aux pieds, tronpenä (Dumur) = id.
11) Eine Kartoflfelart (?).
12) = puis.
13) trefi, tressi = tracer, courir fort vite (vgl. S. 820).
14) aise, s, f. pl, = les outils (du charpentier, menuisier etc.).
Vorwort. 691
chotte^) devanf^) qiii roille^), car jjom*) m'^) yaiira'^)^ le temps a
bargagne'') toute la vepre*)^ et ces enliiges") sont signe de niargue^"),
et pP^) regarde-voi ^-) comnie les arbres vouichent^^) et comme les
genilles^^) se froulent^-') eontre les ages^^) Tai^'')\ y plovigne^^) dejü?
Ne mouzi^^) pas, mais dcgroum/Ue-") toi!''
In korrektem Französisch würde diese Kode etwa lauten :
„Coiirs donc vers la foutaine et chasse (ramene) le taureau poiir
qu'il ne frauchisse pas la barriüre et qu'il n'aille pas fouler aux pieds
le carreau de pommes-de-terre. Puis tu te häteras d'aller niettre les
ustensiles a l'abri avant qu'il ne plcuve li vcrse, car nous aurons süre-
ment un orage: le temps a ctc incertain toute l'apres-midi et ces eclairs
sont des iudices significatifs. Vois donc, comme les arbres sont agites(?) et
comme les poules se blottissent eontre les haies. Tiens! Sont-ce dejä
les premieres gouttes ? Ne perds pas de temps ä reflechir, mais depecbe-
toi (demene-toi)!"
So stark weicht nun allerdings in Wirklichkeit die Sprache eines
Waadtländer Bauers nicht von derjenigen eines gebildeten Parisers ab:
die Rede des erstem ist hier absichtlich mitProvinzialismeu gespickt; aber
Tatsache bleibt nichtsdestoweniger, daß ein Welschschweizer und ein Fran-
zose oft Mühe haben, einander zu verstehen. Und doch ist in der Haupt-
sache auch die Sprache der Welschschweizer nichts anderes
als die Mundart, die in der Isle de France autochthon ist
und von dort aus in den übrigen Provinzen Frankreichs
1) chotta, siouta = abri eontre la pluie.
2) dean, devan =z devant, avant.
3) quir= qu^ü-^ rollhi = battre, vgl. rollha, s. f. = batterie, pluie d'orage.
4) = pour.
5) = sür.
6) Ellipse für „il y aura du mauvais temps", die mir sonst nicht be-
kannt ist.
7) barguegni = barguigner, hesiter.
8) vepra^ s. f. =: apr^s-midi, soiree, avant la veillee.
9) einlutzo, einliuzo = eclair.
10) marka = signe, indice (Tautologie!).
11) =: puis.
12) voi = voire, donc.
13) Vgl. vouistä = fouetter (S. 810).
14) djenelhe = poule.
15) se froulä (Mundart von Villeneuve) = se blottir eontre un objet.
16) adje =. haie vive.
17) Ausruf.
18) pllovigni =: pleuvoir par gouttes menues.
19) vgl. mousa etc. = penser, reflechir, auch = perdre du temps, nach dem
„Conteur vaudois".
20) Vgl. degremehlli := developper, dömeler un echeveau.
44*
692 G- Wißler
u nd in der franz. Schweiz zunächst als Schriftsprache, dann
als Volkssprac he Verbreitung fand. Auch innerhalb der beiden
Länder, von Provinz zu Provinz, von Kanton zu Kanton, von Stadt zu
Stadt weist das Französische größere oder geringere Unterschiede auf.
Ein Picarde oder ein Marseiller wird in Paris seiner- Sprache wegen
sofort auffallen. Einem geübten Beobachter gelingt es ziemlich leicht,
in einer Gesellschaft von welschen Eidgenossen aus den verschiedenen
Kantonen die Genfer, Neuenburger, Waadtländer etc. herauszufinden,
bloß auf Grund ihres Französisch; selbst in den Sitzungen der eid-
genössischen Räte fallen diese Besonderheiten auf. Auch wir Deutsch-
schweizer erkennen ja gleich bei den ersten Worten, ob es ein Berner,
Basler, Zürcher oder St. Galler ist, der im Ratssaal sein Votum abgibt.
Die sprachlichen Besonderheiten bieten häufig Anlaß zu Neckereien
zwischen französischen Schweizern verschiedener Herkunft. Jeder sucht
das Französisch des andern zu bemängeln und das seine als das
reinere, bessere hinzustellen. Besonders die Neuenburger sind stolz auf
ihren ^,accent''% der sogar den der Pariser an Reinheit übertrefi'en soll!
(Vgl. hierüber den Artikel „L'accent vaudois" von 0. Tourel im
„Conteur vaudois" (23. I. 1904).
Welches sind die hauptsächlichsten Merkmale dieser lokalen Abart
der Schriftsprache in der welschen Schweiz — des Volksfran-
zösischen, wie wir es kurz nennen wollen? Woher stammen die be-
sondern Ausdrucks formen, in denen es vom Literärfranzösischen abweicht
und wodurch wird deren Erhaltung bedingt? Über diese Fragen existiert
m. W. noch keine eingehende wissenschaftliche Abhandlung. Die über-
wiegende Mehrzahl der philologischen Arbeiten, auf romanischem wie
auf jedem andern Gebiete, beschäftigen sich ausschließlich entweder
mit der Schriftsprache oder mit den Mundarten. Für das Volksfran-
zösische dies- und jenseits des Jura — und für die Volkssprache über-
haupt — fällt nur hie und da eine Bemerkung ab. Und doch ist der
Gegenstand einigen Interesses wert, ist doch das Volksfranzösische
heute die Umgangssprache der Mehrzahl der Franzosen und
welschen Schweizer und diejenige Sprache, die berufen ist, einmal
überall, wenigstens eine Zeitlang, die Stelle der aussterbenden gallo-
romanischen Mundarten einzunehmen.
Daß das Volksfranzösische seine Besonderheiten zum größten Teil
den zugrunde liegenden Mundarten entlehnt hat, ist an und für sich
zu natürlich und geht mit zu großer Deutlichkeit aus einer noch so
oberflächlichen Vergleichuug der beiden Idiome hervor^), als daß nicht
schon Laien, die sich mit der Volkssprache beschäftigten, zu dieser
1) Vgl. z. B. die Eingangs angeführte Probe mit den entsprechenden
raiindartlichen Ausdrucksforraen.
Vorwort. 693
ErkläruDg gcgriffeu hätten, vgl. z.B. A. Cer^sole iu seinen „Seenes vau-
doises": Le parier vaudois. (I. Aufl. 1883). Von den Philologen hatm. W.
zuerst Gillieron (Patois de Vionnaz, 1880) nachdrücklich auf diesen
Zusammenhang hingewiesen. Eine zusammenfassende Darstellung der
Art und Weise dieses Einflusses und seiner Ursachen, wie sie die vor-
liegende Arbeit bieten möchte, hatte Gillieron schon damals für
wünschenswert erachtet; er selbst hatte schon damit begonnen, eine
Materialsammlung anzulegen, mußte aber dann, da diese über sein Er-
warten umfangreich wurde, die Ausführung seines Planes aufschieben;
die Arbeit wurde später leider nicht wieder in Angriff genommen. Auf
den Mangel einer solchen Arbeit wiesen wieder hin: Urtel in seiner
Dissertation über die „Neuchateller Patois" (1897) und Prof. Gauchat
in ,.Nos patois romands" (im Bulletin du Glossaire des Patois de la
Suisse romande, 1902) und neuerdings in seiner Kritik der „Methodo-
logie" von Dauzat^) in „Herrigs Archiv" 1908, S. 239ff. Dauzat
selbst bemerkt in dem erwähnten Werke, das Studium des provinziellen
Französisch sei für die Sprachforscher interessant; er empfiehlt diesen
aber, vorläufig nur Materialien dafür zu sammeln und die ganze Kraft
der Dialektforschung zu widmen. — Die vorstehenden Angaben genügen,
um anzudeuten, daß eine Arbeit über das Volksfranzösisch vielleicht
eines gewissen Interesses nicht entbehrt.
Nicht ganz unzeitgemäß ist sie wohl auch in anderer Hinsicht,
speziell für die französische Schweiz. Den äußeren Anlaß zur Ab-
fassung der vorliegenden Arbeit gab nämlich ein Streit zwischen hervor-
ragenden schweizerischen Schriftstellern und Schulmännern, der auch
in schweizerischen Zeitungen und Zeitschriften sein Echo fand und der
sich um die Frage drehte, ob und inwiefern die Vermeidung oder die
Beibehaltung provinzieller Sprachbesonderheiten, speziell provinzieller
Wörter, zu em])fehlen sei und wie sich die Schule dazu zu verhalten
habe. Daß zwischen kompetenten Personen über diese Fragen Meinungs-
verschiedenheiten bestehen, ist für die Schweiz nichts Neues. Vielleicht
ist hier der Ort, den Standpunkt der alten und neuen Puristen und
ihrer Gegner zu resümieren. — Bekannt ist die Abneigung J. J. Rous-
seau's gegen den Purismus; trotzdem bemüht er sich, in seinen Werken
nur reines Französisch zu schreiben und die Provinzialismen nur be-
wußt zu gebrauchen. Vgl. darüber A. Frangois: „Les provincialismes
de J. J. Rousseau" in den „Annales de la Soci6te J. J. Rousseau",
Jahrgang III, und namentlich die darin (S. 7) angeführte Stelle aus
einem Brief an den Neuenburger Du Peyrou (vom 12. IV. 1756):
,, . . . on ne parle et l'on n'6crit que pour se faire entendre." „ ..parlez
donc clairement pour quiconque entend le fran§ais. Voilä la r^gle, et soyez sür
1) Essai de Methodologie linguistique par Albert Dauzat; Farjg
(Champion) 1906.
694 ^- Wißler
que, fißsiez vous au surplns cinq cents barbarismes, voiis n'en auriez pasmoins
bien 6crit . . ."
Vor hundert Jahren, zur Zeit des vermehrten politischen Einflusses
der Franzosen in der Schweiz, begannen bei uns die ersten Puristen
mit der Veröffentlichung ihrer Schritten, mit welchen sie ihre welschen
Mitbürger den richtigen Gebrauch der französischen Sprache zu lehren
beabsichtigten'), so Develey in seinen „Observations sur le langage
du Pays de Vaud" (1. Aufl. 1808, 2. Aufl. 1824), Gaudy-leFort in
seinem „Glossaire genevois" (1. Aufl. 1820; 2. Aufl. 1827) undGuille-
bert in seinem „Le dialecte neuchatelois" (1825) und in seinem „Glos-
saire neuchatelois" (1. Aufl. 1829—32, 2. Aufl. 1858). Im Jahre 1828
veröff"entlichte A. Peter in La Neuvevllle (Kt. Bern) sein „Corrige de
la cacologie et de hi phras^ologie" . . .; davon die 2. Auflage 1841 als
,, Corrige de la Nouvelle cacologie ou dictionnaire des locutions vicieuses."
Diese ersten Sprachreiniger sind nicht extrem in ihren Forderungen:
Develey schreibt nur für die Gebildeten und verlangt nicht, daß
Wörter aufgegeben werden, „qui n'ont decidement point de synonymes
en fran^ais"; Guillebert stellt selbst eine Liste solcher Wörter auf
und Gaudy-le-Fort verlangt Sprachreinheit bloß in der Schrift und
im „discours soutenu", nicht in der „conversation familifere^'. Und doch
machte sich schon damals eine gewisse Opposition geltend, wie die
von Develey selbst (in der 2. Aufl.) in extenso augeführte „Lettre
adressee au redacteur du ,,Journal suisse" en septembre 1808, par
M. Louis Cassat" (S. 66ff.) und „Les plaintes de la Muse vaudoise'^
(en vers) von Dl. de Trey (S. 730".) beweisen. — Eine zweite Gene-
ration von Provinzialismensammlern beginnt mit Jean Humbert
(Nouveau glossaire genevois^), 1852). Es folgen Callet (Waadt), 1861;
1) Denselben Zweck hatschon hn Auge der GenferLehrerFr a n c o i sP o ul a in
de la Barre in seinem 1691 veröffentlichten: Essai de remarques particiiliöres
sur la langue frangoise de la Ville de Geneve", wohl dem frühesten Werke über
westschweizerische Provinzialismen. Er wendet sich ausschließlich an die Ge=
bildeten von Genf; diese Stadt liege inmitten einer Gegend „oü le patois est
fort grossier et fort cloigne de la langue frangoise". Schon er weist auf den
Nutzen hin, den die Kenntnis des reinen Französischen habe, mit Rücksicht auf
die ausländischen (englischen, dänischen, schwedischen, polnischen, deutschen)
Edelleute, die nach Genf kommen, um, unter anderem, französisch zu lernen.
Er führt weit mehr Fälle von unkorrekter Aussprache, von falscher Verwendung
eines Wortes etc. an als eigentliche Provinzialismen (wie carron, prin, ü. s. w.);
unter diesen gehören übrigens keine zur Kategorie der gefühlsbetonten Wörter. Vgl.
über das Buch E. Ritter in der „Tribüne de Geneve" vom 29. Sept. 1890 und
Zbinden in derselben Zeitung, 5. und 6. Okt. 1890.
2) Einige Ergänzungen dazu von E. Ritter siehe in „Glossaires et
lexicographes genevois" im 32. Jahrg. (S. 214 ff.) des Bulletin de ITnstitut national
genevois.
Vorwort. 695
G rangier (Freiburg), 1864— G8; BoDhüte(NeueDbiirg)1867. Humbert
hat sein Glossaire, das reichhaltigste, das wir besitzen, im Gegensatz
zu den übrigen, ohne pädagogische Nebenabsichten geschrieben; doch
versichern auchCallet, Grangier und Bonhote in iiiren ,,preface8",
sie hätten nicht die pedantische Absicht, sich zu Verbesscrcrn der
Sprache ihrer Mitbürger aufzuwerfeu, sondern sie möchten nur denen,
die es wünschen, insbesondere den jungen Lehrern, Gelegenheit
geben, ihre Kenntnis der Schriftsprache zu vervollständigen. — Zu
einer dritten Generation gehören W. Plud'hun mit seinem „Parlons
frangais" (1. Aufl. 1890) und Dupertuis mit seinen „Locutions vieieuses"
(1892)^), welche Bücher ganz auf die Schule zugeschnitten sind. Du-
pertuis ist weniger pedantisch und praktischer, als der Genfer Sozio-
logie-Professor Louis Wuarin, dessen unter dem Pseudonym Plud'hun
veröffentlichte Schrift Anlaß zu dem erwähnten Streit gegeben hat.
Wuarin ist das Haupt der zeitgenössischen Puristen in der welschen
Schweiz und legt im 14. Tausend seiner Broschüre (1905) seinen Stand-
punkt klar [Reponses ä quelques ,,pourquoi", S. HI u. IV, Preface
(S. 1—8), Faut il parier frangais, quelques mots aux „nationalistes"
romands. (S. 59—73)]. Nach ihm muß der Welsclischweizer absolut reines
Französisch sprechen, damit er vonjedermannverstandenwerde
und selbst jedermann verstehen könne. So sollte ein Landwirt
(cultivateur) ein in Frankreich geschriebenes Buch über Ackerbau ohne
Schwierigkeit lesen können (S. 1). Ein „fran^ais de chez nous" neben
einem „frangais de France" habe keinen Sinn (S. 8) : „tout ce qui peut
etre traduit eu paroles humaines est susceptible d'etre rendu en bon
frauQais (!) et ne ferait meme que perdre ä etre exprime en frangais
douteux" (S. 60). ,,Ce qui n'est pas possible, c'est apres avoir pris le
pli d'un frangais presque quelconque, de pouvoir ä un moment donne,
au Premier appel, retrouver sous sa main le fran^ais de bonne ecole."
(S. 70). Daher müssen die provinziellen Sprachgewohnheiten „qui ne
laissent pas d'offrir des cotes interessants pour les litterateurs et les
linguistes", ga'hz zu Gunsten der reinen Schriftsprache geopfert werden,
außer in einigen seltenen Ausnahmefällen (S. 1). So soll unsern Er-
zählern die Freiheit gewährleistet sein, gelegentlich dialektische Formen
zu benützen, „pourvu qu'il ne soit pas question de nous les imposer
comme faisant partie integrante du fran§ais". (S. 59). Plud'hun wirft
seinen Gegnern vor „ils decreteut leur incorporation d'office (des pro-
vincialismes) dans le frangais de France." (S. 66). [Daran hat doch
wohl niemand gedacht!] Die französische Sprache, meint er, nehme nur
solche Wörter auf, „qui ne s'eloignent pas trop, dans leur formation
1) Darüber R. Sachs im Literaturblatt für germamsche und romanische
Philologie 1905, Sp. 53.
696 CJ. Wißler
et leurphysionomie, de son genie propre''. So werde sich die Schriftsprache
mit einem Wort wie „luge" ganz gut abfinden können, nicht aber mit Aus-
drücken wie „s'encoubler", „poutzer", un „chemin ombre" etc. (S. IV). In
der Schule sollen seine Vorschriften („Dites" — „ne dites pas") stieug
befolgt werden. Unsere Schüler hätten ein Recht darauf, daß ihnen ein
reines Französisch beigebracht werde, damit sie selbst später, z. B. als
Lehrer, den ausländischen Konkurrenten gewachsen seien (S. 72).
Herr A. Bonnard, der in einer Rezension über den „Foyer romand
1905" Plud'hun gegen die Angriffe Ph. Godet's verteidigt (Gazette de
Lausanne vom 13. Dezember 1904), meint, ihre Größe und ihre Expan-
sionskraft verdanke die französische Sprache vor allem dem Umstand,
daß sie, im Gegensatz zu andern Sprachen, „est restöe une, intacte,
intelligible ä tous, gräce aux autorites qui en fixent les lois". „Devant
l'Academie je m'incline avec humilitö et gratitude.*' . . . „de tout notre
effort nous devons parier fran^ais, sauf quand, par des provincialismes
voulus et conscients, nous cherchons k fixer plus exactement les aspects
locaux."
In ähnlicher Weise antworten Prof. L. Nävi IIa von Genf und
J. Leco nitre auf eine.Umfrage der „Semaine litteraire" (11. II. 1905,
S. 69, 70) ').
Zu den heutigen Verteidigern des Provinzialimus gehört vor allen
Herr Ph. Godet, der in seinem Artikel „Parlons clair", im „Foyer
romand, etrennes litteraires pour 1905" (S. 251 ff.), gegen Plud'hun
polemisiert. „ . . . il n'y a qu'un usage que le genie de la langue
nous impose, c'cst de parier clair ..." „Pour le reste je me moque
bien de Tusage et des cercles qui donnent le bon ton 2)". — „Presque
tous scs preceptes (de Plud'hun) reviennent pratiquement ä enlever au
langage sa saveur et sa force". — „Avons-nous, oui ou non, le droit
de dcsigner par un terme special des choses qui nous sont parti-
culiöres?" —
Noch mehr Gewicht auf den ästhetisch-nationalen Charakter des
Provinzialismus legt Herr Ph. Monnier im Kapitel „Pour les vieux
mots" seiner „Causeries genevoises" (S. 153ff'.):
„ . . . termes du terroir, parier du pays, chferes expressions fleurant la
petite enfance, la cour du coWhge, la rue cordiale, les mceurs domestiques, le
cercle de famille aux l^vres ouveites sous la lampe, toutes les bonnes choaes,
toutes les saintes choses de la vie; trösor de saveur, provision loyale et solide
de franchise et de crudit6, quel peche d'ignoruinie avez-vous donc commis que
l'on doive vous honnir?" — „Et puis quoi, 6crire fraugais, parier frangais,
h6! le pouvons-nous . . .?" „Car au dessus de notre langue propre nous avons
1) Plud'hun zitiert auch mehrere beifällige Zuschriften auf S.U. seiner
Broschüre.
2) Ganz der Standpunkt J. J. Rousseau's, wie man sieht!
Vorwort. 697
une culture speciale, iine tradition h6rit6c, une cducation morale et mentale ä
nous, qui commande cette lan^aie et c'est cette äine localc et nationale qu'en
dernifere analyse il s'agirait d'abolir". — „Alors quoi? Ecrire genevois? Par-
faitement! Ecrire genevois, cc qui n'a jamais voulu dire Ecrire charabia ou
frangais federal". „Garder nos facultas naturelles, nos qualit6 natives, notre
äme du terroir avec nos expressions du cru". — „Rester de chez nous." —
In ähnlicher Weise urteilte schon A. Ccresole im Kapitel „Le
parier vaudois" seiner „Scenes vaudoises". Mit Ph, Godet einver-
standen erklären sich S. Cornut in „L'accent de chez nous" in der
„Tribüne de Lausanne" vom 26. VIII. 1906, und G. Vallette in
einer Rezension von „Parlons clair". („Semaine litt^raire", 26. XI. 1904).
Henry Besangon in „Le parier vaudois" (Gazette de Lausanne",
12. IV. 1906) bedauert die Einschleppung von Pariser Argotismen in
unsere Volkssprache. L. Dumur's Artikel im „Mercure de France"
[vgl. „Semaine litteraire" vom 9. XL 1907 (S. 536)] war mir nicht zu-
gänglich.
Mit der Aufzählung der wichtigsten Provinzialwörterbücher von
Develey bis Plud'hun habe ich auch die hauptsächlichsten Quellen
zur vorliegenden Arbeit genannt. Über die „Glossaires" wäre noch zu
bemerken, daß ihre Verfasser nicht durchaus selbständig arbeiten;
namentlich Bonhöte schreibt, wie er übrigens im Vorwort selbst zugibt,
einzelne Artikel aus Humbert's „Glossaire genevois" oft Wort für Wort
samt Definitionen und Beispielen ab. Ziemlich häufig begegnen wir in
den „Glossaires" Wörtern, welche nicht für unser Volksfranzösisch
charakteristisch sind, aus Frankreich eingeführten Argotwörtern, fami-
liären Ausdrücken und dergl. — Von den literarischen Quellen charak-
terisieren Cerösole, R. Morax, Vallotton, Monnet, Gorgibus
(Pseudonym für G. Pfeiffer) die waadtländische, Ph. Monnier
und M^^' Mussard die genferische und Courthion die wallisische
Volkssprache. Die meisten dieser Schriftsteller scheinen ihr Idiom mit
Sicherheit zu beherrschen. Nicht richtig informiert ist nur hie und da
Ceresole, wenn er ganz seltene Wörter verwendet, z. B. wenn er
schreibt „agafer un grafion de cerises" (Scenes vaud. S. 271), offen-
bar im Sinne von ein Büschel Kirschen herunterholen; grafion
(V, Dupertuis. loc. vic), grefion (F), greifion (G), griffion (N),
greßon^ grafion (Bridel) bedeutet aber nach übereinstimmendem Zeugnis
der Glossaires: bigarreau, d. i. Herzkirsche (eine Kirschensorte). Cere-
sole verwendet calluger (Scenes vaud., S. 280) im Sinne von „lug er",
glisser, während es heißt „zur Seite rutschen, von einem Lastwagen
gesagt, der oder dessen Hinterräder bei glattem, schlüpfrigem Fahr-
damm nicht der vom Fuhrmann gewollten Richtung nach vorn folgt",
(nach E. Hausknecht: „luge" in Zeitschrift für franz. Sprache und
Literatur XXXI, S. 294 ff.). — Leider beruht meine Kenntnis der Volks-
698 6. Wißler
Sprache nur zum g-erlügsten Teil auf eigener Beobachtung, da ich nicht
in einem geeigneten Milieu lebe. Ich suchte mir aber durch kürzere
Aufenthalte in Sitten, Neuenburg, Auvernier, Lausanne,
Epesses und Bulle und durch Befragen von Personen aus ver-
schiedenen Gesellschaftsschichten, von den tatsächlichen Verhältnissen
ein gewisses Bild zu machen^). — Da mir über die Volkssprache
des Bern er Jura (mit Ausnahme mündlicher und schriftlicher Mit-
teilungen aus dem unter neueuburgischem Einfluß stehenden St. Imier
und der in Neuenstadt entstandenen „Cacologie" von Peter, die wenig
Eigenes bietet) — kein Material zu Gebote stand und dieser Landesteil
schon wegen seiner nicht frankoprovenzalischen Mundart eine eigene
Stellung einnimmt, so habe ich dessen Volkssprache nur ganz aus-
nahmsweise berücksichtigt.
Wie bereits angedeutet, fehlte es mir fast ganz an wissenschaft-
lichen Vorarbeiten. Außer den erwähnten Bemerkungen bei Gillieron
(Vionnaz) und dem durchaus dilettantischen Kapitel über „Le parier
vaudois" in Ceresole's „Scenes vaudoises" erwähne ich noch den
allzu kurzen Abschnitt über das Volksfranzösische in der Schweiz
von Prof. L. Gauchat im „Geographischen Lexikon der Schweiz"
(Bd. V, S. 79).
Provinzialismen aus dem Waadtland stellte schon Barbieux zu-
sammen (Herrigs Archiv für das^Stud. der neueren Sp. u. Litt.. Jahrg.
1847 (III), S. 340), begleitet von einigen Bemerkuogen über die Be-
sonderheiten des Landes und seiner Kultur. — „Die Aussprache des
Französischen in Genf und in Frankreich" bespricht Koschwitz im
VIL Supplementheft zur Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur
(1892); doch war für mich aus dieser Arbeit nicht viel zu gewinnen,
da der Verfasser nur auf die besondere Aussprache einzelner in
Plud'hun's „Parlons fran^ais" erwähnter Wörter eingeht und am Schlüsse
bemerkt: „Noch bleibt die Frage, ob nicht dem Verfasser (nämlich
Plud'hun) andere wichtige Dinge entgangen sind, ob nicht ganze orga-
nische Lautgesetze existieren, die dem Genferischen eine Sonderstellung
geben". Koschwitz versprach, auf diese Frage wieder zurückzukommen.
Schade, daß er es nicht getan hat! — Nach einer Mitteilung von Prof.
Jeanjaquet soll sich endlich die Verfasserin einer Wiener Disser-
tation, die leider nicht publiziert wird, mit der Sprache in den Werken
des waadtländischen Schriftstellers Vallotton beschäftigt haben.
Das Hauptgewicht der vorliegenden Arbeit liegt in ihrem lexiko-
logischen Teile und in der Untersuchung der Gründe, welche die teil-
1) Doch war es mir nicht möglich, über die Vitalität jeder einzelnen
provinziellen Ausdrucksform genauen Aufschluß zu erhalten. Es ist also möglich
daß in dieser Arbeit zu oft seltene und fast ausgestorbene Provinzialismen als
Beispiele angeführt werden.
Bibliographie. 699
weise Beibehaltung des mundartlichen Wortschatzes in der Volkssprache
bewirkt haben. Es ist nicht zu erwarten, daß dabei der Wissenschaft
bisher unbekannte Momente des Sprachlebens zutage gefördert werden.
Ich darf meine Aufgabe als gelöst betrachten, wenn es mir gelingt, an
einem bestimmten Sprachstoff die Wirkungen von Kräften nachzuweisen
die bereits durch die Arbeiten hervorragender Gelehrter klargelegt
wurden. — So verdanke ich viele wichtige Anregungen namentlich dem
wissenschaftlichen Unterricht und den Werken^) der beiden Männer,
die nacheinander den Lehrstuhl für romanische Philologie an der
Universität Bern inue hatten: der Herren Prof. L. Gauchat und Prof.
K. Jaberg. Nicht nur hierfür, sondern auch für die vielen trefflichen
Ratschläge, mit denen sie mich bei der Abfassung dieser Arbeit unter-
stützten, und für die Liebenswürdigkeit, mit der sie mir ihre Zeit, ihr
Wissen und ihre Materialsammiungen zur Verfügung stellten, möchte
ich den beiden Herren, meinen Lehrern, meinen tie fgefühlten Dank
aussprechen. Auch alle übrigen Personen, welche in zuvorkommender
Weise, durch mündliche und schriftliche Mitteilungen über die Volks-
sprache oder die Mundarten, mir die Arbeit erleichtert haben, seien
hier meiner dankbaren Gesinnung versichert, so vor allen meine Stu-
dieukameraden und Freunde Dr. F. Fankhauser, Gymnasiallehrer, W.
Hirschy, lic. es lettres, J. Eos sei, Fürsprech und Gerichtsschreiber
in Bern, ferner die Familie E. Monnard und meine übrigen Verwandten
in Neuenburg und Murten, die Familien Körber-Cherix in Bulle,
Bergier, S. Dentan, E. Blaue und Guibert in Lausanne, C.
Fonjallaz in Epesses, A. Kibordy, Rouiller und AUette in
S itten.
BibHographie.
I. Allgemeines.
Außer den allgemein bekannten Handbüchern benutzte ich folgende
Werke 2):
Coolidge W. A. B.: Josias Simler et les origines de ralpinisrae ; Gre-
noble 1904.
Encyclop6die: Recueil de plan dies sur les sciences et les arts; Paris
1762 ff.
1) Ich verweise noch ganz speziell auf: L. Gauchat: „Warum verändert
sich die Sprache?", in der „Zeitschrift für Wissen und Leben", Zürich 1908;
(S. 57, 75, 115 ff.) und K. Jaberg: „Wie die Wörter untergehen", Antrittsvor-
lesung (19. I. 07), abgedruckt im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung.
2) Der gesperrt gedruckte Teil der angeführten Büchertitel wird in dieser
Arbeit als Abkürzung verwendet.
700 G. Wißler
Erdmann K.: Vorstellungswert und Gefühlswert der Wörter; in der Beilage
zur Allgemeinen Zeitung; München 1906, Nr. 222, 223.
Geographisches Lexicon der Schweiz; Neuenburg (Attinger) 1902 ff.
Idiotikon, Schweizerisches, Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache ; Frauen-
feld 1881 ff.
Jaberg,K.: Wie dieWörter untergehen; Antrittsvorlesung, Zürich 19.1.07.
Separatabdruck aus der Neuen Zürcher Zeitung.
de Saussure, H. B.: Voyages dansles Alpes; I.Neuchätell779, II. Genfeve 1786,
III., IV. Neuchätel 1796.
II. Lexikologische Arbeiten.
Gignoux, L.: La terminologie du vigneron dans les patois de la Suisse
romande; thfese Zürich; Halle sur Saale (E. Karras) 1902.
Luchsinger, Chr.: Das Molkereigerät in dcu romanischen Alpendialekten
der Schweiz; Diss. Zürich; Zürich (Juchli und Beck) 1905,
Streng, W. 0.: Haus und Hof im Französischen; Helsingfors 1907.
Tappolet, E.: Die romanischen Verwandtschaftsnamen, Dissert. Zürich,
Straßburg 1895.
Zaun er, A.: Die romanischen Namen der Körperteile; Erlangen (Junge)
1903.
III. Mundarten.
1. Gedruckte Quellen:
Baudouin, A.: Glossaire dupatois de laforet de Clairvaux; Troyes, 1886.
Bridel: Glossaire du patois de la Suisse romande; in M6moires et docunients
publies par la Soci6t6 d'histoire de la Suisse romande, tome XXL; Lau-
sanne (G. Bridel) 1866.
Bulletin du Glossaire des patois de la Suisse romande; Zürich (Zürcher und
Furrer) 1902, Lausanne (G. Bridel) 1903 ff.
Byland, A.: Das Patois der „Mölanges vaudois" von Louis Favrat; Dias. Zürich;
Berlin (Gronau) 1902.
Constantin, A. etD6sormaux, J. : Dictionnaire savoyard^); Paris et Annecy
1902. (Abkürzung: Di ct. sav.).
Constantin, A. et Gave: Flore savoisienne; Supplement de la Revue
savoisienne 1903, Nr. 3 et suiv.
Gauchat, L. : Le patois de Dompierre; th&se Zürich; Halle sur Saale (E.
Karras) 1891.
Gilli6ron, J.: Patois de la commune de Vlonnaz; in der Biblioth^que de
l'Ecole des Hautes Etudes (quarantifeme fascicule); Paris (Vieweg) 1880.
Gilliferon, J. et Edmont E. : Atlas linguistique de la France; Paris (Cham-
pion) 1902 ff. (Abkürzung: Atl. ling.).
Häfclin, Fr.: Die Neuenburger Mundarten; in „Die romanischen Mundarten
der Südwestschweiz" (Abdruck aus der Zeitschrift für vergleichende Sprach-
forschung); Berlin (Düramler) 1874.
Häfclin, Fr.: Etüde sur le vocalisme des patois romans du canton de Fri-
bourg; Diss. Strasbourg; Leipzig (Teubner) 1876.
1) Hauptquelle für die bei Bridel häufig fehlenden mundartlichen Formen
der Genfer Provinzialismen.
Bibliographie. 701
Jaberg, K.: Über die assoziativen Erscheinungen in der Vcrbalflexion
einer südostfranzösischen Dialektgruppe-, Aarau (Sauerländer) 1906.
de Lavallaz, L.: Essai sur le patois d'Höremence; th&se, Lausanne; Paris
(Welter) 1899.
Mistral: Lou tresor dou f61ibrige ou dictionnaire proven^al-frangais; Avignon,
Paris.
Odin, A. : Phonologie des patois du canton de Vaud; Halle sur Saale (Nie-
meyer) 1886.
Piat: Dictionnaire fran9ais-occitanien; Montpellier 1894.
Puitspelu, N. du: Dictionnaire ötymologique du patois lyonnais; Lyon 1887 ff.
Rousselot, l'abbß: „Les raodifications phonetiques du langage", in Revue des
patois gallo-romans (IV, V et Supplement), Paris (Welter) 1893.
Roussey, Gh.: Glossaire du parier de Bournois; Paris 1894.
Savoy, Hubert P. C: Essai de Flore roniande; Fribourg (Frugniere) 1900.
Tappolet, E.: Über den Stand der Mundarten in der deutschen und franzö-
sischen Schweiz; in „Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Sprache
in Zürich", Heft VI; Zürich (Zürcher und Furrer) 1901.
ürtel, H.: Beiträge zur Kenntnis des Neuchateller Patois, I. Vignoble und
B6roche; Diss. Heidelberg; Darmstadt 1897.
2. Handschriftliche Quellen:
Im Bureau du Glossaire des Patois de la Suisse romande, auf
Zetteln :
Barman: Glossaire valaisan.
Conteur vaudois: Auszüge aus den Dialektstücken.
Dumur: Patois vaudois.
Dur et: Patois genevois.
Gauchat, L.: Patois fribourgeois.
— Patois de la Montagne neuchäteloise.
— Patois du Val de Ruz^).
Jeanjaquet: Patois d'Hermance (Geu^ve).
Dialektformen aus Leysin und L'Etivaz (Waadt) verdanke ich
Herrn Prof. Jab er g, solche aus Val d'Illiez und ausEstavannens
(Gruyere) Herrn Dr. F. Fankhauser.
IV. Volkssprache.
1. Schriften über die Volkssprache, Glossare etc.
Beauquier: Vocabulaire etymologique des provincialismes du Departe-
ment du Doubs; extrait des ,,M6moires de la Society d'emulation du
Doubs", 1876.
Bonhote, J-H.: Glossaire neuchätelois; Neuchätel (Wolfrath) 1867
(Abkürzung: N).
Callet, P. M. : Glossaire vaudois; Lausanne (Bride!) 1862 (Abkürzung: V).
Cunisset-Carnot: Vocables dijonnais 1889.
1) Die bei Bride! häufig fehlenden Dialektformen für Neueuburger Pro-
vinzialismen wurden meist aus dieser Sammlung ergänzt.
702 Cr. Wißler
Develey, E.t Observations sur le langage du Pays deVaud; seconde Edition;
Lausanne (Lacoiube) 1824.
Dupertuis, F.: Recueil des locutions vicieuses les plus usitees dans le
canton de Vaud, Lausanne (Payot) 1892. (Abkürzung: Dupertuis:
Loc. vic).
Frangois, A.: Les provincialismes suisses-romands et savoyards de J. J.
Rousseau; in Anuales de la Societe Jean- Jacques Rousseau, tome III;
[Gaudy-le Fort]: Glossaire genevois, deuxi^me Edition; Gen^ve, 1827.
Godet, Ph.: Parlons clair; in „Foyer romand, etrennes littöraires pour 1905";
Lausanne (Payot).
Gran gier, L., Glossaire fribourgeois, suivi d'un Supplement; Fribourg (Fra-
gni^re) 1864—68. (Abkürzung: F).
G[uillebert], Alph.: Glossaire neuchätelois ou fautee de langage corri-
g6es, seconde 6dition; Neuchätel (Gerster), 1858.
Humbert, Jean: Nouveau Glossair e genevois, tome I et II; (Jullien frferes)
Gen^ve 1852. (Abkürzung: G).
Koschwitz, E. Zur Aussprache des Französischen in Genf und in Frankreich;
in Supplementheft VII der Zeitschrift für franz. Sprache und Litt.; 1892.
Pöter, A.: Corrige de la nouvelle Cacologie . , . ou dictiounaire des locutions
vicieuses, seconde Edition; Neuveville 1842.
Pierrehumbert, W.: Le parier de chez nous, recueil de termes locaux pro-
pres ä la Suisse romande et particuliferement au canton de Neuchätel;
Verkürzte handschriftliche Kopie davon, nach dem Ms. im Bureau du
Glossaire des patois de la Suisse romande.
Plud'hun, W.: Parlons fran§ais, quelques remarques sur la langue et la pronon-
ciation, quatorziöme mille; Gen^ve (Pasche) 1905.
Bemerkung: Befindet sich ein Wort in G, V, N, so sind Gaudy-le Fort
und Plud'hun, bezw. Develey und Dupertuis, bezw. Guillebert und Pierrehumbert
nur ausnahmsweise zitiert.
2. Mündliche Quellen.
Es ist jeweilen nur der Ortsname angegeben:
Auvernier.
Bulle.
Chaux-de-Fonds.
Epesses.
Lausanne, in drei Familien.
Neuenburg.
Pruntrut.
Sitten (Abkürzung dafür W).
St. Imier.
Die Provinzialismen aus St.-Imier und Porrentruy verdanke ich der
Güte zweier Studienkameraden.
3. Literarische Quellen.
C6r6sole, Alfred: En cassant les noix; Lausanne (Payot) 1896.
— Seines vaudoises, 5™« mille; Lausanne (Payot) 1892.
Courthion: Scönes valaisannes; Lausanne 1900.
Bibliographie. 703
Gorgibus: Cabotzet ii l'Esposition; (ien^ve (Eggimann) 1897.
— Les cufes de T;iute Julio; Geneve (Eggimann) [1897].
— Fr6d6ri,Fanchette, BocanctetCie., vaudoiseries-, Geneve (Eggimann) 1896.
La „Maitre phon6tique", avril 1905, S. 62: A. de Ilaller: „Specimen de
frangais vaudois",
Monnct, L. : Favey et Grogniiz ; Lausanne (Vincent) 1887.
Monnier, Philippe: Causerics genevoises; Geneve (A. Jullien) 1902.
— LelivredeBlaise; Gen^vo (A. Jullien) 1904.
Morax, ßen6: La dime; Lausanne (Payot) 1903.
— Sacädouilles; Lausanne (Payot) 1904.
Mussard, Mi^e Joanne: Petit Jean, le messager genevois; Geneve 1864.
Vallotton, Benjamin: Portes entr'ouvertes; Lausanne (F. Rouge) 1904.
— Monsieur Potterat se marie . . .; Lausanne (F. Rouge) 1906.
— Le sergent Bataillard, deuxi^me mille; Lausanne (F. Rouge) 1907.
4. Anhang.
Über Pariser Are:otismen:
Rigaud, L. : Dictionnaire d'argot moderne; Paris (Ollendorff) 1881.
Vi Hatte, C: Parisismen; 5. Auflage; Berlin (Langenscheidt) 1899.
Abkürzungen.
Außer den bereits in der Bibliographie zitierten und den allgemein
üblichen (frz. = französisch, schwd. = Schweizerdeutsch etc.) sind keine
besonderen Abkürzungen angewendet worden.
Transkription der Laute.
Die in meinen Quellen (z. B. bei Bridel und im Dictionnaire sa-
voyard) in gewöhnlicher Orthographie wiedergegebenen mundartlichen
Lautformen zitiere ich unverändert und füge nur wenn nötig die phone-
tische Transkription bei. Formen, die ich in meinen Quellen schon
nach irgend einem System transkribiert fand, habe ich dem von mir
angenommenen System angepaßt, welches in der Hauptsache mit dem
von L. Gauchat in „Le patois de Dompierre" angewendeten überein-
stimmt :
a e i 0 u ü ce sind geschlossene Vokale.
a e i o u ü ce sind offene Vokale.
t, C ( I. l I
ä Laut zwischen « und e.
d = das unbetonte schlaff artikulierte « (sog. „e muet").
a e 0 ce = die Nasalvokale (vgl. S. 26).
iy n = mouilliertes 1, n.
A ist der von Jaberg: Assoziative Erscheinungen S. XIII be-
schriebene zwischen / und 1 liegende stimmlose Reibelaut (dort mit
^ transkribiert).
X stimmloser postpalataler Reibelaut (der deutsche ich-Laut).
X stimmloser velarer Reibelaut (der deutsche ach-Laut).
704 G. Wißler
& stimmloser interdentaler Reibelaut (stimmloses englisches th).
6 stimmhafter interdentaler Reibelaut (stimmhaftes englisches th).
z stimmhafter, s stimmloser postdentaler Reibelaut.
z „ s „ präpalataler „
y lü w Halbvokale (stimmhafte Spiranten:
i II ü entsprechend).
1] der velare Nasallaut, (wie ng in deutsch „singen"), vgl. Gauchat:
Dompierre S. 3 und Jaberg: Assoziative Erscheinungen, S. XI.
Bemerkung; Wörter der Schrift- und Volkssprache werden in
gewöhnlicher Druckschrift, Dialektwörter kursiv gedruckt.
Einleitung.
A. Mundart und Schriftsprache in der Schweiz.
Wie in den deutsch-schweizerischen Kantonen der alemannische
Dialekt, so ist in der französischen Schweiz die frankoprovenza-
lische Mundart die autochthoue Sprache. Eine Ausnahme macht der
Beruer Jura, dessen Dialekt der ostfrauzösischen Dialektgruppe an-
gehört.
Während das Schweizerdeutsch als Umgangssprache überall noch
sehr lebendig ist und noch in Rats- und Gerichtsverhandlungen und
zum Teil im Heer und in der Schule verwendet wird, sind unsere
welschen Patois zum Teil ausgestorben, zum Teil im Aussterben be-
griffen. Überall werden sie von der französischen Schriftsprache zurück-
gedrängt. Nur in einigen Tälern der Kantone Wallis und Freiburg und
im katholischen Teil des Berner Jura können sie sich noch als Sprache
des Volkes behaupten.
Über den heutigen Stand der Dialekte in der Schweiz und ihr
Verhältnis zu den beiden Schriftsprachen geben Auskunft:
Prof. E. Tappole t: „Über den Stand der Mundarten in der
deutschen und französischen Schweiz" (Zürich, lüOl).
Prof. L. Gauehat: „Nos patois romauds" im „Bulletin du Glos-
saire" 1902, S. 3—24.
Derselbe in „Langue et Patois de la Suisse romande" im „Diction-
naire geographique de la Suisse", Neuchätel (Attinger) 1907.
Diesen Schriften entnehme ich nur kurz folgende Angaben:
Im Gegensatz zum Alemannischen, das mehr oder weniger mit
hochdeutschen Formen .untermischt in der deutschen Schweiz bis zur
Reformation als Schrift- und Kanzleisprache diente, sind die welschen
Mundarten nur ausnahmsweise in der Schrift verwendet worden. Es
Das schweizerisclie VolksfranzÖsisch 705
sind uns aus dem 17. und 18. Jahrhundert nur einige Volkslieder
überliefert. — Schon seit dem XIll. Jahrh. werden die Urkunden in
der französischen Schweiz, wenn nicht in lateinischer Sprache, in
einem Französisch abgefaßt, das sich demjenigen der Isle de France
nähert^).
In den größeren Städten, Genf, Lausanne^ Neuenburg, war um die
Wende des 18. Jahrhunderts der Übergang von der Mundart zur Schrift-
sprache vollzogen. Die kleinem Städte und ein Teil der Landbe-
völkerung sind erst im Verlaufe des letzten Jahrhunderts zum Fran-
zösischen übergegangen. Die Ausbreitung der Schriftsprache ging immer
von den größeren, verkehrsreicheren Zentren-) aus und begann in der
Weise, daß sich die dialektsprechende Bevölkerung die Schriftsprache
zunächst als zweite Sprache neben der Mundart aneignete. Den Haupt-
anstoß hiezu gab vor allem die Notwendigkeit, die Schriftsprache im
Verkehr mit auswärts gebrauchen zu müssen, um im wirtschaftlichen
Konkurrenzkampf bestehen zu können. So wurde in den Bürgerschulen
der Städte, besonders seit der Reformation, die Schriftsprache gelehrt.
Die zunehmende Bildung der Bürger, die engen Beziehungen mit Frank-
reich, die Einwanderung dortiger Protestanten, der wachsende Verkehr
überhaupt; und dazu der willkürliche Einfluß von Kirche und Schule,
brachten es dahin, daß die ererbte Sprache nach und nach zugunsten der
neuen, importierten aufgegeben wurde. Die Bewegung nahm und nimmt
in den Dialektgebieten noch heute ihren Anfang in den gebildeteren,
vornehmeren, „besseren" Kreisen, die sich auch durch die Sprache vom
„gemeinen Volke" unterscheiden wollen. Von ihnen lernen dann die
Übrigen Bürger, bald früher, bald später, je nach ihrer sozialen Stellung,
die heimische Mundart verachten; auch sie wenden sich nach und
nach der Schriftsprache zu. Die Ersetzung der alten Umgangssprache
durch die neue erfolgte früher viel langsamer als heutzutage. Die
größeren Städte waren jahrhundertelang mehr oder weniger zwei-
sprachig, die kleineren Städte und die Dorfgemeinden nur während
weniger Jahrzehnte. — In den letzten 30—40 Jahren ist der direkte
oder indirekte Einfluß der Schule zu Gunsten der Schriftsprache ganz
besonders gewachsen: Nicht nur, daß alle jungen Schweizer in der
1) Über die Mischsprache iu Urkunden aus dem XV. Jahrhundert vgl.:
J. Jeanjaquet: Uu document inedit du fran^ais dialectal de Fribourg au XVe
si^cle in der Festschrift Morf ,,Aus romanischen Sprachen und Literaturen";
Halle 1905.
2) Deren Sprache konnte daher nicht ohne Einfluß auf die umgebende
Landschaft bleiben, wie nach Dauzat (Methodologie, S. 190) das Französisch
von Clermont-Ferrand als „le frangais-type" für die ganze Auvergne angesehen
wurde. Für die Schweiz wäre die Beeinflussung der Volkssprache durch die
regionalen Zentren noch genauer zu untersuchen, vgl. übrigens S. 720 und S. 753.
Bomanisohe Forschangen XXVII. 45
70G G. Wißler
Volksschule die Schriftsprache erlernen müssen '), in den französischen
Kantonen verbieten die Schulbehörden den Schülern den Gebrauch der
Mundart innerhalb und oft sogar auch außerhalb der Schule^). Um den
Kindern das Erlernen der Schriftsprache zu erleichtern^ hören dann die
Eltern auf, mit ihnen in der Mundart zu verkehren, wenn sie dieselbe auch
unter sich und mit ihren Altersgenossen verwenden 3). So verläßt eine
Familie, eine Gemeinde nach der andern den Weg-, den die Ahnen in Jahr-
hunderte langer Entwickluug vorgezeichnet und festgelegt haben, und
schwenkt in eine breitere, ebenere Straße ein, welche ein anderes,
fremdes Volk für sich gebaut hat.
Wir wissen, daß unser Volk einen Teil der alten Traditionen auf
den neuen Weg mitnimmt (vgl. Vorwort, S. 692) und werden versuchen,
dies im Einzelnen nachzuweisen und zugleich die allgemeinen und be-
sonderen Gründe zu dieser Erscheinung klarzulegen.
B. Erscheinungen bei gegenseitiger Einwirkung zweier Idiome.
Die Tatsache, daß die frankoproveuzalischen Mundarten die iu ihr
Gebiet eingeführte Schriftsprache verändert, umgeformt haben, ist in
ihrer Art nicht isoliert, sondern gehört zur Gesamtheit jener sprach-
lichen Erscheinungen, die regelmäßig auftreten, wenn jemand zu seiner
Muttersprache noch eine neue Sprache hinzulernt oder wenn zwei
Sprachen — insbesondere zwei verwandte Sprachen — in einem und
demselben Individuum gegenseitig auf einander einwirken:
1. Wer eine fremde Sprache erlernt, neigt mehr oder weniger un-
bewußt dahin, Ausdrucksformen seiner Muttersprache, für welche die
fremde nichts Entsprechendes bietet oder deren Entsprechungen ihm
unbekannt oder nicht gegenwärtig sind, aus jener zu entlehnen. Diese
Entlehnungen betreffen hauptsächlich den Wortschatz und finden
um so leichter statt, je näher die beiden Sprachen einander verwandt
sind, d. h, je häufiger in beiden Sprachen derselbe etymologische Typus
in verschiedener Lautform und mit derselben Bedeutung vorkommt.
1) Seit 1874 ist der Besuch der Primarschule für alle Kinder obligatorisch.
2) Das führt oft zu eigenartigen Erscheinungen. So lernen die Kinder
der Bauern in der Umgebung von Romont ihre Mundart erst, nachdem sie aus
der Schule entlassen sind. Sie werden von den Älteren so lange geneckt, bis
sie dieselbe geläufig sprechen. Die gleiche Beobachtung machte Dauzat in
der Auvergne.
3) In der Regel versteht, nach Prof. Gaue hat (Bulletin I, 38) und nach
eigener Beobachtung, die Generation, welcher die Mundart nicht mehr gelehrt
wird, die Sprache ihrer Eltern noch einigermaßen, ohne sich selbst deren zu be-
dienen. Der folgenden Generation aber ist die Mundart ganz fremd und die
altern Leute brauchen sie ihr gegenüber als Geheimsprache.
Daa schweizerische Volksfranzösisch 707
Ein Itiiliener wird viel leichter „staccare" [*„estaqucr"], als ein Deutscher
das Wort „trennen" ins Französische herübernehnien.
2. Im Gedächtnis des Anfängers assoziieren sich die Ausdrucksformen
der neuen Sprache mehr oder weniger eng mit ähnlichen und ent-
sprechenden seiner Muttersprache, so daß er sie oft nicht auseinander-
hält oder sich über die Unterschiede zwischen ihnen keine genaue
Rechenschaft gibt. Infolge dieses Mangels an Sprachbewußtsein in der
fremden Sprache reproduziert der Anfänger häufig unbewußt Ausdrucks-
formen seiner eigenen Sprache, wenn er sich in der fremden ausdrücken
will. Um derartige Vorgänge handelt es sich, wenn z. B. der Deutsche
das französische z, das in seiner Sprache nicht vorkommt, im Fran-
zösischen durch s, ersetzt: sur für jour, ras für rage, oder wenn
er die offene Aussprache des kurzen u-Lautes in geschlossener
Silbe (vor langer oder doppelter Konsonanz) auf das Italienische über-
trägt: punfo für punto, nijla für nulla, gemäß dem deutschen rutschen,
Butteretc. (Lautsubstitution). Aus der Morphologie gehören hierher
Bildungen wie "tossare (statt ital. tossire) imMuude einesFranzosen(Kon-
jugationswechsel), lepaire (statt frz. lapaire) im Munde eines Italieners
(Substitution des Genus); aus der Wortbildung: femminino (statt
ital. femminile) im Munde eines Franzosen (Suffixsubstitution); aus
der Lexikologie: Bedeutungs Übertragungen, wie der Gebrauch
von ital. fermare, villa, lordo im Sinne von franz. fermer, ville, lourd.
3. Selbst wenn im allgemeinen zwei ähnliche Ausdrucksformen der
beiden Sprachen unterschieden werden, so kann es vorkommen, daß
sich dieselben, bei geringer Aufmerksamkeit, infolge der engen Asso-
ziation, momentan im Bewußtsein des Sprechenden kreuzen und daß er so
kontaminierte Formen hervorbringt. Durch solche Kontaminationen
wird am häufigsten die lautliche Gestalt der fremden Wörter verändert.
Durch die Identität oder die Ähnlichkeit des Bedeutungsgehaltes sind
ähnliche Wörter enger miteinander assoziiert als andere sprachliche
Ausdrucksformen. So können z. B. im Munde eines Franzosen jaloux
und geloso zu einem *dzaloso, ouvrir und aprire zu einem *üprire oder
*avrire verschmelzen. Die Bildung solcher Kontaminationen hängt stark
von der momentanen psychologischen Disposition des Sprechenden ab.
4. Wie die Sprache des Kindes, so ist auch die des unerfahrenen
Anfängers häufig falschen Analogiebildungen unterworfen, dies um
so mehr als seine eigene Sprache oft zu solchen Bildungen das
Beispiel gibt. Aus der Morphologie : Wenn der Franzose im Italienischen
ein *sospenduto bildet, so folgt er ebenso sehr der Analogie des Fran-
zösischen suspendre: suspendu, wie der des italienischen vendere: ven-
duto. — Aus der Wortbildung: Nach dem Muster der zahlreichen Ad-
jektiva auf -ato (dorato etc.) und dem des frz. „pourpre" bildet der
Franzose leicht ein *porporato (statt ital. porporino oder purpureo).
45*
708 G- Wißler
5. Besteht in der zu erlernenden Sprache in beziig- auf irgend eine
Ausdrucksform (die weder durch die entsprechende Ausdrucksform der
eigenen Sprache ersetzt noch irgendwie beeinflußt werden kann) keine feste
Gewohnheit (keine allgemein gültige Regel), so daß auch innerhalb der
fremden Sprache bestimmte eindeutige analogische Einflüsse nicht statt-
finden; so ruft dies im Anfänger Unsicherheit und Schwanken hervor und
verleitet ihn zu Mi ßgri ffen aller Art. Die jedesmalige Gestalt der betr.
sprachlichen Ausdrucksform ist auch hier stark von den momentanen Um-
ständen abhängig. Wie häufig sind z. B. bei den Fremden die Fehler
in der Bildung der Formen der inchoativen und nicht inchoativen Verba
auf -ir bezw. -Ire im Französischen und Italienischen.
6. Die Lautformen eines und desselben etymologischen Worttypus
in Mutter- und Fremdsprache werden, da sie rhythmisch und
phonetisch ähnlich gebaut und bedeutungsverwandt sind, zu einander
in enge Beziehung gesetzt, als einander „entsprechend" empfunden.
Ein Entsprechungsbewußtsein zwischen je zwei — gleichen,
ähnlichen oder verschiedenen — Lauten der beiden Sprachen kommt
zustande, wenn in einer Reihe von einander entsprechenden Wörtern
der eine I^aut jeweilen den andern vertritt. Je zahlreicher die
Fälle, in denen eine derartige Entsprechung stattfindet, und je
seltener die Ausnahmen, desto leichter entsteht das Entsprechungs-
bewußtsein. Außerdem scheint die Entstehung eines solchen durch die
Ähnlichkeit der einander entsprechenden Laute erleichtert zu werden.
In gleicher Weise und unter denselben Bedingungen können auch
je zwei Lautgruppen, Silben, Endungen, Affixe als einander entsprechend
gefühlt werden. Das Entsprechungsbewußtsein ersetzt häufig beim Unge-
übten das eigentliche Sprachbewußtsein und erleichtert den Gebrauch einer
fremden verwandten Sprache insow^eit, als viele Wörter unter Anwen-
dung der Entsprechungsregeln aus der Form der Muttersprache in die
der Fremdsprache übergeführt werden können. Die Entsprechungs-
regeln werden mehr instinktiv als bewußt angewendet. Sie kommen
auch dann zur Geltung, wenn die der einen Sprache entlehnten Wörter
dem allgemeinen lautlichen und formellen Habitus der andern ange-
paßt werden sollen'). Beispiel aus der Phonetik: Durch die Vergleichung
von flamme: fiamnia, gonfler: gonfiare etc. entsteht das Entsprechuugs-
bewußtsein: frz. fl = ital. fy; demgemäß wird das frz.Flandre zuFiandra
italianisiert; aus der Morphologie: der ital. Endung -are im Infinitiv
entspricht die frz. -er (-e) in mangiare: munger etc.; daher gehören
auch die der ital. -are = Konjugation entlehnten frz. Lehnwörter (gui-
dare : guider; scemare : chemer) der frz. -er Konjugation an, u. s. w. —
Aus der Wortbildung: Dem ital. Suffix -ino entspricht franz. -in (e),
1) Vgl. 1., S. 706.
Das schweizerische Volksfranzösisch 709
daher auch arlecchiiio : arleqnin, etc. Erleichtert das Eutsprechungs-
bewußtsein die Erlernung- einer Fremdsprache, so kann es andererseits
auch eine Quelle von Fehlern sein, da der Sprechende veranlasst wird,
1. die Entsprechungsregeln auch in Fällen anzuwenden, wo dieselben eine
Ausnahme erfahren und z. B. nach fleur : fiore etc. auch flotte : *fiotta
zu bilden und 2. der fremden Sprache angepaßtes eigenes Sprachgut
für derselben wirklich angehörend zu betrachten, vgl. S. 707 das Bei-
spiel „staccare".
7. Ob eine sprachliche Aiisdrucksform dem einen oder dem andern
der eben besprochenen Vorgänge ihre Existenz verdankt, ist nicht immer
leicht zu entscheiden. Man kann sich z. B. fragen, ob eine Form wie
„*devere" im Munde eines italienisch sprechenden Franzosen nach 1.
eine dem Französischen gemachte Entlehnung des Wortes als solches
ist') oder ob es nach 3. als eine momentane Kontamination der beiden
Infinitive aufzufassen ist oder nach 4. als Analogiebildung nach andern
Formen des Verbums im Italienischen (deve, devono), wobei wiederum
das frz. devoir mitgespielt haben kann.' Je nach den Umständen kann
die eine oder die andere dieser Annahmen der Wahrheit entsprechen.
Möglicherweise resultiert eine derartige Ausdrucksform auch aus der
Kombination der verschiedenen Gründe.
Auf die eben besprochenen sprachlichen Vorgänge gehen die meisten
„Fehler" zurück, welche die Schüler im fremdsprachlichen Unterricht
immer wieder machen, die aber bei richtiger Methode und genügender
Übung nach und nach seltener werden. Vollständig verschwinden sie
erst dann, wenn die Begriffe, Vorstellungen und Gefühle des Sprechen-
den so fest mit den Ausdrucksformen der fremden Sprache assoziiert
sind, daß er in der fremden Sprache denkt.
C. Einflufs der Mundart auf die Volkssprache. Schul- und
Verkehrsverhältnisse.
Ein analoges Verhältnis wie zwischen Muttersprache und ver-
wandter Fremdsprache besteht zwischen Dialekt und Schrift-
sprache. Die Voraussetzungen zu sprachlichen Vorgängen wie
die eben besprochenen sind also auch vorhanden , wenn jemand
von der Mundart aus die Schriftsprache erlernt. Die verschiedenen
Einflüsse der Mundart auf die Schriftsprache werden sogar er-
leichtert dadurch, daß die beiden viel mehr gemeinsame Züge auf-
weisen als zwei Schriftsprachen und die einzelnen einander ent-
sprechenden sprachlichen Ausdrucksformen weniger leicht auseinander
1) Mit Ersatz der frz. Endung -oir durch die entsprechende ital, -ere,
nach vouloir -. volere etc.
710 G. Wißler
gehalten werden. Wenn also das Deutsche und das Französische im
Munde unserer dialektsprechenden Schulkinder von mundartlichen Ein-
flüssen nicht frei ist, so hat das nichts Auffälliges an sich. Eher ver-
wundern könnte man sich über die Tatsache, daß selbst bei Leuten,
welche eine 6- bis 9 jährige Schulzeit hinter sich haben, und oft sogar
bei Gebildeten die provinziellen Besonderheiten so stark hervortreten^),
und über die weitere Tatsache, daß auch in den Gebieten der fran-
zösischen Schweiz, wo die Mundart als Verkehrssprache längst aus-
gestorben ist und keinen direkten Einfluß auf die in der Schule ge-
lehrte Schriftsprache mehr ausüben kann, die Volkssprache noch
dialektisch gefärbt ist. Diese Tatsachen erklären sich 1. dadurch,
daß die Wirkungen der besprochenen sprachlichen Vorgänge — die
eine Beeinflussung der Schriftsprache durch die Mundart zur Folge
haben — durch die Schule und den Verkehr — welche die Schrift-
sprache vermitteln — nicht genügend eingedämmt und nicht rasch
genug aufgehoben werden, 2. durch eine mehr oder weniger bewußte
konservative Tendenz unseres Volkes, 3. durch gewisse die Bei-
behaltung begünstigende Eigenschaften der entlehnten mundartlichen
Ausdrucksformen.
Die kurze Schulzeit, die vielen Kenntnisse, welche die Elementar-
schule den Kindern übermitteln muß, die häufig noch mangelhafte Aus-
bildung der Lehrer^), die mannigfachen Schwierigkeiten, mit denen die
Schule, besonders früher, zu kämpfen hatte, verhindern eine genügende
Durchdringung der Schüler mit dem Wesen und Geist der Schriftsprache,
mögen diese von Haus aus die alemannische oder die frankoproven-
zalische Mundart oder ein dialektisch gefärbtes Französisch sprechen').
In neuerer Zeit sind die Schulverhältnisse und Schulmethoden
zwar erheblich besser geworden, aber noch immer gibt es Lehrer,
welche die Schriftsprache ungenügend beherrschen und noch manchen
überflüssigen Provinzialismus unkorrigiert lassen, und die sich damit
begnügen, entweder ohne Konsequenz bald diesen, bald jenen Fehler
zu rügen oder dann in pedantischer Weise nur auf gewisse besondere
Einzelheiten zu achten*). Viele junge Leute verlassen daher auch
heule noch die Schule ohne über das tatsächliche Verhältnis von schrift-
sprachlichen und provinziellen Ausdrucksformen einigermaßen im klaren
1) Über die Aussprache des Schriftdeutscheii in der Schweiz; vgl. z. B.
den Artikel Prof. Bachmaiins im Geogr. Lexikon, Bd. V, S. 69 ff.
2) Die Lehrer sind in der Eegel Einheimische und stehen selbst unter
dem fortwährenden Einfluß der Umgangssprache.
3) Jedenfalls kann der Volksschullehrer auf sprachliche Dinge nie die-
selbe Sorgfalt verwenden wie der eigentliche Sprachlehrer.
4) Zwischen einzelnen Lehrern, einzelnen Schulen und namentlich zwischen
Stadt und Land bestehen natürlich in dieeer Hinsicht grosse Unterschiede.
Das schweizerische Volksfranzösisch 711
ZU sein. Sie wisseu nur, daß, trotz der Ähnlichkeit von Mundart und
Schriftsprache, nicht alle Ausdrucksformen der einen ohne weiteres auf
die andere übertragen werden können.
Je nach ihrer sprachlichen Schulung und je nach der Häufigkeit
der entsprechenden schriftsprachlichen Formen u. s. w. verwenden sie
die provinziellen Formen, bald ohne es zu ahnen, bald mit großem
oder geringeren Zweifeln an deren Richtigkeit und aus Verlegenheit —
weil ihnen die richtigen Formen nicht gegenwärtig sind — , bald auch
mit Absicht, wie wir aus dem Folgenden ersehen werden. Die unvoll-
kommene Beherrschung der Schriftsprache hat im allgemeinen nicht
sehr nachteilige Folgen für das praktische Leben. Bauern und Hand-
werker kommen nicht sehr häufig in den Fall, mit Ausländern zu ver-
kehren und unter Landsleuten sind ja gerade dialektisch gefärbtes
Deutsch und Französisch die gewöhnliche schriftliche und provinzielles
Französisch die gewöhnliche mündliche Verkehrssprache, und sie sind als
solche auch den Gebildeten nicht fremd. Begreiflich ist daher, daß ein
großer Teil der Bevölkerung von sich aus keinen Anlaß hat, seine
Kenntnis der Schriftsprache zu vervollkommnen und daher den puri-
stischen Bestrebungen der Schule und der Gebildeten gleichgültig gegen-
übersteht. Was kümmert es das Volk, ob seine Art, sich auszudrücken,
von der Academie anerkannt werde oder nicht! Es hat kein Interesse
und keine Zeit, über solche Sachen nachzusinnen. — Zudem ist es, be-
sonders auf dem Lande, in seiner ganzen Art zu denken und zu handeln
konservativ und hängt zäher am Eigenen, Bodenständigen, an alther-
gebrachten Gewohnheiten und Traditionen, als der Städter, der Ge-
bildete. Mit Mißtrauen betrachtet es all das Neue, das ihm von den
Gebildeten — in oft wenig taktvoller Weise — aufgedrängt wird,
besonders wenn es ihm keinen direkten Vorteil bringt oder wenn es
diesen nicht einsieht. So lebt noch in einem großen Teil des Volkes in
der deutschen wie in der französischen Schweiz das instinktiveBewußtsein,
daß seine ererbten mundartlichen (bezw. provinziellen) Sprachformen
den schriftsprachlichen als Ausdrucksmittel ebenbürtig und oft sogar
überlegen sind und daß namentlich alles Gefühlsmäßige in mundart-
licher (provinzieller) Fassung sich viel besser sagen läßt und viel
wirkungsvoller zum Ausdruck kommt, als in der korrekten schrift-
sprachlichen Form.
Diese letztere im allgemeinen, besonders aber gewisse Wörter, er-
scheinen dem Volke kalt, nüchtern, farblos, steif, pedantisch, gesucht,
geziert. Es ist also natürlich, daß es derartige Ausdrucksformen ab-
sichtlich meidet, die heimischen Provinzialismen dagegen mit besonderer
Liebe pflegt. Ohne eine solche absichtliche Tendenz wäre die Erhaltung
einer verhältnismäßig reinen alemannischen Mundart als allgemeine
Umgangssprache in der deutschen Schweiz kaum zu erklären. Auch
712 G- Wißler
unsere welsclien Eidgenossen tragen mehr oder weniger bewußt dazu
bei, die letzten Spuren ihrer angestammten Mundart (die Provinzialismen)
vor vorzeitigem Untergang zu bewahren. Es kann sogar vorkommen,
daß der Einfluß der Schule auf die Volkssprache von der Familie direkt
bekämpft wird, indem die Eltern ihr Französisch für „gutes Französisch"
erachten, den Lehrer der Pedanterie bezichtigen und dessen Autorität
bei den Kindern in Mißkredit bringen.
Wenn trotz dieses aktiven und passiven Widerstands eines Teiles
des Volkes die Kenntnis des Hochdeutschen und des Schriftfranzösischeu
bei uns stete Fortschritte macht, wenn sich die Volkssprache diesem
letzteren beständig nähert und w^enu selbst die alemannische Mundart
besonders in den größern Städten an Originalität verliert und in eine
immer größere Abhängigkeit von der Schriftsprache gerät, so ist das
die Folge von Umständen, die unabhängig von dem direkten Willen
des Volkes bestehen und auf seine Sprache einwirken : neben den immer
besseren Schulen sind es der protestantische Gottesdienst, welcher die
Leutemit gewissen Worten und Wendungen vertraut macht, der, wenn auch
kurze, Militärdienst, in dem Stadt- und Landleute sich zusammenfinden,
die fortwährend wachsende Erleichterung des Verkehrs, der immer mehr
neue Gegenstände allgemein bekannt macht und der immer mehr Fremde
zu dauerndem oder vorübergehendem Aufenthalt ins Land zieht, die
Gewohnheit der Landleute, einen Teil ihrer Lehrzeit im Ausland oder
in der Stadt zu verbringen, der allgemeine Zug der ländlichen Be-
völkerung nach der Stadt überhaupt, ferner der immer schärfere wirt-
schaftliche Konkurrenzkampf, der die geistige Regsamkeit weckt und
eine bessere Kenntnis der Schriftsprache unentbehrlich macht, die
Zeitung, welche sich nach und nach jeden Familientisch erobert, Vor-
träge, billige Bücher, die dem wachsenden Streben nach aligemeiner
Bildung entgegenkommen, das Beispiel der obern Gesellschaftsklassen
endlich, dem die unteren bewußt oder unbewußt folgen, kurz alle
diejenigen Einflüsse, im allgemeinen, welchen die frankoproven-
zalischen Mundarten teils schon erlegen sind, teils in absehbarer Zeit
erliegen werden^). Und wie diese Mundarten ehedem allmählich an
Bedeutung verloren und als gemein verachtet wurden, so beginnt heute in
gewissen Kreisen des Volkes, die stark den eben erwähnten Einflüssen
ausgesetzt sind, die häufig mit Fremden, Gebildeten etc. verkehren, die
Meinung Boden zu fassen, das aus Frankreich eingeführte Französisch
sei vornehmer und kulturell höher stehend als das eigene provinzielle.
1) Selbst unser urchiges und heimeliges Schweizerdeutsch wird vielleicht
einmal vor dem Ansturm aller dieser Mächte weichen müssen. Über die Gründe,
warum die franko-provenzalischen Mundarten früher zugrundegingen als die
alemannischen vgl. die eingangs erwähnte Arbeit von Prof. Tappolet.
Das schweizerische Volksfranzösisch 713
Man fängt an, die Provinzialismen lächerlich zu finden, sich ihrer zu
schämen und sie zu meiden. Zu einer derartigen Bewegung sind freilich
heute erst Ansätze vorhanden.
Während das Französische, das in der Schule gelehrt und das
im Verkehr mit Landsleuten gebraucht wird, selten ganz frei ist
von provinzieller Beimischung, so ist andererseits das von den
eingewanderten Franzosen, von aus Frankreich zurückgekehrten
Schweizern eingeführte Französisch nichts weniger als homogen, oder
gar identisch mit der reinen Schriftsprache. Besonders gewisse Aus-
drücke der Pariser Volkssprache finden leicht Eingang in die unserige,
vgl. S. 837 if. Diese Argotismen haben einen ganz besonderen ßeiz;
sie gehören mit zur kulturellen Überlegenheit des Reichsfranzösischen.
Wer mit solchen um sich wirft, gilt, besonders in gewissen städtischen
Kreisen, als ein Mann von Weltkenntnis und Erfahrung und wird von
den Provinzlern, die sich schämen, als solche zu gelten, mit Eifer nach-
geahmt.
Wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, sind die Kräfte, welche
an der Gestaltung unserer Volkssprache wirken, sehr verschiedener
Art und in ihren Wirkungen einander oft entgegengesetzt. Je nach-
dem der einzelne Mensch mehr diesen oder mehr jenen Einflüssen aus-
gesetzt ist, je nach seiner Bildung, seiner sozialen Stellung u. s. w.,
gestaltet sich seine Sprache verschieden^). Der Charakter des Volks-
französischen in einer einzelnen Ortschaft, besonders in einer Gemeinde,
die vor nicht langer Zeit die Mundart aufgegeben hat, ist viel weniger
einheitlich als z. B. derjenige einer Mundart. Homogener als die Mund-
arten ist die Volkssprache in geographischer Hinsicht. Die Unter-
schiede, die zwischen dem Volksfranzösisch der einzelnen Kantone in
lautlicher und lexikologischer Hinsicht bestehen (vgl. Vorwort, S. 3),
sind mehr untergeordneter Art^), und ein Bauer aus dem Unterwallis
wird sich mit einem Kollegen aus dem Neuenburger Jura ganz gut
verständigen können, wenn jeder sein Französisch spricht. Dies kommt
daher, daß „les habitants de la Suisse romande ont, a un degre egal,
conscience de la correspondance entre les sons francais et les sons
de leurs patois respectifs" et que „les raisons qui amenent le neolo-
gisme (Provinzialismus !) sont generalement les memes dans les divers
patois et que le lexique est a peu pres identique^) dans toutes les
1) Über äie Verbreitung der verschiedeneu provinziellen Besonderheiten,
vgl. das Schlußkapitel (S. 839).
2) Leider kann ich auch hier, mangels eigener Beobachtung, keine nähern
Angaben machen.
3) Das gilt doch wohl nur für die allgemein bekannten Begriffe, vgl. die
Arbeiten von Gignoux, Luchsinger, etc.
714 G. Wißler
parties de nos cantons romands", wie schon Gillieron bemerkte
(VionnaZ; S. VII). Nicht ohne Bedeutung ist vielleicht auch die Beein-
flussung der Volkssprache eines Kantons durch die regionalen Zentren
(vgl. S. 705).
Im Folgenden soll an einer Reihe von Beispielen gezeigt werden,
in welcher Weise die verschiedenartigen Einflüsse der Mundart auf das
Volksfranzösische in den verschiedenen Gebieten des sprachlichen Lebens
zum Ausdruck kommen. Es sollen einzelne Erscheinungen aus der
Phonetik, Morphologie und Wortbildung besprochen und dann ein-
gehender die Lexikologie behandelt werden. Aus verschiedenen Gründen
mußte ich auf eine Behandlung der Syntax (mit Einschluß der stehen-
den Wendungen) vorläufig verzichten. In einem Schlußteil soll endlich
kurz angedeutet werden, in welcher Weise sich die provinziellen Besonder-
heiten auf die verschiedenen Bevölkerungsklassen verteilen und wie
sich das Volksfranzösische voraussichtlich weiter entwickeln wird.
Bemerkung: Im Munde der zweisprachigen Bevölkerung- wird nicht
nur die Schriftsprache durch die Mundart, sondern auch, wie bereits auge-
deutet, diese durch jene beeinflußt. Eine eingehende und zusammenfassende
Untersuchung über die Art und Weise und über das Maß dieses Einflusses
fehlt leider noch. Einige Bemerkungen darüber siehe in: Gauchat:
Unite phonetique d'un patois in Festschrift für H. Morf, S. 189, bei
Gillieron: Vionnaz S. III fl". und „Remarques sur la vitalite phone-
tique des patois" in „Etudes romanes, dediees ä G. Paris", S. 459ff.
und für einen südfranzösischen Dialekt bei Rousselot: ,.Les modifications
phonetiques du langage" in der Revue des Patois gallo-romans IV und
V (Paris 1893). Interessant sind auch Dauzat's Mitteilungen in seiner
„Methodologie" (S. 1910".), wo er neuerdings darauf hinweist, wie
sehr die Linguisten bis jetzt das Studium dieses Einflusses vernach-
lässigt haben.
Erster Teil
Phonetik.
Der Ausspracheunterricht war lange genug das Stiefkind der
Schule und ist es vielfach auch heute noch, sowohl im fremdsprach-
lichen wie im schriftsprachlichen Unterricht. Viele Lehrer, nicht nur
an Primarschulen, begnügen sich damit, den Schülern einige elemen-
tare (und oft unzutreffende) Leseregelu zu geben. Viele Unterschiede
zwischen ähnlichen lautlichen Phänomenen merkt der Schüler und der
Laie von sich aus nicht, so daß selbst gute Vorbilder und häufiger
Verkehr mit richtig sprechenden Ausländern eine schlechte Aussprache
Das schweizerische Volksfranzösisch 715
nicht zu verbessern vermögen. So erscheint es keineswegs verwunder-
lich, wenn die Volkssprache in der französischen Schweiz in lautlicher
Hinsicht noch zahlreiche dialektische Züge aufweist.
A. Lantsnbstitntion.
1. Die frankoprovenzalischen Mundarten kennen die reinen frz.
Nasallaute a, C, o, öe nicht, sondern nur ungleichmäßig, am Anfang
schwach und am Ende stark nasalisierte Vokale, welche vor Konso-
nanten in den Laut t} übergehen'):
Nasal : < ij
Vokal: a>
Derartige Nasallaute beobachtete ich in der Volkssprache von
Sitten, Epesses, Bulle und Tramelan, an den beiden zuletzt ge-
nannten Orten auch das nasalisierte geschlossene « (a von m«d«m
= madame) — Speziell pariserische Lauttendenzen, wie die Ver-
schiebung des ä gegen ö, des a gegen ^, des vortonigen o gegen o, sind
in der Schweiz im allgemeinen unbekannt.
2. Ein Teil der waadtländischen und freiburgischen Mundarten
wandelt Je vor palatalen Vokalen {i, <?, i<, cß) zu % oder ^/, z. B. in t^ezd
(Byland § 19 ß), tyäzd (Jaberg : Leysin) = quinze, tye = que (Jaberg :
Leysin) [lat. qu vor e]; in tyü = c\x\ (Jaberg: Leysin) [lat. c -4- u]; in
tyüfsi = coucher, fi/üsa = cuisse (Odin : Phonol. § 314) flat. c -f- o -f-
palat.]; [In der Plaine du Rhone, der Vallee de Joux und in Ste Croix
wird Ö bezw. ö zu oe, w*)] in kijos = cuir, %cBC?e = coude, hijoedrd = coudre
(s. u. vb.) ahijaeta, afyüfa, etyüta = ecouter (Odin : Phonologie, § 314),
ferner in fjüdrö = courge (Byland § 52) und in zahlreichen Lehn-
wörtern : tyitä = quitter, tyesa = caisse (Jaberg : Leysin), bot/e = bou-
quet (Byland § 68), txepi='ke])'i (Byland : Wörterverzeichnis), tyätö =
quintal (Jaberg : Leysin); tyilr}. = eure (Jaberg : Leysin), etxü = 6cu,
tyuricß (Odin, § 82, Byland : Wörterverzeichnis) ; txär^ tx(p (Byland ibid.,
Odin : Phonol. § 314), otye, tylzd (Häfelin : Freiburg,' S. 68). Vgl.
auch Häfelin : Neuenburg S. 72 für die Beroche und die folgenden
Karten des Atlas ling.: coeur (306), cul (372) quelle [chaleur] (1115)
quelque chose (1116), quinze (1124) quintal (1123) und caisse (197)').
Das Volksfranzösische in einem Teil des Waadtlandes und des Kantons
Freiburg weist die nämliche Eigentümlichkeit auf. So läßt Gor gibus
1) Vgl. Gau Chat: Dompierre (S. 3) und Urtel: Neuchätel (S. 7).
2) Vgl. Odin: Phonologie, §§ 82 und 124.
3) Diese Karten zeigen die nämliche Tendenz auch für andere Gegenden
des französischen Sprachgebiets. Vgl. übrigens Rousselot: Les modifications,
S, 249 flf. (für Cellefrouin in der Charente).
716 G. Wißler.
seinen Cabotzet folg-endermiißen sprechen: „. . . tielbon nouveau= quelle
bonne nouvelle." (S. 6). „Ty est-ce qui fait?" <^/eskife>== Qu'est-
ce qii'il fait? (S. 12). „Si n'est pas tont ä fait toqui6" = S'il n'est pas
entierement fou . . (toque) (S. 56). „Pardon estiuse (excuse!), mais j'ai
enticrement tont vu, sans rien manquie (manquer)". (S. 7). „J'etais
tiurieux (curieux) de les voir de mes yeux." (S. 10), „Une espece de
tiaisse (caisse) (S. 16). Vgl. auch (S. 11) le tieu = le coeur.
Aus Gorgib US : „Frederi . . ." entnehme ich folgende Beispiele:
cintierae (S. 20) — cinquieme, manquie (S. 63) banquiet = banquet (S. 63),
etiurie = ecurie (S. 83); ausMonuet: Fuvey et Grognuz : ces coquiens
de baillis (S. 60), Kierne = Kern [Eigenname] (S. 43); aus Ceresole:
Scenes vaud. : tienze = quinzc, tiai = quai, boutiet = bouquet (S. 36);
aus dem Glossaire fribourgeois (F): tiecie = caissier, tiental =
quiutal, tieue = queue; aus dem Maitre phonetique, avril 1905
t
: [c rr= k;^] : pice = piquet, cüryoe, celg = quelle^).
3. Unter den nämlichen Bedingungen mouillieren die Waadtländer
Mundarten auch das g [ vor i, e, m, a]: Dies g geht entweder auf
germ. w zurück, wie in gyeri = guerir, gyerda = garder, dyeru^ gy§'>^u
< weigaro > = combien (Odin : Phonologie § 270); dylra = guerre
(Byland§53), dye = g\iet, c??/efce = guicbet d'un tonneau, volet (Jaberg:
Leysin), oder es findet sich in einem Lehnwort, wie in dylza (Byland,
§ 53, Odin : Phonologie, § 270), dyerfö = domestique [gargon],
dyernäe < =*gaernier "> = grenier, odyüsfj = Auguste (Jaberg: Leysin),
fidyüra = figure (Jaberg :L'Etivaz). Vgl. auch die folgenden Karten
des Atlas ling. : guere (673), gui (675), guichet (676), Guillaume (677),
Diese Karten geben nicht immer ein richtiges Bild von der Verbreitung
des lautlichen Phänomens. Die Karten Auguste (71) und figure (566)
notieren für die Schweiz überall reines gül
Beispiele aus dem Volksfranzösischen:
„djere" <:=dy6r8! > = guerre (Ceresole : Scenes vaud. S. 36);
chansons guierrieres (Monuet : Favey et Grognuz, S. 81); de ce fameux
Guiesselai [= Gessler] (Mounet ibid., S. 60); le die (F) = le guet;
je me fidiurais [= figurais] (Gorgibus: Cabotzet . . S. 19); Audiu-
ste [Auguste] (Gorgibus : Frederi , . S. 141); dediuster [deguster]
(ibid., S. 159); guieux = gueux (ibid., S. 99); „te laisse endieuse
[engueuser = trom])er] par le premie venu qui te paie nn demi"
(ibid., S. 123); un bladieii [= blagueur] (Gorgibus : Cabotzet, S. 46).
4. In der westschweizerischen Volkssprache wird langes, betontes e
in französisch ursprünglich offener, heute geschlossener Silbe (vor ein-
fachem Konsonanten oder vor muta plus liquida im Auslaut) außer vor
1) Vgl. hierzu auch die Bemerkung von Gillieron (Vionnaz, S. 69).
Das schweizerische Volksfranzösisch 717
r durchweg geschlossen (r) gcsjjrochen, statt wie ioi Franz. orten (e) i).
Vgl. Schreibungen wie: bete = bete (Gorgibus : Cabotzet . ,, S. 7),
meme(ibid., S. 67), peut-etre (ibid., S. 1)2) tele (ibid., S. 30); mauv^se =
mauvaise (ibid., S. 93); reve = reve (ibid., S. 10), Systeme (ibid,, Ö. 56),
espece (ibid., S. 163) Geneve (Ceresole, Scenes vaud., S. 35); il gele =
gele (Gorgibus : Cabotzet . . . S. 72) je me leve (Gorgibus : Frederi . .,
S. 42), il m'emmene (Gorgibus : Cabotzet, S. 56) etc.
Mit geschlossenem } werden auch gesprochen: vous etes < et >,
fenetre, chevre (sevr) levre, beche, maitre, metre, creme, remede, regle,
scene, negre, peine, veine, peigne; maigre (megr), aigle, il aime (em)
chaine, il traine, semaiue, laine, chaise, braise, caisse, il laisse etc. ^).
Auch diese Aussprucheeigentümlichkeit ist nach meinem Dafür-
halten hauptsächlich auf Lautsubstitution zurückzuführen, doch können
hierbei eine Anzahl anderer Ursachen mitbestimmend gewesen sein, die
wir vor allem erörtern wollen:
Der e-Laut in den verschiedenen franz. Wörtern ist verschiedenen
Ursprungs, hat also verschiedene Vorstufen durchlaufen, doch scheint
er, selbst in Paris, in vielen der hier in Betracht kommenden Wörter
einmal geschlossen gesprochen worden zu sein. Noch im 17. Jahrh.
schwankte die Aussprache in mehreren Fällen. Die Grammatiker-Zeug-
nisse widersprechen sich, so daß man sich kein klares Bild von den
wirklichen Ausspracheverhältnissen machen kanu^).
Selbst heute ist die Pariser Aussprache des e nicht einmal in allen
Mundarten der Isle de France verbreitet*). Die meisten von ihnen
schwanken noch zwischen e und i, soweit wenigstens die verschiedenen
Karten des Atlas linguistique sichere Schlüsse gestatten^).
1) Im mustergültigen Französisch der gebildeten Kreise Nordfrankreichs,
nach Michaelis und Passy: Dictionnaire phonetique de la langue fran^aise;
Berlin (Meyer) 1897.
2) A. Ha 11 er im Maitre phonetique; avril 1908, transkribiert zwar: meme-
ment (memement), etr (etre), älevo (enleve) [aber fer = faire] ; doch kann dieses
e unmöglich mit dem pariserischen identisch sein!
3) Für Einzelheiten verweise ich auf : Me yer-L üb kes Romanische Gram-
matik: I, S. 115, 156, 200 ff., 210; Brunot in der „Histoire de la langue et de
la litterature frangaise" von Petit de JuUeville, T. VI., S. 856fr.; E. Gaufinez:
„Notes sur le vocalisrae de Meiiet" in „Beiträge zur roman. und engl. Philol.,
Festgabe für W. Förster" (Halle 1902), S. 363 ff. und Ch. Thurot: „La pronon-
ciation frangaise depuis le . . . XVI™f siöcle d'apres les temoignages desgram?
mairiens (Paris, 1881—83), Tome I, S. 62—87 und 308—351.
4) Vgl. z. B. aret, brez, kyes (caisse] tien (chaine), fnZtr, len, punez in Le
Plessis-Piquet im Dep. de la Seine. (Pkt. 226 des Atl. ling.).
5) In vielen Fällen wird es sich um satzphonetische Abweichungen
handeln.
718 G. Wißler
Es ist also sehr wahrscheinlich, daß, als das Französische sich in
unseru Städten zu verbreiten begann, eine Anzahl Wörter in Frankreich
noch mit geschlossenem e gesprochen wurden und unsere heutige Aus-
sprache, zum Teil wenigstens, eine archaische ist^). Diese Erklärung
wird durch die Tatsache gestützt, daß das westschweizerische Volks-
französisch auch sonst in einzelnen Fällen eine altertümliche Aus-
sprache*) beibehaltenoder Wörter bewahrt hat, die im Schriftfranzösischen
ausgestorben oder veraltet sind'), was durchaus zum konservativen
Charakter der Volkssprache stimmt. Unerklärt bliebe dabei, warum
man die geschlossene Aussprache auf alle Wörter ausdehnte, auch
auf diejenigen, die erst in jüngster Zeit eingeführt wurden.
Man könnte auch auf die in vielen Sprachen herrschende Ten-
denz hinweisen, Vokale in offenen Silben zu schließen (und umge-
kehrt in geschlossenen Silben zu öffnen*) Die Volkssprache hat von
den Mundarten die Gewohnheit übernommen, den unbetonten Schluß-
vokal in Fällen beizubehalten, wo er im Französischen abgefallen ist*),
80 daß die Tonsilbe in der Volkssprache länger offen und das e daher
länger geschlossen blieb. Daß durch die Beibehaltung dieser mund-
artlichen Sprachgewohnheit das Fortbestehen der archaischen Aus-
sprache des e — wo es sich um eine solche handelt — erleichtert
wurde, halte ich nicht für ausgeschlossen. Ich glaube aber nicht, daß
dieses Moment von entscheidender Bedeutung war.
1) Man könnte sich auch fragen, seit wann überhaupt die Pariser Aus-
sprache auf die unsrige den ausschlaggebenden Einfluß ausübt und in wieweit
in frühereu Jahrhunderten das Französische der der Schweiz benachbarten Pro-
vinzen für die Aussprache in unseren Städten mit bestimmend war. Vgl. auch
die Ausführungen Prof. Jeanjaquets in „Un document in6dit du fran^ais dia-
lectal de Fribourg au XV. si^cle" in „Aus romanischen Sprachen und Litera-
turen", Festschrift Morf, Halle (Niemeyer) 1905; S. 274: „Les rapports directa
avec la capitale 6taient rares et c'est bien plutot les habitudes linguistiques
des rögions voisines de la Suisse qui devaient servir de modfeie pour les secrö-
taires fribourgeois. Nous ne nous etonnerons donc pas de rencontrer dans leurs
actes beaucoup de particularites dialectales qui caract6risent la langue 6crite
des provlnces de l'Est de la France, de la Bourgogne en particulier". Inwie-
weit änderten sich diese Verhältnisse später? Welches sind die Spuren eines
solchen Einflusses in unserer Volkssprache? Es würde sich vielleicht verlohnen,
in einer Spezialarbeit diesen Fragen näher zu treten. Vorläufig fehlen mir
sichere Anhaltspunkte.
2) Vgl. S. 724 (apprentif).
( 3) Vgl. S. 754.
4) Auf eine solche Tendenz in der Mundart von Dompierre weist Prof.
Gauchat hin (§ 106).
5) Die Volkssprache hält wenigstens auf dem Lande, besonders im Kt. Waadt
noch an dieser Gewohnheit fest, vgl. S. 723.
Das schweizerische Volksfraiizösisch 719
Als die wichtigste Ursache zur heutigen Aussprache des e in der
Volkssprache betrachte ich die direkte Herübernahme einer mundart-
lichen Sprachgewohuheit:
Soweit ein Durchgehen der Arbeiten von Odin, Byland, Urtel,
Häfelin, Gauchat einen Schluß gestattet, ist e < in den von ihnen
behandelten Mundarten äußert selten, e < dagegen das Gewöhnliche^).
So bestand also in der Mundart unserer Städte die Gewohnheit, langes
betontes e in offener Silbe in Paroxytonis nur geschlossen auszusprechen,
und diese Gewohnheit wurde auch in der Volkssprache beibehalten: in
allen französischen Wörtern wurde das lange e an entsprechender
Stelle — welches auch in der eingeführten Schriftsprache seine Qualität
gewesen sein mag — durch geschlossenes e wiedergegeben (ersetzt),
und es wurde au dieser Aussprache auch festgehalten, als durch Ab-
fall der unbetonten Schlußsilbe diese Wörter sich in Oxytona ver-
wandelten und ihre letzte Silbe geschlossen wurde. Jedes neu auf-
genommene Wort wurde (und wird noch heute) nach diesem Laut-
substitutionsgesetz umgestaltet 2),
Bemerkung: Entspricht in den Mundarten dem franz. ^ ein
anderer Vokal als e, so ist dieser Vokal in den allermeisten Fällen
lang, so daß es begreiflich scheint, daß gerade die Länge dieses
." als das Charakteristische herausgefühlt wurde und nicht etwa seine
Qualität, vgl. im Atlas ling. die Karten: 18, aile (ä/a), 169, braise
{hraze^ hrZzd)^ 221 chaine (tsäna), 744 laine {läna), 989 peigne {pulo)
etc. 3).
In den Mundarten ist das e in der hier in Betracht kommenden
Stellung das Ergebnis besonders zweier latein. Lautgruppen:
«) ä -f- palatal*) vgl. : %e^;o = bleich^) (Byland, §4), fetd = faite
1) Ausnahmen vor r siehe S. 720 flf. Im übrigen habe ich nur die folgenden
notiert: in Byland: kretr? = croitre (§56), (sonst meist kurz: kretra, mein =
maitre {§ 85), megro = maigre (§ 73), trezd = 13, sez9 = 16 (§ 90); in Urtel:
rts = scie (in Bevaix), ev9 = eau (in Lignieres, Cressier und Landeron); in
Häfelin : Fribourg: megru, egru im Greyerzer Dialekt (S. 15) e&ela = etoile,
,ev7-a = \\hvre etc. <| sonst im Freiburgischeu: a«, «J/ : Za«ura etc. > in Gauchat :
Dompierre: tsdvf&ru = capistru (§ 41) [Andere Formen dieses Wortes siehe
bei Jaberg: Assoziative Erscheinungen § 13], metra = maitre (§ 101). — Das
ü in etäla (Landeron) kommt hier wohl nicht in Betracht.
2) Unerklärlich ist mir die Tatsache, daß gewisse franz. Lehnwörter in
den Dialekten der Westschweiz e haben sollen, wie careme (Atl. ling. Karte 200)
crete (K. 254).
3) Vgl. auch 1 in tlta etc., S. 720.
4) Ich übergehe die Beispiele, wo das e heute im Auslaut steht, wie le =
*ac, fe = fais etc.
5) Wenn byevo wirklich auf das von Schuchardt (Zeitschr. f. rom. Phil. XVIII,
720 ^- Wißler
(Byland, § 109), pünezd = punaise, }y9 = aigle, pxede vous plaisez,
lese = laiöse, flza = je fais, beze = il baise, d2ebd = (ia.ge (Gauchat:
Dompierre §§ 17 — 21). Vgl. auch die Karten aigle, punaise des Atl.
ling^).
ß) e -^ 8 kons, ergibt in einem großen Teil der Kantone Neuen-
burg und Waadt und im Kt. Genf*) f; in der übrigen Schweiz et/ (in
Blonay nach Odin, in Vionnaz nach Gilli^ron) oder i, vgl. Odin :
Phonologie, S. 40, Urtel : Neuchätel S. 17, Häfelin : Neuenburg, S. 16—20,
Häfelin : Frei bürg, S. 19, Gauchat : Dompierre §§ 30, 37, 41. Byland
§§ 9 und 14, Gillieron : Vionnaz, S. 29 und die folgenden Karten des
Atl. ling. : arete, bete, tete, fenetre, besonders an den Punkten 936
(Bernex), 937 (Gingins), 40 (Le Pont), 52 (Les Ponts de Martel).
Bemerkung: Man könnte gegen die obigen Ausführungen den Ein-
wand erheben, daß in den Gegenden wo statt bl-ta, feta, f^ietra etc.
hita, fnitra etc. gesprochen wurde, die Beispiele mit e <C vielleicht doch
nicht so stark über die mit e << überwiegen, daß eine allgemeine
Tendenz daraus entstehen konnte. Nun ist aber damit zu rechnen, daß
die bevölkertsten Städte : Genf, Lausanne, Neuenburg, La Chaux- de-
Fonds ^), von denen aus sich das Französische ausbreitete, in der
Mundart auch in diesem Falle e sprachen. In den übrigen Teilen
des Landes wurde dann die provinzielle Aussprache der Städte nach-
geahmt.
Nicht so allgemein, wie vor den übrigen Konsonanten, ist in dem Volks-
französischen die geschlossene Aussprache des e vor r in der betonten
Schlußsilbe: In der Mundart erscheint e in ferd = faire (Byland § 4,
Odin : Phonologie § 34), -px^r^ = plaire, tn-ra = traire (Gauchat : Dom-
pierre, § 17, Urtel : Neuchätel, S. 9); vgl. feyre^ treyre^ pd'eyre in
Leysin; e vor r in : tera (Byland § 9), veru = verre, vera = voir,
hrerd = croire (ibid. § 13), yerd (ibid. § 55), tomrd = tonneiTe (ibid.
§ 123), [dzerba ■=■ gerbe, tserdze = il Charge (Gauchat : Dompierre,
§ 9), trba == herbe (ibid. § 29)] pxffd = pierre, pxjru = Pierre (ibid.
§ 26\fyer3 = ferir (ibid. § 28); Odin (Phonologie § 51) transkribiert:
i«>6a], A;rärß (croire), 2>f/ra( pierre), fä?'a etc. Das aus tr, dr, rr entstandene
r ist aber wahrscheinlich in allen Mundarten länger (r) als das von
einfachem r abstammende, wenn auch vielleicht der Unterschied nicht
S. 433) angenommene Etymon für afrz. bloi: *blaviu zurückgeht (??); vi sonst =
dz, vgl. Byland S. 69.
1) Im Wallis ergibt, nach Angaben von Prof. Gauchat diese Lautgruppe
teilweise: i.
2) Auch in Herftmence (Lavallaz § 67).
3) Freiburg hat 7, vgl. Häfelin. Freiburg, S. 20.
Das scliwcizeiische Volksfranzösisch 721
SO auffällig ist wie z. B. in Leysin oder in Diablerets (vgl. Jaberg :
Assoziative Erscheinungen, S. XII und auf S. 68, 69 die Beispiele:
krär<>, vüvd, (= voir) fyllr^, hjch'i))ünd die Verfasser der oben zitierten
Arbeiten ihn deshalb nicht erwähnen Wenn, wie ich vermute, der
Unterschied zwischen r und r von den Dialektsprechenden liberall
empfunden wurde und das e nach ihrem Gefühl in tera gedeckt war,
wie in erba etc., so ist leicht zu ersehen, warum die franz. Lehnwörter
wie perc, mere, necessaire, conlraire, barri^re, tabatifere in der Mund-
art zu den Fällen auf -cro geschlagen wurden (und nicht zu denen
auf -erd). Über pera, mera (an Stelle der lautgerechten pära, mära^
vgl. Tappolet : Verwandtschaftsnamen, S. 19, Gillieron : Vionuaz, S. IV,
Gauchat: Dompierre, S. 5 und Bulletin du Glossaire 1902, S. 9 und
die Karte 841 des Atlas ling. ; nasaseru, kotrhii, baryera, tabatyera vgl.
Gauchat : Dompierre, S. 21. — So lange das Volksfranzösische den
S. 34 erwähnten eigentümlichen Wortrhythmus beibehält, was besonders
auf dem Laude in den Kt. Freiburg und Waadt der Fall ist, so bleibt
zwischen üra und fera derselbe Unterschied, wie in der Mundart; daher
erscheinen auch hier wieder faire, pere, sinc^re etc. mit e: fere, se
tere (Ceresole : Scenes vaud., S. 35), affere (Gorgibus : Frederi . . .,
S. 181), fei'(Maitre phonetique, avril 1905, S. 62); son pere et sa mere
ont mauvaise tete (Cercsole : Scenes vaud., S. 35); sincere (Gorgibus:
Cabotzet . ., S. 92), vipere (Gorgibus: Frederi . ., S. 163) colere (Gorgi-
bus. ibid., S. 127). — Wo aber das unbetonte Schluß-c? abfällt, wie in
der Stadt und bei den gebildeteren Kreisen, da ist der Unterschied
zwischen v und v in ter und fer, per kaum mehr fühlbar und ver-
schwindet ganz. Auf dieser vorgerückteren Stufe der Volkssprache
wird, vielleicht nicht ohne den Einfluß der schon existierenden Fälle
mit e vor r in betonter geschlossener Endsilbe (wie ter), die offene
franz. Aussprache des e (in faire (fer) pere, sincere, bergere etc.) rascher
verbreitet, als vor andern Konsonanten (wie in meme, kiine, tete etc.).
Um diese Erörterungen nicht noch mehr auszudehnen, verzichte ich
auf die Darstellung aller Fälle, wo zwischen Volks und Schriftsprache
nicht nur in bezug auf die Qualität des betonten e, sondern auch in
bezug auf dessen Quantität, Unterschiede bestehen, guepe <^ franz.
gep >• lautet z. B. in La Chaux-de-Fonds gfp, in der Mundart unpa
(vgl. Atl. ling. K 672), vu/ppa, voiieppa bei Bridel.
Wie dies Beispiel zeigt, besteht für das volkstümliche Sprachbe-
wußtsein neben langem geschlossenem betontem e^) nur kurzes offenes
e in betonter geschlossener Endsilbe. Auch diese letztere lautliche
Besonderheit — die unser Volksfranzösisch mit dem Schriftfranzösischen
gemein hat — ist in den frankoprovenzalischen Mundarten begründet,
1) Mit der erwähnten Ausnahme vor r.
Romanische Forschungen XXVII. 46
722 ö. Wißler
indem in den meisten von ihnen das kurze betonte e in geschlossener
Silbe offen oder wenigstens halboffen klingt, vgl. Gauebat : Dompierre
§ 29 {ptrtsd\ § 41 {tsäbeta) § 42 {pedza und sitsd, das nach § 106 nach
setsd hin tendiert); vgl. aucb Byland § 14 {petsd etc.), Urtel, S. 16 und
21, Häfelin : Neuenburg, S. 21 ff., Freiburg S. 15 und 21, Odin, § 73.
B. Beibehaltung anderer Spraehgewohnheiten.
I. Abfall des Schlusskonsonanten.
Nach Odin:Phonologie (§§ 240, 250) und Byland (§§ 61-65)
fallen in einem Teil der waadtländischen Mundarten lateinisch inter-
vokale Konsonanten, nachdem sie in den romanischen Auslaut gelangt
sind, auch unter Bedingungen, die im Französischen diesen Schwund
nicht herbeiführen, vgl, die folgenden Beispiele:
a» = oeuf, ba° = boeuf, tardü = tardif (Byland § 62), pa* = poil,
fj = fil, et^ayrü = ecureuil, eterue = eternel (Byland, § 64); tse =
eher, aväe = avoir, meyä° = meilleur, sü = sür (Byland, §64); sia =
sac, se =sec; to = tour, tse = char (Byland, §65); so = sourd, tä =
tard, nye = nerf, ve = vers, to = le tour, dzo = jour, avri = avril
(Byland, § 73)-, avwe = avec, wä" = miel (Byland, § 84)^).
Dieselbe Erscheinung in der Volkssprache:
. . „c'est plus naturet [natüre für naturel] que la nature" (Gorgi-
bus '^) : Cabotzet . ., S. 8); „des tunnets [= tunnels] en toile" (ibid.
S. 19); „. . un rüde [tres] joli journat [Journal] . ." (ibid. S. 93);
,,eü plein soleit [soleil] (Gorgibus : Fredöri . . ., S. 159); „conset
[= conseilj" (Monnet : Favey . . ., S. 43); „qui n'a rien su voi [voirj,
qui prend des vessies pou [pourj des lanternes". (Gorgibus : Cabotzet,
S. 9) „Y [il] vaut mieux ne pas continue, kä je me fächerais".
(Gorgibus : Cabotzet, S. 9) ; „le beau sesque [sexe] est toujou [toujours]
le beau sesque." — „Le tieu [coeur], ga reste toujou jeune" —
„. . mais ce qu'ils sont voleu [voleurs] ces poisous d'Africains". (ibid.
S. 11); „Je 800 [sors] ma bourse" (ibid. S. 12); „c'etait des miroi
(miroirs)"; dehoo [dehors] (S. 17) „brouille a moo [mort]" (S. 57); la
chai [chairj (S. 93) ; hive [hiver] (S.72); pas pu veni [venir] (Gorgibus :
Frederi, Fanchette, Bocanet et C^^, S. 27); trafi = trafic (ibid. S. 59);
Fred6ri = Frederic (ibid. Titel).
1) Vgl. auch dieK<arten des Atlas ling., z.B. poil (1044), fil (567), soif,
(1237), fort (.592), four (602).
2) In den Werken von Gorgibus etc. ist die Wiedergabe der Laute
natürlich eine sehr ungenaue und inkonsequente. Dem Autor ist es nur darum
zu tun, komisch zu wirken. Wollte er jedes Wort (nach seiner Transkription)
möglichst genau wiedergeben, so wäre die Lektüre für die Mehrzahl der Leser
zu mühsam.
Das schweizerische Volksfranzösisch 723
Vgl. ferner im Maitre phouetique, avril 1905 (S. 62): pr9fe8()e, V9ni,
sawa [ijiavoir] rapo [rapport], iiv§ nu [avec] kütona [cantonal], davi
[DavidJ elc. und die von Cer^sole (Scenes vaud., S. 36) zusammenge-
stellten Beispiele.
Die gleichzeitige Existenz zweier entgegengesetzter Tendenzen (der
hier und der unten erwähnten) gibt Anlaß zu merkwürdigen Doppel-
formen'): avec lautet einmal avf : in „avet un mossieu" [monsieur]
(Gorgibus : Fredöri . ., S. 158), ein andermal „aveque ga" (ibid., gleiche
Seite) — notra pe [p6re] spricht auch der S. 839 erwähnte Pfarrer:
daneben existiert die Aussprache: pera, vgl. S. 721.
II. Wortrhythmus.
Die frankoprovenzalischen Mundarten besitzen viel mehrParoxytona
als das Französische, da sie den unbetonten Schlußvokal viel häufiger
beibehalten als dieses. Vgl. Odin : Phonologie, §§ 198—210, Byland,
§§ 44—47, Häfelin : Neuenbürg, S. 40—48, ürtel : Neuchatel, S. 36 ff.,
Gauchat : Dompierre, §§ 95—105, Häfelin : Freiburg, S. 34if., welchen
die folgenden Beispiele entnommen sind:
monnaie : munayd^ aile : nla, goutte :gota, feuetre : fdnltra, piece : p'isd,
mouche : mqtsd^ beurre : huro^ je porte iporto, äge : adzo, verre : väru,
\e\if : vevu, ils vendent : vädö etc.
Die Volkssprache behält diesen Wortrhythmus bei: Die Waadt-
länder und Freiburger besonders haben die Gewohnheit, an jedes
französische, auf einen Konsonanten ausgehende Wort ein -9 anzu-
hängen, insofern dieser Konsonant nicht nach der S. 722 gegebenen
Kegel fallen gelassen wird^): Vgl. Ceresole : Scenes vaud. S. 35 Oh,
j'ai une soife, mais une soife! Quel air vife. En casse de malheur.
Ibid. S. 36: Aou-vu [avez-vous vu] mon saque [= sacj. — Z9 termin »
la prezat; däz ün.) foel; sa vuz eteresa da . .; (xn om.> do sört [sorte
= qualite superieure]; kom> de fräse; si t^l8ma.; ce pce tro vit,>.
(A. Haller im Maitre phouetique, avril 1905). Graugier (F) bemerkt:
On ajoute sottement un e „accentue" (das heißt wohl : prononee) oü 11
n'en existe point : Alfrede, toure, voire, finire, Friboure, fore [fort] und
ebenso in tete, ville, boutique, Philippe etc.
1) Durch das Bestehen zweier analoger Lauttendenzen ist die Koexistenz
von Formen wie tribuna und miele im Italienischen zu erklären.
2) Alle in dieser Arbeit gegebenen Beispiele sind, wenn sie nicht einem
Satze eingegliedert sind, als Pausaformen gedacht.
46*
724 ^- Wißler
C. Missgriffe infolge Mangels einer festen Sprachgewolinheit.
Besteht weder in der Mundurf, nocli iu der Schriftsprache in beziig
auf das Vorkommen eines Lautes eine allgemein gültige Gewohnheit,
so erzengt das im Sprechenden Unsicherheit im einzelnen Fall. — So
ist der Vortonvokal im Französischen bald e, bald 9; auch die Mund-
arten schwanken zwischen beiden, vgl. Byland §§ 36— 39, Odin : Phono-
logie §§ 140—146, Gauchat : Dompierre §§ 85 und 86: manä neben
kr^evä [e = mittleres e]. — In der Volkssprache schwankt daher die
Aussprache bei einzelnen Wörtern. Vgl. mesurer (F) = mesurer, serin
(F), dehors (V), velin = velin (F, V), leton (N) = laiton. Bei den
folgenden Beispielen kann auch die mundartliche Form mitgewirkt
haben: cretin (F, V) = cretin, iu der Mundart : cre^m (Bridel) ; grelon
(Nj V) = grelon, in der Mundart : ^re^o?« (Bridel); resin (F) = raisin,
in der Mundart : r^e (Gignoux : Terminologie IU, §37): secher (G) =
secher, in der Mundart setzi (Bridelj u. s. w.
D. Vereinzelte Entstellungen:
1. durch Volksetymologie : patalons = pantalons (Gorgibus : Fr6-
deri . . . S. 102) nach patte(G,N,F, V) = chiffon, morceau de vieux linge,
cf. patta (Bridel); aigledon, egledon^) (G) = 6dredon, nach aigle;
flutaine (K. Morax : Dime, S. 15) = futaine, nach flute [?]; primbeche
(G, V) = pimbeche, nach prim <C i^re > (Bridel) ==: mince, fin [??];
2. durch Assimilation : cauegon^) (F, N) = calegon ; 3. durch Dissi-
milation : calonnier (G) = canounier; fievre celcbrale (V) = f. cere-
brale; feutre wird auf ähnliche Weise zu fleutre (V, Auvernier) wie
in der Mundart tabula zu trablla (Bridel). [Vgl. hierüber L. Gauchat
in Korn. Forsch. XXIII, p. 871].
E. Archaische Aussprache.
Archaische Aussprache scheint unabhängig von der Mundart er-
halten in: api)rentif : apprenti (G, V, F, N; vgl. auch : A. Frangois : Les
provincialismes de J. J. Rousseau); bericles = besicles (F); ouste (G,
N), aouste, aoute(F) = aoüt. Die Mundarten der Schweiz haben u
oder M^, vgl. Atl. ling. (Karte 47).
Anmerkung: Formen, die durch falsche Lesung entstanden sind,
sind bei uns wie iu Frankreich verbreitet: rododadrn (Neuenbürg) für
rhododendron, gazcer für gageure, egize für aiguiser (vgl. Atl. ling.
Karte 16, Pkt. 227;, etc.
1) Vgl.Koussclot:Modificatiüiis . . S. 'iy)e(jrodö und Atlas ling., Karte duvet
(430), Pkt. 275.
2) Vgl. Roiissolof. Moclificatiüüs , . . (S. 20): hansd.
Das schweizerische Volksfranzösisch 725
F. Lautsubstitiition in numdurtlichen Lehnwörtern,
Infolge der in den vorigen Kapiteln beschriebenen lautlichen Vor-
gänge wird zwar der Lautstand der Volkssprache dem der Mundart
genähert, aber keineswegs mit ihm identifiziert. Laute, die als solche
der Schriftsprache ganz fremd sind, werden — durch Laul Substitution,
vgl, aä etc., t^ etc. S. 715 AT. — nur wenige von der Volkssprache
übernommen und verschwinden dort nach und nach. Somit müssen
auch die mundartlichen Lehnwörter dem Lautstand der Schriftsprache
(genauer: der Volkssprache) ange])aßt werden. Unverändert können
sie nur aufgenommen werden, wenn ihre Laute in der Schriftsprache
vorkommen: l-afino (Gauchat : Montagne neuchäteloise) : eafignon (N) =
soulier de lisiöre; tnJö (Gauchat :Montagne neuch.) : toulon (F, N) =
bidon; cassei)i (Bridel) : cassin (G, V, N, W) = contusion; broustou
(Bridel) : broustou (G, Dupertuis : Loc. vic.) = gilet de flanelle, etc.
Im übrigen erfolgt — insofern die Laute nicht gemäß dem Ent-
sprechungsbewußtscin^) ersetzt werden — einfach Lautsubstitution, d.h.
der mundartliche Laut wird durch den nächstverwandten der Schrift-
sprache verdrängt. So wird waadtländisches nya'> (Byland § 26) zu
niau <;; il) > (Duj)ertuis : Loc. vic.) = amas, quantite; mciHlzo By-
land, § 8) :mege (V) = charlatan; fraeza (Byland, § 71) : fraise =
Krümchen (F.).
G. Lautentsprechung.
Das Wesen der Lautentsprechung ist auf S. 708 erläutert. Zwischen
den Lauten der Mundart und der Schriftsprache entsteht ein Ent-
sprecbungsbewußtsein um so leichter als sehr viele Worttypen beiden
Idiomen angehören.
Zwischen dem Frankoprovenzalischen und dem Französischen sind
konsonantische Entsprechungen viel häufiger als vokalische, da die
Entwicklung der Vokale sich in beiden Idiomen, infolge der Einwirkung
umgebender Laute, stark differenziert hat.
1. DenWs und /s im Waadtländischeu entspricht das franz. .s, vgl. in
Odin : Phonologie §§ 310, 312, 313 und bei Byland §§ 52 und G5 die folgen-
den Beispiele: tsä : champ, Ul : chez, tsä{r) : char, tsö : chaud, tsdme :
chemin, ^s^^a : chose; motsa: mouche, ^;a?Sc> : vache, /or^se : fourche ; Ue :
eher, ts'ivra : chevre, etc.
2. Desgleichen entspricht dem mundartlichen dz oder dz ein franz.
z, vgl. Odin : Phonologie §§ 225, 335, 342, 345, Byland §§ 52, 54, 69:
dze : gens, dznta : joue, verdze : verge, rodzo : rouge, dzame : jamais etc.
3. Dem X"^) oder ^i ein kl, vgl. Odin : Phonologie § 257, Byland,
§ 56 : Aä = elef, Xu = clou, „serltlyo'-'' = cercle, etc.
1) Vgl. den folgenden Abschnitt.
2) Dem gleichen Laut entspricht fl in Idyäma =: flamme, Idyaw == fleiir
(Odin, § 255).
726 G"- Wißlcr
Mittels solcher Entsprechungsregeln werden die mundartlichen
Lehnwörter in der Volkssprache umgeformt (französisiert):
Ad. 1: wo^sow (Bridel) : mochon (N); mouchon(V) = bout de chan-
delle, trontze (Bridel) : tronche (F) = tronc; crotzon (Bridel) : crochon
(G, V, N, W) = croüton; kritscha (Bridel): crcche (F, N) = hotte;
tsäbrulö (Gauchat : Patois de laMontagne neuchät.) = chambroulon (N)
= balängoire; ^soZr« (Gauchat : Val de Ruz):choquet (Pierrehumb.) =
grappe de fruits etc.
Ad 2 : cordzon (Bridel) : corgeons (V) = bretelles; dsingä, dzingä
(Bridel) :ginguer (G, N, V) = folätrer; londjoula (Bridel): longeole
(G) = andouille; djerla (Bridel) : jerle (N) = tine, etc.
Ad 3: Jdlamo<Ckamo'> (Bridel) : clämeau (V) = crachat; hllesein^
hlloson (Bridel) : clousin (F:Suppl.) [aber auch •.hllotta^) (Bridel): flotte
(G) = ^cheveau].
Die Eutsprechuugsregeln dienen umgekehrt auch d?izu, franz. Lehn-
wörter der Mundart anzupassen : So erscheint franz. „chiquer" = Tabak
kauen bei Bridel als tsika\ „chiquet" als tsiket; „jaquette ah dzaketta eic.
Die Wirkung der Entsprechungsregeln ist keine absolute. Nament-
lich auf dem Lande begegnet man häufig Provinzialismen in mundart-
licher Gestalt. Vgl. z.B. crotchou (Wj, moutson(F), kritse (inBex) etc.
Außerdem gibt es eine Reihe mundartlicher Wörter, die in der
Volkssprache die mundartlichen Laute konsequent beibehalten:
^sq^«/roM (Bridel) : tsaffairu (F: Supplement) = feu de joie, le soir
des Brandons; djaillot^ (Pierrehumb.) = weißgestreift [von Tierfellen ],
Yg].djaillo (Bridel) ; vieudge^) (N), s. m. = serpe, vgl. viaudjo{BT\dQ\). —
Diese Ausdrücke sind nur der Landbevölkerung eigen. — djomna,
in der Freiburger Mundart : djoume (F) = femme ridiculement vetue;
badz in der Mundart von La Brevine : badje (N) = abattu; cotzchon,
cotzon (Bridel) = nuque bleibt wohl meist cotzon (V. F), um die
gefährliche Homonymie zu vermeiden, vgl. aber G:cochon.
H. Falsche Bückbildnngeii.
Über falsche Rückbildungen französischer Worttypen aus der
Mundart auf Grund der Entsprechungsregeln, siehe S. 755 die Fälle
lerger, chatagne, flot, crochon etc.
Eine andere Art falscher Rückbildungen möchte ich hier er-
wähnen: Spricht jemand ein stark von der Mundart beeinflußtes Volks-
französisch und kommt er in ein Milieu, wo dieses sich mehr der Schrift-
S])rache nähert, so werden ihm gewisse allgemeine Unterschiede zwischen
seinen bisherigen und den neuen, für ihn mustergültigen Sprachformen
1) Vgl. Atl. ling. (Karte 1541) fl^ta (in Savoyen).
2) Vgl. vyodzo „Bulletin" 1906, S. 40 (mit Abbildung).
Das schweizerische Volksfranzösisch 727
iiuffallen und zwischen je zwei entsprechenden Aiisdrucksformen wird
ein Entsprechiiugsbewußtsein entstehen, von dem er sich leiten läßt,
wenn er seine bisherige Sprechweise korrigieren will. Du nun aber
auch diese Entsprechungsregcln nicht in allen Fällen zutreffen, so
werden Sprachformen gebildet werden, welche weder durch den Ein-
fluß der Mundart, noch durch den der Schriftsprache direkt erzeugt
worden sind'). So ist „parapel" (N) eine Folge des Bewußtseins, daß
einer falschen Endung -" eine richtige -^1 entspreche, in Fällen wie
„tunnet", „naturet" etc. (vgl. S. 722). In gleicher Weise erklären sich
toil (G, N) =toit, compar (F:Suppl.) = compas. Desgleichen glaubt
der Sprechende eine provinzielle Aussprache zu verbessern, wenn er
durch dieBeispiele [äbro] :abre:arbre, [mäbre]:miihYe :marbre verführt,
sabre in sarbre verwandelt (F, N). — Kann auch zere (G, N, F, Cer6-
sole : Sc. vaud., S. 35) als eine falsche Rückbildung eines für mund-
artlich gehaltenen zero (mit unbetonten o!) nach den Beispielen omo:
homme, ö^ro : autre, etc. erklärt werden?
Anhang. Agglutination und Deglutiuation.
Über Agglutination und Deglutination in den frankoprovenzalischen
Mundarten schrieb E. Tapi)olet im „Bulletin du Glossaire" 1903,
S. 3 ff., 22 ff., 37 ff". 2). Auf diese Arbeit beziehen sich die Hinweise im
Folgenden. - Auch die hier besprochenen Bildungen sind zum größten
Teil lexikalische Entlehnungen. Wo kein Beispiel aus den Mundarten
vorliegt, (z. B bei l'abanlieue) ist selbständige Bildung in der Volks-
sprache anzunehmen.
Beispiele: 1. Typus ,.lendemain" : /« Iota (Gignoux ü, § 14,
Bulletin 1903, S.8) : la lotte(G) = lahotte. — le iuiset3)(G) [l'huiset] =
petite lucarne. — la luppe (in G, als terme vaudois) = la huppe. —
la loirie (G) = l'hoirie. — le loquet = le hoquet (G, F, nach Bulletin
1903, S. 13 auch in Neuenburg und nach G auch parisien populaire).
2. Umkehrung dieses Typus (Deglutination des ,,1") recrelet = le
„lecrelet", cf. S. 99 und Bulletin 1903, S. 41.
3. Typus „ra gl an". :o«a yd*) (Byland, § 56, Häfelin : Neuenbürg,
1) Gillieron nennt in der Revue des Patois gallo-romans I (S. 30) die Form
dixe für disque (nach luxe statt des falschen lusque) eine „forme ä rebours"
oder deutseh : „umgekehrte Sprechweise".
2) Vgl. auch von demselben Verfasser: „Zur Agglutination in den franz.
Mundarten" in der „Festschrift zur 49. Versammlung deutscher Philologen und
Schulmänner". Basel 1907, S. 324 ff. und Beispiele aus dem Italienischen im
Grundriss 1 (2. Aufl.), S. 673, ferner Behrens' Ergänzungen zu Tappolets Arbeit
in Zeitschrift für rom. Phil. XXXII, S. 11.5—118 und Urtels Aufsatz in der
Festschrift für Vollmöller.
3) Vgl. Atl. ling. Karte porte (1062) Pkt. 476 z. B.
4) Vgl. Atl. ling. Karte des glands (648).
728 G. Wißler
S. 55): [un] aglan (G), cf. Bulletin 1903, S. 23 über die große
Verbreitung- dieser Bildung-. — [\a] trein, ^re«^? (Bridel : Vaud) : l'atran,
l'atrein, s. f. (G) = trideut, fourche ä trois deuts^). — l'abanlieue =
la banlieue (G). — Schwanken zwischen la pure und T apure,
vgl. S. 88.
4. Umkehrung dieses Typus (Deglutination des l'a) : rabrdmeb
(Gauehat : Dompierre, § 82, vgl. Bulletin 1903, 8. 42) : la bremelle ou
rabremelle (F) [von sehwd. Habermehl] = gruau d'avoine. —
5. Typus „les e com es": etenahlle^ s. f. pl. (Bridel) : les etenailles
(G, F, N, V) = les tenailles. (Vgl. Bulletin du Glossaire 1903, S. 25).
Gehört hierher auch eplateau = madrier (N)? Kein Beispiel im
Patois!
Zweifelhafte Fälle: Nach V sagt man für huile de ricin : huile
d'^rixin. Ist auch hier für das Bewußtsein des Sprechenden eine wirk-
liche Agglutination anzunehmen oder deutet die Schreibung in V nur
die Aussprache d^ an?
Eine Verschmelzung des Eefiexivpronomens mit dem Verbum (in
der Volkssprache) vermute ich in: „Quand il a s'agi de se mettre ä
table, rien n'etait pret. (G) „Quand il a b'agi de payer . . ." (G, N,
vgl. auch Dupertuis : Loc. vic). il s'agit wird als ein Wort: il „sagit"
aufgefasst und davon regelmässig il a „sagi" gebildet (wie il faut, il
a fallu). Dieser Vorgang ist nur möglich, wenn der nicht sehr häufige
franz. Infinitiv „agir" nicht bekannt ist.
Zweiter Teil.
Morphologie.
DieFlexionsforraen einer Sprache sind ihr hauptsächlichstes Charakte-
ristikum^). Die Schule legt das größte Gewicht darauf, daß die Schüler
sie richtig beherrschen. Infolge ihres häufigen Vorkommens bleiben sie
leicht im Gedächtnishaften. Die formalen Elemente einerSprache sind nicht
viel mehr als bloße kouventionelleZeichen, ohne großen eigenenGehalt; sie
haben keine konkrete Bedeutung und beschäftigen weder die Einbildungs-
kraft, noch das Gemüt. So ist es erklärlich, daß beim Übergang zur Schrift-
sj)raclie die Flexionsformen der Mundart rasch und vollständig aufgegeben
1) cf. F trin, s. f. und aträ (Bernox) im „Bulletin" 1904, S. 36.
2) Die Formen bilden auch tür E. Kitter das Kriterium für die Unter-
scheidung von Schriftsprache und Mundart. Vgl. Documents de la Sociötö
d'liistoire et d'archöologie de Geneve T. 19, S. 12.
Das schweizerische Volksfranzösisch 729
werden und in der Volksspraclic nur geringe Spuren zurücklassen, die
librig-ens nach verhältnismäßig- kurzer Zeit verschwinden.
A. Verbjil formen.
I. Die Endungen.
Entsprechungsbewußtsein: Leichter noch als zwischen ein-
zelnen Lauten kommt ein Entsprechungsbcwußtsein zustande zwischen
Lauten und Laulgruppen, welche die nämliche Funktion bezeichnen. So
entspricht der Infinitivendung -a der Mundart im franz. -er < ?> : tsäta :
chanter: sa^tä rsauter; amdna lauienereta.; daher schließen sich alledem
Dialekt entlehnten Verba auf -a der franz. -er-Konjugation an : tsübrulä
(Gauchat : Patois de la Montagne neuchät.) : chambrouler (N) = balan-
cer; brcsola (Bridel) : br esoler (G, F, V) = griller; if;^/« (Bridel) : beder
(V) = rater, etc.
Desgleichen entspricht der Infinitivendung -I (der ersten Konju-
gation) das franz. -er : lesl = laisser, katsi = cacher, t3rt = tirer und
demnach : trotzig trotschi (Bridel): trocher (G) = taller; ra/onc7 (Bridel):
rafoncer (V, F) = precipiter le marc du cafö, etc.
In gleicher Weise besteht auch ein Entsprechungsbewußtsein für die
Partizipien, wie weit für die einzelnen Formen des verbum finitum,
namentlich für die lautlich so verschiedenen Formen des Imperfektum,
ist schwer zu entscheiden.
II. Einzelne Formen.
Als direkte lexikalische Entlehnung^) aus der Mundart oder als
Substitution einer Verbalendung 2) sind zu betrachten:
toussir (G, N, V), das gemäß dem mundartlichen iossi (Dict. sav.),
tsi (G), der -ir- Konjugation angehört. (Vgl. auch : Jaberg : Assoziative
Erscheinungen, S. 120).
s entu (G, N, V, Ceresole : Sccnes vaud. S. 42) = sentl ; dialektisch :
satii^ sein (vgl. die aus Dompierre [Gauchat], L'Etivaz, Diablerets,
Lej'sin, Blonay [Odin]. Vionnaz [Gillierou], Heiömenoe [Lavallaz]
zusammengestellten Formen bei Jaberg : Assoziative Erscheinungen,
S. 82, 83). Die mundartlichen Formen gehören zu einem Infinitiv 6ö^/'3*)
(Jaberg : loc. cit. 72), der in der Volkssprache ra. W. keine Spur hinter-
lassen hat.
repentu (G, N) = rei)enti; in der Mundart rapütil etc., nach
Jaberg, loc. cit., S. 82, 83, zu rdpätrd.
1) nach 1., S. 706.
2) nach 2., S. 707.
3) Dieses sätrd ist in der Mundart wohl erst unter dem Einfluß eines
primären satii entstanden.
730 Cl. Wißler
rizu = ri (G); in den Mundarten von Dompierre (Gauchat) und
Blouay (Odin) irizll, vgl. Jaberg : loc. cit., S. 78, 79').
Für falsche Analogiebildungen in der Volkssprache, unter-
stützt durch eine entsprechende Form in der Mundart^), halte ich:
eteindu = eteint (Monnet : Favey et Grognuz, S. 78), nach : atten-
dre : attendu, ötendre : etendu, etc. und dem mundartlichen dexedü in
L'Etivaz, dexodu in Dompierre (nach Gauchat), vgl Jaberg : Assoziative
Erscheinungen, S. 78, 79.
ils soustraisent (G, N, V) = ils soustraient, nons distraisons
(F, N, Pierrehumb.) = di-strayons; je traisais = je trayais (Pierrehumb.),
nach den Formen von taire, plaire und den mundartlichen trezd =
tirent, tr'^zä = tirons, trczotvo etc. = tirais (in Leysiu).
Bemerkung: Wie dieselbe analogische Form unabhängig
in Mundart und Volkssprache entstehen kann, lehrt das folgende
Beispiel: „mettu" statt „mis" sagen (nach einer Mitteilung von
Herrn Dr. F. Fankhauser) die Bauern des Val d'Illiöz, wenn sie fran-
zösisch sprechen; in der dortigen Mundart existiert „mettre" nicht, man
sagt butä. Dagegen kommt die Form trietii in der Mundart von Here-
mence vor, (vgl. Lavallaz, S. 242).
Zweifelhaft ist die Mitwirkung der Mundart bei der Bildung
folgender Formen: il aye (F), il aie'') < ey > iW^" Mussard : Petit-
Jean, S. 35, 41, 45 etc.), = il ait; il soie*) < sway > (ibid. S. 41),
= il soit; il äplway = il emploie, il krway =ils croient, il vway =
ilsvoient (in Lausanne); sie sind der 1. und 2. pers. plur. angeglichen. Vgl.
in den Mundarten : el eyd (Häfeliu : Neuenburg, S. 89), e shijd (Häfelin :
Neuenburg, S. 92), hy (Lavallaz : Hercmence, S. 245), hrayo = je crois,
kräyö = croient, vayö = voient. Derartige Bildungen finden sich auch
in Frankreich, vgl. „. . pur ko tu le soes [les ceux] ki krway ä
Iwi sway pa perdü, me pur k iz ey la vi eternel." in P. Passy:Les
sons du fran^ais, S. 166:3, Parisien populaire-).
Unabhängig von der Mundart ist die (auch in Frankreich vorkommende)
Bildung: je m'asseye (G, F, N, V), as seye- toi (M"»®. Mussard: Petit-
Jean, S. 19) s'asseyer (G, F, N, V). In der Mundart lautet das Ver-
bum s'assita (Bridel) oder (häufiger) aseta^). Desgl. ,;Je va t'apprendre"
1) Vielleicht hat sich rizu auch halten können, weil das entsprechende ri
als zu kurz, zu „zwerghuft" empfunden wurde!
2) Nach 4. S. 707.
3) Vgl. Atlas ling. die Karte n'aie pns (peur) (101), Formen ?y, ey etc.
4) Vgl. Atlas linj?. (Karte .'il7) z. B. Pkt. .f)l sey, Pkt. 937 .set/e, in Frank-
reich : Pkt. 251 sw.iy.
5) Risop zitiert (Zeitschrift für Rom. Phil. XXXI, S. 675, als Formen
aus dem Pariser Volksfranzösiscli : il asseye, il soye, ils voyent, eile aye etc.
6) Vgl. Atl, ling., Karte 1444 : assieds-toi : nsway — (Pkt. 903), asita — \vl
der Schweiz und die Karte s'aascoir (G2).
Das schweizerische Volksfranzösisch 731
(Conrthion : Sccnes val., S. 144). Die mundartlichen Formen vgl. bei
Jiiberg: Assoziat. Ersclieinungen, S. 58 ff.
Durch die größere Zahl der Verba auf -er, namentlich in Ab-
leitungen ist bedingt der Konjugat Ions Wechsel in empuanter (G)
für empuantir, faibler (G) für faiblir*) = ceder.
Infolge der Verwechslung eines seltenen Verbums mit einem
sehr häufigen sagt man in G, F, N, V recouvert für recouvrö.
B. Nomina und Adjektiva.
I, Die Bildung des Femininums.
Durch Entlehnung sind entstanden : vert, verde (N) : var, varda
(Häfelin : Neuenburg, S. 24). Vgl. auch ve, verda (Gauchat : Dompierre,
S. 34, Lavallaz : Heremence, S. 194).
bleu, bleuve (Peter : Cacologie) : ä/?«, bhwa (Bridel).
Als Analogiebildung, unterstützt durch die entsprechende Dialekt-
form halte ich:
pouliu: pouline (G), poulaine (G, V); in der Mundart :/;o/im,
'poltenna<i poie^ 2)otena'> (Dict. sav.); vgl. auch Atlas ling., Karte 1070.
Ohne den Einfluß der Mundart sind gebildet:
nine für naine (G, N, V) (angelehnt an voiöin, voisine, eine Bildung
des Femininums, die ungleich häufiger ist, als e-, -Qn).
enclinte für encline (G, F, N, V). Das Wort ist selten, besonders
das Femininum, dessen Bildung also unsicher. Wegen seines Präfixes
(en-) nähert sich enclin in seiner äußeren Gestalt (wie sonst kein Wort
auf •^) den Partizipien der Verba auf -eindre und -aindre fenceint, con-
traint, etreint, atteint, empreint) und entlehnt deshalb leicht deren
Femininum-Bildung.
Ahnliche Missgriffe sind perclus, perclue (N), camus, camue
(G). Bildungen -us, -use sind im Französischen viel seltener als -u, -ue
(exlu, exclue etc.). Auch die Mundarten schwanken zwischen -üsu und
-üva^ vgl. Jaberg : Assoziat. Erscheinung. S. 80 f. — saligaud -aude er-
scheint bei uns als saligot -otte: (G, F, N, V, St. Imier). Der Grund
ist nicht recht ersichtlich.
Das im Franz. unveränderliche Adjektiv capot bildet in der Volks-
sprache ein Femininum capotte (G, F, N, V).
II. Die Pluralbildung.
In der Mundart verändern die männlichen Substantiva ihre Form
zur Bildung des Plurals nie, vgl. Lavallaz (Heremence, § 350) und
Bylaud (§ 87). Der unbewußten Übertragung dieser Eegel auf die
1) Wenn faibler nicht einfach als Neubildung zu betrachten ist.
732 G- Wißler
Volkssprache verdanken ihre Existenz Formen wie „les gener ats"
[= gencraux] (Gorgibus-Cabotzet . ., S. 69). [Die Mundart kennt
überhaiiiit keine Wörter auf -al!]. Daneben hört man auch Singular-
formen wie le travau, le chevau, le journau, welche direkt die mund-
artliche Endung enthalten (vgl. /rayo bei Bridel, ho bei Häfelin : Neuen-
burg, S. 69).
III. Gesehleeht der Substantive.
Die Abweichungen der Volkssprache von der Schriftsprache er-
klären sich auch hier zum Teil durch den Einfluß der Mundarten und
zwar durch direkte Entlehnung und zum Teil durch Vorgänge, die
von der Mundart unabhängig siud^).
So werden als Feminina u. a. folgende Wörter gebraucht:
une lifevre (G, F, V, N); in der Mundart: laevra, s. f. (Byland,
§ Sin
la poison (G, F, V, W); in der Mundart : pwe<;5 (Byland, § 70).
une serpent (G, F, N, V, W), in der Mundart: serpe, s. f. (Byland.
§ 87);
la sable (F : Supplement), in der Mundart : saJ//a, s. f. (Bridel);
la dimanche (G, V, Courthiou : Sc val., S. 146); in der Mundart
dememtze^ s. f. (Bridel);
une saule (G, F, V); vgl. in der Mundart : saz^c^/a, sof?ee (Bridel);
les bagnes (N), s. f. = les bains, in der Mundart, baqne^ s. f. =
bain (Bridel);
la cheneau (N, V, Dupertius : Loc. vic), la chenä (G) = le cheneau,
in der Mundart : c/i'^'wa«/, tzenau, s. f. (Bridel);
iine noyere (F) = un noj^er; in der Mundart noylrd [neben
noyi] (Byland § 5); desgleichen in Auveruier poiriere neben poirier;
une coudre (ß. Morax : Dirne, S. 14), statt un coudre [Haselnuß-
strauch]; in der Mundart hUra, kwdm, ka°dra (H. Savoy : Flore romaude,
S. 141).
la minuit (G, F, N); in der Mundart la 7inne (Byland, Glossar).
Als Masculiua:
le poire (F, N, V) = la poire, in der Mundart : 2Ja?r9, s. m. (By-
land, § 87);
huile, 8. m. (G, F, V), in der Mundart: oiiillo, s. m. (Bridel), ityo
(Byland);
charpi, s. m. (G, N) = charpie, iu der Mundart : c/^er/;/, taerpi^
charpi^), s. m. (Bridel).
1) Vgl. zum Folgenden auch La vallaz: H6remcnce S. IflOund M. Gabbu d
et L. Gaucliat : Melanges bagnards I im „Bulletin" 1908, S. 3ff.
2) Vgl. Atlas liiig. Karte 7G9.
3) Vgl. sarpi, s. m auf der Karte 1495 äes Atl. ling.
Das sclnveizerische Volksfranzösisch 733
un noiiveau (G^ N, F, V) =: une iiouvelle, in der Mundart: novi,
nove, s. ni. (Pn-idcl).
Vgl. damit die Beispiele aus dem Schweizerhochdeiitscheii: der
Bank, das Teller, das Ort, das Bleistift.
Der Analogie verdankt sein Genus : le glu (G, V, N); es ist neben
bru das einzige Femininum auf -u im Französischen.
Missgriffe infolge Maiigeis einer festen Kegel, die das Geschlecht
aus der Form erkennen ließe, kommen vor bei seltenen Wörtern, wie :
un gau fre (F, N, V), un fibre (N), un purafe (^N), un glaire (G, N) etc.
Dasselbe gilt von den folgenden Beispielen; doch wird die Un-
sicherheit liier noch dadurch vergrößert, daß der vokalische Anlaut es
nicht gestattet, das Geschlecht weder an dem bestimmten Artikel (T)
noch an dem unbestimmten (an >ün) zu erkennen: une exercice (N), une
ongle, un entorse, une espace, un Image, un alcove etc.
la raille heißt in Neuenburg die Eisenbahnschiene (franz. le rail).
Das Wort kommt meist im Plural vor und selten mit einem Adjektiv
zusammen_, so daß sein Geschlecht aus dem jeweiligen Satzzusammen-
hang nicht häufig zu erkennen ist. Die weiblichen einsilbigen franz.
Substantive auf ay (-aille : cuille, maille, paille, taille etc.) sind zahlreicher
und werden häufiger gebraucht als die männlichen (auf -ail : ail, pl. aux,
bail, pl. baux, mail) und haben wohl deshalb das unter den männlichen
auch wegen seiner Pluralbildung fast isolierte rail zu sich herübergezogen.
Dritter Teil.
Wortbildung.
A. Zusamniensetzung.
Im Schriftfranzösischen sind zusammengesetzte Wörter selten; in
unsern Mundarten sind sie etwas häufiger, doch nicht so, daß ihre
Häufigkeit ein besonderes Merkmal des Fraukoprovenzalischen wäre.
Es ist also kein Grund dafür vorhanden, daß die Volkssprache an der-
artigen Bildungen besonders reich sei. Weitaus die meisten zusammen-
gesetzten Wörter in der Volkssprache sind als reine lexikalische Ent-
lehnungen aus der Mundart nachzuweisen.
In den meisten Fällen wird das Wort in seiner mundartlichen Form
herübergenommen, d. h. die einzelnen Teile werden nicht ins Franzö-
sische übersetzt, sondern nur dem franz. Lautstand angepaßt. Es wäre
aber falsch, anzunehmen, daß zur Zeit des Sprachwechsels das Wort in
allen Fällen nicht mehr als Zusammensetzung gefühlt wurde, oder
daß die franz. Entsprechungen der einzelnen Teile nicht bekannt waren.
Es scheint mir vielmehr, daß durch eine Übersetzung das W^ort seine
734 G. Wißler
Gestalt 80 stark verändert hätte, daß es nicht mehr ohne weiteres als
derselbe Typus gefühlt worden wäre und also wie ein besonderer Wort-
typus hätte dem Gedäclituis eingeprägt und mit dem Begriff und der
Vorstellung assoziiert werden müssen. In manchen Fällen mag auch
die Übersetzung als zu unfranzösisch vorgekommen sein, so daß man es
vorzog, den mundartlichen Typus als solchen beizubehalten,
Beispiele: mönet-etta, adj. (Bridel unter mo = mal):mauuet
(F) = sale; tiatsin (F) = ecorcheur') ist zusammengesetzt aus thia
= tuer und chem, üein = chien (Bridel); tintebin, vgl. S. 786;
traderan, vgl. S. 779; tirevougner, vgl, S. 810; pecosi^) (vgl. S, 748;
Bridel : />/Äro0ej übersetzte man mir in Epesses spontan mit piqu'-
oiseau [= primeverej; matafan [= „mäte- faim''] (Bridel): matafan
(V, G), mäte-faim (G) = Sorte de crepe [Krapfen] und in übertragenem
Sinne = lourdaud, belilre; tapaseillon, tapatoule, tirelignu
vgl, S. 138; tapagoia [= tape-etang] (Lavallaz : Heremence, S. 263):
tapegouille (W) = idiot. Nicht mehr als Zusammensetzung empfunden
wurden vielleicht petabosson, vgl, S. 827 [bosson = buisson (Bridel)],
und die dem Schweizerdeutschen entlehnten legrefass(S. 780) und peu-
glise (S. 786). Keine mundartliche Entsprechung habe ich gefunden für
un perd-temps (G, N) = tout objet qui invite ä perdre le temps".
B. Übergang in eine andere Wortart.
Hierher gehören on batzi (Bridel) : un baptise(N, F) = un bapterae
und la ros (L'Auberson, Waadt) : la rousse gewöhnlich pl:les rousses
(G, V, N) = Sommersprosse, franz, : tache de rousseur.
Nicht als Adjektiva gefühlt, aber adjektivisch gebraucht werden
in der Volkssprache Wörter wie: „misere" für „miserable", „verglas"
für „glissant" (Pierrehumbert), „coeur" für ,,charmant" (G): „Cet enfant
est coeur".
Vergeblich habe ich die mundartliche Form gesucht für mince
(Pierrehumb.) = menues brindilles; la claire (G), le claire (N) = en-
droit use d'un vetement.
C. Wortbildung durch Affixe.
Die Wortbildung durch Affixe ist das Gebiet des Sprachlebens, wo
selbst die Schriftsprache am meisten Veränderungen und Neubildungen
duldet. Um so größer ht die Freiheit in den Mundarten. Spontane
Neubildungen sind dort etwas dem Sprachbewußtsein durchaus Ent-
sprechendes und Normales. Es herrscht in der Mundart dieselbe Frei-
1) Bei Gorgibus : Fr6deri, S. 8, wird tiatsin mit „eouteau de poche"
übersetzt.
2) Mit pekozi bezeichnet man in Nyon die dauphineile des bl6s [Ritter-
sporn] (Bridel). — Vgl. prrkozi etc. auf der Karte primev^re (1092) des Atl. ling.
Das schweizerische Volksfranzösisch 735
heit, wie etwa im Altfianzösischen. Gewisse Affixe können fast ebenso
leicht an jedes Wort angeg-liedert werden, wie die Flexionsendungen
an jeden Verbalstaniui.
Durch Neubildimgcu lassen sich oft unbequeme und schwerfällige
Umschreibungen vermeiden und Nuancen ausdrücken, für welche der
Schriftsprache jede Bezeichnung fehlt. Es ist daher nur natürlich,
wenn das Volk bestrebt ist, die Bildungsfähigkeit der Mundart auf die
Schriftsj)rache (Volkssprache) zu übertragen. Dieser Tendenz ist die
Volksschule kein großes Hindernis. Sie kann auf die Wortbiidung-s-
lehre nicht viel Zeit verwenden. Die Schüler werden höchstens mit
den allgemeinen Erscheinungen, nicht aber mit den Einzelheiten bekannt
gemacht. Es hält auch schwer, ihnen begreiflich zu macheu, daß zwar
dieses oder jenes Grundwort zur Schriftsprache gehört, nicht aber dessen
Ableitungen. Die Schüler lernen also nicht, in jedem Falle zu ent-
scheiden, ob eine Ableitung nach dem allgemeinen Gebrauch der Schrift-
sprache gestattet ist oder nicht. Noch viel weniger werden sie nach
dem Austritt aus der Schule Ursache haben, darauf zu achten.
Da die Typen der Grundwörter und der Affixe im Frankoproven-
zalischen, im Altfranzösischen und in der heutigen Volkssprache Frank-
reichs vielfach dieselben sind, wie in unserer Volkssprache, so weist
diese letztere Bildungen auf, denen in den genannten Idiomen identische
Bildungen entsprechen, ohne daß man deshalb immer direkte Entlehnung
anzunehmen braucht.
Mit den obgenannten Idiomen sind der Volkssprache eine Reihe
charakteristischer Erscheinungen gemein :
1. Analogische Umbildung des Wortstammes der Ableitung nach
der Lautform des Grundwortes (in gelehrten Wörtern): arrierage (F)
nach arriere, sourdite (G,N, V) nach sourd; singuliarite (G, V)mich
singulier, enverjure (V, N) nach verge, apparution (G, N, F, V)
nach apparu, er er [aerer] (V) nach air.
2. Kegelmäßige Bildungen mit dem gewöhnlichen Wortstamm,
statt der unregelmäßigen (gelehrten) Bildungen : carole (von carreau)
= quadrille (Pierrehumb.), exprimatiou = expression (Gorgibus : Fre-
deri . ., S. 66), sugage = succion (Peter :Caco].) secouee (G, F, V) =
secousse.
3. Substitution eines Suffixes durch ein verwandtes, nach Analogie
ähnlicher Bildungen, liegt vor in pechier (G, F, N^ V) = pecher, nach
poirier, prunier etc.
4. Assimilation eines in der Volkssprache nicht bekannten franz.
Suffixes durch ein häufig vorkommendes rsalarde (F) = salade. Das
französische, dem Provenzalischen entlehnte Suffix -ade wurde nicht in
unsere Mundarten und zunächst auch nicht in die Volkssprache aufge-
nommen. Es existiert auch kein Entsprechungsbewußtsein zwischen -ade
736 G- Wißler
und dem etymologisch identischen -äi/d (repp. -ee), so daß es mit dem
lautlich ähnlichen -arde leicht verwechselt wird und dieses bei unge-
bildeten Leuten regelmäßig an seine Stelle tritt, sularde speziell lehnt
sich vielleicht eng an cougnarda (Bridel) rcouguarde (V, N) = raisine,
confitiire. Die Suffixsiibstitution findet schon im Patois statt, vgl. .sa-
larda^ lemonarda [limonade] (Lavallaz : Heremence, § 527), so daß
salarde eine lexikalische (Rück-) Entlehnung sein könnte. Wir finden
ähnliche Bildungen aber auch bei Wörtern, die kaum je der Mundart
angehört haben, wie bei barricarde (Nj. Vgl. auch: taillarder (G) =
tai Hader.
5. Ist ein Verbalstamm gebildet aus der engen Verbindung eines
Präfixes mit einem Wortstamm, der allein (ohne Präfix) nicht vorkommt,
so wird das verneinende Präfix de- ibezw. dis-) leicht dem ganzen
Verbalstamm, statt bloß dem eigentlichen Wortstamm vorgesetzt; des-
atteler (N, F : Suppl., Peter: Cacol.) = deteler (vgl. Godefroy, Littre),
desencombrer(G, F, N) = d6combrer (vgl. Littre : altfranz. und Chateau-
briand), desagrafer (F, N, V) = degrafer (vgl. Littre : mauvais
mot!), depersuader (F, N) = dissuader (vgl. Littre : St. Simon, J. J.
llousseau).
6. Die anlautende Silbe eines Wortes wird als Präfix betrachtet
und erhält die Lautform dieses Präfixes :soupoudrer (G, F, N, V) =
saupoudrer (als sous -\~ poudrer aufgefaßt).
7. Infolge von Präfixverwechslung wurde education zu inducation
(Gorgibus : Frederi . . .; S. 99), augelehnt an die zahlreichen Fremd-
wörter mit in- im Anlaut.
8. Durch Neubildung oder durch Verlust des Suffixes entstanden
die Formen •. eher che, s,f.(G,F,N)=recherche, von chercher aus gebildet
oder von rejcherche abtrahiert? [vgl. cerche = tournee, ronde(Godefroy),
en cherche de . . ., familiär, uaehSachs-Villatte]; m er ci er (Pierrehumbert)
= remercier [cf. mercier : Godefroyj. Der Mundart entstammt sHvra
(Bridel) :s'ivrer (G) = s'enivrer.
Eine falsche lUickbildung, unter Verkennung des Wortstammes, die
aber vielleicht aus der Mundart entlehnt ist, haben wir in tamer (F, V)
= retamer (G, V, F) [neben retamer (G, N)] minus re-, für etamer,
vgl. tama in der Mundart (Bridel).
Im Folgenden geben wir einige Beispiele für die Affixbildungen der
Volkssprache.
Das schweizerische Volksfranzösisch 737
I. Neubildungen.
1, Suffixbildungen *).
a) Substantive und Adjektive.
«) Die weiblichen Verbalsubstanti va, sind in unserer Volks-
sprache häufiger als im modernen Französischen. Sie sind wohl
zum Teil französische Archaismen und ersetzen die nicht volkstüm-
lichen franz. Bildungen auf -ation, -ement, -ure, wie une trouve (N)
= trouvaille, recouvre (N) = recouvrement, procure (G, F, N, V) =
procuration, consuIte(G,F,N,V) = consultation,in vi te(E.Rod: Luisita 2),
S. 62), couverte (G, F, W, V, N, Vallotton : Portes entr'ouv., S. 290) =
couverture, brise^)(G,V) = fragmentde chosebrisce, la crache*) (Pierre-
humb.) = salive; une ronfle (G) =toupie; la glisse (vgl. S.784); une
grouille(St. Imier) = une foule de. .; uneetouffe(Pierrehumbert)=une
personne agagante; une bouffe (Pierrehumbert) = partie du veteraent
qui boufie; une empoigne (Pierrehumb.) = poignee, anse, vgl. in der
Mundart inpougne, s. f. (Dumur); la coüte (La Chaux-de-Fonds) =
frais, depense. — Den Mundarten sind sehr wahrscheinlich ent-
lehnt: une bede = fissure, (G) cf. becla (Dict. sav.); la mouille =
humiditc (G, N, Peter : Cacol.), cf. moid < molte > (Dict. sav.) und
mollhe, s. f. pl. = pre marecageux (Bridel); la leve, les attaches, les
effeuilles vgl.S.778; riza^ s. f.(Bridel) : les rises^) (N,F,V) = eclats de
rire; morsa (Bridel) : une morse (G, Dupertuis) = une bouchee.
Als Beispiele männlicher Verbalsubstantive seien genanntem rem-
bours^) = remboursement (G, F, N; V), gel=gelee (G,N), le tremble =
frisson*) (G, N); un encave (N) = encavement; lecrü(G; V)=la crois-
sance etc.
Zu den fruchtbarsten Suffixen der Volkssprache gehören:
ß) -ee^). Dieses Suffix dient wie die franz. -ade und -ement, die
es häufig vertritt, dazu, eine zeitlich näher bestimmte Handlung zu
1) Über Suffixbildungen, deren Suffixe als lautliches Symbol für einen
Gefühlswert betrachtet werden können, vgl. S- 813 ff.
2) In Nouvelles vaudoises; Lausannne (Payot) 1903.
3) Vgl. zu diesen Wörtern: trueve, s. f., recovre, procure, brise, (Gode-
froy); consulte (bei Scarron), invite (term. techn. des Kartenspiels), couverte
(Militärsprache), brise (eclats de menuisiers) bei Littre; coveirta (Bridel), briaa
(Dict. sav.).
4) Vgl. das Wort bei Godefroy.
5) Vgl. ital. le risa.
6) Vgl. hiermit: rembours bei Cotgrave (nach Godefroy), gel, tremble,
bei Littre und räbü in der Mundart des Val d'llliez.
7) Über die Aussprache dieses Suffixes vgl. S. 741; über die der Mundart
entlehnten Suffixwörter auf -ee siehe S. 742.
Romanische Forschungen XXVII. 47
738 G. Wißler
substantivieren oder einen Kollektivbegriff anzudeuten. Es kann fast
an jeden Verbnlstamm gehängt werden und muss im Französischen oft
durch Umschreibungen wiedergegeben werden: poussee (N, V) =
pousse d'une plante (vgl. Byland § 110 : pusäye)-, videe = action de
vider (G, N, V), vgl. ouedahie (Bridel); une crachee [de neige]
(G, V, N) = une petite quantite, vgl. cra/sc/za/e (Bridel); pipee, (F, N,
Dupertuis : Loc. vic.) = contenu d'une pipe, vgl. -püpayd (Gauchat :
Dompierre, §2); hurlee (Dupertuis : Loc. vic), vgl. das Wort bei Gode-
froy; craquee(N)=craquemeut; miaulee(N) = miaulement; sanglee
(Dupertuis : Loc. vic.) = sanglade; filee (G;N) = file; enfilee(G, F, N)
= enfilade; trottee (G, F, N, V) = trotte; secouee (G, F, V) = se-
cousse; rechignee (G, F, N) == rechignement; piaillee (F, V, N) =
piaillerie, etc.
y) -age. Durch dies Suffix wird eine Tätigkeit au und für sieh,
ohne zeitliche Bestimmung, substantiviert oder ein Kollektivbegrifi an-
gedeutet. Es vertritt häufig die in der Volkssprache unproduktiven
franz. Suffixe -ement und -erie, vgl. encavage (G, F, V, Feter : Cacol.)
= eucavemeut; affranchissage (G, N^ V, F, Peter : Cacol.) = affran-
chissement; chuchotage(G,F,N,V) = chuchoterie, chuchotement; coif-
fage (N)=coifl"ure; cancanage(V,]S[)=cancan; profitage(G) = profit;
nappage (G, N, V,F : Suppl.) = linge de table, sugage (vgl. S. 735) etc.
ö) Von anderen Bildungen seien erwähnt : 1 o i n t e u r (G) = eloignement,
distance; enrouure (G, N, V) = enrouement; copieur (F) = copiste,
tapisseur^)(G)=tapissier; assassincur(Peter : Cacol. ) = assassin; to-
queur (R. Morax : Dirne, S. 137) = celui qui trappe; rechigneur (N) =
homme quirechigne; taxeur (Dupertuis:Loc. vic), accompagneur (V),
dessineur (N), statt taxatcur etc. ; rancuneux'^) (N) =rancunier; co-
lereux^)(F, N) = colcrique; euvironnier(]S[) = habitant des environs;
matinier (G)=matinal(vgl. wa^ewa/, Bridel) ; p runeaulier, vgl. S.769;
beurriere, vgl. S 798; cadenatiere (G, V) = charniere; huiliere(N)
= huilerie; relationne (Gj, adj. = qui a des relatious.
Pejorativ : avocatou (G) = mauvais avocat, bonbounaille (N) =
boubons, sens pejoratif. Diminutiv : lauget (N) = petit lange.
b) Verba.
Von Substantiven abgeleitete Verba : r e t a 1 o n n e r (F; N, V) = remettre
de nouveaux talons ä des bottes, vgl. rctalouna {V>x\^q\)-^ etre bise (G,
N, Dupertuis : Loc. vic.) = etre assailli par la bise, vgl. bisä (Bridel);
se honter^) (F) = avoir honte [sieb schämen]; s'aiser^) (V) = se
faciliter [?], vgl. s'aisi (Bridel); flamraer') (G, V, Peter : Cacol.) =
1) Vgl. diese Wörter bei Godefroy.
2) Nach Sacli8-V. : populär !
3) Vgl. se honter, s'aisier, flanier, bei Godefroy.
Das schweizerische Volksfranzösiach 739
flauiber, vgl. hllamma (Bridel) ; con fusiouiier(G) = rcndre confus (nach
Saclis-V. selten!); jointcr(V)=joindre; planeher, v.a. (G) = g-arnir de
plant'hes (bei Sachs-Vill. mit audcrcm Sinn) ; ensourder iN, Pierrehumb.)
= assourdir; rechuter')(G, Pierrehumb. )=avoirunerecliute; rater(G) =
prendre des rats, vgl. in der Mundart rr/^a (Dumur); peintrer = pein-
dre (ef. Vallottou : Portes entr'oiiverteS; S. 208) bouchonner (F) =
boucher; mietter (F, V) = emiettcr; bouer(G, V, Peter : Caeologie) =
crotter; gueuser (,G, N) v. n. = se conduire mal; ligner (un cuhier)
= regier (V, F, N); miser (G, F, N, Dupertnis : Loc. vic.) = encherir,
vgl. in der Mundart: misn (Conteur vaud.).
Von Verben der Volkssprache mit eigentlicher Suffixbildung kenne
ich fast keine, die sich nicht auch in der Mundart nachweisen lassen:
disputailler(F) kommt auch in Frankreich vor (vgl. Littre); i)intailler
(W) bedeutet: sich in den Wirtshäusern herumtreiben; neigeotter(G, N)
=neiger un peu, vgl. uedzota (Gauchat : Patois duVal dePuz); nageotter
(G) = nager avec difficulte, in der Mundart :w(7rf.2;ote (Dumur); risotter
(N) = sourire, in der Mundart rizotä (Conteur vaudois); pleuvotter^)
(La Chaux-de-Fonds) = pleuvoir par gonttes menues; toussiller (G)
= toussoter ; t o u r n i q u e r ( V), t o u r n i c o t e r (G) = tournailler ; r o n g i 1 1 e r
(G, N); rondziller (F) = ronger legerement; bougiller S. 799.
2. Präfixhildungen.
a) Unter den Präfixen der Volkssprache ist am fruchtbarsten re-,
das man jedem Verbum vorsetzen kann; der Franzose muß es meist
durch das unbequeme „de nouveau'' umschreiben, vgl.: ranter^j des
bas (N) = enter, rallerO(F, V) = aller de nouveau, refalloir (G, F, N)
= falloir de n., rarranger (G, F, N, V) = arranger de n., redecider
(Pierrehumb.) = decider de n, raccompaguer (Dupertuis : Loc. vic.)
= accompagner de n., rcfrissonner (K), se renrhumer (N), renrouler
(Pierrehumb.), rogmenter (Pierrehumb.) = augmenter de nouveau, se
replaire = se plaire enormement (Pierrehumb.); ilestreloin == . . . de
nouveau parti (F, N).
ß) In der Volkssprache hat, wie in der Mundart, das Präfix oft den
Zweck, den Begriffsgehalt des Grundwortes zu verdeutlichen.
So drückt schon das oben angeführte renterdenBegriff viel deutlicher aus,
als das franz. enter. Ähnliche Beispiele sind: debattre des oeufs (F, V) für
battre desceufs, vgl. debattre, v. a. bei Bridel im Sinne von: briser le caille
1) Nach Sachs-V. bei George Sand.
2) Daa Patois wort ist: plovigni (Bridel).
3) Vgl. reuter bei Rob. Estlenne (nach Godefroy) und reintä (retä) in der
Mundart des Vuilly.
4) Nach Littre : populär.
47*
740 G. Wißlei'
dans la chaudiere; decesser (G, F, V, Peter: Cacol.) = cesser, vgl. das
Wort bei Sachs und decession bei Godefroy; debriser (N) = briser;
debranclier (Pierreh umb.) = ebraneher; dctriper (Pierrehumb.) =
etriper; degreuer (Pierrehumb.) = egrainer; demoustillö (N) = emou-
stille; devers präpos. = vers (nach Sachs veraltet). — accomparer
ä (G) = comparer; aboucler^) (G) = boucler; agaffer (G) = gaffer,
vgl. aga/ä (Byland : Glossar, Dict. sav.); apreter (F) = ])reter.
y) a-: Nicht immer läßt sich die Bildung eines Wortes mit diesem
Präfix in der eben angedeuteten Weise erklären. Bei s'assouvenir (F)
und agoüter (G) [vgl. agouster : Godefroy, ogotä : Dict. sav.] könnte man
an eventuelle Verbindungen wie „se souvenir a qch"; „goüter ä qch."
denken, doch habe ich keine Belege dafür gefunden. Eine derartige
Erklärung ist aber unmöglich für acraser (G, F, N, V) = ecraser,
raboutonuer (G) = reboutonner, agracier(F) = gracier [vgl. das Wort
bei Godefroy für favoriser]. Lavallaz (Heremence, §542) sagt in Bezug
auf das Präfix a- in der Mundart: „La siguification originaire du pre-
fixe s'est eflacee". „a, prefixe patois, s'est place devant des . . . verbes
assez capricieusement ou parait s'etre substitue ä d'autres prcfixes,
surtout ä ex-". Wie wenig auch diese Erklärung befriedigt, so bleibt
uns doch nichts anderes übrig, als sie vorläufig gelten zu lassen und
ähnliche Tendenzen auch in der Volkssprache anzunehmen.
IL Entlehnungen.
Wie bereits bemerkt ist es nicht immer möglich, Entlehnungen
aus der Mundart und Neubildungen von einander zu unterscheiden. Mit
ziemlicher Wahrscheinlichkeit läßt sich jedoch Entlehnung annehmen
für die Bildungen, deren Grundwort mundartlich ist, wie fürboquenet
(S. 836), granet (S. 43), deren Suffix in der Volkssprache nicht pro-
duktiv ist, wie für pendeau (vgl. S. 799), für Bildungen, die sehr ver-
breitet sind, wie niouille (vgl S. 737) oder die eine spezielle Be-
deutung angenommen haben, wievergillon (vgl. S. 742), bravet (vgl.
S. 836) etc.
Über die Wortbildung in den frankoprovenzalischen Mundarten vgl.
Lavallaz : Heremence (§§ 497— 547) und Byland (§§ 110—112). Die Ent-
lehnung mundartlicher Affixbildungen wird von denselben Umständen
begünstigt, wie die Neubildungen der Volkssprache, vgl. oben (S. 7850".).
Über die Gründe zur Beibehaltung speziell der diminutiven und pejo-
rativen Suffixwörter, vgl S. 8130".
Bei der Entlehnung der Suffixwörter und Präfixbildungen wieder-
holen sich dieselben lautlichen Vorgänge, die wir schon in der Phonetik
1) Vgl. das Wort bei (Jodefroy.
Das schweizerische Volksfrauzösisch 74 1
kennen gelernt haben^ soNvohl am Stamm als auch an den Affixen.
Deren Typen sind in beiden Idiomen fast ohne Ausnahme dieselben.
a) Durch Übertragung mundartlicher Sprachgewohnheiten
erleidet z. B. das franz. Suffix -ce lautliche Umgestaltungen. In der
Mundart ist das entsjirechende -aye zweisilbig mit hiatustilgendcm y^).
In der Volkssprache, besonders auf dem Lande, sind beide Sprach-
gewohnheiten, oder nur die eine, beibehalten worden und das Suffix
lautet -eya oder -ea; in der Stadt hört man dafür meist ^.
b) Die Häufigkeit gewisser Affixe und die Identität ihrer Bedeutung
in Mundart und Schriftsprache erleichtern eine enge Assoziation der
beiden Modifikationen eines und desselben Affixtypus und die Entstehung
eines Entsprechnngsbewußtseins, nach welchem die mundartlichen
Affixbildungen in der Volkssprache umgewandelt werden. So entsprechen
sich das mundartliche Suffix -a« («C-ariu) und das franz. -ier in ovra^ :
ouvrier, mö??«« : meunier, i^.sayra« : chevrier, pa;;«'' : papier, /joto®: potier
etc. (Vgl. Byland, § 5, Odin : Phonologie § 35). Daher erscheint auch
imta^-) (Gauchat : Dompierre S. 20) als pattier (N, F) = chiffonnier.
Dem mundartlichen Suffix -9na entspricht das franz -ine, in
famdna : famine, vdZdTia : voisine (Odin : Phonologie § 63), ra&diia :
racine, kuzena : cuisine (Gauchat : Dompierre, § 50); in der Volkssprache
lauten demnach : iupdna (Byland, § 86) : toupine (G, F, N, V) = cruche,
pot; kurtena (Byland, ibid.) : courtine = fumier; kramdTta : ct am\UQ ,
vgl. S. 820.
Das franz. Präfix en- (ä) entspricht einem mundartlichen e in eddra :
endurer, efornci : eufourner, eplyeyi : employer etc. (Odin: Phonologie, lexi-
que): daher in der Volkssprache : (?m^e^scÄ/ (Bridel) : entecher (V) =
entasser; eingreindji (Bridel): engriuger (N) = mettre de mauvaise
humeur; emmoder, vgl. S. 822, embaumer, vgl. S. 818 etc.
Das einzige mundartliche Suffix, das in der Schriftsprache nicht
(mehr) existiert ist -a/v (^= -ator), dessen Anwendung in der Mundart
beschränkt ist, vgl. Lavallaz : Heremence, § 518, Byland, § 110 a^).
In die Volkssprache wurde daher das Suffix als solches nicht herüber-
genommen und in den wenigen Lehnwörtern, welche es enthalten,
wird es vielfach als das in der Volkssprache homonyme franz.
Suffixe -ard angesehen, vgl. : molard (N, F) : molare (Byland, § 110a) =
1) Vgl. Byland, § 110, 2, o, ß, Gauchat : Dompierre § 2, Lavallaz : Here-
mence, § 514.
2) Vgl. pata« auf der Karte chiffonnier (1501) des Atl. ling.
3) Prof. Ganebat (, .Bulletin" I, S. 5) gibt die Zahl der ihm bekannten
Suffixwörter mit -are auf einige sechzig an; ob nicht mehrere davon den Bildungen
des Suffixes -ard beizuzählen sind, wie etwa die angeführten pli/orär, ro^.ar?
742 Ct. Wißler
^mouleur; braDdard(N) : brctäre^) (Byland, ibid.); vielleicht gehört hier-
her auch cibare, vgl. S. 790.
1. Safftochildungen.
a) Substantive und Adjektive*).
a) Die in unserer Volkssprache gebräuchlichen verkürzten Ad-
jektiva sind nicht nur in unseren Mundarten, sondern z, T. auch in
gewissen französisclien Dialekten verbreitet : em^/o (Bride!) : eufle^)
(G, F, V, W, N, Vallofton : M. Potterat, p. 220), und boreinfllo (Bridel):
bourenfle (G, F, K, V) =enfle; goyißo (Dict. sav.) [vgl. gonhllo = ma-
ladie des vaches, Bridel] : gonfle 3) (G, F, N, V, W) = gonfle; uso
(Dict. sav.) :use^) (G, N, V) = use; trempe (G, F : Supplement, N, Cere-
sole :En cassant, S. 56) = trempe; chappe, echappe^) (F) = echappe,
quitte; trape^) (G) = trapu, vgl. trdpo in der Mundart von Estavannens
(Gruyere) ; Bridel verzeichnet trapu.
ß) - ce^) :ramenäya (Bylaud, § 110):rameuee (Pierrehumb.) und
ra^^asay^ (Byland ibid.) : repasse e (Pierrehumb.) = uue volee de coups;
trälee, charoupee, ramel^e, embardoufflee, ouichtee, pon-
cenee, etraclee, recaffee, vgl. 821 und 822.
y) Andere Bildungen : thiolaira (Bridel) : tuiliere'') (G, F, N, V) :
tuilerie; bouchere, vgl. S. 100; drapeau^) (F ; Suppl.) = lange, vgl.
drapala, s. f. (Bridel); pendeau, vgl. S. 799; sapelle') (F, V) = petit
sapiu, vgl. sa/>a//a( Bridel); atson, atscJion (Bridel) : hachon (G) =hache;
bourlon ^Bridel) : brülon (F, N, V, Peter : Cacol.) = goüt et odeur de
brüle; mollhon (Bridel) : moui Hon (F, V) = humidite.
d) Diminutive*); verdjillon (Bridel) : vergil Ion (G) = petite verge
ajoutee k la ligne du pccheur; guetthon (Bridel) : guetton (G, F, N, V) =
petiteguetre; rongeon,rongillon,bontillon, vgl S.799;/«<»'e^(Bridel):
fumet (G, N, V, Peter : Cacol.) = fnmeron, tison qui fume; hrasetta
1) Vgl. Gignoux IV, 6 : bretar, hrädar etc.
2) Über die den Mundarten entlehnten Verbalsubstantiva morse, bede,
monille, leve, attachcs, efli'eiiille, vgl. S. 737.
3) Vgl. enfle, gonfle bei Godefioy; cnfle {cfle, anfle), gounfle, usc bei
Mistral; gnfy bei Roussey. Über gonties s. f. pl. vgl. S. 768.
4) Vgl. escap, escape bei Mistral.
5) Vgl. trape bei Godefroy.
G) Zahlreiche Beispiele aus der Mundart in Tapp ölet: Les cxpressions
ponr „une volee de conps" im Bulletin du Glossaire 190G, S. 3 ff. — Neubildungen
in der Volkssprache, vgl. S. 737.
7) Vgl. bei Godefroy: tieuliere, drapel (^ vetement, chift'on), sapel.
8) Die Diminutive in den Mundarten der Waadtländer Alpen behandelt
Isabel im „Bulletin" 1901, S. il ft'.
Das schweizerische Volksfranzösisch 743
(Bridel) : braisette (V, Pierrelmmb.) = meinie braise; grillet, grellct
(Bridel,Dumur) : grillet(G,F,N,V,W)=:gTiIlon; grcniet{V>x\(\Q\) : g-ranet
(F, V) = petit graiu; paneir {},\m\Aix\'i von Esttivaiinciis) : paneret^) (F)
= petit panier; ^Jor/e^/a (Bridel) : portette (N, V)= petita porte prati-
qiiöe au fond d'untonneaii: r atel et (V, F : Supplement, Pienehumbert)
=; ])etit raleaii, vg-l. in der Mundart ratalct in der Bedeutung : carrc de
mouton, baut cote (Bridel, Dumur); boquenet, vgl. S. 836; grosset^)
(Bridel) : grosset (G), adj. = un peu gros; risolet, bravet, vgl. S, 83G;
petiot, vgl. S. 835.
Verba.
Von Substantiven abgeleitet : (hnragni, iragni (Bridel) : ebaragner
t G) aragner^ (V) =üter les toiles d'araignees; äoAs(??/7 (Gauebat : Patois
de hl Montagne neuchäteloise), butseyt (in Leysin naeb Jaberg : Assoziat.
Ersch., S. 27) : boucboyer (N, Pierrehumb., Peter : Caeol.) =: tuer uue
bete; ckota (Dict. sav.) : 6coter (G) [von ly'Ao^ (Bridel) : ecot (G) = petit
niorceau de bois sec| = ramasser du menu bois; dezudanyi (in der
Mundart von FreiburgundWaadt, nach E. Tappoletrandain, im „Bulletin"
1908, S. 13) : desandagner (Pierrehumb.); potter (Pierrehumb. \ vgl.
potahi, poteihi (^v\Aq\) ;= faire la moue, [von potta rpotte, vgl. S. 832]:
repochonner(G), \^\.potzounc(hie,sA. = (io\iitVL\\ d'un ,,pochon"\Bridel)
[von pof^on : pocbon, vgl. S. 797]; s'endioter (G) = s'empetrer |von
diot, 5r;</o^ (Bridel) : diot (G; V) = argile] ; bonner, vgl. S. 779; bour-
reauder, vgl. S. 806.
2. Pi'äflxblldungen.
a) Begriffliebe Verdeutlichung*: s^espirä (Lavallaz: Here-
mence) : s'ensauver (Vallotton : Mr. Potterat . . ., S. 255); s'mieyl (in
L'Etivaz, nacb Jaberg : Assoziative Erscbcinuugeu, S. 26) : s'ennoyer
(F) = se noyer; doufä (,Dict. sav.):d6ter^) (G) = öter; f/fsse'/;arä (Bridel :
desseparer (F) = separer.
ß) Für die Überwucherung des Präfixes a-«) siehe folgende Bei-
spiele : a/i:?/^/a( Bridel), acuIä(D\Qi. sav.):acculer'j (G,N,Peter:Cacol.) =
eculer (les souliersi; ratigni (Bridel) :ratenir*j (G, F, N, V) = retenir.
1) Vgl. das Wort bei Godefroy.
2) Cf. grosset bei Godefroy und Sachs-V.
3) Bescherclle verzeichnet das Verb araigner.
4) Vgl. S. 739.
5) Vgl. dustar (r.ätorom.) = abwehren (Körting) und Atl. ling. Karte
ote (956).
6) Vgl. S. 740.
7) Verwechslung mit franz. acculer liegt wohl kaum vor; vgl. im übrigen
das Wort bei Kabelais, nach Godefroy.
8) Vgl. ratenir bei Godefroy.
744 G. Wißler
Vierter Teil.
Lexikologie.
Unter allen Abweichungen der Volkssprache der welschen Schweiz
von der französischen Schriftsprache sind am auffälligsten die den
Wortschatz betreffenden. Hier ist der Einfluß der frankoprovenzalischen
Mundarten am offenkundigsten. Eine große Anzahl Dialektwörter aus
allen möglichen Begriffsgebieten leben im Volksfranzösischen als Pro-
vinzialismen weiter. Daß ein so weitgehender Einfluß möglich war, ist
in erster Linie den auf S. 709 ff. geschilderten Schul- und Verkehrs-
verhältnissen zuzuschreiben. In zweiter Linie liegen die Gründe
zur Beibehaltung der Provinzialismen in gewissen speziellen Eigen-
schaften dieser Wörter selbst, wie ich im zweiten Abschnitt (B) dieses
Teiles nachzuweisen suche.
A. Allgemeines^.
L Kapitel:
Die Erlernung des Wortschatzes überhaupt.
Bei der Erlernung einer Sprache bereitet am meisten Schwierig-
keiten und erfordert die größte Anstrengung die Aneignung ihres Wort-
schatzes. Die Zahl der Elemente, aus denen dieser zusammengesetzt
ist (der Wortstämme, Endungen und Affixe), ist unvergleichlich viel
größer, als die Zahl der Laute, der Formen oder selbst der syntaktischen
Erscheinungen.
Uns ein neues Wort mit seiner Bedeutung so zu merken, daß wir
es unter allen Umständen willkürlich reproduzieren können, ist eine
Aufgabe, die eine gewisse psychische Anstrengung erfordert und die
wir nicht auf einmal bewältigen können^). Die Größe der psychischen
Anstrengung hängt, außer von dem Wesen des neuen Wortes selbst,
besonders von den Umständen ab, unter denen wir es hören :
1. Stehen unsere Sinne unter dem unmittelbaren Eindruck
des Gegenstandes, den das zu erlernende Wort bezeichnet, so daß
wir uns ein klares Bild von ihm macheu und es uns einprägen
können, so kommt eine enge Assoziation des Lautbildes des Wortes
mit der Vorstellung des Gegenstandes zu stände, zufolge deren das
Wort durch den entsprechenden Sinneseindruck oder die entsprechende
Vorstellung leicht reprozudiert wird (und umgekehrt die Vorstellung
1) Einerlei, ob das Wort der Muttersprache oder einer fremden Sprache
angehört.
Das schweizerische Volksfranzösisch 745
durch das Wort). Das Wort bleibt so viel fester im Gedächtnis haften,
als wenn es nur durch abstraktes Denken mit dem Begriff" assoziiert
worden wäre.
So merken wir uns den Namen einer Pflanze leichter, wenn wir
sie g-enau betrachten können, als wenn sie uns bloß beschrieben wird. —
Die Bezeichnung für einen bestimmten Maschinenteil wird uns erst
dann sicher im Gedächtnis bleiben, wenn wir dessen Funktion mit
eigenen Augen haben konstatieren können. — Den Namen einer be-
stimmten Ortschaft, eines bestimmten Berges werden wir weniger leicht
vergessen, wenn wir über dessen Lage, wenigstens auf der Karte,
orientiert sind, ii. s w. Daher erinnern wir uns auch im allgemeinen
besser der Bezeichnungen für konkrete Gegenstände als derjenigen für
abstrakte Begriff"e, zumal wenn diese Bezeichnungen Fremdwörter sind,
die — bei dem Laien wenigstens — ein Mitspielen auch von Nebenvor-
stellungen ausschließen. Man vergleiche Brot, Haus, Hammer, — Auf-
gabe, Verständnis, Begründung — Apperzeption, Modalität, Meto-
nymie.
2. Von allen Gegenständen und Handlungen machen diejenigen
auf unser Gedächtnis den größten und nachhaltigsten Eindruck, die
durch einen heftigen Reiz auf die Sinne unsere Aufmerksamkeit,
unser lebhaftes Interesse wecken oder heftige Gemütsbewegungen
— Lust- oder Unlustgefühle — in uns hervorrufen. Die Bezeichnungen
für derartige Gegenstände assoziieren sich nicht nur mit dem Begriff"
und der entsprechenden Vorstellung, sondern gewissermaßen auch mit
dem Aff"ekt selbst, so daß gleiche oder ähnliche psychologische Be-
dingungen (zugleich mit der Vorstellung des Gegenstandes) das Wort
zu reproduzieren vermögen. Wir können auch bewußt uns entfallene
Wörter wieder ins Gedächtnis zurückrufen, wenn wir uns in die Stim-
mung zurückdenken, in der wir sie einmal gehört. Andererseits
können gewisse Wörter, die wir, selbst nach lauger Zeit, vvi§der
hören — wie übrigens auch gewisse Gehörs-, Gesichts-, Tast-, Geruchs-
oder Geschmacksempfindungen — uns in eine frühere Stimmung zurück-
versetzen und mittelbar eine Reihe realer Nebenumstände in die Erinne-
rung zurückrufen, die die Stimmung oder Gemütsbewegung begleiteten.
So ist das Wort direkt oder indirekt mit einem ganzen Ereignis, mit
einem Erlebnis verknüpft.
Vermag auch nicht jedes Wort uns spontan an ein bestimmtes
Erlebnis zurückzuerinnern, so liegt doch in solchen Erlebnissen die
Grundbedingung dafür, daß wir ein Wort leicht im Gedächtnis behalten.
Vgl. die oben angeführten Beispiele und die folgenden:
Hat ein Kind einmal eine Apfelsine gekostet, so wird es deren
Namen nicht so leicht wieder vergessen, als wenn man sie ihm nur
gezeigt hat, um botanische Belehrungen daran zu knüpfen. — Ist das
746 ^^- Wißler
Kind von einer Wespe gestochen worden, so wird es sich des Schmerzes
noch lange entsinnen und sich zugleich mit der Vorstellung von dem
Wesen des bösen -kleinen Insekts auch dessen Namen ins Gedächtnis ein-
prägen. In derartigen Fällen geschieht das fast ohne jede geistige Arbeit.
3. In anderen Fällen, wo die Gemütsbewegung weniger heftig, der
Gegenstand weniger sinnfällig ist, prägt sich das Wort erst genügend
fest ein, wenn sich mehrere Erlebnisse daran knüpfen. Je häufiger
dies geschieht, desto besser haftet das Wort.
Erst durch wiederholtes Erleben kann uns Sinn und Tragweite
eines Wortes genauer klar werden. Aus der Summe der Erlebnisse
ergeben sich für uns \. seine Grundbedeutung, 2. sein Bedeutungs-
umfang, d.h. die Gesamtheit der Fälle, in denen das Wort im eigent-
lichen oder im bildlichen (übertragenen) Sinne gebraucht werden kann,
3. sein Vorstellungswert'), d. h. die dominierende Vorstellung und
die Nebenvorstellungen, die gewöhnlich mit ihm assoziiert sind, und
4. sein Gefühlswert^), d. h. der aus den einzelnen, mit dem Worte
verknüpften Gefülilsbewegungen sich ergebende mittlere Stimmungs-
gehalt. — Da die Erlebnisse von Mensch zu Mensch ins Unbegrenzte
variieren, so sind die von einem jeden erlebten Wörter nie absolut die
nämlichen und so ist die Bedeutung der einzelnen Wörter nicht für
zwei Individuen ganz identisch. So hat schließlich jeder Mensch, trotz
der allgemeinen Übereinstimmung innerhalb einer Sprach- und Kultur-
gemeinschaft, seinen eigenen und individuell gefärbten Wortschatz.
Wir können also, nach dem Vorausgehenden zusammenfassend be-
haupten :
Je anschaulicher und intensiver der Gegenstand auf
unsere Sinne wirkt, je größer das Interesse, das wir ihm
entgegenbringen, je stärker die Gemütsbewegung, die er in
uns auslöst und je häufiger die Erlebnisse, die sich an den-
selben knüpfen, desto leichter werden wir das ihn bezeich-
nende Wort behalten.
Sollen wir uns nun für ein und denselben Begriff neben einer
ersten, schon bekannten, eine zweite Bezeichnung zu eigen machen und
zwar so, daß diese, ebensogut wie die erste, spontan reproduziert
werden kann, so muß — wenn wir das neue Wort hören - der Gegen-
stand ebenso mächtig auf unsere Sinne wirken, müssen Interesse und
Gefühl ebenso stark angeregt und die Erlebnisse ebenso zahlreich sein,
oder die psychische Anstrengung muss erhöht werden. — Soll das neue
Wort das alte ganz aus unserem Gedächtnis verdrängen, so müssen
alle diese Umstände für die Aneignung des Wortes noch weit günstiger
sein oder wir müssen unser Gedächtnis noch mehr anstrengen.
1) Vgl. über diese Begriffe die S. 700 genannte Arbeit von K. Erdmann.
Das schweizeiisclie Volksfranzösisch 747
II. Kapitel:
Die Erlernung des seliriftspraclilichen Wortschatzes in der
Volksschule ').
Den Wortschatz einer fremden Sprache, in unserem Fall speziell
der Schriftsprache, eig-uen wir uns in der Schule nicht in gleicher
Weise an wie den der Muttersprache. Diesen erwerben wir auf Grund
eig-ener Erfahrung und im fortwährenden Kontakt mit den Gegenständen,
Die Anschauung ist immer eine lebendige und das Gemüt stets mehr
oder weniger beteiligt. Der Wortschatz der Muttersprache ist also im
Wesentlichen erlebt. — Der Betrieb der Schule, wo die meisten unserer
Schuler die Schriftsprache und die fremden Sprachen erlernen, schließt
ein solches „Erleben" des Wortschatzes aus. Es ist unmöglich, den
■ Kindern alle Gegenstände vor Augen zu führen. (Abbildungen sind
ein ungenügender Ersatz dafür und werden noch zu selten benutzt.)
So wird das Interesse der Schüler nicht genügend geweckt, sein Gefühls-
leben fast gar nicht angeregt. Oft weiß auch der Lehrer das Interesse,
das die Schüler von sich aus gewissen Gegenständen entgegenbringen, nicht
genügend auszunützen. So kostet es manchen Schulmeister nichts, im
Winter, wenn Stein und Bein gefroren ist, die Kinder über die Obst-
bäume zu unterhalten oder im Sommer, wenn auf dem Felde gearbeitet
wird, die Schüler mit dem Thema „Heizeinrichtungen" zu laugweilen. —
So ist der Lehrer meist genötigt, die Wörter der Mundart durch die der
Schriftsprache zu tibersetzen und die neuen Ausdrücke au Vorstellungen zu
knüpfen, die den Kindern nicht zum vornherein lebendig sind und an Gegen-
stände, die nicht im Vordergrund ihres Interesses stehen. Nach dem
S. 746 Gesagten werden wir uns nicht verwundern, daß sich die
Schüler die neuen rein verstaudesmäBig erlernten Wörter nur mühsam
und unvollkommen aneignen und sie rasch wieder vergessen. —
Auch die künstlichen Mittel, weiche die Schule oft anwendet —
Zusammenstellung der Wörter nach Synonymen, Homonymen, Be-
grifisgruppen etc. — erleichtern das Lernen nicht sehr, da sie
dem Gedächtnis nur eine schwache Stütze bieten. Zudem wird der
Wortschatz in der Schule sehr ungleich behandelt. Gewisse Ge-
biete, welche nicht zum eigentlichen Unterrichtsstoff gehören, werden
gar nicht berührt oder nur ausnahmsweise gestreift. Von dem,
was in der Sennhütte vorgeht oder von der Behandlung des
Weiustocks, davon spricht man vielleicht nie, vielleicht nur einmal
während der ganzen Schulzeit; die Bezeichnungen für viele Haus-
haltungsgegeustände kommen den Schülern wohl selten zu Gehör. Da-
gegen werden sie über gewisse Gebiete der Geschichte, der Geographie
1) Über die Scliulverhältuisse im allgemeinen siehe die Eiuleitiing', S.Tügff.
748 G. Wißler
der Mathematik und Grammatik und der Religion eingehend aufgeklärt.
Der Unterricht, der häufig von einem Gegenstand auf den andern über-
springt; nimmt auch auf die allmähliche Erweiterung des Wortschatzes
zu wenig Bedacht^): Der Schüler kommt häufig in den Fall, Dinge
nennen zu müssen, deren richtige Bezeichnungen ihm nicht geläufig sind.
Was ist unter diesen Umständen natürlicher, als daß das Kind jedes-
mal, wenn das Gedächtnis es im Stich läßt, zu dem mit dem Begriff
(und der Vorstellung) eng assoziierten Dialektwort (bezw. Provinzialis-
mus) greift? So wird es die Arbeit des „molard"^) (N, F), beschreiben
können, dem es oft zugeschaut, nicht aber die des „emouleur" oder
j.gagnepetit", wie ihn der Lehrer einmal genannt hat. Es wird wissen,
wozu die „catelle"^) dient (G), die „poulie" aber nicht kennen. Es
wird auch immer von dem „fruitier" (G, F, N)*) sprechen, bei dem es
jeden Tag der Mutter die Milch holt, und nicht von dem „fromager"
des Schulmeisters. Im Frühling wird es, selbst auf einem Schulspazier-
gang, „pecosi" (F)^) — seine Lieblingsblume — suchen und keine
„primeveres". — Beim Fleischer wird es nicht der Schule zuliebe
„cimier" verlangen, sondern „cuvard'' (S. 787), wie die Mutter sagt. —
Endlich weiß es wohl, wie die „grabons" (S. 787) schmecken, während
es sich unter „cretons" nichts Bestimmtes vorstellen kann. So werden
die jungen Berner auch in der Schule von der „Gülle", vom „Chabis"
(Kabis) und vom „Anken" zu sprechen fortfahren und mit den ent-
sprechenden hochdeutschen Wörtern ,.Jauche", „Weißkohl" und „Butter"
nur eine mehr oder weniger flüchtige Bekanntschaft schließen. •—
Eine Vermischung des schriftsprachlichen und des mundartlichen Wort-
schatzes durch die Dialektsprechenden wird sehr erleichtert durch das
Beispiel der vielen Fälle, wo hier und dort für denselben Begriff Formen
eines und desselben Typus gebraucht werden und durch das daraus
hervorgehende Gefühl der Lautentsprechung "), [Momente, die bei der
Erlernung fremder Sprachen weit weniger mitwirken]. — So bringen
denn unsere dialektsprechenden Schüler aus der Schule eine recht
mangelhafte Kenntnis des schriftsprachlichen Wortschatzes mit, und
die Gewohnheit, diesen Wortschatz stets durch Entlehnungen aus der
Mundart zu ergänzen. Nicht sehr viel besser steht es mit der Sprach-
kenntnis derer, die zu Hause ein dialektisch gefärbtes Französisch ge-
lernt haben.
1) Vgl. darüber 0. v. Greyerz: Die Mundart als Grundlage des Deutsch-
unterrichts, Vortrag gehalten am XIX Schweiz. Lehrertag, Bern 1900.
2) Vgl. S. 741.
3) Vgl. catella (Bridel).
4) Vgl. fretai < frfta» > (Bridel).
5) Cf. pikozc (Bridel); vgl. auch S. 734.
0) Vgl. S. 708 und S. 725.
, Das schweizerische Volksfranzösisch 749
III. Kapitel:
Die Ausbrüituiig des schriftsprachlichen Wortschiitzes durch den
Verkehr.
Nicht mehr als die Schule begünstigen die Verkehrsverhält-
nisse die intensive Verbreitung des schriftsprachlichen Wortschatzes
unter der dialektsprecheuden oder mehr oder weniger zweisprachigen
Bevölkerung.
Die Schweiz ist wirtschaftlich so gut wie politisch von ihren Nach-
baren bis zu einem gewissen Grade unabhängig. Der Verkehr mit dem
Ausland ist zwar bedeutend, doch nicht derart, daß dadurch unser Volks-
tum schon stark beeinflußt worden wäre. Weder unsere Bauern noch
selbst die meisten Stadtleute beziehen das, was zum Leben, zur Aus-
übung des Berufes nötig ist, direkt aus Frankreich oder Deutschland.
Im großen ganzen hat unsere Lebensweise, namentlich auf dem Lande,
einheimisches Gepräge bewahrt. Der Warenverkehr mit dem Ausland
bringt den Großteil der Bevölkerung nicht in Berührung mit Franzosen
und Deutschen, da der Zwischenhandel zum größten Teil in den Händen
von Einheimischen ruht. Auch der stets wachsende Fremdenverkehr
übt keinen allzu großen Einfluß aus, da die Fremdenindustrie nur ge-
wisse Gegenden des Landes besonders beschäftigt. Den Fremden fällt
es nur höchst selten ein, ihre Sprache den Einheimischen aufdrängen
zu wollen und diese selbst, insoweit sie nicht in Kaufläden und Gasthöfen
beschäftigt sind, haben wenig Interesse daran, sich den fremden Wort-
schatz anzueignen. Namentlich gilt das von allen Ausdrücken, die sich
auf häusliche Einrichtungen und Betätigungen, auf den Landbau, die
Viehzucht, auf die Natur, die Berge, Pflanzen, Tiere, auf Sitten und
Gebräuche, auf das Gefühlsleben etc. beziehen. Auch von Kirche und
Militärdienst werden diese Teile des Wortschatzes kaum beeinflusst.
Eine große Zahl schriftsprachlicher Ausdrücke werden vom Volke nicht
häufig genug „erlebt", um mit den Vorstellungen und Affekten genügend
fest assoziiert und spontan reproduziert werden zu können.
Am leichtesten prägt es sich diejenigen Wörter der Schriftsprache
ein, die zum primitivsten mündlichen und schriftlichen Verkehr unbe-
dingt notwendig sind und auf die auch die Schule ganz besonderes
Gewicht legt, die Verkehrswörter, die ganz allgemein bekannte
Begriffe bezeichnen, die Scheidemünzen des sprachlichen Verkehrs^).
1) Wie mannigfaltig auch die Gründe sein mögen, welche das Beibehalten
alter ixnd das Aufkommen neuer Wörter verursachen, so haben doch die Ver-
kehrswörter vor allen das Bestreben, sich über das ganze Gebiet einer Sprache
auszubreiten und existierende autochtlione Ausdrücke in den Mundarten zu ver-
drängen. Vgl. z. B. die folgenden Karten des Atlas ling.: acheter, avoir, böte,
750 (^- Wißler
In zweiter Liuie werden, wenn die Umstände günstig- sind, diejenigen
Wörter im Gedächtnis behalten, die, ohne gerade Verkehrswörter zu
sein, doch Begritte bezeichnen, die jedermann geläufig sind. Ich denke
an Wörter wie: table, fenetre, foret, pomme, uuage, feuille, K'vre, par-
tüg-er, tailler ^), se taire*}, envoyer, entier, tendre etc. Diese Wörter
können umgekehrt auch in die Mundarten aufgenommen werden, be-
sonders in solche, die nicht mehr sehr lebenskräftig und im Begriffe sind,
vor der Schriftsprache zu weichen. Wenn sie auch die alten autochthonen
Worttypeu nicht sofort verdrängen können, so machen sie ihnen doch
als Synonyme Konkurrenz^). Zu den Wörtern, welche das Volk ge-
wöhnlich dem Wortschatz der Schriftsprache entnimmt und die daher
auch in die Mundarten Aufnahme finden, gehören die Bezeichnungen
für gewisse abstrakte Begriffe, wie patience {pasesd bei Byland),
ouvrage {ovrädzo^ ibid.), proposition ipropozisd, ibid.) etc., für neue Be-
griffe, wie locomotive {komoüvd, ibid.), (\m\itfx\ [txvtiJ-, Byland, §58) etc. —
Diejenigen autochthonen Wortty|ien, die schon m der Mundart
als veraltet gelten oder durch die entsprechenden schriftsprachlichen
merklich zurückgedrängt worden sind, werden natürlich in der Regel
von der Volkssprache nicht übernommen und gehen als ausschließlich
dialektisches Sprachgut mit dem Aussterben der Mundart unter. — Es
ist nicht ausgeschlossen, daß auch eine gewisse Schwierigkeit, das eine
oder andere Wort dem allgemein schriftsprachlichen Habitus anzu-
passen, oder vielleicht noch andere Momente seine Aufnahme in die
Volkssprache verhindern oder erschweren.
Trotz aller dieser Ausscheidungen ist die Zahl der ins Volks-
französische herübergenommenen Dialektwörter noch eine sehr große,
namentlich in den Begriffsgruppen, die nicht der ganzen Bevölkerung,
sondern nur in bestimmten Klassen, Berufen bekannt sind und wo die
Einführung der französischen Bezeichnungen schwer, fast unmöglich ist.
Um von diesem Reichtum eine Vorstellung zu geben, habe ich für
eine Anzahl von Begriffsgrupjjen die Zahl der mir bekannten ver-
schiedenen Provinzialismen (in runden Zahlen') zusammengestellt. Man
wird nicht verfehlen zu bemerken, daß diejenigen Begriffsgruppen, die
am meisten bodenständiges Gepräge aufweisen, besonders zahlreich
vertreten sind.
blanc, bleu, cent, chaud, eher, cinq, coiuraencer, croire, demain, heure, ecole,
6crire, 6t6, etc. Mit Ausnahme der zuerst und zuletzt genannten umfassen alle
diese Karten nur je einen einzigen Worttypus (acheter und 6t6 je zwei).
1) Die entsprechenden muudartliclicn Typen pwä und txeyzi kommen m. W.
in der Volkssprache der Schweiz nicht vor.
2) Vgl. Gillieron: Vionnaz S. III ff.
3) Diese Zahlen haben natürlich nur sehr relativen Wert! Die entsprechen-
den Zahlen für die gefühlsbetonten Provinzialismen siehe auf S. 817.
Daa schweizerische Volkafranzösisch 751
Pflanzen und Obstarten 170; Vögel 50; Fische 20; übrige Tiere
(ohne Nutzvieh) 40; Vieli und Viehzucht, Stall etc. 50; Weide, Wiese,
Feld, Feldarbeit und Foldgoräte 70; das Heu und seine Behandlung 35;
Wein, Tätigkeit des Winzers und Küfers und ihre Geräte 100; Hennerei,
Käsefabrikalion und deren Geräte öO; Fischer- und Schif'ferausdrücke
25; Haus- und Küchengeräte 25; Werkzeug der Schreiner, Zimmerleute,
Holzhauer 20; Wagen, Schlitten und deren Teile 25; Häumlichkeiten
des Hauses 20; Stotte, Kleidung und Kleiderfabrikation 120; Körjjer-
teile70; Krankheiten 'J5; Speisen und Backwerk 120; Spiele der Kinder
und Erwachsenen 160.
IV. Kapitel:
Die yerschiedenen Arten dis Provinzialismus.
Wie aus den bisherigen Ausführungen hervorgeht, ist ein Provin-
zialismus ein Wort der Mundart, das zu einer Zeit, wo die Bewohner
einer Ortschaft neben ihrem Dialekt auch die Schriftsprache mehr oder
weniger beherrschen — also zweisprachig sind — , in die von der
Mundart lautlich, formell und syntaktisch stark beeinflußte provinzielle
Schriftsprache herübergeuommen wird und im Munde des Volkes auch
dann weiter lebt, wenn dieses, die Mundart allmählich vergessend,
wieder einsprachig geworden ist. In der Regel ist der Provinzialis-
mus ein Worttypus, der nur der Mundart eigen ist und in der
eigentlichen Schriftsprache nicht vorkommt, selbst nicht in einer
anderen Lautform oder mit einer anderen Bedeutung. Wenn wir die
einzelnen Provinzialismen nach ihrer Herkunft, ihrer heutigen Verbrei-
tung und ihrer Bedeutung untersuchen, werden wir freilich finden, daß
die Ausnahmen von obiger ßegel sehr zahlreich sind.
1. Die Provinzialismen nach ihrer Herkunft und Verbreitung.
a) Schweizerdeutsche Lehnwörter.
Sie verdanken ihre Existenz dem starken schweizerdeutschen Ein-
schlag in der welschen Schweiz, besonders in den Kantonen Freiburg,
Neuenburg und im Berner Jura\). Sie sind verhältnismäßig zahlreich
— eine Zusammenstellung der mir bekannten ergab mehr als 90 solcher
Wörter; die Beispiele ließen sich aber leicht vermehren. — Ein großer
Teil dieser schweizerdeutschen Lehnwörter läßt sich auch in den franko-
provenzalischen Mundarten nachweisen, so daß einige davon vielleicht
nur durch deren Vermittlung in die Volkssprache gedrungen sind. Doch
ist die Möglichkeit einer direkten Aufnahme in die Volkssprache immer
vorhanden. Die Gründe zu suchen, warum die einzelnen schweizer-
1) Vgl. dcarüber Prof. Gauchat im Geographischen Lexikon V, S. 76flf.
und Zimmer 11: Sprachgrenze 111, S. 117 ff.
752 ^' Wißler
deutschen Lehnwörter in die Mundarten (bezw. die Volkssprache) der
franz. Schweiz gedrungen sind, ist nicht meioe Aufgabe. Es soll hier
nur angedeutet werden, daß dasVerbreitungsgebiet je nach dem einzelnen
Fall ein sehr verschiedenes ist. Überall bekannt sind: lecrelet, brisse-
iet (vgl. S. 99); bouebe s. m. und s. f. (= boitbo, bouebo, boueba^),
Bridel), schwd. blieb = Knabe; tri nguelte (F. und J. J. Rousseau, nach
A.Fran9oi8:Lesi)rovincialismesdeJ. J.R.,S.23uud37)wird zu tringuette
inNundV, wg\. tringuelt, bei Bridel, schwd. tririkxgält', stand <.stä>>
(vgl.S.790); fid^s, s.m.pl.(G,F,V)fidees, s.f.pl.(N) vermicelles, schwd.
fideli. Sehr bekannt sind auch: griös (N), griesse {¥), grietz(V) =
semoule, schwd.: (/ms; schnetz'') (F, N), schnitz (Dupertuis) =
quartiers de pommes seches^ schwd. snits-^ stahl (N, Dupertuis : Loc.
vic.) = fusil pour aiguiser les couteaux, schwd. stTtl oder staxdl-^ chema-
rotzer (F;N,V) = ecornifler [schmarotzen]; chalvere'')(F, N, Dupertuis :
Loc. vic.) = bagne, maisou de correction, berudeutsch sa/aM^ära;; braute
oder brande (vgl. S. 797). — In mehreren Kantonen : l e g r e f a s s [und legre]
(vgl.S.780);toufelet(vgl.S.787);cratte(S.777);bache*)undcruche*)
(F, Pierrehumb.) zwei alte Münzsorten, den schwd. Ja/Sc? und a;rM^s3r ent-
sprechend, bei J, J. Rousseau b a t s e und c r u t z e [auch creutzer] (vgl. A. Fran-
Qois : Les provincialismes de J. J. R., S. 36) ; veque (F), vec (Pierrehumb.)
= petitpain, schwd. wA<?; schapsigre (N), schafzigre i^F) = espece de
fromage vert, im Schwd. sabtsiydr ; b 1 e t z etc. (vgl. S. 797y ; b e tt e 1 e r <betle>
(F, La Chaux-de-Fonds), peteler (N), d. pXtlä in der Mundart des Val de
Ruz i^Gauchat) = demander avec instance, mendier, schwd. bätld\
poutzer (F, N, Pierrehumb.) = nettoyer, &Q\\vii\.. putsd-^ une chelampe
(F, N) = femme paresseuse, schwd. slampd\ schätz (W, Pierrehumb.)
= bonne amie [Schatz]; un tutche = un allemaud (vgl. 828); yass
(vgl. S. 790). Nur einem einzigen Kanton scheinen anzugehören: guetzoetc.
(S. 773);kritze(S.773); berr^S.776); peuglise (S.786), strube(S.783);
schilte (Pierrehumb.); schelt (N) = euseigne d'auberge, schwd. silt\
stekre=:bäton, schwd. s7rtX-a;y ; chemelet (N)=escabeau, schwd. säm»//;
kneupflet (N), knefflet (Pierrehumb.) = eine Art Kloß, schwd. a;»^/)^«;
couglof (Pierrehumb.), schwd. gugolhrq)/; fouetre, vgl. S. 772 eflemu
oder f lumu (F) = compote aux pommes, schwd. wpfdlmuds-^ stotz (F) =
fesse de vache, schwd. s7o^s3 ; f o r c c e (nach F in der Stadt Freiburg) = espece
1) Vgl. hioeha auf der Karte fillette (1569) des Atl. ling.
2) Davon schnetzer oder vendre des schnetz (N) = faire tapisserie (keinen
Tänzer haben).
3) Davon chalvörien (N, F, Dupertius : Loc. vic.) = for§at.
4) Bemerkenswerte Laiitformen, welche zeigen, daß die Wörter aus der
Mundart (mit Anwendung der Entsprechungsregel ts—s) in die Volkssprache
aufgenommen wurden.
Das schweizerische Volksfranzösisch 753
de ragoüt de la „benichon" [Kirch weihfest], schwd. /om.??; souriebe
(N, Pierrehumb.) = compote aux raves, schwd. surrüdba-, kannepire
(N), 8. m. = poire d'angoisse, schwd. xahdpira] des vergessminettes
(N), des verguisses, des guisses, desfleurguisses [Volksetymologie!]
(La Chaux de Fonds) = myosotis; das schwd. fdrgismäijnixt ist nicht
autochthon [Die Blume heißt auch im Frz. „ne m'oubliez pas"]; fravail
(vgl. S. 789): raeunns (Picrrehumb.) = Kleingeld, schwd. münfs] tseye
(F) = coriace (vgl. tsei/a^ Gauchat : Patois de Dompierre, §95); schwd,
tsäi/; freiere (G) = perdu, schwd. /<?r^ra; fertik (Pierrehumb.) = fini ;
schwd. fertik-, ouze! (F)=va-t-en! (en chassant un chien), schwd. tts?!
(= hinaus!)^).
Anmerkung: Die frankoprovenzalischen, wohl nur durch das
Volksfranzösische verbreiteten Lehnwörter sind im Schweizerdeutschen
nicht besonders zahlreich. Mir sind nur die folgenden bekannt: Tablar
(vgl. S. 797), Ädrio = &.ir\SLU (vgl. S. 787), i>r«e = piorner (S. 809).
Baiaillesuppe = soupe ä la bataille (G, N, F, W, Dupertuis) [franz.
potage ä la julienne]. In Murten heißt der Schürhaken „9s Ofarabli:
dies Wort geht eher auf das frankoprov. Dimin. rahllet (Bridel) : rablet
(G, F, N, Dupertuis) zurück, als auf das franz. „rable".
b) Wörter, welche nicht den lokalen Mundarten
entstammen.
Nicht immer entstammen die Provinzialismen den lokalen Mund-
arten; gewisse unter ihnen haben die Tendenz, sich auszubreiten. So
sagte mir eine Frau aus der Umgebung von Romont die hölzerne
Schöpfkelle heiße in der Mundart kavwe, im Französischen aber goume.
Dies Wort ist der waadtländische Provinzialismus, der sich als franz.
W^ort einbürgert. — Das Wort fayard (G, W), foyard(F, N, V, Peter:
Cacol.), das in der franz. Schweiz allgemein die Buche bezeichnet, ist dort
nicht autochthon [in der Mundart heißt die Buche: fohira (s. f.), fohi
<ifqxiy, fau,fou, s.m. (Bridel), vgl. auch /ö.s/[?] etc., fü etc. auf der Karte
hetre (690) des Atlas ling.; dazu der Provinzialismus feu nur in GJ.
foyard stammt vielmehr aus den benachbarten Gebieten Frankreichs.
Über seine Verbreitung im Burgundischen, einem Teil des Frankopro-
venzalischen und des Provenzalischen (der Rhone entlang) vgl. die er-
wähnte Karte des Atl. ling.; vgl. das Wort auch bei Littre: un des
noms vulgaires du hetre. — Das Wort gou verner = das Vieh besorgen,
(vgl. S. 772) gilt in L'Etivaz für französisch ; in der Mundart sagt man
edär(U (nach Prof. Jabergs Mitteilung).
1) Neubildung von schwd. Stamm ist tsrouker (Pierreh.); tsruk schwd.
=: zurück.
Bomanisolie Forschungen XXVII. 48
754 G- Wißler
In den Ossolalälern gilt das vom Piemontesischen eingeführte
randza (statt des mundartl. zgetsa) = Sense als italienisch (nach Prof.
Jaberg).
c) Die Verbreitung der provinziellen Worttypen.
Mit Ausnahme von Beispielen, wie die eben erwähnten, entspricht
die Verbreitung des Provinzialismus der des entsprechenden Dialekt-
wortes.
Eein lokalen Charakter haben z. B. tertasse = ruelle montante in G
bacouni = batelier inG (vgl. Ph.Monnier : Causeries gen. S. 173); rein =
espece degaufre (nachFin Estavayer), bornan, vgl.S. 767 etc. Größer ist
das Verbreitungsgebiet z. B. von t i n t e b i n (vgl. S. 734), b r 6 v a r d (vgl. S. 789),
empare (vgl. S. 793) etc. Sehr viele Provinzialismen sind in allen franz.
sprechenden Kantonen bekannt und kommen dann gewöhnlich auch in
den Mundarten Savoyens vor,vgl.seret (S.774), tomme(S. 774) coineau
etc. (S. 783), paufer (S. 783). Auch in Lyon und z. T. im Proveuzalischen
finden sich mailler (vgl. S. 819) magnin, (vgl. S. 782); plot (vgl.S. 782)
chesal (vgl. S. 785), vogue(S.741), enfle, gonfle, use^vgl. S. 741); in
der Franche Comte embrier (vgl.S. 822); derocher=tomber (inG,N,V,
W, F; vgl. bei Godefroy die heutige Verbreitung und derotschi etc. bei
Bridel) etc. Mit dem Italienischen haben wir z. B. gemein taccon (vgl.
S. 797), loton (vgl. S. 755), piote (G, F,V,W = patte, jambe; vgl. piota,
pioüta bei Bridel) : ital. piota = Fußsohle; planelle (^G, N, V) = sorte
de brique, vgl. ital. pianella = flacher Ziegel. Je größer das Ver-
breitungsgebiet eines mundartlichen Typus auf franz. Sprachgebiet ist,
desto größere Aussicht hat er, in der Volkssprache beibehalten zu
werden.
d) Archaismen^).
Ein großer Teil der in den heutigen franz. Mundarten, im Franko-
provenzalischen und in unserer Volkssprache vorkommenden Wörter
war in der altern Sprache Frankreichs weiter verbreitet und kam selbst
in der Isle de France vor, vgl. die eben erwähnten chesal undderocher,
ferner ritriaux(S.787),craisu(S. 7861, pose(S. 790), donne(S. 791), es-
eieut (S.824), grosset (S.743); „se gaber" (F: Supplement), in der Mund-
art : vgl. gahba (Bridel) = se vanter, altfranz. gaber (Godefroy), u. s. w.
2. Schriftsprachliche Worttypen in mundartlicher Lautform.
Wie bereits S.748 angedeutet, enthalten die fraukoprovenzalischen
Mundarten eine Menge Worttypen, die auch in der Schriftsprache vor-
kommen. Z. T. sind dieselben autochthon, z. T. früh entlehnt. In
jedem Falle aber sind sie dem Lautsystem der Mundart angepasst, also
1) Vgl. auch S. 737.
Das schweizerische Volksfranzösisch 755
lautlich oft sehr verschieden von ihren Entsprechungen in der Schrift-
sprache; sie werden daher, trotz des Entsprechungsbevvußtseius zwischen
einzelnen Lauten, nicht leicht als identisch erkannt. Übrigens sind die
eigentlichen schriftsprachlichen Lautformen häufig unbekannt. Der
ungebildete Dialektsprechende entlehnt also auch solche "Wörter, wenn
er sich in der Schriftsprache ausdrücken will, direkt der Mundart und
verändert sie — in gleicher Weise wie die Wörter, die in der Schrift-
sprache keine etymologische Entsprechung haben — und so weit als es
sein Entsprechungsbewußtsein zwischen mundartlichen und schriftsprach-
lichen Lauten verlangt. In dieser Gestalt, die durchaus nicht immer
mit der schriftsprachlichen übereinstimmt, leben die Wörter auch in
der eigentlichen Volkssprache weiter. Der Laie betrachtet; wenn er
die provinzielle Lautform mit der schriftsprachlichen vergleicht, dieselbe
als falsche „Aussprache" :
tsataila^) (ßyland, § 71) : chatagne (F, N, V) = chätaigne; leräji^
lerdzi'') (Bridel) : lerger (V) = leger; ourthia^) (Bridel) : ourtie (G, V,
Peter : Cacol.) = ortie; avhllon, avellhon (Bridel), aulo (Atl. ling, K, 15 und
K. 1426) : avouillon = aiguillon; subllet*') (Bridel) : suhlet, chubliet
(F) = sifflet; voueppa, vuippa (Bridel) : vouepe (G) = mechante femme,
eigentlich = guepe, vgl. S. 756. kinson (Bridel) : quinson (G, F, V) =
pin8on^)«);^o^wzow, ^ormow(Bridel):polmon, pormon(G,V) = poumons);
iavä (Byland, § 60) : tavan (G, F, N, V) = taon")»); ffo (Byland, § 34):
flot (N, V) = fleau <*)»); lofon") (Bridel; : loton (G, F, JSl, V) = laiton;
beuza (Bridel) : beuse (Dupertuis : Loc. vic.) = bouse'); mourgiiet
(Bridel) rmurguet, meurguet (G, V,) = muguet. Vgl. auch hutains
(S. 781),crochon")>ndiot;I (Gauchat : Patois du Val de ßuz) :bovi (N)
= „bouvier"^) etc.
1) Vgl, Atl. ling. Karte 251.
2) Vgl. ibid. Karte 576.
3) Vgl. ibid. Karte 951.
4) Vgl. Atl. ling. Karte 1231 {sübye).
5) Vgl. im Atl. ling. die Karten pinson (1018), poumon (1073), taon (1281)
fl6au (580), büuse (181), berger (128).
6) Vgl. Mistral : quinsoun.
7) Vgl. S. 796.
8) Vgl. den Artikel über fleau von Prof. Jeanjaquet im Bulletin 1905,
S. 33 und Gilli6ron:Mirages phonötiques; Revue Cledat 1907, S. 130 fif.
9) Vgl. ital. l'ottone.
10) Vgl.Gillieron, loc. cit. S. 132: „La Suisse romande ne reconnaissant
pas le frangais croüton dans son crotzon, mais ayant observ6 quo ts = ch, a
forge crochon".
48*
756 G- Wißler
3. Die Provinzialismen nach ihrer Bedeutung.
a) Abweichungen von der Mundart.
a) Die Fälle, in denen der Provinzialismus in der Bedeutung von
dem entsprechenden Dialektwort abweicht, sind nicht besonders zahl-
reich und nicht sehr wichtig. Die Unvollständigkeit meines Quellen-
materials gestattet mir nicht festzustellen, ob die abweichende Bedeu-
tung in der Mundart oder im Volksfranzösischen wirklich nicht auch
vorkommt, ob es sich um lokale Verschiedenheiten handelt, u. s. w.
So bedeutet nevä nach Gauchat : Patois du Val de Ruz = grosse couche de
neige, nach N dagegen neva, s. m. = petite neige, neige tombant en
tres petite quantite; niozf = courte bille renouee qu'on a de la peine
ä fendre (Gauchat : Patois du Val de Ruz) oo mosets, s. m. pl. = pieces
de bois de cinq pieds de longueur qui sont transformees en echalas
(N. Pierrehumb.) etc.
ß) Eine allgemeine Erscheinung ist, daß Wörter, welche in der
Mundart eine konkrete und eine übertragene, gefühlsbetonte Bedeutung
haben, die erstere in der Volkssprache leichter verlieren, als die letztere:
So bedeuten segneula, signeula (Bridel) und ivega (vgl. Gauchat : Patois
de la Montagne neuch.) in der Mundart : manivelle, (daneben segneula
s. m. = vieillard [!], Bridel); dagegen ist nach Pierrehumb. vouingue
in der Volkssprache als „manivelle" ungebräuchlich, wohl aber als
„chose qui fait un bruit monotone et continu"; nach N : vielle, orgue
de Barbarie, mauvaise machiue quelconque; segneu le, s. f. se dit
d'une personne ennuyeuse, fatigante, qui rabache continuellement, qui ^
demande avec une insistance desagreable (N); signoule = femme j
ennuyeuse; segnaule(V), segneule, signoule (Dupertuis : Loc. vic.)
= vielle*).
Vgl. auch potte (S.832), das nur in den Ausdrücken „faire la potte",
„se lecher les pottes" gebraucht wird, sonst aber nicht die Stelle von
Ifevre vertritt und nicht von jedermann mit diesem identifiziert wird,
vouepe (S. 755) ist nur in der übertrageneu Bedeutung in die Volks-
sprache gelangt; in der Bedeutung Wespe : gcp. Auch die ursprüng-
liche Bedeutung von tiule und biole ist nicht allen denjenigen bekannt,
welche die Ausdrücke „avoir sa tiole" und „etre dans les biole s" ver-
wenden (vgl. S. 837). Mau denkt nicht immer an eine nächtliche Ver-
sammlung der Hexen (vgl. Bridel chetta, chatta etc.), wenn man sagt ;
„faire" oder „mener la chette" (V, Pierrehumb., cf. Gorgibus : Frederi . . .,
S. 40) für „Lärm machen", so wenig als encoubler, wie die S. 140 an-
1) Vgl. ouiuguer (S.
2) Einzig G verzeichnet für „cheniüle, senifile'' neben der Bedeutung:
personne" ennuyeuse auch manivelle; ^vgl. segneuler (N) = ennuyer, fatiguer.
Das schweizerische Volijsfranzösisch 757
geführten Beispiele beweisen, immer die ursprüngliche Vorstellung er-
weckt.
Solche Änderungen im begrifflichen Bedeutungsgehalt der Wörter
haben naturgemäß auch Änderungen im Vorstellungswert zur Folge. Die
Bedeutungsentwicklung von segneule und oingue (S. 756) z. R. be-
dingt, daß mit diesen Wörtern nicht mehr die visuelle Vorstellung einer
Kurbel, um so intensiver aber die akustische Vorstellung eines unan-
genehmen langweiligen Geräusches oder diejenige einer unangenehmen
Empfindung überhaupt assoziiert ist.
y) Inwieweit die Wörter der Mundart beim Übergang zur Volks-
sprache (oder nachher) eine Änderung ihres Gefühlswertes durchmachen,
läßt sich mehr ahnen als feststellen, da namentlich der Gefühlswert
eines Dialektwortes für den Dialektsprechenden von einem Unbeteiligten
schwer nachgefühlt werden kann. Wenn ich richtig vermute, sind im
lebendigen Patois Wörter wie pessublla^\ petublla = „vessie d'homme
ou d'animal"; j)'-t^^'>^ossa = „linge use, chiffon pour essuyer la vaisselle,
les meubleS; grosse toile d'emballage, dont on se sert pour laver les
planchers" (Bridel) nicht besonders gefühlsbetont (nicht mehr als es
etwa die synonymen schweizerdeufscheu ,^Blattere^' und ,,Lumpe''' sind).
Die Provinzialismen petuble (F, V) undpanosse(G, F, N, V) sind nicht
mehr überall sehr gebräuchlich; sie haben daher an Gefühlswert zu-
genommen und gehören hier oder dort schon zu denjenigen Wörtern,
welche, wie mir in Epesses gesagt wurde, nur mehr verwendet werden,
um Anekdoten daran zu knüpfen.
b) Abweichungen von der Schriftsprache.
a) Die etymologisch identischen Wörter in der Schriftsprache und
in der Mundart, seien sie nun in dieser autochthon oder entlehnt, haben
nicht immer dieselbe Bedeutung oder denselben Bedeutungsumfang.
Werden nun solche Wörter (nach S. 755) in die Volkssprache herüber-
genommen, so behalten sie leicht ihre dialektische Bedeutung bei.
Wenn es schon schwierig ist, den Schülern klarzumachen, daß gewisse
Wörter in der Schriftsprache nicht gebraucht werden dürfen, so wird es
noch viel schwieriger sein, ihnen beizubringen, gewisse Wörter seien
zwar auch schriftsprachlich, bedeuten aber etwas anderes als in ihrer
Alltagssprache. So heißt denn fourneau (G, F, N, V) = poele'^), wie
das mundartliche fornef (Bridel): viadzo (Bridel) : voyage (V, Courthion :
Scenes val., S. 31) = Charge, fardeau; fretai (Bridel) rfruitier (G, F,
1) Vgl. Ati. ling. Karte vessie (1380).
2) Vgl. Atl. ling. Karte 1043.
758 Gr. Wißler
V, N) = fromag-er; hravo (Dict. sav.) : brave (G) = joli, mignon;
pUemä (Bridel) : plumev (F) = peler^); remoua (Bridel) :remuer v. n.
(G, V, N), neben der eigentlichen Bedeutung auch = demönager;
pilon (Bridel) : p i 1 0 n (G, F, N, V, W) = mortier; cougni, cugni
(Bridel) reo gne r (G, F, N) = presser, fouler; patta (Bridel) : p a 1 1 e
(G, F, N, V, P6ter : Cacol.), neben der eigentlichen Bedeutung : chiffon,
guenille*).
Archaisch ist vielleicht die provinzielle Bedeutung von disputer
und (se) bavarder (vgl. S. 826 und 827).
Crocheter ist in Lausanne und La Chaux-de-Fonds eine provinzielle
(mundartliche?) Neubilduug und bedeutet : häkeln, (das franz. : crocheter
= ouvrir une porte avec un crochet, nach Littre).
ß) Dringt ein Wort aus der Schriftsprache in die Mundart oder in
das Volksfranzösische, so nimmt es leicht eine von der ursprünglichen
etwas verschiedene Bedeutung an, namentlich wenn Mundart oder Volks-
sprache den Begriff mit einem eigenen noch sehr lebenskräftigen Worte
benennen :
hetre bezeichnet z. B. in gewissen Ortschaften des Kt. Freiburg
(Bulle, etc.) nicht die Rotbuche (für die der Name foyard') beibehalten
wird), sondern einen ähnlichen, etwas selteneren Baum, den ich nach
der Beschreibung nicht sicher identifizieren konnte. Wahrscheinlich
ißt es der Hornbaum (Weißbuche), franz. charme. — taupe bezeichnet
in Epesses nicht den Maulwurf (derbon)*), sondern die braune Feld-
maus, vgl. in der Mundart tgpa = Feldmaus (Byland, § 74). — Unter
loquet versteht man in N nicht die Klinke^) (den Drücker), sondern
den Riegel') (verrou). — Da grenier die ursprüngliche Bedeutung
(Korn-, Heuspeicher) bewahrt, so tritt in der Bedeutung „unbewohnter
Dachraum" das franz. galetas an seine Stelle. — duvet (G, F, N, W,
Dupertuis) wird gebraucht für ödredon, couvrepieds; pionnier (V) für
cantonnier, etc.
Eine Bedeutungserweiterung haben erfahren :gaspiller (G, F, V)
= voler [dasselbe bedeutet gaspii in der Mundart des Val de Ruz
(Gauchat)], embeter (N) = enjoler, tromper.
1) Vgl. Atl. ling., Karte 991 und Gilliöron :plumer-peler in Revue de
Philologie frangaise (CI6dat), 1907, S. 107.
2) BelLittie als Provenzalismus ; vgl. die Karte chiffou (281) des Atl. ling.
3) Vgl. S. 753.
4) Vgl. derbon bei Bridel und Atl. ling., Karte 1286.
5) Diese heißt p6clet (G, F N, V, W), vgl. pekllet (Bridel).
6) Selten den vom Schlosse unabhängigen, meist den zum Schlosse ge-
hörigen Riegel. Die Karte verrou (1374) des Atl. ling. verzeichnet lokc für
Pkt. 122 (in der Aube).
Das schweizerische Volksfranzösisch 759
Einen prägnanteren Sinn haben angenommen : gouherna, gouverna
(Bridel) : gouverner, v. n. (N, V, F) = prendre soin, soir et matin, du
betail, lui donner ä manger, le tenir propre. (Vgl. auch Ceresole : En
cassaut . ., S. 44 und Sf), Courthion : Scenes val. S. 162). — relava
(Bridel) : relaver (G, F, V, Pierrehumb.) = laver la vaisselle apres las
repas. — frequenter (G, N, F: Suppl.) = avoir un bon ami oii une
bonne amie. (Vgl. Vallotton, Mr. Potterat . . S. 5 und frenentachon im
Dict. sav.). — Über amasser, ramasser vgl. S. 804.
Anm. Von Bedeutungsabweichungen, die auch in der Volkssprache
Frankreichs vorkommen, erwähne ich nur : quitt er de faire qch = cesser
de faire qch. (auch:il a quitte de pleuvoir); lächer(F) = quitter; rester i)
= loger (G, N, F, V, W); consequent (F, V) = important*); puissant
(F, V) = gros, grand; fautif (G, F, N) = coupable.
c) Bedeutungslehnv7örter').
vdvi, gewöhnlich = tourner, wird in der Mundart auch gebraucht
als vdri le vatse (nach G und N, vgl. auch vdri IS vaghe im Dict. sav.)
für „das Vieh, das sich von seinem Weideplatz entfernt hat, dorthin
zurücktreiben". Auch in diesem Fall wird in der Volkssprache V9ri
durch tourner übersetzt : tourner les vaches (G, F, N).
derae, {derrai bei Bridel) heißt in der Mundart sowohl „hinter"
(Präpos.) als „(der) letzte" (Adjektiv) und wird in der Volkssprache
auch im ersten Fall mit dernier übersetzt : dernier= derriere (F) vgl.
dernier la croix (Gorgibus : Frederi, S. 105), dernier les fascines
[fagots] (Gorgibus, ibid. S. 82), dernier la grange (Gorgibus, ibid.
S. 99).
B. Spezielles.
Die einzelnen Provinzialismen im Kampf mit den ent-
sprechenden sehriftsprachliclien Ausdrücken.
Die vorgebrachten allgemeinen Gründe würden vielleicht genügen,
um die Entstehung von Provinzialismen zu erklären, nicht aber die
1) Cf.Mistralresta; wurde schon von Vaugelas getadelt(Edit.Cha8sangI,232).
2) cf. Rousselot : Modifications, S. 22.
3) Über diesen Begriff vgl. Prof. S. Singer: „Die deutsche Kultur im
Spiegel des Bedeutungslehnwortes" in Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche
Sprache in Zürich; Heft VII (1903),
760 Cr. Wißler
hartnäckige Beibehaltung gewisser unter ihnen auch in Kreisen, wo
das mustergültige Französisch sehr gut gekannt wird und wo auch die
Gelegenheit, mit Franzosen zusammenzukommen, sich häufig bietet,
wie in den gebildeten städtischen Kreisen. Wir müssen also unter-
suchen, ob nicht auch die Gründe, welche die Beibehaltung verschiedener
Gruppen von Provinzialismen fördern, in gewissen Eigenschaften
dieser selbst liegen, so nämlich, daß die betr. Provinzialismen im Kon-
kurrenzkampf mit den entsprechenden französischen Synonymen irgend
einen Vorteil haben.
Wir werden also die Provinzialismen mit den entsprechenden
schriftsprachlichen Ausdrücken vergleichen und uns fragen, in wieweit
ihr Bedeutungsgehalt (Begriff-, Vorstellungs- und Gefühlswert) ihre laut-
liche und formelle Gestalt und endlich ihre syntaktische Verwendung
bei ihrer Erhaltung eine Rolle spielen mag.
Bemerkungen:
1. In den folgenden Ausführungen ist dem französischen Wort der
mundartliche Typus immer in der frauzösisierten Form gegenüber-
gestellt, ohne Rücksicht darauf, daß der Konkurrenzkampf oft schon
im Stadium der Zweisprachigkeit beginnt. Doch verläuft der Kampf
in diesem Fall nicht wesentlich verschieden, da die nämlichen Momente
in Betracht kommen.
2. Bei jedem einzelnen Beispiel werden alle Gründe, deren nicht
eben Erwägung getan wird und die oft in gleichem oder in höherm
Maße zur Erhaltung des Provinzialismus beitragen, vernachlässigt, um
die Darstellung nicht zu sehr zu komplizieren.
I. Kapitel:
Das Wort als Träger des Begriffs.
Der autochthone Wortschatz der Mundart, zumal in einem politisch
und wirtschaftlich selbständigen und in vielen Beziehungen eigenartigen
Gebiete, wie der Schweiz, paßt sich möglichst dem Begriffsschatz an
und entwickelt sich allmählich mit diesem, so daß er zu jeder Zeit
den Bedürfnissen des Gedankenaustausches in jeder Beziehung gerecht
wird. So sind unsere alemannischen und frankoprovenzalischen Mund-
arten für unsere Hirten, Bauern und Handwerker, in den Bergen und
in der Ebene, in Stadt und Land, für das ganze Volk, ein bequemes,
handliches und allen Zwecken dienstbares Werkzeug. Im Vergleich
dazu entsprechen die beiden Schriftsprachen, die aus verschiedenen
Kulturverhältnissen herausgewachsen sind, unseren Bedürfnissen nur in
mangelhafter Weise.
Das schweizerische Volksfranzösisch 761
1. Lücken im schriftsprachlichen Wortschatz.
Eine der idealen Forderungen an die Sprache ist die, daß sie dem
Sprechenden für jeden Begriff und für jede besonders charakte-
risierte Modifikation eines Begriffs, wenigstens eine Bezeichnung
biete.
Zwar wird diese Forderung von keiner Sprache vollkommen er-
füllt, doch lassen sich die Gedanken in einer Sprache um so klarer
und bestimmter ausdrücken und ist dieselbe als Werkzeug umso taug-
licher, je mehr sich ihr Wortschatz diesem Ideal nähert: Selbst die
genauste Definition ist oft nicht imstande, den Begriff so klar und
eindeutig zu bezeichnen, wie das einzelne Wort. Der aus mehreren
Wörtern zusammengesetzte Ausdruck hat außerdem meist einen andern
Anschauungs- und Gefühlsgehalt und kann also das eine Wort
nicht in seinem ganzen Bedeutungsgehalt ersetzen. (Vgl. darüber
S. 802 und S. 815). Jedesmal nun, wenn zur Bezeichnung eines Begriffs
ein Wort gewählt werden muß, das ihn nur ungenau wiedergibt, oder
der Begriff durch einen mehrgliedrigen Ausdruck umschrieben werden
muß, so kompliziert das den Gedankengang (und damit den Satzbau),
vermehrt die psychische Arbeit des Sprechenden und erschwert das
Verständnis für den Hörer. Nicht alle mehrgliedrigen Ausdrücke sind
in gleicher Weise unbequem: kurze oft wiederkehrende Polynome er-
starren zu einer gewissen Einheit und werden von der Sprache fast
wie einzelne Wörter behandelt, (vgl. z. B. pomme de pin, poire sau-
vage, terrain ä bätir). Je länger und seltener andererseits das Polynom,
desto schwerfälliger gestaltet sich der Ausdruck.
Vergleichen wir in dieser Hinsicht den Wortschatz der franz.
Schriftsprache mit dem der Volkssprache, so konstatieren wir, daß sehr
vielen Wörtern dieser letztern kein schriftsprachliches Wort ge-
nau entspricht. Diese Lücken machen ein Festhalten an den provin-
ziellen Bezeichnungen in der Volkssprache fast zur zwingenden
Notwendigkeit.
1. In erster Lienie fehlen dem Französischen die Bezeichnungen
für eine Reihe von konkreten Begriffen, die uns Schweizer sehr ge-
läufig, in der Isle de France aber ganz unbekannt sind, wie diejenigen
für Besonderheiten unserer Kultur oder der uns umgebenden Natur,
vgl. les areins (S.766), la vaudaire (S. 767), rarolle(S. 768), la toube
S.773), le seret (S.774), le cadot(S.786), la taillole (S.788), le cibare
(S. 790), gremailler (S. 791) etc. — Die Schriftsprache selbst muß sich
gelegentlich unserer Provinzialismen bedienen, will sie nicht die um-
ständlichen Definitionen immer wiederholen oder sieh mit ungenauen
Bezeichnungen begnügen. Ein Teil dieser Wörter, besonders natur-
wissenschaftliche Ausdrücke, werden im Schriftfranzösischen als Lehn-
762 G. Wißlei-
Wörter anerkannt, wie nevC; sörac, avalanche etc. Es existieren in
unserem Volksbewußtseiu auch abstrakte Begriffsbildiiugen, die dem
Franzosen ganz unbekannt sind und die, wenn auch vielleicht weniger
gebieterisch als gewisse konkrete Begriffe, nach einer Bezeichnung in
der Volkssprache verlangen (vgl. S. 793 ff.).
2. Selbst für Begriffe, die der Isle de France nicht absolut fremd
sind, besitzt der franz. Wortschatz oft keine so kurze und prägnante
Bezeichnung wie unser Volksfranzösisch. Vgl. z. B. die franz. Syno-
nyma für lechet (S. 772), fla(S.777), grenette(S. 785), pruneaulier
(S. 769) etc.
3. In manchen Fällen ist endlich das in der Schriftsprache zur
Bezeichnung des Begriffs verwendete Wort nur einem beschränkten
Kreis von Leuten (Gelehrten und gewissen Fachleuten) bekannt und
für das Volk so gut wie nicht vorhanden, vgl. z. B. monchete, etoile
(für motele, S. 771), clematite (fürvouable, S.768), cone (für pive,
S. 769) etc.
Da es mir nicht in allen Fällen möglich war, festzustellen, ob und
wie weit ein Begriff in Frankreich bekannt ist und in welchem Maße
gewisse Wörter ]iopulär sind, muß ich die zu den drei erwähnten Kate-
gorien gehörenden Provinzialismen zusammen, nach Begriffsgruppen
geordnet, anführen.
a) Klima und Bodenbeschaf feuheit.
a) Einige der hierhergehörigen Provinzialismen sind in die fran-
zösische Schriftsprache aufgenommen worden, als termini technici der
Geologen:
glacier^): Ob dies Wort frankoi)rovenzalischen Ursprungs ist,
kann ich nach dem mir zu Gebote stehenden Material nicht entscheiden.
Es fehlen mir namentlich die mundartlichen Formen, {öasi im Val
dllliez z. B. kann dem Franz. entlehnt sein). Für die ältesten Beleg-
stellen des Wortes verweise ich auf A. Frangois: Les provincialismes
de J. J. Rousseau, S. 52 — glaciire : 1572 glacier bei Jacques Peletier
du Maus (nach E. Ritter). Ein zweites frühes Zeugnis finden wir in
der 1585—1587 geschriebenen (erst 1619 gedruckten) Beschreibung der
Savoyischen Gletscher durch Pere Jacques Fodere in : Narration histo-
rique et topographique des Convens de l'ordre St. Frangois et monast.
Ste. Ciaire, eriges en la province aneiennement appelöe de Bourgogne
(S. 297/8) [nach W. A. B. Coolidge : Josias Siraler et les origines de
l'alpinisme; Grenoble 1904, S. CXXVII u. ff.]; glaciere im Sinn eines
bestimmten Gletschergebiets (Montblancmassiv) in den : Lettres sur les
1) Vgl. dies Wort und die folgenden auch in : F. Gohin:Les transforma-
tions de la langue frangaise (1740—1789); Paris (Belin) 1903, S. 331 flf.
Das schweizerische Volksfranzösisch 763
glacieres de Savoie, Journal Hclvet. 1743 und in der Nouvelle Heloise^).
Die Encyclopedie von 1757 gibt für Gletscher neben ghieier auch gla-
cifere. H. B. de Saiissure in seinen Voyages dans les Alpes I (1779)
S. 436 beruft sich ausdrücklich auf die Alpenbewohner, wenn er glacier
im Sinne von „amas de glace eternelle . . ." und glaci^re im Sinne
von „cavit^ souterraine ... qui conserve la glace" gebraucht \). —
Jedenfalls ist glacier nicht das einzige Wort, das in den Alpen zur
Bezeichnung des Gletschers gebraucht wird: Nach Umlauft: Die
Alpen, Wien 1887 (S. 433) hießen im 12. Jahrh. die Gletscher im Aosta-
thal rose, roisa, roise-, Coolidge führt (a.a.O., S. CXXX) die Formen
reuse, ruise, roesa an und weist darauf hin, daß Rosa bei Simler
(a. a. 0. S. 66) den Gletscher im Grunde desZermatthaies bezeichnet. Vgl.
hiermit noch die Stelle bei H.B. de Saussure : Voyages dans les Alpes I,
S.449: „II fant voir [leMont Blanc] du cote du Sud de l'Allee blanche,
du glacier ou de la ßuise de Miage" und ruiza = glacier, usite dans
quelques localites des frontieres de Savoie (Bridel)^). — Nach Brock-
haus : Conversations-Lexikon heißt der Gletscher „im Wallis" biegno ;
vgl. dazu beugna, beuna, s. f., boiigno, bioiigno, s. m., glacier, dans
plusieurs vallees du Bas-Valais (Bridel). — Im Val d'Entremont : triiino
(Bridel). — Sind diese letzteren Typen alt? In wiefern machten
y^rtiiza'-^, „tridno'-^, „biegno"' im Wallis dem Typus glacier Konkurrenz,
in wiefern schlössen sie ihn aus? — Diese und andere Fragen müßten
wir beantworten, um den Ursprung des franz. Wortes geographisch
genauer fixieren zu können und um der These Meyer-Lübkes
unbedingt beistimmen zu können, das schweizerdeutsche (und jetzt auch
schriftsprachliche) „Gletscher" habe sich nur von den, im früher roma-
nischen Oberwallis angesiedelten Alemannen ausbreiten können *).
Kann das Wort nicht so gut im ganzen Alpenlaud, wie im Oberwallis
eine Spur der einstigen Romanisierung sein? Finden sich vor 1550
(Seb. Münsters Cosmographia) ^) keine deutschen Belege für das Wort?
1) Vgl. auch die Belege aus alten Karten bei W. A. B. Coolidge: La chaine
du Mt. Blanc ä travers les sifecles, im Jahrbuch des S. A. C, Jahrgang 1901/92,
S. 249 ff., glaciere findet sich z. B. 1650 bei Visscher : Sabaudiae Status und bis ins
19. Jahrhundert.
2) Nach Brockhaus Konversationslexikon heißt der Gletscher [noch heute ?]
in Savoyen und im Dauphinö glacier oder glaciere.
3) Über rös = Gletscher in den schweizerischen Alpendialekten vgl. die
durchaus dilettantischen Arbeiten des Dr. phil. C. Täuber im „Jahrbuch des
S. A. C." 1906, S. 253 ff.: „Zur Bergnamenforschung" und „Alpina« 1906, S. 88.
Vgl. auch A. Wäber: „Walliser Berg- und Passnamen" im selben Jahrbuch,
Bd. 1904, S. 259/260.
4) Meyer-Lübke: Gletscher, Zeitschi ift für deutsche Wortforschung II,
Seite 73.
5) Cf. Coolidge. -Jos. Simler . . ., S. CLXIX.
764 G. Wißler
Wie hießen denn früher die Gletscher z. B. des Berner Oberlandes?
Außerdem wäre in Betracht zu ziehen, daß Gletscher ^) in der deutschen
Schweiz auch Eis überhaupt (schon 1563 in einem Tierbuch), Glatteis,
und, z. B. im Berner Oberland, jede Eismasse bezeichnet, die im Sommer
nicht schmilzt. Stehen diese Bedeutungen dem ursprünglichen, vielleicht
allgemeineren Sinne des Wortes nicht näher? In St. Gallen, Uri und
Unterwaiden kommt auch ein Wort Gletsch (= Eis) vor.
„Les söracs sont des cristaux de glace . , . qui ont une vague
ressemblance avec une espece de fromage'^) qui se fabrique dans les
chalets des Alpes; il n'y en a gu6re que sur les sommets tres charges
de neige et aux pentes accident^es. II fuut les chercher sur les lignes
de faite ou aa bord des gouffres, lorsque la pente change brusquement."
So definiert E. Rambert die Seracs in seinem Artikel: „Le Glacier"
in Revue des deux mondes vom 15. Nov. 1867 (S. 384). Eine etwas andere
Bedeutung schreibt Heim in seinem Handbuch der Gletscherkunde'),
(S. 197) dem Worte zu : nach ihm sind es die einzelnen Stücke des
durch zahlreiche Firnklüfte geborstenen Firnmantels, in den steileren
Teilen der Firnmulde. Gegen eine dritte Auffassung, die bei den Geo-
logen üblich geworden sei, wendet sich schon Rambert (auf S. 395).
Diese verstehen nämlich unter Seracs die einzelnen an den steileren
Teilen des Gletschers sieh bildenden Eisblöcke. Schon H. B. de Sauss ure
(Voyages dans les Alpes IV., S. 158, 163, 25.5) braucht das Wort im
gleichen Sinne wie Rambert. — In Grindelwald heißen die Seracs :
Zigerstecken, vgl. A. Friedli : BärndUtsch II, S. 51.
Das deutsche Firn, „welches den körnigen Schnee bezeichnet, der
von früheren Jahren auf den Bergen liegt und durch Auftauen und
Wiedergefrieren nach und nach in Gletschereis tibergeht" ist dem
Schweizerdeutschen entlehnt (vgl. Schw. Idiotikon I, 1020). Desgleichen
entstammt das entsprechende französische neve, das erst in der zweiten
Hälfte des letzten Jahrhunderts in die Schriftsprache aufgenommen
wurde*), den frankoprovenzalischen Mundarten, vgl. nhb bei Bridel;
im Val d'Illiez bedeutet nevi überhaupt jede Schneemasse, die, etwa
an schattigen Stellen, während des Sommers nicht schmilzt; vgl. nevi
im Dict. savoy.
So wie das deutsche Lawine (Schweizerdeutsch läumid) stammt
aller Wahrscheinlichkeit nach auch das franz. avalanche^) aus der
1) Schweizerisches Idiotikon III, 656.
2) In dieser Bedeutung siehe das Wort auf S. 774.
3) Stuttgart 1885.
4) Vgl. z. B. den Artikel: Les glacicrs actuels . . ." von Ch. Martins, in
der Revue des deux moudos vom 1. III. 1867, S. 218.
5) Vgl. über das Wort und seine p]tymologie den Artikel Prof. E. Mure te im
„Bulletin" 1908, S. 25 ff.; vgl. ferner „Alpine Journal" V. Bd. S. 316, VI. Bd., S. 99.
Das schweizerische Volksfranzösich 765
Schweiz. Die mimdaitlicheu Formen sind folgende: lavUs9 (Salvan),
lavätsd (Chanipery), leätsd (l'Etivaz); laved-d, valei>d, avalä&e (Diet. sav.).
Bridel gibt nur den franz. Typus : avalantzche^ avalants9 und ^^valantze ^)
an (vgl, aber bei ihm : lavantschi^) s. m. = lieu expose aux avalanches,
couIoir par lequel elles descendent). Der franz. Typus ist jedenfalls
im Frankoprovenzaliscbeu nicht der ursprüngliche. Vgl. lavanchiae in
einer Urkunde aus dem Dauphine, 1323 (nach Du Gange) und 1475
in einer Urkunde („touchaut la percee du Tunnel sous le Col de la
Traversette", zitiert nach L. Vaccarone : Le pertuis du Viso, Turin 1881,
in Coolidge: loc. cit., Ö, CXXII.) und in einer franz. Urkunde aus
dem Jahr 1477 : lavanches (Coolidge : loc. cit., nach Vaccarone). Vgl.
auch die von Scheuchzer 1705 in seinen „Itinera per Helvetiae Alpinas
regiones facta" zitierten Formen levantze^ vallantze. — Der franz. Typus
erscheint meines Wissens zuerst bei Cotgrave 1611 : avalanche =a
great falling or sinking downe of earth etc. [Merkwürdig ist, daß
Cotgrave die Schneelawine nicht erwähnt]. Bei Saussure „Voyages
dans les Alpes" finden wir ausschließlich avalanche (z. B. I, S. 443).
Andere Beispiele liefern Delille und Millevoye; im Dict. del'Academie
figuriert avalanche seit 1835.
mollasse, s. f.') bezeichnet einen weichen, grauen Sandstein
(G, F, N und de Saussure : Voyages dans les Alpes I, 39). Die Geo-
logen brauchen diesen Namen für eine besondere Formation der mittleren
tertiären Ablagerungen; in der Mundart : mo/asse (Bridel).
moraine = Gletschermoräne (de Saussure : loc. cit. I. 455 und
III. 486). Nach G bezeichnet moraine abschüssige Stellen an den
Ufern eines Flusses, wie die Ortsbezeichnungen: les moraines de Champel,
les moraines de Pinchat (an der Arve), les mor. du Bois de la Bätie, les
mor. de Cartigny (an der Rhone) beweisen. Bridel schreibt moraina
nur die Bedeutung Gletschermoräne zu; w^ore^^a (Dict. sav.) =renflement
qui se forme ä la lisiere inferieure d'un champ en pente par suite de
la descente de la terre^). — moraine im Dict. de V Academie seit 1878.
ß) Nicht Gemeingut der Französischsprechenden sind unter anderen
folgende Wörter:
rimee (W) = Bergschrund; vgl. über das Wort Coolidge : Jos.
Simler, S. 23* uud Desor : Excursions et sejours dans les Alpes I.
s6rie (1844), S. 333.
areins: „Les areins et les avalanches out fait de rüdes debor-
donnees [= Getöse] On aurait jure qu'on entendait le canon de
1) Dazu evalanche (V, Dupertuis Loc. vic).
2) Auch als Ortsname, im Ormonttal z. B.
3) Das Wort fehlt im Dict. general.
4) Nach de Saussure III, 486 moraine in Savoyen, im Lyonnais und in der
Schweiz = petite montagne ou la pente rapide d'une colline.
766 ^- Wißler
grosses batteries". (Ceresole : Scenes vaud. S. 264). Das Wort bedeutet
Staublawine, wie in der Mundart, vgl. arein bei Bridel und im Artikel
„Le Glaeier" von E. Rambert in der Rev. des deux mondes vom
15. XI. 1867; S. 379.
läpes, s. f. pl. = bancs de roches inclinees et polies qui se trou-
vent ä la surface du sol (N) ; in der Mundart vgl lava, lave = couche de
pierres tres polies . . dans le Jura (Bridel) ^).
rape, s. f. ist (nach N) eine steile unbebaute Halde, vgl. rapa
(Bridel) 2).
chable s. m., bezeichnet eine natürliche Rinne an einem Bergab-
hang; durch welche man Baumstämme hinabgleiten läßt (N, Ceresole:
Scenes vaud. S. 259, 279: in der Mundart cÄa^/o, tschabllo^) <' tsahtoy-
(Bridel), ^liühlo ^^däbloy (Dict. savoy.); in W, und in derWaadt:de-
valoir (vgl. Ceresole : loc. cit., S. 260 und Courthion : Scenes valais.
S. 241);
un gor = ein Bergschrund, in dessen Tiefe sich das Wasser
ansammelt (Pierrehumb.); in der Mundart gor (Gauchat : Patois du Val
de Ruz);
un bisse*), im Wallis = künstliche Kanäle, mittels deren den
Wiesen und Feldern von weither (oft von einem Gletscher) Wasser
zugeführt wird, in der Mundart : Evolene : bis, Vermaniege bis, Isörable :
bi, Griments bis.
liadieres, s. f. pl, nom que l'on donne, sur le lac de Geneve, ä
certains courants irreguliers qui se forment parfois dans les eaux ä
differentes epoques de l'annee, et entrainent les bateaux malgrö les
efforts des rameurs. Ces courants vont tantot dans une direction tan-
tot dans une autre (G); in der Mundart: lardaire (Bridel) ; vgl.F. A.Forel:
Le Leman II, S. 285.
seiche, s. f., eine Erscheinung des Genfersees, die in der Bildung
stehender Wellen, infolge plötzlicher Änderung des atmosphärischen
Druckes besteht [und nicht wie Bridel anzunehmen scheint in einer Art
Ebbe und Flut]. Die Erscheinung wurde meines Wissens zuerst er-
wähnt in Fatio de Duillier: Remarques sur l'histoire naturelle du
Lac de Geneve, 1730 (nach F. A. Forel: Le Leman, IL S. 39 und ff.),
dann in den „Mcmoires de TAcademie royale des sciences" 1742 in
1) Im Val d'Illiez bedeutet^ läpya : pierre plate dont on couvre les maisons
dans la plaine, in Estavannens l&pxa = pieire plate travaill6e p.ar l'eau.
2) Vgl. rapille = pente (V).
3) Davon abgeleitet tschabllay. a. (Bridel), chablei(N) = glisser, d6valer
du bois.
4) Das Wort ist identisch mit dem franz. bief, biez = Mühlgerinne; vgl.
darüber Gauchat im Bulletin 1909, S. 13 ff . — Im Deutschen (Oberwallis) heißt
der bisse : Suone (An der egg, Lehrbuch der . . . Alpwirtschaft, S. 191).
Das schweizerische Volksfranzösisch 767
einem Artikel über „Trombe observee sur le lac de Gencve", von
Jallabert'), unter dem Namen „seiches ou l'aidöce". Beschrieben wurde
sie dann von de Saussure in den genannten „Mömoires" (1763)')
und in seinen „Voyages dans les Alpes'' I. 12 (1779); vgl. ferner F. A.
Forel:Le Lemau II. 39 u. ff. und Geographisches Lexikon der
Schweiz II. 284 und III. 573. [Die „seiches" sind auch im Neuenburger
und Bodensee bekannt; im letztern nennt man die Erscheinung das
„Lauten" des Sees, nach Graf Zeppelin : Bodenseeforschungen VI, 47^),
nach Bridel „rMÄss" [?]. In der Mundart der Westschweiz heißt sie
seiches oder leidesse (Bridel).
Speziellen Charakter und spezielle Namen haben in der Westschweiz
auch die Winde:
„uberre" ist ein dem „Föhn" ähnlicher Süd- oder Südostwind
(N), identisch mit obere, obere (F : Estavayer) ; vgl. für die mundart-
lichen Formen [ilher im Kt. Neuenburg (Val de Ruz) übera und oher9
im Kt. Waadt) den Artikel von Prof. Gaue hat im „Bulletin du glos-
saire des Patois de la Suisse romande" II. S. 63—67 und Bridel:
uberra.
„vaudaire", s. f. heißt der dem deutsch schweizerischen „Föhn"
entsprechende, vom Wallis herwehende Wind im östlichen Teil des
Genfer Sees; vgl. Ceresole • Scenes vaud. S. 200, 228, 269; in der
Mundart : vaudeire (Bridel), vowderd im eben cit. „Bulletin" II, S. 66. —
Vgl. F. A. ForeltLe Leman I,'325.
„bornan" ist ein im westlichen Teil des Genfersees wehender
Süd-Wind: „II souffle ordinairement par raffales et excite de grands
orages (G) ; vgl. „Des qu'il avait mis le nez dans ses deux ou trois
verres d'absinthe, c'etaient la vaudaire et le bornan qui faisaient rage
dans la maison" (Ceresole : En cassant . . . S. 38, 39); in der Mund-
art: Jo/72aw (Bridel)').
„joran" ist ein West- oder Nordwestwind, der von den Höhen
des Jura in die Ebene hinuutersteigt und oft abends plötzlich herein-
bricht; für die kleinen Schiffe auf dem Neuenburger- und Bielersee ist
er besonders gefährlich. In Genf kommt er aus der Richtung von
Gex. (G, siehe auch N, F [Estavayer] und Ceresole : Scenes vaud,, S. 99).
In der Mundart dzorä oder dzorä vgl. den Artikel von Prof. Gauch at
im „Bulletin du Glossaire" III, S. 14, djorrein, djorran (Bridel); vgl.
auch F. A. Forel:Le Leman I, S. 309 und 326.
1) Nach G. E. v. Haller : Bibliothek der Schweizergeschichte I. (Bern, 1785).
2) Vgl. den Artikel von demselben Verfasser im Geographischen Lexikon
der Schweiz I, 296.
3) Vgl. F. A. Forel; Le L6man: L S. 320.
768 G. Wißler
un pousse = Schneesturm (nach N und P^ter: Cacologie); in der
Mundart ;;ms (Gauchat : Patois du Val de Kuz); im Französischen : tem-
pete, tourmente de neige.
Mit menees, s. f. pl. bezeichnet man in N. und St. Imier Schnee-
wehen, d. h. Schneehaufen, die der Wind dort zusammenweht, wo sich
ihm Hindernisse entgegenstellen [Schweizerdeutsch: Schneewächte]-^ in
der Mundart der Montagne neuchäteloise mney (Gauchat). Vgl. das
Wort auch bei Beauquier: Dep. du Doubs.
gonf les'), s. f. pl. bedeutet dasselbe (F, W, Ceresole : Scenes vaud.,
S. 279, R. Morax:Dime, S. 157); in der Mundart : ^owÄ//a, <igbXay
(Bridel).
la chotte (F, N, Dupertuis. : Loc. vic), la choüte, la soüte, la
sioüte (G)=Obdach, Schutz vor dem Regen: in der Mundart : cÄo^to,
tsotta, siouta (Bridel). Der Begriff des franz. Wortes abri ist weiter;
es bedeutet Schutz überhaupt. Über andere mundartliche Ausdrücke,
welche den Begriff „abri" spezialisieren, vgl. Bulletin 1, S. 5.
b) Flora und Fauna.
Von Bäumen, welche dem Alpengebiet eigen sind, nenne ich hier:
Die Arve, im Wallis arolle, s. f.; in der Mundart «ro//a (Bridel),
aralla^ arolla, erolla (H. Savoy : Flore romande), arola (Constantin et
Gave : Flore savoisienne, S. 93). Das franz. cembre ist dem Proven-
zalischen entlehnt.
Auch meleze=Lärche soll nach dem Dictionnaire general aus
dem Frankoprovenzalischen stammen. In der Schweiz wenigstens
scheint dieser französische Typus nicht einheimisch zu sein. ,,meleza'-^
(Hub. Savoy : Flore romande S. 167) ist dem Franz. entlehnt. Die
autochthone Bezeichnung ist la°rtze, larza, arza (H. Savoy : loc. cit.),
larze, arze, s. m. (Bridel). Dieser Typus {läza, läzo, lärzo etc.) kommt
auch in Savoyen vor (Constantin et Gave : Flore savoisieune, S. 66).
Die geographische Verteilung dieses Typus und des französischen
{mleze, mlezd etc.) erlaubt mir keinen Schluß darüber, ob der letztere
Typus in Savoyen autochthon sei. — Vgl. melfeze bei Du Gange in
einer Urkunde von 1336, im Dict. de l'Academie seit 1762.
Andere Pflanzen und Pflanzenteile:
DasVergissmeinnicht = verguissm i nette (N) etc., vgl. S. 753.
Die Schlüsselblume = pecosi, vgl. S. 748.
Die Waldrebe (Clematis vitalba): la vouable (G) voible (Duper-
1) Das Adjektiv gonfle = gonfl6 vgl. auf S. 742. Une gonfle bedeutet auch :
ampoule ".vessie (G, F, Dupertuis), vgl. kofla auf der Karte 1436 des Atl. ling
(im Savoyischen). In N gonfle = houle, vagues aprös la tempete.
Das ßchweizerische Volksfranzösiscli "^60
tuis : Loc. vic. und Peter : Cacol.) ; in der Mundart : voiiahlla^) <:^vu-ablay-
(Bridel), wäbla (Constantin etGave : Flore savoisienne), ivahlia (H. Savoy :
Flore romande).
Nach Peter : Cacol, nennt das Volk die Pflanze auch völie, velire,
nach N : bois ä fumer (vgl. Flore savois. loc. c,\i.:biv9 a fdmä) ; im Franz.
clematite des haies, vigne blanche, herbe aux gueux, viorne despauvres.
DerZwetschenbaum (prunus domesticaL) = pruueaulier (G,N),
abgeleitet vom Worte pruneau, in der Volkssprache = Zwetsche, im
Französischen nur gedörrte Zwetsche. (cf. G, F, N, V, W). Der
Baum heißt in der Mundart premlolley, die Frucht '.preniö^ premio^ (Hub.
Savoy : loc. cit., S. 47). Im Französischen heißt die Zwetsche prune
oder quetsche (Sachs-Villatte), der Baum nur prunier.
Für die Holzbirne sagt man bles8on(G, V, F, Peter: Cacol.); in
der Mundart blesson, blosson (Bridel); bliechon (Hub. Savoy : loc. cit.
S. 57); im Französischen: poire sauvage.
Die leeren Kastanien, die nicht zur Entwicklung gelangen,
nennt man im Wallis: des oueres <«^er>; für die Mundart, vgl. den
Dict. sovoyard: ^iwera adj. f. = vide. Le were = chätaignes peu rem-
plies qui tombent avant la maturit^-'.
Tan nr eiser, mit denen die Gartenpflanzen den Winter über be-
deckt werden (berndeutsch xrJs), heißen in N^ Peter : Cacol. de la darre,
in der Mundart dar (Gauchat : P. de la Mont. neuch.) ; in Epesses, Lau-
sanne de la daille*), in F (Supplement) dais; in der Mundart de, dez
(Bridel und Hub. Savoy : loc. cit. S. 168).
Tann zapfen = pive (F, V, N, Peter : Cacol.), pivot (F); in der
Mundart :^/ya (Bridel)'), ^evö (H. Savoy: loc. cit., S. 168); im Wallis
labone. Im Französischen : cone, pomme de pin.
Insekten:
Den Marienkäfer [coccinella septempunctata] (schwd. Himmels-
guege) nennt man in G:pernette, siehe auch Ceresole : Scenes vaud.,
S. 266; in der Mundart : jjerwe/to (in Montreux, nach Bridel); im Franz.
coccinelle oder bete ä bon Dieu.
Die Zecke [Ixodes rhicinus] = lovat (G, Dupertuis : Loc. vic.) oder
lovet (G); in der Mundart : lovet^ s. m. oder lovetta, s. f. (Bridel); franz. :
tique des marais.
1) Nach Bridel wird vouablla auch gebraucht zur Bezeichnung von Salix
viminalis (Weide) und Viburnum Lantaua (Schlingbaum). Vgl. auch vwabia etc.
auf der Karte clematite (1505) des Atl. ling.
2) daille sonst = Kiefer, in der Mundart : daille, dailla (H. Savoy, S. 167).
Über de und dar vgl. auch L. Gauchat in Rom. Forsch. XXIII, S. 873.
3) Nach einer privaten Mitteilung heißt auch in Turin der Tannzapfen
piva. Der Atl. ling. verzeichnet (K. 1515) ]gdvi, plve.
Bomauiache Forscuungen XXYII. 49
770 ^- Wißler.
Fißche:
ferra*) (s. f. nach G, s. m. nach V) ist eine spezielle Fischart
des Genfersees [Coregonus Schinzii fera]; in der Mundart ferra, fara
(Bridel); derselbe Fisch heißt auch bezole oder bezule'); in der Mund-
art hesaula, bessola, bessula^ s. f. (Bridel).
„gravanche" s. f. (G) ist der Name einer Abart der fer» [Core-
gonus hiemalis Surine]; sie heißt auch fera blanche, fem jaune,
petite fera, bezole, bezule etc. und kommt auch nur im Genfersee
vor; in der Mundart •• ^rrayoMCÄe, garvanche (Bride!).
„plate" (s. f.) ebenfalls eine Spielart der fera, 6 zitiert de Saus-
sure: „La platte vit dans le golfe de Thonon et se peche rarement
ailleurs", (Voy. dans les Alpes I. 16); in der Mundart pllatta, s. f.,
pllaUet, pllatton etc., s. m. (Bridel). — Vgl. über die Fische des Genfer-
sees F. A. Forel;Le Leman III., S. 62 u. ff.
Die palee, s. f. ist ein Fisch des Neuenburger-, Murtner- und
Bielersees (N) [Coregonus Schinzii palea F.]. Der Fisch heißt auch
fera, petite fera, giblion; im Bielersee : J5a/m, Baichen odier Balch-
pfärnt. In der westschweizerischen Mundart palea (Bridel).
Die bondeile, s. f. gehört nur dem Neuenburger- und Bielersee
an (N, F:Suppl.) [Coregonus exiguus bondella, F.]; im Bielersee heißt
sie Pfärrit-, in der Mundart bondalla (Bridel).
Vögel:
Eine Reihe von Wasservögeln hat J. J. Rousseau in der Nou-
velle Heloise mit den provinziellen Bezeichnungen benannt, vgl. G und
A. FrauQois : Les provincialismes de J. J. Rousseau:
Der helle Wasserläufer [Totanus griseus, Brisson] = tioutiou;
französisch : Chevalier aboyeur.
Der Gambettwasserläufer [Totanus calidris, L.] sifflasson;
in der Mundart sifflasson^ sifflet (Bridel); franz. gambette, Chevalier
gambette.
Der Regenbrachvogel [numenius phaeopus L.] = crenet; vgl.
in der Mundart crenot = demi courlis (Bridel); im Franz. corlieu.
Die Flußmeerschwalbe [sterna fluvialis, Naum.] = besolet;
in der Mundart hezolet (Bridel); in der Schriftsprache : hirondelle de
mer, Pierre-garin. — „besolet" bezeichnet auch die schwarze Seeschwalbe
[Hydrochelidon nigra, Briss.J; im Franz. epouvantail. — Vgl. hierzu:
1) Der Fisch (ferate, s. f. pl.) wird zuerst erwähnt in einer Urkunde des
Jahres 1150, vgl. F. A. Forel: Le Löman III, S. 329flF. ; vgl. auch Saussure:
Voyages dans leg Alpes I, 16,33, Rousseau (Nouvelle Heloise), Larousee: Diot.
univcrsel; Littre : Supplement etc.
2) Nach A. Franyois: Les provincialismes de J, J. Roussejiu.
Das schweizerische Volksfranzösigch 771
besule, s. f. ou besu, s. m., „Ces noms se donnent indifferemment aux
diverses esp^ces de mouettes, oiseaux de mer de l'ordre des palmip^des"
(G); in der Mundart bezu, beju^ bedzu (Bridel).
Der große Brachvogel [Numenius arquatus, L] =sifflet; frz.:
courlis.
c) Viehzucht.
Eine alte Kuh, die keine oder wenig Milch mehr gibt und des-
halb gemästet wird, nennt man une cabe (N, Pierrehumb.); in der
Mundart : caba (Bridel), kaba (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
Das einjährige Kalb = un mogeon (F, G, W). Das Wort be-
zeichnet bald nur das Stierkalb, wie im Freiburgischen, bald auch die
weiblichen Kälber (vgl. L. Favrat im Glossar zu den „Dernieres
poesies" von Rambert); in der Mundart : modjon, modzon = veau (Bridel),
mojhon^ <jnodü> = veau male de 6 ä 18 mois (Dict. savoyard). — Vgl.
im Atlas ling. die Karte veau (1354) : mXjzo im Savoyischen (Pkt. 93,
945, 967) = jeune veau.
Farbbezeichnungen für Kühe:
gräulich : brenasse (se dit de certains pelages, Pierrehumbert)
= brun-gris.
gestreift : djail lote adj. = avecplusieurs raies blanches (Pierre-
humb.), vgl. in der Mundart : djallho-ota, adj. = seme de taches blanches,
se dit du manteau des vaches (Bridel).
gefleckt: ramele, adj. = avec le dos blanc (Pierrehumb.);
moteI6, moutele (G, N, Pierrehumb.), adj. = mouchetö d'une certaine
fa§on, etoile ; vgl. in der Mundart motellä, adj. = qui a une etoile blanche
au front (Bridel) [motaila, s. f. ist nach Bridel der Name der so gezeichneten
Kuh], motelä, adj. = tachete (Dict. sav.); chacotte, adj. = tachete
de blanc, vgl. in der Mundart ^t'Ä/aA;o, -a (Bridel); boucharde, s. f. =
vache qui a des taches blanches k la tete (F); in der Mundart : bo-
tzarda\ s. f. (Bridel).
Für Pferde:
falet (G), adj. masc. = rouan, se dit des ehevaux dont le poil
est mele de blanc de gris et de bai; in der Mundart :/a/e <Cfal(£^
(Dict. sav.).
Der Schweinestall: le boiton (G, N, V, F), buidon
(G), beutson (W) : [Un gargon] „est en train d'ofixir leur pätee aux
cochons de la ferme : il verse dans les auges du boiton une part de
la prebende". (Vallotton : Portes entr'ouvertes, S. 69) „Tous les caions
1) botzard heißt (nach Bridel) eigentlich : sale autonr de la bouche, davon
das Verb botzardä (Bridel): salir le visage; denselben Sinn haben die ent-
sprechenden Provinzialismen boucluird und boucharder (N. Pierrehnmbert).
49*
772 G- Wißler
[Schweine] ne sont pas dans les boitons" (R. Morax : Dirne, S. 62). In
der Mundart: boueton^ houaton, heuaithon (Bride!); hivede <jbwedoey-
hwedo (Dict. Sav.). Vgl. auch Atlas lingnistique, Karte ecurie (451 B) :
bwatö, bwaedö, botso etc. in der Schweiz, bivöto, bwetö etc., in den Dep.
du Doubs und du Jura, btvedö etc. in der Haute Savoie, bwede in der
Savoie. Vgl. auch W. 0. Streng: Haus und Hof, S. 64 und 79.
Der Hirtenknabe (Schweizerdeutsch : Hüete rhu eb) =bovai-
ron (G, F : Supplement, Dupertuis : Loc. vic.) = petit bouvier, jeune
pätre qui garde les boeufs ; in der Mundart : bovairon (Bridel), bovero
(Dict. savoy.).
„Das Vieh besorgen" wird mit gouverner v. n. wieder-
gegeben (N, V, F, Ceresole : En cassant . . ., S. 44 und 85), in den
„Derniöres poesies" von Rambert definiert als : donuer de la päture
au betail, le faire boire et renouveler la litiere; in der Mundart goii-
herna, gouverna (Bridel)^).
Häcksel als Viehfutter heißt fouetre s. m. (F) = fourrage com-
pose de paille et de foin ; in der Mundart fwetr (Gauchat : Patois frib.) ;
schwd. fudtdr (— Futter überhaupt).
lechet, s. m. = portion de nourriture du betail, composee de
betteraves, pommes de terre, c^reales ou son (N) ; in der Mundart :
letm (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
d) Alpwirtschaft.
un gite nennt man in F eine Weide im Tal, wo sich das Vieh
nur im Herbst und Frühling aufhält, in der Mundart glto, djHo,
(Bridel); vgl. dzi&9^ s. f. (Gruyöre).
toupin nennt man die „Treichle", d. h. die aus Eisen ge-
schmiedete Kuhglocke von spezieller Form und von speziellem dumpfem
Klang (G, Dupertuis : Loc. vic); in der Mundart toupein, tepein (Bridel).
Der ursprüngliche Sinn des Worts ist : irdener Topf (vgl. N, G, V, F,
Peter : Cacologie und mundartlich, vgl. toupein (Bridel)'^).
loi, s. m. (F) ist eine lederne Hirtentasche, die nur auf den
Bergen Verwendung findet und in der das Salz für die Tiere und das
Fett zum Melken aufbewahrt werden; in der Mundart : /o«// (Gauchat:
Patois fribourgeois), lohi (Dict. savoy.).
oiseau^) heißt, nach einer privaten Mitteilung in Bulle das Trag-
gestell der Sennen; in der Mundart ozi (Luchsinger : Molkereigerät,
1) Vgl. über das Wort S. 753 und 759.
2) Vgl. auch tupce, tcepe etc. in der Schweiz, Haute Savoie, Is6re, Ain und
Jura nach Atl. ling. Karte pot (1065).
3) Auch das Traggestell der Maurer für den Mörtel heißt in Bulle : oiseau.
Das schweizerische Volksfranzösisch 773
§ 30, ü), tze (in Leysiu). Das „-??«/" in der deutsehen Schweiz hat
eine andere Form und wird mit Riemen getragen.
k ritze ist in Bex der Name für dasselbe Gerät; in der Mundart
krits3(m Rossinicre, Iserable etc., nach Luchsinger § 30; b), vom schwd.
Chrütze (= Tragkorb).
chola, s. f. (F) ist die Bezeichnung für den Melkstuhl, vgl. in
der Mundart i^ola (in Bulle, nach Luchsinger : Molkereigerät, S. 22).
Nach Bridel bedeutet chola, sola = „chaise", „siege" überhaupt; im
Frz. : sellette ä traire.
bagnolet, s. m. ist ein hölzernes weites und wenig tiefes Auf-
rahmgefäß (G, N); in der Mundart : hagniolet (Bridel), banole in Gryon,
Salvan und Trois-Torrents, nach Luchsinger : Molkereigerät, S. 23.
[bagnolet bezeichnet auch das Gefäß, in dem man das Geschirr reinigt
(Bridel, F und V)].
guetzo (F) [ich hörte in Bulle immer dyetso] bezeichnet das-
selbe Aufrahmgefäß: in der Mundart dytiso (in Bulle), gyets^ gwlso
(nach Luchsinger : loc. cit. S. 23), guietzo, dietzo (Bridel) ; Schweizer-
deutsch : gUsL
toube, 8. f. nennt man im Wallis das Alphorn; in der Mundart
touba (Barman : Glossaire valaisan).
Mit chargeoir übersetzt Luchsinger (loc. cit., S. 36) das mundart-
liche tserdzä (Bulle) etc., welches die Käsepresse bezeichnet; frz.?
Ziegenkäse heißt chevrotin in G, F, V; in der Mundart
tsavrote (Gauchat : Bulletin VI, S. 20), ghevrotin <^9dvrote> im Dict.
sav. ; frz. fi omage de lait de chevre.
Mit crezeuet, s. m. bezeichnet man in Grpetite tomme ou fro-
mage que les fruitiers (=vachers) se fönt daus les laiteries avec les
egouttures de lait qui restent daus le couloir".
päre, s. f. = er oute, pelure du fromage (G); in der Mundart
pära (Dict. savoy.), joara (Bridel) = bavure du fromage dans sa forme.
vacherin'), s. m. bezeichnet eine spezielle Art kleiner weicher
Käse^), die nur in der Schweiz, (speziell im Jura) und in den fran-
zösischen Departementen Jura und Franche Comte und im Chablais
fabriziert werden (G, F, N, V) ; in der Mundart vatzerein (Bridel). Das
Wort ist, mit dem Gegenstand, auch in Frankreich bekannt geworden,
vgl. Larousse : Dict. universel. Es wurde schon von J. J. Rousseau
gebraucht, vgl. Alexis F r a n q o i s : Les provincialismes ... de J. J.
Rousseau.
1) Vgl. Belegstellen aus dem 15.— 17. Jahrh. bei Godefroy und mundart-
liche Formen aus Savoyen im Atl. ling. (Karte fromage: G13).
2) Über die mundartlichen Namen für Käse in der Schweiz schrieb Prof,
Gauchat im Bulletin du Glossaire VI., S. 19.
•J74 ^' Wißler
tomme, s. f. bezeichnet kleine, weiche Ziegenkäse (G, Duper-
tuis : Loc. vic, F, N); dieser Gebrauch des Wortes scheint nicht ursprüng-
lich zu sein; denn das Patoiswort touma, fema <C^tdmay. (Bridel), tqma
(Gauchat : Bulletin VI, 8. 19) bezeichnet schlechten Magerkäse; über
die Bedeutung des Wortes in Savoyen [alle Käse, außer denen „ä la
fa9on de Gruyere"] she. Dict. sav. toma. Vgl. auch die Karte „fromage"
(613) des Atlas linguist., wo tZma in der Schweiz (Pkt. 40 und 50) und
in Savoyen bald den Käse überhaupt; bald den „kleinen Käse" be-
zeichnet. Diesen Sinn hat auch der Provinzialismus in F und N und
in Auvernier.
seret^) (N)[sre in Auvernier], serac'^), söret (G), chere, ser^,
serac (F) ist die volkstümliche Bezeichnung für den Zieger, d. h. den
aus den Molken gewonnenen Käse; in der Mundart cere, seret, sdre
(Bridel), sere (Dict. savoy.) — Vgl. im Atlas ling. die Karte „fromage"
(613), wo sre etc. im Berner Jura als „fromage de menage" und sere
etc. in Savoyen als „deuxieme fromage" [Zieger] gedeutet ist. —
Vgl. H. B. de Saussure: Voyages dans les Alpes I., 236 und IV.
158 und Belegstellen aus dem 16. Jahrh. im Dict. sav. unter : $erac. —
V tibersetzt seret mit caillebotte (Quark), Bedeutung, die ihm auch in
La Chaux-de-Fonds zukommt. — Quark heißt (nach G) in Genf, Waadt
und Neuenburg ceracee, s. f.. Vgl. das Wort in J. J. Rousseau's
Nouvelle Helofse, nach A. FranQois : Les provincialismes de J. J. Rous-
seau, und in den Erläuterungen zu den Planches der Grande Encyclo-
pödie VI. Bd. (1758), wo es dem brocotte (== Quark, aus dem
Zieger bereitet wird) der Vogesen gleichgesetzt wird. Dieselbe Be-
deutung hat das mundartliche s^rasset (Bridel), s. m., während das
genau entsprechende serachä, s. f. vom Dict. sav. durch „petit lait avec
lequel on fait le sere" übersetzt wird.
cuite, s. f. = „petit -lait recuit, dernifere qualite de petit-lait,
c'est-ä-dire celui qui reste aprfes qu'on en a fait le seret" (G, auch im
Waadtland); in der MxinA'drtikweta (Dict. savoy.). — Im Schweizer-
deutschen heißt dieser Teil der Molken Schotte.
Das runde Formgefäß für den Zieger nennt man in Bulle
ruchon; in der Mundart ratsd (Luchsinger: Molkereigerät S. 30).
e) Landwirtschaft, Ackerbau.
Das gesamte Zubehör zu einem Bauernhof = che dal (G, F, N,
V, W, Peter : Cacol.), chödail (F : Suppl.); in der Mundart chedal (Bridel),
1) Die Pariser kennen das Gericht nur von den Italienern (ricotta) oder
Südfranzosen (brou^o) und nennen es recuite oder brousse (nach Larousse : Dict.
universel).
2) Über s^rac als Terminus der Geologien she. S. 764,
Das schweizerische Volksfranzösisch 775
ghadä < &adä > (Dict. sav.) ; im Frz. : attirail d'une fertne oder
cheptel mort.
Ein Gut, das in Halbpacht Übernommen wird, heißt une moi-
tre8se')(N); in der Mundart : wo<7er<?ssa (Bridel); in der Schriftsprache:
ferme ä moltie fruit (Sachs- V.); moison (Larousse : Dict. universel) ist
veraltet.
ordon, s. m. bedeutet nach Pierrehumb. : „rangee de ceps qu'on
vendange sans se detourner", nach G und N : „portion de tfiche";
„mener l'ordon (ibid.) = etre k la tete des faucheurs, des vendangeurs."
„relever l'ordon" nach Pierrehumb. = tenir le bord de la rangee de
ceps"; in der Mundart : ordo = sillon, täche (Gauchat : Patois du Val
de Ruz.), „ordon = partie d'un champ qui a 6t6 beehre, fauchee ou
vendangee par un ou plusieurs ouvriers, marchant en ligne droite dang
le sens de la plus grande longueur du champ" (Dict. sav.). Diese
letztere Definition gibt wohl die ursprünglichste Bedeutung des Wortes
wieder. Ein französisches Synonym dafür existiert nicht.
Der Saum des Feldes^ wo der Pflug gewendet wird (und der
erst nachträglich gepflügt wird?), heißt nach Pienehumbert : une
cheintre''); in der M\md&rt : tmtr (Gauchat : Patois du Val de Ruz);
vgl. auch tsetra, s. m. „Bulletin" 1903, S. 58.
Davon abgeleitet das Verb ch ein trer (Pierrehumb.); chintrer (N)
nach dem ersteren = labourer la „cheintre" par sillons transversaux ;
Bonhöte fügt hinzu: . . afin que la charrue puisse y etre tournee [?];
in der Mundart des Val de Ruz : tsäträ.
Dieselbe Bedeutung soll nach Pierrehumb. dem Verb : confouler
zukommen; vgl. aber in der Mundart des Val de Ruz köfolä = passer
sur le voisin en tournaut la charrue.
Der Schollenbrecher heißt (nach Plud'hun : Parlons frangais)
im Wallis cacheu. Plud'hun übersetzt es mit räteau de fer; doch ist,
nach Barman : „Glossaire valaisan", das mundartliche cacheu mit frz.
cassemotte identisch.
f) Heu.
Der Wetzsteinkasten der Mäher heißt nach V:goy, goille
<gü^?>, nach Vallottou : Mr. Potterat ... S. 190 : la coffia [?], nach
Pierrehumbert : couvier (vgl. im Patois duBournois [Ch. Roussey] kum),
in Lausanne le covä, oder covai (selbst in Zeitungsannoncen häufig);
in der Mundart : com, cot^ae (Bridel), kovey im Freiburgischen*), kova^ in
1) Davon abgeleitet: un moitressier = der Pcächter (N).
2) Cf. Bridel : tscheintra, s. f. = sillon (Vall6e de Joux), tsantra, tschantra,
s. f. =: bände de terrain, entre la vigne et . . le mur de cloture . . . ou l'on
cultive des legumes (Lavaux).
3) Vgl. Gauchat:Etymologie8 fribourgeoises im „Bulletin" II, S. 34.
776 Gl. Wißler
Leysin; im Frz. heißt der Gegenstand coffiu oder coyer. — Vergl. Atl.
ling., Karte coffin (307) die Formen ikövw, kova; daneben köft, auch
in Savoyen.
Der Wetzstein selbst wird molette genannt (G, F, N, Duper-
tuis : Loc. vic.), im W meulette; in der Mundart moletta (Bride!); im
Frz. pierre ä aiguiser oder queux oder dalle [?] (Littre).
berr, s. m. = „filet servant ä trän sporter du foin" (N), das
gleiche Gerät, das im Scbweizerdeutschen ,^Heu-, „Gras- ,^Laubbogen'-^
oder einfach ,^Bogen^' genannt wird; vgl. auch A. Bachelin : Jean-
Louis, S. 42^); in der Mundart : bär^) (Gauchat : Patois du Val de Ruz);
im Waadtland nennt man den „Bogen" le fleurier. Dies Wort be-
zeichnet z. B. in G nnd V ein großes, starkes Tuch, speziell auch das
Laugentuch der Wäscherinnen); in der Mundart :^on (Dict. savoy.),
h dvrö (Val d'llliez). Nun werden solche Tücher noch heute (z. B.
im Val d'llliez) benutzt, um kleinere Quantitäten Gras oder Heu,
besonders von wenig zugänglichen Stellen aus, heimzubefördern.
Der Name des primitiven Gegenstandes ist also auf den ihn später
verdrängenden, wahrscheinlich aus der deutscheu Schweiz eingeführten,
übertragen worden. — In Bex nennt man dasHeutuch: sarge, s. f.;
in der Mundart sardze^ 8. f. (Barman : Patois valaisan). — Netze (ohne
die hölzernen Bogen), welche zum gleichen Zweck dienen, heißen in
Bex filard; in der Mundart : /e/arc? (Bridel). Nach Atl. ling,, (Karte
569) bedeutet fdlar, flä, etc. in einigen Ortschaften der Schweiz, des
D6p. du Jura etc. = Netz überhaupt.
Für die kleinen Heuhaufen^), in denen das Heu über Nacht bleibt
und die am Morgen wieder verstreut werden, um es neuerdings der
Sonne auszusetzen, hat unsere Volkssprache mehrere Bezeichnungen :
cuchet(G, Peter: Cacologie), in der Mundart : cutset^){V>v\At\)\ Chiron^)
(V, N, Vallotton : Mr. Potterat, S. 201, 217 etc.), in der Mundart tsiron
(Bridel), tslrd in Estavannens, in der Volkssprache des Departement du
Doubs : Chiron (Beauquier); chillon (Peter: Cacologie), in der Mundart
chillon, tsillon (Bridel); im Wallis un matson (?) [in der Mundart des
1) Neuchätel, 1896, Sme ^AM.
2) Das Wort stammt offenbar aus dem Schweizerdeutschen und ist iden-
tisch mit dem Ber II, 2d oder Heu-Beren 2) des Idiotikon, welches allgemein
„Netz" und speziell „Heubogen" bezeichnet (in den Waldstätten, den Kt. Luzern,
Zürich, Zug, Thurgau; aus dem Kt. Bern kein Beleg).
3) Über die mundartlichen Ausdrücke für Heu etc. soll demnächst eine
Arbeit von Herrn Prof. Tappolet im Bulletin du Glossaire erscheinen.
4) Vgl. cuchon bei Godefroy und cuchoun bei Mistral und Puitspelu.
5) tsiron heißt nach F = Haufen überhaupt, also auch un tsiron de pom-
mes de terre.
Das schweizerische Volksfranzösisch 777
Val d'Illiez o kafso^)], im valamon, in der Mundart valamon (nach
Bridel in Moudon), wolamo (im Val d'Illiez); in der Schriftsprache:
veillotte^), moyette oder buirette.
Die Heuhaufen wieder auflösen heißt : decucher (Gaudy-le-
Fort), dechironner (Pierrehumbert, Ceresole : Seines vaud., S. 270).
Das in Schwaden liegendeHeu zerstreuen : desandagnerT(Pierre-
humbert), in der Mundart : dezndanyi (nach dem Artikel „andaiu" von
Prof. Tappolet im Bulletin du Glossaire 1908 (S. 13).
Die Heuschober, d. h, die großen Haufen, zur Überwinterung
im Freien sorgfältig um eine Stange aufgeschichteten Heues nennt
mau : maia(F), mie (G), meye (Peter : Cacologie), in der Mundart ma'ia
(Bridel), in hyon : maya (Puitspelu); tfeche') (G, N, V), in der Mund-
art tetsche *) (Bridel)^ tes (in BournoiS; nach Roussey) ; im Französischen :
meule oder pile de foin.
clousin (F : Supplement), in der Mundart hllesein <Clez~e>^ hlloson
(Bridel) = poussiere ramassee dans la grange et renfermant les
graines de graminees qu'on recueille pour les semer.
fla, s. m. (Dupertuis : Loc. vic, V, W), in der Mundart :///a, fla
(Bridel) = herbe, foin des marais.
g) Ob stbau.
Der Fruchtkorb, in den man z. B. die Kirschen pflückt, heißt
cratte s. m. (N, F); in der Mundart crato (Bridel). Das Wort stammt
vom schweizerdeutschen xrato; im Frz. cueilloir.
Gedörrte Früchte = secherons (F, V),- in der Mundart:
Setzeron, chetzeron = poire sechee au four toute ronde (Dumur : Patois
vaudois).
la pure, od. l'apure, s. f. = le moment de la plus grande abon-
dance d'un legume, d'un fruit, d'un poisson „J'attends la pure des fram-
boises pour faire mes coufitures" (G). Nach dem Dict. savoyard wird
das Wort auch in der Volkssprache von Thonon gebraucht.
1) Bezeichnet speziell die ganz kleinen Heuhaufen.
2) Nach Larousse : Dictionnaire universel bezeichnet veillotte einen etwas
größeren Heuhaufen, den man in der Absicht aufschichtet, ihn längere Zeit auf
dem Felde zu lassen, bis eine günstige Gelegenheit erlaubt, das Heu in die
Scheune zu bringen. Welche Provinzialismen speziell der veillotte entsprechen,
konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
3) Nach Courthion : Scenes valaisannes (S. 23) : amas de foin dans les
granges.
4) tetsche bedeutet Haufe, Schicht überhaupt, davon in der Greyerzer
Mundart das Diminutiv: tetsd (Bulle).
778 ö. Wißler
h) Weinbau.
Von den Begriffen, für die Gignoux keine geeignete französische
Bezeichnung fand und für die er zu einem Provinzialismus greifen
mußte, um das Dialektwort zu übersetzen, seien die folgenden an-
geführt:
I, 21. ferre adj. „se dit des raisins dont la croissance s'arrete
par les trop grandes chaleurs; le grain reste petit, prend une teinto
bleuätre et devient tres dur; in der Mundart : /em etc.
II, 18. les rebias = seconde pousse de la vigne; in der Mundart
rdbf%. Cf. Girebiolon, Bridel : ni/o^n.
IL 17. Davon abgeleitet : rebio 1er = enlever les pousses entre
les feuilles; c'est la deuxieme Operation de l'epamprement; in der Mund-
art rdhyolä etc. Cf. N : rebioler, Bridel : rebiola.
Zu 111. 23 les effeuilles = action d'epamprer la vigne et aussi :
epoque de l'epamprement. (Zur Bezeichnung eines bestimmten Zeit-
punktes wird das frz. epamprement meines Wissens nicht verwendet).
In der Mundart efoie etc., s. f. pl. Cf. les effeuilles in G, N, V, W;
Bridel : ejß^olhe.
III., 27. La Ifeve = Operation consistant a attacher ä l'echalas
les rameaux de la vigne; epoque oü se fait ce travail ; in der Mundart
Teva. Für den Zeitpunkt brauch t man in Epesses la 1 6 v e oder lesattaches,
cf. dies Wort in N und das v. atatsi (Gignoux III, § 25) für „accoler".
III, § 38 traluire : se dit des raisins qui commencent k mürir;
ils deviennent translucides^); in der Mundart des Kt. Waadt tralivir]
vgl. das Wort in V und in Gorgibus : Frederi . . etc., S. 70.
clairer^) bedeutet dasselbe in der Volkssprache der Neuenburger;
in der Mundart des Kt. Neuenburg txerta etc. ; cf. das Wort in N.
in, § 46. agrets = petits raisins aigres provenant d'une
deuxieme floraison; ils croissent au haut des sarments et ne mürissent
generalement pas ; in der Mundart : agre; nach G hat agrets in der Waadt
die oben genannte Bedeutung; im Kt, Genf heißt; Les raisins sont
en agr6s = ils ont passe fleur, les grains commencent ä poindre; die
nämliche Bedeutung hat das savoyisch mundartliche: etr en agre
(Dict. savoy.),
in. § 48. Le fendant: On donne ce nom ä un plant, dont les
grains se fendent sous la pression des doigts au lieu que l'interieur
jaillisse dehors; in der Mundart fede etc.
1) Das franz, tourner, mit dem Plud'hun „traluire" übersetzt, ist nicht
zutreffend, da es bedeutet ,, Farbe bekommen" und von den roten Trauben ge-
sagt wird. In der Volkssprache braucht man dafür changer (G, u. in der Waadt).
2) Sonst allgemein gebraucht für frz. 6clairer,
Das schweizerische Volksfranzösisch 779
Bemerkung: InEpesses heißt das Gegenteil vom „fendant", d.h.
diejenige Traubensorte, deren Beeren unter dem Druck der Finger den In-
halt plötzlich fortschleudern, du r iflet, in G : raffeux (adj.), in Vrrafu
[oder gifleux, in N : du quicheux]. Diese Wörter stehen ohne Zweifel
im Zusammenhang mit raffe (G, N, V, DupertuisiLoc. vic), rifle (V,
Dupertuis, Loc. vic.) = diarrhße (in der Mundart raßa s. m., Bridel).
IV. § 20 char ä brecettes = sorte de char ä ridelles (Leiter-
wagen) servant au transport des „gerles" <cuve8>; in der Mundart
tser a hdrse etc. in der Mundart des Kt. Neuenburg; vgl. N brecettes,
[berosses und epondes]. und brdsta, (Gauchat, Patois de la Montagne
neuchäteloise).
IV. § 30:goger = imbiber d'eau les ustensiles de vendange,
combuger ; in der Mundart godz'i etc. ; vgl. das Wort in V, Dupertuis :
Loc. vic. und Pierrehumbert und godji bei Bridel.
bonner < bone > (G) bedeutet dasselbe; in der Mundart :iona
(Bridel), bona (Dict. sav.), bona etc. (Gignoux IV, § 30).
IV. § 16:bo8sette, s. f. (G, Dupertuis : Loc. vic.) ist ein läng-
liches, oben mit einer Öffnung versehenes Faß, in dem in den Kt.
Waadt, Wallis und Genf die Trauben vom Weinberg zur Kelter trans-
portiert werden, in der Mundart bqseta (in Genf, Waadt und Wallis,
nach Gignoux), bossetta (Bridel).
IV. § 22: fuste, s. f. heißt ein der bossette ähnliches Faß zum
Weintransport (G, N, F, W, V); in der Mundart /ws^a (Gignoux), füsfa
(Bridel).
lY. § 19:gerle = cuve servant au transport de la vendange,
munie de deux oreilles dans l'ouverture desquelles on passe un fort
bäton (N); in der Mundart dztrl, dzlrla (Gignoux), djerla (Bridel). Die
„gerles" werden nur im Neuenburgischen gebraucht. Das franz. tine,
das (nach Littre) ein zum gleichen Zweck dienendes Gefäß bezeichnen
kann, ist im Kt. Neuenburg nicht gebräuchlich.
Von den Details der Kelter seien nur folgende genannt:
V. § 6:Le traderan:nom donne aux deux poutres transver-
sales qui soutiennent le bassin du pressoir; in der Mundart tra de re
(Kt. Waadt); vgl. auch Bridel unter tra [= poutrej^.
V. § 7: L'etringnan = fortes pieces de bois entaillees dans
leur milieu et placees de chaque cote des traderans de maniere ä serrer
et ä maintenir en place les diverses pieces qui composent le bassin du
pressoir; in der Mundart etreuä etc.
V. § 21: Le poisson = poutre de bois de ebene, dont les deux
extr^mites sont engagees dans les rainures pratiquees dans les colonnes
1) In den Pianches zur Encyclop6die (im ersten Band) heisst der „tradö-
ran" : souillard.
780 G. Wißler
soutenant l'ecrou (= „ecouvre"). Elle doit son nom ä sa forme renflee
dans le milieu et amiucie aiix deux bouts, ce qui lui donne une vague
ressemblance avec un poisson; in der Mundart pesö. Vgl. das Wort
bei Pierrehumb. und pesson bei BrideP),
Bemerkung: Die Provinzialismen für diese Details der Wein-
kelter sind natürlich nur mehr an den Orten bekannt, wo die alte
Kelter noch im Gebrauch ist; wo die neuen Modelle (mit Differential-
presse etc.) eingeführt sind, sind auch die Wörter veraltet.
V. § 37 : le tracolon^) ^moüt que l'on retire de la cuve ou qui
coule du pressoir avant que l'on ait commence a presser; in der Mund-
art trakolö etc. Vgl. das Wort in N und trakolö bei Gauchat (Patois
du Val de Ruz).
ecolai oder ecoulai bezeichnet in G dasselbe; vgl. in der Mundart
ekqle (in den Genfer Patois).
V. § 38 : le troillu = moüt extrait de la pressöö aprfes la der-
niere „recoupe" [= action de tailler la presseej; ce moüt est de
qualite infßrieure; in der Mundart trqiü etc ; vgl. das Wort bei Bridel
als „vin nouveau de mauvaise qualite".
VI., § 17:le laigre = vase de cave de grandes dimensions; in
der Mundart Ugr; vgl. das Wort in N, F, Peter : Cacologie. —
le legrefasse in G, N, F, Epesses, bezeichnet dasselbe; in der
Mundart legrdfas^ 'egrsfas etc. — Beide Wörter sind dem Schweizer-
deutschen lägdrfas entlehnt, legr scheint eine bloße Kürzung zu sein.
VI, § 31:le guillon^) = „petite cheville de bois pour boucher
le trou pratiquö dans le fond d'un tonneau" et qu'on retire pour goüter
le vin; in der Mundart gdio etc. Vgl. das Wort in G, N, V [N über-
setzt es mit bonde] und gnellhon bei Bridel, glion <i(jiö'> im Dict. sav.
VI. § 32. Davon abgeleitet guillonuer (G, F) = raettre le
fausset"), in der Mundart gat/ma (guellhonna bei Bridel).
Es sei mir gestattet, hier noch auf einige Provinzialismen hinzu-
weisen, deren mundartliche Entsprechungen in Gignoux' Arbeit fehlen:
Ad. I § 6 {berkia = treille) : bercler les sarments = les courber
de fagon ä leur donner la forme d'un demi-cercle. (N, Pierrehumb.)*).
In der Mundart heißt (nach Bridel) herhllä <3erAä> = mettre des
tuteurs, wie übrigens auch der Provinzialismus bercler im Kt. Waadt
(V und Epesses).
1) In den Planches zur Encyclop6die (loc. cit.) : mouton.
2) Die Ausdrücke ,,mcre goutte" und „surraoüt", mit denen Gignoux tra-
colon übersetzt, scheinen nicht zum Sprachgut des Volkes zu gehören.
3) Für die Verbreitung von guillon <^g3io~^ vgl. die Karte fausset
(1564) des Atl. ling.
4) „On ne bercle pas la vigne iudigöne, mais un plant du Rhin" (Pierre-
humb.)
Das schweizerische Volksfranzösisch 781
berclet8 = ceps dont les sarments ont ete recourbös. (N, Pierre-
humb.)-
iselets ist der Name für dieselbe Art die Rebenranken zu führen
(nach Pierrehumbert und in Auvernier). Das Dialektwort izelet (Dimin.
von ize) bedeutet wörtlich : petit oiseau (she. Bridel unter ozalet).
i Zell es = vignes d'„izelets", (Pierrehumb.); \izala im Patois =
weiblicher Vogel, Bridel].
hutains, nach G = g-uirlandes de vigne,. in Epesses: vigne qui
grimpe aux arbres \ in der Umgebung von Lausanne : vigue qui grimpe
ä une grande brauche de chätaiguer ecorcee, plantee ci et lä dans les
vignes; in der Mundart : utins, uteins, hauteins s. m. pl. „vigue qui
monte sur des appuis fort eleves, places en lignes tres espacees, entre
lesquelles il y a un terrain ensemence" (in Coppet, nach Bridel); im
Frz. hautain = vigne accolee coutre unarbre; nom que Ton donne aux
berceaux de vigue dans le midi de la France (Larousse : Dict. uni-
versel).
carabasse, s. f. = sarments de hutains avec lesquels on lie les
haies. (G).
porteur = bout de sarment, d'environ un demi-pouce de lon-
gueur qu'on laisse au sommet d'un cep de vigne pour rapporter des
raisins (G) [in der Mundart wird ports^ in St. Maurice gebraucht für
pedoncule]. Das franz. Wort ist cource = Tragholz.
brot, s. m. =jeunes sarments de vigue quand ils sont tendres et
cassants (G); in der Mundart 6ro (Jeanjaquet : Patois d'Hermance); das
Wort ist wahrscheinlich identisch mit dem franz. brout, welches die
jungen Triebe eines Baumes bezeichnet, [vgl. brq = bourgeon, Dict.
sav.].
les pianes = rejetons du cep de vigne (W), cf. in der Mundart
piennä, piainä, pllenä = les premieres pousses de la vigne qu'on
enleve et qui sont une bonue päture pour le betail (Bridel); dazu
epxcina = ebourgeonner III, 13, Gignoux; epienna, eplana (Bridel):
eplaner = epamprer (Dupertuis : Loc. vic).
dechargeoir, s. m.= grande cuve oü l'on jettela veudange qui
vient d'etre cueillie (G); vgl. in der Mundart dkharjhira < de&aröira >
im Dict. sav., mit dem gleichen Sinn. Vielleicht ist dies Gefäß iden-
tisch mit der tiue (Mundart tdnd) im Kt. Waadt '), cuve im Kt. Neuenbürg,
(Gignoux IV. 23).
i) Fischerei.
Das von einem einzigen Mann besetzte Stehruderboot [mit eckigem
Vorderteil] heißt im Neuenburgersee loquette. (Geograph. Lexicon
1) Vgl. auch tena mit dem gleichen Sinn bei Dumur und im Atl. ling. Una
(Karte 1529).
782 G- Wißler
der Schweiz III., S. 578). Vgl. auch N, F, V und liquette in G, V
(auf dem Geufersee), in Epesses likyet. In der Mundart loketta^ liketta
(Bridel), Idkdta (Dict. sav.); im Frz. entspricht diesem Wort etwa : bachot,
uacelle.
Ein reusenförmiges Fischgarn (im Frz. : verveux) nennt man
berfou (F, N), barfou oder barfolet (G); in der Mundart barrefou^
barrefolet (Duret : Patois genevois) [Der Dict. sav. zitiert G].
k) Aus der Sprache anderer Berufe; Geräte etc.
Der wandernde Kesselflicker heißt le magnin (G, F, N, V, W,
Peter : Cacol.); in der Mundart magnin (Bridel); im Frz. chaudronnier
ambulant oder chaudronnier ä sifflet (Larousse : Dict. univ.). — Das
Wort fand sich noch in der ersten Ausgabe des Dict. de l'Academie
und ist heute in Frankreich noch ziemlich verbreitet (in der Champagne,
Poitou, Berry, Bourgogne, Metz; vgl. Godefroy maignah). Vgl. Atlas,
ling. die Karte chaudronnier : mane (Pkt. 937, 52) und in den franz.
Dep. Meurthe et Moselle, Vosges, Hte. Marne, Hte. Saone, Cöte d'Or,
Doubs, Jura, Saone et Loire, Ain, Rhone und Savoie == chaudronnier
ambulant; vgl. auch die Dissertation von W. Kusche „Handwerker-
benennungen im Französischen" (Kiel 1902), S. 23 ff.
Die Beilage (Knochen etc.), die man zum Fleisch erhält =
la Charge (V, Pierrehumb.), in der Mundart : /a ^särof^^? (Val d'Illiez);
in F: sei, schi, in der Mundart chi <,si'> (Gauchat : Patois frib.);
garneson in G, V, Peter : Cacol. und in der Volkssprache Savoyens. —
Besteht die Beilage aus einem Stück Fleisch geringerer Qualität, so
heißt sie marcon (N) ; in der Mundart : marÄrö (Gauchat : Patois du Val
de Ruz) ; in der Schriftsprache : rejouissance oder surpoids.
Die Schlachtbank, auf der Schafe, Schweine etc. ausgeweidet
und ausgehäutet werden, kennt das Volk unter dem Namen trebuchet^)
(F, N, V); in der Mundart trabetzet; im Frz. etou.
Der Hackblock = plot (G, F, N, V, W); in der Mundart pllo
<.pio'> (Bridel), plot"^) (Dict. Sav. und Puitspelu : Patois lyonnais).
chapieure, s. f. bedeutet nach Pierrehumb. das Nämliche; nach
Gauchat : Patois du Val de Ruz ist das mundartliche tsapy^r auf den
Hackblock der Fleischer beschränkt; im Franz. tronc ä hacher oder
billot.
bambaner = scier de long (W); in der Mundart bambannä
(Bridel).
Das erste (und das letzte) Brett, das beim Längssägen abfällt
1) Französisch, mit anderer Bedeutung.
2) Das Wort kommt (nach G) auch in der Franche Comt6 und im Berry
vor. Für die Provence vgl. plot = billot bei Mistral und Piat.
Das schweizerische Volksfranzösisch 783
(bernd. Schwarte) und das an der äußern, zylindrisch gebogenen Fläche
die llinde beibehält, heißt coineau (G, N, W, Pöter : Caco!.), coinet
(G), couenni (F); in der Mundart couene, couenneau (Bridel), kouini im
Freiburgischen, nach Gauchat : Etymologies fribourgeoises im „Bulletin
du Glossaire^' II, S. 34. Die franz. Bezeichnung ist une dosse; doch
versteht man darunter auch eine Futterbohle oder ein Gerttslbrett; ge-
nauer ist flache-dosse (Sachs-Vill.).
Der eiserne Hebel heißt un paufer <pofer> (G, F, N, V), in der
Mundart pau-fer (Bridel), p''/? (Dict. sav.); presson (G, N, Peter: Cacol.);
in Annecy presson (Dict. sav.); im Frz. levier, barre de fer.
Der hölzerne Hebebaum = palanche (F, N, V); in der Mund-
art palantse (Bridel), paläts etc. bei Gignoux (La terminologie du vig-
neron V, § 24), wo es einen Teil der Kelter bezeichnet : grand levier
de bois dont on introduit l'une des extremites dans le trou pratique
dans la tete de la vis. Par uu mouvement de va et vient imprime
ä la „palanche", par un treuil vertical ['?'?], la vis s'abaisse et
exerce une pression sur les raisins. — N : palanche designe surtout la
perche avec laquelle on presse le foin sur les chariots. Der Dict. sav.
zitiert eine Stelle aus Brächet (Dict. du patois savoyard . . . d'Albert-
ville, 1889), wo das Patoiswort palanze dieselbe Bedeutung hat. In
Annecy palanjhe < paläöe > = rame, aviron.
palanchon ist der Name für einen kleinen hölzernen Hebel (N,
Dupertuis : Loc. vic), palantson (F : Suppl.) = id.; in der Mundart
palantzon (Bridel) = petit levier de bois. Bei Gignoux (V, 25) be-
zeichnet palätso etc. den Hebel des Wellbaums zur Kelter.
Die hölzerne Schöpfkelle führt den Namen un gaume (G, N),
un goume (F, V); in der Mundart :^02<mo, s. m. (Bridel), gomo (Dict. sav.).
In der Gruyere sagt man „un cavouet (F : Suppl.), in der Mundart
Ä;avj^e (Gauchat : Patois fribourgeois); im W un cau [kö], in der Mundart
kq (Barman : Glossaire valaisan). Im Frz. heißt das Gerät louche oder
puisoir.
Die Hakenschraube zum Aufhängen der Kleider heißt un strube
<strüb> (N und Pierrehumb.); in der Mundart struba s. f. (Bridel). Im Frz.
etwa patere oder crochet ä vis. [Das schwd. srüba^ oder strühd, dem das
Wort entlehnt ist, bezeichnet allgemein eine Schraube. Beim Übergang
vom Alemanischeu zum Frankoprovenzalischen hat sich also die Be-
deutung spezialisiert, und so ist das Bedürfnis der Sprache nach einer
präzisen Bezeichnung befriedigt worden.]
784 ^- Wißler
1) TraDsporlmittel.
luge*), 8. f. (G, N, V, W), liuge, liudze (F) ist der Name des
leichten, breiten, niedrigen, unbeschlagenen hölzernen Schlittens,
der, von Menschen oder Tieren gezogen (in den Bergen selbst im
Sommer), zum Transport von Holz, Heu u. s. w. dient; in der Mund-
art : lucfja, litdza^ liiidza, lieudje etc. (Bridel). iiidd^ lidd^ iedzd etc.
(Dict. sav.). Der Name wurde übertragen auf den kleinen Schlitten,
dessen sich die Kinder zum „Schlitteln", „Rodeln" bedienen. Als Be-
zeichnung des Sportschlittens wurde er auch in Frankreich be-
kannt'^X
Anmerkungen. I. Vom Typus luge sind abgeleitet l.lugeon s.m.=
a) Sehlittenku fe (N, Lausaune) und b) kleiner Schlitten (Dupertuis : Loc.
vic ), in der Mundart ludzon =petit traineau (Bridel); liidzö (Byland) = Rad-
schuh, Izon^ (Dict. sav.) = patin d'un traineau. — 2. luget (Dupertuis)
= traineaU; in der Mundart lodze (Gauchat : Patois du Val de Ruz). —
3. dasVerbum luger, se luger (G,N), liuzer(F) = „rodeln "3). —
Andere Bezeichnungen für den Schlitten sind in der Schweiz:
1. glisse*); s. f- (N, F (Estavayer), Peter : Cacologie, St. Imier). In
der Mundart ist von einem solchen Wort keine Spur vorhanden; es ist
also wahrscheinlich eine Neubildung der Volkssprache, nach der Pro-
portion : luger : luge = glisser : x. — 2. ferron (G), ferreau (V) = petit
traineau ä l'usage des enfants, dont les patins sont ferres; in der
Mundart :/(?>TOw (Bridel). — 3) beudje <bqBdz> s. f. (Pierrehumbert,
Neuenburg) ; nach Gauchat : Patois du Val de Ruz wird das Wort nur
in der Volkssprache, nicht in der Mundart gebraucht. 4. carbole,
s. f. (F) = Kinderschlitten. — 5. viate^), in Porrentruy = „luge":
yuat im Pat. v. Charmoille. — 6. tombereau [!] (Sitten) = kleiner
niederer Sportschlitten, dessen Kufen aus ganzen Brettern bestehen,
(in Bern : a:;es3/s7/^3, Zürich, Thurgau : x^/^ica, Zng : boddho''x^r. — 7. bre-
gantin (N) eine Art großer und hoher „luge" mit beweglicher Deichsel.
— In Frankreich: 1. liotte, s. f. (Montbeliard). — 2. schütte, s. f. —
3. glieue, leue, lu s. f. im Dep. du Doubs (Beauquier).
1) Über luge und seine Ableitungen vgl. die Artikel von E.Hausknecht
und D. Behrens in der Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur (XXXI, S. 294).
Vgl. auch die Karte traineau (1322) des Atlas ling.
2) Vgl. z. B. Petit Larousse illustre, 1907.
3) Im D6p. du Doubs : lucher (nach Beauquier), in Dijon : lizer (nach €u-
nisset-Cainot). Vgl. Atl. ling. Karte glisser (651).
4) glisse, s. f., bedeutet nach G, F, V, W = glissoire = Glitschbahn auf
dem Eise.
5) Cf. Atlas ling. (Karte 1322) traineau, Pkt. Gi-.lvat.
Das schweizeriflche Volksfraiizösisch 785
II. Auch piolet, die franz. Bezeichnung des Gletscherbeile a,
als S})Oi'tausdruck der Alpinisten stanimt aus dem Frankoproveuzalischen,
vgl. Bridel : inoletta, s. f., jnolon, s. m. = petite hache.
tsergosse, s. f. (mitgeteilt in Lausanne als Wort der Waadtländer
Alpen), chargosse^) (Courthion : Sceues valaisannes, S. 192). So heißt
ein originelles, leicht gebautes Fuhrwerk, zum Transport von Heu
und dergl, in hügeligen Gegenden. Es besteht vorne aus einem Schlitten
(zwei Kufen) und hinten aus einem Wagen (zwei Rädern). Im Emmen-
thal heißt es snak (=: Schnecke)'^). Vgl. die Anmerkung von Bridel : on
l'appelle aussi „escargot". In den frankoprovenzalischeu Mundarten
bezeichnet man es mit tsergossa^ tschergossa (Bridel); tsergose in Leysin
und tsargos9 in der Mundart des Val de Bagnes^) = charrette a deux
roues et ü brancard. •
m) Gebäude.
Der Bauplatz = chesal*) (N, Pierrehumb,); in der Mundart be-
deutet chesal, cÄesa^a; (Bridel) auch : propriete d'un agriculteur; im Frz.:
terrain a bätir.
Die Getreidehalle, das Kornhaus = la grenette (G, F, V), in
der Mundart : ^/-ewe^^a (Bridel); im Französischen : halle aux bles.
Das Gartenhäuschen = kikajon (N). [Nach G und Duper-
tuis : Loc. vic. bedeutet quicageon = maisonnette, reduit]; in der
Mundart : hikadzö (Gauchat : Patois du Val de Ruz); franz. : pavillou de
jardin.
mazot^), s. m. ist eine kleine, aus unbehauenen runden Hölzern
aufgebaute Scheune in den Alpen, zur vorübergehenden Aufbewahrung
des Heus (V); in der Mundart mazot (Bridel); vgl. auch F. Isabel: ,,Un
feuil aux Ormonts" im „Bulletin" I, S. 31.
borne, s. f. = grande cheminee de bois, dont le bas a la meme
1) Courthion beschreibt das Fahrzeug (irrtümlicherweise?) folgendermaßen:
„La mode etait venue aux „chargosses" tenant du charparles deux roues basses
de dovant et du traineau par les deux patins de derrifere."
2) Vgl.E. Friedli:BärndUtsch: I. Lützelflüh (Bern; Francke 1905) S. 340
und eine Abbildung auf S. 341.
3) Nach Cornu, Romania VI., S. 407.
4) Vgl. W. 0. Streng: Haus und Hof, S. 13; Godefroy chesal, chasal
etc. = bourg, ehäteau, domaine, manoir entoure de terrain propre ä cultiver
heute chezal = habitation in den Dep. Indre und Cher. — Vgl. auch Beauquier
(Dep. du Doubs) chasal = vieille maison en ruine und Mistral casau = chau-
mi^re, enclos, jardin.
5) Über das aus der Schweiz stammende franz. chalet (= Sennhütte,
jetzt auch = Wohnhaus aus Holz im „Chalet-Stil") vgl. A. FranQois:Le3
provincialismes de J. J. Rousseau, S. 40 und E. Richter in Ztschr. f. rom.
Phil. XXXI, S. 571.
Romauisube Forschungen XXVII. 50
786 ^- Wißler
dimension que la cuisine(F); in der Mundart : bouarna^), bouaina, borna
(Bridel); cf. Atl. ling., Karte 263 B borna, bwärna etc. = cheminee, im
Wallis und Pkte. 968, 969; borna in Leysin, buqrna in Albeuve im
Glossar zu Cornu:Chauts et rondes populaires de la Gruyere; Roma-
nia IV, S. 208.
louvelou, s. m. ist der Deekel, mit dem man die „borne" schließen
kann (R. Morax : Dime, S. 48), in der Mundart louvenos (Conteur
vaudois).
cadot, cadotzon (F) = espece d'escalier qui separe le poele
de la paroi, sur lequel on s'assied pour se chauffer [Berndeutsch :
Ofetritt]] in der Waadt : cavette (V); in der Mundart : kadotzon, cavetta
(Bridel), caveta (Cornu, Romania IV, S. 240).
Die Kachel = catelle (G, F, N, W, Peter : Cacol.); in der Mund-
art, catalla (Bridel), catda (Dict. sav.) ; franz. : brique veruissee, faience.
Die Butzenscheibe = coquecibe (N, Pierrehumb., Peter:
Cacol.) ; franz. : rond de verre.
n) Haushalt.
charriot, s. m. nennt man eine Art Unterbett, das am Tage
unter ein anderes geschoben und abends hervorgezogen wird (F : Supple-
ment) ; in der Mundart : tsarro (Bride!).
Der Gehwagen, in dem die Kinder das Gehen lernen, heißt
tintebin (F, V); in der Mundart tintebein (Bridel), [wörtlich = tiens-
toi bien]; bregolet (G); in der Mundart bregolet (Bridel); in der
Schriftsprache etwa : chariot a roulettes (Sachs-V.).
Die Glutschaufel = beruar (F); in der Mundart Äerwar (Bridel)
= pelle a feu. Vgl. darüber L. Gaucbat in Rom, Forsch. XXIll, p. 873.
Eine primitive Öllampe, die selbst noch heute von einigen Leuten
(z. B. im Val d'llliez) gebraucht wird, heißt er aisu (V), cresu (R. Morax :
Dime, S, 142), crozet (N), croijet (Courthion : Scenes val, S, 228); in
der Mundart craisu, eourzo, crozet etc. (Bridel), vgl. Gauchat: Le
conte du craizu („Bulletin" V, S. 38)^) und Dict. sav. : crivesa^ crwaju\
Puitspelu (Pat. lyonnais) : crusi) Godefroy : croiseP).
peuglise, s. f. ist der Name für das Bügeleisen (N, Pierrehumb.,
Peter : Cacol.); in der Mundart poegllz (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
Das schweizerdeutsche Ä/y^^/^s^ bedeutet besonders das von den Schneidern
1) Bedeutet auch : cavite , fissure dans un locher. — Vgl. auch W. 0.
Streng: Haus und Hof, S. 48, Anm. ^) und im Atl. ling. die Karten creux (352)
und caverne (204).
2) Mit einer Abbildung des Gegenstandes.
3) Vgl. über die ganze Wortsippe den Artikel Schuchardts in der Z. für
rem. Phil. XXVI., S. 314 flf. Die frankoprov. Formen werden darin nicht erwähnt.
t)&3 schweizerische Volksfranzösisch 787
verwendete Bügeleisen (im Gegensatz zum gletlsa der WäseherinneD),
she. Idiotikon. Im Frz. fer ä repasser oder carreau.
Eine kleine irdene Pfanne (mit 3 Füßen) nennt man un toufelet
(F, W), un tcepflet (N, Peter : Cacol.), in der Mundart toße-^ im Frz. etwa
poelon. Das Wort stammt ebenfalls aus dem Alemannischen : tdpfli =
dimin. v. Topf.
Ein Fläschchen aus farblosem Glas = une topette (G, F, N,
V, Peter : Cacol.); in der Mundart : ^ope^to (Bridel); franz. etwa fiole.
o) Küche, Speisen.
Das Lendenstück = cuard (G, V, F), cuvard (F, N); in der
Mundart : kuar (Bridel) ; franz. : cimier. — Dict. sav. : civar.
epenalet (G) = tranche de lard coupee au dos d'uu cochon;
in der Mundart von Hermance : epnale (Jeanjaquet).
oienas (V), ouienas (F), in der Mundart : oA/ew« (Bridel) = aba-
tis d'oie.
In das Netz eingewickelte gehackte und gebratene Schweinsleber
nennt mau ätriau, s. m.^) (G, V; F : Suppl., N, W, Peter ; Cacol.) ; in
der Mundart atriau (Bridel), ätrw (Dict, sav.); franz. crepinette.
Der Anschnitt des Brotes = crochon (G, V, N, Peter : Cacol.) ;
in der Mundart crofzoii (Bridel), croghon < kro&Ö > (Dict. sav.); im
Frz. entamure [Das entsprechende franz. croüton ist nicht ganz syno-
nym, cf. Sachs- V.].
Ein ziemlich dicker Brei (aus Eiern Mehl, Milch etc.), den man
vor dem Backen über einen Fruchtkuchen schüttet, um die Zwischen-
räume zwischen den einzelneu Fruchtstückchen auszufüllen, heißt bei
unsern Hausfrauen un g u e 1 o n (N) ; in der Mundart gelö (Gauchat :
Patois de la Montagne neuch.); in F:goumeau (Mundart : ^om/) ; im
Franz. sauce oder farce [?].
nillon (G, V, Peter : Cacologie) = päte de noix (apres qu'on en
a extrait l'huile); in der Mundart nillhon (Bridel, Dumur).
Die beim Kochen der Butter ausscheidenden Überreste aus der
Milch heißen: cramache (N), in der Mundart ÄTöwa/s (Gauchat : Patois
duValdeRuz); cremette(N, Peter : Cacol.); dräche (F, V), dratze
(W), d räche e (G, F, Peter : Cacol.), in der Mundart drckha, dratscha,
dreche (Bridel); crape (Courthion : Scenes val. S. 13), in der Mundart
krappa, s. f. (Bridel), franz. = crasse de beurre [?].
Die Grieben (Überreste beim Kochen von Schweineschmalz) =
grabons(N, Peter : Cacol), greubo n 8 (G,V,F); in der Mundart ^rmi^ows,
greubons (Bridel), greubons, groubons (Dict. sav.); franz. cretons, regrignes
1) Vgl. Littr6 und Dict. göneral : hätereau =: tranche de foie de porc
poivröe, sal^e et grillee (veraltet!), Godefroy : hasterei, h6triau und Le Duchats
Bemerkung zu hastereaux in Rabelais Pantagruel IV. Kap. 59.
50*
788 C}. Wißler
biscome (G, F, N, V) entspricht dem franz. pain d'öpices
(Honigkuchen; schwd. Lebkachen). Stammt auch dies Wort aus der
Mundart?').
brisselets, s. m. pl. sind ein speziell schweizerisches Gebäck,
eine Art flacher Waffeln (G, N, V) [im Schweizerdeutschen ,.Brätzeli-']]
in der Mundart bresshalet (Bridel).
ecrelets (G, N), lecrelets (G, F) heissen bei den Welschen die
unter dem Namen „Läckerli" in der deutschen Schweiz bekannten
Basler-Lebkuchen; vgl. ecreletbeiJ.J. Rou.sseau : Nouvelle Heloise IV.
zitiert von A. FranQois : loc. cit.
taiilole, s. f. (N, Lausanne) ist eine Art Torte, dem schweizer-
deutschen ^^Gugelhwpf-^ ähnlich; in der Mundart to/^M^a (Gauchat : Patois
de la Moutagne ueuchäleloise).
salee (G, F, N, V) = espece de galette aux oeufs; in der Mund-
art mleyd e yqe [aux oeufs] in Noiraigue.
sfeche (N, V) = Sorte de galette au beurre et au sei; in der Mund-
art tse^sß, chetze, s. f. (Dumur).
cugnu (R. Morax : Dirne, S. 190); in der Mundart (Freiburg)
künyü (vgl. Gauchat : Etymologies fribourgeoises im „Bulletin" 1903,
S. 34), cugmi (im Conteur vaudois 1906, S. 52).
matafan, vgl. S. 734.
couglof (Pierrehumbert), vgl. S. 752.
cougnarde, vgl. S. 736.
p) Klei düng.
Zwilch = triege (G, V, N, F); in der Mundart iridzo'^) (Bridel):
franz. coutil.
Das Achselstück des Hemdes = soucare, s. m, (G, V); cf. in
der Mundart soucarra s. f. (Bridel), socäro, s. m. (Dict, sav.); franz.;
gousset.
Hausschuhe, aus Saum und Stoffresten zusammengenäht, ent-
sprechend dem schvveizerdeutschen ,^Fmken'-\ heißen : cafiguons (N,
Plud'hun, St.-Imier); in der Mundart kafifio (Gauchat : Patois de la
Montagne neuch.) ; in der Schriftsprache : souliers oder chaussons de
lißiere.
q) Körperteile und Krankheiten.
Knorpel = keurchiaule (Pierrehumb.), crechaule (N); in der
Mundart kcersyola (Gauchat : Patois de la Montagne neuch.); coraille
(Dupertuis) [coraille in F und N = l'oesophage, la trachee-artöre et les
1) In der Mundart von Bulle sagt man dafür beikubo (private Mitteilung),
in Cliarmey : büsküb, in der von Val d'Illiez : biskömg. Dazu biscömier (N) =
fabricaiit de „bi-scönacs".
2) trijho <Ctnöo^ = teile, linge ouvr^ (Dict. sav.).
Das schweizerische Volksfranzösisch 789
vaisseaiix du poumon, vgl. in der Mundart corahlla <; koroia > (Bride!)
= trai'hee-artere; coralle (Dumur : Patois vaudois) = truchee-artere,
gosier, laryux.]; corgueule (Dupertuis : Loc. vic), vgl, in der Mund-
art :cory'»7a =: larvnx, oesopliage (Dict. sav.) ; im Franz. cartilagc.
Das Fiugergelenk = la nille (G,N, V); in der Mundart : «/^Ma
(Bridel), nita (Dict. sav,); im Franz. articulation, jointure.
Kleine Bläschen und Krusten in den Mundwinkeln nennt das
Volk bouchcre, s. f, ; in der Mundart bofsira, bot^chira (Bridel),
borhivire, boghird <iboiHrdy (Dict. sav.); im Franz. : boutons aux levres,
babouin.
Quetschungen (an Arm und Bein z. B.) heißen: cassin, s. m,
(G, N, V, W) ; in der Mundart : cassein (Bridel); in der Schriftsprache :
meurtrissure, ecchymose.
Der Grind (Schorf) = molan (V, F); in der Mundart : wo^a«
(Bridel, Dict. sav.); franz. : teigne, gale.
Gewisse Krämpfe der kleinen Kinder bezeichnet man mit malet
(G, N, V), in der Mundart mallet (Bridel), mald (Dict- sav.) ; im Franz. :
convulsions nerveuses.
r) Aus der Beamtensprache,
Holzfrevel = fravail, s. m. (F); vgl. in der Mundart /raya^/a,
8. f. = concussion, fraude, delit forestier (Bridel), vom schwd. fräfdl.
Der Feldhüter = messalier (G, V, Peter : Cacol.); in der Mund-
art: messa/e<, wMsse/e/ (Bridel); brevard(N, Pierrehumb., Peter : Cacol.)
in der Mundart brewär (Gauchat : Patois du Val de Ruz); bangarde
(Peter : Cacol.) [?,Q,\\v^di. Banmvart, Bawmert]; gageur (Pierrehumb.)^);
franz. : garde-cbampetre (veraltet : messier). — Vgl. Atlas ling. die Karte
„garde-champetre" (ß2b) : tnesTii (Pkte. 40, 50, 937), brcewc (Pkt. 52),
bäoe (Pkte. 64, 74). Über brevavd vgl. auch Gauchat in Rom. Forsch.
Xxill, S. 873.
s) Gewohnheiten und Gebräuche.
In der Westschweiz sind noch vielfach alte einheimische Maße im
Gebrauch, z. B. als Flüssigkeitsmaß:
picholette, s. f. (G, W, V, Dupertuis : Loc. vic.) ist der 4. Teil
eines pot; in der ^Aundart ipichohtta (Bridel), patsqlcfa, pa&gleta (Gi-
gnoux : Terminologie du vigneron VI, § 7c).
quartette, s. f. dasselbe Maß nach F, V, Pierrehumbert; in der
Mundart cartetta (Bridel), karteta (Gignoux : loc. cit. VI, § 7 a).
1) Cf. gager = mettre ä Taraende (N).
790 ^- Wißler
Als Flächenmaß: la pose (pause), nach G, N, F, and in der
Waadt (Lausanne) = 45a, in Neuenburg = 27,01a (Pierreh.),- in der
Mundart püza (Gignoux : loc. cit. I, § 20); cf. Godefroy : pose = mesure
agraire.
Touvrier (Pierrehumb., Lausanne) oder fossorier (Lausanne) =
450 m^ (Lausanne) oder 352 m^ (Neuenbg.) ; in der Mundart : ovrä, ovrw
bezw. fosarä etc. (Gignoux : Terminologie . . I, § 18), fochiria (Bridel).
Mit unserem eigenartigen schweizerischen Schießwesen hängen
zusammen Wörter wie:
le stand*) < stä >, welches den Schießstand der Schützen be-
zeichnet (F, N), vom deutschen Stand; vgl. auch im Patois de la Mon-
tagne neuchäteloise (Gauchat) : stä.
cibare (G, F, N, V, W) heißt der Zeiger bei den Scheiben; in
der Mundart cibare (Bridel), abgeleitet von ciba (= schwd. s7^3 : Scheibe).
distac (G) = prix supplementaire, second prix, donne par des
amateurs; in der Mundart distak (Bridel).
Auch einige Spiele sind der franz. Schweiz eigen, so z. B. die
aus der deutschen Schweiz stammenden Kartenspiele, wie le yass
(Pierrehumbert) = schwd. yass, etc.
Ein technischer Ausdruck des Kartenspieles ist : chinder (N),
chointer (V) = ne pas prendre les cartes, quoiqu'on puisse et reserver
sa carte pour une meilleure occasion; als Patoiswort set& in Granges
de Vesin; das schwd. slnda oder sinta hat dieselbe Bedeutung.
souster (G, N, V, Peter : Cacologie) wird gebraucht im Sinne von
garder, accompagner, appuyer : „Mon roi de pique etait bien souste"
(N) „Le roi l'a soustö" (G); in der Mundart =?
Das Gegenteil : dessouster (G) = cesser d'appuyer.
Kinderspiele: „Anzählen" heißt am pr 6g er^) (G, N), im-
proger, ap runger etc. (Pierrehumb.); in der Mundart eprpdzl (Gauchat :
Patois de la Montagne neuch.).
„Jouer „ä grispille" (G), „ä tirepoils" (G), „ä tsopille" oder
„a tserpille", „ä graspiUe", „jx ferfioule" (Peter: Cacol.), „ä ra-
pille" (V) ist dasselbe wie jouer k la gribouillette im Frz. : jeter des
dragees etc. au milieu d'une troupe d'eufants qui cherchent ä s'en saisir.
Vgl. in der Mundart : ^m^??^? = dissipation (Dict. sav.); ä tird-pe (Dict.
1) In Genf gibt es einen Square du Stand.
2) Der Anzählreim selbst heißt am pro. Beispiele davon finden sich
z. B. im Schweiz. Archiv für Volkskunde Bd. I, S. 224 (Courthion). Vgl. auch
den Artikel cmpreii von G. Paria in Eomania XVII, S. 101 und die Beispiele
bei Godefroy,
Das schweizeriscLe Volksfranzösisch 791
sav.); . . . ä la tserpilijd (Gauchat : Patois fribourgeois); rappillhä =
grappiller (Bride)).
Gebränche, die Mahlzeiten betreffend:
charbeuille ou charbouille, s. f. = petit gofiter qiie les jeunes
bergers et berg^res fönt en commun Je jour de hi Toussaint (G).
„ressat" ist eine Mahlzeit, die am Ende der Ernte der Besitzer
des Weinberges den Arbeitern gibt (N, Pierrebumb.); in der Mundart
ressat ') (Bridel), r9sä (Gignoux : La termiuologie du vigneron IV, § 41).
requet, s. m. = repas donnö ä des femmes par une nouvelle
mariee le lendemain des ses noces (G).
repas du loup, s.m.= repas donne le troisieme jour de la noce
aux personnes avec lesquelles on est moins en relation (G).
merande^) (G). marandon (V) = petit repas qui se fait ä 4^^« de
l'apres-midi, goüter; in der Mundart : weVa/?6?a (Dict. sav.), mareindon
(Bridel).
poussenion (N, Pierrebumb., P^ter : Cacol., Robert : Carabinier,
S. 40), repoussenion (V) =: petit repas du soir, collation, reveillon;
in der Mundart pusiiä (Gaucbat : Patois de la Montagne neuch.). — Vgl.
obw. pitsein, ital. pusigno, die Meyer-Lübke von postcenium ableitet^).
Andere Gebräuche.
Im Kt. Waadt heißt gremailler*) = „Dealer les nois"*, um sie
für die Olgewinnung zuzubereiten. Diese Arbeit wird an Winterabenden
in der Familie vorgenommen; Freunde und Verwandte werden dazu
eingeladen, so daß aus dem Anlaß ein kleines Fest entsteht, wie es
A. Ceresole in seinem „En cassant les noix" (S. 11 — 32) so anmutig
beschreibt; in der Mundart : germa Uli (Bridel), grdtnalyl im Dict, sav.
In G sagt man nailler; in der Mundart : »ö^?// (Dict. sav.).
don-ne < dön > s. f. = distribution de pain ä tous les pauvres
de la paroisse apres un enterrement (G); in der Mundart : c?owwa
< döna > (nach Bridel auch im Waadtländischen, nach Prof. Jaberg,
z. B. im Ormonttal.), donna (Dict. sav.). — Nach G ist das Wort auch
im Dauphine und im Languedoc bekannt. Vgl. auch bei Godefroy :
donne = donation.
arode, s. f. = Les cadeaux de Noel ou la bonne dame qui est
censee les apporter (N : terme enfantin).
magnintse (F), in der Mundart wa?ew^se, s. f. pl. (Bridel) = jeunes
1) Nach Bridel auch am Schluß der Aussaat, der Heu =r und Getreideernte
2) Vgl. uiarande bei C4odefioy.
3) Meyer-Lübke: Einführung in das Studium der Romanischen Sprach-
wissenschaft (Heidelberg 1901), S. 162.
4) Vgl. giemeau (Bridel), gruraeau (F, N, V, W) = cerneau de noix und
den Artikel „dßgremillß" von Gauchat im Bulletin 1909, S. 15.
792 ^- Wißler
filles qui, le premier dimanche de mai, vont chanter de poite enporte
avee im panier au bras, vgl. auch Schweiz. Archiv für Volkskunde I, S. 229.
Das Kirchweihfest heißt im Kt. Freiburg : bönichon; in der
Mundart benechon etc. = benediction, feie patronale (Bridel); im Kt.
Genf heißt es la vogue^), in der Mundart vogua <C,vogay (Bridel); in
der Waadt :abbaye, cf. z. B. Cöresole : Sceues vaud. S. 67; in der
Mundart : abbat, vgl. Monnet : Favey . . S. 87, (in L'histoire de Guyaume
Te par L. Favrat).
Eine kleine Feier für die Zimmerleute nach Aufrichtung des
Dachstuhles heißt la levure (N, F, cf. auch R. MoraxrLa dinieS. 22);
vgl. in der Mundart : leoirha < levirya ? > = charpente d'un batiment
(Bridel).
tsaffairu, s. m. -= feux allumes le soir des Brandons sur les
hauteurs par les jeunes villageois (F), in der Mundart : tsajfalrou,
tschaffairou (Bridel), vgl. auch den Artikel über „les Brandons" im
„Bulletin" VI, S. 5 (u. ff,).
Am selben Sonntag ziehen im Kt. Genf die jungen Leute mit
Fakeln umher, alouilles < aluy > (G) genannt. Vgl. in der Mund-
art nlouilles (Bridel) und aluye in dem erwähnten Artikel des „Bulle-
tin" VI; (S. 9).
Aberglauben.
La tsoceviUc, s. f. = Albdrücken (F); in der Mundart tschau —
fsevilha (Bridel); franz. cauchemar, cbauche-vieille^).
servant = foUet, lutin qui fait du bruit et des espiegleries dans
les chalets et les vieux edifices (G, N, V); in der Mundart cervein etc.
(Bridel), sarvan (Dict. sav.).
t) Aus verschiedenen Begriffsgruppen.
Ein unabwendbares und unvermutet hereinbrechendes Unglück
nennen unsere Landleute „uu cas d'ovaille, [s. f.] (G, V), un orvalle
(N); in der Mundart : ovallhe < ovatd >, orvalla, s. f. (Bridel). „Ou
appelle ka d'ovallhe tout accident impr^vu, tout cas fortuit ou de force
majeur : iuceudie, inondation, tremblement de terre", nach G auch „les
degäts causes par une grele, par une gelee, par un ouragan, . . . par
une invasion ennemie".
cledar, s. m. = porte ä barreaux, de bois ou de fer [porte h,
claire-voie], fermeture d'un champ, d'un jardin, d'une cour (G, F, N, V) ;
in der Mundart clcdar (Bridel), cledd (Dict. sav.). Vgl. auch Gauchat
in Rom. Forsch. XXIII, S. 874.
1) Cf. Ph. Moanier: Causeries genevoises S. 97. Nach G existiert das
Wort auch im Dauphin6 und in der Provence; vgl. auch Piat (voga) und bei
Littr6 (als lokaler Ausdruck in Cienf, Savoyen, Dauphine, Forez und Bresse).
2) Nach Larousse : Dict. universel.
Das Bchweizerische Volksfranzösisch 793
peignette (G, F, N, V) = peigne fin; in der Mundart pegnetta
(Bridel).
bretter = fuire tourner ravant-train d'iin ehariot (Pierrehumb.);
in der Mundart briffa (Bridel), brefd (Dict. sav.).
dögredeler = tomber dans l'escalier, vgl. S. 811.
peblache adj. = sec et mou; se dit d'un lögume qui n'a plus sa
fraicheur primitive, qui s'est dnrci en perdant sa saveur (G); in der
Mundart pebla(;he < j^eblä^a > (Biet, sav.)
vaille adj. = trop peu serre, „lache" (Pierrebumbert) = locker.
riere praepos. = dans le territoire de . ., vgl. ,,{x vendre une vigne
situ^e riere Neucbatel (N); auch in F, V und noch heute sehr häufig in
amtlichen Publikationen; in der Mundart ri^re (Bridel).
ä noviou, loc. adv., vgl. S. 801.
u) Abstrakte Begriffsbildungen, welche die Schriftsprache
nicht kennt.
acouet (V), acoue (G, F), acoi (G), acout(N) = puissance, cou-
rage, force, energie. auclace: „. . . des veterans qui ont eneore de
l'acouet et de l'huile de coude de premiere qualite". [Es handelt sich
um einen alten Soldaten, der noch mit aller Rüstigkeit die Trommel
rührt]. (Ceresole : Scenes vaud., S. 243). — „De Taccouet, Pere Michel!"
[= Mut zu!] (R. Morax:Dime, S. 160). — „Ces gens ont peu d'acout,
ils resteront toujours miserables" (N). — „Tu n'as pas l'acoi" (G).
J^ai pas meme l'accouet de rire tant je suis en colere de voi . . . (Gor-
gibus : Fr6deri . . ., S. 127); in der MimAsiYt : akouet^) = puissance,
faculte, force physique: „Te )i'as pas rakouef-^ = „Tu n'as pas la
force" (Bridel). — Guillebert bemerkt in seinem „Glossaire neuchätelois"
(1858): „Le mot acout que nous employons quelquefois ä la place
d'energie, force, courage . . . exprime mieux ce que nous voulons dire,
quand nous nous en servons, que ces trois mots fran^ais". (S. 74).
emi)are, s. f. (G; V) = „marge", „champ": „En evaluant
ä 25000 francs nos frais d'etablissement, nous avons de Fempare" (G)
„ün ouvrier taille un habit; le maitre qui l'observe lui dit: Prenez uu
peu d'empare de ce cOte, M. N. a l'epaule droite un peu plus grosse
que l'epaule gauche" (V) — „Cinquaute francs suffisent, mais je pre-
fere prendre un peu d'empare" (V). — „Un tireur dira : le vent n'est
pas eneore assez fort pour guidonner (das Visier am Gewehr ver-
schieben), mais il faut prendre un peu d'empare ä droite" (V). — Je
.vous pröviens qu'il marche bien, donc si vous voulez arriver avant lui,
prenez de l'empare" (V); in der Mundart: Bridel übersetzt einpare
1) Verbalsubstantiv von „accueillir".
794 G. Wißler
<.epar'> mit soutieO; appui credit : L'a de Veinpare = \\ a du credit;
preindre Veinpare = prendre les devants, prevenir; preindre de
Veinpare = prendre de la marge, se premunir; enpäro = aide,
appui (Dict. sav.). — Vom eng schriftsprachlichen Standpunkt aus
wird man mit V aus den gegebenen Beispielen schließen : der Sinn von
prendre de l'empare sei „d'une dösesperante generalitö", läßt er sich
doch weder durch „laisser de la marge" noch durch „prendre du champ"
genau wiedergeben. Auch im Deutschen kenne ich kein Wort das
„empare" entspricht.
avondre = venir ä bout (N, Pierrehumb.): „L'eau envahissait la
cave et nous n'avons pu avondre h la vider" (N) — „Peux-tu avondre ou
bien si je [est-ce que je] te tends des [dej trop grosses fourchees?" (Pierre-
humb.). „Ne pouvoir avondre" bedeutet nachN:„ne pouvoir, faute de
temps, ex6cuter les travaux dont ou est charge". Präziser drückt sich
Pierrehumbert aus: L'ouvrier qui avond est celui qui, n'etant pas en
retard sur les autres (dans un travail dont les parties sont depeudantes
l'une de I'autre) ne ralentit pas la manoeuvre" — „avondre heißt also
in jedem einzelnen Moment der Handlung das vorgeschriebene Stück
Arbeit bewältigen und entspricht etwa dem schweizerdeutschen
y,z' schlag cho'-^. — Gauchat übersetzt das Dialektwort avÖd(r) mit „venir
ä bout" (Patois du Val de Ruz).
cordre = „gönnen" (F, N, Pierrehumb., V, Dupertuis : Loc. vic,
P6ter : Cacologie), corder(Dupertuis:Loc.vic.): „Je lui cors bien cet heri-
tage" (V) — IIa obtenu cette place, je la lui cords bien" (F) — Vous n'etes
pas de ces gens qui cordent du bien ä leurs amis, vous leur en faites (Peter :
Cacol.); „Oh, s'il se cassait le nez, que je le lui cordrais" (Chaux-de-Fonds);
in der Mundart : cordre, couerdre (Bridel) - „cordre" entspricht genau dem
deutschen gönnen und hat im Franz. kein Synonym, wie alle Glos-
saires konstatieren; etre heureux que . . ., souhaiter, accorder,
ne pas envier sind nur Notbehelfe, die den Gedanken nicht ganz
wiedergeben. Daher bemerkt Guillebert in seinem Glossaire neuch.
(1858), S. 74 nicht ganz mit Unrecht: „C'est lä un de nos idiotismes
qui möriteraient d'etre fran^ais". —
2. Inkongruenz des Bedeutungsumfanges des Provinzialismus und
seines französischen Synonyms.
Es kommt vor, daß das schriftsprachliche Wort mit dem ent-
sprechenden Provinzialismus zwar in der einen (der Grnnd) Bedeutung
übereinstimmt, daneben aber in gewissen andern Bedeutungen verwendet
wird, die dem Provinzialismus (oder Dialektwort) nicht zukommen. Ist
nun der Sprechende dessen bewußt, daß die beiden Wörter einander,
im Allgemeinen entsprechen, so hat er unwillkürlich das Bestreben,
Das schweizerische Volksfranzösisch 795
dem neuen Worte auch alle jene speziellen Bedeutungen beizumessen,
die er dem alten zuschrieb, und es in allen Fällen für jenes einzusetzen.
Daraus ergeben sich im Verkehr Mißverständnisse und demzufolge ein
Gefühl der Unsicherheit und des Mißtrauens dem neuen schriftsprach-
lichen Worte gegenüber. So wird dieses lieber ganz vermieden, und
der heimische Ausdruck, der so unbequem (bald durch diesen, bald
durch jenen schriftsprachlichen Terminus) zu ersetzen ist, bleibt. So
mag der Unterschied im Bedeutungsumfang die Aufnahme des franz.
Wortes erschwert und die Beibehaltung des Provinzialismus begünstigt
haben in Fällen wie den folgenden:
ecalabrer^) (G, F, V), öcalambrer (N) bedeutet: weit öffnen,
spreizen und entspricht franz. ouvrir entierement, ouvrir tout
grand in „Portes et fenetres etaient ecalabröes" (G) = „La porte est
toute ecalumbree" (N) — „II laisse toujours sa porte ecalabree" (F),
und dem franz. ecarquiller in: „les jambes ecalabrees" (F); in der
Mundart: eka lab ra, ekalamhra = ouvrir une porte, une fenetre avec
fracas; etendre les bras pour faire de grands gestes (Bridel); vgl.
ekalabri, s. m. = homme qui fait de grands gestes, qui a de grandes
jambes et qui les ecarte en marchant; etourdi (Bridel). — Vgl. das
ital. spalancare!
cotter, V. a. (G, N, F, V, W, Peter : Cacol.) heißt festmachen,
stützen im weitesten Sinne und muß im Französischen wiedergegeben
werden durch „fixer" in : „cotter un contre-vent qui bat" (G) — „Cotez
cette fenetre qui bouge-' (Peter : Cacol.). — „Cotez ma robe avec une
epingle". (Peter : Cacol.) — „coter un fichu". (Pierrehumb.) „Est-ce-
que mon chapeau est bien cot6 ' ? (La Chaux-de-Fonds); mit„appuyer"
in: „coter sa tete" (Plud'huu) mit „etayer" in „coter un plafond, une
muraille (Peter : Cacol.), mit „cal er" in „cotter une table" (V, Plud'hun);
mit „fermer" in „coter ä clef" (Dupertuis : Loc. vic.) [Vgl. V, N, G];
„eile [la porte] etait cottee" (Gorgibus : Cabotzet . . ., S. 30); „II
faut entrer et puis coter les portes et les fenetres". (Vallotton :
Mr. Potterat . . ., S. 255). — Als v. n. heißt cotter = butter, heurter:
„cotter contre le mur" (Plud'hun : ParlousfrauQais); s'arreter, hesiter
en recitant (G, N, Peter : Cacol.): „II recita (toute la piece) sans
cotter d'un seul mot. — Als v. refl. = ne pas tomber d'accord
sur un marche qui allait etre conclu, se tenir ä tres peu de chose: „On
allait conclure le marche quant on s'est cotte pour vingt francs" (G). —
In der Mundart : co^^« = appuyer, etayer, fermer au verrou; resister;
hesiter en parlant. — se cottä = s'opiniätrer (Bridel). — „cotd, v. a. =
etayer, accoter; fermer avec une clef" (Dict. sav.).
1) Im modernen Provenzalisch heißt cscaiaftro : pourfendre, havasser; gravir
comme une chevre; ecarquiller les jambes (Mistral),
796 G. Wißler
Vergl. auch emmoder und s'emmodcr und ihre franz. Ent-
sprechungen (S. 819 und 822).
Entspricht einem dialektischen Verbum, das sowohl transitiv wie
intransitiv gebraucht werden kann, im Französischen ein solches, das
entweder nur transitiv oder nur intransitiv ist, so treten ähnliche Ver-
hältnisse ein; vgl. gicler : jaillir und eclabousser (S. 811).
Es kommt auch vor, daß ein schriftsprachliches Wort in der Volks-
sprache wirklich alle die Bedeutungen annimmt, die das ihm in dem
einen Fall entsprechende Dialektwort hat. So entsteht das sogenannte
Bedeutungslehnwort, vgl. S. 759.
3. Homonymie.
Eine zweite ideale Forderung an die Sprache ist die folgende:
Jedes Wort — als lautliches Gebilde aufgefaßt — soll nur einen
Begriff bezeichnen. Je näher eine Sprache diesem Ideal kommt, desto
weniger gibt sie zu Verwechslungen Anlaß und desto bequemer ist sie.
Diese Forderung ist noch weniger absolut als die in Abschnitt 1)
(S 72) erwähnte: 1. Hat ein Wort neben der Hauptbedeutung mehrere
übertragene Nebenbedeutungen, so ist dies für die Sprache so lange
kein Nachteil, als das Abhängigkeitsverhältnis von Haupt- und
Nebenbedeutung vom Sprechenden noch empfunden wird. So tut es
dem Worte „grün" keinen Abbruch, daß man nicht nur sagt „das
grüne Gras" sondern auch „grüne Fische", „grüner Junge".
2. Auch wenn ein solcher Zusammenhang nicht mehr empfunden
wird oder das eine Wort überhaupt ganz heterogene Dinge bezeichnet,
so kann von einem wirklichen Makel des Wortes — une tare, wie
Gillieron sagen würde — nur die Eede sein, wenn Sinn und syn-
taktische Verwendung des Wortes wirklich zu Verwechslungen
Anlaß geben, vgl. z. B. Fälle wie .,le pouce^' und „pousse" mit solchen
wie : „il n'y en a plus" und „il y en a plus".
Ohne die Bedeutung dieses Momentes zu hoch einschätzen zu
wollen, glaube ich doch, daß in einer Anzahl von Fällen der Umstand
zur Erhaltung des Provinzialismus beiträgt, daß das entsprechende
schriftsprachliche Wort mehrdeutig ist. Das Volk empfindet ein
gewisses Unbehagen, ein Wort unnötigerweise in zwei oder mehreren
Bedeutungen zu verwenden und zieht daher gegebenenfalles für die
eine oder andere den verschieden lautenden Provinzialismus vor:
Statt taon < tä > sagt man nach G, F, N, V, Peter : Cacol. : tavan;
in der Mundart tavan (Bridel) für die Bremse — Vgl. Atlas ling.,
Karte taon (1281) :^aw, tave etc.
Für lessive = Laugenwasser behält man lissu, s. m. bei
(G, F, N, V, W, P6ter : Cacol.), das in der Mundart lissu, hinzu (Bridel)
lautet.
Das schweizerische Volkafranzösisch 797
Ebenso statt rayon für die Querbretter in Schränken : t ab lar,
s. m. (G, F, N, V, P6ter : Cacol.); in der Mundart : ^röÄ//ar, tublar,
tolai\ telar (Bridel), tahlär (Dict. sav.). Vgl. auch Gauchat in Rom.
Forsch. XXIIf, S. 874.
Statt plant < plä > für Setzling : pl anton^) (G, F, N, V, Peter:
Cacol.); in der Mundart ptäfö (Dict. sav.).
Statt fusil für Wetzstah 1 : stahl < §täl > (N, Dupertuis : Loc.
vic.) vom schweizerdeutschen stäl [daneben fuset (F, V)].
Statt bretelles für Tragriemen : courgeons (R. Morax : Sac-ä-
douilles S 26; cf. F, N corgeons); in der Mundart cordzon (Bridel),
kordzö (Gignoux : Terminologie IV, § 9).
Statt hotte für „Brente" zur Unterscheidung von der eigent-
lichen hotte (= Tragkorb); braute (F, V), brande (G, N, V); in
der Mundart breta (Gignoux IV, § 7, Luchsinger oa); bo utile
(N), boille < boy > (G, F, V; W); in der Mundart : bot, boda etc.
(Luch Singer 3 b)^).
Statt der allgemeinen und vieldeutigen morceau, piece für
Flicken : b 1 e t z (N), bietse (Dupertuis : Loc. vic); in der Mundart blets
(Gauchat : Patois du Val de Ruz), vom schweizerdeutschen ^/«Ys; tacon
(F, N, V, Peter : Cacol.), in der Mundart takon (Bridel, Dict. sav.). —
Vgl. ital. taccone.
p r u n e a u statt prune für Z w e t s c h e und pruneaulier statt
p r u n i e r , vgl. S. 769.
Als Beispiele für Provinzialismen, welche trotz der Homo-
nymie mit französischen Wörtern erhalten bleiben, zitiere ich nur die
folgenden :
Statt des franz. c a n n e 11 e [homonym mit cannelle ■= Zimt] oder
robinet [nicht präzis!] für Faßhahn bleibt boite, s. f. (in G, F, N, V,
Peter : Cacol.), in der Mundart biveta (Dict. sav.), bwMa (Atl. ling.,
Karte 1160, Pkt. 40).
Statt des franz. louche für Suppenlöffel bleibt poche (F, V, N);
in der Mundart : po/scÄß, l>o^se3) (Bridel); davon abgeleitet pochon
(G, F, V) potson (Bridel) = petite „poche".
Für franz. lange erwähnen G, V, Pierrehumb. das Wort : pattins;
in der Mundart patein (Bridel), Ableitung von patta = guenille patte^
s. f. pl. = vetements (Bridel).
Hierher auch drapeau (vgl. S. 742).
1) Nach Littie noch bei Oudin:Dict. italien et frangais (1640).
2) Cf. das Wort bouille bei Littr^ und im Dict. gen., wo es als provin-
ziell bezeichnet wird; bei Sachs-Villatte : bouille = Kiepe der Winzer im Jura.
Das synonyme franz. comporte (Sachs-V) ist wenig bekannt.
3) Etymologie nach Cornu (Romania XXXII, S. 126) das lat. popia; vgl.
pochia bei Du Cange (1453).
798 G. Wißler
4. Die Verdeutlichung des Bedeutungsgehaltes der Wörter durch
den Wortstamm.
Eine dritte Forderung an die Sprache ist die, daß die Wörter die
Begriffe nicht nur so einfach und unzweideutig als möglich aus-
drücken, sondern daß die Wörter und ihr Bedeutungsgehalt
einander beina Hörenden und Sprechenden so leicht als möglich
reproduzieren und der Hörende den ganzen Bedeutungsgehalt so
rasch und so klar als möglich erfaße. Der Begriffs-, Vorstellungs- und
Gefühlsgehalt eines Wortes soll also durch seine äußere Gestalt,
durch den Wortstamm, die Prä- und Suffixe so deutlich als möglich
zum Ausdrucke kommen ^).
Durch den Wortstamm sind vor allem Begriffs- und Vor-
stellungsgehalt eines Wortes bedingt. Die Begriffe und Vorstellungen
sind in unserem Bewußtsein nicht isoliert, sondern bilden mehr oder
weniger geschlossene Reihen. Die Sprache kann dies dadurch aus-
drücken, daß die Bezeichnungen für verwandte Begriffe und Vorstel-
lungen etymologisch zusammenhängen. Das Vorhandensein abge-
leiteter Bezeichnungen für sekundäre Begriffe und Vorstellungen ist für
den Sprechenden insofern ein Vorteil, als er nur auf den HauptbegriflF
und die dominierende Vorstellung zurückzugreifen braucht, um den
damit assoziierten Wortstamm zu finden, von dem er das Wort immer
wieder neu ableiten kann. Andererseits ruft der bekanntere Wort-
stamm dem Hörenden den Begriff und die Vorstellung viel klarer und
viel rascher ins Bewußtsein. —
Gehört nun der einen sekundären Begriff bezeichnende Provin-
zialismus zu den Ableitungen einer häufig vorkommenden Stammsilbe
(oder überhaupt zu einer zahlreichen Wortsippe), ist im Gegenteil das
schriftsprachliche Wort isoliert, so wird dieses letztere gegenüber dem
Provinzialismus im Nachteil sein und wird ihn weniger leicht ver-
drängen können. Auch diesem Moment möchte ich keine zu große
Bedeutung beimessen, sind doch die Beispiele, in denen sich sein Ein-
fluß annehmen läßt, nicht besonders zahlreich.
Das Butterfaß wird oft une beurriere genannt (G, F : Suppl.,
N, V), das sich zu beurre verhält, wie das mundartliche horvaira'^)
(Bridel), büräre etc. (Luchsinger : Molkereigerät 10a) zu bür" etc. (=
Butter in den Patois^). Das franz. Wort baratte ist isoliert, ist aber
1) Über die begriffliche Verdeutlichung durch Präfixe, vgl. S. 739, 743. Über
die Veranschaulichung des Gefühlsgehalts durch Suffixe oder Lautsymbole
Vgl. S.813flF,
2) Vgl. die Formen buraer9, hurire, buratäre auf der K. 1455 des
Atl. ling.
3) Nach Atl. ling. Karte beurre (130), (z. B. Pkt. 50, 60, 70, 959 etc.).
Das schweizerische Volksfranzösisch 799
trotzdem, wenn Bridels Angabe (baratta) richtig ist, in die Mundart
gedrungen.
Von ausgelasseneu unruhigen Kindern sagt man „e'est un bou-
gillon') (G, Dupertuis : Loc. vic, N, Peter: Cacol.). In der Mundart:
hudgiUon^ biidjellon (Bridel). Außerdem kommt das Wort (nach dem
Dict. sav.) auch in der Volkssprache Savoyens vor. Es hängt zu-
sammen mit bouger, franz. etwa vif, turbulent, veraltet : mievre.
Vgl. bougiller (Neuenburg) = sc remuer sans cesse.
Der Griebs, eines Apfels z. B., heißt rongeon (Dupertuis : Loc.
vic, V, F), rongillon (G); in der Mundart rondjon, rondjillhon, ron-
djellhon (Bridel). Das frnnz. Wort dafür ist trognon.
Statt „une gourde" sagt man (nach Pierrehumb.) „un boutil-
lon"'^) (an bouteille angelehnt; in der Mundart : io^o/^on <. botofö y
(Dict. sav.).
Statt t roch et für ein Büschel (Kirschen z. B) wird das Wort:un
p ende au gebraucht (in G, F, N, und nach G auch inMoudon); in der
Mundart : peindo (Bridel), pedlyon (Dict. sav.).
Neben panache für Federbusch finden wir plumache (in G, F,
N, V); das Wort scheint die mundartliche Umgestaltung des französischen
panache zu sein, vgl, p^amatso (Val d'Illiez).
5. Gruppenbildungen.
a) Morphologische Gruppen.
Die gleichen Gründe, welche die Entlehnung und die Neubildung
analogischer Formen bedingt haben, tragen auch zu deren Er-
haltung bei. Deshalb bleibt auch eine Form wie ils soustraisent
(S. 730), s'asseyer, enclinte(S. 731) länger und hartnäckiger im Munde
des Volkes als etwa toussir (S. 729) oder bleuve (S. 731).
Weil ihre Formen leicht zu behalten und leicht neu zu bilden sind,
zieht die Sprache des Volkes die regelmäßige n Verba den unregel-
mäßig konjugierten vor und behält daher das entlehnte oder neuge-
gebildete regelmäßige Synonym eines unregelmäßigen franz. Verbum
bei, z. B. con fusionner für confondre, Joint er für joindre (vgl.
S. 739), emotionner für emouvoir (Pierrehumb., cf. Dict. general);
avanter (G, F, V) = aveinta (Bridel, Dict. sav.) für aveindre und
vielleicht aus dem gleichen Grunde aus gicler für jaillir, vgl.
S. 811.
1) Vgl. das Wort bei Bescher eile Dictionnaire national; nach Sachs-
Villatte ist es selten.
2) Im Militär : Feldfläschcben.
QOO G. Wißler
b) Analogische Ginippen in den Affixbildungen.
a) Suffixbildungen.
Auch hier werden die analogischen Bildungen den unregelmäßigen
vorgezogen und deshalb in der Volkssprache beibehalten, vgl- nament-
lich die Formen auf S. 735.
b) Präfixbildungen.
In den folgenden Beispielen ist die Möglichkeit, zwei Verba von
entgegengesetzter Bedeutung, von ein und demselben Stamm
mit Hilfe konträrer Präfixe bilden zu können, hervorzuheben.
Die franz. Synonyma bieten diesen Vorteil nicht:
Für an- und abhängen besitzt die Volkssprache die beiden Wörter
appondre und depondre (G, V, N, W) ; in der Mundart appondre
und depondre (Bridel). Dem franz. ajouter entspricht kein *dejouter
und attacher und detacher sind den beiden Provinzialismen nur in einer
beschränkten Zahl von Fällen synonym.
Das gleiche Verhältnis besteht zwischen: aguiller = placer une
chose debout, dans une positiou elevee, instable (G, N, V) und d6-
guiller = abattre, faire tomber, renversör (G, V, Pierrehumb.) ; in der
MmidiSiXt aguellhi <iagdil^ und c/e^ue///?,/ (Bridel) 0; zwischen aj oc her
(N, Pierrehumb.) = jucher und dedjocher (Pierrehumb.) = faire
tomber quelque chose; in der Mundart: vgl. ajhoghi < adoS^i >> (Dict.
sav.) und dedzqtsl (Gauchat : Patois du Val de Ruz); zwischen cotter^)
= fixer, etayer (G, N, F, V, W) und decotter (G, N, Pierrehumb.)
= enlever les etais; in der Mundart : co^^ä und dekotta (Bridel); und
zwischen demanguiller = gäter und ramanguiller = raecom-
moder (Pierrehumb.).
c) Syntaktische Gruppen.
Ausdrücke, welche Ähnliches bedeuten, sind in der Sprache häufig
syntaktisch gleich konstruiert; damit ist auch äußerlich ein Zu-
sammenhang zwischen ihnen hergestellt. Ausdrücke der Volkssprache,
welche in derartige Gruppen passen, haben Aussicht, erhalten zu werden,
besonders wenn ihre franz. Synonyma nicht dahin gehören.
Körperliche Zustände werden meist mit avoir konstruiert (avoir
mal aux dents, avoir la fievre). In dieser Keihe gehören z. B. avoir
la bäille, avoir les bäilles (F : Suppl., Pierrehumb.) = avoir
frequemment envie de briiller; avoir les chatouillons (N, Pierre-
humb.) =etre chatouilleux; avoir letienchetet [patois=tais-toiJ (F)=:
n'etre pas dispose ä parier, rester coi. Zur Reihe „ä califourchon",
1) Vgl. dies Wort auf S. 823.
2) Vgl. S. 795.
Das schweizerische Volksfranzösich 301
„ä tätons" etc., gehören ä botzon^) (Bridel): äbouchon (G, V), äbotion
(]S), ü boucheton (V)-) = seDs dessus dessous; acachons (G) = eu
cachette, chiudestinement; a «or/on (Bridel) : ä novion(V), a iioveyon
(N), ä noveillon (F) = dans Tobscuritc, sans lumiere; Schweizerdeutsch :
ßschterlige [no vi yd eigeDtlich : ne voit rien !].
Anmerkung:
Zur Erhaltung gewisser Provinzialismen mag auch der Umstand
beitragen, daß sie nicht bloß als Gattungsnamen, sondern in Ortsbe-
zeichnungen häufig auch als Eigennamen vorkommen. Hierher
gehören z. B. ch ab le, gor, bisse (Ö. 766), ferner n an t(G), in der Mund-
art nan (Bridel) = ruisseau, petit torrent permanent ou temporaire
(nach G = ravin boise), vgl. le Nant de la Gria, le Nant de Taconay,
le Nant des Buissons (bei Saussure : Voyages . ., T. I, S. 432), le Nant
d'Eusannaz, le Nant Rouge (bei Bridel); la combe (G, V, W, Pierre-
humbert, Peter : Cacol.), in der Mundart comba (Bridel) = vallee, vallon;
un er et (G, F : Suppl., N, W, Peter : Cacologie), in der Mundart
cret (Bridel) = petit mont, tertre, eminence (z. B. le Cret du Locle bei
La Chaux- de -Fonds); les paquis (F : Supplement, G) päquiers
(Pierrehumbert), in der Mundart pakis (Bridel) s. m. pl. = pätu-
rages etc. „Les Paquis" heißt ein Quartier von Genf.
IL Kapitel:
Das Wort als anschauliches AusdrucksmitteL
Das Wort ist in der Sprache des Volkes nicht bloß, wie etwa in
der Sprache der Wissenschaft, die möglichst klare und möglichst ein-
deutige Bezeichnung für einen Begriff; es ist auch nicht bloß ein
Element der Grammatik, das Glied einer Wortsippe oder eines Satzes,
sondern es ist ein Mittel, die Gedanken eindrucksvoll und
anschaulich wiederzugeben. In je höherem Maße dies geschieht,
desto größer ist der Wert des Wortes als sprachliches Ausdrucksmittel.
Anschaulich und eindrucksvoll sind vor allem Wörter mit
ausgeprägtem Vorstellungsgehalt oder deren Bedeutungs-
gehalt durch die Laute symbolisch angedeutet wird.
1. Vorstellungsgehalt.
a) Im Allgemeinen.
In der Einleitung zur Lexikologie (S. 744flf.) haben wir darauf hin-
gewiesen, wie jedes Wort einen bestimmten Vorstellungsgehalt besitzt
1) Vgl. ital. : bocconi und ä bouchons bei Godefroy (mit Beispielen aus der
heutigen Sprache des Lyonnais, Forez und Baujolais).
2) Vgl. ä boucheton bei Godefroy = appuyant les mains sur les genoux [?J.
Romanische Forschungen XXVII. 51
802 ^' Wißler
und haben auch die allgemeinen Gründe angegeben, warum die fran-
zösischen Synonyma sich nicht so eng mit der Vorstellung der Gegen-
stände assoziieren können wie die Provinzialismen und warum diese
letztern, sowohl in der Schule wie im täglichen Verkehr der Er-
wachsenen^ durch die Vorstellungen in erster Linie reproduziert werden
und so in der Volkssprache erhalten bleiben.
Hieran knüpft sich noch folgende Erwägung: Eben dadurch^ daß
die schriftsprachlichen Wörter nicht mit den Vorstellungen so eng
assoziiert sind, wie die Provinzialismen, ist für das Volk der Anschau-
ungsgehalt der beiden (auch wenn sie ganz denselben Gegenstand
bezeichnen) ein verschiedener. Das französische Wort wird gegen-
über dem Provinzialismus blasser, lebloser, abstrakter erscheinen
und ihn also nicht ersetzen können, solange es nicht durch „Erleb-
nisse" mit dem Anschauungsgehalt des Provinzialismus gleichsam ge-
füllt worden ist.
Wir haben schon (S. 761) speziell darauf hingewiesen, daß die
mehrgliedrigen Ausdrücke, mit denen die Schriftsprache die
Provinzialismen oft wiedergeben muß, nicht denselben Vorstellungs-
gehalt haben wie diese selbst. In der Tat ruft die Definition „une
pente en friche avec des buissons" die Vorstellung des Gegenstandes
nicht so rasch, nicht so kräftig, nicht so klar hervor wie das eine W^ort
„une rape", da es zur Verschmelzung der drei Vorstellungen (pente, en
friche, buissons) einer gewissen psychischen Arbeit bedarf; „cledar" ist
jene bekannte niedere zweiflügligeTüre, mit den eigentümlich geschnitzten
Latten, die wir jedesmal beim Betreten und Verlassen des Gartens öffnen
und schließen etc. . .; „porte ä barreaux'' hingegen ist ein allgemeiner Be-
griff, unter dem wir uns nichts Besonderes vorstellen. Vgl. noch Bei-
spiele wie: tsergosse, cadot, cheintre etc.
Der Vorstellungsgehalt ist für die Beibehaltung gewisser Provin-
zialismen ganz besonders wichtig. Die hier in Betracht kommenden
Wörter scheiden wir am besten in zwei Kategorien, je nachdem sie
gefühlsbetont*) sind oder nicht.
b) Der Pi'ovinzialisiiiiis ist nicht gefühlsbetont.
Veranlaßt ein Gegenstand nicht heftige Sinneseindrücke oder leb-
hafte Gemütsbewegungen, so bedarf die Sprache nicht mehr als eines
Wortes, um ihn zu bezeichnen. Bestehende Synonyma trachten ein-
ander auszuschließen oder sich in ihrer Bedeutung zu differen-
zieren.
Hat die Sprache in einem solchen Falle zwischen mehreren, sonst
1) Über diesen Begriff vgl. S. 815 ff.
Das schweizerische Volksfranzösisch 303
gleichwertigen Wörtern zu wählen, so gibt sie dem den Vorzug, das
den Begriff am klarsten, am anschaulichsten wiedergibt, mit dem
der Sprechende seine Gedanken am wirkungsvollsten einkleiden
kann und das auf den Hörer am unmittelbarsten wirkt.
Unter den auf S.799 augeführten Provinzialismen finden sich mehrere,
zu deren Erhaltung nicht allein das häufigere Vorkommen des Wort-
stammes, sondern namentlich dessen größerer Vorstellungswert
beigetragen hat. So ist der Wortstamm von „p ende au" nicht nur viel
häufiger gebraucht als der von trochet, sondern er erweckt auch beim
Hörer viel unmittelbarer die Vorstellung der (in Büscheln) hängenden
Früchte. Vgl. noch die Wörter: boutillon, plumache, rongeon (auch
bougillon) und ihre franz. Synonyma.
Wird ein Wort nicht in seiner eigentlichen, sondern in einer über-
tragenen Bedeutung verwendet, so wirkt es um so anschaulicher, je
vollständiger der Parallelismus und je frappanter der Vergleich.
Man beachte die folgenden Beispiele aus der Volkssprache: ferre (von
den Trauben gesagt, S. 778), riflet oder raffeux (im Gegensatz zu
fendant, S. 779 .
Die neuen Triebe an der Wurzel des Weinstocks, die die Pflanze
durch Saftentzug stark schädigen, heißen in G:loup, s. m., in der
Mundart : lg etc. (Gignoux : La terminologie . . ., III, § 32), loiv (üict. sav.).
epaule = grappillon au haut d'une grappe et qui en depend (G) ^)
la lune baigne [statt se baigne], = la lune est entouree d'un
cercle de vapeur (G) = der Mond hat einen Hof.
Für „einen Auftrag vergessen'^ hat man in G und N den Aus-
druck „manger un ordre" — „Je lui avais dit de m'attendre ä la
garC; mais il a mange l'ordre" (G).
Wenn sowohl Volkssprache wie Schriftsprache zur Bezeichnung
eines Gegenstandes oder einer Handlung, für die kein eigener Terminus
existiert, Wörter wählen, welche, in übertragenem Sinne gebraucht,
die Sache gleich anschaulich und lebendig darstellen, aber zu zwei
verschiedeneu Vorstellungen greifen, so mag vom Volke oft der
Provinzialismus bevorzugt (und daher in der Sprache beibehalten) werden,
weil auch hier die Loslösung von der einen Vorstellung und die Ver-
bindung mit der andern eine gewisse psychische Arbeit bedingt, wie
alle Veränderungen in unseren feststehenden Gedankenassoziationen.
Dies soll an einigen Beispielen erläutert werden:
In N sagt man statt „L'eau . . . s'est ^vaporee" : „l'eau de la
marmite s'est toute embue" (von emboire). Desgl. im Patois du Val
de ßuz : s'ebär = s'evaporer. Man erklärt also gleichsam das Ver-
1) Hierher auch das scherzhafte : une gerle für „chapeau de feutre"
(tube) in N!
51*
804 G. Wißler
schwinden des Wassers bei der Verdunstung durch das Eindringen
desselben in die Wandungen des Gefäßes. (Vgl. Sachs-V, : Les couleurs
s'emboivent = saugen sich ein^). Die schriftsprachliche Bezeichnung
erweckt die (richtige) Vorstellung des Übergangs in Wasserdanipf, wird
aber erst dann das emboire ganz verdrängen, wenn das Wesen des
Vorgangs allen Leuten klar ist.
Wenn sich an einem Glied, z. B, am Finger, ein Abszess bildet und es sich
infolgedessen entzündet, sagt der welsche Schweizer: „le doigt amasse",
der Franzose :,,le doigts'en flamme". Dem einen schwebt also haupt-
sächlich die Vorstellung des sich Sammeins von Eiter, dem Andern die der
„Entzündung" des Fingers (d.h.Avohl die Vorstellung desRot-undScbmerz-
haftwerdens ^) vor. Über diesen Unterschied in der Auffassung vergleiche
Gorgibus : Frederi etc., (S. 70): Grand Frederi (der Typus des Waadt-
länder Bauern) kritisiert die betreffende Stelle in Plud'huns „Parlons
frangais". „La encoo [encorej une : Ne dites pas:son doigt amasse;
dites : son doigt s'enflamme. Est-ce logique? Est-ce qui [qu'ilj ne
s'amasse pas des humeurs dans le doigt? Y [il] s'enflamme, d'acoo
[d'accord], mais justement parce qui'l amasse". Cf, das Wort auch
in G, V und ramasser in N, F, Pierrehumb. : in der Mundart : «massä
(Dict. sav.).
Die Pflugsterzen heißen (nach V und F) les cornes de la
charrue, im Franz. : les mancherons. Das eine Wort erweckt die
Vorstellung von den Tierhörnern, mit denen die Sache verglichen
wird, das andere stellt sie zusammen mit den Gegenständen (manches),
welche zum gleichen Zwecke, zur Handhabung dienen.
c) Der Provinzialismus ist gefühlsbetont.
Ist mit einem Gegenstand (oder einer Handlung) ein starkes Gefühl
assoziiert oder macht er einen lebhaften Eindruck auf unsere Sinne,
so wird unsere Phantasie augeregt. Diese bringt den Gegenstand un-
willkürlich mit solchen zusammen, welche ähnliche Gefühle hervor-
rufen oder ähnliche Vorstellungen wecken. Suchen wir nun nach
Ausdrücken, um in unseren Mitmenschen den Eindruck hervorzubringen
den wir selbst von dem Gegenstand empfangen, so drängen sich
unserem Geiste auch die Ausdrücke für jene verwandten Gegenstände
auf, und zwar oft mehrere zugleich^), und je nach den psycho-
!)• Ähnlich in der Mundart ; {Ptvioe e tdta ehüsa ■= djis Wasser ist ganz
in den Boden gedrungen (Val d'IUiez).
2) Da der Sprechende wohl kaum an den ursprünglichen Sinn von „en-
flammer" denkt.
3) Vgl. dazu, was Herr Prof. Tapp ölet speziell über die „Expressions pour
nne volce de coups" schreibt (im Bulletin du Glossaire 1906, S. 8) : „La rancune
Das schweizerische Vollssfranzösisch 805
logischen Umständen und der besonderen Nuance des Gedankens M,
die wir ausdrücken wollen, wählen wir bald den einen, bald den andern
jener Ausdrücke oder wir häufen sie, um den Eindruck zu verstärken.
Das Volk hat noch mehr als der Gebildete das Bedürfnis, seine starken
und innigen Gefühle durch anschauliche Ausdrücke zu illustrieren und
ottenbart in seiner Rede oft eine lebendige, schöpferische Einbildungs-
kraft und einen ausgesprochenen Sinn für packende Bilder. Zwischen
den einzelnen synonym gewordenen Ausdrücken entsteht kein scharfer
Konkurrenzkampf. Es können sehr wohl auch mundartliche und schrift-
sprachliche Typen nebeneinander bestehen. Nur wird der Sprechende
unter allen Ausdrücken im allgemeinen auch hier die bevorzugen, welche
die Sache am anschaulichsten, am lebendigsten, am originellsten be-
zeichnen, die also einen packenden Vergleich, ein eindringliches Bild
enthalten''^): Wie die in ihrer freien Entwicklung ungestörte Mundart,
so ist auch die Volkssprache sehr reich an derartigen gefühlsbetonten
Synonymen, reicher als die an eine; gewisse Tradition gebundene
Schriftsprache; zwar ist mir kein Beispiel dafür bekannt, daß diese
letztere für Begriffe, die mit Affekten verbunden sind (wenigstens in
der familiären Redeweise) der anschaulichen Ausdrücke ganz entbehrte.
Diese hindern aber nicht, daß ein großer Teil ihrer kräftigen und
plastischen Synonyma aus der Mundart in die Volkssprache herüber-
genommen wird und dort weiter lebt. Vgl. folgende Beispiele^):
Für „langue" im Sinne des deutscheu „Mundwerk" sagt man
tapette: „tenir sa tapette au chaud" (G) [= schweigen] ; „Elleajoli-
ment mene sa tapette aujourd'hui i^N). (Vgl. auch V und Pierrehumbert),
„tapette" bezeichnet eigentlich den Waschblenel [franz. hatte, battoir]
(G, N, V): in der Uimdart : tajjetfa (nur mit der ursprünglichen Be-
deutung bei Bridel), fapef = „langue" (Glos du Doubs), tapeta (Cor-
sier sur Vevey).
Eine Person, deren Besuche und Gespräche durch ihre Länge lang-
weilig werden, heißt „une pedge" <pedz>: „Quelle pcdge que ce
Jean- Jacques" (N); pege in G : „T'apergois-tu que le papa N. devient
et la victoire sont des etats d'äme qui remuent l'esprit, qui poussent ä creer,
ä chercher une expresslon nouvelle et originale qui rende bien l'affront qu'on a
subi et la joie de l'avoir eraportö sur son ennemi".
1) Solche Feinheiten in der Nüancierung kennt natürlich nur derjenige,
der die Volkssprache täglich beobachten kann.
2) Verliert sich die Vorstellung, die mit dem in bildlichem Sinne ge-
brauchten Wort ursprünglich assoziiert war, so wird das Wort trotzdem oft als
stark gefühlsbetonter Ausdruck beibehalten, vgl. die Beispiele auf S. 756.
3) In welchem Maße der Zusammenhang zwischen der ursprünglichen und
der übertragenen Bedeutung in diesen Beispielen dem Bewusstsein des Sprechen-
den noch gegenwärtig ist, entzieht sich unsei'er Beobachtung.
gQß G. Wißler
im peil pege?" — „Je ue connais pas de plus fameuses pfedzes que
ces douleurs [= les rhumatismes]". (Ceresole : Seines vaud., S. 261).
„pedge" bedeutete ursprünglich PeehM (G, F, V, N); in der Mundart
pedge, pedze = poix de cordonnier (Bridel). Im Dict. sav., ist pejhe
<.pedd> auch nur mit dem wörtlichen 8inn angeführt.
„pedger" v. n. heißt wörtlich: coller (N), in übertragenem Sinn:
tarder, hösiter, wie in dem folgenden Beispiel: „Au monde, qu'est-ce
que vous pedzez encore, sergent? Toutes les autres sections ont dejä
envoye leurs corvees, Vous n'avez pas soif ?" (R. Morax : Sac ä douilles
S. 13). Vgl. in der Mundart pedji = poisser (Bridel).
mißhandeln = bourreauder: „bourreauder un chien, un en-
fant"; in der Mundart : 5orn■a^(flfa (Bridel), abgeleitet von borriau =
Henker (Bridel). Nach G ist das Wort auch in Savoyen und im nörd-
lichen Teil Frankreichs bekannt.
,, langsam arbeiten, seine Zeit mit Kleinigkeiten vertändeln"
franz. vetiller) = koussenioter (Pierrehumb.). Der eigentliche Sinn
des Wortes ist : fabriquer des dentelles, „klöppeln"; in der Mundart
kusnyqta (Gauchat : Patois de la Montagne neuchäteloise).
„in Verlegenheit sein" heißt „etre dans les etroubles"
(G). etrouble, s. f. = eteule (G, Dupertuis: Loc. vic); also bedeutet der
Ausdruck wörtlich: (barfuß) in den Stoppeln stehn und sich nicht zu
helfen wissen, vgl. das franz. marcher sur des charbons ardents. |Vgl.
in der Mundart etrobte^) (Dict. sav.), dtrohdö = Stoppeln, dtrqbda =
jachere in (Leysin)].
avoir la tete en brelaudes, = avoir la tete fatiguee et souf-
frante (G); brelaudes s. f. pl. eigentlich: lambeaux, pieces, loques (G),
wie brelauda (Bridel, Dict. sav.) in der Mundart. [Vgl. das franz. : avoir
la tete en compote].
Das Bild ist das nämliche wie im Franz. in dem folgenden Bei-
spiele:
bresoler^) = ungeduldig sein (G, Pierrehumb.): „II bresole
d'etre marie" — „Nos enfants bresolent d'aller sur un bateau ä vapeur"
(G);bresoler bedeutet eigentlich: griller, ri8Soler(G), brisoler in N, V,F);
in der Mundart bresola (Bridel, Dict. sav.). Vgl. das franz. griller
d'impatience.
2. Lautsymbolik.
Volltönende und schallkräftige Wörter machen schon an und für
sich einen größeren Eindruck und prägen sich dem Gedächtnis besser
1) Dann überhaupt jede klebrige Materie.
2) Vgl. etrehia auf der Karte 6teule (1557) des Atl. ling.
3) Vgl. das Wort auf S. 812.
Das schweizerische Volksfranzösisch 807
ein als andere. Nicht ohne Grund werden sie von der geschäftlichen
Reklame ausgenutzt*). Solche Wörter werden auch wohl von einzelnen
Personen nachgesprochen, ohne daß sie sich über den Sinn genaue
Rechenschaft zu geben suchten. Es wird ihnen aufs Geratewolil irgend
eine Bedeutung beigelegt. — So verwendete ein alter Walliser Pächter
das Wort bivouaquer als v. a. mit der Bedeutung „transporter" :
„Mademoiselle quand est-ce qu'il faut bivouaquer ce bois au grenier?"
In einer Familie, wo niemand ein Wort Patois verstand, brauchte
man den Ausdruck st yadzo [= diesmal] gleichsam zur Verstärkung
in Sätzen wie „Est-ce qu'il va venir st yadzo?", ohne daß dem Wort
eine bestimmte Bedeutung zuerkannt wurde; ein jüngeres Glied jener
Familie glaubte gar st yadzo bedeute „ce type, cet individu"!
Das Wort trigailler (= zaudern, die Zeit vertändeln) fand Auf-
nahme in eine Neuenburger Familie, welche eine Zeitlang mit einer
solchen aus dem Wallis verkehrt hatte.
Noch viel leichter werden solche Wörter im Gedächtnis behalten,
wenn sie mit einem bestimmten Begriffe fest assoziiert sind, besonders
wenn zwischen der durch die Laute hervorgerufenen Seh allem p fin-
dung und deniBedeutungsi nhalt des Wortes gewisse Beziehungen
bestehen. Wird der Vorstelliings- oder Gefühlsgehalt eines Wortes durch
die lautliche Form symbolisch angedeutet, so kommen diese dem
Hörer viel unmittelbarer und mit lebendiger Anschaulichkeit zu Bewußt-
sein und ein solches Wort ist als Ausdrucksmittel gegenüber anderen
im Vorteil.
Die welschen Mundarten sind an solchen Wörtern sehr reich, viel
reicher als die franz. Schriftsprache, welche ihrem ganzen konservativen
Charakter gemäß neue onomatopoetische Wortschöpfungen oder —
durch den Spieltrieb oder das Streben nach Lautmalerei veranlaßte —
Umbildungen^) schon existierender Wörter nur sehr schwer auf-
nimmt.
Die Volkssprache im Gegenteil hat eine ganze Anzahl solcher
Wörter aus den Mundarten herübergenommen, selbst in Fällen, wo auch
die Schriftsprache ein lautkräftiges Synonym besitzt, vgl. z. B. rebe-
douler : degringoler, S. 811.
Je nachdem durch die Laute mehr der konkrete Vorstellungs-
gehalt oder mehr der abstrakte Gefühlswert symbolisch veranschau-
licht wird, können wir zwei Kategorien solcher Wörter unter-
scheiden.
1) Man denke an die bekannte Geschichte des Doktor Schnauzius Eapun-
zius von Trafalgar.
2) Ob die im Folgenden angeführten Beispiele auf die eine oder andere
Art entstandea sind, dies zu untersuchen ist nicht meine Aufgabe.
808 Gr. Wißler
a) Lautsi/mbole für JconJcvete Vorstellungen,
a) Schalleindrücke.
Zu den durch Lautsymbolik ausgezeichneten Wörtern gehören in
erster Linie die Bezeichnungen für gewisse ScballeindrUcke:
brison = bruit lointain de la grele (V), bruchon, s. f. (N); in der
Mundart : hrison^ breson, s. m. (Bridel), hrüsö^ s. f. (Gauchat : Patois du
Val de Ruz).
friser, v. n.: „La peuglise [= le fer ä repasser] frise" = rend
le bruit que fait l'eau en tombant sur un fer chaud (N).
cresener = er aquer, cröpiter, petiller (F, Dupertuis : Loc. vic,
Pierrehumb.) „Ce plancher krgzan" (Epesses) ; in der Mundart kresena
(Bride!), krdzdnä (Byland, § 79). [Davon abgeleitet : er esen^e = cra-
quement, s. Gorgibus : Fredöri , . . S. 130].
touper = faire le bruit d'un petard qui rate brusquement [davon
toupee = detonnation sourde] (Pierrehumb.). Vgl. in der Mundart:
tupa = coup qui resoune (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
tredon (G, F, N, F), tredan (G), teurdon(N) = bruit, vacarme;
tumulte : „Tiel tredon!" (Gorgibus rFredcri . . ., S. 86 und 161); in der
Mundart tredan, tredon (Bridel), tdrdö (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
ouinguer, (rouinguer, vouinguer) = grincer, se dit d'une,
manivelle, d'une poulie, d'une porte (Pierrehumb.) [als v. a. : tourner une
manivelle]; in der Mundart : ?<;e^ä (Gauchat : Patois du Val de Ruz)').
zonner <zöne> = resonner, retentir, ronfler (G, V, N): „Vers
chez Moise on entend zonner la mecanique" (Ceresole : Seines vaud.
S. 260). „J'ai entendu zonner les canquoires [=bannetons] sur les hauts
fayards [= hetres] et pres des ebenes" (Ceresole : loc. cit., S. 169). —
„Faire zonner une ronfle" [= toupie] (G). — In der Mundart zonnä
[zöna] (Dumur : Patois vaudois und Dict. sav.).
Davon abgeleitet : zonn 6 e [zDne], s. f. = r etentissement(G, V,
N): „Le canon faisait des zonnees terribles" (G, N); in der Mundart
zonnaie <izonay3> (Dumur : Patois vaudois).
ronner <röne> = grogner, se dit de certains animaux, enparti-
culier du chien et du porc; in übertragenem Sinne vom Mensehen =
gronder, bougonner (G, N, V) : „Bourrez-le [le poele] seulement d'atta-
que [= comme il faut] jnsqu'ä. ce qu'il rönne" (Vallotton : Portes
entr'ouvertes, S. 218); in der Mundart ronna <rdna> (nach Bridel in
Freiburg), rdna oder räna (Dict. sav.).
ronchonner = grogner, bougonner (Pierrehumb., St. Imier):„Tl
est tonjours ä ronchonner, cet oiseau [= cet individu]" (R. Morax :
1) Dazu une ouingue, vgl. S. 756.
Das schweizerische VolksfrauzösiBch 809
Sac ä douilles, S. 29). — „Dans le temps Ics femmes ne ronchonnaient
pas tant, causaient moins et travuillaient davantag-e" (Vallotton : Mr.
Potterat, S. 239). — „Si on avait pas ronchonnc tout le temps on ne
serait janiais arrive au bout". (Vallotton : Portes entr'ouv., S. 12); in
der Mundart rotichä, ronchonä (nach Pierreburab.) [rosnä = scier avec une
mauvaise scie, Gauchat : Patois du Val de Ruz].
boueler (V) = beugler, jeter de hauts cris; in der Mundart:
bouaila^ iowa/« = pousser des cris d'effroi, de douleur, de colere(Bridel),
boelä (Dict. sav.), bwelä (Byland, § 65).
roueler(V), rueler (Dupertuis) [Ableitung des Vorigen?; ident. mit
reler (N) = rela (Bridel)?] = beugler, hurler, brailler.
coailler, couailler, coueler = pou8ser des crisaigus (G),
vgl,: „Ces petits enfants faisaient des couaillees ä nous rompre le
tympan" (G); in der Mundart kouallhi <:Jcicaii^ (nach Bridel in Neuen-
burg).
siel er = pousser des cris aigus (G, F, N, V): „Amusez-vous,
mes amis, sans crier et sans sicler" (G). Vgl, „Elles ötaient lä, toutes
en fievre, . . . tragant [courant] derrifere cette caisse [ce tambour] et
poussant des siclees ä percer les oreilles" (Cerösole : Scfenes vaud.
S. 244), le quatrieme cielard [= enfant]!" (Gorgibus : Cabotzet . . .,
S. 73). In der Mundart : cildlo^ s/'hla <siXa>, tsiklla (Bridel), cicia
<ßikid> (Dict. sav.)').
ranquemeler (V), ranguemeler (G), ronchemeler (G) ; ran-
quiller (N, Peter : Cacol.) =raler, respirer avec peine; in der Mund-
art rankmelä (Bridel).
piorner = bougonner, geindre, se lamenter (G, N, V, W, F,
St. Imier) ; in der Mundart : p/'ornä (Bridel).
trioler (G, V), teriouler (N) = klagen, durch Bitten belästigen :
„j'ai beau trioler mon garcon pour qu'il mange un peu" (M^^^ Mussard :
Petit Jean, S. 106); in der Mundart : ^no?^/« (Bridel).
quequeier <kakeye> (Dupertuis : Loc. vic.), quequeiller (Pierre-
humb.) = begayer: „Ma langue quequeillait toujou [tonjours] un
peu, aussi j'ai ete nie coucher sans piper un mot de plus". (Gorgibus :
Frederi . . ., S. 140); in übertragenem Sinne gebraucht : [Ein unge-
schickter Trommler] ,.radotait, barbotait, quequeillait et s'enconblait
[verwirrte sich] ä toutes reprises sur sa caisse qui lui ballotait dans
les jambes", (Ceresole : Scenes vaud., S. 231): in äer Mundari : k9keii
(Dumur : Patois vandois); vgl. Atl. ling,, Karte bögayer (122) : kcekoei/ia.
cocasser = begayer (N); in der Mundart kokasl (Gauchat:
Patois du Val de Ruz),
1) Das Subst. fem. sicl6e in G, N, F; in der Mundart: sikllahie, sihllahie etc.
(Bridel).
810 G. Wißler
batoiller < batoye > (N, F, V), batouiller (N) = schwatzen.
„Peudant tonte la ceremonie, il ü'a rien fait que de marronner | brummen]
et de batoiller avec un autre tire-lignu [Schuster] qui etait avec lui",
(Ceresüle : Scenes vaud. S. 69). — „. . . ces vieilles, quand ga s'y met,
ga batoille, qu'on ne peut pas seulement placer un mot . . ." (Vallotton :
Mr. Potterat . . ., S. 178); in der Uundiwt : baitltolli (Bridel). — Das
Subst. batoille cf. S. 833.
barj aquer (G, N, W, Dupertuis :Loc. vic.) = schwatzen:
„. . . cet allangue [= schwatzhaft] Badische, avec une sale cas-
quette noire sur la tcte, ne pouvait se tenir de critiquer, de barjaquer . . ."
(Cerösole : Scenes vaud., S. 69) „Qu batoille de tout; ga barjaque sur
tout, Sans s'arreter." (Ceresole : loc. cit., S. 126); in der Mundart :J«r-
Jakkä (Bridel)').
ß) Bewegungen.
In zweiter Linie dient die Lautmalerei dazu, eine Bewegung durch
die Nachbildung der sie begleitenden Geräusche zu charakterisieren
oder durch ein dem visuellen Eindruck der Bewegung ver-
wandtes akustisches Symbol das Wesen der Bewegung eindring-
licher und anschaulicher zu schildern. Vgl. die folgenden Beispiele:
houffer = souffler ä la maniere des chats [= fauchen] (Pierre-
humb.); in der Mundart : ?(/ä (Gauchat : Patois du Val de Ruz).
roiller(N, F, V) = battre : „. . jeroiliais dessus [sur un piquet] avet
[avec] une mailloche". (Gorgibus : Frederi . . . S. 38); „. . ils ont
et6 rollies par des Allemands" (N\ „Vous pouvez roiller ä la porte"
(Vallotton : Mr. Potterat . . ., S. 224); in der Mundart rollh/' <iroii'>
(Bridel)2).
ötracler^), v. a. = faire ciaquer un fouet (N); in der Mund-
art etratyä (Gauchat : Patois de la Moutagne neuchäteloise), etrakyä im
Val de Ruz.
ouichter = fouetter (N, Pierrehumb.) „. . va voir chercher une
brauche de noisetier poü [pour] la onister un peu [la „Grise", eine
Mähre] (Vallotton : Mr. Potterat . . ., S. 216); in der Mundart wistci
(Gauchat : Patois du Val de Ruz). — Dazu ouicht^e etc., cf. S. 821.
tirevougner (G, N), trivougner (G, N, V), tervougner, tser-
vouegner(Pierrehumb.), tervoigner (N, Pierrehumb.), travouguer(F:
Suppl.)==tirailler : [In der Angst vor einem Gespenst] : „La femme avait pris
un manche ä balet d'une main et de l'autre eile trivognait mon molleton."
(Ceresole : Seines vaud., S. 249, 250); in der Mundart: trevougni (Bridel),
1) Dazu barjaque, s. f. = geschwätzige Person (G, V, N) : &arjaÄ;a, har-
cljaka (Bridel), barjaca (Dict. sav.).
2) une roille = une averse, vgl. S. 822.
3) Vgl. 6tracl6e, S. 821.
Das schweizerische Volksfranzösiach 811
tdrweni (Gauchat : Patois du Val de Ruz). — Vgl. vougni (Bridel) =
tirer les cheveux.
ccl affer = ,, 6craser avec le pied im objet qui cclate ou exprime
un suc par le fait nieme de recrascment" (G. V, Pierrehumb., St, Imier),
ctiafer (Nj : „eclaffer une poire, une g-renouille, un escargot". — „II lui
eclaffa [!] le uez d'un coup de poing" (G); in der Mundart: ehllaffa^
<.eXafa^, ekiaffa (Bridel), elciafa (Dict. sav.)^).
r ebener (V) = herumwühlen: „Mais dis me voi [voire ==
doch], pou Tamou [pour l'amour] du bon Dieu, qu'as-tu tonjou [ton-
jour.s] ä rebener et a fourguenö [fourgonner, hier Synon. von rebener =
fureter] par ce galetas?" (Gorgibus : Frederi . . ., S. 42); in der Mund-
art : rebenä (Dumur : Patois vaudois). — [Cf. Dict. sav. : arbena, rehena =
re-biner].
rebatter (N, V, W), grebatter (G) = tomber, degringoler : „II a
rebatte en bas le talus" (N) — „J'aime bien mieux voir les ministres
[zz= les pasteurs] se rubater'^) comme ga [dans la neige] que dans
les papiers", [= journaux] (Ceresole : Scenes vaud. S. 283); in der
Mundart : rebatfä^ v. a. = rouler (Bridel); S9 rbata = se laisser rouler
sur un plan incline (Dict. sav.).
rebedouler (V), bredouler(]S()berdouler<^bor. .>> (Pierreh.) =
tomber, degringoler : „ . . on sent les pommes de terre vous rebedouler
en bas le dos" (R. Morax : Sac h donilles, S. 88). — „un vacarme de
fusil ou de gamelle qui rebedoule" (Cercsole : Scenes vaud., S. 88). —
[Un Soldat] „qui rebedoulait dans le patrigot" [= la boue] (Cercsole,
ibid., S. 93). — „Nous avons bredoule en bas le talus" (N); in der
Mundart : rebedoulä (Bridel).
derupiter (Pierrehumb. [Waadt], Plud'hun [Waadt]) = herunter-
stürzen: „. . ce wagon qui se derupite dans l'eau . . ." [der Water
Toboggan] (Gorgibus : Cabotzet . ., S. 17) „Nous, on se derupite aprfes
[„les billons, pousses en bas du haut des devaloirs"] comme on
pent . ." (Ceresole : Scenes vaud., S. 260); in der Mundart : c;?^n/j?e^ä
(Bridel).
degredeler : J'ai degredele au bas de la rampe (G); in der Mund-
art : degradalä (Bridel) = tomber dans l'escalier.
gicler^), als v. n. = jaillir, sortir impetueusement, als v. a. =
faire jaillir, jeter de l'eau und, mit der bespritzten Sache als Objekt, =
1) Vgl. bei Puitspelu: na ecliafa d'aigni = une trombe d'eau.
2) Nicht etwa Druckfehler für ,,rebater"; in Epesses sagt man so!
3) Littrö (Supplement) bezeichnet das Wort als ,,populaire". Vgl. A.
Baudoiiin : Patois de Clairvaux gigler = jaillir ; Roussey : Glossaire du Bournois
djtkae [= jaillir]; Fiat: jiscla, jihla (gascon) = jaillir. Godefroy erwähnt ein
Beispiel von 1542 und beutige Formen aus der Champagne und Bourgogne.
812 G. Wißler
eclabousser (G, V, N, F, W, Peter : Cacol.): „. . la pluie nous giele ä
la figure" (Vallotton : Portes entr'ouv., S. 239). — „Veillez-vous de ne
pas etre giclee" [= prenez garde de . . .] (Vallotton : Mr. Potterat . . .,
S. 289, 290). „Fiuis donc, Louis, tu me gicles" (N) — „Ma pliime jicle"
(F) — „Od lui avait jicle de l'eau sur les habits". In der Mundart:
djiklla <:dHkia^>, dziklla (Bridel). — Dazu : j i cle e = Spritzer (G, F, N,
Dnpertnis) : djikllahie (Bridel); jicle, s. f. = petite seringue (N, F),
djiklla, s. f. (Bridel).
jaffer = produire de recume (N, Pierrehumb.) : „11 jaffait
pendant sa crise" (N); in der Mundart : «'i^a/a (Gauchat : Patois de la
Montagne neuch.).
greboler = grelotter, trembler (G, V): „Julie! Julie! dep6che-toi
[de m'ouvrir la porte], je suis tont grebolant", (Gorgibus : Fiöderi . . .,
S. 102). „Les six qui grebolaient de peur dans la cuisine" (Gorgibus:
ibid., S. 132); „ils grebolent de froid" (Vallotton : Portes entr'ouvertes,
S. 230). In der Mundart grehola (Bridel) ; vgl. grevolä (Dict. sav.).
bresoler = griller siehe S. 806.
ecalabrer, vgl. S. 795.
banibiller = pendiller (G, F, N, V, Peter : Cacol): „Qu'est-ce
que je vois bambiller ä cette fenetre?" (G). In der Mundart banbellhi
<bäbdtt> (Bridel), hanhlyi (Dict. sav.).
ganguiller = se pendre, etre suspendu (G, F, N, V, Peter:
Cacol.) : „II faudra couper ces branches qui ganguillent". — „Une
affreuse panosse \= torchon] ganguillait ä la croisee". — „Ne te
ganguille pas ä cette ecbelle, tu pourrais tomber" (G). In der Mund-
art: ganguellhi <gägdit> (Bridel), ganglyi (Dict sav.)').
egaguel ucher, v. a. = poser un objet sur un lieu, d'oü il court
le risque de se briser en tombaut (N).
h) Lautsymhole für den abstrakten Gefühlsgehalt.
a) Das ganze Wort.
Um den Gefühlsgebalt symbolisch anzudeuten, kann die Sprache,
wie in den bisher angeführten Beispielen, ein schallkräftiges Wort
wählen. Die innere Beziehung zwischen dem Gefühl und seinem
Symbol ist aber in diesem Falle nicht sehr durchsichtig; vergleiche die
folgenden Beispiele:
Der Provinzialismus veranschaulicht etwas Großes, Auffälliges:
uneramelee,uneembardoufflee(vgl.S.821),unerecaff6e(vgl.S.822);
etwas Kräftiges: s'escormancher (vgl. S. 822), torrailler, vgl.
8. 823;
etwasSchlechtes, Widerwärtiges: charavoüte (S. 825), rac-
cusepöter (S. 827), bracaillon (S. 827);
1) Vgl. ganguellhe (Bridel) : ganguilles (G, N) = guenilles, lambeaux.
Das schweizerische Volksfranzösisch 8j^3
etwas Lästiges: echaibotter (S. 829), trig-ailler (S. 821), ba-
touiller (S. 810), depatoillu cf. S. 831, embardouff I er ef. S. 832,
patrigoter cf. S. 832, pouet cf. S. 832;
etwas Lächerliches: daderidou cf. S. 833, iaiä cf. S. 828,
tauberbitche cf. S. 822, quenolion cf. S. 834;
etwas Zärtliches: faire niäce cf. S. 835, cocoler cf. S. 835;
etwas Humorvoll- heiteres: glinglin cf. S. 836, äcaquelicou
cf. S. 836, risolet-ette cf. S. 836.
ß) Die Lantgruppe.
WcDD „batouiller" neben der Vorstellung des Schwatzens in so
deutlicher Weise den pejorativen Gefühlswert erkennen läßt, so kann
man sich fragen, ob dies wirklich durch die Lautform des ganzen
Wortes bedingt ist oder nicht vielmehr fast ausschließlich durch die
Endung -ouiller oder noch spezieller die Lautgruppe „-onill" <Oiy^,
welche in franz. Wörtern wie barbouiller, brouiller, bredouiller, grouil-
1er, soailler etc. in ähnlicher Weise ein lästiges, unentwirrbares
Durcheinander oder etwas Widerwärtiges, Schmutziges, Garstiges, Ekel-
erregendes andeutet und deshalb als lautliches Symbo 1 für ein solches
Gefühl betrachtet werden kann. Nur wenige Wörter, in denen sich diese
Lautgruppe findet, haben den erwähnten Gefühlswert nicht, wie z. B.
die einsilbigen houille, ronille, donille. Wie die Lautgruppe -ny- zu
diesem Gefühlswert gekommen ist. müßte noch genauer untersucht
werden. In gewissen Fällen ist es das Ergebnis eines lat. Suffixes
0 -h -iculu (foniller = *fodiculare), -üculu (grenouille = ranucula) etc.;
doch wird es heute nicht mehr als Suffix, sondern nur mehr als
Lautsymbol gefühlt, da die Simplicia zu diesen Bildungen ver-
schwunden sind. Nicht ohne Einfluß auf die Bedeutung der Lautgruppe
-ny- mag ihr akustischer Eindruck gewesen sein, der den erwähnten
Gefühlswert treffend symbolisiert. Ist ein Provinzialismus durch -ouill-
(oder eine andere symbolische Lautgruppe) charakterisiert, so ist er,
wie die bis jetzt genannten laut symbolischen Wörter, als Ausdrucks-
mittel seinen franz. Synonymen tiberlegen und hat große Aussicht, in
der Volkssprache beibehalten zu werden; vgl, die folgenden Beispiele:
-onill- : gadrouiller (G, N, V) = tiipoter dans Teau [vgl. ga-
droullhi {Biidel)] ; rebouiller') (G, N, V), rabouiller (F) = remuer,
farfoailler: „ce type qui rebouille le feu" (Vallotton : Portes entr'ouvertes,
S. 36). Weitere Beispiele siehe Vallotton ihid., S. 218; Ceresole : Scenes
vaudoises, S. 200; Gorgibus : Cabotzet, S. 20; [vgl. reboullhi, Bridel],
empoutouiller (G) = embrouiller; gafouiller (G) = salir; gan-
1) Im Sinne von 6mouvoir: „5a la rebouillerait trop" (Vallotton ; Portes
entr'ouvertes, S. 175).
814 Gr. Wißler
drouille (G, N) = personne malpropre; troulllon (G) = femme
salement vetue [vgl. trohllard, trouhllon, s. m. = sale, Bridel]; touillon
(G) = femme malpropre [vgl. tollhon, s. m., Bridel]; frouille (vgl.
S. 826); crouille (vgl. S. 825) etc.
-aill- hat als Suffix oder als Lautsymbol einen ähnlichen pejo-
rativen Charakter, vgl. c a s s i b r a i 1 1 e (G, N) = rebut [vgl. cassibraille =
Canaille (Bridel)]; trigailler, torrailler, bracaillon, vgl. S.812, 813
und die dortigen Verv^eisungen; couailler, vgl. S. 809; mailler [?],
S. 818; tsaille (F), tschaille (N) = platras, [vgl. tstnj in der Mundart
des Val de Kuz (Gauchat)]; fravail [?], vgl. S. 789, bonbonnaille,
vgl. S. 738.
-ill- ist häufiger als diminutives Suffix denn als bloßes Lautsymbol
zu betrachten. Es kann tadelnden, neutralen oder zärtlichen Sinn
haben, vgl. de man gui 11 er (S. 830), bambiller, ganguiller(S. 812);
bougiller,bougillon(S. 7ü9);rongiller(S.739), rongillon(S. 799);
1 0 u s s i 1 1 e r (S. 739) ; gr e m i 1 1 o n (N) = grumeau [vgl. gremelhon, Bridel] ;
boutillon (S.799); vergillon (vgl.S. 742); appondillon (G) = petite
allonge.
Die folgenden Lautsymbole (Suffixe) sind durch die Laute v?euiger
scharf charakterisiert, als die bisher behandelten, und wenn durch sie
der Gefühlsgehalt des Wortes dem Hörer klarer wird, so beruht dies
mehr auf einer traditionellen Konvention innerhalb der Sprachgemein-
schaft, als auf einer Innern Verwandtschaft zwischen dem akustischen
Eindruck des Lautsymbols und seiner Bedeutung :
-ot- ist pejorativ verkleinernd in koussenioter (S. 806); papotter
(F) = coUer avec de l'amidon; chaploter (S. 830); echarbotter
(S. 829); brotter (S. 830).
-on- <o> ist augmentativ und in gewissen Bildungen zugleich pejo-
rativ : eveillon, ochon (S. 825), tredon (S. 808); miston (S. 825);
quenolion(S.S34); [?] caion (S. 832); gäpion (S.827); breluron(G)
= etourdi, tapageur (cf. Bridel : brelurln); avocaton (S. 738) ; ferner in
bracaillon und den S. 826 zitierten Bildungen auf -ouillo n; grotesk-
zärtlich ist es in achintou und flairon (S. 835) und vielleicht auch'
in einigen der Bildungen auf -illon (Siehe oben).
Das verwandte -oun- ist tadelnd in ronchonner (S. 808); bio-
tsonner (S. 830).
-et- ist diminutiv zärtlich in risolet, bravet (S. 836); guing-
let (S.836); gros8et(S. 743); humoristisch in boquenet, tinquet,
clopet (S.836) und tadelnd verkleinernd in fennet (S. 834), pe-
natzet (S. 831) etc.
Dag schweizerische Volksfranzösisch 8J5
IIL Kapitel.
Das Wort als Träger des Oefülilswertes.
1. Im Allgemeinen.
Zum Bedeutung-sinhalt eines Wortes gehört, außer dem begriff-
licbeu luhalt und dem Vorstellungswert, auch der Gefühlswert.
Schon in der Einleitung zu diesem Teil der Arbeit (S. 745— 7 18) ist
die Bedeutung des Gefühlswertes für die Erhaltung der Provinzialismen
z. T. angedeutet: Weder in der Schule noch im Verkehr wird das
schriftsprachliche Wort so oft „erlebt" wie der entsprechende Pro-
vinzialismus, assoziiert sich also nicht so eng mit den Gemütsbewegungen
und wird von diesen nicht so leicht reproduziert. Der Provinzialismus
besitzt also einen Gefühlsinhalt, der dem französischen Synonym ab-
geht, und dies bewirkt, daß die beiden nicht als identisch gefühlt
werden und einander nicht leicht ersetzen können. Das Volk empfindet
das korrekte franz. Wort als etwas Kaltes, Steifes, Geziertes,
Fremdes, ohne Kraft und ohne Innigkeit^), so wie uns die den fremden
Sprachen entlehnten termini technici vorkommen. (Vgl. das von Erd-
mann angeführte v i o 1 a o d o r at a für Veilchen !).
Der Gefühlswert der einheitlichen Ausdrücke.
Wir haben schon auf S. 761 darauf hingewiesen, daß speziell schrift-
sprachliche mehrgliedrige Ausdrücke und provinzielle einheitliche Wörter
verschiedene Gefühlswerte besitzen: So wenig ,,Rumpeliiammer" iden-
tisch ist mit „Kammer zur Aufbewahrung aker Gerätschaften", so wenig
ist carcagnou(G) identisch mit chambre borgne; carcagnou ist das
tiustere Gemach, vor dem sich die Kinder fürchten; chambre borgne ist
der technische Ausdruck des Baumeisters für einen besonderen Raum
des Hauses, Vgl. in der Mundart: karkayniou, s. m. (Bridel).
cramine (S. 820) erweckt viel mehr den Eindruck einer außerordent-
lichen und sehr empfindlichen Kälte als das franz. „froid excessif",
das wie der Witterungsbericht einer meteorologischen Station anmutet.
2. Die gefühlsbetonten Wörter^).
Von der größten Wichtigkeit ist der Gefühlswert der Provinzialis-
men für deren Beibehaltung in allen den Fällen, wo das Wort nicht
1) Diese Auffassung ist natürlich eine völlig subjektive: Die schriftsprach-
lichen Ausdrücke haben für den, der sie täglich hört und braucht, einen ebenso
ausgesprochenen Gefühlswert, wie die Provinzialismen für unser Volk.
2) Über die Andeutung des Gefühlswertes durch lautliche Symbole, vgl.
S. 812 ff.
8J6 G. Wißler
nur gelegentlich und individuell, sondern fast regelmäßig und von
jedermann unter dem Eindruck einer heftigen oder innigen Ge-
mütsbewegung gesprochen wird und beim Hörer einen analogen
Affekt hervorruft. Mit solchen gefühlsbetonten Wörtern will der
Sprechende nicht hauptsächlich den Begriff bezeichnen, sondern vor
allem sein subjektives Urteil über den Gegenstand, seine Gefühle
für oder gegen ihn, seinen Mitmenschen kundgeben und auf sie über-
tragen. Je ausgesprochener ein Provinziah'smus gefühlsbetont ist, desto
weniger läßt es sich durch korrekte, nur verstandesmäßig erlernte,
schriftsprachliche Synonyma ersetzen und verdrängen. Er haftet mit
zu vielen Fasern am ganzen Sprachbewußtsein. IS^icht ohne Bedeutung
für die Beibehaltung gefühlsbetonter Wörter ist vielleicht auch der
Umstand, daß sie häufig mit Nachdruck und starker Betonung
gesprochen werden.
Wie nachhaltig der Eindruck stark gefühlsbetonter Wörter im
Gedächtnis ist, und wie innig sie mit unserem Wesen verwachsen, geht
auch daraus hervor, daß, mag einer noch so lange in einem fremden
Milieu gelebt haben, er doch im Affekt zu den heimatlichen Kraftwörtern
und Flüchen greift. — Die große Wichtigkeit des Gefühlswertes für
die Erhaltung der Provinzialismen ersehen wir schon aus der Tatsache,
daß viele mundartliche Typen, die eine konkrete und eine gefühls-
betonte übertragene Bedeutung haben, beim Übergang in die Volks-
sprache die erstere verlieren und nur die letztere beibehalten. Vgl.
S. 756.
Je größer der Gefühlswert eines Wortes, desto mehr tritt sein
begrifflicher Inhalt zurück. Daher erweitern und verändern diese
Wörter leicht ihre Bedeutung, vgl. z. B. embeter, das in Neuenburg
den Sinn von ,.enj61er, tromper" angenommen hat.
Durch das Zurücktreten des eigentlichen Sinnes ist es auch erklär-
lich, daß sich die Wörter mit gleichem oder ähnlichem Gefühlsgehalt
nach dem (S. 804) dargestellten Vorgang leicht assoziieren und als
Synonyma auftreten. Unter diesen sind natürlich nicht alle in gleicher
Weise und im gleichen Grade gefühlsbetont, sondern zwischen den
einzelnen bestehen Unterschiede in der Nuance, die durch Nebenvor-
stellungen, Lautsymbolik, Suffixe etc. bedingt sind, doch ist das Volk
dieser Unterschiede oft selbst kaum bewußt. Um so schwieriger ist es
für einen Uneingeweihten, dieselben nachzuempfinden.
Es ist oft schwer zu entscheiden, ob ein Wort, das in der Volks-
sprache als gefühlsbetont erscheint, diese Eigenschaft schon in der
Mundart besaß oder in wie weit ihm eben der Umstand, daß es aus
dem Patois stammt und in der korrekten Schriftsprache nicht vorkommt,
einen höheren Gefühlswert verliehen hat. Vgl. S. 757.
Um von dem Keichtum der Volkssprache an gefühlsbetonten Syno-
Das schweizerische Volksfranzösisch 817
nymen einen ungefähren Begriff zu geben, habe ich für einige Begriffe
die Anzahl der mir bekannten Bezeichnungen angegeben:
Eine große Menge: 24 Provinzialismen, eine Tracht Prügel: 32; ein
heftiger llegenguß: IG; ein strenger Verweis: 23; schlagen und sich
balgen 17; herunterfallen, kollern G; zerdrücken, zerstampfen 21; großer
Lärm 13; schreien 7; laut auflachen 5; rittlings 12; necken, ärgern,
aufziehen: 14; mißhandeln: 9; betrügen: 11; beschwatzen (enjoler): 10;
boshafter Mensch: 8; stehlen: 13; Lump, Taugenichts: 13; Ausschuß,
wertloses Zeug: 18; beschmutzen, beschmieren: 28; schmutzige Person
10; schmutzig und gierig essen 12; zerreißen, (auf verschiedene Arten)
beschädigen 21 ; flicken (verschiedene Arten) 17; zerlumpt9; vermischen,
vermengen 7; in Verwirrung bringen 9; belästigen 14; lästige Person 15;
umherspüren, aufstöbern 14; sich abmühen 9; unnütz hin- und herlaufen,
sich unnütze Mühe geben 10; tändeln 8; Trödler, Kleinigkeitskrämer 18;
müßig gehen 9; träge 10; mürrisch 7; Geschwätz 8; schwatzhafte
Person 15; schwerfällige Person 13; dumm (Adj.) 45; Dummkopf (Subst.)
11; blödsinniger Mensch, Kretin 12; Dummheit 11; schwach, Schwäch-
ling IG; Furcht 7; verzärteln?; verzogenes Kind 7; schlafen G; sterben
15; betrunken sein 25.
Gefühlsbetont sind vor allem V^örter, welche die Ursache der
Gefühlsbewegung bezeichnen: Gegenstände und Handlungen, welche
unser Gefühl affizieren (cf. uneroille, S.822; cresener, S. 808), dann
der Urheber dieser letztern (cf. equepille, S. 829), dessen Eigen-
schaften (cf. engaine, S.826) dieGemütsbewegungselbst (revo-
lin, S. 832).
Im Folgenden habe ich versucht, die gefühlsbetonten Provinzialis-
men nach der Qualität und dem Grad des mit ihnen verknüpften
Gefühls zu gruppieren; doch verhehle ich mir nicht, daß eine solche
Einteilung zu künstlich ist und der Wirklichkeit bei weitem nicht
gerecht wird, da im Leben die Qualität eines und desselben Wortes
unendlicher Nuancen fähig ist und die Intensität der mit dem Worte
assoziierten Gemütsbewegung jeweilen zwischen sehr weit auseinander-
liegenden Grenzen schwanken kann. Ein anderer möglicher Einteilungs-
grund hat sich mir aber nicht geboten.
a) So können wir etwa zusammenstellen die Bezeichnungen für
Gegenstände, Handlungen und Eigenschaften, die unsere Aufmerk-
samkeit — die sich bis zur Überraschung, ja bis zum Schrecken
steigern kann — oder unser lebhaftes Interesse — das in Bewun-
derung oder Neid übergehen kann — erregen. Charakteristisch für
diese Wörter ist, daß der Sprechende durch sie eine eindringliche,
verstärkende, übertriebene Darstellung von der Sache zu geben
sucht.
Romanische Forschungen XXVII. 52
818 G. Wißler
Hierher gehören:
a) Handlungen, dieeinenbedeutendenKraf tauf wand bedingen, wie
schlagen:
roiller, vgl. S. 810.
zermalmen, zerquetschen:
emeluer (Dupertuis : Loc. vic): . . jusqu'ä ce qui [qu'ils] tombent
par terre le cräne ä moitie emelue (Gorgibus : Frederi . . . S. 111); in
der Mundart : hnelua (Bridel).
drehen, winden (tordre):
mailler (G, N, V, F): „mailler une brauche de ebene pour faire
une rioute" [= rouette] (G) „le cotzon [= la nuque] maille" (Vallotton :
Mr. Potterat); in der Mundart : wiazY/e (Bridel), mälyi <:jnäii^ (Dict.
sav. und Puitspelu).
ß) Handlungen, welche durch eine plötzlich wirkende große
Kraft hervorgebracht werden:
an etwas stoßen:
s'embaumer(V, Dupertuis: Loc. vic, Pierrehumb): „Attention! .. .
9a tourne ä droite! n'allez pas vous embaumer contre la muraille!"
(Vallotton : Portes entr'ouv., S. 219) — „. . un cycliste qui s'est em-
baum^ contre un tramway ave [avec] sa machine" (Vallotton : ibid.
S. 243). — [Im „Labyrinth"] : „. . je souleve un rideau ... et rran,
je m'embaume contre une glace." (Gorgibus : Cabotzet . . S. 16); in
der Mundart : s'einbonma <^eböma^ (Conteur vaudois).
mit dem Kopf zusammenstoßen:
se tüter (F, N, V): „deux beliers qui se tutaient" (F); in der Mund-
art futä = cosser (Bridel).
turter, oder se turter (V, Dupertuis : Loc. vic.) [on vit le taureau]
„. . . s'eflfrayer, bondir, turter, ebranler son rätelier au choc de ses
cornes" (Ceresole :En cassant . . ., S. 46) „Je parie qu'elle s'est encore
turtee avec la chevre aux Parchet?" (B. Vallotton : Torgnoluz, Lau-
sanne 1908, S. 8); in der Mundart : ifwr/ä, v. n. (Dumur : Patois vaudois).
erschlagen, zusammenschlagen:
6tertir (V, Dupertuis : Loc. vic): „Ce n'est pas l'envie qui me
manque de l'etertir, cette sale bete" (R. Morax : Dime, S. 162). „. . . l'idöe
d'etre vole ou 6terti dans ces especes de cages ä poulets [Eisen-
bahnwagen!] oü y [ils] fourre [fourrent] les voyageu [voyageurs]".
(Gorgibus : Frederi . . ., S. 9; vgl. auch Vallotton : Mr. Potterat, S. 66);
in der Mundart : efetit (Ormont dessus, auch bei Bridel und Dumur).
y) Rasche oder plötzliche Bewegungen:
einen Anlauf nehmen:
s'emmoder^) (N, F : Suppl.) und nach Plud'hun im Kt. Waadt):
1) emmoder = commencer vgl. S. 822.
Das schweizerische Volksfranzösisch 819
„II s'est 6mod6 de loin pour faire un pareil saut" (N). [Les caisses]
„qiii ^taient pleines de billets etaient legeres, mais quant ä Celles qiii
avaient de Tor et des ecus, il fallait eneore s'emmoder pour les avoir"
(Ceresole : Seines vaud. 177); cf. in der Mundart : emmoda = partir;
mettre en train (Bi idel). — Dazu : emmoder v, a. = mettre en mouvement
(N, F, Dupertuis: Log. vic.): emoder un battoir [Hanfbreche] (Pierre-
humb.) : „L'un [des pasteurs] tenait la ficelle . . eramodait la luge
[le traineau] en se frayant une route dans la neige" (Ceresole : Scenes
vaud., S. 279); emoder une vache = preparer le pis avant la traite
(Pierrehumbert); „ceux qui emmodent les guerres (Ceresole : Seines vau-
doises, S. 89). — s'emmoder = sich in Bewegung setzen „11 y a un petit
air de bise, je me demande si le train [Lokalbahnzug!] veut pouvoir
[pourra] s'emmoder (Vallotton : Mr. Potterat, S 163). — s'emoder =
se mettre ä l'oeuvre, au travail (N); etre emraode = sich mit vollem
Eifer der einmal begonnenen Tätigkeit widmen: „Une fois que je suis
emode, Touvrage va tout seul" (N; vgl. auch Vallotton : Mr. Potterat,.
S. 202 und 212).
s'embrier^) (V, Pierrehumb., Plud'huu : Waadt) : [Ein Hund sieht
einen Knochen an einem Glockenzug hängen] : ,,I1 l^ve aussi la tete,
il flaire, il renifle, il s'embrille . . . Rran!" (Vallotton : Portes entr'ouv.,
S 205;. Apres qu'on s'est eu arrete trois fois et qu'on s'est eu rembriö,
le mossieu me dit" . . . [auf der Eisenbahnfahrt] (Gorgibus : Frederi , . .,
S. 11); in der Mundart : s'emöna (Bridel).
s'emourger^) (G): „Je trimbale mes provisions sur le bateau,
et puis, quand le „Winkleriede" s'est eu emmourge, je trace preudre
mon biyet" (Gorgibus : Frederi . . ., S. 167). — „Bref! Un beau matin
je m'emmourge du cöte de la gare" (Gorgibus ibid., S. 10); in der
Mundart, vgl. einmordji etc. = mettre en train (Bridel).
fallen, kollern:
rebatter, rebedouler, derupiter, degredeler, vgl. S. 811.
zu Boden fallen, purzeln:
cupesser') (G, N, St. Imier): „La table oü il ecrivait cupessa". —
„En voulant monter sur l'echelle je cupessai" (G) ; in der Mundart :
küpesa (Gauchat : Patois du Val de Ruz), tiupessa (Conteur vaud.), cu-
pessi V. a. = renverser (Dict. sav.).
1) Für embrier v. a. = in Bewegung setzen, vgl. ein Beispiel bei Cere-
sole: Seines vaud. S. 256; vgl. auch embruyer bei Cunisset-Carnot und bei
Beauquier.
2) Nach G. bedeutet s'ömourger auch : s'animer, se röveiller, se douner de
la peine.
3) Hierzu: la cupesse = Purzelbaum, und Sturz (G, N, V, W)-, in der
Mundart: cupessa (Bridel, Dict. sav.).
52*
820 G. Wißler
betculer (N .* „Je fourre mon pied dans un des trous et je b6te-
cule . . . dans un fossö." (Gorgibus : Frederi . . ., S. 38); in der Mund-
art: betküla (Gauchat : Patois du Val de Ruz), betetiula (Conteur vaud.).
eilen, rennen:
tracer, v. n. (V, Pierrehumb.) : [„chacun son metier"] „les uns
garnissent des chajieaux, et les autres tracent aprös les voleurs" ( Vallot-
ton :Mr. Potterat, S. 94) — „Et je trace du cote de la foret" (Gorgibus:
Frederi . , ., S. 42); in der Mundart, cf. treffi [in Genf?], tressi
(Bridel); traci ^ Conteur vaud.)-
hin- und hereilen, umherstöbern:
bourgater(V, Pierrehumb.), bargater (Pierrehumb.): ,,A les en-
tendre [les zouavesj, il parait qu'ils bourgataient de ci de lä, tiraient
sur la frontiere, faisaient plus de fumee que de mal . . ." (Ceresole,
Scenes vaud., S. 127); in der Mundart: borghatta, etc. (Bridel).
herumwühlen :
rebouiller, vgl. S. 813, rebener, vgl. S. 811.
hin- und herzerren:
tirevougner, vgl. S. 810.
schütteln :
gruler^), v. a. (V), greuler (G, W), gurler (F): „gruler un prunier
pour en faire tomber les fruits" (V); in der Mundart : ^rw/Za, gurla etc.
(Bridel).
abhauen, abbrechen:
trosser (N, Pierrehumb.) : trocer des arbres = les couper, les
saper (Pierrehumb.). — „C'est un reuard qui a trosse uue branche"
(R. Morax:Dime, S. 158); in der Mundart trossi = rompre, briser,
casser (Bridel) ; trossi = scier ou fendre du bois (Dict sav.).
zerquetschen:
eclafer, vgl. S. 811.
d) Starke und auffällige Geräusche:
Vgl. die Beispiele auf S. 808—809; cresener, touper, tredon,
ouingner, zonuer, ronner, boueler, roueler, coailler, sicler.
e) Extreme Temperaturen: Kälte:
cramine, s. f. = froid excessif iN, V;: „II faisait une cramine
de la metzance" [franz. etwa: du diable!] (Ceresole : Scenes vaud.,
S. 217). — „Quelle cramine il faisait au Nouvel-an" (N); in derMuud-
art ikramena (Bridel).
Hitze:
raveur, (N, V):„Ti [Est-il] possible, quielle [quelle] raveur pou
[pour] faire cette grimpöe!" (Monnet : Favey et Grognuz, S. 61). —
1) Als V. n. = trcmbler (G, F, N), vgl. grullä (Bridel).
Das schweizerische Volksfraiizösisch 821
„On se tue en marchant par une teile raveur" (N); in der Mundart :
raveur (Bridel), ravmi in den Waadtländer Alpen ^) etc.
"Q) Große Quantitäten, wie eine große Menge, eine be-
deutende Anzahl, im allgemeinen:
une trrUee (G und nach ihm auch in Freiburg und in der Waadt):
„une trälee de gamins"; „une trälee d'injures" (G). — „11 nous lächa
une tralöe de sottises (G) — „y [il] parait qu'il avait une trälee
d'heritiers qui ne lui etaient pas simpatiques ..." (Gorgibus : Freden , . .,
S. 22) „dire toute la trälee charmante des vieux mots". (Ph. Monnier :
Causeries genevoises, S. 161); in der Mundart : ^ra^S^^a (Duret : Patois
genevois).
une charoupee (G): „une charoupee de badauds" ;G). „C'est
grande pitie de voir un si petit cheval trainer une pareille charoupee
de monde" (G), vgl. in der Mundart : tsaroppahie, <Ctsaropaydy = lourde
chute (Bridel), abgeleitet von tsaroppa = personne engourdie, pares-
seuse. „charoupee" hat also die spezielle Nuance: eine schwere, unbe-
wegliche Masse.
une ramelee de gamins (F, N), de badauds (G), de pommes(F);
in der Mundart : ramelahie <C:raindlay9> (Bridel).
une embardouflee: „lls m'en ont fourreune embardouflee [d'iod]
que je suis brun comme un cafard". (R. Morax : Sac ä douilles, S. 71),
vgl. in der Mundart das vb. einbardoffla (Bridel) [embardoufler : G, N]
= salir, barbouiller; Nuance also: eine Masse, die beschmiert.
eine Tracht Prügel:
In den Kt. Frei bürg und Waadt wurden von zwei Dialektsprechen-
den nicht weniger als 170 mundartliche Ausdrücke dafür gesammelt'^).
Von den 32, die m. W. auch in die Volkssprache herübergenommen
wurden, seien nur die folgenden erwähnt:
une ouichtee (N), uichtee (Pierrehumb.) ; in der Mundart : öwa
vwistäyd (Tappolet :loc cit. sub^), S 3), abgeleitet von rim^a = Rute ^)
une pongenee (Pierreh.); in der Mundart :joö.s9wäj/a (Tappolet:
loc. cit., S. 4).
une etraclee (N, Pierrehumb.); vgl. in der Mundart :e^rn'%ä, v. n.=
ciaquer du fouet (Gauchat : Patois du Val de Ruz) : etracler, S. 810.
ein heftiger Regen*):
une carre, (= G, F, N, V, Peter : Cacol.) : On sentait venir l'orage
1) Vgl. über die mundartlichen Formen des Wortes, deren Bedeutung
und Etymologie Gauchat im Bulletin du Glossaire 1908, S. 55.
2) Cf. E. Tappolet: Les expressions pour une volee de coups. (Bulletin
du Glossaire 1906, S. 3 u. flf.).
3j Das V. ouichter vgl. auf S. 810.
4) Über die Ausdrücke für Regen im Val de Bagnes vgl. M. Gabbud und
L. Gauchat im Bulletin 1909, S. 3ff,
822 ^- Wißler
ou, en tout cas, une grosse carre" (Ceresole : Scenes vaudoises, S. 249);
in der Mundart : cara, kara (Bridel), cära (Dict. sav).
une roille^) <r9^> (V, Pierrehumb., W): „. . . je pressens une
roille et je m'abrite" (Ceresole: En cassant . . ., S. 41) „par cette roille
du tonuerre" (Vallotton : Mr. Potterat, S. 73); in der Mundart : ro//Aa
<j'qia^^ s. f. (Bridel). Zur gleichen Wortsippe gehören : roiller, v.
impers. (V, Pierrehumb.) = heftig regnen ; roillee, s. f. (N, Pierrehumb.)
= averse. — roiller, v. a. = schlagen, vgl. S. 810.
lautes Gelächter:
recaffee, s. f. (G, V, Pierrehumb,): „De ce groupe de bonnes
d'enfants et de domestiques sortaient, par intervalles, d'enormes re-
caffees" (G). [Zwei Pfarrherren fallen beim Schütteln zusammen in den
Schnee]: „Tl fallait entendre alors ees recafföes et voir cette remollee
[ümarmuugj pastorale dans cette neige." (Ceresole : Scenes vaud.,
S. 283). „Cet [C'est] le grand Fred^ri qui pouvai [pouvait] faire
des recafifees quand je lui racontais Qa." (Gorgibus : Frederi . . ., S. 94):
in der Mundart : rekafohie <:ydkafaydy (Bridel), recafä (Dict. sav.). —
Hierzu recaffer = laut auflachen (G, V, Pierrehumb., vgl. auch Gorgi-
bus : Frederi . . ., S. 94) ; in der Mundart : rekaffa (Bridel).
ri) Große Intensität einer Tätigkeit, hoher oder höchster
Grad einer Eigenschaft.
(mit Nachdruck) beginnen:
s'emmoder : „Cette poule avait ete pondre lä dedans, et comme
il y faisait bon chaud, eile s'etait emmodee ä couver." (Vallotton :
Portes entr'ouv., S. 71). — [Herr Potterat trägt in zwei Körben je eine
Katze; die eine beginnt ganz erbärmlich zu miauen:] „Charrette-arti-
cula Potterat - Bougre de bete! . . . Pourvu que Tautre ne s'emmode
pas! — L'autre s'emmoda presqu'immediatement." (Vallotton : Mr.
Potterat . . ., S. 250). — „Voilä un bout de niaise [une quereile] qui
s'emmode" . . . (Ceresole : Scenes vaud., S. 288); in der Mundart : em-
moda = commencer (Bridel). — Vgl. die übrigen Bedeutungen des
Wortes auf S. 818.
s'embrier^): Voilä la Chorale du Brassus qui s'embrille. [Jetzt
fängt gar der Gesangverein von Le Brassus zu singen an !] (R. Morax :
Sac ä douilles, S. 64); in der Mundart cf. : s'einbryia m edzi = commQncQX
ä manger (Couteur vaud.).
(angestrengt) arbeiten, sich abmühen:
s'escormancher (G, V, Pierrehumb., Peter : Cacol.): „C'etait le
tambour de garde qui s'escormanchait sur sa caisse . . ." (C^resole:
1) Auf der Karte averse (1447) des Atl. ling. findet sich nur ro^ya
[?] (P. 969), carre ist nicht vertreten.
2) Die übrigen Bedeutungen des Wortes siehe S. 819.
Das schweizerische Volksfranzösisch 823
Scenes vaud., S. 85). — „. . . tout en s'escormanchant ä ciaquer du
fouet..." (Cerösole, ibid., S. 273); Inder Mundart : e^iorwa»/^;/ (Bridel).
(endlich) weggehen:
se döpedger') (Pierrehumb.) ; vgl. in der Mundart : s^ depedji =
se detacher de quelqu'un (Bridel).
(heftig) kratzen:
ruper (G, V); in der Mundart : rw/jpa (Bridel); ruper = essen,
vgl. Gorgibus : Fröderi . . ., S. 12.
(hoch hinauf) befestigen:
aguiller (G, N, V): „Au lieu de pendre [suspendre] ton coque-
mar, pourquoi l'aguilles-tu ainsi sur les büches?" (G, N) — „Comment,
vous n'avez pas eneore aguille l'enseigne?" (R. Morax : Dirne, S. 182);
in der '^nuA-dri '. aguellhi <^agdii'> = jucher, percher etc. (Bridel). —
Das Gegenteil (herunterholen) : deguiller (G, V, W): deguelhi (^v\di%\y).
(heftig) rauchen:
torrailler (N, V)": „Tout ce qu'ils savent faire c'est de torailler
des cigarettes." (Ceresole : Seines vaud., S. 127); in der Mundart : torayi
(in dem Patois von Villeneuve). — torrailler, v. n. wird in N und V ge-
sagt vom Feuer, das einen dichten Rauch entwickelt. — torraille
(N), torree (N) = bouffee de fumee; torree (Pierrehumb.) = Feuer
der Hirten auf dem Felde ; vgl. in der Mundart : torey = feu des champs
(Gauchat : Patois de la Montagne neuch.).
(tief) schlafen :
bener (V, Dupertiiis : Loc. vic, Pierrehumb.), binner(F); Nach N,
F bedeutet das Wort auf ein Gericht bezogen: zu lange über dem
Feuer bleiben und deshalb einen schlechten Geschmack bekommen
wie das mundartliche bena (Gauchat : Patois fribourgeois).
(mit großer Mühe) verdienen:
affaner^), v. a. (G, V, Dupertuis : Loc. vic): „Tu l'affanes bien,
ton mois, pauvre petit . . .", (M™*. Mussard : Petit Jean, S. 22) — „Ces
ouvriers ont bien affane un pauvre ecu" (G); in der Mundart : a/«na
(Bridel und Dict. sav.).
(nach reiflicher Überlegung) einen Entschluß fassen:
jobler (N, Guillebert : Gloss. neuch., S. 75): „J'avais joble que je
lui ecrirais, mais je n'en ai pas eu le temps" (N). Guillebert sagt loc.
cit. „Les trois mots projeter, se proposer, compter ne peuvent pas tou-
jours remplacer notre jobler, qui ajoute quelquefois une nuance ä
Tidöe qu'ils expriment." In der Mundart : djoblla = entreprendre ; parier;
prendre conseil; prendre ses mesures (Bridel).
1) Über pöäge etc., vgl. S. 805.
2) Vgl. S. 800.
3) Vgl. Godefroy ahaner : se fatiguer, travailler.
824 Gr. Wißler
(wichtige) Geschäfte:
abras, s. m. pl. (G, N): „II est dans tous ses abras" (G) — il fait
beaucoup d'abras poiir peu de chose" [G); in der Mundart : obras (Bridel).
Kraft, Energie:
la brasse = les bras, le courage, la force: La mort de ma femme
m'a eoupe la brasse (N).
l'acouet, cf. S. 793.
gesunder Menschenverstand:
escien tO (G, N, F, V, Peter : Cacol.) : ,,. . . toutes ces braves femmes
qui sont lestes et pleines d'escient" (Ceresole : Scenes vaud., S. 161) —
„un camarade qui ait un peu plus d'escient que lui et qui se fasse
apprecier du monde . . ." (Ceresole, ibid., S. 212). — „Qa prouve du
goüt, de l'escient . . ., eu fin §a a bonne fa^on." (Vallotton : Portes
entr'oiiv., S. 156 : in der Mundart ecÄem = bon sens, raison, savoir-faire
(Bridel), ese (Byland, § 54).
emme, eme, einae, s. m. (G): „II n'a point d'eime"; in der Mund-
art : emo = intelligence, bon sens, jugement (Dict. sav.).
große Furcht haben:
avoir la deguille (N), vgl. in der "MimdsiYt : degitelha (Bridel) =
discours mal fait.
(ganz) voll von:
cläfi: „Un lit cläfi de punaises, une tele cläfie de poux" (G); in
der Mundart : c/a/ (Dict. sav.) ; vgl. daß == serre, masse (vom Brot ge-
sagt) bei Puitspelu.
abends spät:
sare nuit (N) = nuit close.
ganz allein:
mare seul (N) : „Ils m'ont laisse mare seul toute la journee (N)
b) Von fremder Hand verursachte physische Schmerzen veran-
lassen in uns Unlustgefühle und geben Anlaß zu heftigen Gemütsbe-
wegungen wie Entrüstung, Haß, Zorn, Wut, Rachsucht; der
Urheber seinerseits empfindet ein gewisses Lustgefühl, wie Sieges-
freude, Bewußtsein eigener Überlegenheit und Macht,
Schadenfreude etc. Diese Gefühlswerte sind charakteristisch für
die folgenden Wörter:
m ißh andeln:
brigander^) (F, V, Pierrehumb.): „i [ilj brigandait ses betes
sü [sur] la route d'Ouchy." (Vallotton : Portes entr'ouv., S. 36);
Fernere Beispiele siehe Vallotton : Mr. Potterat, S. 58, 60, 152; in der
Mundart : hreganda (Bridel).
1) Vgl. escient bei Godefroy.
2) Vgl. brigander = pillei-, violenter (Godefroy).
Das schweizerische Volksfranzösisch 825
Backen streich:
^veillon (G, V), röveillon (N): „II lui flanqua un eveillon qui le
fit taire" (G); in der Mundart : (^m//o«, reveillon (Bridel), evelion
< evdto> (Dict. sav.).
Schlag:
och OD (G): „, . . si le pauvre bouöbe [= gargon] avait re^u
l'ochon im peu plus bas, il en serait parti [= mort]" (M"*^ Mussard:
Petit-Jean, S. 48).
Vgl. auch die folgenden Wörter:
roiller S. 810, ötraclee, ouichtee, poncenee S. 821, ötertir
8. 818.
c) Ahnliche GefUhlsbewegungen werden hervorgerufen durch Hand-
lungen, welche der Betroffene als absichtlich zugefügte Beleidigung
und Unrecht empfindet und die er dem Urheber als Schlechtigkeit,
als Gemeinheit auslegt. Vgl. die folgenden Beispiele, von denen einige
den im Worte enthaltenen Tadel und Schimpf bis zur Grobheit
steigern:
seh lecht, böse:
crouillei) (G), crouye (G, N, V): „dans ce monde lesbonss'en-
vont, et les crouilles restent" (Vallotton : Portes entr'ouv., S. 186) ; in
Mundart : croulo-a, adj. (Bridel).
der Halunke:
ridan = gueux, vagaboud, homme mal fame (N) ; in der Mundart :
redan, redanna, adj. = gueux, rodeur etc., (nach Bridel in Aigle).
miston (N, Pierrehumbert) in den Neuenburger Bergen = vaga-
bond : „Les mistons de la Chaux-de-Fonds furent enfermcs pendant le
tir federal" (N); in der Mundart : niisto (Gauchat : Patois de la Montagne
neuchateloise).
charavoüte, s. f. (G, Dupertuis : Loc. vic): „Ecoute voire [donc],
espece de tzaravoute" . . .; (Gorgibus : Frederi . . ., S. 72). — „Cette
charavoüte de femme a ete rapportee chez eile ivre-morte" (G); in der
Mnüdart : tsaravoüta, charavoüta (Bridel) = charogne; bandit, vaurien,
faineant.
frecher Schlingel:
detertin (V); in der MnndsiYt : detert in = garnement, debauche,
mauvais sujet (Bridel). detertin wird in V mit temeraire übersetzt;
vgl. dazu den folgenden Passus (aus Ceresole : Seenes vaud., S. 271):
„C'est un tout detertin [il s'agit d'un petit gargon] qui n'a peur de
rien ni des rats ni des derbons" [= taupes].
1) Cf. auch R. Morax : Sac ä douilles, S. 110 etc.
826 ^- Wißler
Betrügerei:
frouille, s. f. (G, N, V, Peter: Cacol.); vgl. in der Mundart das
V. fruiw ') = tricher au jeu (Gauchat : Patois du Val de Ruz). — Siehe
das Wort auch in Beauquier: Dep. du Doubs.
Verschlagener Mensch, der sein Wort nicht hält:
bracaillon (Pierrehumb.); „. . . suis un homme, moi! Suis pas un
braeaillon" (Gorgibus : Les cäfes . . ., S. 49); in der Mundart : brakaillon
(Bridel) ; vgl. bracalyon <i brakaiu ^ ■= petit etourdi (Dict. sav.).
List, Betrug:
engaine (V); in der Mundart : em^ama, angaina = rnse, fraude,
subterfuge (Bridel).
Aufschneiderei:
gandoises (V, G, N): in der Mundart : ^a«c?o/sa [??] (Bridel).
betören:
apigeonner (G, V, Pierrehumb.): „II se laissa [!] apigeonner par
toutes leurs magnifiques promesses (G); in der Mxm^&xi: apedjouna
(Bridel).
beleidigen:
devousoyer (Pierrehumb.) ; in der Mundart : devoseiki <idevozeyt>
(Bridel).
verleumden:
delaver (N): „Vous avez si bien delav6 ce commis qu'on l'a mis
ä la porte" (N); anderes Beispiel in Monnet : Favey et Grognuz, S. 53;
in der Mundart : delavä (Bridel). [Die eigentl. Bedeutung des Wortes
ist: durch Waschen entfärben, vgl. auch Dict. sav.].
ausschelten:
di sputer 2), v. a. (N, F, V): „Je la dlsputais tous lesjours" (N). —
„Mon maitre m'a dispute'' (F) ; in der Mundart : despütä (Gauchat :
Patois du Val de Ruz).
Verweis:
pide, 8. f. (G und nach ihm auch im Waadtland, Peter : Cacol.) :
„Tu as eu ta pide et ceia te venait [= revenait]" (G) ; in der Mund-
art ipida (Bridel).
barsche Abweisung:
regauffde (G und nach ihm auch im Kt. Waadt, N): „faire une
regauffröe äquelqu'un"(G); regaufr6e(Pierrehumb.); in der Mundart:
reyauffahie <Crgofayd^ (Bridel).
remauffee (V, Dupertuis : Loc. vic), vgl.: „Quand le pauvre
Veteran [il s'agit d'un coqj a senti que c'ötait lui qui recevait la
remouffUe et que ses pucines fpoules] lui faussaient compagnie" . . .
1) Das V. frouiller = betrügen in G, V, N, P6ter : Cacol.
2) Nach Littr6 : disputer qn. = lui faire quereile bei Saint-Simon.
Das schweizerische Volksfranzösisch 827
(Cör^sole : Sccnes vaud., S. 208) ; in der Mundart : remavffahie < rgmo-
fayd > (Bridel).
verspotten:
se bavarder (G, V): „. . . on dicoute plus les vieux aujourd'hui;
la jeunesse s'en bavarde" (M^^^ Mussard : Petit-Jean, S. 147) — „ces
filles se bavardaient des passants" (G); in der Mundart :s^ bavardä
(Bridel) — Godefroy zitiert eine Stelle aus Du Pinet : se bavarder = se
railler.
hinterbringen, ausplaudern:
raccusepöter, (N, Pierrehumb.): in der Mundart : raÄ;Mspe^ä
(Gauchat : Patois du Val de Ruz).
redipeter (V, Dupertuis : Loc. vic.): „Mais attend te voi, si [8'ils[
se mele de redzipete ce qui les regarde pas!" (Gorgibus : Frederi . . ,,
S. 99); in der ^.ymAaxt'.redipeta, redzapettä (Bridel), abgeleitet von
red/pet-etta, adj. = rapporteur, indiscret (Bridel), vgl. redipet (V).
d) Hier möchte ich einige Provinzialismen anschließen, die als
Spott- und Schimpfnamen verwendet werden und in denen die
Gegensätze zwischen einzelnen Klassen der Bevölkerung,
zwischen den verschiedenen Kantonen und Konfessionen zum Ausdruck
kommen.
Der Schuster:
tirelignu (G) : [. . . un vieux petit cordonnier allemand] „. . . n'a
rien fait que marronner et de batoiller [= schwatzen] avec un autre
tire-lignu qui ötait avec lui" (Cdsr^sole : Scenes vaud., S. 69); leingnu,
lugnu, lignu etc. (Bridel) : lignu (G, F, V), lugnu (F) = ligneul
[Pechdraht]. — Vgl. in der Mundart : tirdlünü (Byland, § 64).
Der Klempner:
tapatoule (F : Suppl.); in der Mundart : fapa-^ow^a (Bridel); —
toula = töle, fer-blanc.
Der Scheffelmacher:
tapaseillon(V, F), tapeseillon (N); in der Mundart : to/^as^^Y/o«,
z. B. in Bulle.
Der Uhrmacher:
gratteloton (G); loton = laiton vgl. S. 755.
Der Polizei- oder Zollbeamte:
le gäpion (G, N, V): „Suivez-moi, que me fait un gros gäpion
avec un tricorne ä deux pointes." (Gorgibus : Cabotzet . . ., S. 34). —
„Les gapions nous ont poursuivis" (N); vgl. auch Ceresole : En cas-
sant. . ., S. 168, etc.; in der Mundart : gäpion (Bridel); ^a^j/rtw=douanier,
employe de l'octroi (Dict. sav.).
Der Zivilstandsbeamte:
Le petabosson (Dupertuis : Loc. vic): „. . . j'avais juste le temps
de couri [courir] chez le petabosson." (Gorgibus : Frederi . . ., S. 43).
828 ^- Wißler
Der Lehrling:
le pommeau (N); in G : petit messager d'iin bureau; in der Mund-
art :;9om(^ = apprenti (Gauchat : Patois de la Montague neuchäteloise).
Der Deutsche:
un iäiä (FrSuppl): »Le yä-yä s'y met" (Gorgibus : Frederi . . .,
S. 90).
un albotch (Pierrehumb.): „• . • car 9a mange-t-y, ces Alboches!"
(Gorgibus : Frederi . . ., S. 87).
un staufiff re <Csto..> (Genf, Pierrehumb.): „Cependant le Comniis-
saire avait provisoirement renonce en la presence de son geudreätoute
plaisanterie sur les „Sloffifers, Totos, tetes carrees, bouffeurs de chou-
croiite" et autres amenites . . ." (Vallotton : Mr. Potterat . . ., S. 245).
un tauberbitche (Pierrehumb.).
un touyetz (Gorgibus : Frederi . . ., S. 90).
nn Tutche (Pierrehumb.); Schweizerdeutsch : f?^i;6^ = deutsch; in
der Mundart von Estavannens : 0 tüts.
Der Italiener:
un capiäne, nn couachtre „Ces sacres macaronis deCuachtresl"
(Vallotton : Portes entr'ouv., S. 37), vgl. hwästr in der Mundart bei
Urtel (Diss. : Glossar); un tschink [wie im Schweizeideutschen tsii^h]
(Pierrehumb.).
Der Freiburger:
un zozet (Pierrehumb.), vgl. le Dzozet [= ein Knecht aus dem
Freiburgischen] (Vallotton : Mr. Potterat, S. 193 u. ff.). — „Vivent les
Dzozets!" (R. Morax : Dime, S. 193) — „un Dzozet, c. ä d. un des nom-
breux Joseph issu des campagnes fribourgeoises". (Ceresole : En cas-
cant . . ., S. 28).
Der Protestant:
inguenod (F): vgl. „Vivent les Tnguenots!" (R. Morax : Dime,
S. 193); in der Mundart : m^?<6;wo^ = huguenot (Bridel).
e) Im Folgenden sind Provinzialismen vereinigt, welche Dinge und
Handlungen bezeichnen, die unser moralisches und ästhetisches Schick-
lichkeitsgefühl — bald mehr das eine, bald mehr das andere —
verletzen, uns lästig fallen, unangenehm berühren, und widerwärtig
erscheinen und zu Mißfallen, Ärger, Unwillen, Überdruß Anlaß
geben. Handlungen, Sachen, Personen dieser Art betrachten wir als
mangelhaft und minderwertig und sprechen, aus dem Gefühl eigener
Überlegenheit unsere Unzufriedenheit, unsere Mißbilligung, unseren
Tadel, unsere Geringschätzung und unsere Verachtung über sie
aus und kleiden unser Urteil in eine Form, die oft das Selbstbewußt-
sein der andern verletzt und grob erscheint. Vgl. die folgenden Bei-
spiele :
Das schweizerische Volksfranzösisch 829
verwirren, verwickeln:
echarbotter (G): eclieveau echarbntte (G); in der Mundart:
eSarbotla" (Jeauja(iuct : Palois d'llernuuice), erliaibofö < e^ . . .> (Dict.
sav.), — Siebe das Wort auch bei Cunisset-Carnot : Vocables dijonnais.
sich verwirren, in Verlegenheit geraten:
s'encoubler') (G, F, N, Peter : Cacol.): Lii jeune fille s'eucoubla
[!j dans su robe et tomba (G): ,,Comme il y en avait qui ne voyaieut
pas bieu les petits tas de racloiis, echelonnes au bord de la route, il
arrivait qu'ils s'encoublaient et puis se jetaient par terre . . ." (Cere-
sole :Scenes vaud., S. 93), „Couime il ne lisait pas ä la precipitee en
bredouillant et en s'encoublant . . /' (Cercsole, ibid. S. 59); in der
Mundart: einhobllia < ekobta > (Bride!), encoblä (Dict. sav.).
langweiliger Mensch:
equepille^), s. m. (N), aquepille (Pierrehumb., St.-Imier): „Quel
equepille que ce magnin [= wandernder Kesselflicker], il arrive
toujours quand on diue" (N); in der Mundart : aÄ;/9CB^ (Gauchat : Pafois
du Val de Ruz). — Vgl. enquepille bei Beauquier : Departement du Doubs;
durch seine fortdauernden Klagen lästiger Mensch:
piorne, s. f. (G, F, N, V); piourne (G): „Toi, la Pernette, tu n'es
qu'une piorne" (R. Morax : Dirne, S. 14). — „Etre condamne ä avoir,
ä sa gauche une ,.piorne"^ . . . (Cercsole :En cassant . . ., S. 16). —
„Tais-toi, piourne!" (G); in der Mundart : piorna (Bridel). — Zur gleichen
Wortsippe : /j/orw« (Bridel) = se plaindre sans cesse : piorner (G, V, Peter :
Cacol., N, F), cf. S. 809.
durch anhaltende Klagen (Bitten) belästigen:
trioler, vgl. S. 809.
langweilige, oft wiederholte Rede:
ritoule (F, N, V): „. . . David; tu m'enerves ä la fin avec ta
ritoule . . ." (Ceresole : En cassant . . ., S. 42); in der Mundart :nY-
toula, 8. f. (Bridel).
lässig und langsam arbeiten:
patracler (G,N, V); vg). in der Mundart : pa^mÄ-« (Gauchat : Patois
du Val de Ruz), abgeleitet von franz. patraque adj. = alt, hinfällig: —
s. f .= abgenutzte Maschine.
1) 6 n CO üble, s. f. (G, F, Dupertuis :Loc. vic.) : eincohlla (Bridel) bedeutet
eigentlich :*entiave (d'UQ cheval par ex.) und encoubler = entraver und erst
in übertragenem Sinne = erabarrasser. Gleiche Bedeutung haben im Neupro-
venzalischen encoublo (s. f.) und encouhla (v. a.), nach Mistral. Vgl. auch ekoMd
und ekohiä auf den K. 1550 und 1551 des Atl. ling.
2) Vgl. über das Wort und die verwandten dequepiller = debarrasser,
aquepiller = embarrasser, Prof. Gauchat im „Bulletin du Glossaire" 1908,
S. 58 ff.
830 G. Wißler
zögern, die Zeit verlieren:
trigailler (Sitten); in der Mundart : ^rc^a//>' (Courthion : Patois du
Val de Bagnes).
untätig herumschlendern:
bandroüler(N), bandoüler (Pierrehumb.), vgl. in der Mundart :
bandholli (Bridel).
Fauler Mensch, Taugenichts:
charoupe, s, f. : (G, V, F : Supplement) „. . . mais sa charoupe
de mari se contente de boire, manger et dormir" (G). — „Tais-toi,
charoupe, ou je te casse la gueule" (R. Morax : Dime, S. 139) ; in der
Mundart : tsaroppa (Bridel), gharopa < ^■a . . . > (Dict. sav.).
rasch und nachlässig arbeiten:
brotter (Plud'hun.), brau8ser(Pierrehumb.); in der Mundart: brotta
und brothi <;^brq9^iy^ (Bridel).
schlecht pflügen:
egravater (Pierrehumb.) ; in der Mundart : ^^mt;9^ä (Val d'IIliez),
auch = scharren (von HUhnern).
schlecht melken:
biotsonner (Pierrehumb.), abgeleitet von mundartl. bllossi <Cbiosi<C,
etc. (Bridel), blossi (Dict. sav.), = pincer; vgl. blosser (N),
durch ungeschicktes Beschneiden beschädigen:
chapler*) (G, F), chap loter (G, F), chapuser'') (N): „Les
ecoliers se plaisent ä chapler les bancs et les pupitres" (G). — „La
couturiere m'a chaple cette robe" (G). — „Chapioter des etoffes" (Pierre-
humb.). — „Au Heu de faire la pointe aux echalas, il les a tout
chapuses" (N); in der Mundart : isap^/a <itsapia'> etc.; isapllotta etc.:
tsappouaisl etc. (Bridel), ghaplotä <,&a . . . > (Dict. sav.).
ausrenken, aus den Fugen bringen:
demangonner(G), demangouner, demanguiller(Pierrehumb.):
. . . „quand le soleil 6tait dejä bien haut, que les reins 6taient
demanguillonn^s et les bras tout en breloque [vom Mähen!] . . ."
(Cerösole : Seines vaud., S. 271). — „La cheminöe est toute d^man-
guill6e" (Pierrehumb.) — „serrure demangounee" (G); in der Mundart;
demangounna^ demangidllonnä (Bridel), demangiielionna (Conteur vaudois).
zerzausen:
6pini acher (G): „ • • . c'etait de voir les femmes . . . retenir
leurs cheveux tout 6piniach6s.'' (M»»«. Mussard : Petit Jean, S. 218); vgl.
in der Mundart : epenassi = sörancer (Bridel).
1) Vgl, tsap^a auf der Karte d6pecer (1533) des Atl. ling.
2) Als V. n. = travailler comme charpentier (Pierrehumb.).
Das schweizerische Volksfranzösisch 831
zerlumpt:
döpatoillu (V, Dupei'tuis : Loc. vic); in der Mundürt : depathollu
<?> (Bridel).
Fetzen, Lumpen:
brelaudes, 8. f. pl. (G) : „ . . . un [une] paire de bas dont j'ai
bien retenu les elaires [= raccommode les rangs de mailles useesj
afin que Jean ne les mette pas [tout] de suite en brelaudes" (M«"«.
Mussard : Petit Jean, S. 247); in der Mundart : Are/aMrfa (Bridel), brelode^
pl. (Dict. sav.).
alter abgetragner Schuh:
grolle (G, V); in der Mundart : ^ro/^a (Bridel), grola (Dict. sav.).
(alte) Hütte:
cazintche (Pierrehumb.) == maison au sens pejoratif.
cadolle (N) = baraque, cabane; in der Mundart : Ä;ac?o/ (Gauchat:
Patois du Val de Ruz).
schlechte Uhr:
un cloclo (G, N, Pierrehumb.).
Schindmähre:
ergalle, s. f. (N): Jamais ces deux ergalles de chevaux ne con-
duisent cette voiture ä Chaumont (N); in der Mundart : er^a/ (Gauchat :
Patois du Val de Ruz).
alte Kuh:
c ab e (N, Pierrehumb.) ; in der Mundart : caba (Bridel), kaba (Gauchat
Patois du Val de Ruz), siehe auch S. 771.
schlechtes Getränk (Arznei):
potr in gue(G,N, Peter : Cacol.); „Votre cidre a un goüt de potringue"
(G); in der Mundart : po^r/^^^a *) = drogue, tisane (Bridel).
schlechter Wein :
penatzet (V, Dupertuis : Loc. vic): „un vin qui n'avait pas l'air
d'etre du penatzet". (Ceresole : Scönes vaud., S. 175) ; in der Mundart :
penatzet (Dumur : Patois vaudois).
beschmieren, beschmutzen:
embardouffer (G, N, F, V, W): „Mais, monpauvre ami, oü t'es-tu
embardouffle pour empester [= puer] de la sorte?" (Ceresole : En
cassant . . ., S. 45). — «. . . la tete embardoufllee de riz . . ." (Cere-
sole; ibid., S. 91); in der Mundart : em^arrfo^/ä (Bridel).
Auswurf:
clämeau (G, V) = crachat epais et degoütant; in der Mundart:
clämö : (Dumur), hllamo, klamo (Bridel).
1) Dazu potringa v. a. =: donner des remedes (Bridel) : potrlnguer (G, N,
P6ter : Cacol.).
832 G. Wißler
erbrechen:
regouesser*) (N, F, V) : regouaissl, reguetti, regoueintzi (Bridel) =
vomir.
Kot (von Tieren):
petolle,^. f. (G, V); in der Mundart : ;}e7o^a (Bridel, Dict. sav.).
im Schlamm (Kot) herumpatschen:
patrigoter (G, N, F, V); in der Mundart :/)a^n^o^ä (Bridel, Dict.
sav.). — Dazu patrigot (G, N/F, V) = Kot, Schlamm; in der Mund-
art: |)r/#W(/o< (Bridel) ; vgl. patricot = troc, melange, tripotage, (Mistral).
Garstiges, unbrauchbares Zeug, auch = Canaille:
bourtia (V): „Ces bourtiäs!" [Eine Waadtläiiderin spricht von
den Genfern!] (Gorgibus : Les cäfes de Tte. Julie, S. 57; anderes Bei-
spiel in Gorgibus, Frederi . . ., S. 74); in der Mundart : (5'0rÄ;m, bortia^
bourtia (Bridel).
Schmutzfink:
caion (G, V, W): „Faut-il etre caion pour relever une pomme
rongillee |= rongee ä nioitie] et la manger" (G); in der Mundart:
käion (Bridel), caion (Dict. sav., Puitspelu) in der übertragenen und in
der ursprünglichen Bedeutung [Schwein]. In dieser letztern vgl.
das Wort bei R. Morax (Dime, S. 62), bei Gorgibus (Cabotzet . . .,
S. 73) etc.
häßlich:
pouet, pouette (N, V): „Comment ont-ils fait pour en prendre
un aussi pouet?" (Vallotton, Sergent Bataillard, S. 32). — „Et pi [puis]
j'ai vu aussi des sarpents [serpents], tielles [quelles] pouetes
betes . . .", (Gorgibus : Cabotzet etc., S. 41); in der Mundart : ^JOMe^e^^a
= laid, vilain (Bridel).
f) Provinzialismen zur Bezeichnung einer v^riderwärtigen
Gemütsbewegung.
Laune:
revolin (G, V): „A ^a! quel revolin lui a douc passe par la tete?''
(M""«. Mussard : Petit Jean, S. 139). — „II lui a pris un revolin et il a
congödie les Irois domestiques et le cocher" (G); in der Mundart : revo-
lein (Bridel). — Die eigentliche Bedeutung des Wortes ist „coup de vent
subit", cf. Bridel und G.
aus Unzufriedenheit den Mund verziehen, schmollen:
faire la potte (G, F, N, V): „Ne me fais pas la potte. Je viens
pour faire la paix" (R. Morax : Dime, S. 138). — „Ce n'est pas en ta-
pant son homme [mari] qu'on en fait tout ce qu'on veut. Cet
1) Vgl. Atl. ling. die- Karte vomir (1413) : rdhivela, rgtvesi, rnardä (vgl.
dieses letztere auf S. 838).
Das schweizerische Volksfranzösisch 833
[c'est] en lui faisant la pote. ^a manque rarement." (Gorgibus :
Frederi . . ., S. 79); in der Muudart : fa la potta (Bridel) — j^otta be-
deutet eig-entlich : levre, grimace, moue (Bridel), cf. 2^ota (Diet. sav.).
übelgelaunt:
g;ringe (G, F : SuppL, N, V): „II est tout gringe aujourd'hui . . .
C'est son mal de dents" (R. Morax : Dirne, S. 58). — „N'allez pas le
voir, il est gringe comme un petou [= putois] (N); „Or, un matin . . ,
Pipe-en-bec fut d'humeur gringe." (Ceresole : En cassant . . ., S. 80) in
der Muudart : grelndje etc. (Bridel).
murre n:
ronchonner, vgl. S. 808.
wütend sein:
daguer (G): „. . . je dagiie rüde [fortement] quand on me
donne des coups (M™«. Mussard : Petit-Jean, S. 154).
fluchen:
sacrementerCN); in der Mundart : sakremeinta = proferer des
jurements grossiers, maugröer (Bridel).
g) Die folgenden Provinzialismen bezeichnen zwar auch Dinge und
Handlungen, die wir als etwas Unvollkommenes betrachten und die
uns im Grunde nicht befriedigen. Doch fordern diese Mängel nicht so
stark zum Widerspruch heraus; wir empfinden sie nicht als besonders
unerträglich, unverzeihlich und verdammungswürdig, sondern das Be-
wußtsein der eigenen Überlegenheit und Selbstzufriedenheit bewirkt,
daß uns solche Un Vollkommenheiten zur Ironie und zum Spotte
reizen. So haben die meisten der folgenden Wörter einen mehr oder
weniger ausgesprochenen komischen Beigeschmack.
schwatzen:
barjaquer, batoiller, vgl. S. 810.
geschwätzige Person :
batoille < bato^ > (F, V), batouille (N, Pierrehumb.), s. f.: „Les
lavandieres sont de terribles batouilles" (N); in der Mundart : 6a/^/2o//a
[?], batohlla, s. f. (Bridel).
stammeln:
quequeier: vgl. S. 809.
dummer, alberner Tropf:
bidognol (G): „. . . tu es encore plus bidognol que tous ceux
que j'ai connus." (M"»«. Mussard : Petit Jean, S. 26). — „. . . Lander
qui me declara qu'en politique je n'etais qu'un bidagneul". (Ph. Mon-
nier:Le livre de Blaise, S. 98).
daderidou (G, V, W): „. . . les Allemands? ce sont des hommes
comme nous . . . pas de ces petits crazets [= kleiner schwächlicher
Mensch] . . . ni de ces gros daderidous, comme cela s'est dit souvent
Romanische Forschungen XXVII. 5o
834 G. Wißler
8ur les papiers [Zeitungen]/' (Ceresole : Scenes vaud., S. 103); in der
Mundart : daderidou (Bridel).
Kretin:
taguier(Dupertuis:Loc.vic.), tadier(Dupertius:Loc.vic.,W), tag-ue
(V): „Tadie, va! . . . Vois-tu pas que c'est pou rigoler!!" (Gorgibus :
Cabotzet . . ., S. 75); in der Mundart : ^«(/m/^ (Dumurj.
Dunamheit, unüberlegtes Gerede:
yotaiseO (Pierrehumb.), liotaise (N); in der Mundart : ^/o^e^
(Gauch at : Patois du Val de Ruz).
verwirrt:
debetiDche(N); in der Mundart: debetetsid (Gauchat: Patois du Val
de Kuz).
ungeschickt:
magan (N); vgl. in der Mundart : wa^aw = lourdaud, malotru
(Bridel).
schief, verkehrt:
de bisingue (G, V, Dupertuis : Loc. vic); in der Mundart : fZe hi-
singue (nach Bridel in Genf und im Waadtland).
Kleiner M en s ch:
botasson (G, F : Suppl., Dupertuis : Loc. vic): „J'ai pas peur
d'un botsaton comnie toi.'' (R. Morax : Sac ä douilles, S. 111) — „on ne
peut pourtant pas mettre l'armee suisse ä Fatfront, devant tous ces
etrangers, en appelant les premiers botassons venus.'' (Vallottou : Sergent
Bataillard, Ö. 25); in der Mundart : Äo^asson (Bridel). — Das v. botassä
(Bridel) = vegeter, cf. bot asser (G, N, V).
Kleinigkeitskrämer, Mann, der sich mit allerlei kleinen Hausge-
schäfteu abgibt.
que nolion (F): „Son mari est un franc quenolion" (F); in der Mund-
art : kdnolyo (Gauchat : Patois fribourgeois).
fennet (V, Dupertuis : Loc. vic): „Oh! le fennet, qui pleure comme
une fille!" (R. Morax : Sac ä douilles, S. 112); in der Mundart :/m>^e^')
(Bridel).
flicken, stopfen:
restouper (G, F, Dupertuis: Loc. vic, Pierrehumb.), restauper(V) :
„restouper des bas" (G); in der Mundart restoppa (Bridel) [= re -f-
deutsch stopfen].
verfehlen:
beder (V, Pierrehumb.): „Hier. . . on a bede notre aflfaire" (Vallot-
ton : Mr. Potterat . . ., S. 73) — „. . . le fils au juge qui mene sa faux
si tellement haut qu'il bede les fourmiliferes." (Vallotton : ibid., S. 196).
— „Toutes les fois que j'en peux epouvanter un, je ne b6de pas l'oc-
1) yot (Pierrehumb.) = idiot : in der Mundart des Val de Ruz : yo.
2) Ableitung von fenna (= femme in der Mundart).
i)as schvveizerisehe Volks französisch 835
casion." (Vallotton : Portes entr'ouv. . . ., S. 188); in der Mundart:
heda, beda (Bridel).
h) Endlich seien noch einige provinzielle Bezeichnungen angeführt
für Dinge und Handlungen, zu denen wir eine gewisse Zuneigung
empfinden, die in unserem Gemüte iutime Gefühle wecken, wie naive
Freu de, Zufriedenheit, Gewogenheit, humorvolle Liebe
zum Kleinen, Schwachen, Zarten, Einschmeichelnden.
Auch diese Gefühle bringt das Volk durch die Provinzialismen leichter
zum Ausdruck, als durch die schriftsprachlichen Synonyma:
liebkosen:
faire niace (G, V), faire gnä (V, F : Suiipl.): „II ne connaissait
des hommes que leur caresse et que leur baiser. La vie lui faisait
gniace." (Ph. Monnier : Le livre de Blaise, S. 21); in der Mundart:
fars niace (Dict. sav.).
küssen:
rem oll er (N, Pierrehumb., V, Dupertuis : Loc. vic, St. Imier): „te
rappelles-tu la premiere fois que je t'ai remollee ä la danse . . ,?''
(Gorgibus : Frederi . . ,, S. 48) — „Ils se remolaient comme deux pau-
vres" (N); in der Mundart : se remolu (Conteur vaudois). — Davon ab-
geleitet: rem oll ee = Umarmung, (Ceresole : Scenes vaud,, S. 283).
Der Kuß:
bec, 8. m. (N, Pierrehumbert), bet <^e> (F): „Donne-moi un bet,
mon petit amü' (F). In der Mundart vgl. Atlas ling., Karte baiser (106)
r be und ci JSek.
(ein Kind) verwöhnen:
cocoler (G, F : Suppl, W, Peter : Cacol.) : „11 y fut le bien regu,
choye et cocolle par tous" (Ceresole : Scenes vaud., S. 37) ; in der Mund-
art : cocolä (Bridel).
verwöhntes Kind:
flairon (G); in der Mundart :^/eVow </^fro> (nach Bridel in der
Waadt), fleron (Dict. sav.).
achinton') (V), c h a n t i o n (F), a s s a t i o n (Pierrehumb,),
tyetyö (W); in der Mundart : acAemion, usseinton (Bridel).
Säugling, kleines Kind:
houriou (G): „Et les ourious, voisin, comment sont-ils?" (G) —
„. . . eile repasse du linge avant que ses ourious s'eveillent'' . . . (M™«.
Mussard : Petit Jean, S. 87); in der Mundart : 02<no» (Bridel).
petiot,-otte') (G): „Tout doux, mon petiot!" (Ceresole : En cas-
sant..., S. 57); in der '^xxn^o.vi : petlou-ouda (Bridel).
1) Davon : achin tonner (V) : asseni/wonwa (Bridel) = gäter un enfant en
faisant toutes ses fantaisies.
2) Littre bezeichnet das Wort als veraltet, der Dict. göneral als familiär,
desgl. Larousse im Dict. univ.
53*
836 Gl. Wißler
(Junge) Person, die gerne lacht:
ri sol e t,-e tte (G, N, V, F): „Allons, petite risolette, c'est assez
se moquer" (G); — „Enfiu Marie, la risolette, note gaie dans ce quatuor
plutöt morose." (Gorgibus : Les cäfes . . ., S. 7); in der Mundart : mo-
let^ -etta (Bridel) — Sachs zitiert das Wort nach Töpffer').
hübsch, niedlich:
bravet;-ette (G, Dupertuis : Loc. vic): „Que notre Elisa etait
bravette avec son chapeau rose!'' (G); in der Mundart : bravet (Bridel),
brave, braveta (Dict. sav.). — Nach G kommt bravet auch im Dauphine
und im Languedoc vor 2).
kleines, viereckiges Stückchen:
u n e n 0 c e (G, N, V, F : Suppl.) : „Fais des petites noces avec ta
viande" (K); in der Mundart : nossa (Bridel).
ein Br 0 cken:
un boquenet(N, Fierrehumb.) ; in der Mundart : boJcenet, bokounet
Bridel), abgeleitet von bocon = morceau (Bridel), vgl. bocon bei
G, V, Fierrehumb.
ein großes Stück (Brot):
un tiuquet(G, N, V), trinquet (V), tanquet (N); tanqu in (Peter:
Cacol. und nach G in Neuenbürg): „. . . pou [pour] en avoi [avoir]
un beau tinquiet [de fromage], bien gras, avet [avec] des yeux qni
pleurent . . ., je ferais des folies." (Gorgibus : Frederi . . ., S. 117);
„un tinquet de pain, de saucisse" (G); in der Mundart tinqu et (Diimnr :
Patois vaudois), vgl. : Bridel : teinkie = voilä !
(Mittags)-S c h 1 ä f c h e n :
clopet (G), glopet (G), liopet (V)|: „Cette apres-midi eile a ete
faire un clopet" (Gorgibus : Frederi . . ., S. 42) — „et on faisait un
clopet numero un . . ." (Ceresole : Scenes vaud.); in der Mundart : klopet,
glopet (Bridel).
der kleine Finger:
glinglin (G), guinglet(N); glaingain (V); in der Mundart : ^^^m-
glein (Bridel).
rittlings auf dem Rücken (einer Person):
ä cacou (V): „Des fois je les prends Tun ou l'autre avec moi ä
cakou sur mon dos (Cer^sole : Scfenes vaud., S. 271); in der Mundart:
d cakou (Bridel).
ä c a q u e 1 i c 0 u (F) ; in der Mundart : a kahdiku (Gauchat : Patois
fribourgeois).
i) Euphemismen, d. h. Wörter, welche das mit dem Begriffe
gewöhnlich assoziierte ernste oder unangenehme Gefühl durch Neben-
1) cf. Pnitspelu: risoletta.
2) Puitspelu und Mistral verzeichnen bravo =:joli, vgl. brave auf S. 758.
Bas schweizerische Volksfranzösisch 837
vorstelluDgen, weithergeholte Vergleiche etc. verschleiern. Hierher ge
hören die folgenden Provinzialismen:
Seh wei n:
bete noire (G); in der Mundart ibita neire (Bridel). — Das
Epitheton ist von der schvyarzborstigen Schweinerasse genommen.
In Todesgefahr schweben:
sonner le carcan (G; N). Im eigentlichen Sinne wird es ge-
braucht von einem Geschirr, das geborsten ist, wie in der Mundart :
i sgn Id karkä (Gauchat : Patois de la Montagne neuchät.).
betrunken sein:
il a sa tiole (G, Pierrehumb.); vgl. in der Mundart : Dict. sav.
unter twla, das eigentlich = „tuile" bedeutet, vgl. auch thiola (Bridel).
11 a s a n i n a (G, V) ; vgl. in der Mundart : Dict. sav. unter ninä
il est danslesbiole8(G); vgl. in der Mundart : Dict. sav. unter
bigla (eigentlich = boulean, cf. auch Bridel).
k) Schluß bemerk ung:
Auf S. 815 haben wir gesehen, daß der Unterschied im Gefühlswert
der Provinzialismen und ihrer schriftsprachlichen Synonymen meist nur
subjektiv für das Volk besteht, das der Schriftsprache nicht ganz
mächtig ist und daß, im allgemeinen, die Schriftsprache Wörter mit
ausgesprochenem Gefühlswert den gefühlsbetonten Provinzialismen zur
Seite stellen könnte. Es gibt aber Fälle, in denen dies nicht zutrifft.
So würden sich z. B. schwer franz. Synonyma finden, die den Ge-
fühlsgehalt der folgenden Provinzialismen erschöpfend wiedergäben :
s'emmoder, s'embrier (S. 822), torrailler (S.823), jobler (S.823);
escient, emme (S. 824), raccusepeter (S. 827), egravater (S. 830),
biotsonner (S. 830), remoller (S. 835) etc.
Es ist selbstverständlich, daß der Mangel eines absoluten Synonyms
der Erhaltung solcher Provinzialismen nur förderlich sein kann.
IV. Anhang.
Argotismen :
Über die Gründe, welche die Einführung von Ausdrücken der
Pariser Volkssprache in unser Volksfranzösisch veranlaßt haben, vgl.
S. 24. Nicht nur von der Volkssprache wurden einzelne Argotwörter
aufgenommen, sondern, wenn man den Beispielen bei Bridel trauen
darf, sogar von unsern Mundarten, vgl. re/wMa (Bridel): relu quer
(G : Suppl.), cf. Villatte : Parisismen = anblinzeln; bouffa (Bridel), boufa
(Dict. sav.) : bouff er (F, G : Siippl.), cf. bouff"er (Villatte) = gierig essen;
^n;/a (Bridel) rbriffer (G : Suppl.), cf. briff'er = gierig essen (Villatte);
godallhi (Bridel) : godailler (F, N), cf. godailler = in den Kneipen
838 Gr. Wißler
umherzechen (Villatte); pion^ jnonna (Bridel) : pion (G, V), cf. pion
(Villatte) = ivie; renarda (Bridel) : renarder (G, N, V), cf. renarder
(Villatte) = erbrechen ; rikihi (Gaiichat : Patois du Val de Ruz) : r i -
quiqui (G, F, N, V), cf. riquiqui (Villatte) = Branntweiu, Fusel; figno-
let (Bridel) : fignolet (N), cf. fignolet (Villatte) = Zierpuppe; bousin
(Bridel) : bousin (N), cf. bousin (Villatte) = Heidenlärm; churla
(Bridel): c hur 1er (V), cf. churler (Villatte) = pleurer iheulen); slaga
(Gauchat : Patois du Val de Buz) : schl aguer (G, N, Pierrehumb):
„ils Font joliment schhigue'^ (N), cf. schlaguer (Villatte). Das Wort
scheint eher aus dem Hochdeutschen (slagon) als aus dem Schweizer-
deutschen {Hö) zu stammen. In die franz. Volkssprache scheint es
durch Vermittlung des Militärs gedrungen zu sein : la schlague (Villatte)
= Prügelstrafe; krevezo (Gauchat : Patois de la Montugne neucb.) :
crevaison (G, N, V), vgl. crevaison (Villatte) = Todeskampf. Ohne
Beleg für die Mundart : p 1 u m e t (N, V), cf. Villatte = Rausch : b i t u r e e
(Pierrehumb.) = ivresse, vgl. biturer = tüchtig schmausen oder trinken
(Villatte); arsouillc (C, N, V, F), cf. Villatte = schmutziger Lump
(auch = ivrogne); boulotter (Pierrehumb.), cf. Villatte = essen;
sehn ick (F), vgl. chenique (Villatte) = Schnaps; schlinguer
(Pierrehumb.), vgl. chelinguer (Villatte) = puer; foutim asser (F,
Dupertuis : Loc.vic), foutumasser(N), vgl. foutimasser (Villatte) = nichts
Ordentliches leisten, albernes Zeug reden; foutaise (N), vgl. Villatte
= Lappalie; boucan (N, F, G : Suppl ), vgl. Villatte = Lärm etc.
Schluss.
Die verschiedenen Teile dieser Arbeit bestätigen durchaus die
Richtigkeit der bei Gelehrten und Laien verbreiteten Ansicht, daß die
eigentümlichen, von der Schriftsprache abweichenden Ausdrucksformen
unseres Volksfranzösisch durch den Einfluß der Mundart zu erklären
sind. Neue, eigene Ausdrucksformen schaflf't die Volkssprache nur auf
dem Gebiete der Morphologie und der Wortbildung. Von
einer beginnenden Einwirkung der Volkssprache Frankreichs (speziell
Paris) auf die unserige sind erst in der Lexikologie deutliche Anzeichen
vorhanden.
Es bleibt uns nur mehr übrig anzudeuten, in welcher Weise die
provinziellen Ausdruckformen in den verschiedenen Klassen der Be-
völkerung verbreitet sind und uns zu fragen, welches voraussichtlich
die zukünftige Entwicklung des Volksfranzösischen in der Westschweiz
sein wird.
"Das scliweizerigche Volksfranzösisch 839
A. Die Verbreitung der proTinziellen Besonderheiten in den
Yerschiedenen Kreisen der BeYÖlkerung.
Die verschiedenen, der Erhaltung der provinziellen Sprachbesonder-
heiten günstigen und ungünstigen Tendenzen beeinflussen nicht in dem-
selben Maße die Sprache jedes einzelnen. Je nach seinem Wo h nort,
seinem Berufe, seinem Alter, seiner Bildung und dem Milieu,
in dem er verkehrt, folgt der einzelne bewußt oder unbewußt mehr
dieser oder mehr Jener Strömung. So entsteht das vielgestaltige Bild,
das die Volksspr-iche heute bietet und das wir in kurzen Zügen werden
zu skizzieren suchen. Wir werden in Bezug auf die Verbreitung der
provinziellen Sprachbesonderheiten vier Stufen unterscheiden:
1. Am stärksten mundartlich gefärbt ist die Volkssprache dort,
wo die Mundart vor nicht langer Zeit als Verkehrssprache aufgegeben
wurde, und im Munde älterer u n g e b i 1 d e t e r L e u t e , die in
ihrer Jugend noch die Mundart gesprochen haben. Die Volkssprache
ist da noch wesentlich französisierte Mundart, mit allen be-
sondern Erscheinungen der Phonetik, Morphologie (mit Ausnahme
der die Verbalflexiou betreffenden, die, wie angedeutet, nur gelegentlich
und individuell vorkommen), der Wortbildung und der Lexik ol ogie.
Schriftsprachliche und provinzielle Ausdrucksformen werden auf dieser
Stufe noch kaum von einander geschieden.
2. Bei wachsendem Einfluß der Schule und des Verkehrs ver-
schwinden allmählich von den lautlichen Erscheinungen die-
jenigen, die am auffälligsten vou der Schriftsprache abweichen, wie
die Aussprache ty, ky für k') (vgl. S. 26 tf.), die falschen Rückbildungen
vgl. S. 37 ff. Im Wortschatz beginnt die Auslese; Provinzialismen,
deren Erhaltung nicht durch besondere Umstände gefördert wird, ver-
schwinden allmählich. Die Bezeichnungen für die allgemeinsten
Begriffe werden französisch, wie poule statt genille (vgl. Vorwort,
S. 2), chambre statt paillo (F) oder pailo (Vd) und erhalten die fran-
zösische Lautform, wie aiguillon statt avouiUon, sitflet statt subllet
(vgl. S. 66) etc. Auf dieser Stufe steht die Sprache der Jüngern
Bauern und der altern, ungebildeten Städter. (Der Polizei-
kommissär Potterat sagt noch „canä" für canard, vgl. Vallotton, Mr.
Potterat , . ,, S. 11, und so spricht auch noch heute, selbst von der
Kanzel herab, ein waadtländischer Dorfpfarrer).
3. Im Munde der jüngsten Generation und des Mittelstandes
mit guter Volksschulbildung gibt die Volkssprache nach und nach Laut-
formen wie cana, journa (vgl. S. 33) soife, vife, saque (vgl. S. 34),
Mißgriffe wie die S. 35 erwähnten und Entstellungen wie patalons
1) Vor nicht langer Zeit soll noch ein Syndic vou Lausanne absichtlich
boutyet etc. gesprochen haben, wenn er sich populäre Allüren geben wollte,
840 ^- Wißler
(vgl. S. 35) auf; ferner verschwinden Formen wie kinsou, 1er ger,
murgaet (S. 66) etc.; die Bildung des Femininum, das Genus der Sub-
stantiva werden allmählich auf der ganzen Linie französisch; unfran-
zösische Agglutinationen und Deglutinationen fallen weg. In der Lexi-
kologie beginnt das Sprachbewnßtsein mit einiger Sicherheit Provin-
zielles und Schriftsprachliches auseinanderzuhaltenund die
Ausscheidung der Provinzialismen nimmt ihren Fortgang. Viele Tiere,
Pflanzen, Körperteile erhalten die franz. Bezeichnungen; die genaue
Bedeutung namentlich gewisser gefühlsbetonter Provinzialismen wird
vergessen. Die Provinzialismen überhaupt werden, im Gegensatz zu
ihren schriftsprachlichen Synonymen immer mehr als seltene, unge-
wöhnliche, originelle Ausdrücke empfunden und absichtlich nur
mehr dort angewendet, wo auf das Wort ein ganz besonderer Nach-
druck gelegt werden soll.
4. In den gebildelten Kreisen der Bevölkerung verbreitet sich
immer mehr das bewußte Streben nach sprachlichem Purismus. Es
bildet sich ein doppeltes Stil- und Sprachbewußtsein: ein
höheres für den schriftlichen Verkehr, für den mündlichen Verkehr
mit Unbekannten gleichen oder höheren Standes und mit Franzosen;
in dieser Redeweise gilt der Gebrauch von Provinzialismen für be-
schämend; man sucht es den Parisern in den Feinheiten der Aus-
sprache und in der Verwendung speziell französischer Redewendungen
gleichzutun. Die familiäre Redeweise wird im Verkehr mit Unter-
gebenen, in der Familie, im Freundeskreise gebraucht. Auf
die Aussprache wird keine besondere Sorgfalt verwendet: tete, chaine
etc. behalten ihr geschlossenes e (vgl. S.27if.); in der Wortbildung herrscht
noch ziemlich Freiheit; die Bedeutung gewisser Wörter ist noch häufig vom
Französischen abweichend (vgl. fourneau, fruitier, patte jLappen],
S. 68flf). Der Gebildete kennt aus dem Verkehr mit Dienstboten,
Handwerkern u. s. w. den größten Teil des dem Volke geläufigen pro-
vinziellen Wortschatzes, aber er verwendet, sogar in der familiären
Redeweise, bloß einen Teil desselben. Selbst Provinzialismen, für die
in der Schriftsprache kein geeignetes Synonym existiert (vgl. S. 72flF.)
fallen z. T. außer Gebrauch, besonders wenn sie Gegenstände
bezeichnen, die nicht zum täglichen Leben gehören, wie gewisse
Einzelheiten der Landwirtschaft, des Handwerks etc. Am längsten
erhalten sich die Ausdrücke für örtliche Besonderheiten,
Sitten undGebräuche, für Haushaltungsgegenstände,
Spei s e n etc. und Provinzialismen, deren Wiedergabe im Französischen
gar zu unbequem ist, wie taccon, cordre, jicler etc.
Die gefühlsbetonten Provinzialismen verlieren allmählich an Boden;
einige werden nur mehr zum Scherz verwendet; andere gelten als
grob und unanständig. Am längsten werden die Ausdrücke beibe-
Das schweizerische Volksfranzösisch 841
halten, die im intimen Verkehr, besonders mit den Kindern gebraucht
werden und in denen die Eltern in humoristischer Weise ihre zärtlichen
Gefühle kundgeben (vgl. z. B. S. 14G ff.)- So nähert sich allmählich auch
die familiäre Redeweise der Gebildeten der Schriftsprache. In ge-
wissen Familien, die sich zur intellektuellen Aristokratie rechnen, wird
sorgfältig jede provinzielle Sprachform aus dem Gespräch verbannt,
selbst in der Familie. Die Kinder allerdings beeilen sich dann, einzelne
urchige Ausdrücke aus der Schule oder von der Gasse heimzubringen!
B. Die zukünftige Entwicklung der Volkssprache.
Wird die Volkssprache der französischen Schweiz immer in gleicher
Weise dem assimilierenden Einfluß des Schriftfranzösischen folgen und
immer mehr von ihrer Originalität einbüßen? Werden die extremen
Puristen, wie Herr Plud'hun, einmal die Freude erleben, im letzten
Bergdörfchen des Wallis den letzten Zeugen der autochthonen franko-
provenzalischen Dialekte zu begraben? Alle Aussichten für eine der-
artige Weiterentwicklung scheinen ja vorhanden zu sein. Die Schulen
werden immer besser; die allgemeine Bildung des Volkes wird ge-
hoben, der wachsende Verkehr begünstigt den Einfluß des Auslandes
auf unser Volk, der Städte auf das Land. Die bewußte Tendenz, sich
der provinziellen Sprachbesonderheiten zu entledigen, zu der schon
Ansätze vorhanden sind, wird mit der Zeit stärker werden und weitere
Bevölkerungskreise ergreifen; schließlich wird eine Umwälzung der be-
stehenden Ansichten über die heimischen Ausdrucksformen stattfinden.
Selbst das konservative Landvolk wird nicht mehr so zähe an den-
selben festhalten wollen, sobald sie einmal allgemein als Kennzeichen
gemeiner, bäuerischer Lebensart gelten werden; wie sehr auch der
Bauer auf seine Eigenart gegenüber dem Gebildeten, dem Städter stolz
ist, als inferior möchte er sich von ihm um keinen Preis verspotten
lassen. Wie lange Zeit mag noch verstreichen, bis eine solche Bewegung
zum Abschluß gelangt ist? Wird sich die Acad^mie bis dahin dazu
bequemt haben, auch noch diesen oder jenen schweizerischen Provin-
zialismus zu sanktionieren? Wer vermöchte da bestimmte Antworten
zu geben?
Welches auch das schließliche Resultat des langen Kampfes zwischen
mundartlichen und schriftsprachlichen Sprachformen sein wird, eines
scheint mir sicher: das von den extremen Puristen erstrebte Ziel wird
nie erreicht werden: Nie wird in unsern Alphütten und in den Pariser
Salons zu gleicher Zeit eine und dieselbe, in allen Einzelheiten iden-
tische Sprache erklingen. So lange sich die Alpen nicht in eine Ebene
verwandelt haben, so lange zwischen der Schweiz und der Isle de
France kulturelle und politische Verschiedenheiten bestehen,
842 <>• Wißler
solange werden auch hier und dort die sprachliehen Bedürf-
nisse und folglich auch die sprachlichen Tatsachen in
mancher Hinsicht auseinandergehen. Es werden, wenn nötig, neue
Bezeichnungen geschaffen oder gewissen Wörtern neue Bedeutungen
zugeschrieben werden. „Der Sprechende hilft sich selbst zuletzt."
Andererseits wird, trotz der vollkommneren Verkehrsmittel, trotz der
rascheren Ausbreitung durch die Schrift, ein im Zentrum des Sprach-
gebietes geschaffenes Wort doch einiger Zeit bedürfen, bis es sich au
dessen Peripherie ausgebreitet hat. Manche Sprachwelle wird auch in
Zukunft noch zu schwach sein, um den Jura zu übersteigen.
Zu den kulturellen gesellen sich die sozialen Unterschiede und
die Unterschiede in der Bildung. So lange zwischen einzelnen Menschen
und zwischen ganzen Klassen solche bestehen werden, und solange es
Dichter und Sprachkünstler geben wird, welche die Traditionen der
franz. Literatur weiter pflegen, so lange werden sich überall die kor-
rektere, gewähltere, feinere und wenig veränderliche
Sprache der Gebildeten (die auch für den schriftlichen Ausdruck
mustergültig bleiben wird) und die freiere, lebendigere und
weniger Wähler isc h e Spruche des Volkes unterscheiden. Die
Bauern von Savigny werden sich nie in der gleichen Weise ausdrücken,
wie die Pariser Gelehrten (vgl. Vorwort). Beide werden fortfahren,
gegenseitig auf einander einzuwirken und zwischen beiden Extremen
wird immer Kaum für zahlreiche Zwischenstufen sein. So ist es ja
schon heute in der französischen Hauptstadt selbst. Wahrscheinlich
wird aber in Zukunft die Volkssprache der Metropole diejenige der
Provinzen (und auch der Schweiz) in viel stärkcrem Maße beeinflussen,
als bisher, so daß nicht nur in der Sprache der Gebildeten, sondern
auch in der des Volkes die zentral istischen Bestrebungen deut-
licher zum Ausdruck kommen werden.
C. Persönliche Meinung zum Streit PIud'hun-Godet.
Wenn es auch vielleicht für unbescheiden gelten mag, wenn ein
Deutschschweizer sich in eine so ausschließlich „weis che" Angelegen-
heit mischt; so dürfen wir vielleicht doch am Schlüsse dieser Arbeit
auf den im Vorwort besprochenen Streit über die Provinzialismen
zurückkommen. Wir fragen uns, in wie fern im Hinblick auf die an-
gedeutete — wie ich glaube, unvermeidliche — Weiterentwicklung des
Volksfranzösischen, der Standpunkt von.,Parlon8 clair'- oder der
von ,,Parlons francais" als der richtigere erscheint und in welcher
Weise speziell die Schule die Gefahren der einen und der andern
Methode vermeiden könnte. Wie mir scheint, gehen die Vertreter beider
Ptichtungcn in ihren Forderungen etwas zu weit und vergessen, ge-
wisse Unterschiede zu machen. So verkennen die Puristen ganz und
Das schweizerische Volksfranzösisch 843
gar den ästhetischen Wert des Provinzialismus und der Volkssprache
iil)erbau])t; ihr Stilgefühl ist ein einseitig und ausschließlich schrift-
sprachliches. Zudem sehen sie nicht ein, daß die Notwendigkeit, die
Schriftsprache vollkommen zu beherrschen, um sich verständlich zu
machen, nicht für jedermann in gleicher Weise besteht und daß es keinen
Zweck hat und zu keinem Ziele führt, in Landschulen z. B. auf abso-
lute Sprach- und Stilreinheit zu dringen. Die Verteidiger der Volks-
sprache hingegen vergessen, daß ihre Provinzialismen nur für sie und
ihre engern Mitbürger „klar"^ sind und daß sie dieselben auch nur als
gelegentliches, bewußtes Stilmittel anwenden und selbst die ersten sind,
welche sich absoluter Sprachreinheit befleissen, wenn sie nicht bloß für
ihre Mitbürger, sondern auch für ihre Sprachgenossen jenseits des
Jura schreiben. Den wirklichen Nutzen, den das Volk und besonders
gewisse Berufe aus einer guten methodischen sprachlichen Schulung
gewinnen kann, schätzen sie zu gering ein. Mir scheint Herr E. PI atz -
hoff-Lejeune habe Recht, wenn er das von Ph. Godet verteidigte Prinzip
der Klarheit als zu subjektiv bezeichnet (,,Der Kampf mit Herrn
Plud'hun und der sprachliche Purismus" in „Basler Nachrichten",
27. Februar 1905) und wenn er fordert, daß man in gebildeten Kreisen
die Provinzialismen nur anwenden sollte ,,mit dem klaren Bewußtsein,
daß es sich um solche handelt'^, wie es ja tatsächlich immer mehr der
Fall ist. — Für die Schule könnten vielleicht folgende Grundsätze nicht
unangebracht erscheinen. Vor allem sollten alle Lehrer selbst unbedingt
Schriftsprachliches von Mundartlichem (bezw. Provinziellem) unterscheiden
können. In ihren Forderungen an die Schüler sollten sie sich nach dem
richten, was je nach den besondern örtlichen Verhältnissen erreicht werden
kann und was für die Mehrzahl der Schüler im spätem Leben not-
w^endig und nützlich ist. Auch Rein in seinem „Encyclopädischen Hand-
buch der Pädagogik" (Artikel „Mundart", Bd. V, S. 948) mahnt die
Lehrer, in ihren Forderungen nicht zu weit zu gehen und mundartliche
Wörter im schriftdeutschen Gewände zu dulden (z B. die süddeutschen :
Auffahrt, |= Himmelfahrt], eine Straße besetzen, Hafner, Imme,
Weibel, lüpfen, rüsten, zweigen [= pfropfen]). Vor allem aber sollten
die Lehrer nicht einseitig und pedantisch nach bestimmten provinziellen
Sprachformen Jagd machen und die andern übersehen, sondern alle
gleichmäßig behandeln. Die Volkssprache soll den Schülern nicht als
etwas Niedriges, Gemeines verächtlich gemacht werden. Außer-
halb der Schule sollen die Schüler das Recht haben, zu reden,
„wie ihnen der Schnabel gewachsen ist''. Von einer gewissen Stufe
an sollen sie Schriftsprache und Volkssprache, gehobenen literarischen
und volkstümlich ungezwungenen Stil nach ihren Ausdrucksformen
unterscheiden lernen. Der Unterschied zwischen unnötigen und sprach-
technisch oder ästhetisch wertvollen Provinzialismen soll ihnen allmäh-
844
G. Wißler
lieb klar werden. In dieser Weise wird die Schule beiden
Ford erungen „P ar Ions clair" iind„Parlons fran^ais'^
zugleicb mögliehst gerecht und vermeidet allzu will-
kürliche Eingriffe in die natürliche Entwicklung der
Volkssprache. —
Wörterverzeichnis.
abanlieue 728.
abbaye 792.
aboucler 740.
abras 824.
abre 727.
abremelle 728.
acachons 801.
accompagneur 738.
accomparer 740.
acculer 743.
achinton etc. 814, 835.
achintonner 835.
acouet etc. 793, 824.
acraser 740.
adriau etc. 753, 787.
affaner 823.
affranchissage 738.
agaffer 740.
age 691.
aglan 728.
agoüter 740.
agracier 740.
agrets 778.
aguiller 800, 823.
aiser (s') 738.
aises 690.
ajocher 800.
albotch 828.
alouilles 792.
amasser 739, 804.
ampro 790.
ainpröger etc. 790.
apigeonner 826.
apparution 735.
appondillon 814.
appondve 800.
apprentif 724.
apure etc. 728, 777,
aqaepille etc. 829.
aquepiller etc. 829.
aragner 743.
areins 761, 766.
arode 791.
arolle 761, 768.
arriörage 735.
arsouille 838.
assassineur 738.
assation etc. 835.
asseyer 730, 799.
assouvenii(8') 740.
atran etc. 728.
atriau etc. 753, 754, 787.
attaches 737, 778.
avalanche 764.
avanter 799.
avocaton 738, 814.
avondre 794.
avonillon 755, 839.
bache etc. 752.
bacouni 754.
badje 726.
bagne, s. f. 732.
bagnolet 773.
baigner 803.
bäille 800.
bambaner 782.
bambiller 812, 814.
bandroüler etc. 830.
bangarde 789.
baptis6, s. m. 734.
baragne 690.
barfolet 782.
barfou etc. 782.
bargagner etc. 691.
barjaque 810.
barjaquer 810, 833.
barricarde 736,
batouille etc. 810, 833.
batouiller etc. 810, 813,
827, 833.
batze etc. 752.
bavarder(8e) 758, 827.
bec 823.
bMe, 8. f. 737.
beder 729, 834.
bener etc. 823.
bßnichon 792.
bercler 780.
berclet 781.
berdouler 811.
böricles 724.
bernar 786.
b6rosse 779.
berre 752, 776.
besolet 770.
betculer 820.
bete noire 837.
betteler etc. 752.
beudge 784.
beurriöre 738, 798.
beuze 755.
bezule etc. 770, 771.
bidognol etc. 833.
biegno 763.
billon 811.
biole 756, 837.
biotsonner 814, 830, 837.
bise (etre) 738.
biscöme 788.
bisingue (de) 834.
bisse 766, 801.
biturße 838.
bivouaquer 807.
blesson 769.
bletz etc. 752, 797.
bleuve, adj. f. 731, 799.
Das schweizerische Volksfranzösisch, Wörterverzeichnis
845
blosser 830.
bocon 836.
boite 797.
boiton etc. 771.
boubonnaille 738, 814.
bondelle 770.
bonner 743, 779.
boquenet 740, 743, 814, 836.
bornan 754, 767.
borne 78ö.
bossette 779.
botasser 834.
botasson 834.
boucan 838.
bouchard 771.
boucharde, s. f. 771.
boucharder 771.
bouchfere 741, 789.
boucheton (ä) 801.
bouchon (ä) 801.
bouchonner 739.
bouchoyer 743.
bou^be 752, 825.
boueler 809, 820.
bouer 739.
bouflfe, 8. f. 737.
bouffer 837.
bougiller 739, 799, 814.
bougiUon 799, 803, 814.
bouille 797.
boulotter 838.
bourenfle 742.
bourgater 820.
bourneau 690.
bourreauder 743, 806.
bourtia 832.
bousin 838.
boutillon 742, 799, 803.
bovairon 772.
bovi 755.
bracaillon 812, 814, 826.
braisette 743.
brandard 742.
brande etc. 762, 797.
brasse 824.
brave 758.
bravet 740, 743, 814, 836.
brecette 779.
bregantin 784.
brelaude 806, 831.
breluron 814.
breuielle etc. 728.
brena.sse 771.
bresoler 729, 806, 812.
bretter 793.
brevard 789.
briffer 836.
brigander 824.
brise, s. f. 737.
brison etc. 818.
brisseiet 752, 788.
brot 781.
brotter 814, 830.
bruchon etc. 808.
brülon 742.
buidon etc. 771.
cabe 771, 831.
cacheu 775.
cacou (ä) 836.
cadenati6re 738.
cadolle 831.
cadot 761, 786, 802.
cadotzon 786.
cafignon 725, 788.
caion 814, 832.
calluger 697.
calonnier 724.
camber 690.
canefon 724.
canquoire 808.
capiane 828.
capotte 731.
caquelicou (ä) 813.
carabasse 781.
carbole 784.
carcagnou 815.
carcan 837.
carolö 735.
carre 821.
carron 694.
catelle 748, 786.
cassibraille 814.
cassin 725. 789.
cau 783.
cavette 786.
cavouet 753, 783.
cazintche 831.
c616bral 724.
cerassee 774.
chable 766, 801.
chabler 766.
chacotte 771.
chafzigre etc. 752.
chalet 785.
chalvfere 752.
chalv6rien 752.
chambrouler 729.
chainbroulon 726.
changer 778.
chantion etc. 835.
chapieure 782.
chapler 830.
chaplotter 814, 830.
chappe adj. 742.
chapuser 830.
charavoüte 812, 825.
charbeuille 791.
Charge 782.
chargeoir 773.
chargosse etc. 785.
chariot 786.
charoupe 830.
charoupee 742, 821.
charpi, s. m. 732.
chatagne 726, 755.
chatouillons 800.
ch6dal etc. 774.
cheintre 775, 802.
cheintrer 775.
chelampe 752.
chemarotzer 752.
chömelet 752.
cheneau, s. f. 732.
cheniüle etc. 756.
cherche etc. 736.
ch^sal 754, 785.
chette 756.
chevau 732.
chevrotin 773.
chillon 776.
chinder etc. 790.
Chiron 776.
chola 773.
choquet 726.
chotte etc. 691, 768.
churler 838.
846
G. Wißler
cibare 74'2, 761, 790.
cläfi 824.
claiie, B. m., s. f. 734, 831.
clairer 778.
clämeau 726, 831.
cledar 792, 802.
cloclo 841.
clopet etc. 814, 836.
clousin 726, 777.
coailler etc. 809, 814.
cocasser 809.
cocoler 813, 835.
coeur, adj. 734.
cogner 758.
coiflage 738.
coineau etc. 754, 783.
col6reux 738.
combe 801.
compar 727.
confouler 775.
confusionner 739, 799.
consequeiit 759,
consulte, s. f. 737.
copieur 738.
coraille 788.
cordre etc. 794.
corgeons etc. 726, 797,
corgneule 789,
cornes 804.
cotter 795, 800.
cotzon etc. 726, 818.
couachtre 828.
coudre, s. f. 732.
couenui etc. 783.
couglof 752, 788.
cougnarde 736, 788.
courtine 739.
coüte, 8. f. 737.
couverte, s. f. 737.
couvier 775.
cova etc. 775.
crache, s. f. 737,
crachöe 738.
craisu etc. 754, 786.
cramache etc. 787.
cramine 741, 815, 820.
crape 787.
craqu6e 738.
cratte 752, 777.
cvazet 833.
crechaule etc. 788.
Gliche 726,
crenet 770.
cr6mette etc. 787.
cresenee 808.
cresener 808, 817, 820.
ciet 801.
crevaison 838.
crezenet 773.
crocheter 758.
crochou 726, 755, 787,
crouille 814, 825.
crozet etc, 786,
ciü, s. m. 737,
crutze etc, 752,
euchet 776.
ciiguu 788,
cuite 774.
cupesse 819.
cupesser 819,
cuvard etc. 748, 787.
daderidou 813, 833,
daguer 833.
daille 769.
dais 769.
darre 769.
debattre 739.
d6betinch6 834.
d6briser 740.
decesser 740.
döchironner 777.
decotter 800.
d^cucher 777.
dödjocher 800,
dögredeler 793, 811, 819.
d6grener 740.
degroumiller 691.
dcguille 824.
deguiller 800, 823.
d^laver 826.
deraaugouner etc. 830,
dömanguiller 800, 814, 830.
demanguillonner 830.
d6moustille 740.
döpatoillu 813, 831.
depedger 823.
döpersuader 736.
döpoudre 800.
dequepiller 829.
derbon 758, 825.
dernier 759.
derocher 754.
derupiter 811, 819,
desagrafer 736.
dösandaguer 743, 777.
desatteler 736,
desencombrer 736.
desseparer 743.
dessineur 738.
dessouster 790.
detertin 825.
detriper 740.
devaloir' 766.
devers 740.
dövousoyer 826.
dimauche, s. f. 732.
diot 743.
disputailler 739.
disputer s. f. 758, 826.
distac 790.
djaillotS 726, 771.
djoume 726.
donne, s. f. 754, 791,
döter 743.
dräche etc. 787.
drächee 787.
drapeau 742, 797.
duvet 758.
dzozet etc. 828.
öbaraguer 743.
öcalabrer etc. 795, 812.
ecliappe adj. 742,
6charbotter 813, 814, 829.
öclaffer etc. 811, 820.
6colai 780.
^cot 743.
ßcoter 743.
^couvre 780.
öcrelet etc, 788,
eflfeuilles 737, 778.
6flemu etc. 752.
egaguelucher 812.
egledon 724,
6gravater 830, 837.
Das schweizerische Yolksfranzösisch, Wörterverzeichnis
847
ömbardoufflee 742, 812,821.
embardoull'ler etc. 813,821,
831.
einbaumer 741, 818.
cmbeter 7.'S8, 826.
emboire 803.
embrier754, 819, 822, 837.
^meiner 818.
emme etc. 824, 837.
emmoder 741, 796,818,822,
837.
emotionuer 799.
emourger 819.
empare 754, 793.
empoigne, s. f, 737.
empoutouiller 813.
empuanter 731.
encavage 738.
encave, s. m. 737.
enclinte. adj. f. 731, 799.
encoiible 829.
encoubler 756, 809, 829.
eudiotfr 743.
enfil60 738.
enfle 742, 754.
engaine 817, 826.
engringev 741.
enluge 691.
ennoyer (s') 743.
enrouure 738.
ensauver (s') 743.
eusourder 739.
entöcher 741.
entorse, s. m. 733.
enverjure 735.
environnier 738.
6paule 803.
öpenalet 787.
6piüiacher 830.
öplaner 781.
6plateau 728.
6ponde 779.
öquepille etc. 817, 829.
6rer 735.
ergalle 831.
escieut 754, 824, 837.
escormancher 812, 822.
espace, s. f. 733.
6tenailles 728.
ctertir 817, 825.
6tou<1e, 8. f. 737.
6tracl6e 742,810,821, 825.
ötracler 810, 821.
ötringnan 779.
etrouble 806.
exprimatioii 735.
6valanche 765.
6veilIon 814, 825.
faibler 731.
falet 771.
fautif 759.
fayard etc. 753, 758.
fendant 778, 803.
fennet 814, 834.
ferfioule 790.
ferra 770.
ferre 778, 803.
ferreau 784.
ferron 784.
fertik 753.
fibre, 3. ID. 733.
fidöea etc. 752.
fignolet 838.
filard 776.
fil6e 738.
flairon 814, 835.
flanimer 738.
flat 762, 777.
Üeurguisses 753.
fleurier 776.
Üot 726, 755.
flotte 726.
flumii etc. 752.
flutaine 724.
foröce 753.
fossorier 790.
foufetre 752, 772.
fourguener 811.
fourneau 757.
foutaise 838.
ioutimasser 838.
foyard etc. 753, 758.
fraise 725.
fravail 753, 789, 814.
frelore 753.
friser 808.
frouille 814, 826.
frouiller 826.
frouler (se) 691.
fruitier 748, 757.
fumet 742.
fuset 797.
fuste 779.
gaber 754.
gadroiiiller 813.
gafouiller 813.
gager 789.
gageur 789.
galetas 758.
gandoises 826.
gandrouille 813.
ganguilles 812, 814.
gauguiller 812, 814.
gapion 814, 827.
gaspiller 758.
gaufre, s. in. 733,
gel, s. m. 737.
genille 691, 839.
gerle 726, 779, 803.
gicle, s. f. 812.
gieler 796, 799, 811, 840.
gifleux 779.
ginguer 726.
gite 772.
glacier 762.
glaire, s. m. 783.
gliuglin etc. 813, 836.
glisse, s. f. 737, 784.
glopet etc. 836.
gnä etc. 835.
godailler 837.
goger 779.
goille etc. 775.
goufle, s. f. 768.
gonfle adj. 742, 754.
gor 766, 801.
goume etc. 753, 783.
goumeau 787.
gouverner 753, 7.59, 772.
grabons etc. 748, 787.
grafion 697.
granet 740, 743.
gratteloton 827.
gravanche etc. 770.
greboler 812.
848
G. Wißler
greifion etc. 697.
gremailler 761, 791.
gremillon 814.
grenette 762, 785.
greubons etc. 787.
gries etc. 752.
grillet 743.
gringe 833.
grispille etc. 790.
grolle 831.
groBset 743, 754, 814.
grouille, s. f. 737.
gruler 820.
grunieau 791.
guelon 787.
guetton 742,
guetzo 752, 773.
gueuser 739.
guillon 780.
guillonner 780.
guinglet etc. 814, 886.
guisses 753.
hachon 742.
honter (se) 738.
houffer 810.
houriou 835.
buile, s. m. 732.
huilidre 738.
hurl6e 738.
hutains 755, 781.
iäiä 813, 828.
improger etc. 790.
inducation 736.
inguenod 828.
invite, s. f. 737.
iselets 781.
ivrer (s') 736.
izelles 781.
jaffer 812.
jicler etc. 796, 799, 811,
840.
jöbler 823, 837.
jointer 739, 799.
joran 767.
journau 731.
kannepire 753.
keurchiaule etc. 788.
kikajon 785.
kinson 755, 840.
kneupflet etc. 752.
koussenioter 806, 814.
kritze 752, 773.
labene 769.
lächer 759.
langet 738.
läpes 766.
lochet 762, 772.
lecrelet 727, 752, 788.
leidesse 767.
Ifegre 752, 780.
Ifegrefass 734, 752, 780.
lerger 726, 755.
leton 724.
l^ve, s. f. 737, 778.
levure 792.
liadiere 766.
liSvre, s, f. 732.
ligner 739.
lignu etc. 827.
liotaise etc. 834.
Hotte 784.
liquette 782.
lissu 796.
loi 772.
lointeur 738.
loirie 727.
longeole 726.
loquet 727, 758.
loquette 781.
loten 754, 755, 827.
lotte 727.
loup 803.
louvelou 786.
lovat etc. 769.
Inge 784.
lugeon 784.
luger 697, 784.
luget 784.
luiset 727.
luppe 727.
mäcle 690.
magan 834
m agnin 754, 782, 829.
magnintze 791.
maia 777.
mailler 754, 814, 818.
mallet 789.
inanger 803.
marandon 791.
marcon 782.
mare seul 824.
matafan etc. 734, 788.
matinier 738.
rnatson 776,
maunet 734.
mazot 785.
mfege 725.
möifeze 768.
menees 768.
merande 791.
mercier 736.
messalier 789.
metta 730.
metzance 820.
meunns 753.
miaulee 738.
mie 777.
mietter 739.
mince, s. m. 734.
minuit, s. f. 732.
miser 739.
mis^re, adj. 734.
misten 814, 825.
mogeon etc. 771.
moitresse 775.
moitressier 775.
Diolan 789.
molard 741,748.
molette 776.
mollasse 765.
moraine 765.
morse, s. f. 737.
mosets 756.
motele 762, 771.
mouehon etc. 726.
mouille 737, 740.
mouillon 742.
murguet etc. 755, 840.
nageotter 739.
nailler 791,
nant 801,
Das schweizerische Volksfrauzösisch, Wörterverzeichnis
849
nappjige 738.
neigeotter 739.
n6va 756.
n6v6 764.
niäce etc. 814, 835,
niaise 822.
niau 725.
nille 789.
nillon 787.
nina 837.
nine 731.
noce 836.
nouveau, e. m. 733.
novioa (ä) etc. 793, 801.
noyöre, s. f. 732.
ob6r6 etc. 767.
ochon 814, 825.
oTenas etc. 787.
oiseau 772.
ongle, s. f. 733.
ordon 775.
orvalle etc. 792.
ouöres 7B9.
ouichtöe 742, 810, 821, 825.
ouichter 810, 821.
ouingue etc. 756, 757.
ouingueretc.756, 808, 820.
ourtie 754.
ouviier 790.
ouze! 753.
ovaille etc. 792.
pailo etc. 839.
palancbe 783.
palanchon 783.
paI6e 770.
paneret 743.
panosse 757, 812.
papotter 814.
päquis etc. 801.
parapel 727.
päre 773.
patalons 724.
patein 797.
patracler 829.
patrigot 811, 832.
patrigoter 813, 832.
patte 724, 758.
pattier 741.
p aufer 754, 783.
peblache 793.
pechier 735.
peclet 758.
pecosi 734, 748, 768.
p^dge etc. 805, 823.
p6dger etc. 806.
peiguette 793.
peintrer 739.
penatzet 814, 831.
pendeau 740, 742. 799, 803.
perclue adj. f. 731.
perd-temps 734.
pernette 769.
petabosson 734, 827.
petiot 743, 835.
petolle 832.
petou 833.
p6tuble 757.
peuglise 734, 752, 786.
piaillöe 738.
planes 781.
picholette 789.
pide 826.
pilon 758.
pintailler739.
piolet 785.
pion 838.
pionnier 758.
piorne etc. 829.
piorner 753, 809, 829.
piöte 754.
pipee 738.
pister 690.
pive 762, 769.
pivot 769.
plancher, v. a. 739.
planelle 754.
planton 797.
plate 770.
pleuvotter 739.
plot 754, 782.
plovigner 691, 739.
plumache 799, 803.
plumer 758.
plumet 838.
poche 797.
pochon 743, 797.
Romauisoh« Forschungen. XXVII.
poire, s. m. 732.
poirifere 732.
poison, 8. f. 732.
poisson 779.
polmon etc. 755.
pommeau 827.
poncenee 742, 921, 825.
portette 743.
porteur 781.
pose 754, 790.
potringue 831.
potringuer 831.
potte 743, 756, 832.
potter 743.
pouet 813, 832.
pouliue etc. 731.
pousse 768.
poussöe 737.
poussenion 791.
poutzer 752.
pressen 783.
prin 694, 724.
primbeche 724.
procure, s. f. 737.
pruneau 769, 797.
pruneaulier 738, 762, 769,
797.
pucine 826.
puissant 759.
pure etc. 728, 777.
quartette 789.
quenollon 813, 814, 834.
quequeier etc. 809, 833,
quicageon 785.
quicheux 779.
quinson 755, 840.
quitter 759.
rablet 753.
raboutonner 740.
raccompagner 739.
raccusepeter 812, 827, 837.
raffe 779.
raffeux etc. 779, 803,
rafoncer 729.
rail, 8. f. 733,
raller 739.
ramanguiller 800.
ramasser 759, 804.
54
850
G. Wißier
ramel6 771.
ramelee 742, 812, 821.
ramenfee 742.
rancuneux 738.
ranquemeler etc. 809,
ranquiller 809.
ranter etc. 739.
rape 766, 802.
rapille 766, 790.
rarrauger 739.
ratelet 743.
ratenir 743.
rater 739.
ravour 820.
rebatter etc. 811, 819.
rebedouler etc. 807, 811,
819.
rebener 811, 820.
rebias 778.
rebioler 778.
rebiolon 778.
rebouiller etc. 813, 820.
recaftee 742, 812, 822.
recaffer 822.
rechigneur 738.
vechuter 739.
recouvre, s. f. 737. ,
redecider 739.
redipet etc. 827.
redip6ter etc. 827.
refalloir 739.
refrissonner 739.
regauffde etc. 826.
regouesser 832.
relatioüDÖ 738.
relaver 759.
reloin 739.
reluquer 837.
remauffße etc. 826.
rembourä, s. m. 737.
remollöe 822, 835.
remoller 835, 837.
rerauer 758.
renarder 832, 838.
renrhumer 739.
lenrouler 739.
repas du loup 791.
repassße 742.
repeutu 729.
replaire (se) 739.
repochonner 743.
repoussenion etc. 791.
requet 791.
resin 724.
ressat 791. ■
rester 759.
restoiiper 834.
retaloniier 738.
retamer 736.
röveillon 825.
revolin 817, 832.
ridan 825.
rifere 793.
rifle 779.
riflet 779, 803.
rimee 76.5.
riquiqui 838.
rioute 818.
rises, s. f. pl. 737.
risolet 743, 813, 814, 836.
risotter 739.
rituule 829.
rizu 730.
rogmenter 739.
roille 810, 817, 822.
roillee 822.
roiller 69 1 , 810,818,822, 825.
roncliemeler 809.
ronchonner 808, 814, 833.
ronfle, s. f. 737, 808.
rongeon 742, 799, 803.
rongiller 739, 814, 832.
rougilloii 742, 799, 814.
ronner 808, 820.
roueler etc. 809, 820.
rouingner etc. 808.
rousse, s. f. 734.
ruchon 774.
ruise 763.
ruper 823.
sable, s. f. 732.
sacrementer 833.
salarde 735.
sal6e 788.
saligot 731.
sanglee 738.
eapelle 742.
sarbre 727.
sare nuit 824.
sarge 776.
sarpeut 832.
saule, s. f. 732.
schätz 752.
schi etc, 782.
schilte etc. 752.
schlaguer 838.
schlinguer 838.
schnetz etc. 752.
schnetzer 752.
sfeche 788.
sßcherons 777.
seiche 766.
secou^,e 735, 738.
segneule etc. 756, 757.
sentu 729.
serac etc. 764, 774.
seretetc.754, 761,764,774.
serpent, s. f. 732.
servant 792.
sicl6e 809.
sicler 809, 820.
sifflasson 770.
sifflet 771.
sioute 768.
singuliarite 735.
sottines 690.
soucare 788.
soupe ä la bataille 753.
soupoudrer 736.
täourdite 735.
sourifebe 752.
souster 790.
soustraisent 730, 799.
stand 752, 790.
stahl 752, 794.
staufiffre 828.
stfekre 752.
stotz 753.
strube 752, 783.
sugage 735, 738,
sublet etc. 755, 839.
tablar 753, 797.
taccon 754, 797, 840.
tadier etc. 834.
taillarder 736.
Das schweizerische Volksfriuizosisch, Wörterverzeichnis
851
taillolo 7G1, 788.
taraer 730.
tapaseillon 734, 827.
tapatoiile 734, 827.
tapeg:oiiille 734.
tapette 805.
tapisseur 738.
tauberbitche 813, 828.
taupe 7.^8.
tavan 755, 796,
taxeur 738.
t^che 777.
tertasse 754.
teurdou etc. 808.
tiatsin 734.
tieuchetet 800.
tiuquet etc. 814, 836.
tintöbin 734, 754, 786.
tiole 756, 837.
tioutiou 770.
tirelig'na 734, 810, 827.
tirepoils 790.
tirevüugner etc. 734, 810,
820.
toil 727.
tombereau 784.
torame 754. 774,
topette 787.
toqueur 738.
torraille 823.
torrailler812, 814, 823, 837.
torröe 823.
toube 761, 773.
toufelet etc. 752, 787.
touillon 814.
toulon 725.
touper 808, 820.
toupin 772.
toupine 741.
tourner 759.
tourniquer 739.
toussiller 739, 814.
toussir 729, 799.
touyetz 828.
tracer 690, 809, 820.
tracolon 780.
tracl6ran 734, 779.
tralöe 742, 821.
traiuire 778.
trape, aclj. 742.
travaii 732.
tröbiichet 782,
tredon etc, 808, 814, 820,
tremble, s, m. 737.
trempe adj. 742.
triSge 788.
trigailler 807, 813, 814, 830.
tringuelte etc. 752.
trinquet etc. 836.
trioler 809, 829.
trocher 729.
troillu 780.
tronche 726.
trosser 820.
trottee 738.
trouillon 814.
troupiner 690.
trouve, s. f. 737.
truino 763.
tsaffairu 726, 792.
tsaille etc. 814.
tschink 828.
tsergosse etc. 785, 802.
tserpille 790.
tseye753.
tsoceville 792.
tsopille 790.
tsrouker 753.
tuilifere 742.
turter 818.
tutclie 852, 828.
tfiter 818.
uberre etc. 767.
use, adj. 742, 754.
vacherin 773.
vaille, adj. 793,
valamoii 777,
vaudaire 761, 767,
vec etc. 752.
velie etc. 769.
vepr6 691,
verde, adj, f, 731.
vergillon 740, 742, 814,
verguissffiinette etc. 753,
768.
viate 784.
videe 737,
vieudge 726,
virer 690, 759.
vogue 754, 792.
voire 690, 691.
vouable etc. 762, 768.
vouöpe 755, 756.
vouicher 691, 610.
vouiugue etc. 756, 757, 808.
vouinguer etc. 756, 808,
820.
voyage 757.
yadzo (st') 807.
yass 752, 790.
yot 834.
yotaise etc. 834.
z5re 727.
zonnße 808.
zonner 808.
zozet etc. 828.
Nachtrag.
Zu S. 696 vgl. Ph. Monnier: Mon village, p. 216—225 (Geneve 1910).
Zu S. 704, Über die westschweizerischen Mundarten vgl, auch:
E. Tappole t: Die Sprachverhältnisse in der französischen Schweiz. —
Sonntagsblatt der Basler Nachrichten vom 3., 10. und 17. März 1907.
E, Muret: Les patois de la Suisse romande. — Bibliotheque universelle,
tome 54, p, 285-311 (mai 1909).
„Zu S. 751 flf. (Schweiz. Lehnwörter) vgl. einen Artikel von Quin che
in der Zeitschrift für franz. und engl. Unterricht VIII, 4." —
Zu S. 772 (toupin) n. 775 (Heu) vgl. „Bulletin" 1909, p. 17 und 26 ff.
54^^
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter
personne und meme.
Von
Willy Etzrodt.
Einleitung.
In vorliegender Arbeit soll versucht werden, die Syntax der unbe-
stimmten Fürwörter ^^personne^^ und „w^me" darzustellen.
Die Bezeichnung „unbestimmte Fürwörter", zu denen ich die beiden
Pronomina rechnen möchte, passt zwar nicht für alle Verwendungsarten
von ,^personne" und „?weme", ist jedoch der Zweckmässigkeit halber in
Übereinstimmung mit vielen der bedeutendsten Grammatiker beibehalten
worden. Eine völlige Übereinstimmung der Grammatiker bezüglich der
zu den unbestimmten Fürwörtern zu rechnenden Worte besteht über-
haupt nicht (cf. Jäger 1).
Über „per sofnie'-' imd „meme'-' hat schon Gessner einiges in seinen
bekannten Programmen gegeben, doch sind von ihm nur wenige Er-
scheinungen kurz berührt worden. Ausser dieser ersten historisch-
syntaktischen Untersuchung über das französische Pronomen und ausser
den oben aufgezählten Texten, die der Arbeit zugrunde liegen, sind
noch zahlreiche andere syntaktische Arbeiten durchgesehen worden,
die entweder die Syntax eines kürzeren Zeitraums oder die eines ein-
zelnen Autors behandeln.
Ausserdem sei noch bemerkt, dass ich bezüglich der Gliederung
des ganzen iu einzelnen wenigen Fällen die in Göttingen erschienenen;
unter den benutzten Abhandlungen bereits aufgeführten Dissertationen
von Kramer, Lemme, Jäger und Hoepner zu Rate gezogen habe,
da die vorliegende Arbeit ebenso wie diese ein Gebiet aus der Syntax
des Pronomens behandelt.
personne.
I. Entstehung.
Das Wort personne (v. lat. persona) ist ursprünglich ein reines Sub-
stantiv gewesen und hat diese ursprüngliche Bedeutung auch während
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und m§me 853
der ganzen afr. Periode bis in die neueste Zeit beibehalten. Ich gebe
zunächst einige Beispiele, in denen es in seiner ursprünglichen Funktion
als reines Substantiv steht. Als solches ist es mir zuerst im
12. Jahrhundert begegnet
En une personne \a sostance deu et de l'omme (orig. : in persona
una). Bernhard 36.
Moult pers bele personne. Jourdains 1415.
Et certainement ce que j'ay cy devant escript, je Tay mis tout au
plus prez de la verite que j'ay peu, selon que je Tay veu en ma propre
personne et que j'en ay souvenance. Jehan le Bei 194.
La personne par moy fut envlimee. Villen, Codicille 110.
C'est honte qu'une personne se dit sgavant. Rabel. Pant. II, 8;
Littre.
Madame vostre Mere sera tousjours la meilleure et la plus galante
personne du monde. Voiture 186.
L'archeveque d'Upsal etait la seconde per sonne du royaume. Vol-
taire, Moeurs 119, Littre.
Eh! bon Dieu! m'ecriai-je, avec qui voulez-vous que je m'entende
ä mon age, si ce n'est avec les j^ersoww^s serieuses? France, Crime 72.
Aber schon im 13. Jahrhundert nahm personne daneben die Funk-
tion eines unbestimmten Fürworts an. Seine Bedeutung ging von
,,Person" in Jemand, irgend jemand" über. Der Begriff „Person" wurde
also verallgemeinert, eine Bedeutungsentwicklung, wie sie auch in
anderen Sprachen zu beobachten ist. Diese Grundbedeutung des per-
sonne als unbestimmtes Fürwort liegt vor in folgenden Beispielen:
Abbes, tu as non de persone^ car chil nons abbes „pere" sone.
Reuclus de Molliens, Carite, CIX, 1 ; Godefroy.
Or me queres dunque personne ki me soit avenans et bonue. Maho-
met 663. Quand eile fut venue au lieu desire, moult iuy tardoit de
rencontrer celle qu'elle hayt plus que personne. Cent 253. S'il y a
personne qui ayt trouve ung livre. Des Periers 350.
Weitere afr. Beispiele: Mist. D. V. T. 7503, Mir. II, 863.
In neufr. Zeit tritt personne in der Bed. „jemand, irgend jemand"
so häufig auf, dass Beispiele an dieser Stelle unnötig sind.
IT, Geschlecht.
I. personne als Substantiv.
1. Mit weiblichem Geschlecht.
Personne hatte nach seiner Herkunft weibliches Geschlecht und hat
sich mit diesem die ganze afr. Periode hindurch bis heute erhalten.
Kar tes serfs loab cumandad que jo en ma personne e en la
g54 Willy Etzrodt
personne de mes fiz, parlasse de teie et de tes fiz. Kois ü, 14, 19.
Bon conseil me donne et avenant a ma personne. Mahomet 388. Selon
que j'ay veu cn ma propre personne et qne j'en ay souveiiance. Jehan
le Bei 194. Sa persone par moy fut envlimee. Villon, Cod. 110.
In nfr. Zeit sind die Beispiele für weibl. personne so zahlreich,
dass es nicht nötig erscheint, solche anzuführen.'
2. Mit männlichem Geschlecht.
Aber im Nfr. wird personne bisweilen auch männlich verwandt.
Dies ist der Fall, wenn man ganz allgemein von Personen spricht, ohne
auf die Unterscheidung von Personen männlichen oder weiblichen Ge-
schlechts Gewicht zu legen. Ferner auch ohne diesen Grund, wenn per-
sonne von seinem Beziehungswort erheblich getrennt ist, eine Erscheinung,
die wohl dadurch zu erklären ist, dass wegen der grossen Entfernung
das Gefühl dafür, dass personne ursprünglich weibliches Geschlecht hat,
verloren geht.
Deux personnes non liez. Marg. III, 183, Gräfenberg 20.
Jamals je n'ai vu deux personnes etre si contents Tun de l'autre.
Moliere, Don Juan I, 2; Livet. A cause des personnes qui venoient
offrir des parfums ä la deesse, et qui etoient parfiime eux-meme&. Laf.
Vni, 179/80, Lexique.
Weitere Beispiele: Livet p. 260.
II. personne als indefinites Pronomen.
1. Mit weiblichem Geschlecht.
Als indefinites Pronomen erscheint personne seiner Herkunft nach
in afr. Zeit mit weiblichem Geschlecht.
Or me queres dunque personne, ki me soit . . . bonne. Mahomet 663.
II n'avoit . . . personne qui fust si dolente. Prise 3578. Humble vierge,
a qui ne ressamble personne nee. Mir. V. 503.
Auch aus dem 16. Jahrhundert habe ich das pronominale personne
noch iliit weiblichem Geschlecht belegen können:
L'epistre venue de moy, pour femme qui vault mieux que toy,
n'est autre cas qu'une rlsee, ou personne n'est desprisie. Marot 178.
II n'y a personne qui ne soit ^si'own^e. Farel, Lettres, 1531; Brunot 322.
In neuerer Zeit wird personne nur dann weiblich gebraucht, wenn
es ausdrücklich weibliche Wesen bezeichnen soll, wie in folgenden Bei-
spielen:
Personne n'est si serieuse que moi pour les choses serieuses.
Plattner I, 382. Personne n'ctait plus belle que Cleopatre. Littrö. En-
fin Jamals personne ne fut si peu inariee^ et ue le fut tant. Voiture261.
Die Syntax der unbestimrateu Fürwörter porsonne und meme 855
2. Mit männlichem Geschlecht.
Im allg-emeinen nimmt peih^onue mit Anbruch der ueufranzösischeu
Zeit als indefinites Pronomen das männliche Geschlecht au. So meist
schon im 16. Jahrhundert: Si personne tant feust esprins de temerite
qu'il luy voulust resister. Rabel. I, 27, Brunot 22.
Für die spätere Zeit bieten sich ausserordentlich zahlreiche Bei-
spiele für das pronominale personne als Maskulinum. Zwei Schulbei-
spiele sind: Personne n'est venu, personne n'est parfait.
Anmerkung:
Beachtenswert ist folgendes Beispiel, in dem personne in ein und
demselben Satze gleichzeitig als Femininum wie als Maskulinum
auftritt: Gix\' per sonne n'est morte^ s'en enfer n'est enclos, Ol. Maillart,
Stark 697.
in. Positives personne.
Wie die Entstehung aus lat. persona zeigt, ist personne seiner
Natur nach ein positives Pronomen. Es wird nur in Beziehung auf
Personen verwandt und dient zur Bezeichnung einer Person, auf deren
nähere Bezeichnung man verzichtet. Das positive personne ist mir in
folgenden Fällen begegnet:
I, Noch der JPraeposition sans.
1. sans -f Substantiv 4- de + personne.
0 que ces helles destinees ont aujourd'hui fait un beau trait, de
m'avoir ordonne estre aveugle, ä fin qu'indiÖeremment, et sans acce-
pcion de personne, chacun soit au hazard de mes traits et de mes flesches.
Labe 21. Bien je m'esbahissois comment les deux portes, chascune
par soy, sans Toppressiün de personne, estoient ainsi ouvertes. Gar-
gantua 145.
2. sans -{- Infinitiv + personne.
a) personne als Objekt.
Sans rencontrer personne. Cent. I, 137. Mais au fond, c'est abus,
Sans excepter personne. Regnier 115. II passa tout ce jour, sans voir
personne. Voiture 658. Comment venir ä bout de subsister sans con-
naitre personne. Laf., Contes III, 1. 117. J'entrai dans le grand salon
sans rencontrer personne. France, Crime 55.
b) personne von einer Präposition abhängig.
Diese ist: de.
Mais Fortune ne lui vouloit tant de mal faire; car secretement entra
856 Willy Etzrodt
dedens Tostel, sans estre veu ne senty de personne. Nouv. 14.", 180.
Sans estre veu de personne. Gargantua 60. Ce soir ... je dois, sans
etre vu ni suivi de personne entretenir Hortense. Voltaire 174.
ä.
S'en alla en sa chambre qu'il avoit au palais, sans tourner le vi-
sage et sans escouter ne parier ä personne qui vive. Nouv. 14.", 180.
Ce disant, partit de sa place, sans faire aueune 'reverence ä personne.
Menippee 218. J'en pouvais disposer ä mon gre sans rendre compte
ä personne. Rousseau 106. Je revais donc; par moments, sans oser le
dire d personne, de rencontrer un homme. Dumas ü, 13.
II, Nach der Konjunktion: sans que.
1. sans que -|- personne.
Quand je concoy en moy comment ensemble passerons nos jeunes
jours joyeusement sans que personne s'en puist donner garde, je sengloutiz
de joye. Cent. II, 244.
Soubdainement les deux portes sans que personne y touchast, de
soy-mesrae s'ouvrirent. Gargantua 144.
On disputera fort et ferme de part et d'autre, comme nous avons
fait, sans que personne se rende. Moli^re III, 369.
Je tins parole ä Du Eozel, et lui payais vingt-six mille livres sans
que personne le süt. Saint- Simon 284.
Les filles savoient tout, sans que personne eüt parle. Pot-
Bouille 344.
Anmerkung:
Gleichbedeutend mit sans que ist das bisweilen im afr. erscheinende
sans ce que „ohne den Umstand dass"; „ohne dass".
En ce point cuntinuerent grand teraps sans ce que personne s'en
aperceust. Cent. II, 50.
2. sans que -f- personne mit Präpos.
Le Portrait etait si juste, sans que l'ironie en füt blessante pour
personne, qu'un rire courait autour de la table. Maup. Fort 66.
Anmerkung:
Der Modal-Satz ist durch einen Präpositionalausdruck vertreten in
folgenden Beispielen:
Et il s'imaginait ä present que, hors de cette maison, dans les bois
peut-etre oü ils seraient tout a fait seuls, sans personne autours d'eux,
cette iuquietude de son coeur serait satisfaite et calmee. Maup. Fort 108.
La voilä sans personne! Zol., Le docteur Pascal, 531490, Gaufinez.
Die Syntax der imbestimmten Fürw()rter personne und meme 857
111. Heini Infinitiv f der abhängt :
1. Von einem begrifflich eine Negation enthaltenden Verbum.
a) defendre.
Mais sa timidite ou plustost sa naturelle bonte rempescheient d'user
de radvantage qu'il avoit an main, faisant f/ß^<?wrfre a ses gens de guerre
de frapper ny o'^QUi^Qr personne. Meni])pee 163. Elle (la charite) c^^/ewo?
de iiuire et de faire, meme de souhaiter, du mal ä personne. Saint-
Simon 15. Le docteur m'avait defendu de recevoir personne. Je sais
tout 73.
b) garder.
Mais toutes foiz . . . gardez-Yoii» bleu d'en rien dire ä personne.
Cent. 4.
2. Von einem Verbum des Affekts, fächer.
Non, non, je serais fache d'incommoder personne. Faites librement
ce que vous avez ä faire. Moliere III, 408.
3. Von einem negierten Verbum des Wollens.
a) daigner.
II ne daigne pas attendre personne. Lücking.
b) permettre.
II n'etoit pas permis aux pretres de maudire personne. Racine VI,
318, Lexique.
c) refuser.
En attendant qu'elle descende, voulez-vous vous rafraichir? — Oh!
je n'ai jamais refuse de trinquer avec personne. Marivaux 246.
4. Von einem Substantiv oder Adjektiv, die einen negativen Begriff in
sich schliessen.
Von Substantiven sind mir zwei begegnet, crainte und defense.
a) crainte.
On raeonte des anecdotes plus ou moins authentiques sur sa crainte
d'offenser personne. R. 15/3, 1883, Stier 446.
b) defense.
Le Roi l'avait dit au duc de Noailles en entrant au conseil, mais
avec defense d'en parier ä personne^ meme ä ses collegues. Saint S. 116.
Von Adjektiven ist mir nur „impossible" entgegengetreten: II
vous serait impossible, je crois, de jamais b\e&8er personne. Rod. in R.
1/10, 1893; Stier 447.
858 Willy Etzvodt
IV. Beim Wehensat^e mit qiie, der abhängt'
1. Von einem begrifflich eine Negation enthaltenden Verbum.
a) defendre.
J'avais defendu qiie vons vissiez 2^^^'somie. Lücking-. Je dSfends
qiie personne lui parle. Bastin 87.
b) douter.
Je doute que personne y reussisse. Dictionnaire. Je doute qua per-
sonne ait mieux peint la nature. Restant, Mätzner: Gr. 164. Je doute
que persotine puisse le faire. Bastin 140.
c) empecher.
Nous fimes nos promenades daus un ehemin creux, dans un sentier,
entre deiix haies qui empechaient que personne uous vit. Cherb. in R
15/10, 1884; Stier 446.
2. Von einem negierten Verbum des Denkens, Wissens, Woliens.
a) croire.
Chacun, et le roi meme, rioit de tont son coeur, et la plupart en
eclats, en teile sorte que je ne crois pas que personne ait jamais rien
essuye de semblable. Saint-Simon 99.
b) se flgurer.
II est difficile de se figurer que ce genre de litterature ait pu avoir
pour personne le moiudre attiait. Plattner I, 388.
Der Verbindung- il est difficile de entspricht in diesem Falle fast
einer Negation.
c) supposer.
11 se sentait . . . tellement entre dans une agonie inimagiuable,
qu'il ue pouvait supposer que jj^rsonwe eüt souffert comme lui. Maupass.,
Fort 282.
d) savoir.
Je ne sacke jamais que personne ait manie mon arc que moy.
Labe 15.
e) souflPrir.
Non content de n'etre pas sincere, il ne sovffre pas que personne
le soit. La Bruyere, Darmesteter.
f) vouloir.
II ue veut pas que personne perisse. Bossuet, Littre. Tarquinius
respondit fierement, qu'il ne vouloit point que personne fust son juge.
Amyot, Publ. 34, id.
Die Syntax der unbestimmten P"'üiwürtcr personne und mßme 859
Anmerkung:
Während in diesen beiden Beispielen vouloir wirklich verneint
war, kann der negierte Sinn auch durch die Frageform ausgedrückt
werden,
Comment voulez-vous que personne vous vienne Jamals voir? Ra-
cine VI, 151; Livet.
F. Nach koinparativeni Begriff.
1. plus.
Moult luy tardoit de rencontrer celle qu'elle hait plus que per-
sonne. Cent. I, 319. Principalement lorsque apres avoir p/ws contribue
que personne du monde a son retour en France. Sevigne I, 460. Tout
le monde l'a crn, et je le crois k la flu moi-meme plus que personne.
Voltaire I, 283. 11 en sgavoit plns que personne, comme membre de la
Chambre. Maup. Fort 54.
2. mieux.
Et la Reyne qui la sentit mieux qne personne^ fut celle qui fit moins
de semblant de l'avoir entendue. Voiture 658. Celui-ci peut enseigner
beaucoup mieux que personne. Racine VI, 37, Lexique.
Vous savez mieux que personne que cette satire est d'un poete du Martis.
Voltaire I, 6.
Anmerkung;
Mieux und plus in demselben Satze finden wir in folgendem Bei-
spiel:
Je vous dis que c'est ä devenir fou quaud on vous a connue comme
moi, qui vous ai regardee mieux que personne et aimee plus que per-
sonne. Maup. Fort 165.
VI. Nach eifiem mit trop verbundenen Adjektiv oder
Adverb.
1. trop . . . pour -f- Infinitiv.
II est trop hardi pour craindre personne. Vaugelas, Rem. I, 63.
Ceci me chagrinC; mais je l'aime trop pour la ceder ä personne. Mari-
vaux 318, C'est un secret irop important pour le confier ä persomie.
VoiturC; Lettre 23. La ruse est trop grossiere pour tromper personne.
Plattner I, 388.
2. trop . . . pour + que.
C'est que l'histoire n'attaque et ne revele que des morts, et morts
depuis trop longtemps pour que personne prenue part en eux. Saint-
Simon 20.
860 Willy Etzrodt
FJTI. In mit si „wenn" oder „ob" eingeleiteten Sätzen.
1. si = wenn.
Et si personne les blasme. Rabelais, Gräfenberg. Je suis le plus
trompe du monde, si cela est approuve de personne. Moliere III, 425.
Si jamais personne est assez hardi pour rentreprendre; il reussira.
Dictionnaire.
2. si = ob.
Et aussy avoit-il sergeans souldoyers ä ses gages pour faire ses
commandemens, et espier et aviser s'il y avait personne rebelle ä luy.
Jehan le Bei 128. Je m'envoys faire mes commissions, et specialement
chercher la trompette de la ville pour faire crier s'il y u, personne qm.
Des Periers 363. N'est il pas mieux de voir s'il vient perso??ne. Moliere,
Ampb. III, 7; Schmidt 47.
VIII. In der rhetorischen Frage.
Y a-t-il personne d'assez hardi? Dictionnaire. Personne oserait-il
nier? Ib. Personne croirait-il jamais? Littre. Connaissez-vous per-
sonne de plus obligeant? Larousse. Personne a-t-il jamais raconte plus
naivement que La Fontaine? Restant; Mätzner, Gr. 164.
Anmerkung:
An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass der Satz, in
dem personne vorkommt, doch stets eine negative Färbung hat; per-
sonne kann nicht in schlechthin affirm. Sätzen verwandt werden.
IV. Negatives personne.
I, Entwicklung des negativen per sonne.
Die Entwicklung des negativen personne hebt mit dem Augenblick
an, wo die Negafionspartikel ne zu personne tritt. Dann beginnt der
Prozess der Verschmelzung: ne und persoiine verschmelzen zu einem
negativen Begriff. Wenn dann später personne selbst mit negativer
Bedeutung erscheint, so ist dies daraus zu erklären, dass ne und per-
Bonne sich wieder trennen und personne als negatives Fürwort aus dieser
Trennung hervorgeht.
Interessant ist übrigens noch, dass derselbe Vorgang, wie er sich
in der Bildung des negativen personne durch die Verbindung der Ne-
gationspartikel ne mit einem „ein persönliches Wesen bezeichnenden
Substantiv", personne, findet, im Lateinischen in dem Worte nemo aus:
ne -|- homo anzutreffen ist.
Das erste Beispiel des negativen personne habe ich belegen
können aus dem etwa 1288 entstandenen Dirne de penitence des
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und meme 861
Jehan de Journi, also ganz bedeutend früher als die meisten Gramma-
tiker, die das erste Auftreten in das 16. Jahrhundert setzen. Es folgen
dann weitere Beispiele aus afr. Zeit; für die nfr. Zeit glaubte ich solche
hier tibergehen zu können.
En cui (Christus) tous sens ici s'ensauche, qu'il w'est personne ki
riens sache, qui de lui n'ait le sens eü et de sa grasse techeti. Peni-
tence 107/10.
Et ne troiiveroient noz gens personne de par le roy ne son conseil
qui les osast aider ne socourir. Jehan de Bei 42. II w'avoit . . . per-
sonne qui fust si dolente. Prise 3578.
Bisweilen ist personne auch von einer Präposition abhängig:
Et te pry pour Dieu que ä personne qui vive tu ne me descouvres.
Nouv. 14^,\ 137. Si ne s'arreste ga et la, ne a personne ne parle.
Meliador 20814. Va garde bien que tu ne dy es a personne que ]e sache
parier de ceste matere. Cent. 11, 51. One puis ne mesfist a personne,
mais fut vray homme. Villon, Gr. T. 158.
Von dieser Zeit an mehren sich die Beispiele bedeutend, so dass
ich nfr. Belege nicht anführen zu brauchen glaube.
II- Negatives personne oJme die Negationspartikel ne.
Wie wir oben sahen, bildete sich durch den Zusammentritt von
ue und personne das negative personne. Diese Negationspartikel ne
stellte sieh dabei zum Verbum. Fehlt dieses nun, so bleibt auch ne
weg und personne wird nunmehr für sich allein negativ.
1. Das Verbum fehlt.
1. Der negative Gehalt von personne wird durch den Zusammen-
hang klar.
Personne dans les rues, personne aux portes de la ville. Chateau-
briand, Littre. Fersonne comme lui pour amurer une voile, pour baisser
le point du vent. Hugo, Trav. I, 235. Nous la trouvous la . . ., per-
sonne auteur d'elle, ni famille ni enfants. Fromentin, Sahel 172.
2. Negatives personne antwortet auf eine Frage.
Dis-nous: a qui veux-tu faire perdre la cause? — A personne.
Racine II, 217.
Je vous demande, äqui vous parlez? — .^^ersowwe, Madame. Mari-
vaux 351.
Dis moi, Raphael, tu n'as pris conseil de personnne pour meubler
ton hütelV — De personne. Peau 166. Voulez-vous etre ä moi? — ■
Non, Monsieur, d personne. Rostand II, 7.
862 Willy Etzrodt
2. Das Verbum fehlt nicht.
Auch in diesem Falle kann bisweilen die Negationspartikel ne fehlen,
doch sind die Belege wenig zahlreich.
Der negative Gehalt des personne wird auch hier durch den Zu-
sammenhang klar.
Cache derriere ce mur, vu de personne^ retenant son haieine, 11
s'habitua ä voir Deruchette aller et venir dans le jardin. Hugo, Trav.
I, 214.
Zu ergänzen ist das Verbum in folgenden Beispielen:
On y perdit fort peu de monde et personne de distinction que le
fils aine de Broglio. Saint- Simon 270.
Ähnlich:
Ne confie a personne ce que (u viens d'apprendre, ä personne, en-
tends-tu. Aug., Fourch. V, 5, ~
III. Persomie und eifi anderer negativer Begriff in
demselben Satze.
Bisweilen tritt ausser personne noch ein anderes von den Worten,
die mit ne beim Verbum einen negativen Ausdruck bilden, zu der
Negationspartikel ne. Steht nun mit personne ein solcher negativer
Begriff in demselben Satze, so hat das eine der beiden Werte, die zu
ne treten, positiven Sinn. „Nach der individuellen Auffassung wird
die Entscheidung darüber, welcher Begriff pos. Bedeutung annimmt,
verschieden ausfallen" (Hoepner 26).
1. Zu ne ist ausser personne noch pas, point getreten.
Nous «'irons pas demander la charite ä personne. A. Daudet,
Plattner III, 2, 175. Grand et sublime eflfort d'une Imagination qui ne
le cfede pohit ä j^ersonne qui yiye. Moliere, l'^t. III, 4; Haase 17". Nous
ne sommes poi^it caress^s de personne. La Bruyere, Lahmeyer.
2. plus.
Bien voy et congnoys que au monde w'y a plus personne, tout est
mort. Mist. D. V. T. 590, 9. Maximin, ä ce mot furieux, l'oeil ardent,
ne connait plus personne. Rotrou 299. Personne ne faisait plus la
moindre attention ä la ceremonie. Pot-Bouille 186.
3. rien.
Onques personne dou cha stiel «'en seut riens, forsque Flor^e.
Meliador 1177. Je le hay un peu plus par comi)lexion que je ne
l'accuse par discours; seulement par desir, je ne soustrais rien ä per-
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mgme 863
sonne. Montaigne 59. Ils 7ie fuisaieut rten ä personne et ne compren-
nent pas ce qui leur est arrive. Hugo, Trav. I, 106.
4. Jamals.
Je vous dy que de Troilus jamais personne du monde ne le savra.
Nouv. 14.", 171. Ne uussi il ne trouvera jamis personne qui lui en die.
Quiuze joyes 54, 31. Fersonne «'eust jamak une naissance si heureuse
que la sienne. Voiture 650. iQn''i\\jamaisir2Ai\ personne. Marivaux 268.
Jamals personne ne l'avait entendue chauter. Peau 118. Fort myope,
il semblait, malgre son pincenez, ne jamais voir personne. Maup.
Fort 58.
Anmerkung:
Eine bemerkenswerte Häufung findet sich in folgendem Beispiel:
Et personne jamais w'a rien fait de si beaux. Moliere, F. s. HI, 2;
Kayser.
V. Nähere Bestimmungen zu personne.
I. Präpositioiielle Bestimmung.
1. Ein Substantiv oder ein Pronomen personale schllesst sich an.
a) Mit de.
W fut esmerveille de ce que per sonne de ses gens ne demonra
noye en la riviere. Jehan 65. Quand il vit qu'il ne se pouvoit des-
pecher d'eulx et qu'il ne venoit personne de ses gens, si fut estonne.
Parangon 23. Oedipe demande s'il ne revint persomie de la suite de
Laius. Voltaire I, 12,
Formelhaft ist die Verbindung „personne du monde" ge-
worden, die schon im 14. Jahrhundert auftritt:
Secretement antra dedeus l'ostel sans estre veu ne senty de per-
sonne du monde. Nouv. 14.", 186; cf. ib. 171, 200. Se tu es mauvais,
se t'en vas sans faire mal a. personne du monde! Parangon 21, cf,
ib. 203. Quoi? cousine, personne ne fest venu rendre visite? — Per-
sonne du monde. Moliere HI, 311.
b) Mit a.
An Stelle der eben besprochenen Verbindung personne du monde
erscheint auch die ebenfalls formelhafte Verbindung „per sonne au
monde":
Comment cela se pourroit-il faire? Car il n'y a point de personne
au monde qui soit moins fagonniere que moi. Moliere HI, 402. Fer-
sonne au monde que son maitre ne m'a donne l'aversion naturelle que
j'ai pour lui. Marivaux 264, Et il s'agissait simplemcnt de passer la
864 Willy Etzrodt
nuit dans la chambre de la bonne, oü personne au monde n'aurait l'idöe
d'aller les chercher. Pot-Bouille 334.
c) Mit dans.
II n'y eut plus personne dans la cour, qiii ne jugeast, que . . .
Voiture 664.
d) Mit en.
C'est l'arrest de nature et personne en ee monde ne sgauroit Con-
troller 8a sagesse profonde. ßegnier 20. Et continuay le reste si
melodiensement, et si tristement, qu'il n'y eut personne en la compagnie
ä qui les larmes n'en vinssent aux yeux. Voiture 97.
e) Mit sur.
Nous marmottions toutes les deux ensemble un long et doux eha-
pelet de menus et mievres Souvenirs que personne sur la terre ne sait
plus que moi. Maup. Fort 139.
f) Mit si non.
Ne trouva personne en chemin, si non le gouverneur d'Espaigne.
Jehan 25.
An Stelle dieses „si non" tritt auch „fors que", einfaches „que" oder
auch „horsmis".
fors que findet sich in folgendem Beispiel: Onques personne dou
chastiel n'en seüt riens, fors que Floree. Meliador 1177.
que: Quelles menasses sout ce cy? Je n'ay trouve encore j^ersowne
qui m'ait menasse que cette folle. Labe 12. Personne au monde que
son maitre ne m'a donne l'aversion naturelle que j'ai pour lui. Mari-
vaux 264.
Auch ein Fronomen personale kann sich an dieses „que" an-
schliessen :
Je ne sache jamais que personne ait manie mon arc que moy.
Labe 15. Le pourquoi? Ah! par exemple, voilä ce que personne au
monde ne sait que lui . . . Peau 149.
An „horsmis" ebenso:
Personne n'est encore mort de votre absence, horsmis moy. Voiture 262.
2. Ein Adjektiv schliesst sich an.
a) Mit de.
II n'y a personne de raisonnable qui puisse parier de la sorte.
Pascal, Pens. IX, 1; Darmesteter, Dictionnaire. II n'y a personne de
vraiment heureux ici-bas. Darmesteter. II n'y a personne de si sot.
Bastin 87.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und menie 865
b) Ohne de.
Dies ist bei weitem seltener.
Et aussy avoit-il sergeans soiildoyers ä ses gages pour faire ses
commandemens, et espier et aviser s'il y avoit personne rebelle ä luy.
Jehan le Bei 128.
3. Ein Partizipium schliesst sich an.
Dieser Fall ist sehr selten.
Humble vierge, a qui ne ressamble personne nee. Mir, V, 503.
4. Ein Pronomen demonstr. oder indef. schliesst sich an.
a) Mit de.
a) ceux.
Mais il n'y eut personne de ceux qui l'entendaient qui ne le baissät
la tete pour rire ä son aise. Chifflet, Lücking. Et il n'y a personne
de ceux qui vous aiment le mieux, qui put desirer que . . . Yoiture 100.
ß) autre.
autre in Verbindung mit personne erscheint nur sehr selten durch
de verbunden; es ist nach Plattner I, 355 zu meiden (cf. Jäger 78).
Et en me priant de faire en sorte que personne d'autre ne vint ä
s'y präsenter. Töpffer 228, Jäger 78.
y) autrui.
Führt Plattner III, 2, 169 einmal an:
II ne m'avait plus ete possible de decerner, ä personne d'mdrui, le
titre de sense. P. Hervicu.
a) Ohne de.
Ohne durch de mit autre verbunden zu sein, erscheint personne
öfters :
A qui s'en prendre de ce degät? personne autre que moi n'etait
entre dans la chambre. Rousseau 25,
. . , En ce cahier, que je relirai jusqu'ä ma mort et qui ne sera
lu par personne antre que moi, France, Crime 55. Personne autre que
D6sire ne savait ä quel point . . . Daudet, Fromont 52; Jäger 78.
5. Ein Adverb schliesst sich an.
a) Mit de.
Escoutant si personne de ceans faisoyt poinet de bruit. Heptam.
ni, 88; Lahmeyer.
Romanische Forschungen XXVII. 55
866 Willy Etzrodt
b) Ohne de.
On ne pouvait se fier ä personne mieux qu'ä iin fraudeur. Hugo,
Trav. I, 252.
II, Sat^bestinimung.
Als SatzbestimmuDg zu personne erscheint sehr oft ein Relativ-
satz. So schon im 14. Jahrhundert.
Oncques pour personne qiä luy en parlast . . . il n'en voult aultre
chose faire. Jehan le Bei 94; ib. 301.
Par ma foy, monsieur, fait-elle, madame est bien malade, et n'y
a 2}ersonne qui puisse riens faire. Quiuze joyes 94, 23.
Pour faire crier s'il y a personne qui ayt point trouve ce diable
de livre. Des Periers 363; cf 350.
II n'y a personne qiie j'honore ä l'egal de vous. Moliere III, 416.
Eh ! peut-on posseder ce que le coeur desire, etre heureux, et
n'avoir personne ä qui le dire? Voltaire I, 179; cf I, 12.
Personne als Beziehungswert eines Relativsatzes erscheint auch
in der formelhaften Verbindung: „per sonne qui vive", die
ebenfalls schon im 14.*' auftritt:
Et te pry pour Dieu, que, s'il y a foy ne loyaulte en nostre amour,
que ä personne qui vive tu ne me descouvres. Nouv. 14.", 137; cf. 204.
VI. Stellung von personne.
J. Stellung als Subjekt oder Objekt ^uni Verb im
Allgemeinen.
1. Stellung als Subjekt.
a) Vor dem Verbum.
Dies ist die bei weitem gebräuchlichste Stellung, die sich bis heute
erhalten hat.
De nostre mal personne ne s'eu rie. Villon, Codicille 147,
Autvement personne ne vous aymera, ny les voysins, ny voz parens.
Des Periers 20.
Elles souhaiteront fort que personne ne füt ici pendant cette röpe-
tition. Moliere III, 405.
C'est que l'histoire n'attaque et ne revcle que des gens morts,
et morts depuis trop longtemps pour que personne prenne part en eux.
Saint-Simon 20.
Et il s'agissait simplemeut, de passer la nuit dans la chambre
de la bonne, oü personne au monde n'aurait l'idee d'aller les chercher.
Pot-Bouille 334.
b) Nach dem Verbum.
Humble vierge, ä qui ne ressamble personne nee. Mir. V, 503.
Die Syntax der unbestiiumten Fürwörter personne und luöme 867
2. Stellung als Objekt.
Die häufigste Stellung des personne in diesem Falle ist
a) nach dem Verbum:
Ne trouva personne en ehemin. Jeban 25. N'eslöve aiicun et
n'abaisse personne. Des Furiers 123. L'amour est un tyran qui n'6-
pargne personne. Corneille III, 10.
b) Vor dem Verbum.
Diese Gruppierung ist selten.
Jamais personne n'esconduisons nous invitant courtoisemcnt ä boire.
Gargantaa 164.
II. Stellung als Subjekt oder Objekt bei den synthetisch
gebildeten Zeitformen.
1. Stellung als Subjekt.
Die am meisten verwandte Stellung ist: personne + Hülfsverb +
Participium.
Toute circulation semble interrompue; personne encorew'a paru sur
les routes. From., Sahel 105. Personne n'a songe ä introduire en France
cet exercice, qui, repugne ä la delicatesse europeenne. Je sais tout 108.
2. Stellung als Objekt.
Die Stellung ist in diesem Falle : Hülfsverb + Participium + personne.
Quelles menasses sont ce cy? Je n'ai trouve encore personne qui
m'ait menace que cette folle. Labe 12. Me promets-tu le secret? —
Je n'ai jamais trahi personne. Marivaux 268.
III. Stellung als Objekt beim Infinitiv,
2. Personne nach dem Infinitiv.
Diese Stellung ist vom Anfang an sehr beliebt gewesen, sowohl
wenn der Infinitiv von einer Präposition begleitet ist als auch wenn
dies nicht der Fall ist.
a) Der Infinitiv ist von einer Präposition begleitet.
Sans rencoutrer personne. Cent I, 137. Faisant defiendre ä ses
gens de guerre de frapper ny offenser personne. Menippee 163. Non,
non, je serais fache d'incommoder personne. Möllere III, 408. Elle entra
chez eile ä un desir de se coucher, de ne voir personne. Maup. Fort 37.
Anmerkung:
Dieselbe Gruppierung wie in den vorangehenden Beispielen findet
sich auch, wenn persoune mit einer Präposition verbunden ist, wie
in folgenden Beispielen:
55*
868 Willy Etzrodt
Sans escouter ne parier a personne qui vive. Nouv. 14.", 204. Le
Roi i'avoit dit au duc de Noailles . . . avec defense d'en parier ä per-
sonne. Saint-Simon 116. Oh! je n'ai Jamals refuse de trinquer avec
personne. Marivaux 246.
b) Der Infinitiv ist nicht von einer Präposition begleitet.
Der Infinitiv ist abhängig:
cc) Von oser.
Et en son abseuce eile n'osoU recevoir personne, Cent II, 149.
ß) Von pouvoir.
Mad. de Sevigne ne pouvait epouser personne ä qui je donnasse de
meilleur coeur mon approbation. Sevigne I, 533. Le pauvre enfant
est malade et ne peut recevoir personne. Je sais tout 71,
y) Von sembler.
Fort myope, il semblait, malgre son pincenez, ne jamais voir per-
sonne. Maup. Fort 58.
d) Von Vouloir.
Monsieur n'a voulu voir personne. Peau 147.
*) Von falloir.
Pour se donner ä lui, faut-i\ n'aimer personne ? Corneille HI, 490.
S) Von laisser.
Mais faisons mieux et ne laissons venir 2)^*'sonne. Laf. Contes III,
6, 167. Ne laisse entrer personne. Peau 219.
2. Personne vor dem Infinitiv.
Personne vor dem Infinitiv ist äussert selten ; ich habe es nur be-
legen können in einem Beispiel, in dem sowohl der Infinitiv als auch
personne mit einer Präposition verbunden war.
Laquelle chose voulant faire, me fiit necessaire, avecques piusieurs
engins et faczons, sans a personne du monde la faire assavoir^ m'en
partir tres celeement. Nouv. 14.", 200.
Vn. Einige Besonderheiten im Gebrauch von personne.
I, Personne im pluralischen Sinne gebraucht.
Diesen Gebrauch führt Plattner (III, 2, 159) an mit folgendem Be-
leg; Per sonne ne dit du mal les uns des autres. A. Germain.
Die Syntax der unbestimmten Ftiiwörter peisonne und memo 869
II, Personne gleichzeitig als Pronomen tind als Sub-
stantiv gehraucht,
Bienaime n'a surpris personne^ au moins de Celles qui par devoir
professiouel frequentent au ministfere de la marine. Plattner III, 2, 159.
III, Personne zweimal in einem Satze gehraucht,
Personne n'a ete ruine par personne, avec plus de gräce, et de
charme. Desnoyers; Plattner III, 2, 175.
IV, Personne verstärkt:
a) Durch einen folgenden negativen Ausdruck.
Personne, aucun voisin n'ayant pii ou voulu faire poiir eile cette
course, eile avait entrepris . . . Maupassant, Hoepner 58.
b) Durch nul.
II ne trouva personne nulle. Perceforest, t. I, Littre.
VUI. Einige feste Wendungen mit personne.
1. li y a personne et personne
führen die Wörterbücher (Academie, Littre, Larousse) an in der Be-
deutung „il y a nne grande difference d'une personne ä autre." Die
Bedeutung wird etwa dem deutschen Ausdruck „es gibt solche und
solche Leute" gleichkommen.
2. II n'y a plus personne au legis
erwähnt das Dictionnaire de l'Academie als Redensart, mit der man
denjenigen bezeichnet „qui a perdu la tete". Die Wendung entspricht
also etwa der deutschen: „er hat den Kopf verloren, es spukt bei ihm
im Oberstübchen, er ist nicht ganz richtig."
Daneben kommt dieselbe Wendung nach den Angaben der Lexiko-
graphen auch in dem Sinne unseres deutschen Ausdruckes: „er ist tot,
gestorben" vor.
3. II n'y a personne qui
erscheint :
a) Mit verneintem Verb im Relativsatz.
Armes vous et le faictes brief, et qu'il w'y ai/f icy personne qui ne
se arme. Mist. D. V. T. 8041. Et continuay le reste si melodieusement
et si tristement, qu'«7 n'y eut personne en la compagnie a qui les larmes
w'en vinssent aux yeux. Voiture 97.
a) Mit affirmativem Verb.
Et apres tout cela, mille coups de chappin, de baston et de verges,
il n'y a personne qui les puisse contenter. Parangon 242. // n'y a
870 Willy Etzrodt
personne que j'honore k l'egal de vous. Mol. III, 416. II dit que dans
l'univers ü n't/ a per sonne qiii le merite. Marivaux 401.
IX. Umschreibungen zum Ersatz von personne.
Das Indefinitiim personne tritt in afr. Zeit verhältnismässig selten
auf, erst in nfr. Zeit erweitert sich sein Gebiet.
Zum Ersatz finden sich in afr. Zeit zahlreiche Verbindungen, die
sich zum Teil noch im Nfr. belegen lassen.
I, ne-nul»
Ganz besonders häufig begegnet uns im Sinne von personne: ne-nul,
das sich bis heute erhalten hat. Es tritt schon in den ältesten Denk-
mälern auf:
1. Ohne nähere Bestimmung.
Toit i acorent, niils ne s'en voit torner. Alexius 104.
Gar la langue «e puet «m^s donter (nemo domtare potest: Original!).
Bernhard 331.
Quar nus ne puet graignur folie fere que de son meillur ami
mettre a mort. Marques 129.
Mais les Genevois se deffendirent si fort de trait que nul ne porroit
approchier de la galee. Valois 236.
II w'en estoit mors nidz, Abel en est commencement. Mist. D. V.
T. 3021.
Nul ne prent goust ä voir des bestes s'entrejouer et caresser,
et nul ne faut de s'esjouyr ä les voir s'enlredechirer et desmembrer.
Montaigne 113.
Mais nul ne peut öviter sa destinee. France, Crime 113.
Anmerkung:
Um die Verneinung besonders nachdrücklich hervorzuheben, findet
sich eine Verbindung der Maskulin- und Femininform (cf. Jäger 100).
Et come il seit einsi, que nus ne nule me puet tolir a estre empe-
reres apres la mort seignor l'empereor se il non, ge vos pri . . . Mar-
ques 130; cf. 139.
2. Mit näherer Bestimmung.
a) Satzbestimmung.
a) Relativsatz.
Hier sei erwähnt, dass sich, in ähnlicher Weise wie dies bei per-
sonne der Fall war, bei nul oft der formelhaft hinzugefügte Relativ-
satz „qui vive" findet.
Sire, ne entreie mie en jugement encontre ton sergeut, quar nul
qui vive ne puet estre deuant ti juste ne iustifiez. Lolhr. Ps. 142, 2.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und möme 871
ß) Konzessivsatz.
Et chastel avoit grant moleste dcl conte qiii estoit ocis; mes n'i a
ntil^ tant soit de i^ris, qui voist apres pou le vengier. Erec 4914. Nen
i a nid tant soit preus ne vallans por lui aidier osant paser avant.
Aliscans 1516,
b) Präpositionelle Bestimmung.
Ein Substantiv oder ein Pionomen scbliesst sich an mit: si non.
Car viuls ne vit bien se eil non qui lo bien fait. Bernhard 265.
Ne nus n'a vostre fille mal menee s'ele meisme ??ow. Marques 87; cf. 38,
142. Vos maulx verrez en bien tourner; nul ?i'y peut nuire sl non
Dieu. Ball. 169. Nul w'y a iuterest si non moy, ;i qui la chose toucbe.
Parangon 152.
Si non kann auch vertreten werden durch fors, fors . . . solement
und que.
fors: Mes nus n'i pot onques mes trouver cest pertuis fors vos.
Marques 43.
fors-solemant: Si n'i a mil, qui le conoisse fors que Lunete
solemant. Löwenr. 4636.
que: Nul ne passe aujourd'hui aux rochers 92<'egare. Hugo, Trav.
I, 231.
c) Attributive Bestimmung.
Die attributive Bestimmung ist ein Adjektiv: II n'y a nul content^
il n'y a nul qui die. Parangon 249. Weitere Beispiele: Jäger 108.
II, ne-nvl honiTne,
Auch dieser Ersatz für ne-personne ist in afr. Zeit sehr häufig an-
zutreffen. Schon im Leodegarlied und in der Passion begegnet er uns.
1. Ohne nähere Bestimmung.
Ne fud nuls oni del son iuvent qui mieldre fust donc a ciels temps.
Leodegar 31. Sos monument füre toz uous, anz lui w'oi iag unque nulz
om. Passion 356.
Nulz hom ne sout les sons ahanz fors sul le lit u il ad geu tant.
Alexius 55. Tenez m'espee, meillur n'en ad nuls hom. Roland 620.
Nuls huem nel poeit reteuir. Marie de Fr., Biscl. 232.
Nus hom ne vos en fera tort. Marques 19.
Adonc en mon euer nouvelle estoit Amours, qui tant amer me
faisoit qu'oncques d'amour teile nulz hom «'oy, ce croy, parier. Ball. 107.
Zahlreich sind die Fälle, in denen ne-nus hom in Verbindung mit
einer Präposition erscheint:
Diese Präposition ist: de.
872 Wi"y Etzrodt
Car ja de nul home w'avrez socors. Joiirdains 3900.
ä
A null omne no l'demonstrat. Leodegar 13. Ne vus descovrez a
nul humef Marie de Fr,, Lanv. 145. Ä nul home mal ne fera. Bestiaire 229.
pour
For nul ome ne fu mes nons celez. Couronn. 1569. Ja pur nul
hume nel lerreie. Marie de Fr., Eqii. 234.
2. Mit näherer Bestimmung.
a) Satzbestimmung.
Als solche erscheint ein mit tant eingeleiteter Konzessivsatz in
folgendem Beispiel:
Einsi fu la pucele gardee nne piece, que nus hom . . . tant fust
bien de Vempereor, n'osoit entrer. Marques 108.
b) Pr&positionelle Bestimmung.
a) Ein Pronomen oder Eigenname schliesst sich an mit: fors.
Nuls huem fors vus ne me verra ne ma parole nen orra. Marie de
Fr., Lauv. 169.
fors solement.
Einsi fu la pucele gardee une piece, que nus hom . . . n'osoit entrer
es chambre fors solement Marques. Marques 108.
ß) Ein Substantiv schliesst sich an.
aa) Mit de.
Dies ist der Fall in der formelhaften Wendung: „ne-nul homme
de char", die bereits im Rolandsliede auftritt:
Ne vus lerrai pur nul hume de carn. Roland 2141. Nuls om de
char, pelerins ne palmiers, ne seUst tant errer ne chevalchier. Couronn.
1372, cf. 1379. Nus hom de char ne vit si bei. Flore 554.
ßß) Mit en.
Nuls huem el mund ne purreit dire la grant peine ne le martire.
Marie de Fr., Guig. 661.
c) Attributive Bestimmung.
Als solche erscheint
a) ein Adjektiv
carnal: Schon in der Passion: Non fu «?/^ om carnals en cel enfern
qui . . . Passion 381. Ja n'iert vencuz pur nul hume carnel. Roland 2153.
crestiens: Nus hom crestiens plus bei ne plus riebe ne vit. Ville-
hardouin; Roeschen.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter pereonne und m^me 873
mortel: Nulz om wor^«/2; no 1 pod penser. Passion 83. Ja ne verra
Ulis hom mortex plus delitable. Flore 1861.
vivant: Ne placet Deu, qo li respiint Rollanz, que go seit dit de
nul hume vivant. Roland 1674. Plus biax ne fu nus hom vivans.
Flore 2852.
ß) Ein Partizipium.
Hier ist mir nur das Partzipium n6 begegnet, das in Verbindung
mit de mere oder ohne diesen Zusatz formelhaft sieh an homme an-
schliesst.
Ne ohne de mere zeigt folgendes Beispiel:
Onques par tml home ne tant bele ne fu veue. Chansonn. 12.'',
Gautiers XVI, 22.
Ne mit dem Zusatz de mere erscheint schon in der Passion:
Tot nol vos posc en ben comptar, no 1 pod nul om de madre nez.
Passion 448. Einsi fu la pucele gardee . . . que 7ius hom de mere nez . . .
n'osoit entrer. Marques 108.
III, ne-Jionime,
Interessant ist, dass dieser Ersatz vom ne-personne ganz dem lat.
nemo entspricht, das ja aus ne + homo entstanden ist. Der einzige Unter-
schied ist der, dass im Französischen die beiden Worte nicht, wie im
Lateinischen, mit einander verschmolzen sind.
Ne-homme tritt bereits in der Passion auf und hat sich, wenngleich
selten, bis heute erhalten. Es erscheint:
1. Ohne nähere Bestimmung.
a) ne-homme ohne Präposition.
Cum cela caru vidra murir, quäl agre dol no 1 sab om vivs. Pas-
sion 332.
Carles ne dutet hume . . . Roland 2740.
iV'est hom qui vus en face aie. Adam 509.
Ne venoit §aienz hom qne il. Marques 111.
Oncques «'avait homme veu la chose pareile. Jehan le Bei 162.
iV'espargnez homme, je vous prie. Villon, Gr. T. 538.
Oncques homme ne fut plus joyeux. Parangon 91.
Personne ne souffla, homme ne s'en plaigna. Paul-L. Courier,
Plattner ID, 2, 152.
Anmerkung:
Ahnlich wie bei ne-nul findet sich Gegenüberstellung von ne-hom
und ue-femme zur Verstärkung der Negation:
N'ume ne femme n'i trouva. Marie de Fr., Yonec 380. Plus bei
ne Vit ne hom ne femme Flore 500. Ne il n'i trovoit ne home ne
874 Willy Etzrodt
ferne. Marques 38. Homme ne femme w'encontra. Meliador 20219;
cf. 12152.
b) ne-homme abhängig von einer Präposition.
de:
Ne fust arrest^s d'ome . . . Mainet II, 132.
Et d'omme ne suis boir. Villon, Poes. div. 58.
ä:
Uno puis a hume ne parla. Marie de Fr., Yonec 546. Que ne seit
mais batesmes fait a homme, ni espousemens. Mahomet 1525.
par:
Aidiez; ainz mais jjar ome ne perdi mes estiers. Couronn. 2561
Ainz mais ^ar home ne fui deschevauchiez. Jourdains 1937.
pour:
En Rencesvals a RollaDt irai joindre, de mort n'avrat guarautisun
pur hume. Roland 924. Ainz mais por ome ne vos vi esmaier. Couronn. 358.
2. Mit näherer Bestimmung.
a) Satzbestimmung.
a) Relativsatz.
Formelhaft erseheint ein Relativsatz in folgenden Sätzen:
Si grant empire ne vit hom qui soit nes. Aliscans 4165. Parmi la
ville en est batant meuez, qu'il «'est rescouz d'omme c'onques fust nes.
Jourdains 3287.
Bisv^eilen auch mit dem Zusatz: de mere:
Dex ne fist home gut de mere soit nes, qui . • . Amis 32.
Genau wie der formelhafte Relativsatz „qui soit (fust) nes", er-
scheint die Wendung „qui soit (fust) vivans."
Oez d'une merveille grant, ne l'oit hom qui soit vivant. Adam 931.
Ja ne fust arrestes d'ome qui fust vivans. Mainet II, 132.
Ähnlich auch:
Quant mes compains en vult ce recouvrer que hom qui vive ne li
porroit donner. Amis 2941.
ß) Konzessivsatz.
Einen mit tant eingeleiteten Konzessivsatz als nähere Bestimmung
zu ne-homme haben wir in folgendem Falle:
II w'est hom . . ., tant soit de grant hautece^ que ele daignast prendre.
Marques 90.
b) Präpositionelle Bestimmung.
«) Ein Pronomen oder Substantiv schliesst sich an mit: si non.
A/'i ot hume se les suens non. Marie de Fr., Eliduc 811.
Für si non kann auch eintreten :
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter pei'sonne und mßmc 875
fors:
Car non est hom qui nos pust garantir fors Dameldeu. Aliscans
210/11; cf. 1547.
que:
la ne veuoit gaienz hom que il. Marques 111.
ß) Ein Substantiv schliesst sich an mit: ä:
II n'a komme an ?»o»c/e qui pluie li feist si profonde. Myst. 15.**; 235.
en:
II n'est Jiom el monde qui autant vos soit de lignage. Marques 90.
sous:
Soz ciel «'at komme qui's poisset conforter. Alexius 118. Suz ciel
n'ad hume que tant voeillet liair. Roland 1244. Suz ciel «'a hume . . .
ki durement n'en amendast. Marie de France, Equ. 87. Ne parlons mes
a home desoz ciel. Jourdains 731.
Alle diese Verbindungen sind formelhaft.
a) Attributive Bestimmung.
Diese kann sein:
«) ein Adj ektiv.
Nur das Adjektiv vi van t ist mir so begegnet:
la mes w'avra hume vivant. Marie de Fr., Eliduc 517.
Das Dictionnaire de l'Acad. führt an:
II w'y a komme vivant qui puisse assurer.
/?) Ein Partizipium.
Als solches erscheint in formelhafter Weise das Partizipium ne
und zwar
aa) ohne weiteren Zusatz.
11 n'estoit komme ne qui tont le sien ne m'eust donne. Villon, Gr. T. 46.
ßß) Mit dem Zusatz: de mere.
En Aucebier par ot si graut fierte que 7ie feri komme de mere ne
cui nen euist au premier cop tue. Aliscans 4204/05. Ne douterai
komme de mere ne. Jourdains 3821.
IV. ne-celui.
Hier möchteich die Wendungen il n'y a (n'est) celui behandeln,
die mehrfach die Bedeutung von „niemand" annehmen und im Sinne
von ne-personne stehen.
In fast allen Fällen folgt auf il n'y a (n'est) celui ein Relativsatz
mit qui. Nur in einem Falle habe ich bei Lemme (124/125) fehlendes
qui belegt gefunden:
876 Willy Etzrodt
Si plorerent, n'i ot celui. J. Conde, Tobler, Zeitschr. II, 567.
Ich behandle il n'y a (n'est) celui im Anschluss an Lemme, 1. c.
1. Mit verneintem Verb im Relativsatz.
Gel w'en i at qui w'report sa dolor. Alexius 111. Gel w'en i ad qui
Monjoie ne demant. Roland 1482. JV'/ a celui qui ne l'ait chier. Marie
de Fr, Biscl. 178. S\ nH ot celui, ^m? we tremblast de poor. Marques 101.
11 n*est presque celui qui de son parentage tie lamente quelqu'un en
ce public orage. Garnier.
2. Mit nicht verneintem Verb.
N'i ad icel hi un sul mot respundet. Roland 3540. N'i ot celui
des barons qui la bataille osast emprendre. Marques 101. N'i ait
celui qui ait rewart de deux, tant sont fier couraige. Guerre 203. //
n^est celuy pourtant d'entre tous qui l'ait faict. Garnier, Jensen 30.
Weitere Beispiele; Lemme 124/25.
Anmerkung:
Einmal habe ich die Verbindung der Maskulin- und Femiuin-
form zum stärkeren Ausdruck der Negation belegen können:
II n'y a ne celuy ne celle qui puisse eschapper ce passage.
Mist. D. V. T. 7121.
Ein Konzessivsatz als nähere Bestimmung zu ne-celui erscheint
in folgendem Beispiel:
Si rüi ot celui, tant fust empensez, qu'il ne risist de ce. Marques 21.
Auch eine präpositioneile Bestimmung kann in Beziehung
auf ne-celui stehen:
Nen i ad cel qui ne l'graant e otreit fors sul Tierri. Roland 3805.
F. ne-ame.
Eine weitere Wendung, die zum Ersatz für ne-personne dienen
kann, ist ne-ame. Sie erscheint:
1. Ohne nähere Bestimmung.
Ja mais ame ne^ sera cuite de pechie, ne n'i avra fuite que . . .
Mahomet 1076. La dessus seoit une dame, mais si estrange onc ne vit
ame. Chemin 2364.
Chastoy est une belle aulmosne, ame w'en doit estre marry. Villon,
Gr. T. 1641, cf. Cod. 147. Mais gardez qu'awe ne nous voie. Mir. II,
491, cf. VlII, 121. Comment? ame ne les oserait il toucher. Des
Pöriers 15.
Anmerkung:
Schon früh hat sich ne-ame mit dem indefiniten nul verbunden:
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mßme 877
Vindrent al ost de cez de Syrie, mais n'\ truverent mde anme.
Rois IV, 7, 5. Ja mais ne trouvaissent nule anme ki lor feist 8i loi
uument lor choses. Muhomet 90. Nulle ame ne peut mal avoir . . .
s'en vostre secours a fianee. Mir, I, 488.
2. Mit näherer Bestimmung.
a) Präpositionelle Bestimmung.
Ein Substantiv oder ein Pi'onomen schliesst sich an mit: si non:
Et w'estoit ame qui rien sceust de leur trös plaisant passetemps,
si non une damoiselle. Cent 246.
Si non kann vertreten werden durch: fors seulement:
II vint veoir qu'on disoit en lu cuisine, oü il ne trouva ame fors
seullement ces chemises . . . Cent H, 73.
que:
Arne que Dieu 7j'y scet la voie. Mir. I, 904. II n'y a point de peril,
Monseigneur, ce dit mademoiselle: arne ne vient icy jwe nous. Cent 16".
b) Attributive Bestimmung.
Die attributive Bestimmung ist ein Adjektiv, wie in folgendem
Falle:
An jour d'ui w'est ame He, on ne chante n'esbanie, chascun cuide
avoir deffaut. Deschamps DLXII, 6.
Formelhaft ist das Adjektiv vivant in Verbindung mit ne-ame
geworden :
Et pour ce vous n'avez cause de douloir, w'est ame vivant qui a la
verite vous; en puisse ou doyve chargier. Cent 139. J'ai ete en tel
lieu, je n'y ai trouve ame vivante. Dictionnaire de l'Ac.
c) Satzbestimmung.
Als solche erscheint ein Relativsatz in folgenden Beispielen:
Ja mais ne trouveroient nule anme ki lor feist si loiaumeut lor
choses. Mahomet 90. Et pour ce vous n'avez cause de douloir, et w'est
ame vivant qui a la verite vous en puisse ou doyve chargier. Cent 139.
On place un soldat k son poste, avec ordre de ne laisser passer dme
qui vive. R. 15/9, 1887, Stier 447.
VI, ne-nule rien vivant.
Diese Verbindung habe ich nur in einem Falle belegen können;
doch kommen wohl sicher mehrere vor, wenngleich diese Wendung
selten zu sein scheint.
N'i trouva nule rien vivant fors sul le Chevalier dormant. Marie
de Fr., Guig. 279.
878 Willy Etzrodt
VII* ne-corps d'homme.
Auch diese Ausdrucksweise tritt nur einzeln auf:
Corps d'homme n'etoit avec moi. Scarron, Virg. II; Haase 17.".
Corps cfhomme w'en regut outrage. Ib.
Weitere Beispiele sind mir nicht begegnet.
VIII. ne-gent.
Dieser selten zum Ersatz von ne-personne dienende Ausdruck wird
einmal von Ro eschen, über den Gebrauch der Negation, erwähnt
unter Anführung folgenden Beispieles: Et sacbiez que si halte conve-
nance ne fu onques mais Offerte a gent. Villehardouin.
IX. ne-qui que ce soit (füt).
Diese Wendung tritt erst vom 17. Jahrhundert an auf; wenigstens
ist mir ein früherer Beleg nicht begegnet.
Cette fa§on de parier ... est fres-mauvaise, et je ne conseillerois
ä qui que ce soit d'en user. Vaugelas, Rem. II, 190.
Tout le monde convient que le temp6rameut varie et que ses vicis-
situdes peuvent etre funestes, et qui que ce soit ne se met en peine d'en
chercher la cause. Diderot 68,
Plattner III, 2, 199 führt einige Beispiele an, von denen ich hier
die folgenden erwähne:
Qui que ce soit w'y trouve k redire. P. L. Courier. Vous n'avez
parle ä personne? — Ä qui que ce soit. A. Dumas. Cependant, il y
eut aussi de la faute du sort; il en eprouva, plus que qui que ce soit,
les piquantes contrarietes. A Grouvelle.
Der Vollständigkeit halber seien zum Schluss noch zwei Beispiele
angeführt, die das Dictionnaire de l'Academie gibt:
Je w'ai trouve qui que ce soit.
II w'y a qui que ce soit.
meme.
Einleitung.
Das unbestimmte Fürwort meme ist die luutgesetzliche Entwick-
lung eines anzusetzenden metipsimnm. Dieses entwickelte sich korrekt
zu afr. meesme, das nfr. meme ergab. Daneben findet sich ein afr.
meisme, das durch Dissimilation aus meesme zu erklären ist.
In den ältesten Denkmälern begegnet uns noch das ohne Zusammen-
setzung mit met- gebildete eps aus ipsum und ein medeps, das aus met
•\- ipsum herzuleiten ist. So findet sich eps in der Passion sechsmal,
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mSme 879
im Leodegar zweimal ; die dazugehörige Femininform epsa ist mir nur
in der Passion und zwar dreimal entgegengetreten. Die Bedeutung des
eps, epsa entspricht der des lat. ipse und der des deutschen „selbst".
1. eps.
eps erscheint in folgenden Fällen:
Peccad negun unque non fez, per eps los nostres fu aucis. Pas-
sion 3. Chi eps lo morz fai se revivre. Ib. 9.
In Verbindung mit einem Personalpronomen:
Tu eps l'as deit, respon Jbesus. Ib. 46. Nos cestes pugnes son
aven, contra nos eps pugnar deven. Ib. 126.
In Verbindung mit dem Demonstrativum:
Lo nostrae seindrae en eps cel di ueduz furae ueiades eine. Ib. 105.
Pedras lo vit en ejjs cel di. Ib. 106. Paschas furenl in eps cel di.
Leodegar 14.
Auch substantivisch in einem Falle:
Un compte i oth, pres en l'estrit, ciel eps num avret Evrui. Ib. 10.
Anmerkung:
Alexius 125 findet sich die fast noch ganz lat. Form: ipse für
die lat. Ablativform ipso; es ist also nur das o zu e geschwächt:
En icest siecle nos achat pais e joie, et en cel altre la plus durable
glorie en ijjse verbe.
Ebenso ist in der Passion 45 die lat. Schreibung ipsum anzu-
treffen :
Dauant l'ested le pontifex, si conjuret per ijysum deu qu'el lor
disset, per pura fied, si vers Jhesus fils deu est iL
2. epsa.
Für epsa bieten sich drei Beispiele.
Pedres fortment s'en aduned, per epsa mort no 1 gurpira. Pas-
sion 29. Respon li bons qui non mentid, chi en epsa mort se per fu
pius. Ib. 75. Ad epsa nona cum perveng, donc escrided Jhesus granz
cris. Ib. 74.
Ausser diesem eps, epsa tritt nun, wie schon erwähnt, noch eine
mit met zusammengesetzte Form med eps auf; ich habe sie zweimal
in der Passion und einmal im Alexanderfragment belegen können:
Per lui medeps audit l'auem. Passion 46. Et cum asez Tont escarnid,
donc li ventent son vestiment, et el medepts si pres sa cruz. Ib. 64.
Li quarz lo duyst corda toccar et rotta et leyra dar sonar et en toz
tons corda temprar, per se medips cant allevar. Bartsch, Chrest. 20, 40.
In eps, epsa sowohl wie in medeps haben wir provenzalische
Formen zu sehen, die sich bei den eigentlich französischen Autoren nicht
880 Willy Etzrodt
finden. Hier erscheint in ganz seltenen Fällen ein Feniinium esse und
häufiger ein Maskulinum es, letzteres jedoch nur in bestimmten Rede-
wendungen, wie en es le pas, en es le jor, etc. Die Femininform esse ist
mir im Computus begegnet:
Quant sun cors at furnit et de tut aemplit, par esse la chariere
s'en repairet arriere. 1433, 34, cf. 2469, 70.
Weitere Beispiele von „es" wie von „esse" bringt Godefroy.
Nach diesen Bemerkungen über eps, epsa, es und esse wende ich
mich zur Darstellung der Syntax der meme.
I. meme im Sinne des lat. idem.
I. meme in Verbindung mit dem bestimmten Artikel,
1. Adjektivischer Gebrauch.
Wie im Deutschen der Artikel in Verbindung mit „selb", so findet
sich im Französischen der Artikel in Verbindung mit „meme" im Sinne
des lat. idem.
Die regelrechte Stellung des meme in dieser Verwendung ist die
zwischen Artikel und Substantiv. Diese Regel erleidet jedoch in afr.
Zeit viele Ausnahmen. Erst in späterer Zeit wurde der Stellung des
meme vor Artikel und Substantiv, zwischen Artikel und Substantiv und
nach Artikel und Substantiv eine bestimmte Bedeutung gegeben.
Für meme im Sinne des lat. idem finden sich folgende Stellungen :
a) Artikel 4- meme + Substantiv.
In dieser Stellung ist mir meme zuerst im 15.'' begegnet. Es wird
von da ab sehr häufig und ist in nfr. Zeit eine so geläufige und be-
kannte Erscheinung, dass ich nur wenige Beispiele anzuführen brauche.
a) Singularischer Gebrauch.
Double ballade sur le mesme propos. Villen, Gr. T. 46.
Vous retombez en la mesme faute qu'avez dejä commise. Estienne
I, 40.
Nous fümes avant-hier a la meme piece. Meliere III, 321.
J'avois lie une amitie intime avec le comte de Coetquen, qui etoit
dans la meme compagnie. Saint-Simon 56.
I'habite depuis quarante ans la meme maison et je n'en sors gufere.
France, Crime 28.
ß) Pluralischer Gebrauch.
Je vous assure que les mesmes paroles qui unt ete dictes au-
jourd'hui au baptesme de vostre fiUeul furent dictes et celebrees a vostre
baptesme. Cent II, 102.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne nnd m^me 881
Noos noii8 retournons donques de rechef aux mesmes propos que
au commencement nous avions nyez et rejettez. Des Pcriers 44.
Quelque autre peut-etre auroit pu reduire les memes choses en
moins de paroles Sövigne I, 346.
CoDQQie on u'eu etait citoyen que par une espcce de fiction,
qu'on n'avait plus les memes magistrats^ les memes murailles, les
memes dieux, les memes teinples, les memes sepultures, ou ne vit plus
Rome des memes yeux. Montesquieu, Grandeur 101.
J'ai eonnu un vieux teuor qui avait les memes inquietudes lors de
sou trolsieme debut. Robe III, 4.
b) meme + Artikel + Substantiv.
Neben der sehr gewöhnlichen Stellung des meme findet sich obwohl
selten auch Voranstellung des meme vor den beiden Gliedern. Sie tritt
schon sehr früh auf, kommt aber nach meinen Belegen nach dem 14."
nicht mehr vor.
11 a sa mort fust enseveliz en meime le sepulcre u li bons huem fud
enseveliz. Rois p. 290. Fist faire une eschiele de quyr de meisme la
longure de le fyl de saye que s'amie ly maunda. Nouv. 14. °, 37. De
quel estature est-il? — Sire, a mon entendement, de meisme l'estature
que je suy. Nouv. 14.°, 81 ; cf. 83.
c) Artikel + Substantiv + meme.
Eine durchaus sichere Entscheidung, ob meme im Sinne vom lat.
idem oder in dem vom lat. ipse vorliegt, ist bei dieser Gruppierung in
einzelnen Fällen nicht möglich. Je nach der individuellen Auffassung
wird mau sich für die erstere oder die letztere Bedeutung entscheiden.
Solche Fälle sind z. B.
L'armee du roi demeura longtemps comme eile se trouva, sur le
terrain mhne oü eile avoit combattu. Saint-Simon 261. N'est-ce pas le
propre des pays de gyuecees de produire une sorte de confusion dans
les sexes et d'affaiblir Tun dans la mesiire ineme oü l'autre est degrade.
From., Sahel 90.
Hierher gehören dagegen m. E. Beispiele wie die folgenden:
C'est pourquoy le Sage mesme (Plato) a dit: Bouum est pauxillum
amare sane; insane non est bonum. Menippee 211. Quand nous faisons
plaisir, nous avons la consideration meme que nous avons quand nous
labourons et que nous semons. Malherbe II, 98; Haase 17.".
2. Substantivischer Gebrauch.
Der Gebrauch des substantivischen meme ist im Vergleich zu dem
des adjektivischen bedeutend seltener. Beispiele vermag ich erst vom
16. Jahrhundert an beizubringen.
Romanische Forschungen XX VII. 56
882 Willy Etzrodt
a) le meme.
Et Plauens escrivant au mesme (Cicero) dit qu'il ne se peut tenir
de le remercier. Estieune 44.
Quel est votre dessein apres ees beaux discours? — Le meme que
j'avais, et que j'aurois toujours. Corneille III, 403. II etait rare que
le sujet de la conversation füt le meme ä la table des patrons et ä la
table des douaniers. Hugo, Tr. I, 240.
Anmerkung-:
Le meme wird wiederholt nach vorausgehendem le meme + Sub-
stantiv in folgendem Beispiel:
Et le meme interet qui nous fit consentir . . . ii me laisser partir
le meme me derobe ici votre couronue. Corneille, LaPoisou d'or 111, 3;
Littre.
c) la meme.
Oui, je me reconnois, je suis toujours la meme. Racine II, 527.
Ija nature n'est-elle pas la meme dans tous les hommes? Voltaire I,
213. La beaute des betes n'est pas la meme que la beautö des hommes.
Hugo, Trav. I, 331.
Anmerkung:
Wie oben le meme wird la meme wiederholt:
La meme vivacite qu'on a ä lui donner sa parole, la meme fait qu'on
la retracte. L'abbe Boileau, Pensees choisies; Godefroy: Corneille.
e) les memes.
Les mesmes vous diront, j'ai reconvert cela, au lieu de dire, j'ay
recouvre cela. Estienne 186. De Juifs parlant la langue commune et
restes toujours les memes. From., Sahel 86.
Anmerkung:
Les memes nach vorausgehendem les memes -j- Substantiv begegnet
uns in nachstehendem Satze :
Avec les memes armes qu'employa le soldat pour combattre son des-
espoir, avec les memes il attaque sa pudicite. St.-Evremond, La Matr.
d'Eph.; Godefroy: Corneille.
Besonders häufig erscheint les memes in der Bühnenanweisung bei
Theaterstücken:
Les memes, Nichette. Dumas I, 2. Les memes, Blanche. Aug.,
Fourch. I, 7. Les memes, moins Ligniere. Rostand I, 3.
II, meme in Verbineltmg mit dem unhestimmten Artikel.
1. Adjektivischer Gebrauch.
In ähnlicher Verwendung wie mit dem bestimmten Artikel erscheint
meme mit dem unbestimmten Artikel; un meme resp. une meme ent-
spricht etwa dem deutschen: „ein und derselbe, eine und dieselbe."
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und meme 883
Es tritt schoD im 12. Jahrhundert auf und hat sich bis iu die
neueste Zeit erhalten. Die gewöhnliche Stellung von meme in Ver-
bindung mit dem unbestimmten Artikel und einem Substantiv ist die
des meme zwischen beiden Gliedern. Doch findet es sich, allerdings
sehr selten, auch nach dem Substantiv.
a) Unbestimmter Artikel + meme -f Substantiv.
Ju encherche cum el seit ne tote li trinitez seit d'ecuval glore et
d'une mesmes sustance (uua eademque substantia : Original). Bernhard 35.
Et eurent les diz trois estas une mesmez consideracion chacun par soy.
Valois 59. S'entr'amerent tant fort et si loyalment qu'ils n'avoient qu'une
seul coeur et ung mesme vouloir. Cent 138. Nous vivons sous mesme
tect et humons im mesme air. Montaigne 153. Un meme coup a mis
ma gloire en sürete, mon äme-au desespoir, ma flamme en liberte.
Corneille III, 192. Pour lors Rome ne fut plus cette ville dont le peuple
n'avait eu qu'ww meme esprit, mi meme amour pour la liberte, une meme
haine pour la tyrannie. Montesqu. Grandeur 101. Aussi n'etions-nous
unis, ni par une meme volonte, ni par un meme pas. Peau 106.
Anmerkung:
Auffällig in den ersten beiden Beispielen ist die Schreibung des
meme mit einem s. Diese Schreibung, die sich für meme sowohl in
der Bedeutung des lat. idem wie in der von ipse findet, lässt sich nur
unter Einfluss des Pronominaladverbs memes erklären, das in afr. zum
Teil auch noch in nfr. Zeit das sogenannte adverbiale s zeigte.
Anmerkung:
meme mit dem unbestimmten Artikel une vermisst man vor dem
zweiten Substantiv in folgendem Beispiel:
En un mesme sang et famille. Chartier, L'esper. 316, 3; Eder 90.
Anmerkung:
Zuweilen findet sich un, une meme + Substantiv durch seul ver-
stärkt :
Un seul et mesme esprit operant toutes choses en tous. Montchrestien
I, 14; Lücking. Aussi remarque-t-on que, dans «n sew^e^ »<me Systeme,
la nature a pris soin de diversifier ces passions. Diderot 73. J'ai
montre que les noms qui . . . et ceux qui . . . dependaient d'une seiile
et meme condition. Littre.
b) Unbestimmter Artikel 4* Substantiv + meme.
Car il a a sei apele gent paene et gent judaisme, qui creient une
lei me'isme. ßestiaire 2100 (Reim!). Je ne vois qu'wwe cadence mesme.
Dammholz 36.
56*
884 VfiUy Etzrodt
2. Substantivischer Gebrauch.
ün meme ohne folgendes Substantiv habe ich nur selten angetroffen
und nur in den afr. Übersetzungen der Psalmen und der Reden des
heiligen Bernhard.
E si cume cuverture uraera eis; mais tu un mesme ies, e li tuen an
ni defaldrunt. Psalm CI. Car iins mismes est li germons nostre signor
et li fruiz de la terre, uns mismes est li filz de üeu et li fruiz de la
virgine Marie, uns mismes est li filz David et li sires. Bernhard 196.
III, meme ohne Artikel.
A. Adjeictivischer Gebrauch.
Das adjektivisch gebrauchte meme im Sinne des lat. idem hat der
Regel nach den bestimmten Artikel bei sich. Doch finden sich zahl-
reiche Fälle, wo der Artikel fehlt und zwar nicht nur, wenn die Be-
deutung des meme = idem geschwächt ist und etwa die Bedeutung
von lat. similis angenommen hat, sondern auch zum Teil, wenn die
volle Bedeutung gewahrt ist.
a) Singular.
a) meme ohne vorangehende Präposition.
L'homme ha tousjours mesme corps, mesme teste^ mesme bras. Labe 47.
Mesme fer^ mesme jour achevoit nos fuzees, nous devalions ensemble aux
plaines Elizees. Hardy, Didon V. Huit jour apres, ce gentilhomme
prit femme a sou tour; a Guillot il permit meme faveur. Laf., Conles
III, 9, 11.
Die Auslassung des Artikels ist besonders häufig bei fehlendem
etre oder il y a.
II en est des maisons particulicres comme des boutiques; meme
apparence discrete et me})ie iticurie ä l'exterieur. From., Sahel 28. Elle
portait le heunin ä deux corues et la queue de la robe de brocart ser-
pentait autour de ses petits pieds; 7neme visage^ m^me taute. France,
Crime 56.
Anmerkung:
Bemerkenswert ist die Stellung des meme in folgendem Beispiel:
Ceux que tu vois d'uu visage si blesme couchez icy, ont eu/ortune
mesme. Franciade 104 (Reim!).
ß) mßme mit vorangehender Präposition.
de:
Combien diversement discort il de mesme chose! Montaigne 207.
Une aiguicre et une jatte d'argent, deux burettes et un petit bassin
de meme metal. Massillon 124, 1.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personnc und iu6me 885
De toutes maisons qui m'entourent, il n y en a pus deax, dout
les habitunts soient de meine race. From., Sahel 15.
ü:
Nous sommes chresliens, ä mesme titre qiie nous sommes ou peri-
gordins ou alemans. Montaigne 125.
avec:
Tou8 ceux que ce devoir ü nion service engage ne s'en acquittent
pas avec meme conrage. Corneille III, 171,
d e d a n s :
Charon, qui dedans mesme nef et d'un mesme aviron traverse les
pasteurs. Hardy, Panthöe III, 1.
en:
Heraclitus disoit que jamais homrae n'estoit deux fois en mesme
riviere. Montaigne 313.
Anmerkung:
Der Artikel fehlt stets bei en meme temps. Beispiele anzuführen
erscheint nicht nötig.
par:
Par mesme raison nous fut dict qu'elle ne fiantoit si non par pro-
curation. Gargantua 91. Et par mesme moyen nous ont laisse nostre
langue si pauvre et nue, qu'elle a besoing des ornementz. Defense 56.
sous:
D'heureux soldats qui sous meme Hentard ont rendu des combats.
Rotrou 319, cf. 325. Voici comment le grand pere ä Brulette et la mere
k Joseph demeuraient sous meme chaume. G. Sand 6, 12; Born 66.
b) Plural.
Die Beispiele sind hier nicht so zahlreich wie im Singular
Du tout semblable ä l'heritier d'Hector, mesmes cheveux crespelus
de fin or. Franciade 47- Je tremble, je soupire, et vois que si nos
Coeurs avoient wewes rfcs/rs, je n'aurois pas besoin d'expliquer messou-
pirs. Corneille III, 424. Un marche arabe ressemble ä nos foires de
village; memes iisages ou ä peu pres. From., Sahel 265.
B. Substantivischer Gebrauch.
Die Beispiele sind äusserst spärlich; ich erwähne hier folgende:
Ton art est toujours meme. Rotrou 291. Leur souflfrance, leur
chagrin, etaient memes. Daniel Riche; Plattner III, 2, 181.
IV. Neutrales meme.
Es erscheint in Verbindung mit dem bestimmten und unbestimmten
Artikel; für den bestimmten Artikel erscheint einmal das demonstrative
ce. Der Gebrauch dieses le meme, un meme und ce meme ist im
fcm/^ Willy Etzrodt
ganzen selten; für die neueste Zeit habe ich keinen Beleg gefunden.
Zum Ersatz finden sieh mehrere Umschreibungen^ die ebenfalls im folgen-
den erwähnt werden.
1. ie meme.
II y en a d'autres desquels on ne peut dire le meme. Estienne 282.
Je mesprisois son dire et ne le croyois pas, bien que mon bon
demon me dist souvent le mesme. Regnier 30. J'espere de vous le
mhne. Corneille, Ages. I, 2; Lücking.
Aus neuerer Zeit führt Plattner III, 2, 181 an;
II faut dire le meme de la diphthougue ai. Mourgues.
,Noch heute gebräuchlich ist neutrales lememe in der Redewendung:
cela revient au meine., die sich auch im 18." findet:
A l'exception de vous, toute femme m'est ögale ; brune, blonde, petite
ou grande, tout cela revient au meme. Marivaux 366.
2. un meme.
Ce qui souffre mutation ne demeure pas un mesme, et s'il n'est pas
un mesme^ il n'est donc pas aussi. Montaigne 315.
3. ce meme.
Et ce mesmes fut dit au roy Edouart d'Angleterre, Valois 259.
Vertretung des neutralen meme findet statt:
a) Durch: la meme chose.
Wie schon gesagt, wird das neutrale meme nur selten gebraucht,
die gebräuchlichste Wendung, die zum Ersatz dient, ist la meme chose,
das seit dem 16." auftritt
Ils peuvent exprimer la mesme c/iose eu diweraes aoHes. Estienne 71.
Vous me priez que je vive. Je vous demande la mesme citose.
Voiture 673.
Je ne dormais plus; je revais toujours la meme chose, j'etais melan-
colique. Voltaire I, 272.
Vous etes butee, vous r6p6terez toujours la meme chose. — Oui,
je rcpeterai toujours la meme chose. Robe II, 7.
Auch mit Auslassung des Artikels bisweilen:
Tout aufre n'eüt pas fait jneme chose en ma place? Moliöre, Dep.
am. 1205, Lexique. Tromper une femme ou faire faillite a toujours ete
meme chose pour moi. Peau 80.
Anmerkung:
Adverbial gebraucht im Sinne von egal ement erscheint la meme
chose in folgendem Beispiel aus der neuesten Zeit, das Pfau p. 35
anführt:
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter peraonnc und mcme 887
Ils avaient faire la mcme chose toiis, la femme et les tetes de bagne.
Gyp, Miquette.
b) Durch: une meme chose.
Et totevoies siguefiet et li uns et li altres une meismes chose (utrumque
idem siguificat : Original). Beruhard 378. cf. 213. Ainsi doneques toutes
les choses, que la nature a crees . . . sont cliacune endroit soy une
tnesme chose. Defense 51. Tressaillir, pousser un cri, m'ölancer ä la
place qu'elle m'avait marque, ne fut pour moi qu'une m^me chose. Kous-
seau 114.
c) Durch: une seule et meme chose.
Une seule et meme chose, etwa dem deutschen „genau dasselbe"
entsprechend, tritt bedeutend seltener auf als die zuerst genannten
Wendungen. Ich führe hier nur der Vollständigkeit halber das Schul-
beispiel an: Ce n'est qu'une seule et meme chose.
IL meme im Sinne des lat. ipse.
In dieser Verwendung bezeichnet meme die Person oder Sache, von
der man spricht, ausdrücklicher und nachdrucksvoller; es hebt die
Person oder „den Gegenstand mit Nachdruck in seiner Ausschliesslich-
keit hervor" (Mätzner, Gr. 171). Es entspricht in dieser Verwendung
meist dem deutschen „selbst" und schliesst sich vorzugsweise an ein
Substantiv oder ein Pronomen personale au.
I, meme in Verbindung mit einem Substantiv und dem
best, Artikel.
Bezüglich der Stellung des meme in diesem Falle ist zu be-
merken, dass meme nicht nur in der jetzt allgemein vorgeschriebenen
Stellung hinter dem Substantiv erscheint, sondern auch zwischen Ar-
tikel und Substantiv anzutrefieu ist, obgleich diese Gruppierung Anlass
zu Verwechslungen mit meme in der Bedeutung des lat. idem bieten
konnte.
1. Artikel -f- Substantiv -j- meme.
a) Das Substantiv ist ein Konkretum.
a) Singularischer Gebrauch:
Beispiele zeigen sich schon früh; ich bringe solche nur bis zum
16.", da sie in nfr. Zeit eine ganz geläufige und bekannte Erscheinung
sind.
II avoit oit ceu que li salveres mismes avoit dit. Bernhard 93.
Erec tarda mout la bataille, les armes quiert, et Tan li baille; la pucele
meismes Tarme. Erec 709. Li rois meismes m'i ot donne Labia s a
moillier. Amis 2198. Etyls'i ferirent vigerousement; le Q,o\m\,Q meismes
888 Willy Etzrodt
asaily sire Fouke, Nouv. 14.<>, 100. Celui qui mieulx souhaytera au
dit de l'hotesse ne payera lien et s'en ira franc et quitte, et l'hotesse
meme en jugera. Parangou 121.
ß) Pluralischer Gebrauch.
Je ne puis aller ä pied, je suis fort mal ä cheval, le carosse m'est
trop rüde, et ies chaises mesmes , . , me sont incommodes. Voiture 257.
Les dieux memes ne peuvent le condamner. Fenelon, Mätzner, Gr. 171.
Los Romains ne vainquiient les Grecs que par les Grecs meines. Dictionn.
de l'Acad.
Anmerkung:
Im 17.'' findet sich zuweilen meme im Plural ohne s geschrieben.
„Die Verklirznng geschah dem Vers zuliebe, damit durch die Elision
der letzten Silbe von meme vor darauffolgendem Vokal der Vers seine
richtige Anzahl Silben bekam" (Lahmeyer 89).
Ainsi par les lois meme en mon pouvoir remise, je me donne au
monarque ä qui je fus promise. Corneille, Soph. III, 6; Lahmeyer 89.
b) Das Substantiv ist ein Abstraktum.
„Abstrakte Substantiva hebt das hinzugefügte meme aus ihrer All-
gemeinheit heraus und individualisiert oder personifiziert sie gleichsam."
Mätzner, Gr. 171.
Die Bedeutung des meme geht hier weiter von „selbst" zu „für
sich selbst betrachtet, leibhaftig verkörpert".
A ceu a faire ne poot om plus covenaule maistre atrover ke la
veriteit mismes (veritas ipsa: Original). Beruhard 22. Füt-il la valeur
mhne^ et le dien des combats, il verra ce que c'est de n'obeir pas. Cor-
neille III, 138. Cette femme etait la laideur tneme. Saint-Simon 293.
D'ailleurs, la vieille demoiselle etait la probite meme. Pot-Bouille 164.
meme in dieser Verwendung kann sich auch auf mehrere Ab-
strakte zugleich beziehen.
II etoit la verite et l'honneiir et la probite meme. Saint-S. 30.
C'est la douceur, la raison, l'enjouement meme. Marivaux 229.
2. Artikel -j- meme + Substantiv.
a) Singularischer Gebrauch.
Quand aux especes de vers, qu'ilz veulent imiter, elles sont aussi
diverses, que la fantasie des hommes et que la mesme nature. Defense 139.
Ebenso noch im 17.":
Sais-tu que ce vicillard fut la meme vertu, la vaillance et l'honneur
de son temps? Corneille III, 128.
Beispiele aus dem 18. und 19." sind mir nicht aufgefallen.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personue und uißuie 889
Anmerkung:
meme, in dem gleichen Sinne (= ipse, selbst), hinter und vor dem
Substantiv liegt vor in:
Uinnocence meme et la meme candeur. Com., M^dee II, 1 ; Lahm 85.
Auch bei Eigennamen findet sich meme zuweilen zwischen dem
Artikel und dem Eigennamen :
Pense avant le refus ce que ))our toy je suis, qui le mesme Cirus
en son absence suis. Hardy, Panthee II, 1. . . . Qui ne penseroint, et
feussent ilz la mesme Pytho, pouvoir rien dire de bon, si n'etoit en
langaige etranger. Defense 60. Fust ce le mesme Apollo. Rec. de ron-
deaux, 1639, p. 128; Livet.
b) Pluralischer Gebrauch.
Hier sei ein Beispiel aus dem 16." angeführt:
Le tens viendra . . . que nostre langue sortira de terre, et s'elevera
en teile hauteur, et grosseur, qu'elle se pourra egaler aux mesmes Grecs
et Romains. Defense 59.
II. meme in Verbindung mit einem Eigennamen.
Meist steht meme in dieser Verbindung hinter dem Eigennamen, so
schon im Alexius; für Vornnstellung des meme bieten sich nur ganz
seltene Beispiele.
1. Eigenname + meme.
9o lor est vis que tiengent Deu medtsme. Alexius 123. Si cum
sainz Pols mismes tesmogiiet. Bernhard 143. Mahommes mesmes i va,
il dist . . Mahomet 816. Et de Cesar les vaillances supremes nul
n'eust pas mieulx escript que Cesar mesmes. Des Periers 181. II
respecte en Pyrrhus Achille, et FyrrJms meme. Racine II, 114. II vous
doit, a-t-il dit, plus qu'ä Porsenna meme. Voltaire I, 235.
2. meme -|- Eigenname.
Par le mien escientre, 90 est me'ismes Deus! Karlsr. 139.
III. meme in Verbindting 7nit dem Pronomen personnale.
Die Forderung der modernen französischen Grammatik, dass meme
nur in Verbindung mit den satzbetonten, sog. absoluten Formen
des Pronomen personale auftreten darf, ist in der älteren afr. Zeit nicht
zu konstatieren. Erst im Laufe des 13. und 14.*' sind die satzbetonten,
schweren Formen an die Stelle der alten satzunbetonten, leichten
Formen getreten, „haben sich im 15.° fast ganz festgesetzt und er-
langen ihre volle Geltung im 16.® (Lahmeyer 7; Gessner I, 4).
890 Willy Etzrodt
1. Singular.
So ist mir für die 1. Pers. Sg. des mit meme verbundenen Pro-
nomen personale sehr oft die Form je meme begegnet. Diese ist nach
meinen Belegen die bis zum 15.* für den Nominativ allein existierende
Verbindung. Erst zu dieser Zeit gelang es dem Obliquus den Nominativ
zu verdrängen, so dass von da ab die heute allein gebräuchliche Form
moi-meme erscheint.
Bemerkt sei noch, dass die Schreibung des meme mit s sich
auch bei dem mit meme verbundenen Personalpronomen findet.
1. Person.
a) je meme.
Ju nen entent k'altres soit li amins qui qui a mi vient, mais que
ju misines. Bernhard 153.
13.": lou meismes vous ocirrai et de vous deus les cies prendrai.
Flore 2975.
14.": Et Je mesmes qui fus lä present ne peus en mon hostel entrer.
Jehan le Bei 40.
15.": Je le scay bien, car Je mesmes vous baptisay. Cent II, 102.
b) moi-meme.
a) Als Subjekt.
Nach dem Aussterben von je meme als Subjekt des mit meme ver-
bundenen Personalpronomen tritt moi-meme an seine Stelle.
16.°: Sire dit le marchant, il dit plus de bien ä ceste heure cy de
vous que je ne fays moi mesme. Parangon 113.
17.": Quand je vis que mon coeur ne sc pouvoit defendre, moi-
meme Je donnai ce que je n'osois prendre. Corneille III, 111.
18.": Je rcQois une troisieme critique; celle-ci est si miserable que
Je n'en puis moi-meme soutenir la lecture. Voltaire I, 37.
19.": C'est bien la jeune fille que j'aimais quand /etais moi-meme
un jeune homme. France, Crime 58.
In den im Vorstehenden augeführten Beispielen ist die von Diez III,
50 bereits erwähnte Regel: „Ist das Subjekt bereits durch das be-
tonte Pronomen ausgedrückt, so wird heute in der Kegel die tonlose
Form pleonastisch dem Verb hinzugefügt", befolgt. Es finden sich aber
auch Fälle, in denen das satzunbetonte Pronomen fehlt, zum Beispiel:
Et je vous confesse que moy-mesme use souveut decemot. E8tiennell2.
Da dieselbe Erscheinung fast bei allen folgenden Verbindungen
des Pronomen personale mit meme in ähnlicher Weise zu Tage tritt, so
werde ich dann nur ganz kurz darauf zurückkommen.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personno und möme 891
ß) Als Objekt.
Da die Beispiele überaus zahlreich sind, führe ich solche nnr bis
zum IG.** an:
Si je V08 aimme si cum mi mismes (me ipsnm: Original). Bern-
hard 286. La trouveroiz les dcstriers et les armes et moi me/sme.
Jourdains 983. Je cougnois tout, fors que mo^j mesmes. Villon, Poes,
div. 11. Mais je n'y ay autres armes, conseii, municion, ayde que moy
mesme. Labe 14.
y) Von einer Präposition abhängig.
Besonders häufig erscheint das mit meme verbundene Personal-
pronomen nach Präpositionen. Wegen der sich in sehr grosser Menge
bietenden Beispiele führe ich jedesmal nur einige wenige Fälle an. So
tritt moi-meme auf nach: de:
Et ne pensez pas, j'eusse trop mieulx ame la mort que d'avoir de
moy mesmes consenty ne accorde ce meschef. Cent 31. J'interromprai
ici pour un moment cette relation, pour dire un mot de moi-meme.
Saiut-Simon 249.
Anmerkung:
de in Verbindung mit dem durch meme verstärkten Personal-
pronomen dient öfters zum Umschreiben des Possessivums (cf.
Kramer 46).
C'est le temps d'oü je date sans interruptions la conscience de moi-
meme. Rousseau I, 8; Kramer ib.
bors de.
Mais j'apergoy, ayant errt^ maint tour, que, si je veus de toy estre
delivre, il me convient hors de moy mesme vivre. Labe 125.
au deduns de:
Je murmurai mi deduns de moi-meme le vers du poete athenien!
France, Crime 28.
ä:
Et si ju en voix, ju reverrai lo parax et si vos parrai a mi mismes
Bernhard 180. Oh! que j'ai honte ä avouer cela, ä le dire tout haut,
apres me Fetre avone a moi-meme. Kobe III, 9.
Anmerkung:
Zur Verstärkung des Pos sessiv um dient ä moi-meme in folgen-
den Beispielen:
A mei-meesme la meie aneme est conturbee. Psalm XLI, 8. Tous
mes sens ä moi-7)ietne en sont eocor charmes. Corneille III, 105.
contre:
Plus j'y pensais, plus je m'md^giisiis contre moi-m^me. Rousseau 95.
892 Willy Etzrodt
dans:
Et dans moi-meme je dis. Laf., Contes III, 12, 22.
en:
Et ne fait mies a mervillier, si ju suis en cusenceon por vos, deske
ju troz en moi mismes granz okesons de cusenceon (in me ipso: Ori-
ginal). Bernhard 286. Je l'observe et je me dis en moi-meme. France,
Crime 120.
entre:
Si me pris un pou a souscrire et entre moy meismes a dire: suis
je fole? Chemin 1118.
avec:
Je ne suis point d'accord avec moi-meme. Marivaux 373.
par:
„Die Bedeutung dieses par ist meist, dass eine Tätigkeit aus eigener
Kraft, in eigener Person geleistet wird und keine fremde Beihilfe nötig
ist . . . Öfters aber bedeutet es auch, dass eine Handlung aus eigenem
Antriebe ohne fremde Anregung erfolgt" (Plattner III, 2, 55). Diese
Bemerkung gilt auch für die übrigen Verbindungen der Präposition par
mit dem durch meme verstärkten Pronomen personale.
Quand ton maitre sera venu, je tächerai . . . de le connaitre par
moi-meme. Marivaux 243. Je ne puis rien entreprendre par moi-meme.
Dumas; Plattner III, 2 54.
pour:
Kar jo ceste cited guarantirai pur mei-meime e pur David mun
serf. Rois IV, 19, 34. Je me suis souvenu tout ä coup que le temps
fuyait pour tout, pour tous et pour moi-meme. From., Sahel 83.
sur:
Je n'avais plus de souci pour moi-meme. Rousseau 87.
vers:
De ses dous enfanz mesparlai, vers mei meismes mesdit ai. Marie
de Fr.; Fraisne 480.
2. Person.
a) tu meme.
Das satzunbetonte Personalpronomen der 2. Person tu in Verb, mit
meme ist mir nur im Oxforder Psalter, in der Übersetzung der vier
Bücher der Könige und der Reden des heil. Bernhard begegnet.
Ich führe je ein Beispiel an:
Tu medesme ies li miens reis e li miens Deus, chi mandes saluz ä
Jacob. Psalm XLIII, 6. Respundi li reis: Tu-meime as dit le dreit
jugement que estre en deit. Rois III, 20, 40. Ensi poras tu mismes
o'iT ceu que li apostle oirent. Bernhard 192.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mfemc 893
b) toi-meme.
«) Als Subjekt.
Die satzbetonte Nominativform toi-meme erscheint nach meinen
Belegen zuerst im 16.".
Toy menie tu as dit qu'elle avoit refuse dix escus, Parangon 222.
Toi-meme tu Tas vu courir dans les combats. Racine II, 486. Tu dois
aller toi-meme ouvrir la porte? France, Crime 94.
Auch mit Auslassung des satzunbetonten tu:
Toy meme vens ta femme, puisque tu prens ces biens lä. Paran-
gon 220. As-tu pas eu . . . toute la liberte que toy-mesme as vonlue.
Sophonisbe 12.
ß) Als Objekt.
Hier erscheinen Belege schon im 12.".
Tu, qui altrui ensegnes, nen ensegues mie toi mismes. Bernhard 122.
Aime ton proebain com toy mesmes. Mir. V, 921.
Tu ne dois point pour quelque faultre extresme tant chastier autruy
comme toy mesme. Des P^riers 121.
Ein modernes Beispiel:
Je ne peux pas le croire, et je te trouve toi-meme un peu prompt.
Augier, Fourch. V, 1.
y) Von einer Präposition abhängig.
Von den zahlreichen Beispielen führe ich nur folgende an:
Die Präposition ist: de.
Et si eswarde de toi mismes, que tu assi ne soies temptez. Bern-
hard 115. C'est de toy meme que le nom seulement change, la fable
est feinete et racomptee. Des Periers 100.
ä
Geste perfete continence, que tu doies a toi mismes, quier devant
totes altres choses. Bernhard 122. Retourne, frere, retourne a toy-
mesmes. Curial 13, 29.
devant
Mon rachat devant toi-meme etait de faire de toi un des heureux
de ce monde qui me rejetait. Aug., Fourch. II, 1.
en
Je te conseille que tu te delectes en toy mesmes de ta vertu.
Curial 19, 18.
pour
Mais si d'aventure quelqu'un vouloit achapter la vache, vens la
comme pour toy mesme. Parangon 6.
sur
Sor toi mismes soies desdignos. Bernhard 282.
894 Willy Etzrodt
3. Person.
Maskulinum.
a) il meme.
Als männliches, mit meme verbundenes Personalpronomen der
3. Pers. Sg. erscheint in afr. Zeit zunächst il meme und zwar zum
erstenmal im 12."; das letzte Beispiel vermag ich aus dem Ib." beizu-
bringen.
E il meismes vers Ramatha alad. Rois I, 19, 22. Li rois fist
maintenant monter . . . puis est il meismes montez, Erec 2339.
13.": Et il meismei^ en fu menez chaitis. Jourdains 3479.
14." : Le cheval sire Joce fust ocys, et i/l meismes durement naufre.
Nouv. 14.«, 46.
lö.*»: II dist a sa femme . . . que pour mieulx besoigner, ily vou-
loit mesmes aler. Cent II, 116.
Im Anschluss an ein vorangehendes Substantiv findet
sich il meme in folgenden Beispielen:
Li deus de Israel il-meesme dunrat vertut et fortece a sun pople.
Psalm LXVII, 38. El li empereres il meismes les servit au mangier
del Premier mes. Marques 2.
Anmerkung:
Beachtenswert ist die aus cors und einem Possessivum be-
stehende Hinzufügung zu il meme:
II meismes ses cors est maintenant montez. Gui de Bourg. 44;
Tobler, V. B. I, 63.
b) lui meme.
Neben il meme findet sich schon im 12." das in nfr. Zeit allein
existierende lui meme als 3. Sg. Maskulini.
Wie bei moi meme und toi meme das tonlose Pronomen fehlen
kann, so auch bei lui meme das il.
a) Als Subjekt.
Eliseus li prophetes resucitat un mort, mais ceu fut altrui et ne
mies lui mismes. Bernhard 97. Et s'en ala luy mesmes a Vilvorde.
Jehan le Bei 150. Le remede dont il m'advertit, lui mesmes le mist a
exercion. Cent 20. II daigne bien lui mesme peine prendre d'user de
l'art que je te veux apprendre. Marot 43.
Nfr. Beispiele glaube ich nicht anführen zu brauchen. — Im An-
schluss an ein Substantiv begegnet meme in folgenden Fällen:
Mais le document lui-meme, qu'etait il devenu? France, Crime 41.
Ebenso nach einem Eigennamen:
Amour luy meme, il me le faict laisser, pour me venger de son
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personue und uiftme 895
tort et oiiltrage. Des Periers 161. Et qui s'honoreroit de l'appui
d'Agrippine lorsque Neron lul-meme aunouce mu ruioe? Racine II, 268.
Lethierrg avait construit lui-meme la Galiote. Hugo, Trav. I, 178.
ß) Als Objekt.
Als Objekt erscheint lui-meme in einem doppelten Gebrauch, näm-
lich 1. in nicht reflexivem 2. in reflexivem. Letzteren Gebrauch lasse
ich hier unerwähnt, da er in folgender Dissertation ausführlich be-
handelt ist:
Rudolf Warnecke, Die Syntax des betonten Reflexivpronomens
im Frz. Gott. Diss. 1908.
Nicht reflexiver Gebrauch liegt vor in folgenden Fällen:
J'auroye plus eher acquester un bon amy que tout Tor du roy
Darius, ou que l'avoir prisonnier lui-mesme. Des Periers 22. Gar vou-
loir coDtrefaire un comedien dans une röle comique, ce n'est pas le
peindre lui-meme. Moliere III, 394.
ImAnschluss an ein vorangehendes Substantiv im Akkusativ
erscheint lui-meme, wenn es heisst:
Epargnez mes sujets; epuisez toutsurmoi! Sanvezle roilui-meme!
Voltaire I, 146.
y) Mit einer Präposition verbunden.
Auch in Verbindung mit einer Präposition erscheint lui-meme in
reflexivem und nicht reflexivem Sinne. Vergleiche auch hier die so-
eben angeführte Diss. v. R. Warne cke.
Nicht reflexiv gebraucht ist d e 1 u i - m e m e in folgendem Beispiel :
Si-ben-Hamida, je l'appris de lui-meme, est un eleve du College
Saint-Louis. From., Sahel 139.
Anmerkung:
Wie de moi-meme, so kann auch de lui-meme zur Umschreibung
des Possessivums dienen.
Li Sire el ciel aprestad sun siege, e le regne de lui-medesme a tutes
choses segnurerad. Psalm ClI, 19. Ce qu'il portoit dans la partie la
plus intime de lui-meme le consumoit secretement. Fenelon, Tel. 503;
Kramer 52.
ä lui-meme als persönliches Fürwort erscheint in:
A lui medisme ont l'almosne donede, il la receut come li altre
fredre. Alexius 24. Et par biaux sillogisemens lui en fist pluseurs
argumens, a lui meismes les faisoit souldre. Chemin 273.
Da der Gebrauch und die Verwendung der übrigen Präposi-
tionen bei lui-meme genau ebenso ist und nichts neues bietet, glaube
ich diese von der Untersuchung ausschliessen zu dürfen.
896 ' Willy Etzrodt
Femininum.
a) li meisme.
li meisme habe ich nur im 12." nachweisen können und nur nach
Präpositionen. Dann kam es ausser Gebrauch und die ursprüngliche
Nominativform eile trat an seine Stelle.
Es erscheint abhängig von folgenden Präpositionen:
de
Ceste est vraiement cele sapience, ke de lei mismes dist: Cil qui
me manjüent, averunt ancor faim de moi. Bernhard 331.
ä
Mes la dame tote nuit ot a li me'ismes grant tan^on. Low. 1735.
per
Si 11 humaine nature ne pot ester quant ille ancor estoit enterigne,
molt moeus puet ille or relever 'per lei mismes, quant ille corrumpue
est (Original: per se ipsam). Bernhard 16.
b) eile meme.
Als weibliche Nominativform der 3. Sg. des Personalpronomen in
Verb, mit meme habe ich nur eile meme belegen können, das mir zu-
erst im Erec begegnet ist und sich bekanntlich bis heute erhalten hat.
Interessant ist, dass es der schweren, satzbetonten Form li nicht ge-
lungen ist, die satzunbetonte, leichte Form eile zu verdrängen.
Et bien savoit qu'il seroit rois et ele meisme enoree. Erec 689.
Elle meisme li a ceint a son flanc. Jourdains 1747. Puis cria elle-meme
a la fenetre. Jehan 82. Ma cousine d'Aumale feit fort bien son devoir,
fouillant elle-inesme dedans les cabinets. Menippee 45.
Ein nfr. Beispiel:
Elle reconnait elle-meme le danger. Augier, Fourch II, 1.
Oft findet sich eile meme im Anschluss an ein vorangehendes
Substantiv:
La marechale eile meme me l'a conte. Saint-Simon 85. Ainsi, la
nature elle-meme conspirait ä le plonger dans une extase douloureuse.
Peau 11.
Ebenso auch bei einem vorangehenden Eigennamen:
De Cupido le dyademe et de roses un chappelet, que Venus cueillit
eile mesme dedans son jardin verdelet. Marot 14. Sauvons-le, malgre
lui, de ce peril extreme, pour nous, pour nos amis, pour Roxane elle-
meme. Racine II, 543.
Anmerkung:
Wie bei il meme findet sich auch bei eile meme die Hinzu-
ftigung von Possessivum -V cors als verstärkende Apposition:
Die Syntax der iinbestiinniten Fürwörter personnc und m6me (S97
Ele meisme ses cors eomeiicc Marqiie a desarmer et les damoiseles
desarmercDt les aiitres. Mur(|ucs 154.
Elle meme beluiu])tete sich aber nicht nur als Nominal ivforni,
sondern trat an Stelle von li mesme, das ja nur kurze Zeit lebte, auch
nach Präpositionen auf; so nach: de.
Lairray je done ceste belle et doulce femme? Eh, je la lairray ;
eile ait doresnavant la eure et soing- (Velle mesme. Cent II, 229. La
niain, fine et blcme, indiquait une flamme oisive et soigneuse d'elle-
meme. From., Sahel 54.
Ebenso nach ä, contre, en, par, pour, sur.
Reflexlvum.
soi meme.
Ich verweise bezüglich des Gebrauches von soi mesme auf die an-
geführte Diss. V. R. Waruecke.
2. Plural.
Wie wir sahen, traten im Singular im Laufe der Zeit für die satz-
unbe tonten Formen des Personalpronomens die entsprechenden satz-
betonten Formen auf, mit Ausnahme von elle-meme.
Im Plural ist dieser Wechsel nur für ils memes, das durch eux
memes verdrängt wird, nachweisbar, dagegen nicht für nous-, vous-,
elles- memes, da der Nominativ und Akkusativ bei nous, vous und elles
gleichlautete (cf. G essner I, 4).
1. Person.
nous memes.
Nous memes tritt auf:
a) Als Subjekt.
Nos mismes ne pussiens per altre oqueson espirer Veritage perme-
nant. Bernhard 35. Et nous mesmes ne goustasmes d'aultre viande que
cascuu son pain. Jehan le Bei 54. Et ne la devous trouver estrange,
veu que t^ous mesmes disons m'amie plustost que mon amie. Estieune 158.
Nous wird pleonastisch dem Verb hinzugefügt in folgendem nfr,
Beispiel:
Mais il ne veut pas dire que dans les tentatious que nous cherchons
nous-memes . . . il sera toujours pret, a nous souteuir. Massillon 73, 2.
Oft ist mit uous meme nur eine einzelne Person gemeint,
dann wird meme natürlicherweise ohne das pluralische s geschrieben:
Mais jouissons plutöt noits-meme de sa peine, et si Rome nous hait,
triomphons de sa haine. Corneille III, 437.
b) Als Objekt.
Ne seit mais oie de vus tele parole, de go que Deu nus ad duned
e nus nieismes ad guarded, e nos enemis ad livred. Rois I, 29, 23.
Romanische Forschungen XXVII. 57
898 Willy Etzrodt
Tant est merveilleux l'effort de la conscience; eile nous faict trahir,
aecuser et combattre tious mesmes. Montaigne 34.
Letzteres Beispiel zeigt die im Nfr. übliche Wiederholung des nous.
Eine einzelne Person ist gemeint, wenn es heisst:
En ce double attentat, que sa mort doit purger, nous avons et les
dieux et nous-meme ä venger (sagt Diocletian). Rotrou 327.
c) Mit Präpositionen.
de:
Ensi si est de nos mismes. Bernhard 16.
Ein nfr. Beispiel:
Devant notre conteraplation spectrale, une vie autre que la notre
s'agrege et se desagrege, composee de nous-memes et d'autre chose
Hugo, Tr. I, 135.
Anmerkung:
Im Sinne des Possessivum steht de nous-memes in folgendem
Beispiel :
Nous sommes du bonheur [de nous mesmes artisans, et fabriquons
nos jours ou fascheux ou plaisans. Regnier 126.
ä:
Zahlreich sind auch die Fälle, in denen nous memes bei der Prä-
position ä steht:
Quant om nos lait a nos mismes. Bernhard 16. Pourquoy sommes
nous tant iniques d noi^s mesmes? Defense 156. Regardons comme
des pieges que nous tend l'orgueil, le desir, souwent cache ä nous memes,
de nous donner en spectacle. Massillon 51, 2.
Ebenso erscheinen nach meinen Belegen die Präpositionen en, par,
pour, doch ist es unnötig, noch Belege anzuführen, da sie in jeder
Grammatik und in allen Texten anzutreffen sind.
2. Person,
vous meme(8).
a) Als Subjekt.
Wie nous meme in einigen Fällen zur Bezeichnung einer einzelnen
Person dient, so steht auch vous meme sehr oft ebenso, meist in Be-
ziehung auf die angeredete Person. So schon in afr. Zeit:
Vos me'ismes a la parsome an seroiz morz et afolez, se consoil
croire ne volez. Erec 5612.
Ebenso in den folgenden Jahrhunderten; aus dem 19." sei noch
angeführt :
Dame, il ne fait pas bon se singulariser. — Me singulariser! Mais,
vous meme! Robe I, 6.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter peraonne und möme 899
b) Als Objekt.
Ore desceadez, vus ke avez rendu as autres lursalu, evusmeimes
sauvez. Keimpred. 83.
Hiuzuflignng des vous zum Verbiim ist in folgenden Beispielen
zu bemerken:
Je vous appelle vous mesnie ä tesmoin, Montaigne 259. Vous etes
assez fort pour vous vaincre vous-ineme. Corneille III, 508. Osez
paraitre, osez vons seeourir vous-meme. Voltaire I, 146.
c) Nach Präpositionen.
In den von mir beigebrachten Beispielen steht das mit einer Prä-
position verbundene vous meme mit Ausnahme eines einzigen Bei-
spieles nur in Beziehung auf die angeredete Person.
Die mit vous-meme auftretenden Präpositionen sind folgende:
de:
Dame, fet il, por Deu merei, de vos me'is7ne aüez mercil ErecV, 694.
Ebenso im nfr.:
De qui voulez-vous parier? — De vous meme^ mon eher president.
Robe I, 5.
Anmerkung:
Zur Umschreibung des Possessivums dient de vous meme
in nachstehenden Fällen:
Chevaler, fet yl, vous m'avez vencu, ne mie par force de vus meismes.
Nouv. 14.", 20. Comment, Madame, dist l'enfermiere, vous estes de
vous mesmes homicide! Cent 118. Quel caprice vous rend ennemi de
vous-meme? Racine, Ber. I, 3; Kramer 52.
Ähnlich wie bei de ist die Verwendung von vous meme bei ä,
avec, contre, en, par, pour und sur, für die ich keine Beispiele
anführe. Erwähnt sei nur, dass vous memes bei der Präposition sur
einmal in Beziehung auf mehrere Personen erscheint:
Filles de Jerusalem, ne plorez mies sor mi, mais sor vos mismes
plorez et sur vos filz. Bernhard 116.
3. Person.
Maskulinum.
a) il meesme(s).
Als Nominativform der 3. Plur. Mask. des mit meme verbundenen
Personalpronomens ist mir im Oxforder Psalter und in den Redendes
heiligen Bernhard die Form il meesme(s) begegnet. Die Sehreibung
des meme ohne s ist auffällig, cf. darüber eux meme(8); il memes
erscheint nur in einem Falle.
Enhabiterunt e se repundrunt, ü-meesmele mien talun aguaiterunt.
57*
900 Wn\y Etziodt
Psalm LV, 6. 11 mismes s'apelent philosofes, mais dos les poons plus
a droit apeler curious et vains. Bernhard 235.
b) eux meraes.
An Stelle des Nominativs il meme's^ der, wie wir sahen, nur im
12. Jahrhundert lebt, trat nach meinen Belegen mit dem Anfange des
13. Jahrhunderts der ursprüngliche Akkusativ eux (< illos) memes; diese
Form hat sich bekanntlich bis heute erhalten.
Bezüglich der Schreibung des meme bei il meme(s) und eux
memes, ebenso bei elles-memes, ist zu bemerken, dass das pluralische
8 öfters fehlt.
Les immortels eiix-mesme en sont persecutez. Malherbe, Vaugelas,
I, 319. Eux-meme ils detruiront cet efl'royable ouvrage, Instrument de
leur honte et de leur esclavage. Voltaire, Alz. II, 6; Mätzner, Gr. 151.
0 vils marchands rfVi/ic ?//l/«e, V. Hugo, Legende des siecles XII, 2; ib.
Eux-memes erscheint nun :
«) Als Subjekt.
Ja greinnur ben ne te durrunt ke eus mesmes iloekes unt. Josa-
phaz 2214.
14.": Si est a leur coulpe le mal qu'ils eu ont, et non mie
d'Amour. Car eidx mesmes se fönt le mal et grief qu'ils en recoivent.
Ball. 261.
16.": Je parle ainsi apres les Italiens, car eux-mesmes quelquefois
adjoustent ces mots, Estienne 107.
17.*: Mit Hinzufügung der tonlosen Form des Personal-
pronomens:
Et plusieurs avaient remarque, qu'jjs estoient amoureux Tun de
l'autre, devant qu'//s s'en appergeussent eux-mesmes. Voiture (354.
Ebenso 19.": Au für et ä mesure que M. Vagret parlait, on sentait
qii'ils auraient voulu eux-memes lui faire son affaire, Robe III. 7.
Ohne Hinzufüguug des ils:
11 est impossible de les confondre; eux-memes ne veulent pas etre
confondus. From., Sahel 88.
Im Auschluss an ein vorangehendes Subs tan tiv um steht eux-
memes in den folgenden Beispielen :
On y voit beaucoup d'actions qui se passent sur la scene, et les
recits eux-memes y sont des actions. Moliere III, 364. Les Anglais eux-
memes avouent que Shakespeare . . . Voltaire I, 213. Je veux dire
qu'un bon juge est moins guide par les faits eux-memes que par une
Sorte d'inspiration. Robe II, 4.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personnc und m&me 901
ß) Nach eiuer Präposition,
de:
Adonc furent les Jacques tous esperduz poiir leur cappitaiue qui
n'estoit point avecques eulx, et ne furent d'eidx mesmes tous d zijnoose
Valois 75.
Ein nfr. Beispiel : Puisils parl^rent d'eux-memes. Maupassant, Fort21.
Ebenso: au-dedaus de:
Ils sout pauvres et denues au-dedans d'eux-memes. France, Crime 27.
Anmerkung:
Im Sinne eines Possessivums wird d'eux-memes auch ver-
wendet :
Dens detriblerat les denz d'els en la buche d'els meismes. Psalm
LVII, G.
Ebenso nach den Präpositionen ä, en und par, wofür ich Beispiele
nicht anführe.
Femininum.
elles-memes.
Während im Fem. Sg. neben eile menie eine Zeitlang wenigstens
ein li, lei meme existierte, findet sich im Plural nur die Form elles-
memes.
Ich erwähne elles memes:
a) Im Anschluss an ein vorangehendes Substantivum.
Puis, ils se resiguaient, devant l'embarras de la remplacer, car
les voleuses elles-memes refusaieiit d'entrer chez eux. Pot-Bouille 32.
b) Alleinstehend.
Mademoiselle, rien ne peut estre dans vos lettres plus agreable
{\WeUes mesmes. Voiture 127.
c) Nach Präpositionen.
de:
Les langues ne sont uees d'elles mesmes en facon d'herbes, racines,
et arbres. Defense 50. Le premier baiser par lequel deux ämes
prennent possession d^ elles-memes. Peau 163.
Ebenso nach en, entre und pour.
Mein ältester Beleg für elles meme ist:
Maintes choses fait om por eles mismes solement. Bernhard 81.
Anhang.
Stibstantivierung des mit meme zusammengesetzten
Pronomen i^ersonale mit vor atisgehendem autre.
Der Vollständigkeit halber sei hier die Substantivierung des mit
meme verbundeneu Personalpronomens mit vorausgehendem autre an-
902 Willy Etzroclt
gefügt, über die auch, allerdings von anderen Gesichtspunkten aus, 0.
Müller: Die Substantivierung anderer Redeteile im Französischen, und
Jäger: Die Syntax der unbestimmten Fürwörter tel, autre und nul,
berichten. So sagt Müller folgendes (p. 58): „Ein subst. Pronomen
wie moi-meme, toi-meme, vous-meme, das also Maskul. und Feminin,
bezeichnen kann, hat kein für alle Fälle bestimmtes Geschlecht. Je nach
dem, ob von einem Maskul. oder Feminin, aasgesagt wird, dass es das
Ebenbild einer mit moi-meme, toi meme, vous-meme gekennzeichneten
Person sei, haben diese männliches oder weibliches Geschlecht. Anderer-
seits kann eile meme auch ein Maskul. Subst. werden, wenn ein Mann
als das Ebenbild einer Frau bezeichnet werden soll."
Meist steht in Verbindung mit autre moi-meme elc. der unbestimmte
Artikel, bisweilen auch der Teilungsaitikel de oder das Demonstrativum.
1. moi-meme.
Gar alors on poiirrait dire que puisque un mien perfaict ami est
un autre moymesme . . . c'est me remercier moymesme, le remercier de
quelque chose. Estienne 47. Je n'ai pas cru d'abord a cet autre nwi-
mesme. Rotrou 100. Pendant que moi . . . j'exergais ma fonction, un
märe moi-meme exaniinait la cause avec sang-froid. Robe III, 9.
Ebenso: une autre moi-meme. La comtesse: Regardez-moi dans
cette occasiou-ci comme une autre vous-meme ! — Le marquia: Ah! que
c'est bien dit, une autre moi-meme. Marivaux 348.
2. toi-meme.
Avant la coup mortel dont je dois te frapper, va, je te punirai dans
an autre toi-meme. Voltaire 135; Jäger 95. Tes enfants, ces autres
toi-meme. Littre.
3. lui-meme.
Un autre lui meme dient „zur Bezeichnung einer anderen Persön-
lichkeit, die mit der identisch ist, vonder gesprochen wird". Müller 59.
Cent fois je me suis fait une douceur extreme d'entretenir Titus
dans im untre lui-meme. Racine, Berenice I, 4; Müller, 1. c.
4. elle-meme.
Mais un loyal mary vers sa femme qu'il aime n'est pas un etranger,
c'est un autre eile mesme. Garnier, Hyppolyte IV; Müller ib.
5. soi-meme.
„In derselben Bedeutung wie lui-meme, nur dass nicht von einer be-
stimmten Persönlichkeit die Rede ist, wird un autre soi-meme gebraucht."
Mull er 60.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und m6me 903
Mais voiiloir au public immoler ce qu'on aime, s'attacher au combat
contre un autre soi-meme, attaquer un parti qui prend pour döfenseur
le fröre d'uue femme et l'amant d'une soeur une teile vertu ii'apparte-
uoit qu'ä uous. Corneille III, 307.
6. nous-meme.
Sans lui je ne puis vivre, et, vivant avec lui, je puls etre encor
reine et regner en autrui, la puissance qui passe en un autre nous-meme
laisse encor en nos mains Tautorite supreme. Rotrou 470.
7. vous-meme.
Un autre vous-meme dient „zur Bezeichnung der der angeredeten
oder den angeredeten Personen gleichen Persönlichkeit." Müller 60.
Elevant Mardesane a ce degre supreme, vous regnerez, Seigneur,
en un autre vous meine. Rotrou 472.
une autre vous-meme.
La comtesse: Regardez-moi dans cette oecasion-ci comme wwe at/^re
vous-meme. Marivaux 348.
III, meme in attributiver Verbindung mit anderen
Wörtern.
I. meine in Verbindung mit dem Denionstrativum.
A. Demonstrativ und meme attributiv bei einem Substantivum.
Wie zum bestimmten und unbestimmten Artikel, so tritt meme auch
zum Demonstrativum und zwar sowohl zu ecce iste wie zu ecce ille.
1. ecce iste.
In ähnlicher Weise wie dies bei meme in Verbindung mit dem
Artikel der Fall ist, erscheinen auch bei dem mit dem Demonstr. ver-
bundenen meme verschiedene Stellungen dieses meme. Die häufigste
ist die Stellung von meme zwischen Demonstr. und Subst.
a) Demonstr. -j- meme -(- Substantiv.
Singular.
«) eist, cest, ce.
A ceu est assi semblant ceu que eist mismes prophetes dist en un
altre leu. Bernhard 43. II me souvient bien d'avoir leu en ce mesme
auteur ce mot aussi. Estienne 90. Je me ruppelai qu'un beau jour de
ma vingtieme aunee, je me promenais dans ce meme jardin du Luxem-
bourg. France, Crime 81.
Auch in Verbindung mit Eigennamen:
904 Willy Etzrodt
Aiissi le pocte Eschyle iie fit point de difficulte d'introduire dans
une tnigedie la inere de Xerxes; cependant ce meme Eschyle s'etait
trouve en personue ä la bataille. Racine II, 477.
ß) ceste, cette.
Cesfe mesme antiquite se peut voir en tous les argumens de Piaute.
Defense 138. Sur cette wewe ^reyerodaient jadis les vingt-quatre dogues
portiers de Saint Malo. Hugo, Trav. I, 237.
Plural.
«) c e s : Maskul.
Ces mesmes docteurs de Jerusalem prouvoient par Tescriture que
Jesus-Christ meritoit la mort. Menippee 185. Je sens que ces meines
Souvenirs se naissent tandis que les autres s'eifaeent. Kousseau 29.
ß) ces : Femin.
Et li dirons en 11 saluant ces meismes paroles que je proposay au
commencement de raon sermon. Mir. V, 205.
b) Demonstrativum -f- Substantiv + meme.
Singular,
Das Demonstrativum ist:
«) ce.
Elle le regardait, et il se rappelait le premier regard, echangedans
cet escalier meme. Pot-Bouille 205.
ß) ceste, cette.
Et ceste grace mismes renommet il en ceu qu'il apres dist. Beru-
hard 374. C'est cette vertu meme . . . que vous louiez alors, Corneille
III; 500.
Ähnlich im Plural.
B. Demonstrativum und meme substantivisch.
Einmal erscheint ces in Verbindung mit memes ohne folgendes Sub-
stantiv:
Cume go sout Saiil, altres messages i enveiad, e Dens a ces meismes
la grace dunad. Rois I, 194.
2. ecce ille.
Ecce ille in Verbindung mit meme erscheint in ähnlicher Verwen-
dung wie ecce iste. Auch hier ist die Stellung des meme zu dem
Demonstrativum und Substantiv eine mehrfache.
Die Syntax der unbestiminten Fürwörter personne und mcme 905
A. Demonstrativum und meme bei einem Substantivum.
a) Demonstrativum + meme -f- Substantiv.
Das Demonstrativum ist:
a) eil, eel, cellui, iceluy.
Cil wm«ßs 2)ro/?//r/^s dist (idem propbeta: Original!). Bernhard 336.
Eissi cum Gerlauz dit en cel nu'isnie escrit. Computus 3120. De celliii
meismes exercite de doulceur Seneque recite au dit livre tout ensiwant.
Chemiu 5687. Dedans iceli(7j mesme corps. Rabelais 282, Lemme 36.
Spätere Verbindungen dieser Art sind mir nicht begegnet.
ß) cele, Celle.
Cil, qui autrui juge a tort, doit de cele meUme mort morir quo il
li a jugiee. Low. 4574. Nous Bulduyns par la grace de deu archi-
vesques de Trivres, nous Jehaus per celle meyme gvaice roys de Ba-
hengne. Guerre 404.
b) Demonstrativum + Substantiv + meme.
Sing^ular.
a) cel, celuy.
Cel an moieme^ apres l'Ansancion. Girard de Viane 43, Godefroy.
Et en celuy monstier me'isme. Greg. 46, Lemme 31.
ß) cele.
Qui refaisioet celes choses que deffallies estoient per cele main
mismes, dont 11 faites les avoit (eadem manu qua: Original !). Bernhard 161.
Plural.
celes:
Et si tracent avant celes jiaroUes mismes, dont elles se deplaguioent
davant (eadem quae supra meminimus verba: Original!). Bernhard 28.
e) meme + Demonstrativum + Substantiv.
a) cel.
E un altel fist de airaim . . . e fud en meime cel aitre asis. Kois
III, 7, 44.
ß) cele
A tant dementres s'est ale defroter de niemes cele herbe ke il out
achate. Boeve 2998.
B. Demonstrativum und meme alleinstehend.
In vielen der unter diesem Punkte angeführten Beispielen lässt sich
nicht mit voller Sicherheit entscheiden, ob meme im Sinne des lat. idem
906 Willy Etzrodt
oder in dem von i|3se vorliegt. Je nach der individuellen Auffassung
wird die Entscheidung bald für idem bald für ipse ausfallen, zumal
da es zahlreiche Fälle gibt, in denen sich die Bedeutung von meme im
Sinne von ipse und von idem sehr eng berühren, wie z. B. in dem
Satze: „11 habita la chambre meme que son frere" und „il habita la
meme chambre que son frere" (Cledat, Revue de phil. fr. 13, 229.).
Wie sich hier die Bedeutungen von idem und ipse sehr
nahe stehen, so in anderen Beispielen die von ipse und lat. etiam,
dem deutschen „selbst" „sogar".
Hierüber sagt Littre folgendes: „Apres un substantifil faut distin-
guer, quand „meme" ne peut pas etre deplace et mis avant le sub-
stautif, alors il est adjectif et s'accorde" (d, h, es steht in dem Sinne
von lat. ipse).
„Mais quand „meme" peut se deplacer et etre mis devant le substantif,
alors il peut etre traite comme un adverbe et demeurer invariable" (d.
h. es steht im Sinne des lat. etiam).
Hierzu ist jedoch zu bemerken, dass diese Regel keinen sicheren
Entscheid ungsgrnnd bietet und nicht in allen Fällen zutrifft.
Die Entscheidung wird nun durch die Schreibung des meme
noch bedeutend erschwert. Was die nfr. Zeit anbelangt, so lautet der
Sg. von meme sowohl in der Bedeutung von idem wie auch in der von
ipse gleich. Auch das Pronominaladverb zeigt dieselbe Form meme.
Graphisch ist also ein Unterschied nicht zu konstatieren ; dieser ist also
nur in der Bedeutung und in der Auffassung zu erkennen, die man dem
einzelnen Falle zuteil werden lässt.
Der Plural bietet in den beiden ersten Fällen die Form memes;
als Adverb naeh einem Plural erscheint natürlich, da das Adverb ja
unveränderlich ist, die Form meme. — Hier ist also graphisch eine
Unterscheidung, ob adjektivisches oder adverbiales meme vorliegt, fest-
zustellen. Doch ist zu bedenken, dass die Scheidung memes und meme
nach einem Substantiv im Plural wie auch nach einem Pronomen im
Plural mehr eine von den Grammatikern festgelegte als eine von der
Sprache deutlich gefühlte und gewollte ist, da man in zahlreichen
Fällen sowohl plural. memes wie adverbiales meme setzen kann, ohne
irgend welchen Unterschied in der Bedeutung feststellen zu können. So
sagt auch Mätzner, Gr. 172, betreff dieses Punktes: „Das Fürwort,
welches sich überhauj)t nur im Plural als solches klar erkennen lässt,
und das Adverb bedingen keinen Unterschied des Inhaltes des Satzes,
sondern lediglich der grammatischen Konstruktion."
Was nun die afr. Zeit anlangt, so ist hier die Scheidung des meme
im Sinne des lat. ipse und in dem des lat. etiam noch bedeutend
schwieriger, da nicht nur die plural. Formen des adjektivisch gebrauchten
meme die Schreibung memes zeigten, sondern sich auch für die singu-
Die Syntax der unbeatiinmten Fürwörter personne und mömc 907
larischen Formen und ebenfalls flir das adverbiale meme die Schreibung
memes fand.
Aus den angegebenen Gründen habe ich der Zweckmässigkeit und
Übersichtlichkeit halber mome bei dem alleinstehenden Demonstrativum
sowohl in der Bedeutung von idem wie in der von ipse und etiam unter
einem Punkt behandelt.
Singular.
a) eil, celui, celuy-la, celui-la.
Cil mismes qui lou consol at doneit, eil mismes facet Tajue. Bern-
hard 32. Vous faites des triolets comme celui meme qui les a inventes.
Sev. I, 366. Mais le me^me bransle de leur ame qui leur faict fuir les
precipices, et se raettre ä couvert du serein, celuy lä mesme leur pre-
sente cette fantasie. Mont. 284. Tu connois Techanson du monarque
des dieux? — Ganymfede? — Celui-la meine. Laf., Contes III, 13, 427.
b) icele, eelle, celle-la.
Posas tenebres, e faite est nuit; en icele-medesme trespasserunt
tutes les bestes de selve. Psalm CHI, 21. II ont fuy une fosse devant
ma faice, et sont cheus en celle meisme. Lothr. Ps. 56, 6. Enfin la
porte Neuve, celle-la meme par laquelle l'armee de 1830 est entree.
From., Sahel 19.
Ähnlich liegen die Verhältnisse im Plural.
11, meme in Verbindung mit dem I*ossessivum.
A. Possessivum und meme bei einem Substantivum.
Mit dem Possessivum verbundenes meme bei einem Substantivum
steht meist zwischen Possessivum und Substantiv. Daneben findet sich
Nachstellung des meme hinter beiden und Voranstellung vor beiden
Gliedern. Schliesslich kann, in seltenen Fällen, auch noch in der zweiten
Stellung der Artikel vor das Possessivum treten.
a) Possessivum -\- meme + Substantiv.
Diese Gruppierung ist mir zuerst im 15. Jahrhundert begegnet und
hat sich bis heute erhalten.
In manchen der aus der neueren Zeit angeführten Beispielen dient
diese Verbindung zur Bezeichnung von „Eigenschaften einer Person oder
Sache als diesen eigentümliche oder charakteristische" (Kram er 115).
Vous soyez le bien venu en vosfre mesme terre. Jehan 101. Maxi-
min, achevant tant de gestes guerriers, semble au front de mon pere
en voler les lauriers; et Constance, souflCrant qu'un ennemi l'aftronte,
dessus son meme front en imprime la honte. Rotrou 284. Je lui fais
reponse dans son meme style. Sevigue, LUcking. Notre vieille Marthe
908 Willy Etzrodt
u'a plus sa meine silrete de main. H. Lavedan, Plattuer III, 2, 181.
Quand Sherlock Holmes les voit ecrases par l'effroi, il va de son meme
pas tranquille vers la porte du vestibule. Je sais tout 78.
b) Possessivum + Stibstantiv. -\- meme.
In dieser Stellung- begegnet meme scliou sehr früh.
De s'espee meime le chief li colpad. Rois I, 17, 51. Uns des Che-
valiers de la Halequa, qui portoit l'espee au soudanc, feri le soudanc
de s'espee mismes parmi la mnin. Joinville 349, Driesch 744.
Ebenso in nfr. Zeit:
Elle (Folie) vous demande ce que ne lui pouvez refiiser, qu'il soit
dit qu'Amonr pr.r sa faufe memie est devenu aveugle. Labe 63. Cet
aiiteur ingeuieiix et fecond . . . ecrit contre son art meme. Voltaire L 37.
Croyez-moi, eroyez-moi ... dans votre interet meme, arouez! Robe II, 6.
c) meme + Possessivum + Substantiv.
Diese Gruppierung ist weit seltener als die vorhergehenden und
scheint nur in afr. Zeit vorzukommen.
De meismes fespee t'irai je honte faire. Elie 442. De meime vo
cosse vous doi je honte faire. Elie 2282.
d) Artikel -j- Possessivum -j- Substantiv + meme.
Auch diese Stellung ist nur selten anzutreffen und kommt ebenfalls
nur in afr. Zeit vor.
Trait ses chevals et debat sa peitriue, a giant duel met la soe
charn medisme. Alexius 432. E la tue discipliue castiat mei en fin, e
la tue discipline meesme mei eusaignerat. Psalm XVII, 29.
B. Possessivum und meme substantivisch.
Das Possessivum in Verbindung mit meme ohne folgendes Sub-
stantivum findet sich im Ganzen selten. Es erscheint zuerst im
12. Jahrhundert und hält sich nach meinen Belegen bis ins 17. Jahr-
hundert.
Ceu seit eil qui les cuers cerehet, quantes fieies mes cuers est plus
chargiez de vostre cusenceon ke de In seie mismes. Bernhard 286.
La pouvre chambriere estoit lant souj)prinse que s'elle fut a la mort
condemnee, tant pour le deshonneur et des plaisirs de sa maistresse
que pour le sien mcsmes qu'elle avoit meschamirient perdu. Cent 228.
Sur qui tombe ce foudre? Oü l'avez-vous lanceV Sur la tete oü vos
mains portaient mon diademe, sur celle de mon pcre et sur la votre
meme. 1^'otrou 500. Je n'ay garde de trouver rien ä redire ä vostre
prudence^ puis qu'elle est jointe avec tant de bontö; et qu'elle ne s'em-
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und ni^rae 909
ploye pas moins ä pourvoir ;uix biens des antres qu'auxvostresmesmes.
Voiture 114.
III. ynenie in Verhindunfj mit dem Indefinituni tel.
Von den indefiuiteu PronomiDa ist mir nur tel in Verbindung mit
meme begegnet. Ich hjibe es nur in der jifr. Übersetzung der Predigten
des heil. Bernliurd belegen können (cf. Jäger 25).
De fclr sosp/cioH misiUi ,k que Pharaous fut tochiez, fut aussi tochiez
Herodes. Beruhard 1-11. C;'.r eil de eui nos faisons feste; fut Iiom enfers
si cum nos sommes et forniez de fei terre mismes cum nos (ex eodem
luto formatus: Original!). Bernhard 260.
IV. Das Pronominaladverb meine.
Meine als Adverb bezeichnet die Iuteuh;itüt und entspricht etwa Sem
lat. „etiam, quin etiam' und den franz. Adverbien „de plus, plus, aussi
encore". Im deutschen ist meme in dieser Verwendung etwa wiederzu-
geben durch: „selbst, sogar, überhaupt, besonders, auch".
Über die oft gleiche Bedeutung des flektierten meme mit dem
adverbialen meme siehe S. 55. Bezüglich der Schreibung des
Pronominaladverbs meme ist zu bemerken, dass sich im modernen
Französisch, wie bekannt, immer die Form meme zeigt. Doch hat sich
diese feste Schreibung erst im Laufe der Zeit entwickelt; früher exi-
stierte eine grosse Unsicherheit bezüglich der Schreibung und man findet
das adverbiale meme bald mit s, bald ohne s geschrieben. Vaugelas
(I, 80) sagt hierüber folgendes: „Tous deux sont bons, et avec s, et
saus s.'' Während also Vaugelas beide Schreibangen für gut erklärt,
verwirft Th. Corneille schon meines und sagt: „Mesme etant adverbe,
devroit toujours s'ecrire sans s." Auch die Academie sagt: „II est
plus ordinaire d'escrire le moi mesme sans s ä la fin quand il est ad-
verbe'' (ib. I, 81). Doch auch nach dieser Zeit findet sich noch einzeln
die Schreibung mit s für das adverbiale meme. So hat Boileau noch:
Que si meines un jour le lecteur gracieux . . . (Brachet-Dussouchet 325).
Dies scheint das späteste Beispiel zu sein.
Im Nachstehenden behandle ich nun das Pronominaladverb meme
in folgenden Verwendungen:
I, Beim Verhiim.
Es steht entweder vor demselben:
On dit . . . On dit . . . Mesmes on dit: s'accommoder de la
femme de quelcun. Estienne 136. Et c'est pour m'affranchir de cette
depeudance, que je la fuis partout, que meme je Voffense. Racine II,
910 Willy Etzrodt
278- Elle (la charite) defend de naire et de faire^ meine de souhaiter,
du mal ä persoiine. Saint-Simon 15,
Oder nach demselben :
S'estoient joints de tous les costez de la terre . . . on dit mesmesj
qii'il en est venu du fonds de la Noivegue. Voiture 232. Y a-t-il
quelqu'un ici, qui . . . puisse se procurei'; concevoir tneme quelquefois
satisfaction durable? Diderot 94. Cependant, dans un coin, l'oncle
dormait; on ne le reveilla pas, on feignit meme poliment de ne pas le
voir. Pot-Bouille 68.
II, Heini Stibstantivum.
Von den zahlreichen Beispielen erwähne ich nur folgende:
1. meme steht vor dem Substantivum
» Je suis dans cet etat de passion, od l'homme est eapable de tout,
meme d'une infamie. Dumas IV, 7. Une partie de football est un
spectacle extremement varie et emouvant, meme pour des profanes. Je
sais tout 113.
2. meme steht nach dem Substantivum.
Ces murs meme, Seigneur, peuvent avoir des yeux. Racine II, 281.
Les hommes, les animaux, les plantes meme sont sensibles aux bien-
faits. Girault-Duvivier, Gr. 392.
III, Beitn AdJeJcfivuni.
1. meme vor dem Adjektivum.
Cela me doit estre agreable et mesme avantageux. Voiture 240.
J'avais un joli pied ... les yeux petits et meme enfonces. Rousseau 71.
Eh! bien, reprit Aquilina, n'est-ce rien que de se voir admiree, flatt6e,
de triompher de toutes les femmes, m^me des plus vertueiises? Peau56.
2. meme nach dem Adjektivum.
Elle etait petit de stature, courte meme. Rousseau 74. Mon Dieu . . .,
c'est un magistrat tres assidu, ponctuel meme. Robe II, 4.
IV, Beim Adverbiuni.
Dieses ist:
1. Ein Adverbium der Zeit.
aujourd'hui; a) meme vor aujourd'hui.
Cette economie etait moins l'effet de la prudence que d'une simpli-
cite de goüt que metne aujourd'hui l'usage des grandes tables n'a point
alt^ree. Rousseau 109.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter persoune und ui6me 911
b) memo nach aujourd'hvii.
Je rCQois anjoiod'hui meme Im lettre quo voici. From., Saliel 113.
Meist befiudet sieh noch eiicore dabei, das dann entweder hinter
meme tritt, oder zwischen meme und aujourd'hui:
Aujourd'hui meme encor, ils m'ont dit qu'il res])ire. Voltaire I, 323.
Meme encore aujourd'hui je trouve que je pensais juste. Rousseau 115.
or:
Or misnies, quant nos soffrons ou froit ou faim ou aucune tel chose,
que tormentet en nos si la propre volunteit non? (etiam nunc, cum
Original!). Bernhard 128.
2. Ein Adverbium des Ortes.
ci:
Bien me sovient que jel laissai ou pres de ci ou ci me'ismes. Low. 4997.
ici-bas:
Mais avoir de la eonscience et pecher contre eile, c'est s'exposer,
meme ici-bas, . . . aux regrets et ü des peines continuelles. Diderot 91.
iluec:
Iluec me'ismes an la place li ont les armes desvestues. Low. 4214.
lai:
Certes, lai mismes ue deffarrit mies li flons. Bernhard 43.
3. Ein Adverb der Art und Weise.
en general:
Mais quelle est la flu de ces creatures en particulier? En general
meme, k quoi sert l'espece entiere de quelques-unes d'entre elles?
Diderot 23.
peut-etre:
Peut-etre meme que ce fut un bonheur pour lui de n'avoir en au-
cune des qualites qui pouvaient lui procurer l'empire. Mont., Grand. 143.
plus:
Avec une femme comme la sienne . . . sa position serait toujours
aussi precaire que par le passe, ylus meme. Aug., Fourch. II, 8.
trop:
Tu me parleS; je te reponds; c'est beaucoup, a^Q^t trop meme. Mari-
vaux 259.
V. Beim Pronomen*
1. Demonstrativum.
Über diesen Punkt cf. oben, S. 54/55.
912 Willy Etzrodt
2. Indefinitum.
aucun: a) meme steht vor aucun.
Les perruques ont este tellement en vogiie du temps de nos aneestres
que mesmes aucuns en porto^-ent des faiisses. Estieune 254.
b) meme steht nach aucun.
Aucuns m^me pretendaient que ... Cl. Tillier, Mon oncle Beujamin 93.
VI. Bei den koi^ulativen resp. adversativen Konjunk-
tionen oiif ni, niais.
1. ou meme.
Ou meme, dem lat. vel potlus, vel etiam entsprechend, steht in
folgenden Beispielen:
A une cocotte, ä une actrice, il eüt envoye des fleurs ou meme un
bijou. Maup. Fort 39. J'eprouvais une teile joie qu'il m'en coutait de
la dissimuler ou meme de la röprimer. Je sais tout 90.
2. ni meme.
11 avoit femme prise, honnete et sage autant qu'il est besoin, jeune
pourtant, du reifte toute belle, et n'eüt-on vu de jouisssauce teile daus
le pays ni meme encor plus loin. Laf., Contes III, 2, 6. Pas un meuble
ne semblait avoir ete derange ni meme ouvert. Pot-Houille 262.
ni meme ist im Deutsehen etwa durch „oder auch nur, oder etwa
gar" wiederzugeben.
3. mais meme.
mais meme erscheint meist in der frz. Wendung non seulement . . .
mais meme :
Rien presque ne parait non seulement vous accabler, mais meine
vous occuper. Massillon 87, 2. ün chretien doit aimer non seulement
ses amis, mai^ meme ses ennemis. Dictionnaire de TAcad.
Aber auch sonst:
Les Gaulois etant indisciplinables, il est impossible d'arriver, nous
ne disons pas ä l'unite orgauisee et centralisee, mais meme ä une asso-
ciation föderale pacifique et reguliere. H. Martin: Plattner III, 2, 184.
VII. Hei den &ur Einleitung eines hypothetiseJien resp.
konzessiv -hypothetischen Satzes dienenden Konjunk-
tionen „quand'* und ,,si*'.
Man vergleiche diesen Punkt auch bei BrUss, Der Ausdruck des
Konzessivverhältnisses im Mittelfrz. und Neufrz. Diss. Göttingen 1906
S. 97/104.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und ni6me 913
1. meme bei quand.
Zur Ver>;tärknng des qiiaiid dient meme sowohl in der Verbindung
meme quand wie quand meme.
a) meme quand.
a) Im Haupt- und Nebens^atz steht der Indikativ.
Est-il deflfendu en ce mesme endroict user de quelques motz nou-
veaux, mesmes qnand la necessite uous y contraint? Defense 126. Par
excös de discretion, eu fille qui se tenait k sa place, 7)ieme quand eile
savait tout, eile ue regarda pas sortir madame. Pot-Bouille 310.
ß) Im Haupt- und Nebensatz steht das Konditionnel.
Mesmes quand ce seroit un tel homme ... eucores ne seroit-ee pas
cause süffisante. Calvin, Brüss 103.
}') Im Hauptsatz der Konj. Plusqperf., im Nebensatz das
Kondit. anterieur.
. . . Ils m'eussent encore epousee, meme quand ils n'auraient trouve
en moi qu'une fille pauvre Peau 94.
b) quand meme.
a) Im Haupt- und Nebensatz steht der Indikativ.
Tout ce que vous touchez est d'un agrement qui ue se peut com-
parer ä uul autre, quand meme votre coeur u'est pus de la patrie. Sev.
U, 270, Lexique.
Der Indikativ Futuri II steht in folgendem Beispiel nach quand
meme:
Cette sagesse dont vous parlez n'aura rien ä faire qu'ä vous louer,
quand meme vous m\iurez appris vos plus secrctes pensees. Mad. de
Scudery, Haase, Erg. Bem. 217.
ß) Im Haupt- und Nebensatz steht das Konditionnel.
Et que pourrais-je esperer ... quand meine je possedera/'s ton coeur.
Marivaux 261. Ah! que pour ton bonheur je donnerais le mien, quand
meme tu devrais n'en savoir jamais rien. Rostand III, 6.
y) Im Hauptsatz steht der Indikativ, im Nebensatz das
Konditionnel.
Quand meme il se rendroit, peux-tu liii pardonner? Racine H, 547.
S) Im Hauptsatz das Kondit. anterieur, im Nebensatz der
Konj. Plusquamperf.
Je lui aurais pardonne, quand meme 11 m.'eat gravement offeuse.
Ayer, Gr.
Romanisuhe Forschungen XXVII. 58
914 Willy Etzrodt
Anmerkung:
Einen verkürzten konzessiv-hypothetischen Nebensatz möchte ich
mit Brüss (p. 127) in der in der modernen Sprache so geläufigen Rede-
wendung „quand meme" sehen, die im Sinne von neantmoins,
pourtant erscheint. Aus der überreichen Menge von Beispielen führe
ich nur die folgenden an:
Ne dites rien, monsieur, ne dites rien, ou vraiment j'eclate ... II
ne dit rien, et eile eclata quand meine. Pot-Bouille 35. J'en veux faire
litiere ä mon amour tetu, et je vous aimerai quand meme. Verlaine 211.
c) quand bien meme que.
Diese Verbindung finde ich einmal bei Brüss (p. 104) belegt:
Quand bien meme que mon amitie se serait tourne en amour, quel
mal le bon Dieu y trouverait-il ? G. Sand 213.
2. meme bei „si''.
meme bei ,,si*' erscheint als:
a) meme si.
«) Im Hauptsatz steht das Imperf., im Nebensatz der Konj.
Plusqperf.
Mesme si la vertu de ce mystere . . . eust et6 bien consideree . . .,
il y avoit assez de quoy se contenter. Calvin, Brüss 100.
ß) Im Hauptsatz steht das Konditionnel, im Nebensatze das
Plusquamperf.
Quant ä Valerie, eile ne . . . serait pas tout aussi mal conduite,
meme si son mari l'avait contentee. Pol-Bouille 78.
b) si meme.
«) Im Hauptsatz steht das Passe def., im Nebensatze das
Passe anterieur.
Si meme aucun nom fächeux ne fut prononce parmi les concurrents
6cartes, le mouvement electoral fut assez vif et les demonstrations assez
bruyants, pour alarmer le roi et la cour. K. d. d. m., 15/9 1874; Ber-
tram 550.
ß) Im Hauptsatze steht das Kondit., im Nebensatze das
Plusquamperf.
Si meme il s'etaif contente d'une marque de desapprobation, je
ne lui en voudrais pas. Plattner.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mÄmc 915
y) Im Hauptsatz das Kond. ant6r., im Nebensatz der Konj.
Plusquperf.
Si »lerne la guerre de partisans eüt ete ü demi organise, Werder
aurait pu expier la temerite de cette marche aveutureuse. Bertram, ib.
VIII, irieme beim I^artiziinum mit konzessivetn Sinne
zur Verstärkung der Einränmung.
(Ja tirait des larmes des yeux ... (Ja. vous donnait envie d'avouer,
mhne etant sür de n'avoir rieo fait. Robe II, 7.
Einmal belegt Brüss (S. 111) quaud meme in derselben Verwendung:
A la cendre on coguoist combien, vive, estoit forte la beaute de ce
Corps, quand memes estant morte eile euflamme la terre et la tombe
d'amour. Rons. I, 240.
IX, meme heim Gertinclitim tnit en in konzessivetn Sinne
zur Verstärkung der Einräumung,
0 eourage inflexible! 0 trop constante foi; que meme en perissant
j'admire malgre moi. Racine II, 510. Et ce coeur innocent vous a
garde sa foi, meme en vous ha'issant. Voltaire I, 100. Meme en eclatant,
meme en s'elevant aux intonations de la colere, son gosier parfait ne
rencoutrait pas une note fausse. From., Sahel 54.
Weitere Beispiele cf. Brüss 111/12.
X, JBei den zur Einleitung eines Temporalsatzes dienen-
den Konjuktionen lorsque, alorsque.
Das adverbiale meme, in der älteren Zeit auch mesmes geschrieben,
erscheint bei den temporalen Konjunktionen lors que, alors que zur
Verstärkung des lors, alors und zwar in folgenden Gruppierungen:
1. lors meme que.
Et il faut croire que la flamme en est bien agreable, puisqu'elle
me piaist, lors meme ^^^'elle me devore. Voiture 221. Car ce grand
bomme est toujours au-dessus des autres, lors meme q^i'W n'est pas
eutierement egal ä lui-meme. Voltaire I, 24.
2. alors meme que.
Nous avons tous en nous un Don Quichotte et un Sancho que nous
ecoutons, et alors meme que Sanche nous persuade, c'est Don Quichotte
qu'il nous faut admirer. France, Crime 62.
3. meme lors que.
Ayant de longue main experimeutee quel cette grande compagnie
de seigneurs est mal aisee a contenir en regle, mesmes lors qu'tWQ est
58*
916 Willy Etzrodt
destituee de la presence du maistre. Du Villars, Mem. II, an 1551;
Güdefroy.
4. meme alors que.
... Et d'un doux bruit souvent t'eudormiroüt, mesmes alors que ta
fluste champestre par trop chanter lasse seutiras estre. Marot 42.
. . . Meine alors que l'aurore allume les cottages jauries et noires. Ver-
laine 147.
XI. Bei den zur Einleitiifig eines K€itisalsatzes dienen-
den Konjunktionen pour cela qtie und veu que.
In ähnlicher Weise wie meme beim Temporalsatze und Konzessiv-
satze zur Verstärkung- der diese Sätze einleitenden Konjunktionen diente,
ist dies auch beim Kausalsatze der Fall. Verstärkt werden hier die
beiden Konjunktionen pour cela que und veu que. Man vergleiche
hierüber auch Rohte, Die Kausalsätze im Franz., Diss. Göttingen 1901.
1. pour cela meme que.
Rohte (p. 15) führt folgende Beispiele an:
Je l'adopte, je la defends, je la proclame, par la raison qui la
fait combattre! C'est pour cela meme, messieurs, que je voudrais, c'est
pour cela meme que nous devons nous imposer, non seulement de le
relever, mais de l'ennoblir. Mirabeau I, 77. Je ne l'aimois pas non
plus comme j'avois aime et comme j'aimois madame de Warens; mais
c'etoit pour cela meme que je la possedois cent fois mieux. Rousseau 275.
2. veu meme que.
Ich habe diese Verbindung besonders oft im 16. Jahrhundert be-
legen können und gebe folgende Beispiele:
II vauldroit beaucoup mieux ecrire sans immitation que de ressembler
un mauvais aucteur, veu mesmes que c'est chose accordee entre les plus
scavans. Defense 109. Doy je peuser que ton coeur tant humain trouve
mauvais si je preste la main a un amy, veu mesmes que nous sommes
et luy et moy du nombre de tes hommes? Marot 269.
XII. Bei der &ur Einleitung eines Modalsatzes dienen-
den Konjunktion sans.
Zur Verstärkung des „sans" steht „meme" in folgenden Bei-
spielen :
11 le suivit, Sans meme oser lui adresser la parole. Pot-Bouille 323.
11s avaient refus6, sans meme vouloir dire oü ils allaient. Figar. 6, 8.
1887; Scherffig 37.
Die Syi)tax der unbct-tinunteii Füiwöiter peisoiine und mSine 917
Sans meine wird in diesem Falle etwa durcli das deutsche „ohne
auch nur" wiederzugeben sein.
Anhang.
I, Verstärkung des Pronominaladverbs nteme durch
vorantretejides voire,
Voire, ja sogar, das im Sinne von vrai, vrainient steht, trat in
früherer Zeit oft zu dem adverbialen meme als Verstärkung- hinzu.
Vaugel as sagt in seinen Remarques hierüber folgendes (1, 110) : „J'avoue
que ce terme est conime necessaire en plusieur.s rencontres . . . Neant-
moins il est certuin qu'on ne le dit plus ä la Cour, et que tous ceux
qui veulent escrire purement, n'en oseroient user." Tb. Corneille er-
klärt es für gänzlich abgeschafft und auch die Academie sagt: „On
a condamne eutierement „voire mesme" comme une fagon de parier qui
n'est plus d'usage, et qui a vieilli (ib. I, 111).
Ich führe folgende Beispiele an:
Car il est tel son renom en tous lieux, qu'il est congneu, voire
mesme des dieux. Des Periers 74.
Aus neuerer Zeit:
Les auteurs de ces traites de versification etaient des grammairiens,
des compilateurs, des professeurs laiques et ecclesiastiques, voire meme
des avocats. F. de Gramont; Plattner EI, 2, 184.
II. Ersatz des PronoTninaladverhs meme durch voire.
Ausser in der Verbindung mit meme trat voire auch selbständig
auf und konnte auch für meme eintreten.
Die Belege für diese Verwendung von voire sind nur selten.
Voire. le poete Homere, qui est si ancien, en a use. Estienne 90.
En tous climats, voire au fond de la Thrace, apres les neiges et les
glagons, le beau temps reprend sa place. Malherbe LXXXII, 7. II
restait toujours le meme, et voire n'avait fait que croitre et embellir
en epaisseur pendante. J. Richepin, Plattner III, 2, 184.
V. Das Pronominaladverb memement,
Dcis aus meme -\~ meut (mente) gebildete memement erseheint
nach meinen Belegen zuerst im 12. Jahrhundert. Es ist heute veraltet
und schon Vaugelas erklärt es für ausser Gebrauch. (Remarques 1, 384.)
Doch habe ich ein Beispiel noch aus Marivaux (f 1763) beibringen
können.
memement tritt zunächst alleinstehend auf, dann bildet es, mit
que zusammentretend, die Konjunktion memement que und findet sich
918 Willy Etziodt
dann bei den zur Einleitung eines konzessiven oder konzessiv-hypo-
thetischen Satzes dienenden Konjunktionen „quaud" und „ßi" als Ver-
stärkung. Ich behandle also:
I. menietnent.
Dieses entspricht dem deutschen:
1. „besonders, vor allem".
In dieser Bedeutung erscheint es sehr häufig.
Mes peril i avoit, desqu'il vint en aaige; meesmement por la pucele
qui novellement estoit venue. Marques 108. . . . Pour guerrier las
FJamens, mestnement cenlx de Bruges. Jehan le Bei 91. Jaques le
Gros n'ayme que les jambons, et mesmement des jambons de Maiance.
Des Periers 156.
2. „sogar".
De luy on ne faisoit plus d'estirae, mestnement, que pis estoit,
n'avoit loisir ne espace de parier, ne jouir avec sa fiancee. Jehan 83.
C'est grand cas que vous voulez faire croire ä nostre langue qu'elle a
besoin d'emprunter de l'italienne, en choses mesmement oü eile est aussi
bleu ou mieux fournie qu'elle. Estienne 120. La nef ainsi depatronnee,
et memement detimonnee. Scarron, Virg. V; Haase 17.**.
3. „auch, ebenfalls, in gleicher Weise."
Seint Nicholas meismement amout e honor out forment. St. Nicho-
las, Wace, 115G/7. Et cestui n'ai ge pas fet tot por vos, mespordieu
meesmement. Marques 50. De Noe es raaudit, Cbanaam, mesmement
toute ta semence. Mist. D. V. T. 6494. Je suis de vostre opinion et
mesmement ]q doute si ce mot est Italien de sa premiere origine. Estienne 97.
Anmerkung 1:
In allen Beispielen ist eine durchaus sichere Scheidung der Be-
deutung nicht möglich. Diese wird vielmehr je nach der individuellen
Auffassung verschieden ausfallen.
Anmerkung 2:
Nicht zu verwechseln mit mesmement ist ein „maimement",
auch „meimemant, maismcmant" geschrieben, das aus maxima -f-
mente herzuleiten ist. Es findet sieb, so viel ich sehe, nur in den „Rois"
und im „Bernhard" und beruht offenbar auf das im lateinischen Original
sich findende maxime.
Et plut sun estre ä tut le pople, maimement ä la maignee Saül
(maximeque!). Kois I, 18, 5. Ensi sunt ordineies totes celes choses
que de deu sunt, et maismement celes choses que . . . (maximeque:
Original!). Bernhard 181.
Die Syntax der unhestimmten Fürwörter personnc und nifemc 919
II. nieinernent que.
nicmement que als kausale und konzessive Konjunktion habe ich
in folgenden Bedeutungen belegt:
1. besonders da.
Et pour ce que tres fort doubtoit de le perdre, mesmement que
c'estoit le menibre oii il devoit plus de guet et de soing, manda le
cyrurgien de monseigneur le duc . . . Cent ü, 173. Car 11 ne pouvoit
rompre tant facillement les dietes chaisnes, mesmement qiCW u'avait pas
espace au berceau de donner la secousse des bras. Rabelais I, 235;
Huguet 248.
Aus späterer Zeit sind mir Belege nicht begegnet.
2. obgleich.
Mesmement qu'W n'estoit question de nioutons en la cause, neant-
moins le drapier y entremesloit son drap. Pasquier, Recherches VHI, 1; id.
III. tuemenient quand.
Wie meme quand zur Einleitung eines hypothetischen resp. kon-
zessiv-hypothetischen Satzes dienen kann, so auch memement quand,
das auch in der Stellung quand memement erscheint.
Toutefois il n'est pas dueil que au bout de quelque temps ne se
apprise et qu'on ne l'oublye, et mesmement quand ks parties sont si
loing Tun de l'autre. Jehan 38. Et tant bien se conduisit avec le bou
homme qu'il ne buvoit ne mangoit quelque jour, meismement quand aultre
euvre faisoit. Cent II, 114.
Zwei Beispiele aus dem 16. Jahrhundert siehe bei Brüss, p. 103,
wo er auch einen Beleg für mesmement que quand bringt:
Mesmement que quand ils auroient dresse tous les apprests d'un
tel triomphe, il est certain que sa Majeste n'accepteroit jamais une
gloire qui . . . Jodelle 1, 238.
IV. quand memement.
quand memement ist mir nur in einem Beispiele aus dem 16, Jahr-
hundert begegnet.
Tu SQauras dextrement choisir et appropier ä ton oeuvre les mots
plus significatifs des dialectes de noslre France, quand mesmement tu
n'en auras point de si bons ny de si propos en ta uation. Ronsard
Vn, 321; Brüss 104.
VI. Das Präpositionaladverb de meme,
I. de tnenie.
de meme erscheint im Anschluss an:
920 Willy Etzrodt
1. ein vorausgehendes Verbum.
So findet es sich schon im Rolandsliede; es hat sich in dieser Ver-
wendung bis auf den heutigen Tag erhalten.
De vospaieus lur euveiez cent milie, une bataille lur i rendeut eil
primes . . ., altre bataille lur livrez de nie'isme. Eoland 592. Puis
feurent introduits les empoisonnez, eile leur sonna une autre chanson,
et gens debout. Puis les aveugles, les sourds, les muets, leur appliquant
de mesme. Gargantua 78. Par mon conimandement la garde en fait
de meine. Corneille III, 172. Passons, passons lä-dessus, je Tai cru
de meme. Marivaux 536. Et sur le theme de cet amour, ils mari-
vauderent tont l'apres-midi. II en fnt de meme les ioiws srnvants. Maup.
Fort 31.
2. ein vorausgehendes Substantivum.
Dieser Gebrauch von de meme, in dem es fast wie ein Adjektiv
erscheint, tritt zuerst im 16. Jahrhundert auf, und findet sich noch im
18. Jahrhundert,
Se m'ait Dieu, dit la chamberiere, il ne tiendra qu'ä vous; vous
n'ayez bonne robbe et cotte de mesme. Parangon 276. Ils n'avoient autre
marque de servitude qu'un cercle d'or ä l'entour du col, d'oü pendait
une chaisue de mesme. Voiture 682. Jamals il ne s'est vu de surprise
de meme. Moiiere, Tart. IV; 5; Sachs-Villatte. Nous l^guons ä nostre
seminaire de Clermont . . . quatre grands chandeliers d'argeut et une
croix de meme. Massillon 124, 1.
Anmerkung:
Bezüglich de meme, de meme que in einem Vergleichungssatze
siehe Kapitel IX, Seite 75.
II. Verstärkung von de meme durch tout.
tout de meme hat als Verstärkung von de meme „ebenso'' die
Bedeuiung ,.gerade ebenso, ganz ebenso". Dann aber dient es auch
als Bekräftigungs- und Adversativpartikel. Es entspricht den deutschen
Ausdrücken :
1. gerade ebenso, ganz ebenso.
C'est en vain que Calypso, graude deesse, et Circe, toid de meme,
m'ont voulu retenir dans leurs grottes. KacineVI, 142; Marty-Laveaux.
Toutes les sectes parlent tout de meme. Bossuet, Quillacq 504.
2. ja, doch, freilich.
In dieser Bedeutung als Bekräftigungspartikel erscheint tout de
meme erst in der neueren Zeit.
Hein? c'est dröle tout de meme, qu'on vous empeche de coucher
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mfeme 921
avec votre femme! Pot-Bouille 149. Elle m'a donne gratis son fonds
et son restaut de bail. Ah! e'est uue bonne femme toid de memel
Pcau 161. Voudriez-vous garder mon cheval, ud instant? lui demanda
Martial. — Toiä de memel fitl'homme. E. Gaboriau; Plattner, III, 2, 184.
3. dennoch, trotzdem.
Diese Bedeutung entwickelt sich aus der von „ganz, gerade eben-
so", wie folgendes Beispiel erkennen lässt:
Brutus ose bien dire ä ses amis que quand son pere reviendrait
sur hl tcrre, il le tueroit tont de meme. Mont., Grandcur 129. (dass er
ihn „ganz ebenso" töten würde, nämlich: als wenn er nicht zurück-
kehren ^yürde, d. h. dass er ihn „trotzdem" töten würde, wenn er zu-
rückkehren würde).
Faut avoir l'air de l'obeir, avec une particuliere de cette espece,
et ca n'emueche pas, on rigole tout de inemel Pot-Bouille 231. II
repondit avec conviction: Cela me serait arrive tout de meme, un jour
ou l'autre. Maup. Fort 307. Enfiu, si ce n'est pas moi, est-ce qu'il
faut tout de meme que je dise que c'est moi? Robe 11, 6.
Anmerkung:
Über tout de meme, tout de meme que im Vergleichungssatze siehe
Kapitel IX, p. 75.
VII. Das Präposition aladverb k meme.
Wie de in der Verbindung mit meme ein Präpositionaladverb bildet,
so auch il meme, das in zahlreichen Verwendungen auftritt.
I. ä meme.
Dieses ä meme steht in Verbindung mit einem folgenden Substan-
tivum. Es kann in diesem Falle vor dem Substantiv eine Präpo-
sition stehen oder nicht. Der letztere Gebrauch liegt vor in
folgenden Beispielen:
Cherches-tu de la joie d wvewe mes douleurs? Corneille; Godefr. 39.
Une fois, au jour tombant, il s'etait allonge ä meme cette fraicheur du
pre, les yeux vers la maison la-bas. A. Daudet; Plattner III, 2, 182.
II fait un de ces temps ainsi que je les aime, ni brume ni soleil! le
soleil devine, pressenti, du brouillard mourant dansant ä meme le ciel
tres haut qui tourne et fuit, rose de creme. Verlaine 282.
Der erstere Gebrauch zeigt sich seltener:
11 lavait SOS raains souilles de terre ä meme d\m seau d'eau. Allard;
Plattner III, 2, 182. Des sabots grossierement taillcs ä meme dans le
tronc d'un bouleau. 0. Mirbeau; id.
922 Willy Etzrodt
II, hoire, mordre in Verbindung mit ä menie.
Auch hier erscheint ä meme mit und ohne folgende Präposition.
Die Verbindung von ä meme mit boire und mordre erscheint sehr
häufig. Schon Th. Corneille kennt die Redewendung und sagt:
Quelquefois daus le discours familier on l'emploie ä un . . . usage qui
n'est pas receu par ceux qui parlent correctement. C'est quand on dit*
boire ä mesme la bouteille.
Vor folgendem Substantiv ohne Präposition tritt boire und
manger ä meme auf in nachstehenden Beispielen:
Au Heu de boire goutte ä goutte. en un mignon de ä coudre d'or
fin, l'eau fade du Lignon, si Ton tentait de voir comment l'äme s'abreuve
en biivant largement ä meme le grand fleuve. Kostand III, 6. Deu-
xieme pocte, fnordont ä meme la grande lyre de pätisserie. Rostand 11, 4.
Mit einer Präposition in folgenden:
II buvait ä meme . . . dans une parpouillette ä rafraichir. Z. f,
franz. Spr. XXXll, 14. Us boiventtonsd meme dans \ii nieme tarne. Ib.
Bemerkenswert ist, dass boire ä meme auch mit Ellipse des
Substantivs vorkommt:
On lui apporta de l'eau daus une gargoulette; mais des qu'il y eut
bu, on la cassa, parce que, comme Frangoi, il l'avait souül^e en buvant
ä meme. Bern, de St.-Pierre, Littrc. Un ruisseau d'eau vive coulait
au bord de la route. II s'est mis ä plat ventre et il a bu ä meme. Fr.
Copp^e; Plattner.
Anmerkung:
Über die Bedeutung der Redewendung ä meme ist zu sagen, dass
sie etwa dem deutschen Ausdruck : unmittelbar au, auf, in, über, aus etc.
entspricht. Doch muss man bei jedem einzelnen Fall die besondere
Nuance des Wortes feststelleu und danach die Übers^etzung treffen.
Eine ansprechende Erklärung der Wendung ä meme gibt Cledat,
Revue de phil. fraug. XIII, 235 . . .
III, Stre ä meme.
etre a meme ist zu belegen:
1. Mit der Präposition de.
So erscheint es schon früh bei einem Pronomen:
Et il se prendent ä haster tant qu'il sont ä me'ismes d'eus. Zwei
Schwerter, Godefroy.
Die Bedeutung ist: „unmittelbar bei, ganz nahe bei".
Bei einem Substantiv finde ich es in folgendem Beispiel:
le veux me faire un gendre et des allies mc-decins afin d'etre
ä meme des consultations et des ordonnances. Molicre, Mal. imag. I, 5;
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und mcme 923
Lexiqtie. Die Bedeutung von etre ä meme de entspricht hier etwa
dem deutschen Ausdruck: „imstande sein zu, fähig- sein zu:" und
dem französischen: etre capable de.
Dieselbe Bedeutung liegt auch vor bei etre a meme de + In-
finitiv, einer liedewendung, die auch heute noch sehr gebräuch-
lich ist:
Je leur lairrois, moy qui suis ä mesme de jouer ce rolle, la jouys-
sance de ma maison et mos biens. Moni. 64. Je suis ä meme, par ma
profession, de connattre le monde, France, Crime 84. Je fiis ä meme
d'observer qu'il y avait du vrai dans les propos. Je sais tont 91.
2. Mit der Präposition pour.
Ein Analogon zu etre ä meme de + Inf. ist etre ä meme pour
+ Inf., das im folgenden Beispiel vorliegt: Venus . . . esiatit a mes-
me .. . pour choisir quelque amoureux gentil et beau . . . choisit et
s'amouracha du dieu Mars. Brant., Dam. gal., Disc. 8., Godefroy.
IV, mettre ä meme,
mettre ä meme steht ebenso wie etre ä meme mit der Prä-
position de vor folgendem Infinitiv, auch vor folgendem Pronomen.
1. de vor Infinitiv liegt vor in:
Je Tai mis ä meme de travailler utilement, Dict. de l'Acad.
2. de vor dem Pronomen tout in:
11 s'en vint ii moy, avec un visage riaut, m'oft'rir tout son pouvoir
et me mettre ä meme de tout ce qu'il avoit au monde, Chapelain;
Livet.
Je letzterem Falle kann die Präposition auch fehlen.
II vous mettrai a mesme mes biens, lä oü vous pourrez puiser et
prendre, Amyot, Godefr.
Anmerkung:
Die Bedeutung der Wendung mettre qu. ämeme de kommt etwa
der deutschen: ,.jem. die Gelegenheit, Möglichkeit zu etwas; die Macht,
Verfügung über etwas geben, verschaffen" gleich.
F. laisser ä 'nieme.
Diese Wendung habe ich bei verschiedenen Lexikographen belegt
gefunden. Beispiele für diese Redensart, die ich hier der Vollständig-
keit halber anführe und die der deutschen: „freistellen" entsprechen
soll, sind mir selbst nicht begegnet.
VI, ä meme que,
ä meme que ist eine temporale Konjunktion, die im Deutschen
etwa durch: „zu der gleichen Zeit wie, sobald als" wieder-
924 Willy Etzrodt
zugeben ist. VaDgelas bemerkt (Remarques ü, 190) über a meme que
Folgendes: ^Cette faQon de parier . . . est trcs-manvaise, et je ne con-
seiilerois k qui que ce soit den user, ny en parlant, ny en escrivant."
Th Corneille äussert sich in ähnlichem Sinne. Die Academie be-
merkt 1694: „ä meme que . . . n'est point uue phrase de la langue''.
Letztere Bemerkung wird dadurch bestätigt, dass mir seit Corneille
kein weiteres Beispiel für ä meme que begegnet ist.
Hier seien folgende Beispiele angeführt:
Aussi i) mesme qiion prend le plaisir au vice, il s'engendre un
desplaisir contraire en la conscience, Montaigne 33. Ä mesme que l'on
imprimoit cette orayson, j'appris que j'avois este fait evesque, Fr. de
Sales I, 315; E. Müller 58. Cabite se ranime d meine que je meurs.
Corneille, Clitandre 290; Jacobi 47.
VIII. meme, memement, de meme in VerbinduDg mit
einer Negation.
Ich erwähne zunächst meme bei der Negation ne-pas und führe
die verschiedenen Stellungen auf, die meme in diesem Falle haben kann.
I meme,
1. Bei der Negation ne-pas.
Die Gruppierung ist:
a) ne . . . meme pas.
ß) Bei nicht ziisammenge setzten Verbformen.
Mot qui n'etait pas encore ä la mode, et qu'elle ne connaissait
meme ims dans le sens qu'il porte aujourd'hui. Rousseau 123. Aveu^le
par une sorte de delire, // ne s'aper9ut meme pas de Tiucroyahle duc-
tilite de la peau de chagriu. Peau 31.
ß) Bei den synthetisch gebildeten Zeitformen.
Depuis trois ans, eile n'y etait meme pas venue une seule fois.
Maup. Fort 11.
b) ne . . . pas meme.
«) Beim nicht zusammengesetzten Verbum.
Et que repondrois-je ä un homnie qui ne pense rien et qui ne sait
pas meme construire ce qu'il pense. Racine II, 369. Je Tai vu, je lui
ai parle. Je 7ie vous cache pas meme que je l'ai trouve fort aimable.
Beaum., B. de S. ü, 10. S'ils ont fait du bien ou du mal, cela ne
uous regarde ])as, et nous w'avons pas meme le droit d'allumer une
bougie rose en leur honneur, From., Sahel 168.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter persuniie und meuie 925
ß) Bei synthetisch gebildeten Zeitformen.
Tout est pleiu de cette pratique chez les saiuts les plus reveres
et les plus illustres, qui ;/''ont pas meme 6pargiie les decouvertes des
fuits les plus facheux. Saint-Öimun 15.
Anmerkung:
meme ist durch das Partizipium von der Negation getrennt
in folgendem Beispiel:
Je v/ai pas vu meme la queue d'un diablc. Plattner 111, 2, 183.
y) Beim Infinitiv.
ne und pas meme treten dann zusammen vor den Infinitiv:
Et quel mystere d'epouvante poignante, d'intolerable augoisse que
de ne pas savoir, que de «e pas meme voir quel homme voulait entrer?
Je sais tout 88.
6) bei Auslassung des Verbums.
In diesem Falle fehlt ne und es steht einfaches pas meme.
Mon pere . . . ne compta jamais avec aucun ministre, pas meme
avec le cardinal de Kichelieu. Saint-S. 146. Tout ga en un mois!
Pas meme le temps d'aller les pincer dans leur cuisine! Pot-
Bouille 338.
c) meme ne . . . pas.
Während die ersten beiden Gruppierungen sehr häufig vorkommen,
erscheint meme ne . . . pas nur selten.
Non, non, je ne veux point d'un esjirit qui soit haut; et femme,
qui compose, en sait plus qu'il ne faut; je pretends que la mienne, en
clarte peu sublime, meme ne suche pas ce que c'est qu'une rime.
Mol. III, 165.
2. Bei der Negation ne-plus.
In ähnlicher Weise, wie meme bei ne . . . pas steht, findet es sich
bei der Negation ne . . . plus; ne . . . meme plus oder ne . . . plus
meme entspricht dann dem deutschen: nicht einmal mehr.
a) ne . . . meme plus.
La societe ne daignait meme plus se grimer pour lui, parce qu'il
la devinait peut-etre. Peau 1U7. Cette lutte tragique n'avait pas seule-
ment epuise ma vigueur; eile ne me laissait meme plus la force de
penser. Je sais tout üO.
926 Willy Etzrodt
b) ne . . . plus meme.
«) Beim nicht zusammengesetzten Verb.
A l'instant qu'il faudrait des miracles pour vous subjuguer, quand
la verge de Moise y suffiiait ä peine, je w'ai [jIus meme la ressource
du bäton de Jacob. Beaum. 364.
/S) Beim Infinitiv.
Ah! ne plus rien attendre, ne plus rien esp^rer, n'&yoir plus meme
le droit de desirer. Maup. Fort. 272.
3. Bei der Negation ne-jamais.
Hier ist mir nur die Gruppierung ne . . . meme jamais begegnet.
J'avoue peut-etre sans Sophocle je ne serais jamais venu ä bout
de mon Oedipe; je ne l'aurais meme jamais eutrepris. Voltaire I, 18.
Lorsque j'en parle ainsi, ce n'est pas que je le connaisse plus que
vous, ni peut-etre autant, ne l'ayant meme jamais vu. P. L. Courier;
Plattner HI, 2, 183.
II. metnenient.
Wie das Pronominaladverb meme, so trat auch früher memement
zu der Negation ne-pas. Die Stellung war iu diesem Falle ne . . .pas
memement.
J'enten qui w'ont yas memement aucune cognoissance de la langue
latine. Estienne 264.
III, de meme.
de meme in Verbindung mit der Negation ne-pas erscheint als
ne . . . pas de meme und hat die Bedeutung „gleichwohl nicht,
doch nicht".
La musique ... est excellente . . . mais w'a pas de meme cette
chaleur qu'on admire dans les compositions des grands maitres. Ba-
chaum., Mem., Scherffig 37.
IX. Pronominales meme und adverbiales de meme
in Beziehung zu einem Vergleicliungssatze.
I. Pronominales mem,e.
Dieses Kapitel wie auch das folgende über adverbiales de meme
im Vergleichssatze hat E.Müller, die Vergleichssätze im Französischen,
Diss. Gott. 1900, p. 53/57 zwar schon behandelt, doch nicht vom Stand-
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und meine 927
pimkt des meme, sondern von dem des vergleichenden Nebensalzes
aus, so dass mir hier eine neue Behandlung wohl angebracht schien.
le, la meme; ies memes.
a) Das Korrelat ist : que.
Wie im Lateinischen auf idem ac, atque, später auch quam folgte,
so im Französischen der Regel nach das Korrelat que.
«) Substantivischer Gebrauch.
aa) Der vergleichende Nebensatz ist vollständig.
Je fais le meme que ceux, qui nous survivront, feront de nous.
Malherbe I, 358.
ßß) Er ist unvollständig.
La beaute des betes n'est pas la Dieme que la beaute des hommes.
Hugo, Trav. I, 331.
ß) Adjektivischer Gebrauch.
aa) Der vergleichende Nebensatz ist vollständig.
Die Beispiele sind äusserst zahlreich, ich führe nur die folgen-
den an:
Si fist le guet par pluseurs nuiz, et le veoit entrer par le mesme
Heu que es aultres ses jours faisoit. Cent 206.
Oyez, je vous prie, que c'est par la mesme raison que Ies hommes
sont pareils entre eulx, par icelle sont ilz amys, Des Periers 28.
Auch Fehlen des Artikels findet sich:
Nous sommes chrestiens d mesme titre que nous sommes ou peri-
gordins ou alemans. Montaigne 125.
ßß) Der vergleichende Nebensatz ist unvollständig.
Pour SQavoir si Ies princes et Ies princesses sans queue entreroient
en la me^me ceremo?iie qu'au matin, je voulus attendre leur venue.
Menippee 219.
Vous, vous faites le meme personnage que dans la critique, et je n'ai
rien ä vous dire. Moliere III, 404.
Chacun eut le meme habit et la meme danseuse qii*a.u precedent.
Saint-Sinion 97.
Et cependant il n'etait pas du meme avls que la plupart de ses
collegues. Maup. Fort 54.
928 Willy Etzrodt
Fehlen des Artikels bei meme ist auch hier häufig wahr-
zunehmen :
Josephe, de mesme nation et religion que les Juifs, les exhortoit de
prevenir Tire de Dieu. Meuippee 186 . . . Parlant ä des personnes qui
le chargeroient de meme chose que vous. Moliere III, 413.
Anmerkung.
Auch adjektivisches un meme kann als Korrelat que nach sich
haben:
Lisez les livres de Josephe, de la guerre des Juifs, cur c'est quasi
un mesme faict que le nostre. Meuippee 52.
ta) Das Korrelat ist: oü, d'ou.
Ist adjektivisches meme + Substantiv mit einer Präposition wie
ä, dans, en verbunden, so ist das Korrelat in einigen Fällen oü; so
schon in den „Kois". II a sa mort fust enseveliz en meime le sepulcre
u li bons huem fud enseveliz. Kois 290 . . . E ly pria qu'il vienge ä
meisme le lu ou dreyn s'en ala de le chastel. Nouv. 14.", 37.
Wegen der Stellung des meme in diesen beiden Fällen, siehe
oben, p. 30.
Me mettant dans la meme Situation oh nous devons tous paraitre
un jour devant Dieu notre juge. Massillon 101, 1.
So auch noch bei Voltaire:
Lalli fut enferme ä la Bastille dans la meme chambre oü avait
6te Labouronnais. Voltaire; Littre.
Auch d'oü ist mir begegnet:
Qui croirait qu'un des ressorts les plus vigoureux de mon äme fut
tremp6 dans la meme source d^ou la luxure et la mollesse ont coule
dans mon sang? Eousseau 24.
c) Das Korrelat ist: de.
II parait que ce cuscus ou cusos des Indes orientales, est en effet
un aniraal du meme yenre que les philanders d'Amerique: mais cela ne
prouve pas qu'ils soient de la meme espece d'aucun de ceux du nou-
veau continent. Bufton; Plattner III, 2, 180.
Einige weitere Fälle ähnlicher Art siehe bei E. Müller, S. 55.
d) Das Korrelat ist: dont.
In einigen Beispielen aus dem 16. und 17. Jahrhundert kann ich
auch dont als Korrelat belegen.
Je ne croyray jamais qu'on puisse bien apprendre tout cela des
traducteurs, pource qu'il est impossible de le rendre auecques la mesme
grace^ dont I'autheur en a us6. Defense 64.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und menie 929
Hierfür wUrde man jetzt sagen: , . . avec la meme graec que celle
dont Tauteur a use.
Ahnlieh: Portent-elles des mesmes masques, dont on souloit user en
farces et en momons? Estienne 220.
Olli, crois qu'avec plaisir je serai spectateur en la meme action
dont je serai l'acteur. Kotrou 291. Je vous le dis avec la meme sin-
cerite dont vous m'ecrivez, ma belle cousine. Sövigue I, 547.
e) Das Korrelat ist: a.
Sogar „ä" erscheint einmal als Korrelat; es ist zu erklären, durch
Einfluss von 6gal. Hymen . . . tenant de la main gauehe un volle
de mesme coideur d celui qu'Amerine portoit. Dürfe, Godefr.
f) Das Korrelat ist: com.
Dieses habe ich nur einmal belegen können und zwar nur bei
meme in Verbindung mit dem indefiniten Pronomen tel.
Car eil de cui nos faison feste, fut hom enfers si cum nos som-
mes et formez de tel terre mismes cum nos (ex eodem luto formatus:
Original!) Bernhard 260.
II, Adverbiales de meme»
De meme in Verbindung mit que dient zur Einleitung eines Ver-
gleichssatzes. Im 2. Gliede kann eine Entsprechung folgen
oder nicht. Folgt eine solche, so ist dies:
a) de meme.
De mesme g-w'une cire molle regoit aisement toutes sortes d'em-
preintes, et de figures, de mesme un jeune homnie regoit facilement
toutes les impressious qu'uu veut luy donner. Dict. de l'Ac. De meme
gw'un lion furieux se jette au milieu d'un troupeau de moutous timides,
de meme se precipite au milieu des ennemis etfrayes. Stier 404.
b) ainsi.
De meme qn^xm chene est rive au sol par les minces filaments
chevelus de ses racines, ainsi nos coeurs sont rattaches a la maison
paternelle par des milliers de liens freies et vulgaires, mais puissants
par le nombre. A. Theuriet; Plattner HI, 2, 182.
Ein Beispiel für Auslassung einer solchen Entsprechung im
2. Gliede ist:
De meme que les papes se donnent de nouveaux noms en montant
au- dessus des hommes, j'en ai pris un autre en m'elevant au- dessus de
toutes les femmes. Peau 53.
Romanische Forschungen XXVII. 59
930 Willy Etzrodt
Ebenso im 18. Jahrhundert:
Or, de meine que les objets sensibles, les images des corps . . .
aifectent nos sens, lors meme que nous sommeillons, les etres intel-
lectuels et moraux . . . l'appliquent et l'evercent en tout temps.
Diderot 34.
Anmerkung:
de meme folgt nicht nur nach vorausgehendem de meme que,
sondern auch nach: ainsi que, tout ainsi que,
Ainsi que d'un voisin le trespas survenu fait resoudre un malade,
en son lict detenu, a prendre malgre luy tont ce qu'on luy ordonne . . .,
de mesme les esprits debonnaires et doux se fagonnent prudens par
l'exemple des foux. Regnier 110. Tout ainsi que les pensees sont les
portraits des choses, de meme nos paroles sont-elles les portraits de
nos pensees. Moliere; Stier 404. Beachtenswert im letzten Beispiel ist
die Inversion nach de meme. —
In den bis jetzt angeführten Beispielen war der durch de meme
que eingeleitete Vergleichssatz immer vollständig. Er kann aber
auch unvollständig sein, wie in folgenden Beispielen:
Le respect public, de meme que la reprobatiun universelle, veulent
etre epluches. Hugo, Trav. 1, 282. Ebenso im 18. Jahrhundert:
Ils chautent victoire, comme si vous pensiez de meme qu'eux.
Massillon 58, 1.
Bisweilen findet sich eine Verstärkung von de meme durch
out: Par son mari chere tenue, tout de meme jzf'auparavant. Laf.,
Contes 111, 4, 480.
Anmerkung:
Auslassung des que liegt vor in nachstehendem Beispiel:
De cela ne fault il pas graude exposition, car eile (sc. la chose)
est de mesme la premiere. Jehan 112.
X. Einige mit meme gebildete Redewendungen.
Der Vollständigkeit halber seien zum Scbluss noch einige den
Wörterbüchern entnommene, mit meme gebildete Redewendungen an-
geführt; ausser den bereits in den vorhergehenden Kapiteln erwähnten,
so z. B. bei ä meme, seien noch die folgenden genannt:
1. jouer le meme.
Dies ist ein terminus technicus des Billardspieles. „II se dit . . .
d'une partie qui conuite ä pousser la bille de son adversaire imme-
diatement dans une des six blouses". Dictionnaire.
Die deutsche Entsprechung dieses Ausdrucks ist nach Sachs-
Vi Hatte: eine Lochpartie machen.
Die Syntax der unbestimmten Fürwörter personne und menie 931
2. faire son joueur au meme oder jouer la bille au meme
wird ebenfalls beim Billardspiel als terminus tcclinicus verwandt. Die
Aeadömie erklärt es als „envoyer la bille de son adversaire dans une
blouse, Sans lui avoir fait toucher la bände". Im Deutschen wird man
hier etwa sagen: den Ball ohne Bande, gleich ins Loch machen.
3. faire au meme qn.
Diese Redewendung wird volkslümlieh gebraucht:
a) für frz. tromper, attraper qn. und kommt etwa dem deutschen:
„jem. betrügen, jem. hinters Licht führen" gleich.
Das Dictionnaire de l'Ac. gibt als Beispiel:
Vous voulez me faire au meme.
b) für frz. rendre la j)areille und entspricht dann dem deutschen
Ausdruck: „Wiedervergeltung üben".
4. etre soi-meme
hat die Bedeutung des deutschen: „sich selbst treu, gleich bleiben"
und des lateinischen: sibi constare.
le suis toujours moi-meme et mon coeur n'est point autre. Cor-
neille ni, 424.
59*
Le sens pejoratif du suffixe-ard en francais.
Par
Kurt Glaser.
Cette etude souffre des difficultes que connaissent les lomanistes.
C'est d'abord la difficulte etymologique. Tel mot n'est.pas d'une origine
assez claire poiir pouvoir trouver place dans une etude philologique;
daDS tel autre mot, c'est la forme qui trompe. Dans blafard p. e. nous
ne sommes pas en piesence d'nn radical blaf — et d'un suffixe — f/rc?,
mais de deux mots d'origine germanique, reunis en un seul (bleihfaro:
de couleur pale); dans Leta (homme tres bete, mot injuiieux et tres fa-
milier) qui, par fausse etymologie populaire, s'öcrit parfois betard
(Sacbs-Villatte s. v, — betar dans Constantin — Desormaux, Diction-
naire savoyard, 1902, p. 47) il ne s'agit pas d'une forme bet-ard, derivee
de bete avec la terminaison arri? (le sens se preterait tres bien ä cette
derivation-, cf. bestardise f. en vieux francais au sens de betise, God. I,
p. 636'^), mais d'une forme dialectale de betail (voir Littre s. v., Dict.
Gen. s.v.), fetard^ fetart, faitard, festart, adj.: paresseux, lache, negli-
gent (se disait encore au XVIl« siecle, cf. God. 111, p. 774) vient de
fai tard (voir Meyer-Lübke, Grammatik der romanischen Sprachen, II.
p. 577 et Nyrop, Grammaire historique de la langue frangaise, III, p. 38,
§ 42). Dans d'autres mots, Torigine est parfois discut^e et plus qu'in-
cei taiue, comme dans papelard, que le Dict. Gen. s. v. derive de l'ancien
verbe paper (au sens de manger) et de lard^)^ tandis que Körting, Lat.-
rom. Wörterbuch n" 6842 y voit une derivation du verbe *papalare
(frangais *pai)eler, allem, papeln, au sens de , Gebete plappern' ou
,päp8teln', den , Papisten spielen'. — voir aussi Scheler, Dict. etym. s.
V.). Bref, en ne considerant que la forme exterieure d'un mot, on ne
sait pas toujours ä quoi s'en tenir, J'ai cherche a eviter cette difficulte,
1) On pense ä cea vers de Clement Marot:
,Par la inorbieu, voylä CI6ment,
,Prenezle, il a mang6 le lard,
,11 faict bon estre papelard' (6d. D'Höricault. 1867, p. 64).
,Je ne mange poisson ne lard,
,Non que craigne le papelart' (ib. p. 205).
Le sens p6joratif du suffixe-ard en fran^ais 933
en me bornant ä des mots dont l'etyniologie est suffisamment conoue;
mais, mon 6tude s'occupant d'une questiou de sömantique, je n'ai pas
cru trahir ce principe, en ajoutant d'uutres mots, lor8que le sens per-
mettait ce rapprochement, surtout qiiand le suffixe-ard ne servait spö-
cialement qu'iY renforcer et a mettre plus en cvidence l'idde pejorative.
En abordant ici la question de s6mantique, nous nous heurtons k
une nouvelle difficulte. Que fant il entendre par pejoratif? Ce qui
ravale le sens, ce qui se prend en mauvaise part, ce qui donne une
id^e de denigrement, un sens defavorable etc. Voilä tout un choix de
definitions prises au hasard et qui nous donnent dejä une Idee de la
multitude et de la vari6t6 des difF^rentes acceptions qn'impliqne le mot
pejoratif. Nous allons montrer maintenant de queUe maniere nous avons
procede, pour grouper cette multitude de sens si varies et toujours
variables, et pour faire comprendre le role que joue le sens pejoratif
dans l'histoire du suffixe-ard.
Nous nous restreignons au frangais, invoquant seulement en cas de
besoin l'aide et le temoignage d'autres langues.
Nous nous proposonS; dans les pages qui suivent, d'examiner le sens
pejoratif du suffixe -ard en frauQais. Le but de cette etude est de
chercher ä rcunir, aussi completement que faire se peut, les substantifs
et les adjectifs, affectes du suffixe-ard, qui ont pris, pour une cause ou
pour une autre, un sens pejoratif. Comme nous venons de le voir, le
choix des mots qui figurent dans uotre ^tude n'est pas toujours facile
ä faire, pour la simple raison que le sens pejoratif est parfois difficile
ä saisir (abstraction faite du c6t6 etymologique). II y a bon nombre
de mots oii ce sens n'a jamais existe, tandis que dans d'autres il se
presente sous une forme plus ou moius vague, parait parfois s'etre
attenu6 ou avoir meme completement disparu.
En eflFet, le sens pejoratif, quoique ötant le sens le plus en vue,
n'est pas le seul que comporte le suffixe-ard. Dans balbuzard, b/llard,
binard (binart), eUndavd, placard, dans bombarde, moutarde^ poulorde
et dans beaucoup d'autres mots, il n'y a pas ombre de sens pejoratif.
II en est de meme d'un certain nombre de mots appartenant ä Tancien
frangais, tels que coiffard (marchand de coiffes. God. II, p. 171«) et
afilart (effile, rapide. God. I, p. 141«, cf. afilant et afile) et d'un cer-
tain nombre de mots dialectaux, parmi lesquels nous citerons pleumard
m. au sens de plumet, panache (,un pleumard ä mon chapiau' dans une
chanson populaire du Centre de la France. Jaubert, Glossaire du Ceutre
n, p. 187. — Morvan: pienmar, voir De Chambure, Glossaire du Mor-
van 1878, p. 654 etc.). Dans bScard (saumon k longue saillie crochue
de la mächoire inferieure), busard (oiseau de proie du genre buse) etc.
le suffixe-ard indique une propriete, dans pechard \2i^]., couleur defleur
934 K:urt Glaser
de peclier: ,cheval pechard', employe dans certains patois du Centre,
voir Jaubert, Glossaire du Centre II, p. 153) et ferart (anc. fr., de fer.
God. ni; p. 753^) il indique simplement une qualite; dans d'uutres mots
comme fauchard (graude faux), meulard (grosse meule), bombarde (piece
d'artillerie) etc. le suffixe-ard a pris un sens augmentatif ; plus rarement,
il a pris un sens diminutif comme dans chevrillard (petit chevreuil),
bichart (vieux frangais, le petit de la biche. God. I, p. 644''), 'piai%
piard (vieux frangais, le petit de la pie. God. VI, p. 140''), pouillard
(jeune perdreau, jeune faisan) et caillard (caille trop jeune pour etre
tuee. Patois du pays de Bray, voir Decorde, Dict. du patois du pays
de Bray 1852, p. 58). II faut laisser de cote blafard (de Tallemand
bleihfaro), boulevard, oü le suffix-ard s'est introduit ä la place de la
desinence du mot allemand werk (bollwerk), boyard (du russe boyar),
bezoard (du portugais bezuar), brancard (du provengal bfancal), brocart,
oü -art a remplace au XVIII» siecle le suffixe original-at de l'italien
broccato et enfin patard, emprunte, avec Substitution de suffixe, du
provengal patac, lequel se rattaehe ä Tespagnol pataco, d'origine arabe ^).
Notre suffixe, qui, en tout temps, a ete tres rcpandu, n'a pas seule-
ment garde toute sa föcondite; il a meme gagne en activite et en energie
creatrice, en fournissant surtout ä la langue populaire et familiere un
grand nombre de mots de sens tres varies. Ce sont pour la plupart
des creations essentiellement populaires, souvent mem.e audacieuses, et
auxquelles la langue litteraire fait fort rarement accueil. Bornons-nous
ä nommer ici:
bouffard s, m. fumeur. cf. bouffarde f., pipe, par allusion aux
bouffees de tabae qui s'en öchappent, et bouff arder: fumer la pipe. Argot
de Paris, voir Larcbey, Dict. historique, etymologique et anecdotique
de l'argot parisien (Paris 1872), p. 58, Kigaud, Dict. d'argot moderne
(Paris 1881), p. 53, Delesalle, Dict. argot-frangais et frangais-argot
(Paris 1896), p. 43. bouff arde est employe pour la prämiere fois par
Labiche dans la comedie intitulee, Deux papas tr6s bien' (1844), cf.
Nyrop, Gram. bist. UI, p. 168, § 356.
criarde f., ce qui produit un son criard: 1" poule; 2° Urne, seie;
3" sonnette; 4° serrure. Jargon des voleurs. Kigaud p. 121, Delesalle
p. 82, Lotscb, Wörterbuch zu modernen franz. Schriftstellern (1899), p. 26*.
luisard m., ce qui luit, ,luisant' : le soleil.
luisarde f. ,luisaute' : 1° lune; 2" fenetre. Termes de l'argot des
voleurs. Larcbey p. 167, Delesalle p. 167, Lotscb p. bS'^.
flambard m (de flamber) : poignard; cf.
flambarde f. lampe; chaudelle. Kigaud p. 175, Lotscb p. 41''.
woucharde f. (de moucher): la lune. Appartient au Jargon des
1) Poar plus de dötails voir Nyrop, Gramraaire historique de la langue
fran^aise III (1908), p. 167, § 351
Le sens pßjoratif du suffixe-ard en fran^ais 935
voleurs, commc les termes pr6c^dents; cf. mouchard ä becs: rdverb6re.
Kigaud p. 257.
souillarde f. blouse de travail (que l'on ,souille'). Terme d'argot.
Delesalle p. 273, Lotsch p. 96^
brillard m,, piece d'or, qui ,brille'. Jargon des voleurs. Delesalle
p. 48, Lotsch p. 14^
bissard m., pain bis, dans le langage populaire de Paris. Delesalle
p. 37, Rigaud p. 41, — De meme:
soufßard m., celui qui ,souffle'; forgeron, maröchal ferrant. Dele-
salle p. 273, Lotsch p. 96»».
bisard m. (de ,bise'), soufflet de forge, soufflet ä feu. Larchey
p. 51, Rigaud p. 41.
j)liimard m. (de plume), lit (s'emploie aussi au sens de houssoir ou
balai de plumes). — se plumarder: se coucher. Rigaud p. 300, Lotsch
p. 77b.
crottard m., trottoir: Delesalle p. 83.
ciboulard m. ,ciboulot': la tete. Delesalle p. 70, Lotsch p. 21*.
citrouillard m. ,citron': la tete. Delesalle p. 70.
ginglard m. ,ginglet', vin leger. Larchey p. 148, Delesalle p. 137.
bosselard m. ,bo8sele': chapeau haut de forme dans le Jargon du
College, par allusion k l'etat ordinaire des chapeaux des collegiens.
Delesalle p. 42, Rigaud p. 51, 52.
griffard m. (de griffe), chat. Larchey p. 152, Delesalle p. 145 (cf.
grippard, grippart m.: meme sens. Delesalle p. 145).
bocard m. ,boc': 1" cafe; 2" maison publique. Larchey p. 54, Dele-
salle p. 39.
Les quelques exemples cites plus haut nous montrent dejä toute
une Serie de nuances de sens oü l'on n'arrive plus a reconnaitre l'ac-
ception originale de la terminaison germanique -hard (dur, fort). Ce
n'est pas ici le lieu d'expliquer l'existence et la raison d'etre des sens
differents que presentent les mots en -ard; il ne s'agit que de savoir
comment il faut expliquer le sens pejoratif auquel revient une place si
importante au milieu de cette variöte d'autres sens. Meyer-LUbke dans
sa grammaire monumentale des langues romanes dit ä ce sujet; „Ard
ist germanischen Ursprungs und bat seinen Ausgangspunkt bei zusammen-
gesetzten Eigennamen wie Reginhart, Adalhart, Eberhart u. s. w. Ob-
schon erst im Mittelhochdeutschen auch Appellativa auf -hart erscheinen,
darf man doch wohl schon für die Zeit, wo Germanen und Romanen
sich verschmolzen, bei Frauken, Burgunden und Longobardeu eine ge-
wisse Beliebtheit derartiger Bildungen auch ausserhalb der Eigennamen
voraussetzen, so dass jene bei ihrer Romanisierung -hard auch mit
romanischen Adjektiven verbanden, also dem riebe : richart ein bon :
bonart zur Seite stellen. Dem Romanen war natürlich die Bedeutung
936 Kurt Glaser
von : art, deren vielleicht schon der Germane nicht mehr ganz bewosst
war, dunkel, er hörte die Endung zunächst in Eigennamen, deren erster
Teil mit einem Adjektivum übereinstimmte, das Suffix schien also im
Verhältnis zum Adjektivum das Individuum zu bezeichnen, ans der
ganzen, unbegrenzten Zahl der mit einer Eigenschaft behafteten einen
einzelnen herauszuheben, an welchem die betreffende Eigenschaft in be-
sonderem Grade zum Ausdruck kam. Naturgemäss verband sich aber
nun -ard hauptsächlich mit solchen Adjektiven oder auch Verben, die
eine nach der Auffassung des Sprechenden tadelnswerte Eigenschaft
oder Handlung ausdrücken" (Grammatik der roman. Sprachen H, p. 556,
557, § 519). Cette explication n'est pas tres claire et parait insuffisante,
du moins pour le cote semantique de la question. On ne voit pas trop
comment -ard a pu prendre un sens depreciatif (Meyer -Lübke dit laconi-
quement: „Naturgemäss"). Nyrop, Gram, histor. de fa langue fran-
gaise ni, p. 167, 168, § 355, 3° releve avec raison que le sens pejoratif
se rattache au sens augmentatif. ,Comme -art sert souvent ä souligner
la presence d'une qaalite: bocard^ nasard, vieillard, il adopte facilement
un sens augmentatif: becard, brocard^ chicard^ dagard, gaillard, veinard.
Au sens augmentatif se Joint facilement une nuance pejorative: r Ichard,
gueusard, frocard. Dans la langue moderne, le sens defavorable l'a
empörte'. Ajoutons ä cette explication que le sens pejoratif s'est in-
troduit d'abord dans la categorie des mots oii le radical exprime par
lui-meme une idee depreciative: ainsi dans soülard^ sotard etc. l'idee
deprecialive eveillee par le radical soül, sot etc. atteint le suffixe
d'abord dans ces mots, puis dans les autres derives en -ard, comme
dans lignard fsoldat de la ligne, pioupiou) et Jisard (qui sait lire, qui
aime ä lire et, par extension, malin, fin en affaires, voir p. 954).
C'est ainsi que le suffixe -ard s'est uni aux substantifs et aux ad-
jectifs afin de leur douner un sens defavorable, oü perce souvent en-
core l'idee augmentative. Cette formalion tres vivante parait de tres
bonne heure et se poiirsuit jusqu'ä nos jours sans rien perdre de son
inepuisable fecondite. Les premiers exemples de l'emploi du suffixe
-ard datent dejä de l'epoque gallo-romaine. ,Des noms propres, le
suffixe -ard passe aux noms communs (substantifs et adjectifs) comme
le montrent bdfard, couard^ gaillard, richard^ vieillard qui remontent
tous ä l'epoque gallo-romaine' (Nyrop, Gram. bist. III, p. 166, § 352).
En vieux frangais notre suffixe, et avec lui le sens pejoratif, a visible-
ment gagn6 du terrain: Voir surtont p. 950a, 957a, 959a, 960a, 961a,
964 a, 967 a, 969a, 972a, 974a.
Le XVP siecle, si fecond en creations nouvelles, marque une etape
fort importante dans Thistoire du suffix -ard, pour cette raison qu'il a
introduit bon nombre de mots nouveaux: Voir surtout p. 952b, 958b,
959 b, 961b, 962b, 963 a, 968b, 972 b, 973 a.
Le sens pßjoratif du suffixe-ard en fran^ais 937
De toutes les pöriodcs de l'histoire de lu langue frangaise, aucune
n'a vu uaitre plus de teinies nouveaux en -ard ä sens pejoratif que la
Periode nioderiie: Voir surtout p. 9428s, 956c, y59c, 960c, 961c, 962c,
963 b, 965b, 968 c, 971b, 972c, 973 b, 975 b.
Ce qne dous venons de dire sur la provenance du sens pöjoratif
dans les mots en -ard serait incomplet, si nous ne parlions pas de la
mani^re dont s'est developpc le sens pejoratif dans d'autres Suffixes.
Parmi ces derniers, le suffixe qui se rajiproche le plus de la terminaison
-ard est le suffixe -ald^ egalement d'drigiue germanique {-wald), qui a
forme en frangais une quantite de noms propres {Arnand, Clairaud etc.)
et qui s'est etendu plus tard ;i des noms communs designant des per-
sonues et des animanx [clabaud^ heraut, ribaud etc.), le plus souvent
dans un sens pejoratif: crapaud, levraut, pataud^ ßnaud, lourdaiid^ noi-
raiid, rustaiid, salaud, badaud, nigaud^ richaud ; en vieux frangais bri-
faud, guinaut etc.
II faut nommer ensuite -asse (du suffixe latin -acea, -acia, forme
feminine du latin -aceu, aciu, en frangais -os; exemples uniques: bour-
ras, platras). Ce suffixe, de signification collective et augmentative dans
fouasse (foiiace)^ vinasse etc., a abouti a la signification pejorative dans
besfiasse, cognasse^ grlmace^ tignasse, tStasse, villace, paperasse etc., l'idee
de grandeur, prise en mauvaise part, ayant engendrc l'idee de la gran-
deur demesuree et, par consequent, diiforme. On en a forme egalement
des adjectifs feminins en -asse ä signification pejorative: bonasse, mol-
lasse etc., mais, comme la forme feminine n'etait plus sentie, on l'a
etendue au masculin dans blondasse et fadasse.
Le frangais aille (du latin -alia, dans carnalia, fatalia etc.) indique
non seulement un sens collectif (c'est justement cette signification col-
lective qui distingue les mots en -aille de -alia des mots en -aille formes
de -acula), mais encore un sens pejoratif ou voisin du sens pejoratif,
,eine meist verächtliche Menge von Dingen' (Meyer-Lübke Gram, der
rom. Sprachen 11, p. 481). II faut nommer ici: ferraille, gueusaille,
maraudaille, mangeaille, pretraille^ radicaille, valetaille etc. Dans ces
mots le sens pejoratif est d'origine relativement moderne.
Par contre, dans le suffixe-m (lat. -inu), c'est la signification dimi-
nutive qui a donne naissance au sens pejoratif, l'idee de petitesse
engendrant le mepris. Ce sens se retrouve dans bon nombre de mots,
comme calotin, galantin, plaisantin etc.
II en est de meme du suffixe-on, oü la signification pejorative de-
coule de l'idee diminutive. Nous retrouvons ce dernier sens dans des
noms d'auimaux: aiglon, ourson, nioticlieron, hanneton etc. Au sens
pejoratif: brouillon, fanfaron, fripon^ grognoti, marmiton, souillon.
Le suffixe latin -attus, -ottus, -ittus presente en frangais la meme
938 Kurt Glaser
gradation de sens; dans aiglat^ loiivat, dans Hot, archerot, maillot etc.,
il est diminutif; dans bellot, vieillot etc. il est depreciatif.
II reste encore ä nommer le suffixe-a^re, qui a conserve la valeur
depr^ciative du suffixe latin -aster (cf. patraster, parasitaster) dans
mardtre^ ecolätre, mulälre, opiniätre, acaridtre, bellätre, blanchdtre,
douceätre, foldtre, jaundtre] (dans ces derniers adjeetifs le sens depre-
ciatif est moins visible).
Avant d'aller plus loin, il Importe de relever que, dans la variete
et la multitude de sens que peut 'exprimer le suffixe -ard, c'est le sens
pejoratif (plus ou moins nettement defini, il est vrai) qui lui est parti-
culierement caracteristique, plus caracteristique meme qu'ä tous les
autres Suffixes signales plus haut (ä la seule exception du suffixe -ätre
peut-etre, qui a ete dej<x pejoratif eu latin). C'est justement ce sens-lä
qui se reucontre ä chaque pas dans le vocabulaire fran^ais et qui,
comme nous le verrons dans le cours de notre etude, tend ä devenir
de plus en plus important. Aussi peut-on dire que c'est le sens vrai-
ment vivant, le sens par excellence.
On se rend facilement compte du sens pejoratif qui se rattache ä
la terminaison -ard, en com|)arant soldat (emprunte au XVP sifecle de
Titalien soldato) ä. soMc?a;(^ (ou soudart] tire de la meme racine; depuis
le XIV* siecle). Soudard indique, dans un sens defavorable, celui qui
a des habitudes soldatesques; ,il se prend en mauvaise part, soit par
moquerie, soit pour exprimer la grossierete ou la barbarie' (Littre s. v.).
Le sens pejoratif est aussi fort visible dans bdtard et cor7iard (pour
ne citer ici que ces deux exemples). bdtard (du radical bat, voir Dict.
G^n. s. V.): 1" de naissance illegitime. 2" qui n'est pas de race, d'espece
pure; degön^r^ de l'esp^ce ä laquelle il appartient; aufigure: qui n'est
point d'un caractere determine. — cornard (derive de corne; depuis le
Xni« siecle, voir Dict. Gen. s. v. et God. Compl. IX, p. 201" s. v. cor-
nart): celui qui a des cornes; par plaisanterie: mari trompö par sa
femme, cocu (terme d'injure).
Dans campagnard et dans goujard le suffixe -ard r6pond ä l'idee
pejorative qu'impliquent souvent ces mots. Cawpagnard: homme dont
les manieres sont rustiques, grossi{?res et maladroites^). Goujard (en
fran^ais moderne gouj'at, emprunte au XV^ siecle du proven^al goujat,
de goujo, au sens ])ropre de ,gargon'): V valet d'armee; 2" (plus rare-
ment) apprenti magon, dont la fonction est de porter les materiaux;
3** par extension : homme sale et grossier, malhonnete et coquin. Gou-
jard (pour goujat; en vieux frangais aussi gougeard, coujard, voir
1) Voir aussi Nitzsche, Über Qualitätsverschlechterung französischer Wörter
und Redensarten. Eine semasiologische Untersuchung. Leipzig. ; Diss. 1898,
p. 10, 16.
Le sens p6joratif du suffixe-ard en franfais 939
God. IV, p. SIT«) se dit encore dans des patois; voir p. e. Labourasse,
Patois de la Meuse (Voutbons) 1887, p. 303; Corblet, Gloss. da patois
picard (1851), p. 428.
Ces quelques remarques nöaumoins ne veulent pas dire qua les
mots en -ard qui figurent dans notre etude soient tous nettement pe-
joratifs ou risqueut de le deveuir; car, comme nous Tavons dit plus
haut, ils laissent souvent entrevoir un sens qui, sans etre nettement
pöjoratif, ne fait que sc rapprocher plus ou moins du sens pöjoratif,
comme dans les mots suivanis, qui paraissent präsenter une valeur
legerement depreciative:
vasard adj. (tenne de marine): vaseux, ,e6te vasarde'. — s. m,:
fond de vase moUe.
fagnard (ä cote de fagnoux) : fangeux, plein de ,fagne' (fange,
boue). Patois de la Saintonge. Eveille, Gloss. saintongeais (1887),
p. 163.
mouillard, adj., humide. ,terrain mouillard', ,terres mouillardes'.
Centre. Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 89.
Jaimard, adj., jaunätre. ,cettc eau est jaunarde'. Centre. Jaubert,
Gloss. du Centre I, p. 553.
rougeard, adj., rouge, rougeaud. .j'ai vu passer un chien grand et
rougeard'. Centre. Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 287.
Dans d'autres mots le sens pejoratif a presque entierement (on
peut meme dire entierement) disparu, comme dans:
vieillard m.; ce mot implique l'idee d'un bomme respectable par
l'äge et beaucoup moins l'idee d'un homme impotent et infirme. Cf.
dans ce dernier sens: bequillard p. 971; penard p. 954; coquard (orig.
vieux coq): vieillard preteutieux et ridicule, benet (p. 965); bonicard
(vieux bonicard), dans le Jargon des voleurs (Larchey, Dict. historique,
etymologique et anecdotique de l'argot parisien, 1872, p. 55. Rigaud,
Dict. d'argot moderne, 1881, p. 49) de ,bomgue\ mcme sens (Larchey,
1. c, Delesalle, Dict. argot-frangais et frangais-argot, 1896, p. 41).
Rappeions aussi vieillarde f , employe seulement avec une nuance de
mepris dans le style moqueur et satirique, voir Littre s. v. vieillard n» 4.
Dans grognard nous trouvons le sens pejoratif conserve au sens
propre : ,qui a la manie de grogner' (groiguart, gruinard en vieux fran-
^ais-, God. IV., p. 363'' et Compl. IX, p. 728"^), mais ce sens s'est affaibli
et n'est plus guere visible au sens figure de ,soldat de la vieille garde'
(et, par extension, de vieux soldat en general). Ce qui nous Interesse
ici, c'est que le mot grognard qui a ete d'abord un sobriquet donne
aux soldats de Napoleon I«"" se prend ,le plus souvent en un sens favo-
rable' (Littre s. v.). ,Voilä que je grogne en vrai grognard pour une
promenade reculee de quelques heures'. Sue, Juif errant, II, p. 239.
,Troi8 fantomes de vieux grognards, En uniformes de l'ex-garde, Avec
940 Kurt Glaser
deux ombres de hussards', Th. Gautier, Les vieux de la vieille. ,Et
celui-lä! Ho! ho! en grognard de l'Empire', Rostand, L'Aiglon IV, 10
(p. 186).
Le sens pejoratif s'est affaibli aussi dans:
gueiisard (de gueux; admis par TAcadeniie en 1835, voir Dict. Gen.
s. V.), celui qui vit de gueuserie, gueux renforce ; employe familierement
comme mot d'amitie. Larchey p. 154, 155. Delesalle p. 147. Lotsch,
Wörterbuch zu moderneu franz. Schriftstellern, 1899, p. 50*>.
hurlard^ petit hurlard, qui hiirle fort et sans cesse (cf. hurler,
hurleur). Je n'ai rencontre ce mot que dans le sens de ,harle' (oiseau).
Patois de Cayeux. Corblet, Gloss. du patois picard, 1851, p. 512; cf.
huard (du radical huer) un des noms de l'orfaie; aigle de mer.
tetard, adj. et s. m., qui a uue grosse tete (sens aiigmentatif). De
lä: premiere forme de la greuouille, du crapaud et de la salamandre
et nom vulgaire de certains poissons (chabot etc., voir aussi Beauquier,
Provincialismes usites dans le departement du Doubs 1881, p. 282) et
dösignation populaire d'un gros arbre decouronne (qui a une tete, un
falte, une cime difforme. De Chambure, Gloss. du Morvan 1878, p. 833
s. V. t^tar). S'emploie encore figurement au sens depreciatif de tetu,
opiniätre, p. 950^).
Remarquons ici le phenomenecurieuxquedesmotsen-ard, discredites
par le sens depreciatif qui se rattache ä la terminaison-ard, tombent
en d^suetude; c'est Nigard, remplace par Nicien ou, plus couramment,
par Nigois, et Savoyard^ designation de l'habitant de la Savoie, par ex-
tension, dösignation d'un ramoneur ou decrotteur (metier exerc6 par les
Savoyards expatries et trfes nombreux en France) et enfin designation
1) II nc fallt pas s'ötonner, d'apröa ce qui pröcede, si I'on rencontre en
vieux fraiiQais et plus tard encore des exemples oü rintioduction de la termi-
naison -ard (-art) est due ä un besoin de la rime et ne parait pas etie motiv6e
par le sens. On trouve: aufart pour aufage dans ,La Prise de Pampelune*
V. 6072, ed. Mussafia:
,Quand oiries l'olifant, che fu de Helmont l'aufart,
,Aou miir dever senestre, ou n'i a bois ne desart,
jAsailiries la ville' (cf. aussi God. I, p. 496» s. v. aufart).
Croysard pour croise dans une poesie du commencement du XVI» sifecle
(Recueil de po6sies frangoises des XVe et XVI« sifeclcs, publi6 par A. de Mon-
taiglon et J. de Rothschild. XI, p. 287):
,Que tu te gardez des hazars.
, — Ce n'est qu'ä faulte des Croysardz
,Que le Turcq nous occupe Rhodes.'
(On parle ici des Chevaliers de Rhodes qui, apres un siege opiniätre, se sentant
hors d'6tat de defendre leur ile contre les Turcs, l'abandounferent en 1522 ä,
Soliman II).
Le sens p6joratif du suffixe-ard en fran^aia 941
d'un honime grossier'). Savoyard, gräce au sens d^pröeiatif et ironique
qu'exprime le suffixe -ard, s'est maintenu comme terme de mepris daus
ces derniöres acceptions, taiidis qu'on a fiui par le remplacer dans son
seus primitif et benin par Savoisien (parfois Savoyen), expression modelee
sur Parisien et qui tend ä devenir de plus en plus commune^).
Ce petit choix d'exeniples, puise au hasard dans le lexique des
patois, dans celui de l'argot et enfin dans celui du frangais iittöraire,
suffira pour montrer que les limites qui separent le sens pejoratif pro-
prement dit de la serie des nuances de sens qui s'y rattacbent sont
souvent tres vagues, de sorte qu'un sens queleonque, empietant sur le
sens pejoratif et se confondant avec lui oq Tabsorbant entierement, peut
produire des modifications de sens, parfois considerables et qui ont
souvent pour resultat final l'attcuuation ou meme la disparition du sens
pejoratif. Nous nous voyous iei en presence d'un fait des plus com-
muns et des plus foudanientaux dans la vie des uiots: c'est la loi du
continuel devenir, de la transformation eternelle oü se trouve une langue
dans sa morphologie et sa synt.ixe aussi bien que dans sa semantique.
Ces changemeuts incessants et plus ou moius profonds auxquels le sens
d'un mot est soumis, ne reposent pas sur une transition brusque et
momentanee qui tout d'un coup fait naitre ou disparaitre un sens nou-
veau dans l'ensemble des sens qui coustituent Telement semantique d'un
mot, mais, comme dans tous les changemeuts de semantique, sur une
transition imperceptible, sur un developpement lent et graduel, qui fait
naitre un sens nouveau ou qui, d'autre pari, produit tantot l'attenuation,
tantöt meme la perte d'un sens. C'est justement cet etat de trans-
formation permanente dans lequel s'est trouve et se trouve toujours le
vocabulaire frangais, qui explique pourquoi, dans l'histoire du suffixe
-ard, le sens pejoratif n'est pas toujours elairement eireonscrit et precise,
et par consequent souvent difficile ä saisir.
1) Voir aussi Nitzsche, Über Qualitätsversclilechterung franz. Wörter und
Redensarten, p. 15. — Savoisien et Savoyen ne sont pas des n6ologismes, comme
on pourrait le croire; ces uiots remontent tous les deus au moins au XVI« siecle:
,Le8 principaulx de ceste chasse cstoient les nobles du Daulpliine et Savoysiens'.
Commynes, t^d. Dupont I, 3 (T, p. 40); , Savoysiens et Bourguignons de tous
temps se entre aymoicnt tres fort', ib. II, 5 (I, p. 153"). ,Les Allobroges dictz
maintenant Sauoysiens'. Bonivard, Advis et Devis des iengues (nouvelle edition
Genöve 1865, p. 10). ,Les Allobroges noinez de present Sauoyens', ib. p. 22.
2) De meme Briard (parfois aussi Briois; de Brie, habitant de cette pro-
vince). On dit cependant et sans aucune nuance pejorative, autant que je sache:
Anniviard (habitant de la vallee d'Anniviers. Vaud.); Bagnard (habitant de la
vall6e de Bagnes; le bagnard: patois de cette region) ; Bionnerard {habitant Ae
Bionnay, village au pied du Mont-Blanc); Chamoniard (habitant de Chamouix);
Tignard (habitant de la valI6e de Tignes), Sagnard (habitant de la vallee de
Sagne. Jura) etc.
942 Kurt Glaser
Nous arrivons enfin ä la categorie des mots en -ard qui pr^sentent
uu sens plus clairement (ou meme nettenieut) pejoratif. C'est siirtout
le langage popiilaire et familier qui s'est empaie du suffixe ard pour
exprimer un sens depreciatif. Une graude quantitc de ces termes appartient
au vocabulaire des patois et de Targot, mais il s'en trouve pourtant un
nombre appreciable dans le bon frauQais.
Pour montrer le role que le sens pejoratif a joue et joue toujours
dans riiistoire du suffixe -ard, commengons par nommer des mots d'origine
moderne (ou d'origine relativement moderne) apparteuant au langage
populaire ou familier, et oü l'empioi du suffixe -ard dans un but depre-
ciatif comporte en meme temps une nuance legerement ironique. En
effet, le sens qui se rapproche le plus du sens pejoratif, c'est le sens
plaisant et ironique. De la moquerie ä une Interpretation en mauvaise
part, il n'y a qu'un pas. C'est ainsi qu'un homnie saus caractere, qui
se laisse dominer par les femmes, se voit qualifie de pantonfiard (De-
lesalle, Dict. argot-frauQais et frangais-argot, 1896, p. 201') et qu'un
babitant de la banlieue de Paris est qualifie de banlieusard (,Journal
amüsant' du 20 novembre 1897, Lotsch p. 1^, Donos, Paul Verlaine in-
time p. 195 ; parait etre forme sur gueusard, voir Nyrop, Gram, histor.
111, p. 166, § 352; cf. plus bas bondieusard). Un membre de l'Institut est
nomme coupolard, par allusion ä la coupole du Palais-Mazarin (Delesalle
p. 79, Rigaud p. 118); le titulaire d'une medaille, qui la porte avec osten-
tation estnommö medaillard (Sachs- Villatte, Suppl. s. v.); un homme (ou-
vrier etc.) qui porte une blouse est nomme hlousard (Sachs- Villatte, Suppl.
8. V.); un meudiant vetu de guenilles: ^?<e»///ort/ (Sachs- Villatte, Suppl.
8. V.); un marchand de bric-a-brac: hricard (Sachs-Villattes. v. — rare);
un malfaiteur condamne au bagne : bagnard (Sachs-Villatte s. v. — loff(e)
et loffard\ argot des malfaiteurs, Sachs-Villatte s. v.); un officier qui
tient fort ä la discipline: discipUnard (Sachs-Villatte, Suppl. s. v.); un
voleur de pendules: pendulard (employe adjectivement. rare. Sachs-
Villatte s. V.); un homme qui se laisse facilement piper (c'est ä-dire
tromper) s'appelle pipard (Sachs-Villatte, Suppl. s. v.; cf. simplart:
homme fort simple, naif et credule. vieilli. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.).
Un mendiant qui exploite la charite publique dans les omnibus s'appelle
parfois omnibusard (Rigaud p. 267, Delesalle p. 195, 196); un voleur
qui profite d'une ,trepe' (c'est-ä-dire d'un rassemblement) et qui, au
besoin fait naitre un rassemblement, ä la faveur duquel il exerce sa
petite Industrie, s'appelle en argot trepignard (Rigaud p. 374, Delesalle
p. 292); un homme qui a ,le truc' s'appelle trucard (Delesalle p. 296);
un homme qui cherche ä tirer profit de toute chose s'appelle proßtard
1) C'6tait aussi le sobriquet donne en 1871 aux gardes iiationaux de Paris
impropres au Service militaire. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
Le sena p6joratif du suffixe-ard en fran^ais 943
(Sachs Vilhitte, Suppl. s. v.; cf. profiteur); iin buveur d'eau, oii, plus
couramment, un giund amalcur de bains froids: grenoiiillanl (Rigaud
j). 204, Delesalle p. 144); iin amatenr de courses de chevaux qui de
pröference stationne snr la pelouse (c'est-ä-dire sur la parlie interieure
du cbamp de courses) porte !e sobriquet de j^^^ousard (Lotsch p. TS-"»).
Un marcband d'objets de devotion et enluniineur d'images de saintete
s'appelle bondieusard (bondieuzard); ce mot se dit aussi, dans le lan-
gage des libres-penseurs, de quiconque croit en Dieu ou fait montre de
sentiments religieux (Kigaud p. 48—49, Delesalle p. 41. Darmesteter,
De la creation actuelle de mots uouveaux dans la laugue fran9ai8e.
Paris 1877, p. 89; cf. bondieusarderie f.: devotion, pratiquc religieuse,
hommage ä la religion, par oppos^ition k boudieuserie f.: metier du
bondieusard; articles de piete; commerce d'objets de saintete). Un
Soldat d'infanterie de ligne se voit qualifie de lignard^)^ de gamellard
(de gamelle. Sachs-Villatte, Suppl, s. v.) ou de ßingart, parce qu'il
porte le flingot (fusil). Rigaud p. 177. Rapprochons ici: cüroiiillard:
dragou, par allusion ä la forme de son easque (et non par allusion ä
la couleur de sa tunique, comme le croit Rigaud p. 100). — flottard,
aspirant ä l'ecole navale (Rigaud p. 177, Delesalle p. 122). — torpillard,
nom donne recemment aux soldats de marine cbarges de placer les
torpilles (Darmesteter, De la creation actuelle de mots nouveaux dans
la langue frangaise. Paris 1877, p. 90). — conscrar(d) (pour conscrit),
eleve de l'Ecole Polytechnique pendant sa premi^re annee d'etudes (Sachs-
Villatte, Suppl. s. V.). — briscard ou brisquart^ soldat (sergent), qui
porte les ,brisques' (chevrons), vieux troupier. Larchey p. 64 s. v.
briscard, Delesalle p. 48 s. v. briscard, Rigaud p. 61 s. v. brisqiiart,
Darmesteter, De la creation actuelle etc. p. 89. — foignard^ soldat, de
,foigne': guerre. Delesalle p. 123, Lotsch p. 42", cf. Franc-Foignard:
capitaine. Delesalle p. 127 s. v. franc et Lotsch p. 43^ — camisard,
soldat des compaguies de discipline; iis portent une blouse blanche
semblable ä une ,chemise' (argot militaire). Delesalle p. 55, Darme-
steter p. 89. — truffard: ,truffin', vieux soldat. Delesalle p. 296. Sachs-
Villatte, Suppl. s. V. (voir plus bas p. 944).
Un homme (ecclesiastique) qui va souvent en pelerinage est trait^
de felerinard (par Opposition a pelerineur: celui qui organise des pele-
rinages; neologisme, voir Sachs-Villatte, Suppl. s. v.); un pretre, en sa
qualite de porteur de chasuble, est traite de chasublard et, en sa qua-
lite de porteur de calotte, de calot(t)ard (Sachs-Villatte, Suppl. s. v.);
1) De ,ligne' dans le sens de ,suite de mots Berits ou imprimes sur une
mfeme direction' est tire lignardi redacteur de Journal paye ä la ligne; typo-
graphe charge de la ligne courante (Rigaud p. 227). ,Ligne' dans le sens de
,fil pour pöclier' a donne lignard: pecheur ä la ligne (sobriquet d'usage dans le
Jargon des canotiers de la Seine. Rigaud p. 227).
944 Kurt Glaser
uu meine, porteur de froc (cf. ,porte-froc') est traite de frocard (depuis
le XVII« ou XVm« siecle. Admis Acad. 1835, cf. Dict. Gen. s. v. —
\a frocarde: la religieuse. Saclis-Villatte, Suppl. s. v.). ,Vit-on un seul
royaliste, un seul cagot, un seul chasublard, preudre les armes pour la
defense du tröne et de l'autel?' (G. Guillemot, ,Le mot d'oidre' du
6 septembre 1877; voir aussi Rigaud p. 89). ,Quatre gendarnies pour
mettre les frocards dehors et fermer la porte, cela suffit' (,Lanterne' du
5 mai 1880). ,Et voilä ce frocard imbecile qui va les avoir' (Paul
Bourget, ,Un saint', 6d. de Cloudesley-Brereton, Londres 1907, p. 52).
,J'oubliais que le frocard a un gite', . . . ,je sais maiDtenant oü trouver
le frocard' . . ., vous etes perdu, ab ! frocard' (Michel Zevaco, L'heroine,
,Matin' du 21 juillet 1908).
Un homme riebe s'appelle richard, ou, en argot, sacard^ qui a le
,8ac', c'est-ä-dire de l'argent (Delesalle p. 260)'), douillard (de ,douille',
argent. Larchey p. 120, Rigaud p. 140, Delesalle p. 96), rondouillard
(probablement par allusion aux ,rouds' que Ton gagne, Sacbs-Villatte,
Suppl. s. V.), suiffard, riebe, tricheur (Larchey p. 224, Delesalle p. 276,
Rigaud p. 355. Sachs-Villatte, Suppl. s.v.; cf. suifferie : tripot), rif(f)lard
(de ,rifler' : voler, Sacbs-Villatte s. v.) eufin rouhlard, qui possede des
roubles, terme d'argot qui s'emploie aussi au sens de ,ruse dans la
defense de ses interets'; ,blase, malin' (voir aussi plus bas p. 945. —
Larchey p. 216, Rigaud p. 3.55; Delesalle p. 255). Antonyme: pauvrard
(Sacbs-Villatte s. v.).
ön homme qui a de la veine (c'est-ä-dire de la cbance) est nomme
veinard ou chanqard (Rigaud p. 85, 384. Eveille, Gloss. saintongeais
p. 87, 88, Constantin — Desormaux, Dict. savoyard p. 93, Sachs-Villatte
s. V. — ,ici la signification depreciative du suffixe parait s'effacer: dans
veinard, -ard indique seulement une sorte d'aduiiratiou jalouse', Darme-
steter p. 90); en argot: bidard (Delesalle p. 35, origine?) et truffard
(Rigaud p. 378. Sacbs-Villatte, Suppl. s. v.; cf. truffeur: trompeur;
truft'erie: tromperie. Delesalle p. 297). De meme: debidard (Sachs-
Villatte, Suppl. s. V.), deveinard, homme qui a de la ,deveine' ou guig-
nard, qui a la ,guigDe' ou le ,guignon' (c'est-ä-dire la mauvaise Chance
surtout en parlant du jeu. ,vieux refrain qui berce l'amertume des
aigris, des guignards, des decourages, des attardes'. Le Matin 8 oc-
tobre 1908) et enfin dechard: celui qui est dans la ,deche', ,deeheux',
qui est pauvre, miserable. Delesalle p. 88. Rigaud p. 129.
1) Cf. le Dictionnaire de Trevoux (1771) s. v. sacard: ,0n appelle ä Dijon,
sacards, ces gens qui en temps de peste enterrent les corps des pestiför^s, et qui
dans cette occasion volent tout ce qu'ils trouvent sous leur main dans les mai-
sons des malades. On entend par ce mot tous coquins, pendarde, gens de nöant,
et comme on dit, de sac et de corde.'
Le scns p6jor<atif du suffixe-ard en franjais 945
Un agent de police que le style officiel honore du titre sonore de
jgardien de la paix' est noinme en argot de Paris Jlickard (fliquard)
ou menje Jliquadard (Delesulle p. 122, creation audacieuse que Larchey
p. 139 öcrit par fausse etyniologie: fligue ä dard), le mot simple (flick
ou flique) ^) n'etant plus assez detavorable. Termes synonymes: roub-
lard (liigaud p. 335. Delesalle p. 255, Sachs-Villatte, Suppl. s. v.) et
affurard: sergent du guet qui arretait les voleurs (cf. affurer: tromper,
gagner en volant. — alfur, affurage: profit d'un vol. Larchey p. 26,
Delesalle p. 6) 2).
Souvent, comme dans ces derni^res expressions, la terminaison -ard
a ete introduite pour mieux faire ressortir l'idee pejorative qu'implique
tel ou tel mot'). Ainsi s'expliquent les expressions suivantes:
faiblard: faible (dans le sens de mediocre). Kigaud p. 160, Dele-
salle p, 114, Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
fichard, dans: va-t'en au fichard: va te faire fiche. Rigaud p. 171.
flanchard, pour ,flancbeur', celui qui ,flanche', qui lache pied. Dele-
salle p. 121, Lotsch p. 41'^.
rigolard ou rigouillard: rigoleur, rigolo. Delesalle p. 232. Lotsch
p. 87''; terme synonyme : r//o/wrc?. liigaud p. 332, Delesalle p. 232.
farfouillanl: ,farfouilleur', celui qui ,farfouille', chercheur, chuchoteur.
Delesalle p. 115.
parmesard (parmezard): pour ,parmesan', pauvre, räpe comme du
parmesan. Jargon des voleurs. Rigaud p. 278, Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
poupard, pour ,poupon', vol organise. Argot des malfaiteurs. Lar-
chey p. 204, Delesalle p. 230. ,(^a serait flambant pour uous qui avons
nourri le poupard', Sue, Mystöres de Paris I, p. 68. — ,lä il verrait
celui qui a nourri le poupard' 1, p. 271. ,puisque c'est nous qui aurons
nourri le poupard' UI, p. 63. ,un petit poupard' VIÜ, p. 272. ,puisque
tu veux t'arranger de mes poupards' VIII, p. 273.
verminard: vermineux, homme de rien, individu mal mis, sale,
s'occupant d'affaires vereuses. Rigaud p. 385. Delesalle p. 302. Sachs-
Villaite, Suppl, s. v.
blechart: ,bleche', laid, mediocre, mauvais. Delesalle p. 38.
busard s. m.: ,bu8e' (au sens de ,80t') ou ,busou'. Sachs-Villatte s. v.
couiUard s. m. : ,couille' ou ,couillon'. Sachs-Villatte s. v.
momard s. m. : ,m6me': petit enfant, enfant puni pour vol, voleur.
Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
1) On 6crit aussi flic: ,Ta8 de charognes, flies, viande ä saler!' ,Le Journal'
du 17 mai 1909.
2) Cf. en vieux frangais rifflart m.: sergent, recors. God. VII, p. lOö» (rifle
m.: pillard; veibe rif(f)ler: manger avidement, arracher, ecoicher; enlever, piller,
ravager, escroquer. De lä rif(fßard au sens de ,richard'. Sachs-Villatte s. v.).
3) Cette liste se completera d'elle-meme dans le cours de notre etude.
Romanisulio Forschungen XXYU» DU
946 r^urt Glaser
chourinard s. m. ^chourineur' (verbe chouriner). Sachs-Villatte,
Suppl. 8. V.
vhiard adj.: venal. Sachs-Villatte s. v.
loffard adj. et s. m.: ,loffe', .lofat', ,loffiat', niaiS; maladroit, faux,
mauvais etc. Argot des voleuis. Delesalle p. 165, Lotsch p. 58*, Sachs-
Villatte, Suppl. s. V.
focard adj, et s. m.: ,toc', ,tocandin', ,tocasse': luid, vieux, iiß6, ab-
surde. Larchey p. 227, 228, Delesalle p. 286, Lotsch p. 101% Sachs-
Villatte, Suppl. s. V. (se dit surtout en parlant d'un cheval).
Un bomme qui a du chic s'appelle en lang-age populaire chicard
et meme chicandard et chicocandard (les deux dernieres expressions in-
diquent celui qui possede le comble du chic, sens augmentatif oü se
rattache l'idee pejorative. Darmesteter, De la creation actuelle etc ,
p. 89, 90; Nyrop, Gram. bist. III, p. 168, remarque; Larcbey p.91, 92,
Delesalle p. 67. ,11 parlait argot afin d'eblouir ... les bonrgeois, di-
sant . . . chicard, chicandard.' Flaubert, Madame BoVary, p. 308).
Cf. pschuttard au sens de ,pscbutteux' ou ,pscbutt': elegant (Dele-
salle p. 233) et fadard, plus que ,fade', egalement au sens d'^legant
(Larchey p. 131, Delesalle p. 113). De meme flambard (ou ßam-
hart): ,flambaut', gai luron, orgueilleux, richement vetu. ,faire le flam-
bard.'
Le laugage populaire, nou content des expressions dedaigneuses de
pedaleur (pour cyclistej et pedard (cycliste grossier et maladroit) a
cree meme le mot pHalard, comme on dit populairement cydard (voir
aussi Lotsch p. 27*J. Rappeions ici: chavßard (pour Chauffeur) et
automaboulard (form6 de ,auto' et ,maboule' ,fou': automobiliste, expres-
sion dedaigneuse creee par Edmond Picard ; cf. ,automaboulisme', terme
du au meme auteur).
Le substantif dynamiteur ne süffisant plus, on en a fait dynamitard
(Delesalle p. 97). De meme: pudibard: faux pudibond (Larchey p. 206,
Delesalle p. 233, Darmesteter p. 90; cf. pudibarderie : pudibonderie
exag^ree) et bicepsard: ,bice])smau', ,celui qui a du biceps' (c'est-ä-dire
est tres fort. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.).
On a pu lire tout recemment encore dans les journaux les phrases sui-
vantes: ,Allon8, Messieurs les patriotards, qui parlez si souvent de pro-
grcs', ,Le Peuple' de Bruxelles, 2 aoüt 1908. ,rattitude qui le faisait
Tallic des revanchards et des patriotards' . ,L'Express' de Lifege,
22 juillet 1909. ,une assemblee nourrie de prejuges et de cliches pa-
triotards' ib. Le sens defavorable qui se rattache ä patriotard se sent
aussi dans ,patrioterie': ,lui qui avait 6t6 elev6 dans la patrioterie et la
religion de la baionnette souveraine' (Th. Gautier, Les Jeune France
1833, p. 145; voir aussi Darmesteter, De la creation actuelle p. 99).
Parfois les mots en -ard impliquent meme un sens obscene, comme
Le sens pöjoratif du suffixe -ard en fran^ais 947
crevard, enfant niort-ne, qiii vicnt de ,crever' (Eig::uid p. 120, Sachs-
Villatte s. v.)*), gndonard (de gadoue: eng-rais coustitue par les ordures
mcnageres): vidangeur et fignard pour figne et troufignard pour trou-
tignon (aDus. Delesalle p. 118, 296); mome sens que pignard (Sachs-
Villatte, Suppl. s. v.)=^).
luutile de dire qne le suffixe -ard s'est introdiiit aiissi dans de
nombreux mots patois, pour exprimcr uu seus plus ou moins uettement
döpreciatif et que souligne ßouveiit uue legere nuaiiee d'ironie.
Citons ici:
boudard adj.: boudeur. Patois du Haut-Maine. Montesson, Voca-
bulaire des mots usites daus le Haut-Maine (1899), p. 118, 119. Termes
synonymes: bogiiä (cf. boque f. boude, moue. et boquer: bouder). Patois
messin. Lorrain, Glossaire du patois messin, 1871), p. 14. et miliar
(de mulo: bouder). Patois du Val de Saire (Manche). Romdahl, Glos-
saire du patois du Val de Saire, 1881, p. 49.
finard adj., finaud, ruse. Dialecte de Stavelot. Haust, Vocabulaire
du dialecte de Stavelot, 1904, p. 17.
javülard: babillard (de javiller: bavarder). Patois du Haut-Maine,
Montesson, Vocabulaire des mots usites dans le Haut-Maine (1899),
p. 333.
piaulard : pleurnicheur. Patois picard. Corblet, Glossaire du patois
picard 1851, p. 513, Decorde, Pays de Bray 1852, p. 109. Du verbe
piauler: pleurnicher; ce sens decoule de Tacception originale ,pousser
de petits cris, en parlant des petits de certains galliuaces'; cf. en frangais
piauleur (petit gargon qui a l'babitude de piauler, de crier en pleurant)
et piaulement (action de piauler).
pignard adj., qui pleure pour peu de chose; plus fort que le terme
synonyme ,pignoux' (du verbe ,pigner', pleurer aisement). Patois du
Haut-Maine. Montesson, Vocabulaire des mots usites dans le Haut-
Maine (1899), p. 418.
bennard, ä cote de ,bennoux', pleureur (verbe ,benner'), dans le
meme patois. Montesson p. 99.
brocar, adj. et s. m., pleurnicheur (cf. broquer: beugler, mugir,
chanter mal et fort). Patois de Mons. Sigart, GIoss. etymologique
montois 1870, p. 100.
ßaunard, fiaunard, adj., pleurnicheur (verber ,flauner', ,fiauner':
pleurnicher). Centre. Jaubert, Gloss. du Centre I, p. 441.
bolar (fem. bolarde ; du verbe ,boler', pleurer, cf. ,bolet', pleureur)
1) Sachs- Villatte, Suppl. s. v. cite encore le sens figurß de .verbohrt, ver-
dreht.'
2) Origine? Je ne trouve a rapprocher que pigne m.: celui qui a du mal
aux parties secrötes, releve par God. VI, p. 156b dans un exemple unique de 1411.
60*
948 Kurt Glaser
celui qui se plaint ä tout propos, qui gemit sans cesse, qui va toujours
plenrant. Patois du Morvan. De Chambure, Glossaire du Morvan,
1878, p. 95.
baillard^ adj. et s. m.: criard (du verbe ,bailler'). Patois messin.
Lorrain, Glossaire du patois messin, 1876, p. 11 s.v. bayä, Meme sens
que pUicIiard. Lorrain p. 49 s. v. pinchä.
craillard, adj., ß'emploie dans les patois du Centre de la France
au sens de criailleur. Jaubert, Gloss. du Centre I, p. 297. Montesson,
Vocabulaire des mots usites dans le Haut-Maine (1899), p. 186. Mar-
telliere, Glossaire du Veudomois (1893), p. 88. Le verbe ,crailler' (crier
fort ; memes patois) est reste frangais au sens de ,pousser le eri parti-
culier ä, la Corneille' (en parlant de cet oiseau); cf. ,craillement': cri
de la Corneille.
benglard, qui beugle au lieu de chanter. Patois picard. Corblet,
Glossaire du patois picard, 1851, p. 292,
coumard adj. (verbe couiner, de l'allemand quienen), grognon, qui
se plaint toujours. Dans certains patois. Jaubert, Gloss. du Centre I,
p. 288. De Chambure, Glossaire du Morvan 1878, p. 219 s. v. couinar.
vetillard, pour vetilleux (qui s'amuse ä des vetilles). Eudel, Locu-
tions nantaises, 1884, p. 185.
honurd, adj.: imbecile. Patois du Haut-Maine. Montesson, Voca-
bulaire des mots usitös dans le Haut-Maine, 1899, p. 116. En proven-
9al bounard (limousin), bounas: tresbon; bonhomme, debonnaire. Mistral
s. V. — Cf. en frangais bonicard p. 939 et bonasse : d'une boute qui va
jusqu'ä la faiblesse, d'une bonte, d'une simplicite excessives.
dichar s. m. P qui a la dysenterie, 2" sobriquet qu'on donne aux
habitants des villes. Cf. dich f. dysenterie. clichie: avoir la dysenterie.
Patois du Val de Saire i Manche). Romdahl, Glossaire du patois du
Val de Saire, 1881, p. 28.
rateJard m. begue (de rateler : bögayer). Patois picard. Corblet,
Glossaire du patois picard, 1851, p. 535. Faut-il reconnaitre ce sens
dans la phrase suivante: ,il quacquette trop, il rateile trop pour ung
saige homme?' (Palsgrave, Esclairc. de la langue fr., ed. Genin p, 486).
God. VI, p. 617*= explique ici ,rateler' par ,bavarder'.
billard, adj., boiteux, qui marche la pointe des pieds en dedans;
s'emploie dans certains patois, voir p. e. Decorde, Pays de Bray (1852)
p. 63. Jaubert, Gloss. du Centre I, p. 145. Sachs-Vi Hatte, Suppl. s. v.
w?^ar(/ (verbe nifler: renifler, surtout en parlant d'un chien. God. V,
p. 498'', cf. nifle f. nez. God. V, p. 498), qui nifle, qui flaire en faisant
du bruit avec les narines. Patois picard. Corblet, Glossaire du patois
picard, 1851, p. 496; cf. en frangais renifleur (qui a l'habitude de renifler)
et reniflard (soupape de cbaudiöre ä vapeur).
canißard: meme sens que niflard. Patois picard. Corblet p. 320.
Le seus pöjoratif du suffixe -ard en fran^ais 949
gouinardy adj. (de ,goiiine', ])rostitiiee de la plus vile espöee), eou-
reur de peisonnes de mauvaise vie. Patois du Centre. Jaubert, Gloss.
du Centre I, p. 493.
honfar 8. m. grand mangeur (peu usit6); verbe boufcr: maoger
avidemeut. Patois du val de Saire (Manche). Komdahl; Glossaire du
patois du Val de Saire, 1881, p. 21.
paissard, adj., j)oisseux, collant. Haut-Maine. Montesson, Voca-
bulaire des mots usites dans le Haut-Maine (1899), p. 399.
pichar s. m. pisseur. , Saint Mödard, grand pichar'. Patois wallon
de Mons. Sigart, Gloss. etymologique montois, 1870, p. 281.
relar s. m. et adj., qui ,rele' (c'est-ä dire bougonne) beaucoup. Verbe
reler, du flamand .rellen' (causer, jaser). Patois wallon de Mons. Sigart,
p. 309.
bleffar adj. et s. m. bleffon, qui ,blefl[e' (c'est-ä-dire bave). Patois
wallon de Mons, Sigart p. 90.
hoid., adj. et s. m., begue, bredouiileur. Patois messin. Lorrain,
Glossaire du patois messin., 1876^ p. 14, cf.
berboid, adj., bavard, bredouiileur. Verbe berboier: barbouiller en
parlant, bredouiller, marmoter. Patois messin. Lorrain p. 12.
cayard{cmjd), adj., bigle, qui louche. Verbe cäyer: loucher. Patois
messin. Lorrain p. 17.
patd (grous): gros pataud. Patois messin. Lorrain p. 47.
toünia ady.^ sournois; pour tournillard: qui u'agit pas franchemeut,
qui tourne la tete. Cf. verbe toügner : tourner le cou sournoisement,
manquer de frauchise; touruiller. Patois messiu. Lorraiu p. 59.
cachard^ adj. et s. m. 1" paresseux, surtout en parlant d'un cbeval.
Patois de la Basse-Normandie. Decorde, Pays de Bray 1852, p. 57 s. v.
cachard. Romdahl, Glossaire du patois du Val de Saire 1881, p. 23
8. V. cacbar (cf. eacber: chasser, faire marcher un animal devant soi,
ä coups de fouet ou de baton). 2" cachottier, sournois. Suisse romande
et Savoie). Constantin-DesormauX; Diet. savoyard, 1902, p. 77 s. v.
cachard.
pourissard m., enfant malpropre. Cf. pourissant etc. Eudel, Lo-
cutions nantaises, 1884, p. 141.
queuld (f^m. -arde): culot, le dernier-ne d'une famille, le dernier
d'une classe, expression patoise en usage ä Vouthons (Meuse), oü le
suffixe -ard a ete introduit k la place du suffixe fran^ais -ot, Labourasse,
Patois de le Meuse, 1887, p. 449.
rumonard m. (pour ramoneur) dans certains patois : ,ramonä, rai-
moignä, raimougnä'. Patois du Morvan (De Chambure, Gloss. du Morvan,
1878, p. 716); ,ramognard\ jx cote de ,ramonicham'. Patois du Haut-
Maine (Montesson, Vocabulaire des mots usites dans le Haut-Maine, 1899,
p. 452). Ce changement de suffixe est dil au sens depreciatif que le
950 ^^^^'* Glaser
langage populaire prete souvent ä raraoneur (le metier de ramoneur
est souvent discredite. Voir ce que nous avons dit plus haut p. 940 ä
propos de ,Savoyard').
De cette manifere le suffixe -ard devient de plus en plus capable
de ß'ajouter ä toutes sortes de radicaux et de produire encore des crea-
tions nouvelles si le besoin s'en fait sentir.
En parcourant les dictionnaires, nous voyons que le suffixe -ard
forme de pref(^rence des derives avec certains groupes de mots: dans
les uns, le sens pejoratif n'a ete introduit qu'avec le suffixe -ard (comme
dans patriotard, par Opposition ä patriote); chez d'autres, il ne sert
qu'ä donner plus de relief au seus pejoratif dejä exprime par le radi-
cal: c'est ainsi que s'expliquent: soülard, ä cöte de soül, sottart, acote
de sot et la grande majorite des autres mots en -ard que nous allons
maintenant passer en revue, Ce sont presque tous des mots dont le
sens est essentiellement populaire, parfois meme grossier et qui se prete
facilement ä une Interpretation en mauvaise part.
Nous distinguons les groupes suivants:
1. Le suffixe -ard indique des qualit^s de toutes sortes prises en
mauvaise part.
a) Remontent au vieux franpais:
goilart m. v. fr. taciturne, qui cele ce qu'il sait (exemple tire des
jTrouveres artesiens', publ. par Diuaux, p. 37). God. II, p. 173°.
esperart, adj., v. fr., qui espere facilement. God. III, p. 521°.
faschard, -art^ adj., v. fr., fäcbeux, importun. God. III, p. 725^
faussart, adj., v. fr., traitre. Deux exemples tirös du , Chevalier au
cygne' (ed. de ReiflFenberg) v. 11530 et v. 11548. God. III, p. 732°;
cf. faussant, adj., v. fr., faux, trompeur.
lo(ii)rdart s. m., lourdaud. God. V, p. 40°; cf. en vieux franyais
lo(u)rdel, lourdet, lourdier, lourdin, lourdois etc.
mentenart, adj., v. fr., menteur, traitre. Trois exemples dans Jehan
des Preis, Geste de Liege (publ. par St. Bormaus. Bruxelles 1887, 11,
4134, 4998, 8SjGö). God. V, p. 243°.
pillard^ v. fr. pillart (de piller; depuis le XIV« siecle, voir God. X,
Compl. p. 338, 339etDict. Gen. s.v.) celui qui pille, pilleur; au figure:
plagiaire.
teturd, V. fr. testart: qui a une grosse tete; encore dans les patois,
voir p. e. Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 362. — entet^, opiniätre, sens
releve par God. VII, p. 700° dans plusieurs exemples depuis le XIV°
siecle. Se retrouve encore dans les patois (voir Constantin-Desormaux,
Dict. savoyard, 1902, p. 396 s. v. tctard) et comme terme d'argot (Ri-
gaud, Dict. d'argot moderne, 1881, p. 36B. Delesalle, Dict. argot-fran-
Le sens pijoratif du suffixe -ard en franjais 951
gais et frangais-argot, 1896, p. 283). En argot teturd figure aussi au
sens de ,hümme de tote, bonime de lettres, homme entetö qui aime ä
contredire' (Deleisalle 1. c, Lotscli, Wörterbuch zu modernen franz. Solirift-
stellern, 1899, p. 100*. ,Bien sorbonne [c'est-ä-diie raisonnö]. Mon
homme ,tu es toujours le roi des tetards' [c'est-ü dirc des hommes de tete].
8ue, Les Mysteres de Paris III, p. 21. ,Vieux tetard! il peiise ä tout',
III, p. 206).
musanl^ v. fr. nnisart etc., adj. et s. m. (derive de muser; depuis
le XII« siöcle, voir God. V, p. 453, Compl. X, p. 186b et Dict. Gen.
s.v.) qui muse, qui perd le temps ;i des bagatelles; etourdi, irröflechi,
sot, libertin^).
depufart, v. fr.: deputaire (mauvais, pervers, mecbant, perfide,
God. II, p. 521):
Or vos redirai de Renart,
,Le rous, le fei, le deputart'.
Roman de Renart, 6d. Meon I, p. 285, v. 7611, 7612.
gaillafd, v. fr. gaillart (depuis le XI* siecle, voir Dict. Gen. s. v.),
est parfois pejoratif, quoique etant le plus souvent employe sans aucune
nuance pejorative au sens de fort gai, vif et rejoiii; vaillant, bardi;
sain, bien portant. Mais on sent dejä la signification pejorative au sens
de ,pris de viu, evapore' (dans un exemple tire de H. Estienne, God.
Compl. IX; p. 679'' et Litlre s. v. n** 3) et daus la definition que donne
Nicot en 1606: ,Gaillard, c'est joyeux, gay, esbandy, qui tressaut de
joye, bilaris ... Le Francois a estendu ce mot k la signification de
debaict, pour dire joyeux, sans souci, et prompt ä tout faire sans pre-
cedent discours, II le prend aussi en dimiuution de escervele, pour
celuy qui est un peu moins que tel, et attribue le nom de gaillardise,
par attenuation ä un acte follement et indiscretement fait, et par trop
grande jeunesse, par Imitation de ce que ceux qui sont transportez de
trop grande Hesse tombent en maints actes indecents, peu et mal con-
siderez.' Cf. le feminin ^gaillarde' : femme peu scrupuleuse, trop libre.
Gaillard se dit aussi en parlant des cboses^) et plus particulierement,
en parlant des discours: ,propos gais, propos gaillards'. ,Li8ez hardi-
ment, dames et damoyselles, il u'y ha rien qui ne soit honneste; mais,
si d'aventure il y en ha quelques-unes d'entre vous qui soyent trop
1) musarde f. dans le sens de , femme de mauvaise vie' p. 972.
2) p. e. en parlant des moeurs, comme dans la phrase suivante que J'em-
prunte au petit bonheur ä Zola, La d6bäcle. Paris 1892, p. 181: ,il etait de
moeurs gaillardes et avait rendu sa femme fort malheureuse'. — ,L'ecclesiastique
se contenta de pousser un gemissement, et le pharmacien poursuivit: C'est
comme dans la Bible; il y a . . . savez-vous . . ., plus d'un detail . . . piquant,
des choses . . . vraiment . . . gaillardes!' . . . Flaubert, Madame Bovary, p. 242.
952 ^^^^ Glaser
tendrettes et qui ayent peur de tomber en quelques passages trop
gaillars (c'est-ä-dire libres), je leur conseille . . .' Bonaventure Des
Periers, Les nouvelles röcreations; premiöre nouvelle, ed. Laeour (Paris
1856) II; p. 11. ,Bod! voici de nouveau quelque conte g-aillard' (d'une
gaiete un peu trop libre). Moliere^ Ecole des Femmes I, 4, v. 306 etc.
,En ce Bens restreint, les propos gais, les contes gais sont un peu libres;
les propos gaillards, les contes gaillardsle sont davantage. Les premers
ont, dans leur licence, quelque chose qui exeite la gaiete; les seconds
ont, dans leur licence, quelque chose de hardi qui semble braver l'hon-
netete.' Littre s. v.
b) Creations des XV» et XVh siecles:
cabochard adj.; ,il y a aussi des dialectes dont aucuns mots sont
comme descriez, sinon qu'on en use par joyeusete. Et en ce nombre
sont plusieurs des Picards, comme caboche pour la teste, d'ou vient
cabochard pour testu ou testard, c'est a dire opiniastre' (Henri Estienne,
Prec. de langue fr., ed. Feugfere p. 181, dans God. I, p. 764^). Se dit
encore en frangais moderne d'un homme ou d'un animal entete. Cf.
caboche f. : (grosse) tete et cabochard au sens de tete et au sens de
chapeau (Rigaud p. 65, Delesalle p. 51).
chatouülard adj., qui chatouille:
,0n est saoul, on se met en Jeu,
,Et puis s'on sent venir le feu
,De la chatouillarde amourette.'
Jodelle, ,Eugene' (1552), I, 1: (Theätre frangais au XVP et au XVII«
siöcle, public par E. Fournier p. 5, cf. aussi God. IX, p. 6P). — ,trou-
peau tempeste de ton chatouillard affolement' Baif II. p. 214 (cite par
Vaganay, Zeitschrift für rom. Philologie XXVIII (1904) p. 589).
mignard (parait remonter jusqu'au commencement du XV® sifecle,
voir Dict. G6n. s. V.), qui a ou affecte une gentillesse mignonue et meme
plus que mignonne; gracieux avec un m^lange d'affeterie. ,Le mignon
est tel, le mignard se fait tel'. II reste ä ajouter aux exemples cites
par God. X, Compl. p. 152'' les passages, suivants oü mignard est pris
dans un sens visiblement ironique et meprisant: ,Cecy dy ie pour un
tas de mignartz se gloriffiantz si fort, pour V ou VI motz de Latin
quilz sgavent, quilz tiennent pour veaux ou asnes touz ceux, quelz sga-
vantz quilz soient, qui parlantz eu Latin choppent quelquefoys en quelque
mot sentant sa patria, quelque bone et veritable sentence que sorte de
leur bouche'. Bonivard, Advis et Devis des lengues (nouvelle edition.
Gen^ve 1865, p. 55. ,. . . a cause qu'il nest rien plus impertinent que
duser de lenguage mignart en lexposition de verite\ ib. p. 60. ,Aussy
nous nous deuons garder de telz mignartz parlierz, affin que le liseur
Le sens p6joratif du suffixe -ard en fran^ais 953
ne Barreste au furd de hi peau, sans vouloir penetrer plus auant pour
taster de la mouelle et du sang.', ib. p. 62. L'id6e pejorative est visible
aussi daus inignarde f., petitc fille et femme galante, maitresse (God.
V, p. 328*). — mignard s'eiii])loie daiis les palois niome au sens de
,petit gargon pleureur, enfant gätc' (Bridel, Patois de la Suisse ro-
maiide 1866, s. v. mcgnaid; Deeorde,. Pays de Bray, 1852, p. 101 s. v.
mignard); cf. ,faire le mignard': se dit d'iin enfant qui demande ä etre
caresse; amignarder ou amignoter: caresser (Pays de Bray., Deeorde
p. 48).
foignart: feignart: celui qui feint (cf. faigneur, -eor etc., God. III,
p. 698**). Je n'ai pu trouver que cet exemple du commencement du
XVI^ siecle: ,Foignars usez et trcs usez'. Recueil de poösies fran^aises
des XV« et XVJe sifecles, par A. de Montaiglon et J. de Rothschild X,
p. 232. Manque dans God.
clormard, adj., qui a toujours envie de dormir, God. II, p. 750, 751
(XVP siecle). Reste ä ajouter Texemple suivant: ,ä leur compagnons
dormars'. Rabelais IV, 16 (ed. Burgaud Des Marets-Rathery I, p. 112).
songeard^ v. fr. aussi -art, adj., songeur, reveur. Depuis le XVI®
siecle selon God. VII, p. 474. On lit cependant dans Villen (ed. Longnon,
Paris 1892) p. 146: ,Songears ne soiez ])our derer' (voir aussi le
Lexique ib. p. 274* s v. songear). Ajoutez aussi: ,excepte quelques
resveurs songears'. Rabelais III, 15 (6d. Burgaud Des Marets-Rathery
I. p. 582).
soiiillard^ v. fr. souillart, -ard: 1° adj. ,boueux, couvert de fange.
God. VII, p. 508"= cite i)lnsieurs exemples du XVI® siecle. Patois du
Centre: boueux, sale, oü l'on se salit, se souille. ,march6 souillard',
,foire souillarde', qui se tiennent par un temps de pluie, dans un champ
de foire boueux. Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 335. — 2** s. m.;
souillon, individu malpropre. God. VII, p. 508 s. v. souillart 1 cite de
nombreux exemples de ce raot empruutes ä des textes des XV® et XVI®
siecles. Conservc encore dans certains patois, au propre aussi bien
qu'au figure. Le sens de ,marmiton ou aide de cuisine' qu'on rencontre
daus la Suisse romande (souliard) parait egalement remonter au XVI®
siecle: ,Qu'on nomme soullart de cuisine' (commencement du XVI® siecle.
Recueil de poesies frangaises des XV® et XVI® siecles, par A. de Mon-
taiglon et J. de Rothschild XI, p. 385. ,Qui demonstre clere faveur en
leurs justices, et povres gens avoir mal an quant ilz plaideut seullement
contre le souillard de la cuysine d'ung solliciteur ou chiquaueur en
causes' (Contred. de Songecreux, f. 101 r*^, ed. 1530, voir God. 1. c).
jComme ung souillard cuisinier de ses saulses' (.La Prognostication des
Prognostications' de 1537. Recueil de poesies frangaises etc. V, p. 227).
,Et les renvoye ordiuairement aux diables souillars de cuisine' (Rabe-
lais IV, 46, ed. Burgaud Des Marets-Rathery II, p, 230). Le feminin
954 Kurt Glaser
soiiillarde dans Rabelais II, 30 (T, p. 472): ^Melusine estoit sonillarde
decuisine.' ,Souillardm. A souillon, or kitchin boy,' Cotgrave 1611. Cf. en
frangais souillon (de cuisine) au sens de ,servante employ^e ä de bas
Offices, ecureuse de vaisselle.' — Moins souvent: nom d'une espece de
chien couiant. ,Souillard est le nom d'un cbien qui fut le premier de
la race des cbiens eourans blancs, dits bauds, surnommez greffiers, qui
sont en France'. Nicot 1606. ,souiIlard m. The name of a dog, bet-
ween which, and a bitch, calied baude the race of the bauds (white,
and excellent hounds) was begun.' Cotgrave 1611; voir aussi God. VII,
p. 508«.
lisard, lisart] manque dans God.
,Uiig homme ne peult bien escrire
,S'il n'est quelque peu bon lisart'.
Marot, ed. D'Hericault (Paris 1867) p. 64. Qui sait lii'e; sens döpre-
ciatif: qui aime trop ä lire, et, au figure, malin, fin en affaires. Patois
du Centre. Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 19. Se prend en assez
mauvaise part par Opposition ä lecteur (celui qui lit, pour son compte,
quelque ouvrage) et liseur (celui qui a l'habitude de lire). Le sens
döpröciatif qui se rattache ä lisard est visible aussi dans lisardier et
lisottier (synonyme de lisard; Jaubert, Gloss. du Centre II, p. 19 et
Montesson, Vocabulaire des mots usites dans le Haut-Maine 1899,
p. 348) et dans Temploi du verbe lisotter au sens de ,lire mal.'
Jaubert 1. c.
vantard, adj., homme qui se vante Sans cesse; se rencontre depuis
le XVIe siecle (ä cote de vanteur existant depuis le XII« siecle, cf. God.
Compl. X, p. 829).
chichard, adj., chiche, avare. God. Compl. IX, p. 78*= (exemples
des XVI« et XVH« si^cles). Sacbs-Villatte, Sui)pl. s. v.
peinard s. m. (deriv6 de peine; depuis leXVl« siecle, voir God. Compl.
X, p. 310^^ et Dict. Gen. s. v.; terme de d^nigrement, vieilli et peu usite
aujourd'hui): individu qui peine, qui fait un travail penible. — homme
d6plaisant. — vieillard debile et souffreteux.
friponar(d): fripon. ,Des postillonnans pies d'ecoliers friponars.'
Fin du XVI« siecle, 1579; cite par Vaganay, Zeitschrift für rom. Philo-
logie XXVIII (1904), p. 718. Voir aussi Nyrop, Grammaire historique
III, p. 166, § 353, 1.
foirard^ v. fr. foirart, foyrard etc.: qui a la foire, souillö de foire
(terme populaire qui s'emploie encore parfois, voir Sachs-Villatte s. v.
— cf. foireux). Manque dans God. ,De fait (comme dit le proverbe,
ä cul de foyrard tousjours abonde merde) . . .', Rabelais I, 9 (ed. Bur-
gaud Des Marets-Rathery I, p. 116). ,ehiart, foirart, petart', I, 13 (I,
p. 133). ,des foyrars pour ceux qui sont constipes du ventre' I, 25 (I,
Le sens pöjoratif du suffixe -aid en frangais 955
p. 184), ,c'est un voyage de foirards: iious ne faisons que vessir, que
peter, que fianter, que ravasser, que ricn faire'. V, 15 (II; p. 377).
attrapard, adj.
,De voir ces larrons attiapards
,Vendre et achetter b6nefices'.
,Sottie du Monde', jouce en 1524 (6d. Fournier, Le theätre fran^ais avant
la Kenaissance, p. 404).
t'grillard^ adj. (qui sort des grilles, des bornesV — depuis le XVI«
sieele), qui est d'une gaietö un peu trop libre, qui a quelque chose d'un
peu trop gaillard.
lechard, v. fr. leschart etc., dans les patois actuels aussi lichard;
ä Torigine: friand, gourmand (de lechier, en frangais moderne Idcher);
figurement: avide du bien d'autrui. ßelev6 par God. IV, p. 749" dans
deux exemples em])runtes ä Rabelais. Le sens original est toujours
conserve dans certains patois, voir p. e. Martelli^re, Gloss. du Vendomois
1893, p. 187. Voir aussi p. 964.
plaidard et plaidoiart, plmjd. — , v. fr., homme procedurier; qui a
la manie de plaider sans cesse. God. VI, p. 183^ et 185* (playdoiart
dans Rabelais, III, 41, ed. Bnrgand Des Marets-Ratliery 11, p. 711).
piaffard, adj., .piaffant', piafFeur', ^braggard, strouting, vaine glorious,
proudly vaunting, fondly braving it'. Cotgrave 1611. God. VI, p. 139<=,
cf, piaffe (faste, ostentation) et piaffer (faire de la piaffe etc.).
chiard, v. fr. chiart, chiard (God. ü, p. 119'=): chieur. Ajoutez ces
deux exemples: ,chiart, foirart, petart', Rabelais I, 13, ed. Burgaud
Des Marets-Rathery 1, p. 133), ,un petit chiart' II, 29 (I, p. 461).
petard, v. fr. petart: peteur, p^teux (verbe peter). ,chiart, foirart,
petart' Rabelais I, 13. N'est pas dans God.
trepillard: qui trepille fort; de trepiller: sautiller, se demener,
danser (eucore dans certains patois, voir God. VIII, p. 43*). Je n'ai
trouve que ce seul exemple: ,ä les faire fuir comme trepillards, ou
comme un renard devant un lion', Adrien de Montluc, La comedie de
proverbes II, 6 (dans Fournier, Le theatre frangais au XVI^ et au XVII^
siede, p. 215).
fretillard, ä cöte de fretillant: qui fretille sans cesse. Comme
terme de manage, cheval ä la langue fretillarde ou Serpentine: la
langue du cheval est fretillarde lorsqu'elle est toujours en mouve-
ment. fretillard se rencontre depuis le XVI« sieele, God. Compl. IX,
p. 663«.
mangeard, adj., qui mange beaucoup, glouton (cf. mangeur). — ,feu
mangeard': eclair. ,Le feu mangeard qui se tourne et se vire'. Ron-
sard, Franciade II (ed. Blancbemain III, p. 96). En Normandie et au
Canada on trouve meme le sens figure de ,depensier'. God. V^ p. 143.
Notez le möme sens dans mangeur: qui dissipe son bien.
956 Kurt Glaser
bragard, adj., qui porte la marque de la richesse et du luxe; fier
arrogant. God. Compl. YIIl, p. 363, 364; cf. en vieux fraii^ais: brag-
ueur: ,biagueur, as bragard' Cotgrare. — bragueux. — brague f. (osten-
tation). — braguerie f. (luxe, faste, vanite); en provengal bragard,
braiard: pialfeur; faiseur d'embarras; elegant, galant, gaillard. — bra-
gardiso, braiardige: piaffe, ostentation; parure, objet de toilette; gail-
lardise. — braga: piaffer, faire ostentation, se vanter; porter de beaux
atours, une riebe toilette; briller, fleurir, prosperer; se divertir etc. —
Les exemples dans God. vont du XVI« (ou XV®?) siecle jusqu'au com-
mencement du XVIP siecle. Nous ajoutons encore les exemples sui-
vants: ,0r sus, sus, Monde, es-tu braguard'. ,Sottie du Monde' de 1524
(Foui'nier, Le th^ätre frangais avant la Renaissance, p. 405). ,Les sept
marcbans de Naples. C'est assavoir: l'adventurier, le religieux, l'escolier,
l'aveugle, le vilageois, le marchant et le bragart' (titre d'uu petit recueil
de poesies, vers 1530. Recueil de poesies frangaises des XV® et XVI®
siecles, par A. de Montaiglon et J. de Rothschild II, p. 99).
,Le Bon Temps verrez en bragard
jVenir en pompe souveraine'
(,Les moyens tres utiles et necessaires pour rendre le monde paisible
et faire en brief revenir le bon temps' 1615; peut-etre du commencement
du XVI® siecle, sinon merae de la fin du XV® siecle. Recueil de poesies
frangaises etc. IV, p. 147).
.Mignons bragars portans la robe fine' (,La grand et vraye Pronostication
generale par Habenragel; vers la fin du premier tiers du XVI^ siecle.
Recueil etc. VI, p. 20).
,Et ces bragars faisans du damoiseau*, ib. p. 25.
jLes aultres sotz, effeminez, bragars', ib. p. 34.
,Mai8 auquel des mortels si bragard est permis
.D'avoir . . . (,Le Trophäe d'Anthoine de Croy' 1567. Recueil VII, p. 128).
,Telz glorieux, bragars des honnestös'. Recueil IX, p. 67.
jMignons, bragars et bateurs de pavez
,Mirez-voas cy, glorieuses bragardes'. Recueil IX, p. 72.
,Et ce bragard, ce maistre sot
,Se courrouce et fait lä le brave'. Belleau, La Reconnue (1564) V, 4 (dans
Fournier, Le theätre frangais au XVIe et au XVIl« siecle, p. 51).
,Pour tousjours la tenir bragarde'. Franjois Perrin, Les Escoliers (1589)
n, 1 (ib. p. 173).
jChacun fait le bragard,
,Et chacun n'a pas un patart'. Gabriel Meurier, Thresor des sentences doröes
1588, p. 49.
c) D'origlne plus moderne:
hataillard, adj., qui aime ä batailler, plus fort que batailleur. ,les
reis vaillants et bataillards'. Victor Hugo, Notre-Dame de Paris I, p. 9
Le sens p6joratif du suffixe -ard en fran^ais 957
(nouvelle edition de 1862). ,Ali! ah! ah! Cyrano! . . . Soii humeur
bataillarde'. Kostand, Cyrano de Bergerac III, 2 (p. 107).
fouinard, adj. et s. m. (cf. fouine, fouiner, fouineur): individu qui
fouine partout, qui fonrre son nez dans les alTaires d'autrui, curieux,
indiscret, malin, rusc. Mot familier et populairc qui ne figure pas dans
Littre ni dans le Dict. Gen. — Öubstantif selon Sachs-Villatte 8. v. ;
s'emploie aussi adjectivement: ,Miroufle redressa sa tete fouinarde'
Theuriet, La pipe (ed. Sarrazin, Leipzig 18'.t8, p. 23).
aboyard^ adj. et s. m.: aboyeur; qui aime ä aboyer. Sachs-Vil-
latte 8. V.
chamaillard s. m.: celui qui aime a, (se) chamailler. Sachs-Villatte
s. V,; cf. chamailleiie et chamaillis (querelle),
soudrillard, adj. et s. m.: libertin (argot de Paris, voir Larchey,
Dict. historique, etymologique et anecdotique de l'argot parisien, 1872,
p. 223, Delesalle, Dict. argot-frangais et frangais-argot, 1896, p, 273,
Rigaud, Dict. d'argot moderne, 1881, p. 351, Sachs-Villatte s. v.), cf.
soudrille m. (vieilli, conserve comme terme d'argot): soldat libertin ou
fripon; semble apparente a drille (m): soudard, Dict. Gen. s. v. soudrille.
nichard: qui aime ä faire des niches. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
visard: celui qui regarde de trop pres, qui regarde de cote etc.
au figure: 1" qoi se monlre chiche et difficile. Patois picard. Cor-
blet, Glossaire du patois picard, 1851, p. 589, 2° controleur. Sachs-
Villatte, Suppl. s. V.; cf. en provengal viscard, biscard, adj. egril-
lard, eveille, plein de vie. — malin, ruse, dissimule (dans les Alpes).
Mistral s. v.
plaigtiard, adj. et s. m., qui se plaint toujours et sans sujet. Sachs-
Villatte, Suppl. s. V.
rebigeard^ adj., qui ,rebige', qui regimbe. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
refivard^ adj., retif, en parlaut d'un cheval (cf. retivete etc.). Sachs-
Villatte, Suppl. 8. V.
douillard plus fort que douillet: qui est bien douillet (neologisme).
Dict. Gen. s. v.
bafrard ou bafrard m.: bäfreur, glouton. Sachs-Villatte, Suppl.
s. V.; cf. bäfrer (manger avidement, goulüment et avec exces) et bäfre
ou bäfree f. (ripaille).
2. Le suffixe -ard indique plus sp^cialement l'idöe de bavardage.
a) Remonte au vieux franpais:
languard, v. fr. languart etc. (God. IV, p. 716), qui a la langue
bien pendue; vieilli (voir Dict. Gen. s. v.); se retrouve encore dans les
patois: lang(u)ard, ä cote de linguard. Centre, Saintonge (Jaubert,
Gloss. du Centre II, p. 7; cf. ib. langueux. Eveille, Gloss. saintongeais
958 Kurt Glaser
1887, p, 224); Suisse romande: langouard, linvouard (Bridel, Patois de
la Suisse romaude, 1866, p. 220); Savoie: legar (Brächet, Patois sa-
voyard, 1883, p. 209), alengä (jxThönes, Moutricber etc.), alegä (Tlioues),
alenvu (Sainte-Fo}^ etc.), voir ConstaDtiu-Desormaux, Dict. savoyard, 1902,
p. 13; Departement du Donbs: relungard: rapporteur, mouchard. (Beau-
quier, Provincialismes usites dans le departement du Doubs, 1881,
p. 255. — Verbe: langarder, v. fr.: bavarder, parier ä tort et ä travers
(God. IV, p. 714*); picard linguarder (Corblet, Gloss. du patois picard,
1851, p. 466).
b) Creations du XVI" siede:
bavard, adj. et s.: qui bavarde, qui parle avec iutemp^rance. —
par extension, qui commet des JDdiscretions, qui dit ce qu'il faudrait
taire. ,En ce sens, on peut etre bavard sans parier beaucoup' (Littre
s. V.). Le sens pejoratif est visible aussi dans bavard employe sub-
stantivement au sens de, livret militaire qui porte la feuille de punition
et relate la conduite du soldat' (langage militaire) et au sens de ,avo-
cat'^) (argot des malfaiteurs), Delesalle p. 31. De meme pour bavarde
f. : langue, boucbe (,boucler sa bavarde', ,remiser sa bavarde', , coucher
sa bavarde' : se taire), terme d'argot, voir ßigaud p. 33, Delesalle p. 31,
Lotsch p. 8''. ,Une main autour de son colas (c'est-ä-dire cou) et
l'autre daus sa bavarde pour lui arquepincer le chiffon rouge (l'autre
dans la bouche pour lui prendre la langue),' Sue, Les Mysteres de Paris
m, p. 21.
babillard, adj. et s. (depuis le XV^ ou le XVP siecle, voir God.
Compl. Vni, p. 264** et Dict. Gen. s. v.), qui aime ä babiller. — sub-
stantivement: un babillard, une babillarde; par extension: personne qui
ne sait pas garder un secret. En argot babillard a pris 1° le sens de
confesseur, par allusion aux efforts persuasifs des aumoniers de prison
(argot des malfaiteurs, voir Larchey p. 37, Delesalle p. 23); 2" le sens
de Journal' (,grififonneur de babillards', ,babillardeur': journaliste). —
babillarde f.: 1" pendule, montre; 2" lettre (,babillarde volante': tele-
gramme; ,porteur de babillardes': facteur; ,babillarder': ecrire). Rigaud
p. 21, Delesalle p. 23, Lotsch p. 6**.
jasard, v. fr. aussi jae-: babillard, bavard: ,a prater, prattler,
babbler, tattler, chatterer, jangier, idle talker'. Cotgrave 1611. jasard
se dit encore dans quelques provinces, particulierement dans la Flandre
God IV, p. 638«.
1) jQuandj'ai vuquejeneserais pas tue, mon premier mouvement a 6t6 de
sauter sur mon bavard pour l'etrangler' (bavard est ici pris au sens d'avocat).
Sue, Les Mystöres de Paris I, p. 78.
Le sens pejoratif oa suffixc -ard en fran^.ais 959
c) D'origine plus moderne:
bagoidard s. m.: häbleur, bavurd (apparticnt au laogagc populaire),
cf. bagouler: parier k tort et ä travers; bagoii (m.): bavardage hardi
et effrontö. Delesalle p. 24. Romdahl, Gloss. du palois du Val de
Saire, 1881, p. 18 s. v. bagoular. Sachs-Villatte s. v. bagou(t).
salivard m. qui depense beaucoup de salive, c'est ä-dire parle beau-
coup; mot populaire. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
gibernard ni. qui ,giberuc', raseur, im])ortuD, persoiine d'niie elo-
quence encombrante ; mot populaire. Delesalle p. 136. Sachs-Villatte,
Suppl s. V.
d) Nous retrouvons le sens pejoratif dans les substantifs suivants:
racontar m. : racontage, commerage (neologisme pour racontard,
derive de raconter, voir Dict. Gen. s. v.).
patroul(lJart s. m., v. fr., langage corrompu, inintelligible God. VI,
p. 43% cf. pastroiUaz etc. s. m., v. fr., baragouin. God. VI, p. 36^
houchardle f., v. fr. (de bouche), exprime l'idee de paroles injurieuses
et meprisantes. God. I, p. 694^; cf. dans un autre sens: botzard, adj.,
sale autour de la bouche; qui a le visage sale = boghär (-ärdä), adj,,
mouchete de taches noires sur le museau (en parlant des boeufs, vaches,
moutons); sali, mächuie autour de la bouche (en parlant d'une personue).
Patois savoyard. Constantin-Desormaux, Dict. savoyard, 1902, p. 54;
voir aussi De Chambure, Glossaire du Morvau 1878, p. 107 s. v. bouchar.
— Verbe botzardä: salir au visage, salir autour de la bouche et
debotzarda: laver un visage sale. Patois de la Suisse jomande. Bridel,
Patois de la Suisse romande, 1866, p. 49, 98. Voir aussi boqua p. 16.
3. Le Suffixe -ard sert h. qualifier des personnes qui mauquent
de courage.
a) Remonte au vieux franpais:
coiiard, v. fr. coart etc. (depuis le XI® siecle, voir God. Comp!.
IX, p. 116% Dict. Gen. s. v.), adj. et s., de queue, ancien frangaiscoe:
propr. qui porte la queue basse; au figure: poltron,
b) Creation du XVh siede:
fuyard, adj. et s.: porte ä s'enfuir, qui s'enfuit, qui se sauve, qui
a l'habitude de fuir. Dans l'emploi de fuyard comme substantif ce sens
se presente sous differentes formes: 1" (vieilli), en parlant d'animaux:
pigeons fuyards, a demi sauvages, qui habitent les colombierS; mais ne
restent pas dans les volleres (God. Compl. IX, p. 672% Dict. G^n. s. v.);
oiseau fuyard, faucon qui se sauve avec la proie, au lieu de la rapporter
960 Kurt Glaser
(terme de fauconneiie. Littie s. v., Dict. G^n. s, v.); cheval fiiyard:
sauviigc, farouche. ,Ce cheval u'est pas encore sorti des pr6s; il est
bien fuyard'. Patois du Centre. Jaubert, Gloss. du Centre I, p. 467;
2° en parlant de personneS; surtout en parlaiit de soldats: qui prend
la fuite pendant le combat; deserteur. Par exteusion: consent refrac-
taire, se cachant pour se soustraire a la conscription (Littre s. v.,
Dict. Gen. s. v.); au figure: celui qui echappe ä quelque engagement
(Littre s. v.).
c) D'origine plus moderne:
froussard, adj. et s., terme populaire qui manque daus Littre, dans
le Dict. Gen. et dans Sachs- Villatte: qui a la frousse, poltron. ,Les
froussards de M. Clemenceau et les soudards du general Picquart'. ,Le
Peuple' de Bruxelles, 2 aoüt 1908,
capitulard: ä l'origine celui qui capitule, de lä, dans un sens plus
general, lache, bomme qui se derobe. Designatiou injurieuse qui date
de la guerre franco-allemande et des capitulations de Metz et de Paris
(voir Darmesteter, De la creatiou actuelle de mots nouveaux dans la
langue fran^aise. Paris 1877, p. 89).
vessard (a cöte de vesseur, vesseux), capon, qui a la vesse, qui a
peur. Terme d'argot. Delesalle p. 303, Rigaud p. 385. Dans certains
patois, voir Decorde, Fajs de Bray 1852, p. 133, Martelliere, Gloss. du
Vendomois 1893, p. 327.
fouinard (voir p. 957), s'emploie non seulement au sens de curieux,
indiscret, malin, ruse (de lä: rapporteur, petit espion de College, ,foui-
neur'j, mais aussi au sens de ,poltron', , fuyard'. Verbe fouiner: avoir
peur, decamper. Larchey p. 141, Rigaud p. 180, Delesalle p. 125,
Martelliere, Gloss. du Vendomois, 1893, p. 134.
baudrouillard: fuyard (verbe baudrouiller: fuir). Terme d'argot.
Rigaud p. 33, Delesalle p. 31, Sachs- Villatte, Suppl. s. v.
4. Le sufäxe -ard forme des d^riv^s qualifiant des personnes qai
aimeut ä pleurer.
a) Remonte au vieux franpais:
grignard, v. fr. grignart ; rechigne, en colere ; triste, affreux, God.
IV, p. 357". En usage encore dans les patois picard et wallon: grig-
nard: pleureur, homme chagrin; enfant qui pleure sans cesse. Corblet,
Gloss. du patois picard, 1851, p. 430. Decorde, Pays de Bray 1852,
p. 89. Sigart, Dict. du wallon de Mons. 1870, p. 201. — Termes syno-
nymes: grigne, adj., v. fr., rechignant, rechigne, grognon. God. IV,
p. 358*. Bourgogne et Champagne: greigne: triste, qui a del'humeur;
Franche-Comte et Suisse romaude: griuge. De Chambure, Gloss. du
Le sens p6joratif du suffixe aid eu fiangais 961
Morviin 1878, j). 428, 429. — grigneux, grignos etc., v. fr (God. IV,
p. 358*) et dialecte picard (Corblet, Gloss. du patois picard, 1851,
]). 430). — grignoii: chagrin et de mauvaise hmneur. Decorde p. 89,
De Cliambure p. 429. — grignon, dialecte walloD de Mons, meme sens.
Sigart p. 201.
b) Creation du XV!*" siede:
pleurard, adj. et s., plus fort que pleureur; celui qui pleure souvent
et Sans sujet, qui se lamente sans cesse. Ajoutez aux exemples dans
God. Compl. X, p. 35G* les exemi)le8 suivanls: ,Heraclitus le pleurart',
Rabelais IV, 1 (ed. Burgaud Des Maiets-Rathery II, p. 46); ,Panurge
le pleurart' ib. IV, 19 (II, p. 125).
c) D'origine plus moderne:
geignard, adj. et s. (du verbe geindre), qui a Thabitude de geindre,
geignant. Terme populaire. Sachs- Villatte, Suppl. s. v. ,Une vieille
fiUe geiguarde et malade imaginaire.' Les Aunales politiques et litte-
raires, 1892, 17 juillet, p. 34^
pleurnichard ai. celui qui aime ä pleurniclier (voir aussi Lotsch,
Wörterbuch zu modernen franz. Schriftstellern, 189J, p. 77^ s. v. })leur-
nicharde).
chignard. adj., renfrogne, qui ,chigne'. Delesalle p. 68, Martelliere,
GloüS. du VendOmois 1893, p. 76, Sachs-Villatte, Suppl. s. v. — Patois
messin chegna: pleurard (verbe chegner: pleurer). Lorrain, Glossaire
du patois messin, 1876, p. 20. cf. rech/gnard, en vieux frangais aussi
rechignart (ä cote de rechigneux), adj. et s., qui rechigne. God. VI,
p. 663 (exemples des XV«, XVP et XVU« siecles).
5. Le sufflxe -ard sert ä qualifier les persouiies qui crient fort et
mal ä propos.
a) Remonte au vieux franpais:
gueulard, v. fr. goliard, etc.: celui qui a l'habitude de gueuler, de
crier ou parier fort haut et beaucoup. Cette derniere nuance de sens
se retrouve dans goulard: bavard, ä qui on ne peut rien confier. Patois
blaisois (Thibault, Gloss. du pays blaisois 1892, p. 173; cf. ib. gouler:
parier, bavarder; — goularderie f.: bavardage). Sens voisin: qui tient
la bouche ouverte, et, au figure: celui (ou celle) qui aime ä manger ou
äboire beaucoup. En argot: 1*' braillard, 2' gourraand, ivrogne. Larchey
p, 154, Delesalle p. 66 s. v. cheulard et p. 146, 147 s. v. gueulard;
voir aussi Rigaud p. 91 s. v. cheulard; cf. gueulardise au sens de gour-
mandise. Larchey p. 154, Delesalle p. 147, Lotsch p, 50^ Ce sens
existe aussi dans les patois: cheulä, adj., qui a toujours soif (verbe
Romaniache Forscliungen XXVU. Ol
%2 ^iii't Glaser
cheuler: avoir soif, boire avidement). Patois messin. Lorrain, Glossaire
du patois messin, 1876, p. 21. — golmr (fem. -ärdä), friand, gourmet.
Patois savoyard (Constantiu-Desormaux, Dict. savoyard 1902, p. 209 et
Desormaux, Revue de philologie fiangalse et de litterature XVII, 1903,
p. 171) = goullhard, Suisse romande (Bridel, Gloss. des patois de la
Suisse romande, 1866, p. 184). Voir aussi God. IV, p. 306 s. v. goliard.
— II faut noter enfin sans Idee pejorative gueulard aux sens tecliniques
de ,porte-voix' (terme nautique: instrument en forme de trompette) et
d'jOuverture superieure d'un haut-fourneau'. De meme: gueulard: ,poele;
bissae' dans le Jargon des voleurs et gueularde: ,poche' (la poche etant
la gueule, la boucbe du paletot. Larchey p. 154. Kigaud p. 207.
Delesalle p. 146, 147), et enfin en wallon gueular (m): espece de fusil
ä large gueule'. Sigart, Dict. du wallon de Mons. 1870, p. 203.
b) Remontent au XVh siede:
criard, adj. et s., qui crie sans cesse et d'une maniere desagr^able ').
braillard, adj. et s., v. fr. braiart etc. (God. Comp!. VIII, p. 364'>): qui
a l'habitude de brailler (cf. brailleur). Se trouve aussi dans les patois,
p. e. dans le patois de Mons: braillard, brayard (au sens de trainard,
personne leute, Sigart p. 97), braiyard, breyard, synon. braiyou, au
Borinage breyoire, au sens de pleureur (Sigart p, 97); breyä, patois
messin (Lorrain p. 15) etc.; cf. encore bralar, patois du Val de Saire
(Komdahl, Gloss. du patois du Val de Saire, 1881, p. 22). Le patois
de Montbeliard connait bruillai (de bruillie: crier ä haute voix, brailler).
Contejeau, Gloss. du patois de Montbeliard, 1876, p. 70.
c) D'origine plus moderne:
piaUlard, adj. et s., plus fort que piailleur: qui a l'habitude de
piailler. Terme familier qui se rencontre pour la premiere fois chez
Voltaire (voir Lit!r6 s. v , Dict. Gen. s. v.). ,d'humeur difficile, piaillarde,
nerveuse'. Flaubert, Madame Bovary (nouv. ed. Paris 1908) p. 5.
6. Le Suffixe -ard donue naissance ä des d^riv^s indiquant des
personnes d'un caract^re morne et grondeur.
grondari, v. fr., adj. (de gronder): qui aime ä gronder, grognon.
God. IV, p, 3Qb'^. Notons ici grolä: grondeur (de Tallemand groll? cf.
groler: gronder). Patois messin. Lorrain p. 35.
fonynurt, v. fr., adj., grogneur, grondeur (cf. fongner, grogner,
gronder), God. IV, p. 59^
1) En parlant d'un cheval ,qui aime ä hennir': ,Aux champs fuz criart'.
Marot, ed. D'IIßricault (Paris 1867), p. 159.
Le sens p6joratif du suffixe -ard en fian^ais 963
hognart (cf. hogrieur), adj. et s., grondeur. God. IV, p. 483^^);
verbe hogner: grogner; picaid woingner: pleuniicher. Decorde, Pays
de Brav, 1852, p. 133. Picurdie et Vermandoie: liognard: grognon;
Haute-Normandie, Vallee d'Yöres, PaysdeBray: hoiiignard, woingnard:
qui pleurniche sans cesse et sans raison. Decorde, Pays de Bray 1852,
p. 133.
7. Le Suffixe -ard s'ajoute j\ des inots qui expriment l'idöe
d'ivresse.
a) Appartient au XVh siede:
dronquart (de ralleniand trinken), ivrognc. God 11, p. 775'= releve
un exemple tire d'une chanson sur le siege de Mezieres de 1521 (Leroux
de Lincy, Chanfs historiques frangais II, p. 74i. Citons encore: ,Boivent
noon vin eomme dronequars' ,La Condamnacion de Bancquet', ed. Jacob,
Recueil de farces, p. 338 '^j. Cf. en auglais drunkard (datant egale-
ment du XVI^ siecle, voir Murray, New English Dictionary s. v.); se
dit toujours, tandis que le mot frangais est tonibc en d^suetude.
b) D'origine plus moderne:
soülard, adj. et s. (dcpuis la premiere moitie du XVIP siecle, voir
Dict. Gen. s. v.), s'emploie au sens de soül, ivrogne, et souvent meme
au sens plus fort de ^ivrogne de piofession', la terniinaison -ard servant
ä mettre plus en evidence le sens pejoratif exprime d6jä par le radical
tout seul (voir p. 950). Terme familier et qu'on trouve aussi dans les
patois, voir p. e. Corblet, Gloss. du patois picard 1851, p. 564, Decorde
Pays de Bray 1852, p. 123 s. v. saoulard, p. 124 s. v. soulard.
pochard, adj. et s., neologisme populaire, derive de poche, propre-
ment ,rempli comme une poche' (cf. la locution ,sac ä vin'), ivrogne.
Verbe se pocharder; subst. pocharderie f., ivrognerie etc.
soiffard (de soif + allem, saufen, cf. säufer), buveur; qui aime ä
soiifer, soiffeur. 'Mot populaire. Larchey p. 222, Delesalle p. 271,
Martelliere, Gloss. du Vendomois, 1893, p. 293. Sachs-Villatte s. v. ,Le
fait est qu'il est soitfard et cränement chicard'. Sue, Juif errant IV
(1844) p. 9. — ,Ses patrons sont saint Soiffard et saint Chicard.' Ib.
VI (1845), p. 81.
1) Reste ä ajouter l'exemple suivant:
jLes ungs morveulx, chacieulx ou grevez
,Les autres sont hongnars, grongiiars, divers'.
,La Resolution de Ny Trop Tost Ny Trop Tard Marie.' Recueil de poesieg etc.
III, p. 134.
2) L'explication que donne Jacob est inacceptable. Voir aussi Fournier,
Le theätre frangais avant la Renaissance, p. 237, n. 1.
61*
964 Kurt Glaser
lichard (voir p. 955): ^licheur' (cf. liehe, adj., ivre; lieher: boire;
liche-ä-mort: buveur etc.), mot populaire. Larehey p. 164, Delesalle
p. 163, Sachs-Villatte s. v.
mouillard m. ivrogne (de moiiiller au sens de boire, Sachs-Villatte
s. V. n, 2). mot populaire, Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
hibard m.: grand buveur. Larehey p. 47, Delesalle p. 34, Sachs-
Villatte s. V.; cf. bibasser (boire beaucoup), bibarder (se debaucher en
vieillissant), bibarde f. (vieille femme debauchee) etc.
8. Daus un autre groupe de mots le suffixe -ard a pour but de
marquer plus clairemeut l'id^e de raillerie ou moquerie.
a) Remontent au vieux franpais:
raillard, -art,Y.h'.: railleur, moqueur, plaisaut; ,peasting, boording,
pleasanl', selou la definitiou de Cotgrave, 1611. Ajoutous aux uombreux
exeroples fournis par God. VI, p. 560 les exemples suivants: ,Lequel
d'estre plaisant raillart' Villon, ed. Lougnon (Paris 1892) p. 38. ,lon
compagDon et raillard, si onques en fut.' Rabelais III, 28 (ed. Bur-
gaud Des Marets-Kathery I, p. 653). ,fusmes advertis que l'hoste en
son temps avoit este bon raillard'. Rabelais V, 17 (ed. Burgaud Des
Marets-Rathery 11, p.391), ,ChantereauIx, barbouilleurs, raillars', ,Marche-
beau' (moralite du regne de Charles VII, ed. Fournier, Le theätre fran-
Quis avant la Renaissance p. 41). ,L'uug est luoqueur, Tautre raillard.'
,Monologue du Resolu' (regne de Louis XII, 6d. Fournier p. 291). ,Fai-
sant de l'amoureulx raillart.' ,Le Bateleur' (farce du regne de Fran-
Qois P"", ed. Fournier p. 328). ,Joyeux entre les raillards, et plorard
chez les tristes et mehmeoliques'. Noel du Fail, Contes d'Eutropel,
XXVil, p. 314 (6d. Guichard, Paris 1842). — Raillard qui n'appartient
plus au fran^ais courant a ete repris j)ar des auteurs du XIX^ siede,
voir God. 1. c.
moquard, v. fr. mo(c)quart, m. : raoqueur. God. V, p. 401*, qui ne
cite qu'un seul exemple. Ajoulez: ,Meschant trubert, coquin moquart'.
,Le Martire S. Estiene' (mystere du regne de Charles VI. ed. Fournier,
Le thöätre frangais avant la Renaissance p. 3).
riard, m.: rieur. God. VII, p. 181 (plusieurs exemples). Sachs-
Villatte 8. V.
janglart, gang-, v. fr., adj.: medisant. God. IV, p. 631«, cf. en vieux
frangais jangleur, -cor etc. (bavard, häbleur, m6disant) et les verbes
jangier, jangleter (jaser, bavarder), jangloier (jaser, medire, se moquer).
raffard^ v. fr., adj.: railleur. God. VI, p. 552'' (origine?); cf. en
vieux frauQais: raffarde f. (raillerie, moquerie), raffarder (railler), raffar-
deur (moqueiir, railleur)
jobard, v. fr. jo(u)bard, adj. : qui aime k plaisanter, ä s'amuser.
Le sens p6joratif du suffixe -aid en fran^ais 965
God. IV, p. 644^. En franguis moderne jobard est synonyme de uiais,
sot (voir p, 967), cf. en vieux frangais jobe (adj. et s.) au sens de jo-
bard, niais, sot. God. IV, p. 644^.
b) D'origine plus moderne:
goguenard^ adj. et s. (mentionnö pour la premi^re tbis dans Oudin
1642, voir God. IX, Comp!, p. 706<= et Dict. Gen. s. v.), qui a l'air de
se moquer, qui plaisante en se moquant, mauvais plaisant.
9. L'idöe de betise se trouve expriin^e dans les niots suivants qui
remoDtent tous au vieux franijais:
coqimrd, x. fr. coquart etc. (derive de coq), ä l'origine möchant
coq; figurement: benet (voir p. 939). Sens voisin: digne d'un coquard.
God. Compl. IX, p. 194^ Ajoutons ici les exemples suivants: ,Lequel
Duchesne respondit audit Bernart que le dit Bernart estolt bien coquart'
(1391; Areb. JJ. 142, pifece 20, God. ä l'article ,bernart'). ,Et ne suys
qu'ung ieune coquart'. Villon (ed. Longnon p 51). ,Carungamant seroit
cocquard'. ,Le debat de deux demoiselles', probablement du milieu du
XV« sieele (Recueil de pocsies etc. V, p. 276).
Et qui donc vous a meu, coquart,
jD'envoyer querier le paste.'
.Farce nouvelle du paste et de la tarte' (du regne de Charles VII. ed.
Fournier, Le theätre frangais avant la Renaissance p. 15).
,Je me rys düng maistre coquart,
,Le plus follas que je viz oncques.'
,Farce de la Pippöe' (regne de Louis XI, ed. Fournier p. 132).
,Ce coquart lä tranche du maistre', ib. p. 138.
,Ny tel coquart sans aa coquarde', ib. p, 142.
jVous apportez vous ä la forge
,0ü Ion affine les coquars?' ib. p. 145.
,Mais ung tres glorieux foUastre,
.Coquart qui ne scet ce quil fait', ib. p. 145.
,Ma foy, je seroye bien coquart'. ,Moralite de l'aveugle et du boiteux' (de
1496, ib. p. 160).
,. . . ce n'est q'ung coquart'. ,Mystere du chevalier qui donna sa femme au
dyable' (de 1505, ib. p. 182).
,Et dit Ten: Veez la un coquart', ib. p. 184.
,0r sentez, maistre Quoquart.' , Farce du Cuvier' (rögne de Louis XII, ib.
p. 196).
,Et faire taire le coquart.' Monologue du Resolu' (regne de Louis XII, ib.
p. 290).
jParlons des glorieulx cocars.' ,Les Sobres Sotz' (regne de Fran^ois I«r- ib.
p. 434).
966 Kurt Glaser
jPaix, coquart.' , Farce du Munyei' (^d. Jacob p. 245). ,Car je vous dy que
ces coquars . . .', .La Condamnacion de Bancquet', 6d. Jacob p. 337.
,La teste coquarde' ib. p, 368. ,D'iing chascun dit: C'est ung coquart.'
,Des Villains, Villenniers, Vilnastres, et doubles Villains' 1533 (Recueil
de poesies etc. VII, p. 71). ,Et seroit riiomme bien coquart', Marot, ed.
D'Hericault (Paris 1867) p. 309. — Coquard se retrouve aussi dans les
patois et dans le laDgage populaire, voir p. e. Rigaud, Dict. d'argot
moderne, 1881, p. 111. Delesalle, Dict, argot-francais et fran^ais-argot,
1896, p. 76, Montesson, Vocabulaire des mots usites dans le Hant-Maine,
1899, p. 176, Eveille, Gloss. saintongeais, 1887, p. 107.
coquillard, en vieux fran^aisco^mV^ar^ etc.; sot, benet, mari trompe.
— galant d'une femme mariee. God. IT, p. 295. Au temps de Villon
et plus tard encore .Coquillart' (ou ,compagnon de la Coquille') etait
la denomiuation d'une redoutable bände de larrons, ,conipaignons oizeux
et vaccabundes' (Marcel. Sehwob, Mem. de la soc. de linguistique de
Paris Vn, 1892, p. 168 bs.). C'est ä ce sens-lä que paraissent se
rapporter plusieurs exemples dans Villon: ,Coquillars, aruans ä Ruel'
(ed. Longnon, Paris 1892, p. 147); ,Et pour ce, benardz, Coquillars'
(p. 150); .Maint coquillart, escorne de sa sauve' fp. 157). Victor Hugo
a repris ce mot: ,La plupart eclopes, ceux-ci boiteux, ceux-h\ manchots,
les courtauds de boutanche, les coquillarts, leshubins, les sabouleux' . . .
,Deux tables plus loin, un coquillart, avec son costume complet de
pelerin . . .' (,Notre-Dame de Paris', nouvelle edition, 1862, I, p. 96 et
p. 122). En Picardie coquillard se dit encore pour ,mari trompe par
sa femme' (le feminin coquillarde s'emploie au sens de , femme qui
trompe son mari'). Corblet, Gloss. du patois picard, 1851, p. 348. —
Sachs- Villatte s. v. donne encore les acceptions vieillies et sans doute
ddfavorables de ,Gauner, der Muscheln als von Heiligen geweiht ver-
kauft' et de ,Bettler, der vorgab als Pilger unterwegs zu sein' et enfin
de ,Setzer, der oft Fehler macht' (typogr., flg.). — Cf. en vieux fran-
Qais: coquardeau: sot, niais (rarement en fran^ais moderne). — coquardie
f.: sottise, betise. — coquardise f. sottise.
bernard, v. fr. bernart (de Tallemand Bernhard, nom propre em-
ploye comme nom commun) : sot, niais, God. I, p. 627*. Conserve dans
plusieurs patois, comme dans celui du Haut-Maine (Montesson, Vocab.
des mots usites dans le Haut Maine, 1899, p. 99 s. v. b^nard) et dans
le patois savoyard (Constantin-Desormaux, Dict. savoyard, 1902, p. 40
s. V. berna, cf. beurä, adj. et s.: sot, nigaud. Constantin-Desormaux
p. 48). On trouve la meme gradation de sens en proven^al : bernart,
barnart, bernard: nom propre, qui, par extension, s'emploie au sens de
nigaud (Mistral s. v.). Rappeions ici le provengal töni (Tony): Antoine,
au sens de benet. — toni-boui s. m. : nigaud, brutal, imbecile mechaut.
— tönio, touönio, tougno: Autoinette; femme stupide, grossiere niaise
Le sens pßjoratif du suffixo -ard cn franrais 967
(Mistral s. v.''; cf. en fran(;ai8 Ag-n6a (nom propre; j>ersonnage de l'Ecole
des FcDimes de Moliöre, type de l'ingenue) au ^ens de Jeune fille naive
et ignorante'.
hinard^ hinart, v. fr., adj.: dont la tote penche d'un cöte; sot.
God. I, p. 651b.
hiisnart^ buinard^ buiijnart^ v. fr., adj. et s : niais, imböcile. God. I,
p. 756, cf. buisnardie f.: niaiserie, sottisc. God. I, p. 756^.
johard, adj. et s. (voir p.964): niais, qui se laisse sottement dnper.
Terme familier et qui s'emploie aussi par moquerie daus le langage du
peuple, voir p. e. Jaubert, Gloss. du Centre T, p. 557 et Eveiile, Gloss.
saintongeais 1887, p. 219; cf. jobarder: duper en se moquant. — jobar-
derie: niaiserie, betise de jobard; paroles d'un jobard.
lorgnart, v. fr., adj : malavisö, sot. Wallon lognar: nigaud. God.
V, p. 32, cf. lorgne, adj. louche (encore dans certains patois au sens
de morne, triste, abattu). God- V, p. 32"^ et l'expression ,faire le Jean
Lorgne': faire le got, l'innocent. Littre s. v. Jean n® 4.
niart, v. fr., adj.: niais. God. V, p. 494*.
cuidart, v. fr.: personnage credule. God. 11, p. 394°; cf. en vieux
frangais cuidant, cuideor etc.: presomptueux etc.: verbe: cuider.
beguard, begard, begart s. ra., nom donne ü des beretiques du
Xin® siecle, qui, pretendant etre arrives ä la perfection, se eroyaient
en droit en refusant robeisf^ance aux princes et en se dispensant de
toutes les pratiques de la religion; adj., par extension, pour dire stupide
(God. I, p. 612*). Ce dernier scds est toujours conserve dans certains
patois, par exemple dans les patois de la Meuse (Vouthons\ voir La-
bourasse, Patois de la Meuse, 1887, p. 151 s. v. begu. Cf. en vieux
frangais begaud m. (sot, niais), begauder (agir comme uu sot).
sottard, sofart, adj.: sot et plus que sot. En se basant sur les
exeraples que nous donne God. VII, p. 487* sottard semble avoir et6
surtout en vogue au XVP siecle. Le premier exem])le dans God. est
tire de Deschamps. Notez encore l'exemple suivant: .Dont nous vient
ce sotart yci?' ,Farce de la Pippee' (regne de Louis XI, ed. Fournier,
Le theätre fran^ais avant la Renaissance p. 143). Cf. dans le meme
sens sotouarf, a cöte de sotois, soteau, sotelet. God. VTI, p. 488^. Sotard
est aujourd'hui un des noms vulgaires de la becasse. God. 1. c. Sachs-
Villatte s. v.
10. Le Suffixe -ard s'ajoute ä des niots qui exprlment l'idee de
tromperie.
a) Remontent au vieux franpais:
trichard^ v. fr. ^r/cÄar^ (God. VIII, p. 7P), celui qui triebe, tricheur;
se retrouve aujourd'hui dans les patois, voir Montesson, Vocabulaire
968 Kurt Glaser
des mots nsites dans le Haut-Maine, 1899. p. 519, Martelliere, Gloss.
du Vendomois, 1893, p. 313, Romdahl, Gloss. du patois du Val de Saire,
1881, p. 36 s. V. etrichar, p. 37 s. v. etrivar.
boisart. v. fr., adj.: trompeur. God. I, p. 673''; cf. boiseur (trora-
peur), boise, boisie f. (tromperie), boisement (tromperie), boisier (trom-
per). God. I, p. 674.
ahusart m., v. fr.: abuseur, trompeur. L'exemple unique releve par
God. I. p. 39° se trouve dans la , Farce de la Pippee'(XV® siecle, rfegne
de Louis XI, ed. Fournier, Le theätre frangais avant la Renaissance
p. 136).
guernart, v. f., adj.: trompeur, qui cherche ä tromper. God. IV,
p. 376«.
engignart etc., v. fr., adj.: trompeur (s'emploie aussi pour designer
un diable). God. III, p. 169; cf. engigne f. : tromperie. --- engignement
m. : iuvention, engin; moyen quelcouque qu'on imagine pour arriver a
un but. — eugignant, adj., trompeur. God. 1. c.
gaignart, guaignart, wnignart etc., v. fr., adj. : cruel, violent, pillard,
voleur, Nombreux exemples dans God. IV, p. 203, 204. gaignart com-
porte une idee meprisante, tandis que gaigneur (v. fr.; celui qui gagne)
se prend en bonne part.
b) Remontent au XVh siecle:
poissard (derive de poix), qui a comme de la poix au bout des
doigts, voleur. Ce sens, qui se trouve au XVI^ siecle (voir God. VI,
p. 259*), a fait place aujourd'hui ä d'autres acceptions: P adjective-
ment: qui imite le langage grossier du peuple; 2*> substantivement:
poissarde f., vendeuse de poisson, femrae de la halle, et, par extension,
femme aux manieres hardies, au langage grossier. — ABresse en Vosges
,poukhare' a pris le sens plus bönin de ,personne qui recueille la rösine
des sapins' (voir God. 1. c).
grip2)ard^ v. fr. grippart, adj. et s.: voleur. Exemples du XVP
sifecle dans God. IV, p. 360*'; avare. Sachs-Villatte, Suppl. s. v. —
Cf. le verbe gripper (attaquer ou saisir subitement, en parlant du chat
ou de tout autre animal ä griffes; par extension et familiörement:
derober, ravir le bien d'autrui etc.); grippeur, adj. et s. m., celui qui
grippe, qui dörobe (peu usite): grii)pe-sou m.: avare qui fait de petits
gains sordides.
c) D'origine plus moderne:
grap(pjillard m.: celui qui a la manie de grappiller (c'est-ä-dire de
faire de petits gains secrets et souvent peu legitimes). Sachs-Villatte s. v.
cagnoüard V s. m. , Spiel : betrügerischer Croupier, der das Doppelte
Lc sens pejoratif du stiffixe -ard eii fraiifais 969
bis Fünffache der verabredeten Summe zu seinem Vorteil in die eag-
notte fliesseu lässt. 2'' adj., betrügerisch.' Sachs-Vilhitte, Suppl. s. v.
filard s. m. ,Bouillettespieier, der immer passt, wenn er nicht ein
glänzendes Spiel in der Hand hat' (du verbe filer: terme du jeu de
cartes). Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
blscoppard s. m. trompeur, escroe, tricheur (cf. biscopperie f.: trom-
perie, tricheriel. Sachs-Villatte, Suppl. s. v,
ßanchard s. m. joueur (de flancher : jouer). Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
11. Le Suffixe -ard indique des particularitös ou, plus souvent,
des d^fauts physiques de toutes sortes.
a) Remontent au vieux franpais:
pansard, v. fr. pansart: (terme familier et |)opulaire) plus fort qua
pansu. Les exemples dans God. V, p. 723*' ne vont pas plus loin que
1660. Furetiere, ,l\oman bourgeois' (1666) I, p. 179 (ed. Fournier,
Paris 1854) emploie aussi pansard : ,C'est ainsi que de gros milords,
des pansars et des mustai)has cajolleut aujourd'hiiy, dans des alcoves
magnifiques et sur des carreaux en broderies, des blondelettes, blanche-
lettes, mignardelettes'. Cf, aussi la locution ,faire feste saint Pmicart'
pour: s'emplir la panse (God. 1. c). St. Pansard: Caruaval (La Curne de
Sainte-Palaye, Dict. bist, de Taucien langage frangois VIIT, p. 170*).
En patois picard ,panchard' est le nom populaire donne au mardi-gras
(voir Corblet, Gioss. du patois picard, 1851, p. 505). ,Le8quelz furent
tous gens de bien et bons raillards. Et de ceste race nasquit saint
Pansard.' Rabelais II, 1 (ed. Bnrgaud Des Marets-Rathery I, p. 313).
,Ne desprise pas sainct Pansart' (,Debat de Vraye Charite ä Tencontre
de OrgueiP, vers 1530. Recueil de poesies, XI, p. 302).
,J'ay leu une hystoire dor6e,
,Oii recite fröre Richard
,Que Karesme faict son entröe
jL'endemain du jour Saint Pansart.'
(,Le Prenostication de maistre Albert Songecreux', vers 1527. Recueil
de poesies XII, p. 189). Sachs-Villatte s. v. donne encore ,Saint Pan-
sard : Schutzpatron der Leute mit gutem Appetit'. — En wallen ,pan-
char' (comme .panchu') se rencontre aussi dans le sens de ,gourmand,
goulu'. Sigart, Dict. du wallon de Mens. 1870, p. 274.
gifard, -art^ adj., v. fr.: joufflu: gißa/'r, patois du Morvan (De
Chambure, Gloss. du Morvau, 1878, p. 406), degifef.: joue. Cf. gifarde
f.: servante de cuisine joufflue. God. IV, p. 277^
guignard, -art s. m. (du verbe guigner, v. fr. guignier)^): celui qui
1) Cf. provengal guigno f.: mauvais oeil, mine (en mauvaise part); ital.
970 Kurt Glaser
guigne, qui clignote, Fem. guignarde: celle qui gnigne, qoi eligne de
l'oeil, Celle qui se mire, qui se pare. God. IV, p. 383^ Dans la Suisse
romande on trouve guegnare m.: louche, myope, qui voit ä peine.
Bridel, Gloss. des patois de la Suisse romaode, 1866, p. 193.
louchard, v. fr. loschart etc. (God. V, p. 35''): loucheur, celui qui
iooche. Mot populaire. En patois morvandeau louessar (fem. louessarde),
de ,lousse'. De Chambure, Gloss. du Morvan, 1878, p. 503. — leuilcä,
loüchä etc. s. m. : qui louche (verbe leuilquer : loucberj. Patois de la
Meuse. Labourasse, Patois de la Meuse, 1887, p. 343. — Termes patois
synonymes: briclar^ adj.; verbe bricler: loucber (n'est plus usite) et
bourniclard; verbe bournicler: loucher. Patois du döpartement du
Doubs. Beauquier, Provincialismes usites dans le depart. du Doubs
(1881),, p, 47, 54.
jambard., -art, adj.: qui a de fortes jambes. God. IV, p. 630* (voir
p. 976); cf. gambillard, ä cote de ,gambilleur'; bon mareheur, bon
danseur (sens augmentatif). Terme d'argot. Kigaud, Dict. d'argot
moderne, 1881, p. 189, Delesalle, Dict. argot-frangais et francaisargot,
1896, p. 132, Lotsch, Wörterbuch zu modernen franz. Schriftstellern,
1899, p. 45^ Sachs-ViUatte, Snppl. s. v.
dentard, adj., v. fr.: qui a de longues dents (cf. en vieux frangais
dentu). God. II, p. 508^
choppard, adj., v. fr.: qui choppe, qui bronche. God. II, p. 128^
(voir p. 976).
Ward, V. fr iestart: qui a une grosse tete. Voir p. 940 et p. 950.
camard, adj. et s. (premier exemple dans Kabelais, selon God.
Compl. Vm, p. 415'' et Dict. Gen. s. v.^): qui a le nez plat et comme
ecrase (cf. camus). En patois morvandeau ,camouar' a pris aussi le
sens figure de sournois, hypocrite, traitre. De Chambure, Gloss. du
Morvan, 1878, p. 142.
gauchard, v. fr. gauchart (exemple du XV^ siecle dans God. IV,
p. 244^: gaucher.
mouflavd, v. fr. mo(u)flard, -art (God. V, p. 354*), adj.: celui qui a
les joues tres pleines, joufflu, qui a le visage plein et rebondi.
narinart, adj., v. fr.: qui a de larges narines. God. V, p, 470''.
mouard, adj., qui fait la moue, releve par God. V, p. 425* dans un
exemple; existe encore dans les patois, voir p. e. Beauquier, Provin-
cialismes usites dans le departement du Doubs, 1881, p. 203; cf. grimou-
art (m.), guinimart (m.), v. fr. au sens de ,moue dedaigneuse'. God. IV,
p. 359^ p. 387*.
ghigna f., m^me sens et ghigno f.: souris malin; vieux provengal guin: regard;
ital. ghingnare : ricaner, rire avec malice.
1) C'est inexact. On llt d6jä dans une poesie datant de 1501:
,Riches camars. de finance dismars'. ßecueil de po6sies, XIII, p. 400.
Le sens p6joratif du suffixe -ard en frangais 971
b) D'origine plus moderne:
poupard, adj., (jui ruppelle lui i)Ouj)urd : ])hysionomie jjouparde; se
dit d'un petit enfant gras et joufflii et aussi d'nne personne adulte,
grasse et joufflue comme un eufaiit.
nasillard: nasilleur, qui nasille (cf. uasillardise f.: dcfaut de celui
qui nasille, etc.); depuis le XVn« siccle environ. S'emploie aussi figure-
ment au scus de fächcux. Patois du Ccntre. Jaubert, Gloss. du Centre
n, p. 99.
oreillard, orillard, adj. (pour la pvemiöre fois dans Oudin 1642,
voir Dict. Gen. s. V.), qui a les oreilles d'une longueur demesuree: ,hibou
oreillard' (Sachs Villatte, Öuppl. s. v.), ,cbevul oreillard' (qui a les
oreilles longues et pendantes). Se prend aussi substantivement: oreillard
1" genre de petites chauves-souris, remarquables par leurs enormes
oreilles en cornet, 2'^ ane. Delesallc, Diet. argot fran^ais et fran^ais-
argot, 1896, p. 196, Sachs-Villatte s. v.
bequillard m. (pour la premifere fois note par Richelet, voir Littre
s. V.): oelui qui a besoin de böquilles, qui marche avec des bequilles;
se prend aussi, le plus souvent familierement, dans un sens defavorable:
vieillard impotent p. 939, — Sens a part: homme qui begaie. Departe-
ment du Doubs. Beauquier, Provincialismes usites dans le departement
du Doubs, 1881, p. 35.
tortillard, adj.: P qui tortille des hanches en marchant. Centre.
Jaubert, Gloss. du Centre, II, p. 372; 2" boiteux, coutrefait, surtout dans
le Jargon des voleurs. Iligand, Dict. d'argot moderne, 1881, p. 369,
Delesalle, Dict. argot-frangais et fran^ais-argot, 1896, p. 288. Sachs-
Villatte s. V.
berdouillard: ventru (cf. berdouille: ventre). Terme d'argot. Rigaud
p. 36. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
ventrou/llard, adj. et s.: ,ventripotent', ,ventridolent': ventru. Terme
d'argot. Delesalle p. 302.
pingard, adj. (derive de pince), terme de marecbalerie qui se lit
pour la premi^re fois dans Lafosse, Hippiatrique 1772 (voir Dict. Gen.
s. V.): r se dit d'un cheval qui s'appuie sur la pince en marchant;
2" pied pingard, rampin, pied dont Tappul se fait principalement sur
la pince, qui est presque verticale; 3" le sens pcjoratif a disparu dans
pingard: bon cavalier (langage familier et populaire). Delesalle p. 217,
Sachs-Villatte, Suppl. s. v. — Cf. panard (parait pour la premiere fois
dans Bourgelat, Elem. d'bippiatrique, 1750, I, p. 144, admis Acad. 1762,
voir Dict. Gen. s. v.), adj. invariable; dont les pieds de devant sont
tournes en dehors (par Opposition ä cagneux: dont les pieds sont tournes
en dedans).
piffard m.: individu qui a un grand nez. Derive de pif: nez. Terme
d'argot. Delesalle p. 215.
972 Kurt Glaser
bossard, adj. (cf. bossu etc.): s'emploie figurement au sens de
louche, ambigu, qui n'est pas droit. Terme populaire. Eigaud p. 51,
Sachs-Villatte, Siippl. s. v.
borgnard, adj.: fort borgne. ,Le duc borgnard est de sa clique'
dans une chanson politique de 1720, dirigee contre le Duc de Bourbon,
appele le ,duc borgne'. , Chansonnier historique du XVIll* siede', publie
par E. Rauniö, III, p. 201.
13. Le Suffixe -ard sert ä indiquer des personnes de mauyaise Tie.
a) Remontent au vieux franpais:
paillard, v. fr. paillart etc. (depuis le XIIP siecle, voir God. V,
p. 690, 691), proprement celui qui couche sur la paille; delä: personne
miserable et portee ä la lubricite, amateur excessif du beau sexe,
döbauche (terme familier et populaire. • — parfois aussi : läcLe, poltron.
Delesalle p. 198. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.). — Le feminin paillarde
a pris le sens obsccne de concubine. God. V, p. 691*. Cf. paillardise
et paillarder; en vieux frangais: paillardie (paillardise, God. V, p. 690<');
paillardeau (paillard, God. V, p. 690^); paillardaille f. (troupe de pail-
lard, God. V, p. 690^); paillardir (se conduire comme un paillard, God.
V, p. 690°); rapaillardi et repaillardi (adj., retombe dans la paillardise,
God. VI, p. 5941» et VII, p. 47<=).
musarde f. (voir musard p. 951) en vieux fran^ais: femme de mau-
vaise vie.
,De qoi, Sire? or i prenez garde,
,Vous maintenez une musarde
,Qui vous hoint et vous afole' etc.
,De la bourse pleine de Sens' : Fabliaux et contes, publies par Barba-
zan I (Paris 1808), p. 39; cf. ib. Glossaire p. 502^.
b) Remonte au XVh siecle:
mignarde f., mot ä double sens : petite fille (cf. mignonne) et femme
galante, maitresse. Exemples du XVP siecle, God. V, p. 328*.
c) D'origine plus moderne:
fetardy adj. et s. (de fete)'), neologisme: celui qui aime ä faire la
fete, ä s'amuser; se prend de preference en mauvaise part: noceur. Je
ne sais pas sur quoi se fonde Sachs-Villatte, Suppl. s. v. en notant le
sens de ,Stutzer (1889)'.
bambochard m.: bambocheur, coureur de cabaret. — bambocharde:
1) N'a rien ä faire avec fetard: paresseux, lache p. 932.
Le 86118 pöjoratif du suffixe -aid en frangais 973
femme de niauvaise vie. Sachs-Villatte, Suppl. s. v., cf. banibochineur,
bamboclie, bambocher etc. etre bamboebe: etrc ivre.
nuibillarde (grue mahillarde) f., demoiselle qui, au bal Mabille (,ce
beau jardin de Teleg-ance et du plaisii', Murger, Sccues de la vie de
boh^me p. 155), se met en frais de coquetterie pour seduire un riebe
6trang-er. Argot de Paris. Kigaud p. 233, 234.
hobecharde f., Temme de mauvaise vie, de la plus vile espöee, cf.
bobiche, bobi(e) etc. Sacbs-Villatte, Suppl, s. v.
trouillarde f., devcrgondce. Cf. trouille f.: souillon de cuisine,
femme malpropre. — trouillotcr: puer, r^pandre une odeur infecte. Ri-
gaud p. 377. Sacbs-Villatte s. v.
badonillard s. m., viveur, ami des ])laisirs, de la bonne cbere et
des bals publics. Mot en vogne ä Paris entre 1840 et 1850, La societe
des badouillards ctait, dans le principe, eomposee d'etudiants. Pour
faire partie de cette societe, il fallait subir ,bonorablement' certaines
epreuves, telles celles du diner, de l'ingurgitation du cbampagne, du
puncb et des liqueurs fortes, de Tengueulement, du duel, du bal etc.
Celui qui sortait triomphant de cette sßrie d'epreuves, dont la sante et
souvent la raison etaient les enjeux, etait proclame: Badouillard, Ri-
gaud p, 22, 23. Larchey p, 38, Delesalle p. 24, Darmesteter, De la
creation etc. p. 89, Cf, badouille f,: liomme sans energie, qui se laisse
gouverner par sa femme, et badouiller: nocer, courir les bals publics
et les lieux de döbauche,
vadroiäUard: vadrouilleur, vadrouilleux, vadrouillant; celui qui
vadrouille; noceur, bambocbeur, crapuleux. Argot de Paris. Delesalle
p. 299; Rigaud p. 382,
pelotard m.: ,peloteur', ,patouilleur': coureur de femmes, Sacha-
Villatte, Suppl. s. v.
13. II nous reste ä mentionner encore un certain noiubre de
sobriquets donn^s ä des personnes qui exercent divers m^tiers.
a) Remonte au XVh siede:
mouchard m. (derive de moucbe, au sens d'espion; depuis la fin du
XVI^ siecle, voir Dict. Gen. s. v.). terme de denigrement: celui qui
espionne; s'emploie principalement au sens d'espion de police; par
extension, celui qui epie pour rapporter.
b) D'origine plus moderne:
cumulard m. celui qui cumule plusieurs fonctions publiques retri-
buees. (Toujours pris dans un sens de reprocbe, qui ne se trouve pas
dans cumuleur; cf. cumuleur de genie: bomme ingeuieux, de beaucoup
de talent. Sachs- Villatte a. v.).
974 Kurt Glaser
pofard m.: pharmacien; 61eve pharmacien (par allusion aux nom-
breux pots dont il est gardieu). Larchey p. 204, Delesalle p 229,
Sachs- Villatte s. v. — Terme synonyme : camdard (de canule). Sachs-
Villatte, Suppl. s. v.
chevillard m, : celui qui vend ä la cheville, boucher en gros. Ri-
gaud p. 92, Delesalle p. 67, Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
pierard m. : ouvrier qui travaille ä ses pieces (Jargon des carrossiers).
Rigaud p. 290. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
topard m.: ,topo', officier d'etat-major qui s'occupe de topographie
(argot militaire). Delesalle p. 287, Sachs-Villatte s. v.
14. Ponr d^signer le bourreau, qui exerce le mutier le plus
odieux, le fran^ais a cräe plusieurs expressions.
a) Remontent au vieux franpais:
pendard^ v. fr. pendart (m.): celui qui pend. God. VI, p. 76«^ (cf.
peudeur, -eor m. God. VI, p. 77^ et pendereau m.: ineme sens. God.
VI, p. 77''). Depuis la fin du XVP siöcle^), cette acception a disparu
de la langue qui ne connait plus que le sens de vaurien, fripon, ,qui merite
d'etre pendu'. Cet emploi (hyperbolique) date du XVP siede. Je note
les exemples suivants: ,n'est ruffian, forfant, scelerat, pendart, puant,
punais, ladre' . . . Rabelais III, 48 (ed. Burgaud Des Marets-Rathery
II, p. 736). ,Et quant a ce pendart Finet'. Perriu, Les Eseoliers, 1589,
II, 2 (Fournier, Le thöätre fran^ais au XVI® et au XVIP sifecle, p. 176).
,Avec son pendart de valet' (ib. p. 187). ,Cocquius, pendars, de Dien
blasphemateurs' (poesie du commencement du XVI« siecle. Recueil de
poesies etc. XII, p. 225).
rouard^ -art m.: celui qui roue. God. VII, p. 245°. — ,rouart,
c'est a dire prevost des mareschaux, pour ce qu'il fait mettre les mal-
faicteurs sur la roue'. Nicot 1606. — ,rouart, prevost des mareschaus,
qui condamne ä la roue'. Monet 1636. S'emploie encore rarement
comme terme d'argot. Delesalle p. 255, Lotsch p. 88''.
tollart m. (XV« et XVI« siöcle, God. Vn, p. 735); s'est conserve
dans ce sens comme terme d'argot. Delesalle p. 286. Voir aussi Archiv
für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 1909, p. 204.
frappard, frap(p)art, adj. et s., celui qui frappe. II est reste un
Souvenir de ce sens dans la denomination qu'on donne en Lorraine ä
1) jMeschants pendards qui les juges pendez,
jirapunite par lä vous pretendez:
,Mais vous devez tout le contraire attendre:
,Oncques pendard ne put son juge pendre.'
Satyre M6nippee, publice par Verger (Paris 1824) I, p. 47. C'est peut-^tre le
dernier exemple de l'euiploi de ,pendard' dans le sens de ,bourreau'.
Le sens p6joratif du Suffixe -ard en franjais 975
des gens döguises qiii viennent, le jour de la Saint-Nicolas, deux ä deux
porter des bonboiis aux enf;ints et s'informer s'ils sont sages; Tun a le
costume d'^veque comme Saint Nicolas, Pautre a celui d'un inoine, et
porte une verge ä la main : c'est le frh'e frappart. God. IV, p. 128^
Pour designer le meme personnuge, ou dit commuuement Ph'e Fouettard.
— Frere frappart (od recontre uussi frappart tout seul) a pris encore
le sens defavorable de moine libertin et döbauche (Littre s. v.). God.,
tout en enregistrant plusieurs exemples de cet emploi, n'indique pas ee
sens lui-meme. Ajoutons ici les exemples suivants:
,. . . Et quel suaire
jPour accoler fröre Frappart.'
, Farce de la Pippee' (XV^ siecle, regne de Louis XI. ed. Fournier, Le
theätre fran^ais avant la Kenaissance p. 137)
,Le Trictrac des freres frappars'. Rabelais II, 7 (ed. Burgaud Des
Marets-Rathery I, p. 350). ,hypocrites, caffars, frapars'. Rabelais 11,
34 (ed. Burgaud Des Marets-Rathery I, p. 488). »Estes vous des frap-
pins, des frappeurs, ou des frappars?' Rabelais IV, 15 (ib. II, p. 105,
106). — Dans un sens plus beuin l'argot entend par ,pere frappart'
ou , frere frappart' le marteau. Larchey p. 142, Rigaud p. 183, Dele-
salle p. 127.
b) D'origine plus moderne:
bequiUard m. : ,bequilleur'; le bourreau qui pendait ä la ,bequille',
ou ä la jbequillarde', c'est a-dire ä la potence. Argot des voleurs ä
Paris. Larchey p. 46. Rigaud p. 36. Delesalle p. 33. ,Si j'avais de
quoi, je te tirerais un feu d'artifice sur ta beule, et je t'illurainerais en
verres de couleurs ä la Saint- Charlot, patron du bequillard'. Sue, Les
Mysteres de Paris III, p. 22.
16. Le Suffixe -ard indique l'idee de paresse dans les mots sui-
vants qui appartiennent tous au fran^ais moderne^):
cagnard, adj. et s. (de ,cagne', par comparaison avec le chien qui
s'accroupit au coin du feu. Pour la premiere fois dans Cotgrave 1611):
qui se tient dans son coin, indolent, faineant (de lä le sens de ,poltron'
que cagnard a pris dans le langage populaire). — cagne (mauvais chien)
lui-meme a pris le sens de personne faineante et meprisable.
trahiard m. (de trainer; se lit pour la premiere fois dans Cotgrave
1611): celui qui reste habituellement en arriöre des autres dans une
marche; par extension, celui qui fait les choses avec lenteur, homme
inactif, negligent. On reconnait facilement l'idee pejorative qui se
1) Notons encore: ponnard m. paresseux. Deux exemples du XV« siede
dans God. VI, p. 273a; cf. ponnardie: paresse. Origine?
976 Kurt Glaser
rattaclie ä trainard, en comparant trainard a traineiir: ,le traineur ne
peut effectivement plus avancer, les forces lui manqiient reellement;
le trainard fait semblant d'etre au boüt de ses forces, afin de se
soustraire ä la fatigue commune.' Sachs-Yillatte s. v.
flemard ou ßemmard m. : celui qui a la fleme (pour flegme), paresseux,
celui qui travaille lentement ou qui ne travaille pas. Expression po-
pulaire.
rossardm., de rosse, mauvais cheval; par extension : faineant, lache,
vaurien. Terme populaire; cf. rosse: mecbant. Larchey p. 216, Dele-
salle p. 255, Rig-aud p. 334, Sachs- Villatte ». v.
vachard m, paresseux. Terme du langage populaire; cf. vache f.;
mot injurieux et möprisant: prostituee; delateur, hypocrite. — vacher:
paresser. Delesalle p. 299.
16. Nonis propres ä significatiou pejorative.
II nous reste encore ä dire que le seus pejoratif qui se rattache ä
la terminaison -ard a peuetre jusque dans les noms propres. C'est
justement par les noms propres que notre suffixe a fait son entree eu
frangais (voir p. 935). Le sens pejoratif ne se fait pas sentir tout
d'abord. il n'existe pas encore dans jles noms propres d'origine ger-
manique, comme Aymard, Kenait etc., il tend cependant ä se faire
jour dans les noms propres que le frangais lui-meme a crees. On
peut regarder comme premicre etape de ce developpemeut semautique,
qui est lout-ä-fait dans le genie de la laugue, certaines combinaisons
de noms propres avec des adjectifs (qualiticatifs) en -ard. Je releve
les exemples suivants:
jConstantius Jubar\ texte du Xu« si^cle. ,Avec uu sens incertain',
God. IV, p. 644''. Ne serait-ce pas un sens pejoratif? Voir Jobard
p. 964 et 967.
,Pierre8 Fessarf {fessart = fessu), exemple de la fin du XIIP siecle
(1283, Cart. de S. Georg., f. 65r, Bibl. Konen). God. lll, p. 769b.
,Jehans Jambarz {Jambart: qui a de fortes jambes, voir p. 970).
1305, Gens, dou Paraclet, f. 11 v, Arch. Aube. God. IV, p. 630*.
jGuillaume Escorchart' {escorchart: ecorcheur); exemple de 1287.
God. III, p. 424».
,Martin Hapart' {happart: celui qui happe). ,De Martin Hapart',
titre d'un conte publie par Montaiglon et Raynaud, FabliauxII, p. 172;
voir aussi God. IV, p. 416^
,Johau Guignarf {guignart voir p. 969). 1378. Forets de Blois,
Areb. KK. 229, f. 2v, God. IV, p. 383*.
jJebanne la chopparde' {choppard voir p. 970). 1387. Arch. MM. 31,
f. 43 r.' God. V, p. 128^
,Andri GifarL' Reg. ceuilloir du Temple. Arch. MM. 128, f 33r et
Le sena pejoratif du suftixe -ard cn fianjuis 977
,Genevicve In Gifarde'. Liv. de la Tnillc de Paris ponr 1292.
God. IV, j). 277'' s. V. gifurt.
,Jaquet Goussart\ 1307. Poiitigny. Arch. Yonne. H. 1542, et
,Siinonnette Go^sart'. Test, de 1438, Arch. mim. Doiiai ; ccs deux
exemples sout cites par God. IV, p. 316"* avec cette remurque: ,gosaarf^
gomsart, adj.: qui a uue gousse; ii'a ete rencontre qiie comnie nom de
personne.'
j'Wicbars Groignas' (voir grogm.id p. 939). Juillet 1287, Lett. de
Ferri, D. de Lorr.; God. Compl. IX, p. 728* s. v. groignart.
La plus simple formation de uoms propre- ä signification pejorative
est la siiivante: uu substautif oii adjectif, exprimaut uue mauvaise
qualite (ou une qualite quelconque prise eu mauvaise part) est employ6
comme nom propre. Aiusi le licvre, animal excessivement poltrou et
couard, pieud daus le ,Koman de lieuart' le nom de ,Coart' {yCoarz')
ou ,Dant Coarf ou ,Sire Coarf (ed. Mcon. v. 10049, 10149, 11109,
11210, 11217, 11225, 11231, 11242, 11243, 11272, 14018, 14525 etc.).
,Pris h\ sire coars li lievres', Kutebeuf, ,Charlot le Juif, v. 27 (,Fabli-
aux et contes', publies par Barbazaii. Paris 1808, 1, p. 88). L'äne,
grace ä sa betise, porte les noms de ,Bernart' (c'est-ji-dire ,sot", voir
p. 966), .Frere Bernart' (v. 9904), ßire Bernart' (v. 13274), ,Dant Ber-
nart' (V. 23932), ,Be.rnart l'Arche-jrresfre' (v. 132o3, 2-5861, 23886,
26 420), et ^Bernart l'Arche-provoire' (v. 13439). De meme: ,Se/gnor
Monflart' (y. 3849), ßire Moußarf (v. 3864, 3870) ou simplement,
,Mo(ii)ßart' (v. 3882, 3895, 3920); ,Ainsi crioit Mouflar, jeune dogue'.
Lafontaine, ,Le cbieu ä qui on a coupe les oreilles'. Fables X. 8 (ed.
Eegnier, III, p. 42). , Mouflar, le bon Mouflar, de nos chiens le modele'.
Florian, ,Le cbien eoupable'. Fables V, 18 (Paris 1805, VII, p. 184).
Cette maniere de creer des noms propres ä signifieation pejorative
est tres repandue. Kabelais nous en oflre uu exemple fort interessant,
CD cieant le nom propre ,Bossard': ,C'est l'occasion pourquoy les parens
s'en deschargent en eeste isle, mesmement s'ils sont des appanaiges de
Visle Bossard. C'est, dist Panurge, Pisle Boucliard lez Chinon. Je
dis Bossard, respondit Aedituc: car ordinairement ils sont bossus, borgues,
boiteux, manehüts, podagres contrefaits et maleficies: poids inutile de
la terre', V, 4 (ed. Burgaud Des Marets-Rathery II, p. 336, 337).
Une poesie calviniste de 1575 donne au pretre catholique, en sa
qualite de defenseur de la messet, \g sohriquet de , Jean niessart' : ,Jean
messart ne me veut prendre'. ,Le Passe-Temps de Jean le blanc' (Ke-
cueil de poesies etc., VIII, p. 133).
1) La messe est souvent attaquße dans les poesies hugueuotes du XVI" sifecle,
voir Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur, XXXI*, p. ISOss.
Romanische Forschungen XXVII. 62
978 ^"^"^ Gflaser
Dans UDe comedie representee eu 1718') figiire ,M.Oriffart^ Procu-
reur Fiscal', type de prociireur avide qui saisit pour ainsi dire avec
des griffes le bien d'autriii^).
Une autre comedie, intitulce ,La foire des fees' et representee en
1722 par des coinediens italiens^) a introduit im mauvais po6te appel6
fihevillard\ Ce noni s'explique par allusion aux nombreuses chevilles
dont il aime ä g-arnir ses vers. ; cf. aussi les paroles que liii adresse la
,Fee Doyeiine': ,Aliez, Monsieur Chevillard, vous etes riebe ä jamais.
Par la vertu de la baguetle qui vous a touche, il se retrouvera dans
votre poche une pistole ä chaque cheville que vous mettez dans vos
Vers.'
Honore de Balzac s'est servi du menie procede de formation; il a
eu recours au suffixe-ard pour mieux curacteriser par le choix du nom
le beros d'un de ses romaiis (,L'lllustre Gaudissart'), type acheve de
commis-voyageur, en tirant du verbe (se) gaudir le nom propre de
Gaudissart: celui qui aime ä se gaudir (cf. gaudisseur, gaudisserie). Ce
uiot est toujours frangais pour designer, daus le sens defavorable in-
dique par le suffixe -ard, un perisonnage d'une gaiete bruyante, triviale
et encombrante.
Dans son ronian ,Les Mysteres de Paris' Eugene Sue, qui aime les
mots expressifs, a nomme un personnage boiteux et contrefait tout
simplement Tortillard. ,C'etait le meme regard penetrant et astucieux ;
le front de l'enfaut disparaissait a demi sous une foret de cheveux
jaunätres, durs et roides comme des erins. Un pantalon marron et une
blouse grise, sanglee d'une ceinture de cuir, completaient le costume
de Tortillard, ainsi nomme ä cause de son infirmite . . .' I, p. 240.
Le sens pejoratif perce legferement dans le siirnom que Eostand a
donne ä l'un des personnages de son ,Aiglon', Flambeau, vieux soldat
de l'Empire et laquais au service du Duc de Keichstadt: il a fait de
Flambeau, par un simple changement de suffixe, Flambard (, Jean- Pierre-
Seraphin Flambeau, dit le Flambard' II, 9, p. 93), double allusion k
ses maniöres de soldat toujours gai et hasardeux (voir flambard p. 946)
et ä sa carriere aventureuse, au cours de laquelle il a risque plus d'une
fois d'etre ,flambe'.
Citons ici Fepiard, nom propre, dösignant familierement une per-
sonue qui a la pepie (c'est-ä-dire toujours soif). Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
1) ,Les Amours de Nanterre'. Dans la collection: ,Le thöätre de la foire,
ou op6ia comique contenant les meilleures pieces qui ont ete reprösentöes aux
Foires de S. Germain et de S. Laurent'. Par Mrs. Le Sage et D'Orneval.
Amsterdam 172288. III, p. 270s8.
2) Cf. Gripardin comme nom des avocats et des juges dans les pifeces de
la Revolution. H. VVelschinger, Le tlieätre de la rövolution. Paris 1880, p. 23.
3) Möme collection, V (172G), p. 3G6s8.
Le scns pöjoratif du suffixe -ard en fran^ais 979
De la mcme manifere ont cte form^s des sobriquets comme:
c^quard (de chi'qnc), crce en Tüiver de 1892 ,panaiiiiteur'; c'est
un de ces niots cphömöres qui naissent avec le besoin du nioment et
qui ne survivent pas ü Toccabion qui los a fait uaitrc (Meyer-Lübke,
Gram, der roni. Sprachen II, p. 557: Nyroi), Gram. bist. III, p. 168).
balochard^) m. personnagc de carnaval ä la mode daiis les bals
masques de 1840 ii 1850. Larcbey p. 40, Delesalle p. 27, Darmesteter,
De la creation etc. p. 89, Sachs-Villatte, Suppl. s. v, (cf. balocheur;
verbe balocher: courir les bals publics).
choucroutard m.: ,cboucrouteur', ,cboucroutman(ny; mangeur de
choucroute, c'est-ä-dire Allemand. Sachs-Villatte s. v.
boitard m. (pour boiteux) en parlant d'un Journal, le ,Temps' p. e. ;
il est irrcgulier. Delesallc, p. 40.
Le plus souvent le suffixe -ard a servi et sert toujours k creer des
surnoms politiques:
Guisard m. Littre est peu exact en expliquant ce mot par, parti-
san du duc de Guise, dans la lutte de ce duccontre Henri III; ligueur'.
Guisard s'employait dejä en 1560 et en 1561 pour designer les partisans
de Frangois de Lorraine, duc de Guise et de son frere, le cardinal
Charles de Guise, chefs du parti catholique sous Frangois II et Charles IX.
Exemples : ,Le Tygre. Satyre sur les gestes memorables des Guisards
1561' (voir Zeitschrift für franz. Sprache und Literatur XXXII', p. 253).
,Les Guisars, pleins d'outrecuidance' (, Chanson spirituelle du siecie d'or
avenu'. 1562. Recueil de poesies etc. VIII, p. 270ss., voir Zeitschrift
XXXIIP, p. 75). ,De8 Guisards pleins d'arrogance.' ,A ce grand rouge
Guisard' (ici c'est le cardinal de Guise lui-meme). Zeitschrift XXXI 11^
p. 85. .Autant que sont de Guisarts demeurez'. Zeitschrift XXX' 11^ p. 95.
,Je suis perdu quoyque Guysards y posent' (, Discours de la vermine et
prestraille de Lyon' de 1562. Recueil de poesies etc. VII, p. 27).
Montagnard m., sous la Convention, membre du parti revolutionnaire
de la ,Montagne': s'emploie aussi adjectivement: ,patriotisme montag-
nard' etc. Neologisme dataut de la Revolution, voir Rauft, Der Einfluss
der franz. Revolution auf den Wortschatz der franz. Sprache (1908)
p. 138. — se dit parfois encore aujourd'hui d'un homme qui a, en
politique, des opiuions trcs revolutionnaires.
Decembraillard (modele sur ,braillard'): ,decembrigand', ,decem-
brigueur', ,decembriste', ,decembrouillon\ .decembroyeur', ,decembri8eur';
partisan du coup d'Etat du 2 decembre 1851; nom donue aux partisans
de la dynastie napoleonienue par leurs adversaires politiques. Rigaud
p. 129. Darmesteter, De la creation etc. p. 90. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
1) Sens ä pnrt: ouvrier spirituel, iusoiiciant, gai, tapageur quelqiiefois (cf.
balocher au sens de ,fläner en rigolant').
62*
980
Kurt Glaser
Philippard s. m , partisan de Philippe VII, conte de Paris (verbe
philippiser). Sacbs-Villatte, Snppl. s. v.
Philipfotard s. m., partisan de Louis Philippe. Saehs-Villatte,
Snppl. s. V.; cf. philippotin m.: partisan du duc d*0rl6ans pendant la
Eevolntion. Ranft p. 143. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
Septemhraillard : ,septembriseur'. Sobriquet des republicains du
4 septembre 1870. Sachs-Villatte, Suppl. s. v.
Gamhettard, adj. et s. m. : partisan de Gambetta. Sachs-Villatte,
Suppl. s. V.
Commnnard, adj. et s.: partisan de la Commune de Paris, en 1871.
jQuand eclata, en 1871, l'insurrection de la Commune, les chefs du
mouvement ne surent de quel nom se designer: communiste avait d6jä
pris une acception speciale; ils ne voulaieut pas accepter la denomi-
nation meprisante de communeux ni de communard; jls adopterent
commuualiste, qui avait le tort de ne pas ruppeler le mot essentiel de
commune; la derivation communier se serait imposee d'elle-meme' etc.
Darmesteter, De la creation etc. p. 109,
Dreyfusard^ designation d'un partisan du cajiitaine Dreyfus (employe
aussi comme adjectif dans .presse dreyfusarde' etc ).
blocard, qui se rapporte au parti radical-socia liste du ,bloc' (parti
blocard, Journal blocard, etc., cf. anti-blocard).
legitimard s., partisan du comte de Chambord, royaliste. Sachs-
Villatte s. V.
fusionnard s., partisan de la ,fusion' de la brauche ainee des
Bourbons avec la brauche cadette (cf. fusionniste). Darmesteter, De la
cröation etc. p. 90, Sachs-Villatte s. v.
revanchard m. : qui veut a tont prix prendre sa revanche. Sachs-
Villatte, Suppl. 8. V. ,rattitude qui le faisait Fallie des revanchards
et des patriotards'. ,L'Express' de Liege, 22 juillet 1909.
aboyard p. 957,
abusart p. 968.
aflfuraid p. 945.
attrapard p. 955.
aufart p. 940 Dote.
automaboulard p. 946.
Index.
babillard p. 958.
badoiiillard p. 973.
bafiaid p. 957.
bagnard p. 942.
bagoulard p. 959.
baillard p. 948.
balochard p. 979,
bambochard p. 972.
banlieusard p. 942.
bataillard p. 956.
hätard p. 938.
baudrouillard p. 960.
Le sens pejoratif du suffixc -ard en franyais
981
bavard p. 958.
bavarde p. 958.
b^g(ii)ard p. 967.
beiinard p. 947.
bequillard p. 971. 975.
beiboia p. 949.
berdouillaid p. 971.
bernard p. 966.
Bernalt p. 977.
beuglard p. 948.
bibard p. 964.
bicepsard p. 946.
bidard p. 944.
billard p. 948.
binard p. 967.
bisard p. 935.
biseoppard p. 969.
bissard p. 935.
blöchart p. 945.
bleffav p. 949.
blocavd q. 980.
blousaid p. 942.
bobecharde p. 973.
bocaid p. 935.
boiä p. 949.
boisart p. 968.
boitard p. 979.
bolar p. 947.
bonard p. 948.
boiidieusard p. 943.
bonicard p. 939.
boqnä p. 947.
borguavd p. 972.
bossard p. 972.
Bossard p. 977.
bosselaid p. 935.
bouchardie p. 959.
boudard p. 947.
boufar p. 949.
bouffard p. 934.
bourniclard p. 970.
braguid p. 956.
biaillard p. 962.
Briavd p. 941 note.
bricaid p. 942.
briclar p. 970.
brillard p. 935.
biiscaid (brisquart) p. 943.
brocar p. 947.
biiisnart p. 967.
busard p. 945.
cabocliard p. 952.
cachaid p. 949.
cagnard p. 975.
cagiiottaid p. 968.
cal()t(t):ird p. 943.
cauiard p. 970.
camisaid p. 943.
canipagnard p. 938.
caniflurd p. 948.
capitulard p. 960.
cayäid p. 949.
chainaillard p. 957.
chaiK^-ard p. 944.
cl)a8ulilard p. 943.
chatouillard p. 952.
chaiiffard p. 946.
ch6qiiard p. 979.
clievillaid p. 974.
Chevillard p. 978.
chiard j). 955.
chicaiidard p. 946.
chicard p. 946.
cliicliard p. 954.
chicocandard p. 946.
chignard p. 961.
choppard p. 970. 976.
elioiicroutard p. 979.
chourinaid p. 946.
ciboulard p. 935.
citrouillard p. 935. 943.
clichar p. 948.
Coart p. 977.
Qoilart p. 950.
Communard p. 980.
conscrar(d) p. 943.
eoquard p. 965.
coquillard p. 966.
cornard p. 938.
couard p. 959.
couillard p. 945.
couinard p. 948.
coupolard p. 942.
craillard p. 948.
crevaid p. 947.
criard p. 962.
criarde p. 934.
crottaid p. 935.
croysard p. 940 note.
cuidart p. 967.
cumulard p. 973.
cyclard p. 946.
d6bidaid p. 944.
Dücenibraillaid p. 979.
dechard p. 944.
dentard p. 970.
deputart p. 951.
dt'veinard p. 944.
disciplinard p. 942.
dormard p. 953.
douillard p. 944.
douillard p. 957.
Dreyfiisard (dveyfusard)
p. 980.
droiiquart p. 963.
dynamitard p. 946.
egiillard p. 955.
engignart p. 968.
escorcbart p. 976.
esperait p. 950.
fadard p. 946.
fagnard p. 939.
faiblard p. 945.
farfouillard p. 945.
faschard p. 950.
faussart p. 950.
fessart p. 976.
fetard p. 972.
fiaunard p. 947.
fichard p. 945.
fignard p. 947.
filard p. 969.
finard p. 947.
flambaid p. 934.
flambard p. 946.
Flambaid p. 978.
flambaide p. 934.
flanchard p. 945.
flanchard p 969.
flauuard, voir fiaunard.
fleinard (flemruard) p. 976.
flickard p. 976.
fliugart p. 943.
fliquadard p. 945.
fliquard, voir flickard.
flottart p. 943.
foignard p. 943.
982
foignart p. 953.
foirard p. 954.
fongnart p. 962.
Fouettard (P6re-) p.975.
fouinard p. 957. 960.
frappard p. 974.
fr6tillard p. 955.
friponar(d) p. 954.
frocard p. 944,
frocarde p. 944,
froussard p. 960.
fusionnard p. 980,
fuyard p. 959,
gadouard p. 947.
gaignart p. 968.
gaillard p. 951.
Gambettard p. 980.
ganibillard p. 970.
gamellard p. 943.
ganglart voir janglart
ganchard p. 970.
Gaudissart p. 978.
geignard p. 961.
gibernaid p. 959.
giffard p. 969.
ginglard p. 935.
goguenard p. 965.
goujard p. 938.
gouinard p. 949.
grap(p)illard p. 968.
grenouillard p. 943,
grifFard p. 935.
Grififart p. 978.
grignard p. 960.
grippard p. 935. 968.
grognard p. 939.
grondart p. 962.
guenillard p. 942.
guernart p. 968.
gueulard p. 961.
gueusard p. 940.
guignard p. 944.
guignard p. 969.
Guisard p. 979.
Hapart (happart) p. 976.
hognart p. 963.
hurlard p. 940.
jambard p. 970.
janglart p. 964.
Kurt Glaser
jasard p. 958.
jaunard p. 939.
javillard p. 947.
jobard p, 964. 967.
Iang(u)ard p. 957.
l^chard p. 955,
lögitiinard p. 980,
lichard p, 955, 964,
lignard p. 943.
lisard p. 954.
loflfard p. 952. 946.
lorgnart p, 967.
louchard p. 970,
lourdart p, 950.
luisard p. 934.
luisarde p. 934.
mabillarde p. 973.
mangeard p. 955.
tnedaillard p. 942.
mentenart p. 950.
raessavt (Jean messart)
p. 977.
mignard p. 952.
mignarde p. 953. 972.
mömard p. 945.
Montagnard p. 979,
moquard p. 964.
mouard p. 970.
mouchard p, 973,
moucharde p. 934,
inouflard p. 970.
Mouflar(t) p. 977.
niouillard p. 939.
mouillard p. 964.
mulai- p. 947.
musard p. 951.
musarde p. 972.
narinart p. 970.
nasillard p. 971.
niart p. 967.
Nigard p. 940.
nichard p. 957.
niflard p. 948.
omnibusard p. 942.
oreillard (orillard) p. 971.
paillard p. 972.
paissard p. 949,
panard p. 971,
pansard p, 969.
pantouflard p. 942.
parmesard p. 945.
patä p, 949.
patrlotard p. 946,
patioul(l)art p, 959,
pauvrard p, 944,
pedalard p. 946,
pödard p. 946.
peinard p. 954,
p61erinard p, 943.
pelotard p, 973.
pelousard p. 943.
pendard p. 974,
pendulard p. 942,
Pöpiard p, 978.
p6tard p. 955.
Philippard p. 980.
Philippotard p. 980.
piaffard p. 955.
piaillard p. 962.
piaulard p. 947.
pichar p. 949.
piegard p. 974.
piflfard p. 971.
pignard p. 947.
pillard p. 950.
pingard p. 971.
pinchard p. 948.
pipard p. 942.
plaidard p. 955.
plaidoiart p. 955.
plaignard p. 957.
pleurard p. 961.
pleurnichard p. 961.
plumard p. 935.
pochard p. 963.
poissard p. 968.
potard p. 974.
poupard p. 945. 971.
pourissard p. 949.
prolitard p. 942.
pschuttard p. 946.
pudibard p. 946.
queulä p. 949.
racontar p. 959.
raffard p. 964.
raillard p. 964.
ramonard p. 949.
ratelard p. 948.
Le sens pejoratif du suftixc- ard en fian^ais
983
rebigeard p. 957.
roehignard p. 961.
rolangard p. 958.
relar p. 949.
r6tivard p. 957.
revanchaid p. 980.
riard p. 964.
richard p. 944.
rif(f)lard p. 944.
rifolaid p. 945.
ri^olard p. 945.
rigouillaid p. 945.
roudoiiillard p. 944.
rossard p. 976.
rounrd p. 974.
roublard p, 944. 945.
rougeard p. 939.
sacaid p. 944.
salivaid p. 959.
Savoyaid p. 940.
septeinbraillard p. 980,
simpLut p. 942.
soitVaid p. 963.
songeard p. 953.
sotoiiart p. 967.
sottard p. 967.
soudard p. 938.
sondrill.ird p. 957.
soufHard p. 935.
soiiillard p. 953.
souillarde p. 935.
soülard p. 963.
8uiff;ird p. 944.
tetard p. 940. 950. 970.
tocard p. 946.
tollart p. 974.
topard p. 974.
torpillaid p. 943.
tortillard p. 971.
Tortillard p. 978.
tounia p. 949.
tratnard p. 975.
tri'pignaid p. 942.
trßpillard p. 955.
tricliard p. 967.
tioutignard |). 947.
tiüuillarde p. 973.
tiucard p. 942.
truffard p. 943. 944.
vachard p. 976.
vadroiiillard p. 973.
vantaid p. 954.
vasard p. 939.
veinard p. 944.
v6uaid p. 946.
vcntrouillard p. 971.
vermiuard p. 945.
vessard p, 960.
vötillard p. 948.
vieillard p. 939.
vieillarde p. 939.
visard p. 957.